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Land und Leute/Nr. 10. Der Dollart

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Textdaten
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Autor: H. M.
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Titel: Land und Leute. Nr. 10. Der Dollart
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 233–234
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 10
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Land und Leute.
Nr. 10. Der Dollart.

Wenn Du, geneigter Leser, mit mir hinauswanderst von meiner Vaterstadt Emden zu der eine halbe Stunde entfernten Schleuße, so erblickst Du vor Dir eine große Wasserfläche, der vor ungefähr sechs Jahrhunderten die reichste und bevölkertste Gegend Ostfrieslands weichen mußte. Fünfzig blühende Dörfer und die Stadt Torum, eine schöne, volkreiche Stadt mit einem berühmten Markt und einer Münze, mit reichen Einwohnern, in deren Mitte allein acht Goldschmiede ihr reichliches Auskommen fanden, lagen auf diesem gottgesegneten Strich Landes. Allenthalben sah das Auge fette Weiden und Wiesen, bedeckt mit dem köstlichsten Vieh. Und in der Stadt und in den Dörfern lebten viele tausend Menschen. Aber das unersättliche Meer hat nach und nach die Stadt, die Dörfer und die Menschen verschlungen. Wo früher der Landmann frohen Muthes den Pflug lenkte oder der Schnitter das goldne Korn mähte, wo muntere Thiere sich auf der Weide tummelten, wo die gefiederten Sänger ihre Loblieder erschallen ließen, – da siehst Du jetzt nur Wasser und wieder Wasser, den gehenden oder kommenden Schiffer, den windschnell dahinschießenden Buttfischer oder die einsame Möve. In weiter Ferne siehst Du vor Dir links ostfriesisches, rechts holländisches Land.

Trittst Du aber zur Zeit der Ebbe an den Dollart – denn so heißt der Meerbusen um seiner tollen Art willen, besonders im Herbst und Frühling – so ist das Bild ein noch trostloseres. Denke Dir eine weit ausgedehnte, braungelbe, schlüpfrige Fläche, hier mehr, dort weniger über dem Wasser erhaben, welches zu dieser Zeit auch noch in den Rinnen und Löchern zurückbleibt; eine durch die ruhelose Wirkung der Wellen gefurchte und runzelige Fläche, die weder lieblich, noch wild, noch erhaben erscheint, sondern deren Anblick Dich mit Langeweile erfüllt – so hast Du ein getreues Bild des äußern Dollartbodens.

Der ostfriesische Schlammfischer.

Verschiedene Ursachen haben dazu mitgewirkt, daß das Meer Herr wurde über das Land: die Lage und Art des Landstriches, die Uneinigkeit der Bewohner und die Macht des ungestümen Elements. Die Küste bestand aus einem hohen und kräftigen Kleiboden, konnte daher dem Meere die Spitze bieten; aber das Binnenland war so niedrig und moorig, daß der Feind, nachdem er einmal eingedrungen war, hier die größten Verheerungen anrichten konnte. Emmius, der Vater der friesischen Geschichte, sagt:

„Der Boden in unmittelbarer Nähe der Ems ist dicht und zähe, weiter im Lande hinein aber niedrig und moorig, er bewegt sich unter den Füßen, wie wenn er zittert; er ist daher nicht stark genug, gewaltigen Fluthen Widerstand zu leisten. In solchen Fällen wird hier und dort der Boden mit Häusern und Wiesen in größer oder kleinerer Ausdehnung vom Wasser emporgehoben. Dies mag wunderbar erscheinen und Fremden unglaublich, wir selbst würden daran zweifeln, wenn nicht der Augenschein uns gezeigt hätte, daß bei starken Wasserfluthen ganze Strecken Landes, wie Schiffe, mit Vieh, Dörfern, Weilern und Kirchen dahin trieben.“

Wie sehr nun auch bei diesem Zustande ein sorgfältiges und einmüthiges Bewachen der Schutzwehren des Landes, der Deiche, noth that, so herrschte doch unter den Einwohnern und besonders unter den größern Grundbesitzern und Häuptern des Landes zu viel Eifersucht, Feindschaft und Uneinigkeit, als daß sie für den Unterhalt der Deiche und, wenn diese beschädigt waren, für die nothwendigen Arbeiten gesorgt hätten. Oftmals fehlte es auch an der nöthigen öffentlichen Gewalt, sie zu ihrer Pflicht zu zwingen und so konnte denn auch jener Uebermüthige, der mit seinen Nachbarn im Streite lag, ungestraft seinem Trotz freien Lauf lassen: Lieber will ich meine Ländereien eine Lanze hoch unter Wasser stehen sehen, als daß ich Hand anlege, meinen Feinden zu helfen.

Diese Uneinigkeit sowohl, wie der Mangel an Kräften, trugen die Schuld, daß nur wenig für Instandhaltung der Deiche gethan ward, so daß, als am 25. December 1277 eine neue Fluth hereinbrach, dieselbe leichte Arbeit fand, die niedergerissenen Deiche vollends zerstörte und die daranstoßenden ebenfalls ganz darnieder legte. [234] Nun hatten die Gewässer freien Spielraum im Lande, und weil sich jedes Jahr die erschrecklichsten Wasserfluthen wiederholten, der Boden im Innern des Landes aber, wie bereits gesagt, so niedrig und sumpfig war, so wurde bald hier, bald dort ein Stück vom Wasser emporgehoben und davongeführt, ein Dorf nach dem andern verschlungen und die Einwohner theils zur Auswanderung gezwungen, theils auf Meeresgrund gebettet. An noch andern Stellen senkte sich dagegen der ganze Boden unter der Last des überströmenden Wassers.

Immer schwieriger wurde der Wiederaufbau der zerrissenen Deiche, und als in Folge dessen zehn Jahre hindurch das Meer im Lande nach Willkür geschaltet und gewaltet hatte, da machte die denkwürdige Fluth vom 14. December 1287 das Maß des Jammers voll. Nicht blos unsere Gegend, sondern ganz Friesland wurde von ihr heimgesucht. Tage lang schon hatte das empörte Element gewüthet und die Küstenbewohner sahen mit sorgenvollem Blick in die verhängnißvolle Zukunft. Der Regen goß in Strömen vom Himmel, der Sturm heulte, entwurzelte Bäume und hob die Dächer von den Häusern, das Wasser stieg höher und höher. Schwarz und finster schaute der Himmel darein, kein freundliches Sternlein leuchtete der bedrohten Schwester Erde. Kurz nach Mitternacht brachen die noch unversehrt gebliebenen Deiche und mit wilder Eile stürzten sich die wüthenden Fluthen über das herrliche Land – Alles vernichtend, Menschen und Vieh verschlingend!

Ganze Strecken Moorboden wurden emporgehoben und in höhere Gegenden geschwemmt. In solchen Strichen, wohin seit Menschengedenken nie Meerwasser gedrungen war, stand die Fluth 5 Fuß hoch. Nach den Berichten damaliger Zeit wurden von Stavoren bis zur Ems 70,000 Menschen verschlungen. Selbst die gewöhnliche Feindschaft der Menschen und Thiere erlosch, denn man sah auf einem Balken einen Mann, einen Wolf, einen Hund und ein Häslein herantreiben.

Freilich hat diese Fluth nicht den ganzen Dollart geschaffen, manches Dorf, und auch Torum, war, wenn auch stark von ihr heimgesucht, doch noch nicht dem allgemeinen Verderben anheimgefallen. Man legte neue Deiche an, aber immer wurden solche von den Wogen zerstört. Die folgenden Jahre und Jahrhunderte ließen die Ueberreste jener Gegend verschwinden. Der einzige übriggebliebene Rest einer 71/2 Quadratmeilen großen Fläche ist das kleine, aus nur einigen Häusern bestehende Nesserland, eine halbe Stunde von Emden entfernt.

Doch das Meer hat seinen Raub nicht auf immer behaupten können. Im Laufe der Zeiten hat man demselben bereits mehr als 5 Quadratmeilen wieder entrungen und in herrliche Polder verwandelt. Aber für Ostfriesland hat jener Tausch wenig Gewinn gebracht. Ist auch der wiedergewonnene Boden ungleich besser, als der untergegangene, so hat doch unser Ländchen von seiner Fläche, die zum allergrößten Theile hierher gehörte, kaum mehr als 3/4 Quadratmeile wieder zurückerhalten; alles Uebrige ist der holländischen Provinz Groeningen zugefallen.

Aus der Mischung des ausströmenden Binnenwassers mit dem hellgrünen Seewasser entsteht eine trübe Fluth, welche als Schlamm oder Schlink niederschlägt. Bald häuft sich dieser dergestalt an, daß er zur Ebbezeit trocken liegt; der Boden erscheint schon freundlicher, aber ebenfalls noch einförmig, und vergebens sucht Dein Auge Pflanzen, zu deren Erzeugung der Boden noch nicht geeignet ist. Wohl hat er schon Neigung dazu, denn wenn, besonders nach einem recht strengen Winter, der Frühling kommt und die ganze Natur sich mit Blättern und Blüthen schmückt, dann überzieht sich auch der Schlamm mit einer dünnen, braunen Kruste, dann blüht auch der Schlamm, doch bald nimmt das Wasser diese Kruste weg und bis spät in den Sommer spielt die Fluth damit. Näherst Du Dich mehr dem Deiche und kommst zum älteren Schlamm, der unter dem Einflüsse der Sonne und des Windes allmählich fest geworden ist, so findest Du hier an der Grenze des scheinbaren Nichts den Glasschmalz (Salicornia herbacea), kleine saftige Pflanzen, die, wenn sie schaarenweise von Wind und Wasser hin- und herschwanken, wie ein gewaltiger Wald en miniature erscheinen. Je strenger der Winter gewesen, desto größer ist die Vermehrung dieser Pflanze, während wenig oder gar kein Frost derselben ungünstig ist. Durch sie wird der Anwuchs schnell gefördert, der ihr aber für seine größere Selbstständigkeit dadurch dankt, daß er sie vertreibt und statt ihrer eine andere Pflanze auftreten läßt: die schöne, kräftige Meerstrandsaster (Aster tripolium), die vier bis sechs Fuß hoch wird und mit ihren schönen blauen Strahlen und goldgelben Röhrchen im September und October ein Schmuck unseres Anwachses ist. Regenreiche Winter und Frühlinge vermehren dieses Gewächs sehr stark, Frost und lange trockene Witterung ist ihrem Wachsthum weniger günstig. Aber sie wird nicht überall auf dem Anwachs gefunden. Ist derselbe sandig oder noch zu schlüpfrig, so macht sich der Glasschmalz freilich nichts daraus, er ist schon zufrieden, wenn er sich nur täglich im Fluthwasser tummeln kann; aber die Aster ist wählerischer; nur im fetten Schlammboden will sie prangen, in sandigem Boden kommt sie gar nicht oder nur sehr sparsam fort.

Noch einige andere saftreiche Kräuter, wie der feine Queller, der Seestrandsdreizack, der Windhalm, Ackerquecken überziehen mit ihren Ausläufern bald das Ganze und bilden so den eigentlichen Wiesenwuchs, der zur Austrocknung des schlammigen Bodens beiträgt, und ihn zur allmählichen Ansiedlung anderer Pflanzen geeignet macht.

Nun wird der Anwachs zum Weiden, in der Regel aber zum Heumachen benutzt, welches Heu um so kräftiger ist, je weniger andere Grassorten, besonders aber der Meerstrandswegerich, sich zwischen dem Queller befinden Ist der Anwachs groß genug und lohnen sich die Kosten, so wird er eingedeicht und heißt nun Polder, in welchem bald prächtige Landhäuser, umgeben von den üppigsten Wiesen und fettesten Weiden, das Auge erfreuen. Die Kosten der Eindeichung sind groß, natürlich am größten da, wo der Feind am stärksten ist. Ostfriesland hat im Ganzen nicht weniger als ungefähr 36 Meilen Deiche, wovon die Unterhaltungskosten jährlich mehr als 70,000 Thaler betragen, ungerechnet der Arbeiten und Strohlieferungen, zu welchen hier und da noch die Eigenthümer von Ländereien, die am Deiche liegen, verpflichtet sind. Der ostfriesische Bauer hat gewiß nicht unrecht, wenn er sagt, daß ohne Deichlast er mit silbernem Pfluge pflügen könne. Die Höhe und Dicke der Deiche ist verschieden: die Höhe beträgt 17–22 Fuß, die obere Breite 10–14, die des Fußes dagegen 90–100 Fuß. An Stellen, wo sie besonders von der Gewalt des Meeres zu fürchten haben, hat man starke Eispfähle und Balken eingerammt; an der äußern (See- oder Fluß-) Seite liegen gewaltige Steine, die Kraft des zürnenden Neptuns zu brechen. Die Personen, unter deren Aufsicht die Deiche stehen, heißen Deichrichter.

Wunderbar ist der Ertrag der neuen Ländereien. Eine Chronik vom Jahre 1559 erzählt, daß Jemand, der in einem Theile eines neueingedeichten Polders fünf Tonnen Gerste ausgesäet, sich eines Reinertrags von 300 Tonnen erfreut, also sechzigfältige Frucht geerntet habe.

Der Dollart ist ziemlich reich an Fischen: Garneele, Aal, Butt, Stör wird viel gefangen. Hauptsächlich beschäftigen sich die Fischer mit dem Fang der Garneele, doch weil sie davon nicht leben können, so legen sie sich auch auf den Buttfang. – Ist die Witterung des Frühlings eine warme und günstige, so kann der Fischer schon im April auf den Fang ausgehen und bis October, selten bis zum November damit fortfahren.

Eigenthümlich ist die Art und Weise, wie der ostfriesische Fischer bei dem Buttfange verfährt. Zur Ebbezeit stellt er in wohl halbstündiger Entfernung vom Deiche und weiter noch seine Fischreusen auf dem Schlamme aus. Um dahin zu kommen, was keinem menschlichen Fuße möglich wäre, bedient man sich des Schlammboots, welches ungefähr 4 Fuß lang und 11/2 Fuß breit ist, und vorn einen auflaufenden Schnabel hat, um den Schlamm nicht vor sich her zu schieben. Es besteht nur aus einigen Planken, welche an den Seiten mit kleinen aufsteigenden Wänden versehen sind. Mit dem einen Knie ruht er auf dem hintern Theile des Bootes, stemmt sich mit den Händen auf eine die Wände verbindende Latte, und stößt sich mit dem meistens entblößten andern Fuße vorwärts. Vor ihm im Boot befindet sich ein Behältniß, die gefangene Beute aufzunehmen. Mit ausgezeichneter Schnelligkeit fliegt er mit seinem so höchst einfachen Fahrzeuge über den weichen Boden; ohne große Anstrengung legt er eine Stunde in einer Viertelstunde zurück, und für den, der solches nie gesehen, ist es ein seltsamer Anblick, wenn er den Fischer mit der Schnelligkeit des Windes dahin eilen oder daher kommen sieht. – Die gefangenen Fische werden nach Emden verkauft, und finden dort stets willige Abnehmer.

H. M.