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Leicht Gepäck

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: K.
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Titel: Leicht Gepäck
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 375-376
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Empfehlung von Reiselektüre
vgl. BLKÖ:Walter, Julius
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[375] Leicht Gepäck. Wenige Wochen noch, und es beginnt die Zeit der Ferien, der Sommerfrischen und Badereisen. Der Arzt verordnet Erholung, frische Bergluft und vernunftgemäße Diät, Ausruhen des Gehirns von winterlichen Geistesarbeiten, den wirklich Kranken auch wohl böhmische oder süddeutsche Heilquellen, und der abgespannte unterleibskranke Patient zieht endlich hinaus, wo die salzigen Quellen und Sprudel springen oder die himmelanstrebenden Föhren und Tannen auf harzduftenden Höhen ihm verlockende Sirenenlieder von der „Freiheit auf den Bergen“ singen. In berauschender Lust wirft er alle Geschäfts- und Amtssorgen hinter sich und saugt in der stärkenden Luft neues, frisches Leben auf – er, der so lange nur Maschine war und selten nur Mensch sein durfte. Dann kommen jene Stunden und Tage über uns, an deren Erinnerung wir wieder einen ganzen Winter zehren und die uns für den Augenblick so unendlich glücklich machen, weil sich die [376] Freude am Leben so voll und rein auf uns herniedersenkt, wie ein heiterer sonniger Traum – so lange eben die Sonne lacht. Ja, so lange die Sonne lacht und die waldigen Höhen zu fröhlichen Bergfahrten einladen oder auf den Badepromenaden sich ein buntes Kaleidoskop frisch pulsirenden Lebens entwickelt, das uns auf Schritt und Tritt in wallenden Locken, freundlichen Grüßen und vielsagenden Blicken aus allen Gängen der Anlagen entgegenblitzt.

Aber wenn eines Morgens die Sonne nicht mehr lacht, wenn am Nachmittage der Himmel erst sanft und leise einige Tropfen herniedersendet aus seiner Höhe, um dann in Strömen herabzugießen, was er an Wasserüberfluß besitzt – zwei – drei und vier Tage lang, daß man keinen Hund hinausjagt in die sonst prächtigen Berge, und wenn man Tag für Tag auf das enge Stübchen beschränkt ist mit dem wackligen Schreibtische und der stets eingetrockneten Tinte, und die Briefe der Angehörigen von Hause oder die Zeitungen zum zweiten und dritten Male durchlesen sind und schließlich die Langeweile aus allen Ecken und Enden der vier Wände grinsend auf uns herniederschaut – was dann – was dann?

Für diese langathmigen und deprimirenden Stunden giebt es nur ein Mittel das Gespenst des Ennuyirtseins zu vertreiben – eine gute, anregende Lectüre. Eine Reihe passender Schriften dazu vorzuschlagen, ist der Zweck dieser Zeilen. Aber der Arzt hat ausdrücklich – auch bei geistiger Speise – nur leichte Kost für die Zeit der Cur verordnet, und so wollen wir dieser Ordre gemäß auch nur leichte, aber frische und wohlschmeckende Speisen auftischen.

Das novellenlesende Publicum machen wir zuvörderst auf die bekannte Brigl’sche Reisebibliothek aufmerksam, welche in reicher Auswahl und zu dem billigen Preise von ein Mark per Band kürzere abgeschlossene Erzählungen bringt, deren Verfasser zu den gerngelesenen Novellisten der Neuzeit gehören. Mützelburg, Friedrich Friedrich, Schlägel, Streckfuß und viele Andere lieferten Beiträge. Auch die kleine, jüngst entstandene humoristische Bibliothek: Tutti-Frutti von Siegmey liefert mancherlei Frisches und Pikantes.

Den Reisenden, welche ihre Sommerfrische in den österreichischen Bädern und Alpen abhalten und zum Schlusse die schöne Kaiserstadt an der Donau besuchen, möchten wir die „Wiener Spaziergänge“ von Spitzer dringend empfehlen. Spitzer ist – neben Stettenheim und den Gelehrten des Kladderadatsches – augenblicklich unbestritten der feinste Satiriker und Humorist und sein Witz von einer wahrhaft ätzenden und vernichtenden Schärfe. Wer davon getroffen wird, kann seine Knöchelchen im Schnupftuche nach Hause tragen. Keiner hat die Thorheiten der Zeit und namentlich die Wiener Zustände mit so viel Talent und geistiger Ueberlegenheit gegeißelt, wie dieser Autor, dessen scharfer Blick für alles Lächerliche, dessen Rücksichtslosigkeit, wo er Schlechtes findet, dessen trockener Humor und urkomische Vergleiche einen Reiz auf die Lachmuskeln ausüben, dem man unmöglich widerstehen kann. Ein herzliches Lachen aber soll ja schon halbe Gesundheit bedeuten, „also, meine Herrschaften – ein wenig Spitzer“.

Eine Specialität – wie Karlsbad selbst – ist der in der Nähe des dortigen Sprudels lebende Arzt Dr. Fleckles jun., den Lesern der „Gartenlaube“ und der Leserwelt überhaupt als pseudonymer Julius Walter hinlänglich bekannt. Auch er gebietet bei einem sprudelnden Humor über eine geistreiche Schalkhaftigkeit, die äußerst ergötzliche Pikanterien zu Tage fördert, und seine „Sprudelsteine“, die wir den zwanzig- bis dreißigtausend Badegästen, die jährlich die Tepelstadt besuchen, zur Animirung einer fröhlichen Badestimmung warm empfehlen möchten, enthalten wahrhaft blendende Skizzen und Schilderungen. Man lese nur die „Polnischen Juden im Bade“, „Die sterbende Saison“, „Karlsbad im Schnee“ etc.

Sein Witz und Humor aber werden noch überboten durch die feine Beobachtungsgabe, mit der er das Karlsbader Leben und die dortigen Gesellschaftsgruppen schildert, oder wie ein guter Maler mit flüchtigen Strichen wunderbar ähnliche Portraits der dort flanirenden Persönlichkeiten auf das Papier wirft. Hier tritt nicht nur der Humorist und Satiriker zu Tage – mit sittlichem Ernst und einer oft warmen, liebevollen Gestaltungsgabe werden uns Figuren vorgeführt, die in Körper und Geist mit photographischer Treue und scharf und plastisch wie in Erz gegossene Kunstwerke uns entgegentreten. Sein „Erinnerungsblatt an Dawison“, seine „Karlsbader Photographien“ und die in den neuen Sprudelsteinen abgedruckten „Todte und Lebende in Karlsbad“ sind nach dieser Richtung kleine Meisterstücke. – Für die hoffentlich wenigen Regentage der nächsten Zeit wird das vorläufig genug sein.
K.