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Land und Leute/Nr. 14. Sonntagmorgen in Betzingen

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Textdaten
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Autor: Hermann Kurz
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Titel: Sonntagmorgen in Betzingen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 437–441
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 14
Autorenzuweisung: Matthias Slunitschek: Hermann Kurz und die 'Poesie der Wirklichkeit'. Studien zum Frühwerk, Texte aus dem Nachlass. Reihe: Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte 150, De Gruyter, 2017. S. 160 https://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/488401
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Betzinger Bauern am Sonntagmorgen nach der Kirche.
Originalzeichnung von Theodor Pixis in München.

[438]
Land und Leute.
Nr. 14. Sonntagmorgen in Betzingen.
Mit Abbildung.
Von Tübingen über das „Burgholz“ nach Betzingen. Die weltberühmte Betzinger Frauentracht. – Mieder, Goller und Kübeleshaube. – Der Leidtrunk. – Glocken, Eierlesen und Hahnentanz. Lichtstube oder „Karz“. – Die „vertrauten Häuser“. – Alte und neue Geschichte von Betzingen.

Welch ein Wohlgefühl, nach so hartem Winter und so bitterem Frühling endlich einmal wieder einen blauen Morgen zu erleben und unter der späten Maisonne dahinzuschreiten! Noch ein paar Schritte, und der Kamm der Höhen ist erstiegen, die längs des Neckars streichend die Vorstufe des schwäbischen Gebirges bilden, gleichwie dieses die letzte Terrassenstufe vor den Schweizeralpen ist. Das auch Manchem draußen in der Welt aus der fröhlichen Studentenzeit gar wohlbekannte „Burgholz“ liegt hinter uns, durch welches die Straße von Tübingen herausführt, und die Schwabenalp breitet sich vor uns aus. Aber sie ist verschleiert durch die Bäume, welche die Straße zu beiden Seiten säumen, und wir wenden uns links ab über das Feld nach einem freigelegenen Punkte, der uns die ungehinderte Aussicht auf einen weiten Abschnitt des Gebirges eröffnet. Auf der äußersten Linken im Osten schließt der Hohenstaufen mit seinem öden Gipfel, auf der äußersten Rechten im Westen der Hohenzollern mit seinen luftigen Spitzen das Gemälde ab. Gerade gegenüber drängen sich die Berge wie erstarrte Wellen von mannigfaltiger Gestalt: der Roßberg wölbt seine hohe Kuppe, vor dem sagengeschmückten Urschelberge hat sich wie ein einzelner Vorposten die schlanke Achalm gelagert, die ihren Unterstock gleich einem Reifrocke ausbreitet, der Neufen schaut hinter einem niedrigeren Bergrücken herüber, und gegen den Staufen hin tritt die Teck mit bedeutendem Vorsprung in die Landschaft hinein. Es sind keine Riesen, dergleichen andere Gebirgswelten aufzuweisen [439] haben, aber Berge sind sie bei alledem, welche die Kraft des Ersteigers zwar nicht erschöpfen, aber doch vollauf in Anspruch nehmen. Dazu liegen sie heute mit ihren Wölbungen, Wäldern und Felsen im reichsten Glanze da. Auch die Kirchthürme und Häuser der Dorfschaften in der vorliegenden Ebene glänzen und blitzen unter dem schönen Frühlingshimmel, während in ihrem Hintergrunde Reutlingen, die alte Stadt, am Fuße der Achalm hin geschmiegt, wie fast immer, ihr ernstes, strenges Aussehen bewahrt. Und jetzt klingen aus der ganzen Gegend nach und nach die Glocken zusammen, welche zur Kirche läuten, und Aug’ und Ohr schlürfen aus der Umgebung eine Seligkeit, die in der Natur zu leben scheint und dem Menschenkinde unwiderstehlich in’s Innere dringt. Es ist die längst entbehrte Frühlingsseligkeit.

Das Abweichen von der Straße nöthigte uns zu einem beträchtlichen Umwege, so daß, als wir die Straße wiedergewonnen und das nächste Dorf vor Reutlingen erreicht hatten, schon die Glocke ertönte, die das Ende des Gottesdienstes verkündigte. Die Gemeinde kam aus der Kirche und wenn je die Worte Faust’s, daß die Sonne im ersten Frühling, da es noch an Blumen im Revier fehle, geputzte Menschen dafür nehme, eine Wahrheit waren, so ist dies der Fall mit der Farbenpracht der Frauen und Mädchen des Dorfes Betzingen, wo wir uns befinden. Die Erscheinung ist werth, auch im Bilde dargestellt zu werden, und dem Künstler, welchem wir unsere Illustration verdanken, ist das in trefflichster Weise gelungen. Die stattlichen Frauengestalten, ihre Tracht, die eigenthümliche schwarze Lederkappe der Männer, der „Löwe“ des Dorfes – das Alles tritt uns, obschon in leiser künstlerischer Idealisirung, wie es leibt und lebt vor Augen.

Die Betzinger Bauerntracht ist in neuerer Zeit weithin, selbst in England, bekannt geworden, indeß zunächst und fast ausschließlich die weibliche. Es glich einer Oase in der Wüste, diese Tracht neben den abschreckend philisterhaften Kleidungsformen, die vor dreißig, vierzig Jahren in den Städten üblich waren, erscheinen zu sehen, und auch jetzt noch, wo wir uns kleidsamer tragen, bietet sie zu der im Ganzen farblosen, eintönigen Kleidungsweise in Stadt und Land einen ungemein reizenden Gegensatz. Sie weist uns in jene Zeit zurück, die unter Wust und Gräueln aller Art doch eine unverwüstliche Fröhlichkeit besaß und das äußere Leben des Menschen mit heiterer bunter Farbenpracht zu schmücken liebte. Keinem Zweifel nämlich unterliegt es, daß sie aus dem Mittelalter stammt; denn nach der Reformation hätte eine solche Tracht nicht mehr aufkommen können, und es ist vielmehr nur das zähe Beharren ländlicher Erbfolge, wodurch sie diese ernste, alles Farbige nach und nach verwischende Katastrophe überstanden hat.

Der eigentliche Typus der Tracht ist im Steinlachthale heimisch, das sich bei Tübingen öffnet, um die alte nach Schaffhausen führende Schweizerstraße aufzunehmen. Dieses Thal, das noch immer seines Geschichtschreibers harrt, soll nach einer ziemlich hartnäckigen Ueberlieferung von einer Colonie Schweden im dreißigjährigen Kriege bevölkert worden sein; allein die Sage ist längst widerlegt und die Bevölkerung nebst ihrer Tracht als eingeboren nachgewiesen, eingeboren nämlich in dem Sinne, daß sie nicht jünger sein kann, als die letzte geschichtliche Volkseinwanderung, die alemannische.

Ihre Tracht nun, oder vielmehr eine ähnliche, findet sich auch in einigen der umliegenden Orte wieder, sei es, daß dieselben zu irgend einer Zeit von den Farben des Steinlachthales so zu sagen angezündet wurden, sei es, daß die Tracht einst einem größeren Striche unserer Landschaft angehört hat und erst später, unter der strengen Disciplin des Protestantismus oder vielleicht nach den vernichtenden Schlägen des großen Religionskrieges, der jetzt vorherrschenden dunklen weichen mußte. Eine dieser Ortschaften ist eben das Dorf Betzingen, das ein paar Stunden östlich vom Steinlachthale bei Reutlingen liegt. Die Betzinger Tracht weicht jedoch, gleichwie eine vollreife Kunstperiode ihre Vorläuferin überbietet und zugleich unter sie herabsinkt, als die buntere und reichere von der der Steinlacherinnen ab, welcher der Freund des einfach Schönen vielleicht den Vorzug geben wird.

Das Hauptstück, das über die Trägerin den meisten Reiz und Schimmer verbreitet, ist das Mieder in seiner mannigfaltigen Farbenmischung von Roth, Blau, Grün etc., deren Vertheilung hier dem individuellen Geschmacke überlassen bleibt. Man wird übrigens in der Wahl der Farben nicht leicht eine Geschmacklosigkeit entdecken, und die Silber- oder Goldborten, die sich gelegentlich zu der übrigen Zier gesellen, können kein Luxusverbot herausfordern, da sie aus sehr bescheidenem Stoffe sind. Das Mieder, auf welchem der Brustlatz oder Vorstecker vermittelst des sogenannten Preisnestels eingeschnürt ist, reicht nicht hoch genug herauf, um die ganze Brust zu bedecken, daher über dem obern Theile derselben das Göller getragen wird, ein breites, gürtelartiges Brusttuch, das den Hals umschließt und über den Saum des Mieders fällt. Zur Vervollständigung des Putzes gehört das Halsnuster von Granaten und der Anhenker, der, ein Schaustück, oft eine von Generationen her vererbte Gold- oder Silbermünze, vom Hals am Schnürchen oder Bändchen auf die Brust herabhängt. Was aber am meisten dazu beiträgt, der Tracht das eigenthümlich schmucke Aussehen zu verleihen, womit sie das Auge des Beschauers besticht, das sind die schneeweißen Hemdärmel, die sich von dem Farbenglanze der Brustbekleidung abheben. Da es jedoch nicht gut ist, allezeit zu glänzen, so hat man ein dunkles Ueberwämmschen, das Büble genannt, unter welchem die Herrlichkeit sich bergen kann.

An das Mieder schließt sich ein um die Hüften dichtgefältelter, nach unten glatt abfallender dunkelblauer Rock, der früher nicht über das Knie reichte, jetzt aber beträchtlich länger geworden ist. Die Mädchen sind an der weißen Schürze kenntlich, welche den Eindruck der weißen Aermel noch erhöht. Die Frauen tragen dunkle einfarbige Schürzen. Das Mädchen jedoch, das den Anspruch auf diesen Namen erweislich verloren hat, ist auch der weißen Schürze verlustig, und dieses alte Herkommen übt noch heute seinen strengen Zwang: kein Gesetz verbietet der Unglücklichen die Tracht, Niemand hat das Recht, sie ihr zu wehren, aber sie weiß, welchen Zungenstichen sie sich durch die weiße Schürze aussetzen würde, und zieht es darum vor, derselben freiwillig zu entsagen und die Gesellschaft der Mädchen zu meiden. Noch ist der weiblichen Kopfbedeckung zu gedenken, die, in Wirklichkeit etwas steifer als auf der Zeichnung, einigermaßen der aus antiken Bildwerken bekannten Mauerkrone der großen Mutter Kybele gleicht. „Kübeleshaube“ ist ihr Name, durch welchen sich deshalb gleichwohl kein Mythenforscher irre führen lassen darf; denn der Ausdruck will nichts weiter, als die noch größere Ähnlichkeit mit einem umgestürzten kleinen Kübel besagen.

Die Männertracht besteht – wie auch an andern Orten, wo sie aber allmählich schwindet – in einem langen weißen Rock von Zwillich, einer camisolartigen rothen Weste mit Zinnknöpfen, die wie silbern glänzen, kurzen Lederhosen und Schnallenschuhen, oder langen Zwillichhosen mit Stiefeln. Kopfbedeckung ist die schon erwähnte schwarze Ledermütze, an deren Stelle bei feierlichen Gelegenheiten, wie beim Kirchgehen und dergleichen, der schwarze Dreispitz tritt. Von Alters her wurde an hohen Kirchentagen, z. B. beim Abendmahl, auch in der Trauer und bei Leichenbegleitungen, ein schwarzer Mantel getragen, der aber nachgerade überall in Abgang kommt.

An Sitten und Bräuchen, die sich vom sonstigen ländlichen Herkommen unterscheiden, ist Betzingen nicht eben reich. Eine eigenthümliche Rolle spielt die Schürze, die wir bereits kennen, bei den Hochzeitladungen. Bei diesen trägt die Hochzeiterin eine weiße, oben mit Spitzen besetzte Schürze und über derselben eine andere von schwarzer Glanzleinwand, über deren oberen Saum die Spitzen herausgelegt werden; eine dritte, wieder eine weiße, hält sie herabhängend in der Hand. Der Buchstabe dieser Symbolik sieht etwas verwickelt aus, so daß man den Scharfsinn daran erschöpfen könnte; die Bedeutung ist jedenfalls, daß das Gebot bevorsteht, das Abzeichen des jungfräulichen Standes abzulegen und mit einem andern zu vertauschen. Der Hochzeiter und sein Gesell, der Hochzeitlader, tragen bei diesem Anlasse Säbel, wie es auch anderwärts im Brauche ist; der Letztere hat das Brusttuch mit Bändern geschmückt. Die Hochzeit selbst verläuft in gewöhnlicher Weise, und es entspricht der allgemeinen alemannischen Sitte, daß beim Kirchgang vor und nach der Trauung tüchtig musicirt und geschossen wird. In früheren Zeiten war es üblich, den Brauttanz in der Scheune zu halten.

Bei Taufen trug die ledige Gevatterin ehemals die Schapel, die hohe Krone mit Flittergold und Silberschnüren, die anderwärts die Ehrenauszeichnung der Braut ist; ihre Zöpfe waren mit seidenen Bändern eingeflochten, und ein langes schönes Band hing den Nacken hinab. Zuletzt aber war die Schapel so außer Gebrauch gekommen, daß man sie aus einem benachbarten Dorfe, das länger am alten Herkommen hielt, entlehnen mußte.

Leichenfeierlichkeiten schließen mit dem Leidtrunke, der fast überall [440] noch im Schwange geht. Die Trauerkleidung ist, auch bei den Mädchen, schwarz mit schwarzer Schürze. Wenn eines die nächsten Verwandten, wie Vater oder Mutter, verloren hat, so geht es ein Jahr lang nicht mehr zu seinen ledigen Gespielen. Auch um eine gestorbene Gespielin wird mehrere Wochen lang in der gleichen Tracht getrauert, zu welcher noch gehört, daß die Haare unter die Haube zurückgestrichen werden. Daß man auch die kleinsten Kinder mit Gesang begräbt, stammt nicht aus alten Zeilen, sondern ist ein allerneuester Brauch, der das wachsende Selbstgefühl des Bauern bezeichnet. Man muß ja die Ceremonie doch bezahlen, darum will man keine „todte Leiche“, d. h. keine, bei der es nicht ein wenig lebendig hergeht.

Ein Weihnachtsbrauch, der übrigens auch anderer Orten seines Gleichen finden möchte, ist das „Glocken“, das am Tage vor Weihnachten betrieben wird. Die Knaben unter vierzehn Jahren bemächtigen sich da der Viehschellen, so daß keine Kuh im Stalle bleibt, die ihren Schmuck noch hätte, binden die Schellen an lange Stäbe und lärmen damit von Haus zu Haus von früh vier Uhr bis zum Abend, wofür sie Brod, Aepfel, Nüsse und dergleichen erhalten.

Das Eierlesen ist nicht blos in Betzingen, sondern in weiterer Umgegend heimisch, so namentlich in mehreren Cantonen der Schweiz, hat jedoch auch dort wie überall abgenommen, so daß Jahre vergehen können, bis der fröhliche Tag der Lustbarkeit wiederkehrt. Es ist ein Wettkampf zweier junger Bursche, deren einer einen Vorrath von Eiern unter erschwerenden Umständen auflesen muß, während der andere eine bestimmte Wegstrecke zurücklegt. In Betzingen handelt es sich für Letzteren darum, aus dem eine halbe Stunde entfernten Reutlingen in einem vorgeschriebenen Bäckerhause einen „Kümmicher“ – ein mit Kümmel gewürztes, sehr schmackhaftes Brodgebäck, das einst von Straßburg dorthin verpflanzt worden ist – zu holen. Bis er zurückkommt, muß sein Gegner den Festplatz – früher die „Auwiese“ unter dem bei Betzingen gelegenen Reutlinger Galgenberge – von den in ziemlichen Zwischenräumen gelegten Eiern geräumt haben. Nur einzeln, eines um das andere, darf er sie auflesen und nach dem Korbe tragen, und wenn ihm auch gestattet ist, je nach einer gewissen Anzahl, die er gesammelt hat, eines aus dem Kreise zu schleudern, so kostet ihn doch das Hin- und Wiederlaufen nach jedem einzelnen Ei auf dem beträchtlichen Platze eine gute Zeit, so daß er sich sputen muß, wenn er Sieger bleiben will. Zum Behufe des Festes sind die Eier vorher von den Buben (Jünglingen) in Hemdärmeln von Haus zu Haus eingesammelt worden, wobei es sich von selbst versteht, daß die Häuser, welche Töchter haben, sich den Heischenden freigebiger erzeigen.

Zum Eierlesen kommt der Hahnentanz, der aber, abweichend von andern Belustigungen dieses Namens, ein äußerst harmloses Vergnügen ist. Ein lebendiger Hahn, im herkömmlich länglichen geflochtenen Korbe auf der Feststätte ausgestellt, bildet den Mittelpunkt, um welchen die Paare tanzen, indessen eine von einem Tänzer dem andern gereichte Fahne die Runde macht. Außerhalb des Kreises steht Einer, der, den Rücken kehrend, nach einiger Zeit in einem beliebigen Augenblicke ein Gewehr abschießt, und wer, wenn der Schuß fällt, gerade die Fahne in der Hand hat, ist der Sieger, welcher den Hahn erhält.

Mit dem Karz (Lichtstube) wird es wie überall gehalten. Die Mädchen kommen den Winter über Abends mit Spindel oder Rädchen in einem vertrauten (von der Ortsobrigkeit concessionirten) Hause zusammen, an welches sie zu Anfang und am Schlusse für Oel oder Lichter den sogenannten Ein- und Ausstand bezahlen, und bleiben spinnend und plaudernd bis um die elfte Stunde bei einander sitzen. Bekanntlich sind sie nicht auf ihre eigene Unterhaltung beschränkt, vielmehr finden sich im Laufe des Abends die „Buben“ truppweise ein, so daß oft ein Trupp, besonders der jüngeren, vom andern weggetrieben wird, und setzen sich zu den Spinnerinnen, wobei immer derjenige, welcher einer der Schönen zur Rechten sitzt, vorübergehend mit ihr ein Paar bildet und ihr Fürsitzer heißt. Doch dies ist blos flüchtige Kurzweil, die nicht mehr bedeutet als im städtischen Leben eine Ballvertraulichkeit. Erst zuletzt kommen die Rechten, die „Schätze“, um ihre unbestrittenen Plätze einzunehmen; um elf Uhr nimmt dann Jeder die Seine am Arme und führt sie heim. Im Uebrigen hat die Geschichte der Liebe, ob mit Namen wie Kiltgang, Kommnacht u. dgl. ausgedrückt, oder, wie hier, ohne Namen, den gleichen Verlauf wie auf dem Lande allerwärts. „Vorher ist Er zu Ihr über die Leiter gekommen, jetzt kommt er über die Treppe“, das ist der ganze Unterschied, den man an Ort und Stelle zwischen der ledigen und der legitimirten Verbindung macht. Die Leiter darf öffentliches Geheimniß sein und thut der weißen Schürze keinen Eintrag, denn diese wird nur durch einen handgreiflichen, lauten Sündenfall verwirkt. So ist und war es auf dem Lande seit Jahrhunderten. Aber nicht blos außerhalb, auch innerhalb der Mauern, welche die Gesittung bedeuten, wird die Sittlichkeit mit gar gebrechlichen Maßstäben gemessen, und die fressendsten Schäden können meist nicht einmal zur Sprache kommen, weil der „Anstand“ höher ist, denn alles öffentliche Wohl. Die Moral, theologische, philosophische, politische, thürmt friedlich ihre Gesetzbücher über einander – und das Leben geht mittlerweile seinen gewohnten widerspruchsvollen Gang.

Gleich den Mädchen haben auch die Buben und die Männer ihre besondern Clubhäuser, wo sie gegen Erlegung des genannten Aus- und Einstandes ihre Abende verbringen. Der Bauer ist in dieser Gegend sehr sparsam und geht höchstens am Sonntag in’s Wirthshaus, daher er die Woche über für sein Geselligkeitsbedürfniß einen trockenen und wohlfeilen Zusammenkunftsort haben muß. Man nennt ein solches Haus ein Ebbedhin-Haus, das ist verdolmetschet ein Irgendwohin-Haus, durch welches nämlich dem Clubmitgliede die Möglichkeit dargeboten wird, außer seinen vier Pfählen auch sonst noch irgendwohin zu kommen. Da sitzen die Männer, oft mehr als ein Dutzend, in enger kleiner Stube beisammen, lesen die politische Zeitung des Bezirks, discurriren von Schleswig-Holstein oder auch von Geschäftsangelegenheiten und gehen endlich zum Karteln über, wobei sich nach und nach ein kleiner Geldvorrath sammelt, von welchem zuletzt, selten öfter als einmal im Jahre, ein spärlicher Trunk gehalten wird. Was die Buben in ihrem Club verhandeln, davon ist uns keine Kunde geworden, doch haben wir uns mit eigenen Augen an gewissen steifgedrehten Seitenlöckchen überzeugen können, daß die Cultur, die alle Welt beleckt, auch auf die junge Mannschaft unserer Dörfer sich erstreckt.

Zu öffentlichen Zusammenkünften der ledigen Jugend beider Geschlechter bietet außer dem Karz im Winter und dem Tanzboden jeder Sonntag Gelegenheit. Sonntag Nachmittags gehen Buben und Mädchen spazieren, jeder Theil für sich ausziehend, die Mädchen meist Arm in Arm mit Gesang. Die Spaziergänge werden theils in die nächste Umgebung der nahen Stadt, theils in’s Freie nach wohlgelegenen Plätzen gerichtet, nach einer Brücke mit zum Sitzen bequemem Geländer, nach einem Rasen am Walde u. dgl., wo dann die Gesellschaft bunte Reihe macht. Abends ziehen die Geschlechter getrennt wieder heim. So ist es in der ganzen Umgegend der Brauch.

Wenn nun eines dieser Paare das bürgerliche Ziel der Liebe erreicht hat, so ist es gemeiniglich noch weit vom Besitze einer eigenen Haushaltung entfernt. Vielmehr behalten die Eltern die jungen Eheleute bei sich im Hause und treten ihnen höchstens, um sie nicht ganz ohne Eigenthum zu lassen, ein kleines Stück von ihrem Grundbesitze ab. Es kann auf diese Weise viele Jahre dauern, daß die junge Generation unter der Herrschaft der alten bleibt, die nicht geneigt ist, das Schicksal des Königs Lear an sich zu erfahren.

Daß die Frauen früh verblühen, liegt in der Natur der Umstände, und so schmuck die Mädchen zum Theil aussehen, so sollen doch ausgezeichnete Schönheiten unter ihnen selten sein.

Die Betzinger sind übrigens, beide Geschlechter, ein kräftiger, stattlicher Menschenschlag. Sie lassen nicht mit sich spaßen, und aus dem Wenigen, was wir geschichtlich von ihnen wissen, kann man schließen, daß sie von jeher bereit waren, die Zähne zu weisen. Zwar die mittelalterliche Geschichte des Dorfes ist höchst lückenhaft und unklar; aber eine Urkunde des Kaisers Maximilian I. aus Worms vom 17. September 1495 läßt dasselbe für einen Augenblick in ein ziemlich volles Licht der Geschichte treten. Das Document zeigt den „letzten Ritter“ in einer kleinen diplomatischen Verwicklung, worin er ganz als der Gleiche wie in seinen großen Praktiken zu erkennen ist. Er „bekennt“ in dem „Briefe“, er habe seinem Cammer-Rathe und des Reichs liebem getreuen Casparn von Megkaw das Dorf Betzingen mit allen Rechten, Nutzen und Zugehörungen etc. – auf sein Fürbringen, daß die Inwohner dieses Dorfs weder den Kaiser noch dessen Vorfahren am Reiche als ihre rechte Herrschaft erkannt, sondern sich als freie Leute, die Niemand unterworfen wären, angezeigt, auch willkürlich [441] sich an fremde Herrschaft geschlagen etc. „und sonst mängerley ungebürlich Handlung geübt“ etc. – zu rechtem Erblehen gnädiglich verliehen. Bei näherer rechtlicher Nachforschung aber habe der von Megkaw selbst erkundet, daß eigentlich „unser und des Reichs lieber getreuer Bürgermeister und Rath der Stadt Reutlingen dasselb Dorf mit seiner Zugehörung lang Jahr und Zeit her ohn mänglichs Irrung ingehabt“ etc. etc., daher er von seiner Lehenschaft auf solche Erkundigung, auch fleißig „Fürbett“ des Erzbischofs Bertholden zu Mainz, des Cammer-Richters Eytel Friedrichen Grafen zu Zollern und der Hauptleute des Schwäbischen Bundes frei lediglich abgestanden sei etc. Somit wird schließlich das Dorf Betzingen für jetzt und alle Zeiten der Reichsstadt Reutlingen zugesprochen, in deren Besitz es auch verblieb, nachdem ihre durch den Schwäbischen Bund vorübergehend erlangte Bedeutung längst erloschen war. Die Betzinger scheinen sich jedoch nicht ganz freiwillig in die definitive Ordnung der Dinge gefügt zu haben; denn schon am 8. August 1497 findet es der Kaiser für nöthig, der Stadt Reutlingen das Strafrecht über alle und jegliche Frevel und Unzucht (Unfug) in Betzingen „Hinfür in Ewigkeit“ zu bestätigen. Der Geist der Unabhängigkeit regte sich wieder im Jahr 1652, in welchem das Dorf seinen Pfarrherrn, der Ursache zur Unzufriedenheit gegeben hatte, eigenmächtig zu verstoßen Miene machte. Im Jahr 1796 endlich – „in jenen unglücklichen Tagen, als das Heer der Franken durch eine übel verwahrte Lücke in unser Vaterland einbrach,“ wie Goethe, sagt – hatten die Betzinger den anerkennenswerthen, aber tollen Einfall, sich diesem Strome entgegen zu stellen. Nicht abgehalten durch den Schrecken und den Anblick der Menge von Flüchtlingen, die vor den Franzosen her eilten, empfingen sie eine von Tübingen auf Reutlingen ziehende Heersäule mit der Sturmglocke und warfen sich mit Flinten, Heu- und Mistgabeln auf die Vorhut, die sofort erschrocken zurückwich. Die Franzosen nahmen den Angriff sehr ernsthaft, pflanzten ihre Artillerie auf den Hügel, der hart neben der von Tübingen führenden Straße das Dorf beherrscht, schossen hinein, beschädigten Kirche und Pfarrhaus, tödteten einen Mann und verwundeten mehrere. Nun aber erhob sich das ganze Dorf und floh in die regierende Stadt, so daß Männer, Weiber und Kinder das Feld bedeckten. Dies besänftigte die Franzosen; sie griffen einzelne Nachzügler auf und ließen die Flüchtigen auffordern, getrost heimzukehren, denn es werde ihnen nichts geschehen. Und dabei verblieb es auch.

Sieben Jahre später war der Kleinstaat Reutlingen mit Einwilligung von Kaiser und Reich, welche bald genug nachfolgen sollten, aus der Reihe der Souverainetäten gestrichen, und die vormaligen Unterthanen der Reutlinger – Betzingen nebst vier andern Dörfern – standen als würtembergische Mitbürger neben ihnen. Im socialen Leben aber dauerte das alte herrschaftliche, obwohl sehr patriarchalische Verhältniß fort. Die Stadt fuhr fort, ihre Knechte und Mägde aus ihrer einstigen Landschaft zu holen, wobei Betzingen immer bevorzugt blieb, und da ihr Hauptvermögen von je in Gütern und Weinbergen bestand, so gewährte sie auch den Verheirateten Gelegenheit zum Feldtaglohn im Sommer und Herbst. Erst die neuere Zeit hat mit industriellem Aufschwung und Erhöhung des Bodenwerthes auch dem Betzinger reichere Erwerbsquellen geöffnet, deren wahrer Segen aber – Bildung aus Wohlstand – hier, wie fast überall auf dem Lande, wohl erst künftigen Geschlechtern zu Theil werden wird.