Zum Inhalt springen

Landungsplatz in Skutari

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Landungsplatz in Skutari
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 179–180
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[177]

Landungsplatz in Skutari.
Nach dem Gemälde von J. Brest.

[179] Landungsplatz in Skutari. (Zu dem Bilde S. 177) Unseren Bildern aus Konstantinopel, welche im Jahrgang 1895 den Aufsatz „Abseits vom Wege“ von Bernh. Schulze-Smidt begleiteten, lassen wir heute eine Ansicht folgen, welche uns an das asiatische Stambul gegenüber gelegene Ufer des Bosporus versetzt, nach Skutari. Es ist ein gar idyllisches Bild trotz des regen Lebens, das in den Booten und am Ufer herrscht, am Ufer desselben Bosporus, in dessen europäischen [180] Gewässern es zur Stunde von kriegerischen Vorbereitungen so lebhaft wiederholt. Aber dieser friedlich idyllische und zugleich doch belebte Charakter entspricht dem ganzen Wesen von Skutari: es ist zwar der Stapelplatz der auf dem Landweg mit den asiatischen Karawanen anlangenden, für Konstantinopel bestimmten Waren, aber gleichzeitig eine Zufluchtsstätte alttürkischen islamitischen Lebens. Der Handelsverkehr, der hier herrscht, liegt fernab dem geräuschvollen sich drängenden Schiffsverkehr im „Goldnen Horn“, wo die türkischen Kriegsschiffe ankern; das politische und militärische Leben schlägt hier keine Wogen. Aber um so reiner ist sein Charakter als orientalisches, von europäischem Einfluß wenig berührtes Kulturbild. Hoch über die Stadt, die sich hellschimmernd am blauen Wasser des Bosporus hügelan ausbreitet, ragen die uralten dunklen Cypressen des Riesenkirchhofs Busuk-Mesaristan, empor, hier lassen sich seit alter Zeit besonders fromme Konstantinopeler Türken bestatten, weil sie in asiatischem Boden, in ihrer eigentlichen Heimat, ruhen wollen.

Auch die schöne Moschee gleich am Landungsplatze der Boote wird von den Gläubigen in Stambul gern besucht. Und die scheuen Beterinnen, die sich, um ihre Andacht hier zu verrichten, im stillen Kait über die blaue Flut herüberfahren lassen, ganz in Schleier gehüllt, versäumen dann selten, den nahen Bazar zu besuchen wo sie allerhand reizende Waren aus Persien und Indien angehäuft finden, die gar lockend zum Einkauf laden.

Auch uns trägt die schmale Barke hinüber. Der bräunliche Führer des Kait in der zersetzten Pluderhose und dem durchschimmernden Musselinhemd singt dazu seine sonderbaren Triller, in melancholisch klingenden halben Tönen jäh aufsteigend und fallend. Die Luft ist verschleiert, die Hitze zittert in ihr, nur drei Punkte läßt das grelle Sonnenlicht deutlich erkennen: den Leanderturm da drüben auf dem Inselchen, die Spitze des schönen Berges Tzamlidza hinter dem weitgedehnten Skutari und dessen großer weißschimmernder Moschee. Darüber grüßen die Cypressen-Wipfel des berühmten Friedhofs. Bei unsrer Ankunft ertönt gerade das Geheul der Rusai-Derwische, die von ihrem Kloster, dem „Teké“, herab zur Andacht rufen. Auch unser Bootsmann folgt der strengen Mahnung in dem grüngemalten teppichgeschmückten Betraum und er wird die Schauer der Andacht mitempfunden wenn Ben-Daud, der riesige Neger, an ihn herantritt, um ihn zur Teilnahme an der Gebetsübung einzuladen. Wir aber folgen den anmutigen Frauengestalten, die gleichzeitig mit uns landeten. In ihren hellseidenen Gewändern sind sie uns vorausgeeilt zum Bazar. Und nun sind sie auch bereits wieder verschwunden in der ersten Bude, dort jenseits der Moschee unter den Platanen, wo der Pantoffelmacher, den „Babuschi“, feilhält, der so reizend für die Füße und Füßchen der Schönen sorgt mit rotem und gelbem Saffian, Goldfaden und Flitter.

Bei dieser wichtigen Beschäftigung sie zu stören, wäre nicht rätlich, und so setzen wir unsern Weg fort durch die mit allerhand grellbuntem Kram gefüllten Buden zu beiden Seiten, bis wir, des verwirrenden Treibens müde, wieder unsere Barke aufsuchen. Vom Strahlenschimmer einer mondbeglänzten Zaubernacht übergossen, liegt, während wir uns zurückrudern lassen, wie eine Märchenstadt vor uns das alte Stambul, das heute wieder – wie schon so oft im Lauf der Jahrhunderte – eine Quelle der Beunruhigung und des Streits für ganz Europa geworden ist.