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Kulturbilder aus Deutsch-Südwestafrika

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Titel: Kulturbilder aus Deutsch-Südwestafrika
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 428–431
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Kulturbilder aus Deutsch-Südwestafrika.

Mit Illustrationen nach photographischen Aufnahmen.

Auf Reitochsen.

Unter den deutschen Schutzgebieten nimmt Deutsch-Südwestafrika eine besondere Stellung ein. Es bildet ein weites Gebiet zwischen dem Kunene- und Oranjefluß, das rund 840000 qkm umfaßt, während der Flächeninhalt des Deutschen Reiches 540000 qkm beträgt. Die weiten Gefilde sind jedoch nur spärlich bevölkert, denn die Natur hat das Land stiefmütterlich ausgestattet. Ein mit Dünen und Felsen besetzter wüster Gürtel umsäumt die Meeresküste und erschwert den Zugang zu dem Inneren, das sich zu einem zerklüfteten Gebirge emporhebt. Auch dort sind die Gegenden zumeist wüst und leer, denn es fehlt überall Wasser; wohl regnet es in den Monaten Oktober bis Mai zuweilen sogar in heftigen Güssen, und unter dem belebenden Einfluß der Feuchtigkeit sprießt auf weiten Flächen frisches Grün empor; dann kommt aber eine lange Trockenzeit, in der die Pflanzenwelt verdorrt und selbst die Flußbetten austrocknen. Ergiebige Gold- und Diamantenfelder wurden in Deutsch-Südwestafrika, wie in anderen Gebieten Südafrikas, bisher nicht entdeckt, und doch hat das Land eine Zukunft. Menschlicher Fleiß und eiserne Ausdauer können auch die Wüste urbar machen und unser südafrikanisches Schutzgebiet hat, bei allen seinen Nachteilen, den großen Vorzug, daß es ein gesundes Klima besitzt, in welchem der Europäer leben und arbeiten kann. Mit der Zeit wird es wohl zu einer entlegenen Provinz des Reiches emporblühen, in welche deutsche Bevölkerung, deutsches Recht und deutsche Verwaltung ihren Einzug gehalten haben.

Die Erschließung des Landes hat bereits begonnen. Durch heldenmütige Kämpfe unsrer Schutztruppen sind die zu Raub und Plünderung geneigten Eingeborenen gezügelt worden, eine Eisenbahn wird von der Küste ins Innere gebaut und der Zuzug deutscher Kolonisten ist im Steigen begriffen. Groß kann der Strom der Einwanderer nicht sein; denn wer in Deutsch-Südwestafrika sein Fortkommen finden will, muß nicht nur auf strenge Arbeit gefaßt sein, sondern auch über genügende Mittel verfügen, um, sei es als Viehzüchter, sei es als Ackerbauer, wirken zu können.

Gegenwärtig dürfte die Viehzucht die meisten Aussichten auf Erfolg haben. Herden von Rindern, Schafen und Ziegen haben seit jeher den Reichtum der Eingeborenen gebildet, und es unterliegt keinem Zweifel, daß auch Europäer in dem anscheinend so wüsten Lande die Viehzucht im großen mit Erfolg betreiben können.

Das Rindvieh, das als Schlachttier wertvolle Fettschwanzschaf sowie die Ziege gedeihen dort vorzüglich und vermehren sich außerordentlich rasch. Die mit der Zucht von Wollschafen und Angoraziegen angestellten Versuche sind zufriedenstellend ausgefallen. Die Pferdezucht, die auch mit Erfolg betrieben werden kann, ist allerdings, solange kein Mittel gegen die dort periodisch auftretende Pferdeseuche entdeckt wird, mit besonderem Risiko verbunden.

Die schon von alters her in Deutsch-Südwestafrika heimische Rindviehrasse, deren beide Hauptschläge, das Damara- und Namarind, sich übrigens in ihrem Nutzungswert nicht wesentlich unterscheiden, besitzt trotz einiger guter Eigenschaften doch auch wieder Mängel, die sie zur Fortzüchtung für deutsche Kolonisten nicht geeignet erscheinen lassen. Aber man kann sie mit Vorteil als Unterlage für die Kreuzung mit anderen Rassen [429] verwenden, die unseren Zwecken besser entsprechen, um so ein Kreuzungsprodukt zu gewinnen, das mit den guten Eigenschaften des eingeführten Blutes die Zähigkeit und Widerstandskraft der einheimischen Rasse verbindet.

Außerdem kann man für einen bestimmten Zweck das Damara- oder Namarind ohne Beimischung fremden Blutes weiterzüchten, nämlich zur Gewinnung von Arbeitstieren. Es sind besonders zwei wertvolle Eigenschaften, durch welche sich die einheimische Rasse auszeichnet: die Tiere leiden wenig unter zeitweilig schlechten Wasser- und Futterverhältnissen und sind wie geschaffen, im schweren andauernden Zuge am südafrikanischen Ochsenwagen zu dienen. Hierfür sind sie unübertrefflich, und wohl keine andere Rasse würde bei dem oft tagelangen Mangel an Wasser und Futter und unter den sonstigen Verhältnissen dasselbe leisten. Die Zug–, Reit- und Lastochsen wird man daher stets am besten der einheimischen Rasse entnehmen.

 Junge Strauße
 Weidefeld mit der östlichen Spitze der Anasberge.

Farmwächterhaus, im Vordergrunde eine primitive Gerberei
 nach Boerenweise.

Leider hat der Viehstand des Schutzgebietes durch die Rinderpest in den letzten Jahren fühlbare Verluste erlitten. Indes hat die rechtzeitige Anwendung der Kochschen Impfmethode zur Folge gehabt, daß trotz des bedeutenden Verlustes in den Bezirken Windhoek und Otymbingwe sowie im Nordbezirk doch noch eine ansehnliche Anzahl Rinder erhalten geblieben ist.

In Deutsch-Südwestafrika handelt es sich vor allem darum, die ungeheuren Grasflächen zu verwerten und möglichst hoch auszunutzen, und das geschieht am besten durch ausgedehnte Viehhaltung bei ununterbrochenem Weidebetrieb. Während und bald nach der Regenzeit ist überall frisches Gras in reichlicher Menge vorhanden, das dann aber im Laufe des Jahres mehr und mehr eintrocknet, so daß es schließlich auf dem Halme zu Heu wird. Dieses Heu auf dem Halme ist aber ein nahrhaftes und gedeihliches Futter, das vollständig zur Ernährung des Viehes ausreicht, wenn es in genügendem Maße vorhanden ist.

In besonders trockenen Jahren sowie bei zu starker Besetzung eines gegebenen Weidegebiets mit Vieh kann es aber vorkommen, daß dieses Futter knapp wird, so daß alsdann das Vieh Not leidet und zurückgeht. Dem muß natürlich möglichst vorgebeugt werden, sei es durch Beschaffung von Futter auf andere Art, sei es durch rechtzeitige Minderung des Viehstandes. Bei dem Weidebetrieb, wie er bis jetzt bei den Eingeborenen sowobl wie bei den Weißen in Deutsch-Südwestafrika üblich ist, findet eine sehr ungleichmäßige und im Durchschnitt nur geringe Ausnutzung des zur Verfüguug stehenden Weidegebiets statt. Das Vieh bleibt im großen und ganzen sich selbst überlassen, und daher werden die in der Nähe der Wasserstellen liegenden Grasflächen meist übermäßig stark abgeweidet, während die entfernteren Strecken wenig benutzt werden. Zwar geht das Vieh allmählich von selbst weiter, aber es hält sich doch naturgemäß hauptsächlich in der Nachbarschaft der Wasserstellen auf. Ein solches Weidefeld zeigt das obenstehende Bild.

Acker- und Gartenbau können in Südwestafrika nur an den Stellen mit Erfolg betrieben werden, die entweder nahe an der Oberfläche liegendes Untergrundwasser haben oder sich künstlich berieseln lassen. Wo der Boden die nötige Feuchtigkeit hat, können Getreide, Mais, Tabak und die meisten europäischen Gartenbauprodukte gezogen werden. Deshalb ist die Wasserversorgung in diesem Schutzgebiet eine Lebensbedingung für die kulturelle Entwicklung und für die Besiedelung der Erdoberfläche.

Für die Wassergewinnung kommen die Bohrung von Wasser und die Ausschachtung von Brunnen, aus denen die Flüssigkeit durch Saug- und Druckpumpen gehoben wird, in Betracht. Solche Brunnen sind in großer Zahl angelegt worden, weil durch dieselben zugleich dem Frachtverkehr große Erleichterung geboten wird.

[430]

Pflügen des Berieselungsgrundes unterhalb des Staudammes auf Voigtland.

Eine weitere Art der Wasserbeschaffung, von deren Durchführung es abhängt, ob im Schutzgebiete in wirklich nennenswertem Umfange Ackerbau getrieben werden kann, besteht in der Anlage von Staudämmen. Auf sie lenkt sich mit Recht in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit der intelligenteren und vorwärtsstrebenden Farmer. – Unsere obenstehende Abbildung zeigt einen neuerdings aufgeführten Dammbau, der sich ganz besonders bewährt und einen Wasserbehälter für ein größeres Areal darstellt. Es ist dies das Stauwerk auf der von der Regierung gekauften Farm Voigtland der Firma Wecker & Voigts. Der Damm ist 100 m lang, 4 m hoch, oben 1 m, unten 12 m stark. Die dadurch erzeugte Wasserfläche hat eine Länge von 200 m und 100 m Breite. Die Anlage ist als die erste und zur Zeit einzige in der Nähe von Windhoek sehr lehrreich und sehenswert.

Endlich sei noch eines Wirtschaftszweiges gedacht, für dessen Gedeihen in Südwestafrika sehr günstige Bedingungen vorhanden sind. Einer der gründlichsten Kenner des Schutzgebietes, Dr. Hindorf, führt aus, daß bei den noch wenig entwickelten Verkehrsverhältnissen in Deutsch-Südwestafrika gerade die Straußenzucht ein Mittel bietet, die abgelegeneren Teile des Landes auszunutzen, da die Beförderung der Federn nach der Küste hin, auch tief aus dem Innern, keine Schwierigkeiten macht. Es darf bei der Auswahl des Geländes für die Straußenzucht nicht übersehen werden, daß der Strauß, wenn er auch nicht wählerisch in Bezug auf seine Nahrung ist, doch ein recht starkes Nahrungsbedürfnis hat. Darum ist eine reichliche Ernährung des Straußes eine der ersten Bedingungen für die Rentabilität seiner Zucht. Eine Straußenfarm muß daher nicht nur über einen ausgedehnten Weidegang verfügen, sondern auch in der Lage sein, ihre Vögel mit künstlicher Fütterung zu versorgen. Am besten eignen sich für die Zucht des Straußes weite Grasebenen mit hartem, trockenem Boden und mäßig reichlicher Vegetation, wo ihm verhältnismäßig große Flächen zur Verfügung gestellt werden müssen, damit er seinem Nahrungs- und Bewegungsbedürfnis leicht genügen kann. Als sehr praktisch hat es sich erwiesen, die Straußenzucht mit der Rind viehzucht zu vereinen. Man läßt Rindvieh und Strauße gemeinsam auf die Weide gehen; das Rindvieh hält das Gras niedrig und überhaupt die Vegetation etwas in Schranken, und die Strauße finden dann auf solcher kurz gehaltenen Weide ein ihnen sehr zusagendes Futter. In Zeiten der Futterknappheit muß dann aber eine Fütterung der Strauße stattfinden, am besten mit junger Luzerne, die sich als eines der besten Futtermittel für Strauße bewährt hat. Auch Körnermais sowie Kürbisse, die man in Stücke schneidet, sind ein gutes Futter. Für die jungen Strauße ist eine Fütterung mit ihnen zusagender Nahrung, am besten mit junger Luzerne (neben Straußeneiern), ein unbedingtes Erfordernis, und es muß daher das Gelände für die Straußenzucht auf jeden Fall so gewählt werden, daß der Anbau von Futtergewächsen in genügendem Umfang und im Notfall die künstliche Bewässerung der Felder möglich sind.

Windhoek.

Wo es sich um eine schnelle Vermehrung der Strauße handelt, bedient man sich eines Brutapparates mit großem Vorteil. Im allgemeinen aber ist es vorzuziehen, die Strauße ihre Eier selbst ausbrüten und ihre Jungen selbst großziehen zu lassen. Auf diese Weise legt ein Straußenweibchen zwar weniger Eier und es werden weniger Junge erzielt, als wenn man die Eier stets aus dem Nest nimmt und sie in den Brutapparat legt, aber das hat bei dem hohen Alter, das die Strauße erreichen, und bei ihrer starken Vermehrung nichts zu sagen.

Der Strauß scheint sich am besten zu entwickeln, wenn er möglichst frei und unter natürlichen Verhältnissen aufwächst und lebt. Zwar muß er von frühester Jugend an im Umgang mit Menschen bleiben, damit er zahm wird und bleibt, auch ist er für gewisse Verbesserungen seiner Lebensbedingungen, so für die künstliche Fütterung und für ein Schutzdach während des Brütegeschäfts, sehr empfänglich, aber wenn man ihn zu tiefer eingreifenden Aenderungen seiner Lebensweise zwingt, macht sich dies bald nachteilig bemerkbar. Daher haben auch die Versuche, den Strauß auf verhältnismäßig beschränktem Raum, z. B. auf großen Höfen, zu halten und ihn dort nur künstlich zu füttern, kein gutes Ergebnis gehabt.

Man erreichte das Gegenteil dessen, was man erstrebte: die [431] in engerem Raum gehaltenen Tiere entwickelten sich lange nicht so schön wie im Zustande der Freiheit, und im Durchschnitt waren ihre Federn minder wertvoll als die von wilden oder auch nur in größerer Freiheit lebenden Straußen. So stammen denn merkwürdigerweise die besten Federn stets von wilden Straußen her.

Zum Schluß sei noch mit einigen Worten der „Hauptstadt“ der Kolonie, Windhoek, gedacht, deren Ansicht wir im Bilde (S. 430) wiedergeben. Die in einer leicht welligen Gegend gelegene, den Anasbergen benachbarte Stadt zerfällt in zwei Teile: in den eigentlichen Regierungsbesitz Groß-Windhoek und in die Ansiedelung Klein-Windhoek. Groß-Windhoek ist ein Fort, das ungefähr 100 Mann Besatzung aufnimmt und die umliegenden Gelände mit seinen Geschützen vollständig beherrscht. Im Norden ist die Festung umgeben von Verwaltungsgebäuden, Stallungen, Werkstätten etc.

Klein-Windhoek breitet sich in einem weit geöffneten fruchtbaren Thal aus und macht mit seinen kleinen, von wohlgepflegten Gärten umgebenen Häusern den Eindruck eines wohlhabenden Gebirgsdorfes. Groß-Windhoek hat etwa 350 Einwohner europäischer Abstammung. Die den größeren Teil der eingeborenen Einwohnerschaft bildenden Bergdamara, Hottentotten und Bastards wohnen in Hütten von ganz eigenartiger primitiver Bauart. Windhoek hat eine Besatzung von zwei Kompagnien und besitzt zwei Gasthäuser; ein etwas verfallener Turm im Westen der Stadt bietet einen weiten Ausblick in das vorliegende Thal.