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Klementine

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Textdaten
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Autor: August Schrader
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Titel: Klementine
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36–39, S. 417–420; 429–432; 441–446; 453–456
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[417]
Klementine.
Von August Schrader.

I.

Zu Anfang des Monats November im Jahre des Heils 1851 Abends gegen acht Uhr sah man einen jungen, elegant gekleideten Mann durch eine der engsten und schmutzigsten Straßen Berlins gehen. Seinen kurzen Talmamantel fest um die Schultern gezogen und den Hut tief in die Stirn gedrückt, verfolgte er eine Dame, die ihm in kurzer Entfernung voranging. Der Abend war nebelig und kalt; aber den Mann im Mantel plagte eine unerträgliche Hitze, sein Herz klopfte, und im Kopfe fühlte er ein leichten Sausen. Dieser aufgeregte Zustand, den er durch einen ruhigen, nachlässigen Gang zu verbergen suchte, ward dadurch erzeugt, daß er in der vor ihm hergehenden Frau eine Ähnlichkeit mit der schönsten Dame von Berlin entdeckte, einem züchtigen, herrlichen jungen Mädchen, das er bis zum Sterben, aber hoffnungslos liebte. Er war jung, er kannte Berlin, und deshalb wußte er auch den ganzen Umfang der Deutungen, denen sich ein junges und schönes Mädchen aussetzte, wenn man es um diese Stunde, in diesem Stadttheile allein und heimlich auf dem schlechten Pflaster erblickte.

Der junge Mann in bürgerlicher Kleidung war ein Offizier der königlichen Garde, und wenn man dies bedenkt, so kann seine Liebe romanhaft erscheinen; der Leser kann sich aber versichert halten, daß er eben so wahr als leidenschaftlich liebte, und daß der Gegenstand seiner Neigung vollkommen würdig war. Er liebte in der reizenden Klementine von Falk die Tugend selbst, die züchtige Grazie und die Achtung gebietende Heiligkeit. Klementine verdiente in der That der Gegenstand einer platonischen Liebe zu sein, einer Liebe, so hoch und rein, wie der Himmel in seinem heitersten Blau.

Die Nächte in Berlin bringen seltsame, fast unbegreifliche Wirkungen hervor, und der Beobachter derselben weiß, wie phantastisch eine Frau in den dämmernden Schatten erscheint. Man hält sie für ätherische Wesen, die wie Dämonen oder Irrwische durch einen brennenden Magnetismus den Beobachtenden mit fortziehen. Bei dem schwankenden falben Lichte der Gasflammen erhält Alles Leben und Colorit; die aufgeregten Sinne sehen die Frau in einem neuen Lichte, ihr Körper verschönt sich, und alle Glieder gestaltet die sehnsüchtige Vermuthung zu idealen Reizen.

Der flackernde Schein einer Gaslaterne fiel plötzlich in die Taille der unbekannten Schönen. Formen, so schwellend und anmuthig, konnte nur Klementine haben. Dieser leichte, schwebende Gang gehörte nur ihr an. Unter dem schwarzen Sammethute fielen schwere, dunkele Locken über den schneeweißen Hals herab; der weiche Shawl lag wie angegossen auf der schönen Büste, die reizenden Umrisse flüchtig abzeichnend. Der kleine Fuß, mit weißen Strümpfen und schwarzen glänzenden Saffianstiefelchen bekleidet, schien kaum den Boden zu berühren.

Der Offizier beschleunigte seine Schritte, ging rasch an ihr vorüber, und wandte sich, um ihr in das Gesicht zu sehen – sie war verschwunden. Eine heisere Klingel deutete die Thür an. Der junge Mann trat rasch zurück, und sah in einen langen finstern Gang, der durch eine Holzgitterthür von der Straße geschieden ward. Am Ende des schmalen Ganges zeigten sich die ersten Stufen einer beleuchteten Treppe. Leicht wie eine Sylphide schwebte die Schöne hinauf.

„Was ist das?“ fragte sich bebend der junge Mann. „Zu wem geht sie? Wer kann hier wohnen, den Klementine ohne Nachtheil für ihre Ehre besuchen darf? Und warum wählt sie den späten Abend?“

Er trat zurück und lehnte sich an die schwarze Mauer des gegenüberliegenden Gebäudes. Furchtbare Gedanken durchkreuzten seinen erhitzten Kopf. Das Haus war wie alle Häuser jener abgelegenen Straßen, gemein, eng und aus vier Stockwerken bestehend, deren jedes drei Fenster hatte. Die beiden schwarzen Laden den Erdgeschosses waren fest verschlossen. Da erhellten sich plötzlich zwei Fenster des zweiten Stocks, und der athemlose Lauscher glaubte den Kopf Klementine’s zu bemerken, deren Schattenrisse sich in den leichten Gardinen zeigten. Dann erlosch das Licht, und das verhängnißvolle Haus lag im Finstern.

Thränen der Wuth und Verzweiflung rannen dem armer Manne über die Wangen, er sah und fühlte Alles, was die vor einer furchtbaren Eifersucht erhitzte Phantasie nur erschaffen kann.

„Und wenn ich das Schrecklichste erfahre,“ dachte er, „ich muß wissen, ob ich mich täusche oder nicht. Vielleicht lerne ich den Grund kennen, der Klementine’s Großmutter veranlaßte, meine Annäherung entschieden zurückzuweisen. Ach, und sie, von der ich mich geliebt wähnte, billigt das Verfahren der alten herzlosen Frau. Sie richtet keine Zeile des Trostes an mich, sie vermeidet vielmehr die Zirkel, in denen sie mich zu finden glaubt. Es wäre gräßlich, wenn ich mir hier die Lösung dieses Räthsels holen müßte. Klementine’s Großmutter, des armen Mädchens einzige Stütze, ist unbemittelt, aber sie spielt gern die große Dame, und liebt Luxus und Bequemlichkeit – großer Gott, ich wage nicht, meine Gedanken weiter auszuspinnen! Es ist ja möglich, daß ich mich getäuscht habe.“

Die Arme verschlungen und die glühenden Blicke nach dem Hause gerichtet, stand er wohl eine halbe Stunde da, als plötzlich die Fenster sich wieder erhellten. Man hörte deutlich das Oeffnen und Schließen der Thüren in dem leicht von Holz gebauten Haus [418] Der Lauscher war in zwei Sprüngen an der Gitterthür, damit er dem Mädchen, wenn es zurückkehrte, deutlich in das Gesicht sehen konnte. Zwei Minuten verflossen, und an der erhellten Treppe im Hintergrunde des Ganges erschienen zwei Personen, die sich deutlich erkennen ließen. Es war eine alte Frau und ein junger Mann. Die Alte war schmutzig gekleidet, trug aber eine große weiße Haube mit breiten rothen Bändern auf dem Kopfe. Ein rothes wollenes Tuch, deren Zipfel auf dem Rücken zusammengeknotet, bedeckte ein altes verschossenes Kleid. Der junge Mann, den sie die Treppe herabgeleuchtet, war höchst elegant gekleidet; er trug einen schwarzen Frack, eine weiße Weste, auf der ein goldenes Uhrgehänge blitzte, eine weiße Atlas-Cravatte und einen feinen Hut. Sein zartes rothes Gesicht trug den Typus jener jungen Leute von neunzehn bis zwanzig Jahren, von denen man sagt, daß sie in dem Comptoir des reichen Vaters arbeiten, um später das große Geschäft desselben zu übernehmen, daß sie außerdem aber das Leben eines Barons führen. Lächelnd ließ er sich von der Alten den Mantel um die Schultern werfen, den er bisher über dem Arm getragen hatte. Dann sah er nach der Uhr, grüßte vornehm herablassend, und verließ die Alte, die klaffend wieder die Treppe hinanstieg. In dem Augenblicke, als er das Hölzgitter öffnete, trat ihm der Offizier entgegen.

„Mein Herr, sind Sie in diesem Hause bekannt?“ fragte er mit bebender Stimme.

„Ob ich hier bekannt bin?“ stammelte bestürzt der Angeredete. „Wie können Sie glauben –!“

„Ich bitte, sagen Sie mir, wer im zweiten Stocke wohnt!“

„Ich weiß es nicht.“

„Aber Sie kommen von dort?“

„Ja!“

„So müssen Sie doch wissen, bei wem Sie gewesen sind?“

Diese rasch und heftig ausgesprochenen Fragen schienen den Gefragten in eine große Verlegenheit zu setzen; er rückte den Hut tief in die Stirn hinab, und zog den Mantel bis an das Kinn hinauf, so daß nur seine Nase sichtbar blieb.

„Haben Sie Gründe, Ihren Besuch zu verheimlichen?“ fuhr der Aufgeregte fort.

„Mein Gott, warum fragen Sie mich danach?“

„Ich bitte nur, mir Auskunft zu geben. Wer war die alte Frau?“

„Die alte Frau? Lieber Herr, ich bedaure, daß ich nicht dienen kann – guten Abend!“

Der Unbekannte sprang bei Seite, und verschwand in einem Seitengäßchen.

„Er fürchtet erkannt zu werden!“ flüsterte der Offizier vor sich hin. „Klementine, Klementine, wenn Du es bist!“

Der arme Mann versank in ein tiefes Nachsinnen. Tod und Leben hing von der Lösung dieser Frage ab. Er wartete noch eine Viertelstunde, die ihm zu einer Ewigkeit ward. Die Arbeiter, die in heitern Gesprächen an ihm vorübergingen, beneidete er; er hielt sich für einen aus der Welt Ausgestoßenen. Da schlug das Rauschen eines seidenen Frauenkleides an sein Ohr. Er blickte auf, und Klementine schwebte an ihm vorüber – er erkannte sie, obgleich sie den weißen Schleier herabgezogen hatte. In dem Lichtkreise der nächsten Laterne hielt ein Fiacre, der langsam herangekommen war, ohne daß ihn der junge Mann bemerkt hatte. Als er aufsah, stieg Klementine ein, und der Wagen rollte davon. Rasch warf er noch einen Blick nach dem Hause, um es dem Gedächtnisse einzuprägen, dann folgte er laufend dem Fiacre, um die letzten Zweifel zu lösen, die er zur Ehre seiner Angebeteten noch hegte. Bald sollte er auch diese Zweifel verlieren.

Der Wagen bog in eine breite, belebte Straße, und hielt vor dem glänzend erleuchteten Laden einer französischen Putzmacherin an. Die Dame stieg aus und ging in den Laden. Als der athemlose Offizier an das Fenster trat, stand Klementine vor dem glänzenden Ladentische, und die Putzmacherin, eine elegante Frau von dreißig Jahren, präsentirte der Käuferin, die nun ihren Schleier zurückgeschlagen hatte, ein Karton mit Federn. Der Lauscher verstand jedes Wort, das in dem Laden gesprochen ward.

„Wählen Sie diese Marabouts,“ sagte die Verkäuferin; „sie sind nicht allein das Neueste bei einer Balltoilette, sie müssen in Ihrem schwarzen Haar auch einen reizenden Contrast bilden. Blondinen würde ich nicht dazu rathen. Ich bitte, legen Sie einen Augenblick den Hut ab und prüfen Sie.“

Klementine löste die Bandschleife und warf den Sammethut auf den Tisch. Die Putzmacherin ergriff einen Maraboutschmuck, neigte sich über den Tisch, und befestigte ihn in den vollen schwarzen Locken der Käuferin. Dann reichte sie ihr einen runden Handspiegel. Klementine betrachtete sich lächelnd und mit großer Zufriedenheit. Ach, und der Lauscher konnte deutlich das jugendliche, anmuthige Gesicht sehen, er konnte bemerken, wie reizend die schneeweißen, wolligen Federn in dem glänzenden Schwarz der Haare standen! Der Flaum des indischen Vogels fächelte bei jeder Bewegung des Engelköpfchens die zart geröthete Wange.

„Habe ich nicht Recht?“ fragte lächelnd die elegante Verkäuferin.

„O, sie hat Recht!“ flüsterte der Offizier mit einer gräßlichen Bitterkeit, indem er seine heiße Stirn an die kalten Glasscheiben drückte. „Klementine ist ein Engel, aber ein gefallener Engel!“

„Nennen Sie den Preis dieses Schmucks,“ sagte die Käuferin, indem sie die Federn in der Hand hielt und betrachtete.

„Zwei Ducaten!“

Klementine zog ihre Börse, und warf das Geld auf den Tisch, ohne um den Preis zu feilschen. Der Offizier, der wußte, daß eine solche Ausgabe für Luxussachen die Kasse Klementine’s bisher nicht erlaubt hatte, bebte bei dem Klange des Geldes zurück. Die Käuferin nahm den Karton, grüßte mit der ihr eigenen, unbeschreiblichen Anmuth, verließ den Laden und sprang leichtfüßig in den Wagen, der rasch davonfuhr.

Wie vernichtet stand der junge Mann an seinem Platze. Er hatte alle seine Hoffnungen, und was noch schmerzlicher war, seinen unerschütterlichen Glauben an die Heiligkeit des Mädchens verloren, das er mit dem Fanatismus der ersten Liebe anbetete. Die schrecklichsten Augenblicke seines Lebens waren eingetreten. Er schwankte zwischen zwei furchtbaren Extremen. Da rüttelte ihn ein Stoß, der seine Schulter traf, empor.

„Vorgesehen, Herr! Ich will die Laden vor die Fenster setzen!“ rief eine rauhe Stimme.

Es schlug neun Uhr, und der Hausknecht schloß die Schaubühne, auf welcher der Offizier die letzte Scene des inhaltschweren Drama’s seines Lebens gesehen hatte. Wie ein Trunkener schwankte er seiner Wohnung zu. Um Mitternacht hatte er ein Schreiben an den General vollendet, worin er um die Entlassung aus dem Dienste nachsuchte. Er zweifelte nicht daran, daß Klementine einen Andern liebte.

II.

Ernst von Below gehörte einer alten, aber armen adeligen Familie an. Er war auf Kosten eines Bruders seines früh verstorbenen Vaters erzogen, und hatte es in seinem dreiundzwanzigsten Jahre bis zum Secondelieutenant gebracht. Auch der Onkel, der ihm bisher eine jährliche Unterstützung von sechshundert Thalern gezahlt, war vor einem Jahre plötzlich am Schlagfluß gestorben. Man glaubte allgemein, Ernst, der ein Liebling des alten Barons von Below gewesen, würde nun auch der Erbe seines großen Vermögens werden: allein ein jüngerer Bruder des Verstorbenen, der Junker von Below, wie man ihn allgemein nannte, hatte nachgewiesen, daß Ernst’s Vater nur ein Halbbruder des verstorbenen Barons gewesen sei, und das ganze beträchtliche Vermögen war nun auf den fünfzigjährigen Junker übergegangen, da der Verblichene kein Testament hinterlassen hatte. Die Entscheidung des Gerichts war ungefähr seit vier Wochen bekannt, und Ernst ein armer Lieutenant geworden, der nichts als seinen Sold hatte. Er bewohnte noch einige Zimmer in dem Hause des Barons, das unter den Linden lag. Die übrigen Räume hatte bereits der Junker bezogen, und Maler und Tapezierer waren beschäftigt, sie fürstlich einzurichten.

Um dieselbe Zeit, als Ernst sein Schicksal in Betreff der Erbschaft, die er im ungünstigsten Falle mit dem Junker zu theilen gehofft, erfahren, hatte er auch einen Brief von der alten Frau von Falk erhalten, worin sie ihn ersuchte, jede Annäherung an Klementine ferner zu vermeiden, da ein Liebesverhältniß, das unmöglich zu einer Ehe führen könne, ein junges Mädchen compromittiren müsse, zumal wenn es nichts als seinen unbescholtenen Ruf besitze.

Ernst sah noch einmal Klementine, und da er in ihrem Betragen eine kalte Zurückgezogenheit zu bemerken glaubte, zog er [419] den Schluß, daß Großmutter und Enkelin sich des enterbten jungen Mannes entledigen wollten. Anfangs hielt er Klementine’s Betragen nur für eine Folge ihres Gehorsams und ihrer Abhängigkeit von der alten Frau, die eine kleine Wittwenpension mit ihr theilte; aber seit den Erfahrungen jenes Abends hatte er jede Hoffnung aufgegeben.

„Sie hat nur meine Bewerbungen angenommen“, dachte er, „weil sie in mir einen reichen Mann zu bekommen glaubte. Den armen Secondelieutenant beachtet sie nicht mehr, sie sucht andere, vortheilhaftere Verbindungen. Aber mit welchem Rechte,“ fragte er sich beschämt, „kann ich ihrem Gange nach der einsamen Straße eine solche Deutung unterlegen? Wenn sie einen Akt der Wohlthätigkeit vollbracht hätte? Gebe Gott, daß ich den reinen Engel durch meine Annahme gekränkt habe, ich will gern die mir selbst auferlegten Qualen ertragen, wenn nur sie von keinem Vorwurfe getroffen wird.“

Nach der unter Zweifeln und Hoffen verbrachten Nacht erschien ihm Klementine in einem andern Lichte als zuvor. Er betete sie an, er liebte sie mit der ausschweifenden Angst der Hoffnung, mit der Wuth der aufgestachelten Eifersucht. Das Verbot der alten eigensinnigen Großmutter galt ihm nichts mehr, an der Auflösung des geheimnißvollen Knotens lag ihm Alles, und er beschloß, ihn zu lösen, es möge kosten, was es wolle. Sein Entlassungsgesuch verbarg er in einem geheimen Fache des Schreibtisches.

Gegen zehn Uhr trat der Junker in sein Zimmer. Es war das erste Mal, daß er den Erben des großen Vermögens begrüßte. Ernst besaß zu viel Takt, um dem alten Gecken den Groll merken zu lassen, der in seinem Herzen schlummerte. Der Junker hatte bereits große Toilette gemacht: er trug einen kostbaren kurzen Pelzrock, um jugendlich zu erscheinen, und eine braune Perrücke, der es deutlich anzusehen, daß sie erst kürzlich aus den Händen des Künstlers hervorgegangen war. An seinen dürren Fingern glänzten kostbare Ringe, und selbst der Knopf seiner neuen Reitgerte war von ciselirtem Golde.

„Vetter,“ rief der Junker in einem heitern Tone, „ich habe ein Versehen gut zu machen!“

„Gegen mich?“ fragte Ernst verwundert, der diese Worte auf sein verwandtschaftliches Verhältniß zu ihm bezog.

„Ich übernahm gestern eine Einladung des Kommerzienraths G. für Dich. Unglücklicherweise habe ich vergessen, die Karte Dir zuzusenden – ich übergebe sie deshalb heute persönlich. Laß diese Verzögerung kein Grund sein, die Einladung abzulehnen. Ich biete Dir einen Platz in meinem Wagen an. Der Ball wird einer der glänzendsten der diesjährigen Saison sein.“

Ernst hatte einen Blick auf die Karte geworfen.

„Diesen Abend ist der Ball?“

„Bedarfst Du so großer Vorbereitungen?“ fragte der Junker.

„Wenn auch das nicht, aber – – –“

„Ich lasse kein Aber gelten, mein bester Vetter! Wir müssen Beide auf dem Balle erscheinenn und damit Punktum.“

„Und dennoch muß ich Sie bitten, allein zu gehen.“

„Warum?“

„Ich bin nicht disponirt, in einer großen Gesellschaft zu erscheinen.“

„Bis zum Abend findet sich die Disposition, und um den ersten Grund dazu zu legen, ist hier eine Anweisung auf sechshundert Thaler. Ich zahle die Rente fort, die Dir mein Bruder bewilligt hat. Man soll nicht sagen, daß ein Below nur von seinem Solde lebt; aber auch eben so wenig soll man glauben, daß uns die Erbschaftsgeschichte entzweit hat. Onkel und Neffe treten zusammen in den Ballsaal und alle Gerüchte und Vermuthungen sind im Keime erstickt. Weigerst Du Dich, Vetter, so muß ich annehmen, daß Du selbst einen Bruch mit mir herbeiführen willst. Du siehst, ich biete zuerst die Hand – willst Du sie nicht annehmen?“

„Onkel,“ rief Ernst, „es kann mir nicht einfallen, den Gekränkten zu spielen; indeß – – –“

„Begleitest Du mich – ja oder nein?“

„Geschieht Ihnen ein Dienst damit, so werde ich Sie begleiten.“,

„-Gut! Also um acht Uhr fährt der Wagen vor. Jetzt will ich zu meinem Tapezierer gehen, um ihm Aufträge zu geben, denn der nächste glänzende Ball, von dem die Residenz spricht, wird in meinem Saale stattfinden. Auf Wiedersehen diesen Abend.“

Der Junker verließ singend das Zimmer und das Haus. Ernst ging zur Parade. Das Wetter war klar und hell, die Wintersonne hatte die Wolken durchbrochen, und, von ihrem Strahle angelockt, sah man eine Menge Spaziergänger unter den Linden. Der Offizier war nicht weit gegangen, als er eine Gruppe von drei Personen vor sich erblickte. Sie bestand aus Klementinen, ihrer Großmutter und einem jungen Manne. Der Letztere ging neben Klementine, und war mit ihr in einem lebhaften Gespräche begriffen. Wer beschreibt die Bestürzung des armen Ernst, als er an der Stimme und der Gestalt denselben Mann erkannte, den er Abends zuvor in der verhängnißvollen Straße gesehen und gesprochen hatte! Heute zeigte sie sich öffentlich mit ihm auf der Promenade und die Begleitung der Großmutter sollte das Verhältniß, das nun nicht mehr abzuleugnen war, bemänteln.

„Lieber Freund,“ rief die anmuthige Stimme Klementine’s, „dort fährt ein leerer Fiacre; ich bitte, rufen Sie ihn.“

„Wollen Sie den Spaziergang nicht mehr fortsetzen?“ fragte der junge Mann.

„Meine Großmutter ist ermüdet.“

„Nun, so mag sie allein nach Hause fahren – das Wetter ist so schön! Ich begleite Sie.“

Dem Offizier erstarrte das Blut in den Adern.

„Dieser Mann,“ dachte er, „darf es wagen, eine solche Insolenz auszusprechen! Vielleicht hat er das Recht dazu.“

„Wollen Sie mir den Dienst nicht leisten?“ fragte Klementine lachend.

„Mit Vergnügen, denn Sie wissen ja, daß ich für Sie mein Leben wage.“

Der junge Mann sprang zur Seite in die Fahrstraße und rief den Kutscher. Der Wagen hielt an. Der Unbekannte half der Großmutter einsteigen, dann, als er Klementine den Dienst geleistet hatte, küßte er ihr die Hand, die sich ihm aus dem Wagen entgegenstreckte. Der Fiacre fuhr davon.

„Ein reizendes Geschöpf!“ flüsterte der Unbekannte wie begeistert so laut vor sich hin, daß es Ernst verstehen konnte, der in diesem Augenblicke an ihm vorüberging.

Gedankenvoll schloß sich der Offizier einigen Kameraden an.


III.

Der Junker hatte indeß das Magazin eines der ersten Tapezierer der Residenz betreten. In dem Comptoir traf er ein junges Mädchen, das mit dem Ausmessen von seidenen Gardinenstoffen beschäftigt war.

„Guten Morgen, meine kleine Doris!“ rief er in dem vertraulichen Tone eines alten Bekannten. „Bist Du allein?“

Das niedliche, rothwangige Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren legte den Stoff auf einen Stuhl, und dankte durch eine zierliche Verbeugung.

„Herr Thaddäus, mein Vetter, befindet sich in dem Hauptmagazine. Ich werde ihn sogleich rufen.“

„Bleibe, Doris!“ rief der Junker, indem er die Hand des Mädchens ergriff. „Es ist mir lieb, wenn ich mit Dir einige Minuten plaudern kann.“

„Mit mir, gnädiger Herr? Ich bin nur ein armes Mädchen, das der Vetter aus Barmherzigkeit zu sich genommen hat. Was kann Ihnen an meiner Unterhaltung liegen? Ja, wenn ich eine große Dame wäre.“

„Du verdienst es zu sein, mein Kind!“ antwortete der Junker, indem er ihr in die Wange kniff.

Doris sprang zurück.

„Ich sehne mich nicht danach!“ rief sie lachend.

„Wenn Du willst, kannst Du mit mir in dem neuen Wagen fahren, den Dein Vetter für mich in der Arbeit hat.“

„Das würde sich für mich nicht schicken.“

„Warum?“

„Weil ich Fritz, unsern ersten Gesellen, bald heirathen werde.“

„Ah, daran thust Du recht, meine liebe Doris! Fritz ist ein geschickter Arbeiter und ein hübscher junger Mann, der ein recht glückliches Loos verdient. Es hängt von Dir ab, ihm ein Kapital zu verschaffen, mit dem er ein eigenes Geschäft begründen kann.“

[420] Das Gesicht des jungen Mädchens überflammte eine hohe Röthe.

„Ich werde den Vetter rufen!“ sagte sie kalt und verließ das Comptoir. Nach fünf Minuten trat Herr Thaddäus ein, ein kleiner, dicker Mann von einigen fünfzig Jahren. Ehrerbietig nahm er sein schwarzes Sammetkäppchen ab, so daß seine große, glänzende Glatze sichtbar war.

„Gnädiger Herr, Sie haben sich ohne Zweifel wegen der neuen Möbelstoffe zu mir bemüht – schon vor einigen Stunden habe ich meinen ersten Arbeiter Fritz zu Ihnen gesendet, um Ihnen Proben der neuesten Muster vorzulegen.“

„Ich habe weder Monsieur Fritz, noch die Proben gesehen.“

„Und Sie kommen direkt aus Ihrer Wohnung?“ fragte erstaunt der alte Tapezierer.

„Direkt!“

„Das ist entsetzlich! Diesen leichtsinnigen Burschen werde ich aus meinem Hause jagen! Er läßt sich Nachlässigkeiten über Nachlässigkeiten zu Schulden kommen, und oft, wenn ich glaube, er zeichnet Muster, treffe ich ihn beim Romanlesen. Verzeihung, gnädiger Herr –“

„Hat nichts zu sagen, lieber Freund!“ unterbrach den kleinen aufgeregten Mann lächelnd der lange Junker. „Ich wäre dennoch zu Ihnen gekommen, da ich ein Geschäft zu besprechen habe.“

Der Tapezierer holte einen Stuhl herbei, auf dem sich der Edelmann niederließ.

„Ich stehe zu Diensten, gnädiger Herr!“

„Soviel ich weiß, haben Sie schon die Aufträge meines verstorbenen Bruders besorgt?“

„Ja, gnädiger Herr. Als er vor zwanzig Jahren von seinen Gütern in die Residenz zog, habe ich ihm sein Hotel vollständig eingerichtet. Möbel, Vorhänge, Teppiche, Wagen – alles ist meine Arbeit. Die Tapeten – nun, sie sind freilich ein wenig aus der Mode gekommen – –“

„Darüber wollte ich mit Ihnen sprechen. Ich habe nämlich die Absicht, die ganze erste Etage neu tapezieren zu lassen, die alten Möbel zu verkaufen und neue anzuschaffen. Sie übernehmen die alten Sachen, rechnen Sie mir zu guten Preisen an und liefern mir geschmackvolle, neue.“

„Ich werde Sie gut und reell bedienen, gnädiger Herr. Wann kann die Arbeit beginnen?“

„Heute, morgen – wenn mir in drei Wochen alles vollendet ist.“

„Verlassen Sie sich darauf.“

„Sie kennen das kleine blaue Zimmer neben dem Saale?“

„Ja.“

„Ich empfehle es vorzüglich Ihrer Kunst und Ihrem Geschmacke. Verwandeln Sie es in ein reizendes Damen-Boudoir, in einen wahren Feentempel. Seidene Tapeten, seidene Vorhänge, Gobelins, englische Möbel mit einem Worte, denken Sie, daß es eine Fürstin bewohnen wird.“

„Eine Fürstin!“ rief lächelnd der alte Thaddäus. „So darf ich mir erlauben, meinen Glückwunsch abzustatten?“

„Still!“ rief mit einem feinen Lächeln der Junker. „Die Sache bleibt vor der Hand noch Geheimniß. Sowohl meine politischen als meine andern Freunde dringen in mich, daß ich mir eine Frau aus einer alten, guten Familie nehme. Ich habe mich gestellt, als ob ich keine Neigung zum Heirathen hätte; aber schon seit vier Wochen ist meine Wahl getroffen.“

„Ist’s möglich!“ .

„Ja, mein Freund, ein junges, reizendes Mädchen, die erste, pikanteste Schönheit Berlins erhält meine Hand. Es ist alles abgemacht, und sobald Ihre Kunst mein Hotel zu ihrem Empfange würdig eingerichtet hat, führe ich sie zum Erstaunen der Welt heim. Ich bin ein Freund von Ueberraschungen – also Verschwiegenheit, Eile, Geschmack und Kunst. Von bestimmten Grenzen der Preise kann natürlich nicht die Rede sein.“

„Gnädiger Herr, ich wollte eigentlich meinen Werkführer Fritz noch heute aus dem Hause jagen, um ihn für seine Nachlässigkeiten zu bestrafen; diesen Act der Gerechtigkeit werde ich nun aufschieben, bis ich Ihre Aufträge vollzogen habe, denn der Bursche ist mein bester Arbeiter. Heute Nachmittag werde ich die Locale besichtigen, und morgen soll die Arbeit beginnen. Die alten Möbel lasse ich in mein Magazin schaffen und werde sie, Behufs Anrechnung, gewissenhaft abschätzen.“

Thaddäus legte dem Junker nun Zeichnungen von Möbeln und Zimmerausschmückungen vor. Während dieser Zeit fand in dem angrenzenden Magazine folgende Scene statt. Doris hatte sich dorthin zurückgezogen, um den Zudringlichkeiten des verliebten Junkers zu entgehen. Man kann sich darüber nicht wundern, denn Doris war wirklich ein liebliches, anmuthiges Kind. Sie trug ihren Fuß in einem so niedlichen Schuhe, daß man kaum einen leichten, schwarzen Streifen zwischen dem Fußboden und ihrem weißen Strumpfe bemerkte. Ein solcher Schuh ist eine eigenthümliche Grazie der berliner Mädchen, die den ganzen Tag in einem Magazine verbringen. Dieselbe nachlässige Sorgfalt, mit der die zierlichen Füßchen gepflegt werden, nimmt man auch bei dem leichten grünen Thibetkleide wahr, das sich eng den Körperformen anschließt, um sie zierlich abzuzeichnen. Das Kleid bedeckt alles mit großer Züchtigkeit, aber es läßt die Schönheit und jugendliche Fülle des Oberkörpers ahnen. Das kleine schwarze Sammethalsband mit Bronceschloß hebt die weiße Farbe der Haut hervor, ebenso die schmalen schwarzen Bänder an den Handgelenken, die in kleinen Schleifen zusammengebunden sind. Die schwarze Taffetschürze ist nur dazu vorhanden, um die Feinheit der Taille mehr hervorzuheben, und mit ihren kleinen Taschen die Hälfte der kleinen Hände aufzunehmen. Doris kannte zwar die Vortheile dieser kleinen Toilettenkünste nicht, aber sie übte sie, weil sie es so gesehen hatte. In diesem Unbewußtsein lag ein Reiz mehr für den Beobachter. Sie hatte ein feines Gesicht, rosige Wangen, weißen Teint, dunkelblaue blitzende Augen, eine sanftgewölbte Stirn und sorgfältig gescheitelte braune Haare.

[429] „Der insolente Mensch!“ rief sie zornig aus, indem sie das Magazin betrat, dessen Glasthür die Aussicht auf die Straße bot. „Bei jeder Gelegenheit verfolgt er mich mit seinen beleidigenden Anträgen. Ich wette, daß der Brief, den ich gestern erhielt, von ihm kommt! Aber ich werde mich hüten, ihn zu lesen, denn das wäre ein Verrath an meinem Fritz, den ich von ganzem Herzen liebe. Und daß er mich wiederliebt, darf ich nicht bezweifeln. Warum putzt er sich so, warum verwendet er seinen ganzen Verdienst auf schöne Kleider? Ach, ich mache es ja eben so, um ihm zu gefallen, und hätte ich schönere Sachen, ich würde sie stets tragen. Wahrhaftig, Fritz sieht nicht aus wie ein Tapezierer, er gleicht einem jungen Kaufmanne, der in einem Comptoir arbeitet. Wo er nur so lange bleibt? Der Vetter hat Recht, auf ihn böse zu sein, und ich möchte jedesmal mit ihm zanken, wenn er so lange ausbleibt. Aber ich kann es nicht, sobald er mir die Hand reicht und mich anlächelt, ist mein Zorn verschwunden.“

Sie trat an das Fenster und sah die Straße hinab.

„Dort kommt er endlich!“ flüsterte sie freudig erschreckt. „Er trägt den neuen Talmamantel, von dem er mir gesagt hat. Wahrlich, ein Kaufmann kann nicht stattlicher aussehen. Man möchte glauben, er sei für die eleganten Kleider geschaffen. Ach, und wie schön der Hut auf dem braunen Lockenkopfe aussieht. Gerechter Gott, was ist das? Er grüßt und starrt dem Wagen nach – da kommt ein anderer angefahren – Fritz, treten Sie bei Seite! Wie sich die Pferde bäumen! Fritz, um Gotteswillen –!“

Doris wandte sich ab und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen, als ob sie das schreckliche Schauspiel nicht länger mit ansehen könne.

Da ließ sich auf der Straße ein lautes Lachen vernehmen, und eine Stimme rief: „Fahrt nur zu, ich komme nicht unter Euere Pferde! Ueber diese ängstlichen Menschen!“

Gleich darauf ward die Thüre geöffnet und Fritz trat ein.

Zitternd wandte sich die erschreckte Doris dem Eintretenden zu.

„Ach, da sind Sie ja, und ich glaubte – –“

„Was?“ fragte Fritz, indem er seinen Arm um ihre schlanke Taille legte, und ihr freundlich in das Gesicht sah.

„Daß Sie unter die Räder gekommen wären.“

„Thörichte Furcht, meine liebe Doris! Das wäre Schade um meinen neuen Mantel gewesen! Nun, wie steht er mir! Wie gefalle ich Ihnen?“ fragte Fritz, indem er sich in Positur warf.

„Vortrefflich!“ rief Doris, der bei diesem Anblicke aller Schreck vergangen war. Ach, wenn Sie Vetter Thaddäus sieht.“

„Warum?“

„Damit sich sein Zorn über Ihr langes Ausbleiben legt.“

„Ob der Alte zornig ist oder nicht, das kümmert mich wenig! Jetzt ist es Mittag, und ich als Werkführer und Zeichner habe zwei Stunden Zeit zum Essen. Diese Musestunden werde ich zum Lesen eines Romans verwenden.“

„Wie, jetzt wollen Sie lesen?“

„Ein anständiger Mann, mein Fräulein, findet mehr Genuß an einer geistigen Speise, als an einer wohlbesetzten Tafel. Ein guter Roman ist für mich ein Leckerbissen. Man schöpft aus ihm Lebensklugheit, Anstand, Sitte und schöne Redensarten, die man bei vorkommenden Gelegenheiten anwenden kann. Ach, und vorzüglich die französischen modernen Sachen! Wie elegant, wie galant und pikant! Lesen Sie französische Romane, Doris, und Sie werden eine vollkommene Dame.“

In diesem Augenblicke ließ sich der Ton einer Klingel vernehmen.

„Der Vetter!“ sagte Doris. „Ich will zu ihm gehen.“

Sie entfernte sich.

„Und ich,“ flüsterte Fritz, „werde meine geborgten Kleider ablegen; Herr Thaddäus möchte doch nicht ganz damit einverstanden sein, daß ich den Stutzer spiele. Ach, diesen Morgen bin ich mit ihr unter den Linden spazieren gegangen! Welch ein reizendes, liebenswürdiges Mädchen! Und dieses Glück verdanke ich diesem Talmamantel, meinem Anstande und meiner geistreichen Unterhaltung. Wüßte sie, daß ich ein Tapezierer wäre, sie würde sich hüten, mit mir zu sprechen. Ich bin so glücklich, so selig, daß mir der Appetit zum Essen vergangen ist. Wie die Offiziere nach mir herüberschielten, man sah den Neid und die Mißgunst in ihren Blicken. So weit habe ich es gebracht, daß ich mit den Gardeoffizieren rivalisire! Ich schlage sie alle aus dem Felde, ich muß siegen!“

Während dieses Monologs hatte Fritz einen von den prachtvollen Kleidersecretairs geöffnet, die eleganten Kleider, die er abgelegt, hineingehangen, und die Thüre wieder verschlossen. Dann zog er seinen Arbeitsrock an, band eine grüne wollene Schürze vor, holte aus deren Tasche ein Buch, setzte sich auf einen Stuhl neben dem Fenster und begann zu lesen. So traf ihn die zurückkehrende Doris. Leise trat sie neben seinen Stuhl und flüsterte ihm in’s Ohr:

„Herr Fritz!“

„Was giebt’s?“ fragte der junge Mann ohne aufzusehen.

.Man hat mir einen Brief geschrieben.“

„Einen Liebesbrief?“

[430] „Ich glaube.“

„Viel Glück!“ antwortete Fritz gleichgültig.

Das arme Mädchen schwieg traurig einen Augenblick still; dann faßte sie Muth, und fragte: „Sind Sie nicht neugierig zu wissen, von wem er kommt?“

„Nun?“

„Von einem großen Herrn.“

„Das ist romantisch!“ rief Fritz aufsehend. „Wer ist dieser große Herr?“

„Nun, mein lieber Fritz, Ihnen habe ich nichts zu verbergen – ich glaube, der Briefschreiber ist der alte Junker von Below.“

„Den kenne ich! Doris, nehmen Sie sich in Acht! Der Junker ist ein zweiter Don Juan, ein wahrer Lovelace, wie der herrliche Paul de Kock sagt. Bei dem Rauschen eines Frauenkleides bebt er zusammen, und ein hübsches Mädchengesicht läßt ihn zu Mitteln seine Zuflucht nehmen, die elegant, aber fürchterlich sind. Hüten Sie sich, Doris, der Junker ist das Unglück aller hübschen Mädchen.“

„Fritz, ich versichere Sie, daß ich den Mann nicht leiden mag, obgleich er stets mit mir freundlich ist. Ich empfinde ein Grauen“ –

„Gut gesagt, ein Grauen empfinden! Der Ausdruck ist schön! Doris, es giebt Erscheinungen im menschlichen Leben, die – –“

Der Redner ward durch das Oeffnen der Glasthür unterbrochen. Eine Gestalt erschien, die völlig geeignet war, die Empfindung zu erwecken, von der Fritz soeben mit Enthusiasmus sprach. Ein langer, trockner Mensch trat herein, dessen überglastes Gesicht einen tiefen, eisigen Gedanken aussprach. Der Blick seines großen braunen Auges unter schwarzen buschigen Brauen war voll kalter Ironie und grenzenloser Anmaßung. Sein langes, von unzähligen Runzeln durchzogenes Gesicht war bleifarbig, und als er den Hut abnahm, zeigte sich ein haarloser, viereckiger Schädel. Einige flache graue Haarbüschel fielen von beiden Schläfen herab auf den Kragen seines einfachen blauen, bis an den Hals zugeknöpften Rocks, in dessen Knopfloche ein Ordensband von so ungewissen Farben sich befand, daß es selbst der feinste Kenner nicht unterschieden haben würde. Hätte das Gesicht nicht das wunderbare Gepräge von kalter Verachtung und tiefer Philosophie getragen, man würde den herrlichsten Don Ouixote-Kopf vor sich gehabt haben. Sein Körperbau war schlank und knochig, und ließ auf eine für sein Aussehen ungewöhnliche Kraft schließen. Der Hut, den er in der feinen weißen Hand hielt, war ziemlich neu, wie sein schlichter Rock.

Doris war erschreckt hinter Fritz zurückgetreten, der sich erhoben hatte, und den seltsamen Fremden mit fragenden Blicken ansah.

„Wo ist der Herr dieses Magazins?“ fragte eine schöne, volltönende Baßstimme.

In demselben Augenblicke öffnete sich die Thür des Comptoirs, und Herr Thaddäus erschien.

„Er steht vor Ihnen,“ sagte Fritz, auf seinen Prinzipal deutend.

„Mein Herr,“ sagte der Fremde, „Sie sind beauftragt, die alten Möbel des verstorbenen Barons von Below in Empfang zu nehmen, und dafür neue zu liefern?“

„Ja, mein Herr,“ antwortete der Tapezierer. „So eben hat mich der Bruder des Verstorbenen verlassen, nachdem er mit mir das Geschäft geordnet.“

„Ich weiß es. Sie werden natürlich, da Sie Geschäftsmann sind, die Sachen wieder verkaufen?“

„Allerdings, aber, mein Herr, der Handel sollte noch ein Geheimniß bleiben, und Sie wissen schon jetzt davon?“ fragte Herr Thaddäus verwundert.

Der Fremde blieb kalt und ruhig wie zuvor.

„Fürchten Sie nicht, daß man Ihnen eine Indiskretion zur Last legt,“ antwortete er. „Ich erfuhr das Geheimniß – da Sie es einmal so nennen – früher als Sie. Pietät für den Todten veranlaßt mich, seine Geräthe anzukaufen, und damit mir ein anderer Käufer nicht vorgreift, entbiete ich mich jetzt, Ihnen den Preis zu zahlen, den Sie fordern werden. Die einzige Bedingung dabei ist, daß die Sachen bleiben, wie sie sind. Jede Neuerung, auch die kleinste, würde ihren Werth für mich beeinträchtigen. Es liegt in Ihrem Geschäftsinteresse, daß unser Handel dem Junker verschwiegen bleibe. Sind Sie geneigt?“

„Ich sehe keinen Grund, der mich abhielte. Da ich aber noch nicht im Besitze der Sachen bin –“

„Ganz recht; ich fordere nichts als die Zusage, daß ich die Vorhand bei dem Verkaufe habe.“

„Diese sichere ich Ihnen zu.“

„So nehmen Sie hundert Thaler als Angeld!“

Der Fremde holte ein Portefeuille hervor, und legte die genannte Summe in Banknoten auf einen Tisch.

„Wenn werde ich wieder anfragen können?“

„Morgen!“ antwortete der Geschäftsmann.

„Also morgen!“

„Und mit wem habe ich die Ehre –?“

„Mein Name thut nichts zur Sache, da ich bei Empfang der Möbel baar bezahle.“

Der Käufer grüßte und verließ das Magazin. Herr Thaddäus, ein mehr als sparsamer Mann, prüfte hastig die Banknoten, und eilte in sein Comptoir, um sie in einem eisernen, feuerfesten Geldschranke zu verschließen. Die arme Doris, die gern noch mit Fritz geplaudert hätte, mußte ihn begleiten. Fritz wollte seinen Platz wieder einnehmen, als er ein Papier am Boden erblickte.

Er hob es auf – es war ein offener Brief mit der Adresse: „Herrn Julian, durch Frau Hammerschmidt in der Z…straße.“

„Diesen Brief hat der romantische Fremde verloren,“ dachte Fritz. „Aber da fällt mir ein, daß Frau Hammerschmidt in der Z…straße meine Lieferantin ist, die mir die eleganten Kleider gegen einen guten Miethzins verleiht – die Alte treibt mancherlei Geschäfte, sie steht auch mit diesem Manne in Verbindung. Müßte ich jetzt nicht in dem Magazine bleiben, ich würde sogleich zu ihr gehen, und den Brief zurückgeben.“

Fritz war ein zu eifriger Leser, als daß er es sich hätte versagen können, den Inhalt des Briefes zu erfahren. Er sah noch einmal in die Straße hinaus, ob der Fremde nicht zurückkehrte, dann las er folgende Zeilen:

„Erwarten Sie mich diesen Abend nicht, Großmutter ist nicht davon abzubringen, den Ball bei dem Kommerzienrathe zu besuchen, und ich muß sie begleiten, wenn ich sie nicht empfindlich kränken will. Sie wissen ja, daß mir eine Stunde bei Ihnen lieber ist, als eine ganze Nacht in der glänzendsten Gesellschaft. Morgen Abend halb acht Uhr sehen Sie mich wieder. Für heute muß ich der Großmutter folgen, damit unser Geheimniß nicht verrathen werde.                Ihre Klementine.“

„Klementine – Großmutter?“ fragte sich Fritz bestürzt, indem er die Hand an die Stirn legte. „Und dann diese Handschrift, die mir so bekannt vorkommt?“

Hastig zog er eine kleine Schreibtafel aus der Tasche seiner Weste, holte ein sorgfältig zusammengelegtes Papier hervor, und verglich die Zeilen desselben mit denen des Briefes.

„Ich bin verloren!“ rief er pathetisch aus. „Dieselbe Klementine hat diesen Brief geschrieben! Morgen Abend halb acht Uhr bin ich bei Mutter Hammerschmidt, und treffe ich meinen Nebenbuhler, so jage ich ihm eine Kugel durch den Kopf! Die reizende Klementine kann nur mich lieben, und ich habe ein Recht, ihre Liebe zu fordern.“

Fritz warf sich auf einen Stuhl, und begann zu lesen, um auf andere Gedanken zu kommen.

IV.

Es schlug neun Uhr, als der Junker mit seinem Neffen Ernst in den Saal des Kommerzienraths trat. Der Onkel trug seine Civilkleider, der Neffe die Uniform seines Regiments. Beide wurden von dem Hausherrn freundlich empfangen. Dann trennten sie sich, um in der glänzenden Menge bekannte Personen zu begrüßen. Eine rauschende Ballmusik begann bei Hunderten von Wachskerzen, die den glänzenden Saal taghell beleuchteten. Die Paare ordneten sich, und traten zur Eröffnungspolonaise an, die von einem leichtfüßigen Tanzmeister, der damals in der Mode war, geführt ward. Die Töne des Orchesters leiteten eine jener übermüthigen Banquiers-Fêten ein, die keinen andern Zweck haben, als den bürgerlichen Reichthum vor dem Adel glänzen zu lassen, und den Vorurtheilen Hohn zu sprechen, denen sich der Geldmann bei dem Junkerthume ausgesetzt wähnt. Nur wenig Jahre waren seit der letzten verhängnißvollen Revolution verflossen und schon tanzten Liberalismus und frommer Conservatismus nach den Rhythmen [431] einer untergegangenen Nation. Beide reichten sich brüderlich die Hände, und hielten mit fröhlichen Gesichtern gleichen Schritt. Das Gold des Banquiers hatte alle Gesinnungen unter dem Mantel des Vergnügens vereinigt.

Ernst stand in der Nähe der Eingangsthür und betrachtete sinnend die glänzenden Wogen. Da rauschte an ihm ein Paar vorüber, dessen Anblick ihn aus seinem Brüten emporriß. Es waren Klementine und der lange Junker. Sie war in Weiß gekleidet, einfach und edel, und das braune Haar schmückten dieselben Marabouts, bei deren Ankauf er ein versteckter Zeuge gewesen. Ueberraschte ihn Klementine’s Anwesenheit auf dem Balle, so setzte ihn die Miene des Onkels in Erstaunen, mit der er seine reizende Tänzerin an ihm vorüberführte. Ein höhnendes triumphirendes Lächeln umspielte seine schmalen Lippen, und die blitzenden Blicke seiner kleinen Augen schienen zu fragen: begreifst Du nun, warum Du mich zum Balle begleitet hast?

Welche Betrachtungen drängten sich dem unglücklichen, eifersüchtigen Offizier auf! Mit einem Blicke sah er Klementine in jener einsamen Straße, in dem Modemagazine, unter den Linden an der Seite des jungen Mannes, der die Großmutter allein nach Hause schicken wollte, und hier an der Hand des Junkers, der ihn gleichsam gezwungen hatte, ihn zu begleiten.

Die Polonaise war zu Ende, und die Damen saßen an ihren Plätzen. Da sah Ernst, wie der Junker die Großmutter im Gespräche langsam durch den Saal führte, und mit ihr in einem Seitenzimmer verschwand, Klementine saß allein auf einem prachtvollen Sessel, und fächelte mit dem Fächer ihr glühendes Angesicht. Sie hatte ihn gesehen, er grüßte, und wie von ihren magnetischen Blicken angezogen, trat er zu ihr, und ließ sich auf dem Sessel nieder, den die Großmutter verlassen hatte. Lächelnd reichte sie ihm ihre kleine, mit zarten Handschuhen bekleidete Hand.

„Ein seltenes Glück!“ flüsterte sie mit der ihr eigenen Anmuth und Lieblichkeit.

„Ich kann nicht glauben, daß Sie mich vermissen, Klementine!“ flüsterte Ernst mit vor Aufregung bebender Stimme.

„Schon wieder Präsumtionen!“ rief sie ein wenig verletzt. „Nur Geheimnisse lassen Annahmen zu, und ich – –“

„Sie haben keine Geheimnisse?“ fragte Ernst in einem bittern Tone.

Klementine hob mit reizender Koketterie ihr Köpfchen empor.

„Ich müßte lächerlich erscheinen, wenn ich hier dieselben Betheuerungen wiederholte, die ich schon so oft Ihnen ausgesprochen habe. Es besitzt allerdings jedes junge Mädchen kleine Geheimnisse – –“

„Und die Mittheilung eines Geheimnisses setzt eine Freundschaft voraus, die ich vielleicht nicht verdiene. Doch, gleichviel, Klementine, haben Sie Geheimnisse, so können sie nur unschuldig und ehrwürdig sein, und Niemand hat das Recht, darüber zu spötteln.“

„So sind die Männer!“ flüsterte sie mit einem Seufzer, und indem sie auf Ernst einen schmerzlichen Blick sandte. „Ueberall wittern sie Geheimnisse, der kleinste, unscheinbare Anlaß erregt ihnen Argwohn, und jeder Schritt eines armen Mädchens wird ihrer Kritik unterworfen. Wenn Sie mich mit den gewöhnlichen Männeraugen betrachten, Ernst, so müßte ich von Ihrem Herzen eine sehr schlechte Meinung fassen.“

„Klementine, Sie fordern, daß ich eine Ausnahme mache, und gerade ich?“

„Wenn ich weniger als ein unbedingtes Vertrauen von Ihnen erwartete, müßte ich Sie nie geachtet haben. Selbst der Versuch einer Rechtfertigung würde eine Anklage begründen, die ich nicht verdiene.“

„Und dennoch, Klementine, zerreißt ein furchtbarer Zweifel mein Herz!“

„Was wollen Sie sagen?“ fragte sie verletzt.

„Ich bitte um ein Wort der Aufklärung!“

„Mein Herr, Sie haben mich nie verstanden, sonst würden Sie mich nicht beleidigen!“

„Ich verstehe Sie nur zu gut, Klementine, und deshalb bewundere ich Sie!“

„Das ist viel!“ flüsterte sie mit bebenden Lippen.

Der junge Mann bereuete, daß er so weit gegangen war, und dennoch erlaubte ihm das furchtbare Gefühl der Eifersucht nicht, umzukehren. Beobachtet von den Ballgästen, mußte er verhindern, daß seine Mienen den Zustand seines Innern verriethen; er neigte sich zu ihr und fragte leise:

„Sie waren gestern Abend in einem Hause der Z…straße? zu Fuß – allein –?“

„Warum nennen Sie diese Straße?“ fragte sie, und ihre Aufregung schien plötzlich verschwunden zu sein. Ihre reine kindliche Stimme ließ nicht die geringste Bewegung ahnen, sie erröthete nicht und das himmlische Auge sah ihn ruhig an, als ob es ihm den Vorwurf ersparen wollte, den diese so eben ausgesprochene Frage verdiente.

„Sie waren nicht dort, Klementine?“ fragte er verwirrt weiter, als sie schwieg. „Ein Fiacre nahm Sie nicht auf und brachte Sie nicht nach dem Modemagazine, wo Sie die Federn kauften, die in Ihrem Haare prangen?“

„Ich bin den ganzen Abend in meinem Zimmer gewesen.“

„Wie?“

„Und Alles, was Sie sonst erzählen, ist mir völlig fremd.“

Diese Worte sprach sie so ruhig und mit so offener Stirn, daß sie das Gepräge der reinsten Wahrheit trugen. Dann setzte sie mit einer unbeschreiblichen Grazie ihren Fächer in Bewegung, und fächelte sich Luft zu. Ernst hätte sein Leben darum gegeben, wenn es ihm möglich gewesen wäre, in diesem Augenblicke in ihr Herz zu sehen. Klementine war entweder eine Heilige, die er schwer gekränkt hatte, oder sie war eine Heuchlerin, die größte Virtuosin in der Verstellungskunst.

„In diesem Falle muß jene Dame eine wunderbare Ähnlichkeit mit Ihnen haben,“ flüsterte er.

„Mein Herr,“ antwortete sie mit jener kalten Artigkeit, die bei jungen Damen zu einer reizenden Impertinenz wird, „mein Herr, ich will zu Ihrer Ehre nicht glauben, daß Sie den Frauen Abends nachschleichen, um ihre Geheimnisse zu erspähen.“

In diesem Augenblicke kam der Junker und Klementine’s Großmutter zurück. Ernst erhob sich und räumte der alten Dame seinen Platz ein. Das Orchester begann einen lieblichen Walzer, der lange Junker lud Klementine zum Tanzen ein, sie nahm die Einladung lächelnd an, und das ungleiche Paar schwebte durch den Saal. Die Großmutter unterhielt sich mit der Kommerzienräthin, die Klementine’s Platz eingenommen hatte.

Ernst warf sich auf einen Polster der nächsten Nische. Die verschiedenartigsten Gedanken durchkreuzten seinen Kopf, der wie im Fieber brannte. Seine Leidenschaft für das junge Mädchen wuchs mit den Hindernissen, die sie selbst ihm entgegenstellte. Was sollte er nach diesem Gespräche von Klementine halten? Er wußte nicht, ob er sie verdammen oder freisprechen sollte. Sie lebte in seinen Gedanken und in seinem Herzen, er fand sie reizender in dem ungewissen Lichte des sie umgebenden Argwohns, als in dem Heiligenscheine der Tugend, die sie zu seinem Ideale gemacht hatte. Da weckte ihn plötzlich der Junker aus seinem tiefen Nachsinnen.

„Vetter, Du bist wahrlich zu einem Balle nicht disponirt!“ rief er lachend. „Anstatt Dir eine schöne Tänzerin zu wählen, liegst Du träumend in einer einsamen Ecke des glänzenden Saals. Komm mit mir in das Büffet, der Champagner des Banquiers ist vortrefflich! Eine Flasche wird hinreichen, um Dich für die Nachricht empfänglich zu machen, die ich Dir mitzutheilen habe.“

„Was ist es?“ fragte Ernst. „Wen betrifft es – Sie oder mich?“

„Mich, Vetter, mich!“

„Jedenfalls ist es etwas Angenehmes?“

„Und für meine Freunde etwas Ueberraschendes, Ungeheures.“

„Kommen Sie zur Sache.“

„Dieser Abend hat über meine Zukunft entschieden.“

„Wie?“

„Ich verheirathe mich.“

„So nehmen Sie meinem Glückwunsch.“

„Danke!“

„Und wer ist die Glückliche?“

„Du kennst sie, Vetter! Errathe!“

„Frau von Falk?“

Der Junker brach in ein lautes Lachen aus, dann rief er spöttisch: „Dein Scharfsinn ist enorm, Vetter! Du verdientest eine Anstellung bei der geheimen Polizei!“

Verlegen schwieg Ernst, denn er erinnerte sich des kalten Vorwurfs, den ihm Klementine gemacht hatte.

[432] „Nun,“ fuhr der Junker fort, „kannst Du keine bessere Wahl für mich treffen?“

„Nein!“

„Dann erlaube mir, daß ich Deine irrigen Ansichten berichtige. Nicht die Großmutter, sondern die Enkelin wird meine Frau.“

„Klementine?“ fuhr Ernst empor.

„Klementine von Falk, die reizendste Dame Berlins. Ist sie auch arm – was thut’s? Ich besitze Geld, und sie bringt mir Schönheit, Jugend, Geist und einen alten, untadelhaften Adel. Mehr kann ein Mann als Entschädigung für seine Freiheit nicht fordern. In vierzehn Tagen ist die Verlobung, und wiederum in vierzehn Tagen die Hochzeit. Ich glaube, besser kann ich das Vermögen meines Bruders nicht anwenden, denn Klementine ist seine Pathe, die er stets liebte und auszeichnete. Vetter, Du bist mein Gast zur Verlobung und Hochzeit!“

Der Junker entfernte sich, und schloß sich den beiden Damen an, die langsam durch den Saal gingen.

„Was ist das? Was ist das?“ dachte Ernst, indem er beide Hände an seinen heißen Kopf legte. „Die Zuschrift der alten Dame, die sich des reichen Erben versichern will, ist jetzt erklärt. Der arme Neffe muß dem reichen Onkel weichen. Aber Klementine – willigt sie in den Tausch? Nach den Vorfällen dieses Abends muß ich es annehmen. Sie ist keiner wahren Liebe fähig, sie strebt nur nach Reichthum. Ihr Wunsch ist erfüllt, denn der Junker besitzt ein großes Vermögen. Wie aber lassen sich in diesem Falle ihre geheimnißvollen Gänge erklären? Was führte sie in das elende Haus jener abgelegenen Straße? Warum zeigt sie sich öffentlich mit dem jungen Manne, von dem sie abhängig zu sein scheint? Welch ein Labyrinth von Intriguen!“

Ernst’s Gedanken verwirrten sich. Bald ward er von einer heißen Wuth gefoltert und er schwur, das Geheimste dieser Intriguen zu ergründen – bald hätte er weinen mögen über den Fall des armen Mädchens. Aber immer beherrschte seine leidenschaftliche Liebe die wechselnd aufkeimenden Gefühle. Den Engel hatte er verloren, und den göttlichsten der Dämonen hatte er wieder gefunden. Er verurtheilte Klementine wie eine Sünderin, aber er liebte sie wie eine Heilige.

Das Zeichen zur Tafel ward gegeben. Die Gäste verschwanden nach und nach in dem angrenzenden Saale, in dem sich die Tafelmusik vernehmen ließ. Ernst wollte den Ausgang gewinnen, um nach Hause zu gehen, aber der langsame Strom der Gäste zwang ihn, hinter einem Pfeiler stehen zu bleiben. Da erschien auch Klementine an dem Arme des strahlenden Bräutigams.

„Morgen Abend führe ich Sie in die Oper,“ sagte er galant. „Musik und Dekorationen sind magnifique!“

„Ich gebe es zu,“ antwortete Klementine, „aber ich muß danken.“

„Lieben Sie die Oper nicht?“

„Nein!“

„So führe ich Sie in das französische Lustspiel.“

„Ich bin für morgen Abend versagt – eine Freundin – –“

Die folgenden Worte konnte Ernst nicht mehr verstehen. Er hatte genug gehört. Wie betäubt verließ er das Haus des Banquiers. Noch eine Stunde irrte er durch die kalten Straßen, dann betrat er seine Wohnung. Ein Fieber schüttelte ihn, daß er sein Bett suchen mußte. Er wachte noch, als die Karosse des Junkers gegen Morgen den glücklichen Bräutigam heimbrachte. Gegen Mittag ließ er sein Entlassungsgesuch abgehen.


V.

Der Abend war dunkel, und ein kalter Wind peitschte die ersten Schneeflocken durch die Luft. Kaum hatte es sieben geschlagen, als Ernst, in einen Mantel gehüllt, die Z…straße betrat und vor dem uns bekannten Hause auf- und abzugehen begann. Die letzten Worte, die er von Klementine auf dem Balle gehört, hatten ihm zu dem Argwohn Veranlassung gegeben, daß sie heute ihren geheimnißvollen Besuch wiederholen würde. Seine Eifersucht brachte diesen Besuch mit dem jungen Manne in Verbindung, der ihm vorgestern an der Gitterthür des Ganges entschlüpft war.

Der arme Ernst, von Zweifel und banger Hoffnung gefoltert, dachte nicht an das Herabwürdigende seiner Lage und seines Beginnens.

„Wird sie kommen,“ fragte er sich, „da sie weiß, daß ich das Ziel ihres Ganges kenne? Oder wird sie die Zusammenkunft mit dem unbekannten Galan an einen andern Ort verlegt haben?“

Die Antwort auf die zweite Frage sollte er bald erhalten. Kaum hatte er zehn Minuten das alte finstere Haus betrachtet, als er Schritte auf dem Pflaster hörte. Er wandte sich und in dem Lichtkreise der zehn Schritte entfernten Laterne ward ein Mann in einem kurzen Mantel sichtbar.

„Er kommt, nun wird auch sie nicht ausbleiben!“ dachte Ernst.

Schnell trat er in den finstern Gang und lauschte. Sein Herz schlug rasch und fieberhaft. Die Schritte kamen näher, und der Mann trat in den Gang. Es war dasselbe Gesicht, das er bereits gesehen hatte, die von der Treppe her leuchtende Lampe zeigte deutlich seine Züge. Es bedarf wohl kaum einer Erwähnung, daß der Eintretende kein anderer war als Fritz, der junge Tapezierer. Als er die Gestalt in dem großen Mantel erblickte, blieb er bestürzt stehen.

„Mein Herr,“ sagte Ernst halb laut, „wir treffen uns heute zum zweiten Male an diesem Orte. Vorgestern wichen Sie mir durch die Flucht aus – ich hoffe, Sie werden jetzt den Muth haben, mir Rede zu stehen.“

„Mein Herr,“ fragte Fritz, „mit welchem Rechte versperren Sie mir den Weg?“

„Mit dem Rechte, das mir die Erhaltung der Ehre einer Dame giebt, die binnen Kurzem in meine Familie eintritt. Es gilt, ein Geheimniß zu entdecken, das Sie, wie ich Grund habe zu vermuthen, kennen.“

„Lieber Herr,“ sagte der erstaunte Fritz, „Ihre Vermuthung ist falsch, denn auch ich bin gekommen, ein Geheimniß zu entdecken.“

„Wie?“

„Ich suche einen gewissen Herrn Julian. Sind Sie es vielleicht?“

„Und wenn ich es wäre?“

„Dann habe ich Ihnen einen Brief zurückzugeben –“

„Einen Brief? Wie kommt er in Ihre Hände?“

„Ein seltsamer Unbekannter hat ihn verloren, und ich habe ihn gefunden.“

Es giebt wenig Leidenschaften, die nicht endlich unredlich werden. Ernst beschloß, sich für den auszugeben, für den er gehalten ward. Fritz sah den schönen jungen Mann mit dem braunen Barte ängstlich an, er zweifelte keinen Augenblick, daß er Julian, seinen Nebenbuhler vor sich habe, dem Klementine ein Rendezvous versprochen. Von seiner Eifersucht hatte er vorgestern einen Beweis erhalten, und da er heute nicht so leicht entspringen konnte, beschloß er, den Verdacht von sich abzuwälzen, als stelle er Klementine nach.

„Ich bitte, geben Sie mir den Brief,“ sagte Ernst.

Der Tapezierer überreichte ihn mit leise bebender Hand, was dem Offizier nicht entging.

„Wenn Sie ihn als den Ihrigen erkennen,“ fügte er hinzu, „so habe ich als ehrlicher Mann meine Pflicht gethan.“

„Und ich werde Ihnen danken, sobald ich mich davon überzeugt habe.“

Ernst eilte zu der Lampe, und las den mit „Klementine“ unterzeichneten und mit der Adresse „Julian“ bezeichneten Brief.

Fritz sah, wie das Papier in den Händen des Lesers zitterte, wie er mit den Blicken die Zeilen verschlang, und wie das von der Luft geröthete Gesicht plötzlich bleich ward.

„Das sind ihre Schriftzüge!“ murmelte er, indem er das Papier konvulsivisch zusammendrückte und zu sich steckte.

Dann trat er rasch zu Fritz zurück.

„Sie haben den Brief gefunden, mein Herr?“

„Wie ich bereits gesagt. Da die Adresse sehr genau ist, wollte ich ihn durch Frau Hammerschmidt, die hier wohnt, dem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben lassen.“

„Gehen wir zu der Frau, daß sie ihn besorge.“

„Wie, Sie sind nicht Herr Julian?“ fragte Fritz verwundert.

„Ich will Sie nicht belügen – nein! Doch auch Sie mögen als Ehrenmann offen und wahr meine Fragen beantworten.“

[441] „Was wollen Sie wissen?“

„Sie waren vorgestern Abend in diesem Hause?“ fragte Ernst leise.

„Ich leugne es nicht.“

„Dann bekennen Sie nur, daß Sie eine Zusammenkunft mit Klementine von Falk gehabt haben.“

„Nein, lieber Herr,“ antwortete Fritz treuherzig; „ich schwöre Ihnen, daß ich an jenem Abende die junge Dame nicht gesehen habe, und daß ich auch nicht erwartete, sie hier zu sehen. Jener Brief, den ich gelesen, weil er offen war, läßt allerdings zu meinem Bedauern vermuthen – –“

„Zu Ihrem Bedauern?“ rief Ernst. „Sie scheinen ein großes Interesse an der Dame zu finden.“

„Das ist wohl sehr natürlich – ich habe ihr in dem Seebade Dobberan das Leben gerettet – sie war dem Ertrinken nahe – und wenn ich eine Minute später gekommen wäre – Sie müssen wissen, daß ich ein guter Schwimmer bin.“

„Ganz recht, Klementine war vorigen Sommer im Bade, sie hat mir die Unglücksgeschichte erzählt. Also Sie sind ihr Retter?“

„Ja, mein Herr, und aus diesem Grunde brachte ich den Brief zurück, den ich sonst würde unbeachtet gelassen haben. Ich glaubte, der liebenswürdigen Klementine einen zweiten Dienst zu erweisen, indem ich verhinderte, daß der Brief in unrechte Hände kommt.“

„Jetzt ist er gut aufgehoben!“ rief Ernst mit schmerzlicher Bitterkeit, .und ich danke Ihnen für den Dienst. Die zukünftige Gattin meines Onkels darf nicht compromittirt werden.“

„Klementine verheirathet sich?“ fragte Fritz bestürzt.

„Begleiten Sie mich, mein Herr, wir wollen Herrn Julian aufsuchen, der hier wohnt, wie Sie sagen.“

Die Undankbare! dachte Fritz, davon hat sie mir kein Wort gesagt. Da sie doch einmal für mich verloren ist, will ich sehen, wie das Abenteuer abläuft. Dieser Mensch scheint einer ihrer Verwandten zu sein, der ihre Schritte bewacht. „Kommen Sie,“ rief er laut, „ich werde Sie führen!“

Beide stiegen in den zweiten Stock hinan. Dort zog Fritz an einer Schelle. Gleich darauf ließen sich klappende Tritte vernehmen und die Alte mit der großen Haube öffnete die Thür.

„Wer ist da?“ fragte sie, ihr Licht emporhaltend. „Ach, Sie, Herr Fritz! Es ist gut, daß Sie mir den Talmamantel zurückbringen, denn ich habe ihn auf morgen vermiethet.“

„Schweigen Sie!“ flüsterte der bestürzte Fritz, „es ist Jemand bei mir!“

Ernst, der diese Worte gehört, errieth leicht den Zusammenhang, und die geheimnißvollen Besuche des jungen Mannes, der offenbar ein armer Teufel war, waren nun erklärt. Ein Blick in sein hübsches, aber einfältiges Gesicht belehrte ihn, daß die Annahme eines Verhältnisses zwischen ihm und Klementine, dem geistreichen Mädchen, ein Unsinn sei. Wäre die Person Julian’s, an den der zärtliche Brief gerichtet war, nicht noch zu erforschen gewesen, er würde seine freudige Ueberraschung laut ausgedrückt haben. Trotzdem fühlte er sich um die Hälfte seiner Herzensbürde erleichtert.

Die Alte ließ die Gäste auf einen freundlichen Vorsaal treten. Hier blieb sie stehen, und fragte Ernst:

„Hat Ihnen Herr Fritz mein kleines Kleidermagazin empfohlen? O, geniren Sie sich nicht, lieber Herr,“ fuhr sie geschwätzig fort, „ich habe schon manchen anständigen Mann, dem es gerade gefehlt, zu einem Balle oder zu einem vornehmen Besuche ausgestattet. Erst gestern Abend haben meine drei besten Fracks getanzt, und kein Mensch hat ihnen angesehen, daß sie gemiethet waren. Was steht zu Diensten? Herr Fritz ist mir ein guter Bürge – –“

„Genug, liebe Frau,“ sagte Ernst. „Mein Besuch gilt nicht Ihnen, sondern Herrn Julian.“

„Herrn Julian?“ fragte die Alte, indem sie den Offizier mit den Blicken maß. „Was weiß ich von Herrn Julian.“

„Ich habe ihm einen Brief durch Frau Hammerschmidt zu übergeben.“

„Steht das auf der Adresse?“

„Hier lesen Sie!“

Ernst hielt den Brief hin. Die Alte kniff die Augen zusammen und las die Adresse. Dann wandte sie das Papier, um das Siegel zu besehen.

„Ganz recht,“ murmelte sie. „Der Brief ist gestern schon einmal abgegeben. Ich begreife nicht, wie Sie dazu kommen? Herr Julian scheint mir ein sehr vorsichtiger Mann zu sein.“

„Er wohnt also bei Ihnen. Kann ich ihn sprechen?“

„Nein, lieber Herr, denn er hat diesen Morgen seinen Koffer gepackt und ist abgereist. Wohin, kann ich Ihnen nicht sagen. Uebrigens bin ich froh, daß der sonderbare Mensch fort ist, obgleich er mich pünktlich und ehrlich bezahlt hat. Es gefiel mir nicht, daß er sich den ganzen Tag einschloß, und nur die Thür öffnete, wenn ein reizend schönes junges Mädchen erschien, das ihm regelmäßig jeden Abend in der Dämmerung einen Besuch abstattete. Kam sie, so flog sie ihm an den Hals, und ging sie, so riß sie sich weinend von ihm los. Wie ich hier mit dem Lichte [442] stehe, so habe ich fast jeden Abend seit vier Wochen den beiden zärtlichen Leuten beim Abschiede geleuchtet. Mir wurde mitunter ganz seltsam zu Muthe. Obgleich sie vierundzwanzig Stunden später wiederkam, so war der Abschied doch jedesmal so herzzerreißend, als ob er für die Ewigkeit gewesen wäre. Aber darüber mußte ich mich am Meisten wundern, daß das junge hübsche Ding, offenbar von sehr anständiger Herkunft, so leidenschaftlich an einem Manne hing, der viel älter war, als sie. Ich muß gestehen, Herr Julian war ein schöner, stattlicher Mann, er sah aus, wie ein ausgedienter Gardeoffizier, und seine großen Augen funkelten wie Kohlen – aber für das junge Mädchen paßte er nicht. Da kann man sehen, wie sich mitunter die Liebe verirrt.“

„Sie sagen,“ fragte Fritz, „der Mann hatte schwarzes, krauses Haar?“

„Schwarz wie Ebenholz und kraus wie Wolle.“

„Dann hat ein Anderer diesen Brief verloren. Jener Mann hatte einen kahlen Kopf und einige schneeweiße Haare. Er bezahlte zwar hundert Thaler auf die gekauften Möbel in unserm Magazine, aber er war eben nicht stattlich gekleidet.“

„Der Alte hat den Brief verloren?“ fragte Ernst hastig.

„Unbedingt; er muß seiner Brieftasche entfallen sein, als er das Geld hervorholte. Vor und nach ihm ist kein Anderer in unserm Magazine gewesen.“

„Und was kaufte er?“

„Sämmtliche alte Möbel des verstorbenen Barons von Below, die mein Prinzipal übernommen hat.“

Ernst glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen.

„Des Barons von Below?“

„Um jeden Preis, und dabei will der Narr, daß sie nicht einmal aufpolirt werden sollen.“

Der Offizier starrte den Tapezierer an. Ein Räthsel war kaum gelöst, und schon erschien die furchtbare Sphynx wieder, um ihm den Weg zu versperren. In welcher Beziehung steht der Mann, der den Brief verloren, zu Klementine? Warum will er den Nachlaß des Verstorbenen um jeden Preis kaufen?

„Wissen Sie weiter nichts über Herrn Julian?“ fragte er die Alte.

„Nein. Vor vier Wochen miethete er bei mir, weil ich einen Vermiethezettel an die Thür geklebt hatte, und heute reiste er wieder ab, nachdem ich ihm den Brief übergeben.“

„Mein Freund,“ wandte er sich an Fritz, „ich ersuche Sie, mich zu begleiten. Vielleicht gelingt es unsern vereinten Bemühungen, den Adressaten ausfindig zu machen. Gehen wir!“

„Halt!“ rief Frau Hammerschmidt. „Lassen Sie den Mantel zurück, Herr Fritz, und bezahlen Sie. Er soll morgen mit einem jungen Stutzer spazieren gehen.“

Der arme Fritz machte ein trauriges Gesicht.

„Was kostet der Mantel?“ fragte Ernst.

„Wollen Sie ihn kaufen, mein Herr?“

„Ja.“

„Fünfzehn Thaler – er ist – –“

„Gut – hier ist das Geld! Ich mache ihn meinem Freunde zum Geschenke.“

„Und Ihr Freund, mein Herr,“ rief der entzückte Fritz, „wird dankbar sein.“

Ein Fiacre brachte die beiden jungen Männer nach Ernst’s Wohnung. Als Fritz nach einem einstündigen Gespräche schied, hatte der Offizier die Ansicht gewonnen, daß es seine Pflicht sei, das geheimnißvolle Dunkel, das Klementine umgab, aufzuhellen. Seine Liebe ließ ihn kaum daran zweifeln, daß es ihm in allen Punkten gelingen würde, wie in dem ersten. Er bereute, sein Abschiedsgesuch eingesendet zu haben, weil es jedenfalls angenommen werden und Aufsehen erregen würde. Die Liebe ließ ihn selbst eine Zerstörung der Heirath des Junkers hoffen, und Klementine’s Verzeihung hielt er für gewiß, wenn er mit freiem Herzen um ihre Hand werben konnte. So philosophirte die Liebe, die ewig hoffende und entschuldigende. Aber auch die Eifersucht mit allen ihren Schrecken trat auf, sie erinnerte ihn an den schönen, stattlichen Mann mit den glühenden Augen, den Klementine weinend geküßt hatte.

„Giebt man sich einem heftigen Schmerze hin,“ fragte er sich, „wenn man scheidet, um sich am nächsten Tage wiederzusehen? Es ist leicht zu begreifen, daß Klementine jenen Julian, den sie nicht heirathen kann, liebt, und daß sie den Baron, den sie heirathen muß, nicht liebt. Aber wer ist Julian? Wer ist der alte Mann, der die Möbel des Verstorbenen kaufen will, und den zärtlichen Brief in dem Magazine verloren hat?“

Ernst erschöpfte sich in Muthmaßungen und Annahmen, ohne auch nur ein Resultat zu erhalten, das einige Wahrscheinlichkeit für sich hatte.


VI.

Wir verlassen den grübelnden Ernst, und betreten die Wohnung der alten Frau von Falk. Großmutter und Enkelin befinden sich in einem einfach, aber höchst geschmackvoll eingerichteten Zimmer. Eine fast peinliche Ordnung verräth das Streben, Eleganz und Wohlhabenheit zu entwickeln. Man sieht, daß eine aristokratische Hand einen blendenden Schleier über die Dürftigkeit des bürgerlichen Mittelstandes zu ziehen sucht. Die Form der alten, aber saubern Möbel deutet an, daß sie einst das Boudoir einer vornehmen Dame schmückten, daß sie die Ueberreste einer zu ihrer Zeit modernen Ausstattung sind.

Die Großmutter, in einen alten, viel gebrauchten Sammetpelz gehüllt, sitzt in dem Sopha. Sie liest in einem Buche, sieht aber von Zeit zu Zeit über ihre große silberne Brille nach Klementine hinüber, die bei einem tief herabgebrannten Lichte an dem Secretair sitzt und schreibt. Mit einem tiefen Seufzer legt sie die Feder aus der Hand.

„Bist Du fertig, mein Kind?“ fragte die alte Dame.

Klementine zog ein Tuch aus der Tasche ihres einfachen Kattunoberrocks und verhüllte das Gesicht.

„Was ist das?“ rief entrüstet die Alte. „Du weinst?“

„Großmutter,“ flüsterte das junge Mädchen unter Thränen, „verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen in diesem Punkte nicht mit der gewohnten Bereitwilligkeit gehorsam sein kann. Sie fordern zu viel, zu viel! Ich kann meine Pflicht nur mit gebrochenem Herzen erfüllen.“

Frau von Falk, eine große, wohlbeleibte Dame mit einem fast männlichen Gesichte, legte das Buch auf den Tisch, und die Brille auf das Buch.

„Es ist recht traurig,“ sagte sie nach einer Pause, „daß Dein Verstand nicht die Herrschaft über das Herz gewinnen kann. Ist mir auch Deine Sentimentalität, eine Folge unserer gedrückten Verhältnisse, erklärlich, so muß ich sie dennoch als unverträglich mit dem Charakter einer Dame vom Stande verdammen. Du machst mir den Vorwurf, ich fordere zu viel – hierauf kann ich Dir nur antworten, daß ich den Stand der Dinge besser begreife, als Du, denn ich habe die Erfahrung für mich. Ich war einmal so schwach, das Glück meines einzigen Sohnes, Deines Vaters, durch mütterliche Nachgiebigkeit zu verscherzen – ein zweites Mal werde ich dieser Schwäche nicht erliegen, denn es ist mir Pflicht, die verarmte Familie der Falk’s wieder emporzubringen. Ein armer Edelmann gilt heut zu Tage nicht so viel, als ein reicher Bürger. Was ist eine Ehe ohne Vermögen? Ein jammervoll elendes Verhältniß, das stets mit dem Untergange endet. Dies hat selbst der Staat eingesehen, und darum den Offizieren der Armee, die sich verheirathen wollen, den Ausweis eines gewissen Vermögens vorgeschrieben. Ich duldete die Annäherung Ernst’s von Below, so lange ich sie Deinem Glücke für ersprießlich achtete – seit ich das Gegentheil kenne, habe ich sie mir verbeten. Du hast ihm kein Versprechen gegeben, folglich hat Ernst keine Forderungen an uns. Der Junker ist reich, er liebt Dich und will sein großes Vermögen mit Dir theilen. Weisen wir den ehrenvollen Antrag zurück, so müssen wir im Frühjahr Berlin verlassen, um das elende Leben meiner armen Schwester in Dobberan zu theilen. Meine bescheidene Pension reicht wohl für das Dorf aus, aber nicht für die Residenz.“

„Mein Gott! Mein Gott!“ schluchzte Klementine, indem sie die Feder wieder ergriff.

„Was soll aus Dir werden?“ fuhr Frau von Falk aufgeregt fort. „Ohne Vermögen ist an eine Heirath mit Ernst nicht zu denken. Von der Liebe allein kann man eben so wenig leben, als von der Gage eines Secondelieutenants. Klementine, muß ich Dich an das Schicksal Deines Vaters erinnern?“ rief sie zornig, als sie das laute Schluchzen des jungen Mädchens hörte. „O, Du kennst nicht alle Phasen seines Lebens, Du weißt nicht, wie furchtbar er untergegangen ist! Wohlan, mein Kind,“ [443] fügte sie bitter hinzu, indem sie sich über den seufzenden Tisch lehnte, „so vernimm ein Geheimniß, das Du eigentlich nie hättest erfahren sollen – höre mich an, und Du wirst meinen festen Willen gerechtfertigt, wirst ihn nicht mehr grausam finden. Dein Vater, der schönste Offizier seines Regiments, liebte in seinem dreiundzwanzigsten Jahre ein zwar schönes und sittsames junges Mädchen, aber es war arm und von zweifelhafter Herkunft. Man nannte Julie ein Fräulein von Selmar, ihr Vater, hieß es, sei in einem Duelle mit einem Polen gefallen, und deshalb lebe sie bei ihrem Vormunde, einem alten Militär, der aus Holland eine kleine Pension bezog. Victor, Dein Vater, hielt um das Mädchen an, der Vormund willigte ein, und mich zwang man durch List und Ueberredung, diese Ehe zu segnen. Mein Verstand rieth mir davon ab, aber mein mütterliches Herz gab dem ungestümen Drängen nach. Die jungen Leute hatten sich heimlich in Altona trauen lassen, und mir blieb nichts, als gute Miene zum bösen Spiele zu machen. O, noch sehe ich das schöne Paar vor mir, und ich muß bekennen, daß es mein Mutterherz mit einem geheimen Entzücken erfüllte. Man hatte den noch jungen Lieutenant für reich gehalten, und Victor war schwach genug, die Welt in dieser Meinung zu bestärken. Seine junge Frau, die er anbetete, umgab er mit Glanz und Luxus, und jemehr man ihn um ihren Besitz beneidete, je verschwenderischer ward seine Liebe, so daß nach zwei Jahren von dem kleinen väterlichen Erbtheile nichts mehr übrig war. Da wurdest Du geboren, Klementine, aber der leichtsinnige, verblendete Victor konnte des Vaterglücks nicht froh werden, da sich der Mangel einzustellen begann. Um der jungen Mutter die wahre Lage zu verbergen, nahm er zum Spiele seine Zuflucht. Anfangs begünstigte ihn das Glück und machte ihn kühn; aber bald wandte ihm Fortuna den Rücken, und Victor, der sonst so brave junge Mann, war nicht allein mit Schulden belastet, er ward auch, um die Entbehrung von seiner Gattin abzuwenden, ein falscher Spieler.“

Klementine schauderte zusammen. Erbleichend starrte sie die aufgeregte Erzählerin an.

„Begreifst Du auch,“ fuhr Frau von Falk fort, „begreifst Du auch ganz, wie tief Dein Vater gesunken war? Und zu diesem Falle hatte ihn sein sentimentales, romantisches Gemüth gebracht. Er war ein zärtlicher Ehemann, aber ein schlechter Offizier, den seine Kameraden verachteten und mieden. Der erste Fehltritt zog bald den zweiten nach sich – Victor, der junge, unerfahrene Mann von fünfundzwanzig Jahren ließ sich durch die Noth verleiten – seine Frau lag auf dem Krankenbette – einen falschen Wechsel auszustellen. Nun war Alles geschehen, was ihn brandmarken konnte, das Offiziercorps trat zusammen, bezahlte den Wechsel, und gab, aus besonderer Rücksicht auf die obwaltenden Umstände, meinem Sohne den Rath, sofort seine Entlassung zu nehmen, ehe sie von dem General-Commando dekretirt werden würde. Ihm blieb nichts, als diesen Rath zu befolgen. Da stand nun der arme, verachtete Mann an dem Krankenbette seiner Gattin, an der Wiege seines lieblichen, unschuldigen Kindes, dessen Zukunft der Vater abgeschnitten hatte. Und fragen wir nun nach der Ursache dieser gräßlichen Zustände? Victor liebte, ohne den Verstand zu fragen; Victor war seiner Neigung gefolgt, ohne die Rathschläge vernünftiger, ruhig denkender Personen zu hören; er hatte über der Romantik die Wirklichkeit vergessen, die mit unerbittlicher Strenge ihre Forderungen geltend macht. Und dabei war er ein guter, rechtlicher Mann. Der Grundsatz: „Ein Herz und eine Hütte, Dich oder Keine,“ kann jetzt nicht mehr in Anwendung gebracht werden, und vorzüglich bei Leuten, denen Rang und Stand, sowie Gewohnheiten des Lebens, die Beobachtung von Aeußerlichkeiten gebieten. Als ich, von der Reise zurückgekehrt, das Unglück meines Sohnes erfuhr, war an eine Abhülfe nicht mehr zu denken, auch wenn ich sie meinerseits hätte ermöglichen können. Jeder sah mitleidig und verächtlich auf meinen Sohn herab, obgleich man allgemein die Motive seiner Handlungen kannte. Nun begrub er sich mit seiner Frau und seinem Kinde in ein einsames Dorf, wo er von dem lebte, was ich ihm sandte. Aber lange ertrug sein Stolz die Annahme von Almosen nicht; er empfahl mir Weib und Kind, und nahm Dienste in dem holländischen Heere, das damals gegen Belgien und Frankreich im Felde stand. Jetzt konnte und mußte er sich von der trennen, ohne die er früher nicht leben zu können geglaubt. Ja, mein Kind, jetzt ließ er seine angebetete[WS 1] Julia, um dem Tode entgegen zu gehen. Was der Liebe unmöglich war, vollbrachte die Noth und der Stolz. Wo blieb die Romantik, die Sentimentalität? Hätte er zwei Jahre früher die Kraft besessen, die ersten heftigen Regungen seines Herzens durch den Verstand zu beherrschen, er würde mir den Kummer und sich die Last eines erbärmlichen Lebens erspart haben, die er außerdem noch zwei unschuldigen Geschöpfen aufbürdete. Ich sorgte mütterlich für meine unglückliche Schwiegertochter und für meine Enkelin, denn Beide waren unschuldig an dem harten Schicksale. Den ersten und letzten Brief schrieb Victor von Antwerpen aus, wo er als Freiwilger unter dem General Chassé diente und die Citadelle besetzt hielt. Wie erschütternd war dieser Brief! Mein Sohn schrieb mir, er wolle durch Muth und Tapferkeit sich eine ehrenvolle Stellung verschaffen, die ihm erlaubte, für seine Familie zu sorgen, oder untergehen. Das war Verzweiflung, mein Kind! Und wer hatte ihn dazu getrieben? Blinde Liebe! Du siehst, der verheirathete Mann dachte schon ganz anders, als der glühende Liebhaber. Ernst von Below steht in demselben Alter, in dem Dein Vater damals stand, und seine Verhältnisse sind genau dieselben. Unterbrich mich nicht, Klementine, ich bin noch nicht zu Ende, und Du sollst Alles wissen.

„Es verflossen sieben Jahre, in denen ich von meinem Sohne keine Nachricht erhielt. Ich wähnte ihn gefallen in dem Kampfe um die Citadelle von Antwerpen, den die Zeitungsberichte als einen der blutigsten in der Geschichte schilderten. Während Du fröhlich emporblühetest, ward Deine arme Mutter von Gram und Kummer verzehrt, denn sie klagte sich an, den Grund zu Victor’s Unglück gelegt zu haben. Ihre zarte Körperkonstitution vermochte den nagenden Seelenschmerz nicht lange zu tragen – sie welkte langsam dahin, bis sie auf das Krankenlager sank. Eines stürmischen Novemberabends saß ich an ihrem Bette, die Vergangenheit zog meinem betrübten Geiste vorüber, und schaudernd gedachte ich der schrecklichen Folgen jener leichtsinnig geschlossenen Ehe. Da klopfte es an die Thür des kleinen Hauses, das ich damals auf dem Lande auch im Winter bewohnte, weil mein geringes Einkommen mir das Leben in der Stadt nicht erlaubte. Ich selbst öffnete die Thür. Ein Mann, gehüllt in einen alten Militärmantel, trat ein. Es war mein Sohn, der vom Schicksale zurückgeführt ward, um noch einmal seine Gattin zu sehen, die in derselben Nacht starb. Da stand nun der arme Mann an der geliebten Leiche – seine starren, trockenen Blicke verriethen deutlich die Verzweiflung, die sein Herz zermalmte. Mutter, rief er aus, ich habe ein schweres Vergehen zu büßen, denn ich habe diese hier gemordet! Wäre ich ihr mit wahrhafter, ruhiger Liebe zugethan gewesen, ich hätte sie nie an mein ungewisses Schicksal fesseln müssen! Dann stürzte er an das Bett seiner siebenjährigen Tochter, an Dein Bett, Klementine, und sank weinend auf die Knie nieder. Der Anblick des ruhig schlummernden Kindes mit dem rosigen Gesichte hatte die Erstarrung des Herzens gelöst, dem armen Vater rannen heiße Thränen über die abgehärmten Wangen. Nun verbrachte er drei schmerzliche Tage in meinem Hause. Du erinnerst Dich jener Zeit wohl noch, und da wir öfter schon davon gesprochen, übergehe ich sie; aber eine Scene theile ich Dir mit, die Du nicht kennst, und die Dir beweisen soll, daß ich selbst die Verpflichtung habe, über die Neigungen Deines Herzens zu wachen und Dich von gefährlichen Schritten abzuhalten.

„Am Abend des Begräbnißtages Deiner unglücklichen Mutter trat Victor, Dein Vater und mein Sohn, zu mir in das Zimmer. Mutter, sagte er im Tone kalter Entschlossenheit, klagen Sie mich nicht der Muthlosigkeit an, wenn ich an meiner Zukunft verzweifele, denn ein hartes Geschick hat mir eine Stellung in der Welt angewiesen, der mich zu entreißen meine gebrochene Kraft zu gering ist. Diese Ansicht hat die Erfahrung bestätigt, und sie ist in mir zur Ueberzeugung geworden. Das Alter der Illusionen ist vorbei, und der ruhige Verstand sieht das Leben, wie es ist. Ich habe eine Tochter, an der mein ganzes Herz hängt, aber ich kann ihr Glück nicht begründen. Nehmen Sie sich des verwaisten Mädchens an, und erziehen Sie es in Ihren Grundsätzen. Von der richtig geleiteten Bildung des Herzens hängt das Leben ab – Mutter, gründen Sie das Glück Klementine’s, und bewahren Sie sie vor der gefährlichen Klippe, an der mein Lebensschiff scheiterte. Das schwöre ich Dir! rief ich aus, und reichte ihm die Hand. Ich überwache als Mutter Dein Kind, und ist es mir noch vergönnt, sie einem Lebensgefährten zuzuführen, so wird es nur einem solchen sein, der sie vollkommen glücklich zu machen befähigt ist. – Nun scheide ich [444] mit erleichtertem Herzen, rief Victor, nehmen Sie meine Tochter! Ich räume Ihnen alle meine Vaterrechte ein, und schwöre feierlich, daß ich alle Ihre Verfügungen billigen werde. – Mein Sohn, antwortete ich, ich werde auch keine Widersprüche dulden, und nur unter dieser Bedingung übernehme ich die Erziehung Klementine’s.“

Klementine sprang auf, und warf sich der Großmutter zu Füßen.

„Und Sie haben so redlich Wort gehalten,“ rief sie aus, „daß ich Ihnen jetzt als eine Undankbare erscheinen muß!“

„Mein Kind, vollende den Brief an den Baron, sprich ihm darin Deine Hochachtung und Zuneigung aus, und Du hilfst mir den Schwur erfüllen, den ich Deinem Vater geleistet habe. Bedenke, daß ich alt bin, daß meine Lebenstage gemessen sind – mein letzten Stündlein würde ein trauriges sein, wenn ich Dich schutzlos in dieser Welt zurücklassen müßte. Eine zweite Gelegenheit, Deine Zukunft zu sichern, bietet sich uns sicher nicht wieder dar. Frage nicht das Herz, frage den Verstand, und er wird Dir sagen, daß ich Recht habe.“

„Ach Gott, daß wir so arm sind!“ seufzte Klementine.

„O, wären wir reich!“ rief Frau von Falk mit blitzenden Augen. „Es wäre heute Alles anders. Der Reichthum hat schöne Vorrechte, denn er erlaubt uns, der Stimme des Herzens Gehör zu geben. Aber wir sind arm,“ fügte sie mit Bitterkeit hinzu, „und dabei müssen wir unter Entbehrungen die Leute vom Stande spielen. Es soll kein Vorwurf für Dich sein, mein liebes Kind – aber im nächsten Monate schon werden wir fühlen, daß wir gestern auf einem Balle gewesen sind. Ich würde Deine Toilette thörichte Verschwendung nennen, wenn sie nicht einen klugen Zweck hätte. Und deshalb trieb ich Dich, den Haarschmuck zu kaufen, obgleich der Preis desselben eine Deiner wochenlangen Arbeiten verschlungen hat.“

„Großmutter,“ fragte Klementine mit gepreßter Stimme, „Sie unterbrachen Ihre Erzählung – wohin ging mein armer Vater, als er sich von Ihnen trennte?“

„Frage mich nicht,“ antwortete die alte Dame, indem sie umsonst eine Aufwallung zu verbergen suchte. „Dein Vater ging, um sich für immer einem Kreise zu entziehen, dem er nicht angehören durfte. Seit der Zeit seines Vergehens sind zwanzig Jahre verflossen, die Welt glaubt, er sei bei der Belagerung von Antwerpen gefallen, und dieser Glaube darf nicht zerstört werden, weil Dein Glück mit ihm zusammenhängt. Glaube mir, Klementine, Dein Vater muß todt für Dich sein, auch wenn er noch lebte.“

„Und wissen Sie nichts von ihm?“

„Nein, nein! Ich will auch nichts von ihm wissen!“

Frau von Falk erhob sich, und ging einige Minuten in großer Aufregung durch das Zimmer. Klementine, die sie ängstlich beobachtete, sah Thränen in ihren großen Augen erscheinen. Plötzlich blieb die alte Dame stehen, und sah auf das neben dem Sopha knieende Mädchen herab.

„Klementine,“ sagte sie mit bewegter Stimme, „mag Dein Vater leben oder im Grabe ruhen – willst Du seine Ehre retten, so vollende den Brief an den Baron!“

Zitternd erhob sich Klementine und ging schwankend dem Schreibtische näher. Dieser Anblick durchschnitt der alten Frau die Seele.

„O diese unglückliche Verirrung!“ rief sie erschüttert. „Sie übt ihre traurige Wirkung auch noch auf die Kinder aus!“

Klementine sank auf dem Stuhle nieder, ergriff die Feder, sandte einen flehenden Blick zum Himmel empor und begann zu schreiben.

„Es muß sein!“ flüsterte die alte Dame, indem sie ihren Gang durch das Zimmer wieder antrat.

Der Brief war nach einiger Zeit vollendet, und die Schreiberin überreichte ihn der alten Dame. Diese las ihn.

„Du hast nicht allein Dein Glück begründet, Du hast auch ein gutes Werk gestiftet!“ sagte sie. „Jetzt gehe zu Bett, mein Kind!“

Die Enkelin küßte der Großmutter die Hand.

„Gute Nacht!“ flüsterte sie, und entfernte sich.

Frau von Falk schrieb noch einige Zeilen, schloß sie mit dem Briefe ihrer Enkelin in ein Couvert, siegelte und schrieb die Adresse. Sie legte sich mit der Ueberzeugung zur Ruhe, daß sie ihre Pflicht gethan habe.

Klementine saß noch in ihrem Stübchen; sie arbeitete an einer großen, prachtvollen Stickerei. Es schlug drei Uhr, als sie die Arbeit in einem Schranke verschloß. Obgleich sie den größten Theil der Nacht gewacht hatte, so fand sie die Morgendämmerung dennoch schon beschäftigt. Die Großmutter schlief wie gewöhnlich sehr lange. Klementine schickte die Magd aus, um kleine Einkäufe zu machen. Um acht Uhr ward die Klingel an der Saalthür gezogen. Klementine öffnete, und Doris, das Bäschen des Tapezierers Thaddäus, trat ein.

„Komme ich recht?“ flüsterte das freundliche Mädchen.

Klementine nickte mit dem Kopfe und führte den Besuch leise in ihr Zimmer. Hier übergab sie Doris die in der Nacht vollendete Arbeit. Die Dame des Magazins betrachtete staunend den prachtvollen Teppich.

„Vetter Thaddäus wird froh sein, daß er fertig ist,“ sagte sie. „Er hat Auftrag erhalten, das Boudoir einer Braut so rasch als möglich auszustatten, und dieser Teppich ist dazu bestimmt.“

„Einer Braut?“ fragte Klementine mit einem schmerzlichen Lächeln.

„Eines reichen und sehr schönen Mädchens.“

„Wer ist sie?“

„Ich weiß es nicht; mein Vetter geht sehr geheimnißvoll zu Werke, ich werde es aber dennoch in einigen Tagen erfahren. Ach, Fräulein, Sie sollten jetzt den Ofenschirm sehen, zu dem Sie die reizende Stickerei geliefert haben – er ist jetzt vollendet und wird ebenfalls in das Brautzimmer wandern. Es ist ein Möbel, mit dem Vetter Thaddäus große Ehre einlegt. Hier sendet er Ihnen das Geld dafür.“

Doris legte sieben Thaler auf den Tisch.

„Und nun einen neuen Auftrag!“ fügte sie rasch hinzu. „Können Sie in vierzehn Tagen die Stickerei zu einem Wandkorbe liefern?“

„Ich verspreche es.“

„Gut, hier sind die Stoffe dazu und die Zeichnung, die Fritz, mein Bräutigam, entworfen hat. In vierzehn Tagen also werde ich die Arbeit abholen. Das Geld für den Teppich werde ich Ihnen morgen oder übermorgen zustellen, verlassen Sie sich darauf.“

„Mamsell Doris,“ fragte Klementine, „es weiß doch Niemand darum, daß ich für Ihr Magazin arbeite?“

„Nein, nein; ich habe Ihnen mein Ehrenwort gegeben, und das halte ich. Es wird mir freilich mitunter schwer, den Fragen nach der geschickten und saubern Stickerin auszuweichen; aber selbst mein Bräutigam erfährt keine Sylbe. Nur unter der Bedingung, gab ich zur Antwort, daß die Stickerin unbekannt bleibt, nimmt sie Aufträge an; wollen Sie also ferner Arbeit erhalten, so fragen Sie nicht mehr. Und damit ist die Sache abgemacht.“

Doris versprach noch einmal Verschwiegenheit, dann entfernte sie sich.

„Für ihn!“ flüsterte Klementine unter Thränen, als sie das Geld verschloß. Ich bringe große Opfer – gebe der gütige Himmel, daß sie nicht vergebens sind!“


VII.

Vierzehn Tage sind verflossen. In diesem Zeitraume ist viel geschehen. Ernst von Below hat seine Entlassung erhalten, er ist ein junger Mann ohne Gehalt und ohne Vermögen. Hatte er auch die Hoffnung auf eine Verbindung mit Klementine aufgegeben, so hatte er dennoch die Forschung nach ihren heimlichen Gängen fortgesetzt, denn er wollte sich eine reine, unbefleckte Erinnerung an das Mädchen seiner ersten und einzigen Liebe bewahren. Aber alle Bemühungen waren erfolglos gewesen, und selbst von dem Fremden, der den Brief Klementine’s in dem Magazine verloren, hatte weder er noch Fritz eine Spur entdeckt. Die Möbel aus dem Zimmer des verstorbenen Barons hatte er bezahlt und auf einem Wagen fortfahren lassen, während der junge Tapezierer einen Auftrag seines Herrn in einem entfernten Stadttheile vollzogen.

Um diese Zeit war es, als der Junker eines Morgens zu seinem Neffen in das Zimmer trat.

„Du hast Deine Entlassung genommen, Vetter?“ fragte er gleichgültig.

„Ja!“

„Und was gedenkst Du nun zu thun?“

„Man sucht in der türkischen Armee Instructions-Offiziere [445] – ich glaube, daß dort mein Wunsch nach einem raschen Avancement erfüllt wird.“

„Vetter, der Einfall ist gut!“ rief der Junker. „Ein junger tüchtiger Mann findet überall eine gute Aufnahme. Zähle auf mich bei der Ausrüstung zur Reise. Wann gedenkst Du sie anzutreten?“

„Vielleicht in acht Tagen.“

„Dann, Vetter, kannst Du noch ein Gast bei meinem Verlobungsfeste sein, das in fünf Tagen mit großem Pompe gefeiert werden soll. Außer Dir weiß Niemand um meine Absicht – nun denke Dir die Ueberraschung, wenn ich derselben großen und glänzenden Gesellschaft, die Du bei dem Kommerzienrathe gesehen, meine junge, reizende Braut vorführe! Heute schon fliegen die Einladungen durch die Stadt. Also den zwanzigsten, Vetter, ist unwiederruflich meine Verlobung.“

Der Neffe trat dem Onkel, der in froher Aufregung das Zimmer durchschritt, ernst entgegen.

„Haben Sie auch reiflich überlegt, Onkel?“ fragte er mit bewegter Stimme. „Sie beabsichtigen einen bedeutungsschweren Schritt zu thun, einen Schritt, der verhängnißvoll für das ganze Leben werden kann.“

„Wie meinst Du das?“ fragte erstaunt der lange Junker.

„Ich habe Grund, offen mit Ihnen zu reden, auch wenn ich nicht Ihr Verwandter wäre. Klementine von Falk ist ein junges Mädchen von zwanzig Jahren, sie hat noch die ganze Zukunft ihres Lebens vor sich – glauben Sie, daß bei dem Abstande der Jahre zwischen Ihnen und ihr sich eine glückliche Ehe gestalten könne?“

Der Junker, der beiläufig gesagt, ein eben nicht scharfes Fassungsvermögen besaß, deutete Ernst’s Worte als eine Besorgniß um seine Person.

„Vetter,“ rief er mit einem trinmphirenden Lächeln, „so rasch sich mein Entschluß auch gestaltet hat, so reiflich ist er überlegt. Deine Besorgniß um meine Zukunft freut mich, und ich danke Dir dafür. Du bist der Ansicht – und diese Ansicht werden vielleicht noch viele theilen – daß Klementine, die allerdings etwas jünger ist, als ich, auf die vorgeschlagene Heirath nicht aus Neigung eingeht, sondern deshalb, um die Frau eines reichen Mannes zu werden, der für sie sorgt und sie später zu seiner Erbin einsetzt –?“

„Ja, Onkel, diese Ansicht ist selbst Ueberzeugung bei mir!“

„Dann kennst Du meine Braut nicht, die ein gutes, feinfühlendes und argloses Geschöpf ist! Sie besitzt alle Eigenschaften, die in ihrem Manne Hochachtung und Liebe erwecken müssen.“

„O gewiß, gewiß!“ rief Ernst, und der Ausdruck seiner Stimme verrieth deutlich, daß er seine innige Ueberzeugung aussprach. „Ich theile Ihre Meinung, und verhehle Ihnen die Verehrung nicht, die ich von Klementine hege; aber sie hängt von ihrer Großmutter ab, und jeder Wunsch dieser hochfahrenden Frau ist dem jungen Mädchen ein Befehl. Klementine ist fähig, sich aus kindlichem Gehorsam zu opfern!“ fügte er in einer schmerzlichen Aufregung hinzu.

Der Onkel sah den Neffen mit forschenden Blicken an.

„Opfern?“ fragte er. „Unsere Heirath, mein Freund, ist keine Conventionsheirath, sie gründet sich auf eine gegenseitige Zuneigung und Hochachtung. Klementine liebt mich, obgleich ich kein Jüngling mehr bin. Ueberzeuge Dich!“

Der Junker zog den Brief hervor, von dem wir wissen, daß ihn Klementine auf Veranlassung der Großmutter geschrieben hatte.

„Lies!“ sagte er. „Du wirst dann nicht mehr an meiner glücklichen Zukunft zweifeln.“

Ernst las: „Sie wenden sich an mein Herz, Herr Baron, und fordern die Antwort desselben auf Ihren Antrag um meine Hand – ich nehme keinen Anstand, Ihnen zu bekennen, daß ich seit unserm ersten Begegnen eine aufrichtige Hochachtung vor Ihnen empfinde. Hochachtung ist die Basis der Liebe, und erblicken Sie, wie ich, in dieser Ansicht eine Bürgschaft für unser gegenseitiges Glück, so werden Sie in mir die Gattin finden, die Sie erwarten.“

Der junge Mann gab erschüttert den Brief zurück, er hatte genug gelesen, um die nun folgenden Höflichkeitsphrasen übergehen zu können. Der Junker, der keine Ahnung von Ernst’s Gemüthszustande hatte, entfernte sich, um die Arbeiten in seinem Hause zu besichtigen. Daß die alte Frau von Falk ihm Klementine’s Neigung verschwiegen, bedarf wohl kaum einer Erwähnung. Ernst, im tiefsten Herzen verletzt, gab Klementine auf, er beschloß, am Tage ihrer Verlobung abzureisen, und in dem Strudel des Lebens die verlorene Ruhe wieder zu gewinnen. Während der Onkel die Vorbereitungen zu dem Feste traf, beschäftigte sich der Neffe mit den Ausrüstungen zu der Reise, bei denen Fritz, der den geschenkten Mantel nicht vergessen konnte, sich sehr eifrig zeigte.

So kam der verhängnißvolle Tag heran. Alle Räume des großen Hauses waren prachtvoll decorirt, Herr Thaddäus hatte ein wahres Meisterstück geliefert. Nur das kleine Zimmer des verabschiedeten Offiziers hatte die Hand des Künstlers verschont, es war das alte geblieben, und befand sich in völliger Unordnung. Ein großer Reisekoffer stand in der Mitte desselben, und wartete auf die Träger, die ihn heimlich und still zur Eisenbahn schaffen sollten. Gegen zehn Uhr hatte Fritz den Fiacre zur Fahrt nach dem Bahnhof bestellt. Als Ernst in der Dämmerung von einem Freunde zurückkam, dem er Lebewohl gesagt, fuhren bereits die Equipagen mit den schön geschmückten Gästen vor. Eine Schaar von Livreebedienten empfing sie auf der Hausflur, an der Schwelle des Saales stand der vor Wonne glühende Junker. Ernst und Fritz saßen in dem dunkeln Zimmer, den Fiacre erwartend. Da ward plötzlich leise an die Thüre geklopft. Ernst bebte zusammen, mit schwankender Stimme forderte er zum Eintreten auf. Die Thür ward geöffnet und die Gestalt eines Mädchens erschien.

„Herr Ernst von Below?“ fragte eine zitternde Stimme.

„Doris!“ rief Fritz, indem er von dem Koffer aufsprang, den er sich zum Sitze gewählt hatte. „Was wollen Sie hier?“

Aber Doris beantwortete diese Frage nicht, sie trat rasch zu dem Sopha, wo sie Ernst erblickte.

„Ach, gnädiger Herr, dem Himmel sei Dank, daß Sie noch nicht abgereist sind!“ rief sie.

„Warum, mein Kind?“ fragte Ernst bestürzt.

„Ich hätte sonst diesen Brief nicht mehr abgeben können.“

„Von wem kommt er?“

„Ach, lesen Sie, lesen Sie, dann geben Sie mir Antwort!“

Fritz hatte schnell eine Kerze angezündet. Ernst, zitternd am ganzen Körper, riß das Billet auf, und als er die Schriftzüge Klementine’s erblickte, traten ihm die Thränen in die Augen. Durch den Schleier derselben las er folgende Zeilen: „Ernst! Wenn Ihnen mein Glück am Herzen liegt, wenn Ihre Liebe zu mir noch dieselbe ist, so reisen Sie nicht, seien Sie vielmehr ein Gast bei dem Feste, das man zu meinem Verderben veranstaltet hat. Es bereiten sich wichtige Dinge vor. Erblicke ich Sie nicht in dem Saale, so falle ich als ein Opfer der Vorurtheile. Sehe ich Sie, so ist noch Rettung möglich. Weitere Erklärungen werde ich mündlich geben. Bei unserer Liebe, verlassen Sie Ihre Klementine nicht!“

Der Zustand des jungen Mannes läßt sich nicht beschreiben. Aus dem Abgrunde völliger Muthlosigkeit war er plötzlich auf den Gipfel des höchsten Glücks gehoben. Die Gewißheit, daß Klementine ihn liebte, erfüllte ihn mit einer Seligkeit, die ihn Alles vergessen ließ. „Und von mir, von mir erwartet sie Rettung?“ fragte er sich. „Wer gab Ihnen den Brief, mein Kind?“

„Fräulein von Falk!“

„Klementine von Falk?“ fragte Fritz erstaunt. „Doris, wie kommen Sie zu ihr?“

„Das Fräulein ist meine Freundin! Ich war ihr bei der Balltoilette behülflich. Sie haben die Säle decorirt, ich habe die schönste Dame Berlins geschmückt, mein lieber Herr Fritz. Ja, man hat auch seine Bekanntschaften!“ fügte sie mit einer lieblichen Impertinenz hinzu. „Ach, wenn das arme Fräulein nur nicht so viel geweint hätte! Ihre Augen sind trübe, und ihr schönes Gesicht ist blaß wie eine Lilie. Und dabei wird sie von einer fürchterlichen Angst gefoltert, so daß man glauben möchte, sie ginge zum Richtplatze, anstatt auf einen Ball. Nun, es wird sie ein wenig beruhigen, daß der gnädige Herr noch nicht abgereist ist. Was soll ich dem Fräulein sagen?“

„Daß ich auf dem Balle sein und morgen erst reisen würde!“

Doris verneigte sich und entschlüpfte durch die Thür.

Geschäftig holte Fritz nun die Kleider aus dem Koffer und breitete sie auf den Möbeln aus. Es schlug zehn Uhr, als Ernst in einem einfachen schwarzen Anzuge dastand.

„Wir scheiden noch nicht, mein lieber Freund!“ sagte er zu Fritz. „Morgen sehen wir uns noch einmal wieder.“

[446] „Den Koffer kann ich wohl wieder in unser Magazin schaffen lassen?“ fragte der junge Tapezierer mit lächelndem Gesichte.

„Warum?“

„Weil ich glaube, Sie werden ihn nicht brauchen.“

„Gott gebe es!“

Mit klopfendem Herzen stieg Ernst die Treppe zu dem ersten Stocke hinunter. Geschäftige Diener flogen über den Corridor, und eine rauschende Musik erklang in dem Saale. Es waren dieselben Weisen, die er auf dem Balle des Kommerzienraths gehört hatte; aber wie anders erklangen sie jetzt in dem hoffnungsvollen Herzen wieder! Er wußte ja, daß ihn Klementine liebte, und dieser einzige Gedanke verschönte die mangelhafte Welt zu einem Paradiese, dieselbe Welt, aus der er sich vor einer halben Stunde noch verstoßen wähnte. Ihm fehlte der Muth, sofort in den Saal zu treten. Mit der Oertlichkeit genau bekannt, öffnete er ein Zimmer, das zwar am äußersten Ende des Corridors lag, aber mit dem großen Gesellschaftssaale in Verbindung stand. Eine Alabasterampel hing von dem Plafond herab und beleuchtete elegante Möbel, chinesisches Porzellan auf den Gesimsen, große Kupferstiche in theuern Rahmen an den mit dunkelrothen Seidentapeten bekleideten Wänden, und seltene exotische Gewächse in zierlichen Broncekübeln. Ein halb geöffneter Vorhang gestattete einen Blick in den Alkoven – eine kostbare Lagerstatt von weißer Seide schimmerte in dem ungewissen Halbdunkel. Ein großer weicher Teppich bedeckte den Boden, und in der Nähe des zierlichen Ofens, in dem leise ein Feuer knisterte, stand ein großer, eleganter Schirm von wundervoller Stickerei. Ernst befand sich in dem Brautgemache, von dem ihm Fritz erzählt hatte, daß es ein Meisterstück des Herrn Thaddäus sei. Reichthum hatte sich hier mit Kunst und Geschmack vereinigt, um einen wahren Feenaufenthalt zu erschaffen.

[453] Dem armen Ernst lief ein leises Frösteln durch alle Glieder. Was konnte er, der unbemittelte Mann, dem schönen Mädchen bieten? Dieses Zimmer war Klementine’s würdig. In der Brust des jungen Mannes stiegen wieder bittere Zweifel empor, und die Erinnerung an das Geheimniß, das Klementinen umgab, preßte sein Herz zusammen.

„Wird sie sich nicht von dem Glanze verblenden lassen?“ fragte er sich. „Kann einem lebensfrohen Mädchen die Wahl schwer werden zwischen Armuth und Reichthum, vorzüglich wenn es von einer spekulirenden alten Frau geleitet wird? Alle diese Vorbereitungen deuten an, daß man auf ihre Schwäche rechnet, vielleicht kennt der Junker diese Schwäche, vielleicht weiß er, was er bieten muß, um die Schöne zu fesseln.“

Unwillkürlich dachte er an die erste Ursache des ersten Argwohns zurück, und wäre seine Liebe nicht so heiß, so innig gewesen, er hätte bereuet, seine Abreise aufgeschoben zu haben. Die wahre Liebe ist stets bereit, zu entschuldigen und zu hoffen, und so unbestimmt die nächste Zukunft auch vor Ernst’s Blicken lag – ein seltsames, wunderbares Vertrauen auf Klementine’s Heiligkeit zwang ihn zu hoffen. Die trauernde Liebe, die den Glauben an ihren Gegenstand noch nicht verloren hat, gewährt einen wollüstigen Schmerz oder eine schmerzliche Freude, denn sie weiß sich von der Geliebten bemitleidet. Mit der Kraft des jugendlichen Gefühls klammerte sich Ernst an den hoffenden Gedanken, den die Aufforderung Klementine’s in ihm erregte.

„Sie will mich sehen,“ flüsterte er, „ich will mich ihr zeigen.“

Er öffnete die Thür, und trat in das angrenzende Zimmer. Klementine und ihre Großmutter erschienen von der entgegengesetzten Seite – sie hatten den Ballsaal verlassen, um hier den Junker zu erwarten. Klementine’s bleiches Gesicht überflog eine matte Röthe, und ein lebhafter Strahl blitzte aus ihren trüben Augen. Frau von Falk bebte erschreckt zusammen. Sie grüßte kalt und ceremoniell.

„Man bedauerte Ihre Abreise, Herr Baron!“ sagte sie in einem fast spöttischen Tone. „Da Sie ohne Zweifel die Absicht Ihres Onkels kennen, die dem heutigen Feste zum Grunde liegt, erlaube ich mir, Ihnen meine Freude über Ihre Anwesenheit auszudrücken.“

Ernst dankte schweigend durch eine Verbeugung.

„In diesen Worten liegt die Einladung zur Verlobungsfeier ihrer Enkelin,“ dachte er erbleichend. „Eine Aenderung der Dinge ist also noch nicht vorgegangen. Was Klementine wohl beabsichtigt?“

Er warf einen traurigen Blick auf das junge Mädchen, das sich zitternd neben der alten Dame niedergelassen hatte, und ersichtlich das Hervordringen der Thränen bekämpfte. Er erwartete, daß Klementine, da ihr die Ironie der Großmutter nicht entgangen sein konnte, einige Worte der Ermuthigung oder des Verständnisses hinzufügte; aber sie schwieg, indem sie ängstlich nach der Thür sah, als ob sie eine Person erwartete.

Ernst wollte Gewißheit haben, zugleich aber auch seinem Stolze eine kleine Genugthuung verschaffen. Obgleich sein Herz erbebte, so antwortete er dennoch mit scheinbarer Ruhe: „Hat auch ein Zufall meine Abreise um einige Stunden verzögert, den ich nicht voraussehen konnte, so ist mir diese Verzögerung dennoch nicht unangenehm, da ich meinem Onkel persönlich den Glückwunsch zu einer Verbindung darbringen kann, welche die sichersten Garantieen für das Glück des Brautpaares in sich trägt.“

„Ihrer Billigung durften wir gewiß sein!“ sagte Frau von Falck, ironisch lächelnd.

„Sie vindiciren mir ein Recht, gnädige Frau, das ich nicht beanspruche, denn ich erlaube mir kein Urtheil über eine so zarte Herzensangelegenheit. Eine Dame von Ihrer Erfahrung sieht weiter, als ein junger Mann ohne Anstellung und Vermögen. Die liebenswürdige Braut,“ fügte er mit bebender Stimme hinzu, „mag sich versichert halten, daß ich auch im fernen Lande den Segen des Himmels für sie erflehe.“

Er wollte sich entfernen. Klementine brach in lautes Weinen aus.

„Ernst! Ernst!“ schluchzte sie, ihr Gesicht verhüllend.

Entrüstet erhob sich Frau von Falk.

„Mein Herr, Sie sind indiscret genug, eine Scene herbeizuführen, die eben so überflüssig als lächerlich ist. Nicht die Theilnahme, eine kleinliche Rache hat Sie zurückgehalten!“

„Sie irren, gnädige Frau!“ rief der junge Mann, dessen Stolz erwachte. „Und damit ich Ihnen eine bessere Meinung über meine Person hinterlasse, werde ich sofort Berlin verlassen!“

„Ernst!“ rief Klementine verzweiflungsvoll, indem sie sich rasch erhob, und ihn bei der Hand zurückhielt. „Ernst,“ flüsterte sie bebend, „habe ich denn wirklich Ihr Vertrauen verloren?“

„Großer Gott – Klementine – ich habe ja kein Recht mehr, zu hoffen! Was kann ich thun?“

„Sie bleiben!“

„Was ist das?“ rief Frau von Falk mit vor Zorn erstickter Stimme. „Ich befehle Dir, Klementine, mir zu folgen! Noch stehst Du unter meiner Autorität, die ich selbst mit Hülfe der Gesetze aufrecht erhalten werde, wenn mir kein anderes Mittel bleibt. Folge mir, hier ist Dein Platz nicht!“

An der Hand ihrer Großmutter, die einen verachtenden Blick [454] auf Ernst warf, schwankte die todtbleiche Klementine der Thür zu. In diesem Augenblicke ließ sich die Stimme des Junkers in dem Boudoir vernehmen. Frau von Falk, die den Saal betreten wollte, wandte sich, schritt stolz und majestätisch an dem tief erschütterten Ernst vorüber, und verschwand mit der willesnlosen Klementine in dem Boudoir. Ernst sank wie betäubt auf einen Sessel nieder; Thränen entstürzten seinen Augen. Ihm blieb kein Zweifel mehr, daß die arme Klementine sich dem Willen ihrer hochfahrenden Großmutter fügte, und daß sie einen schweren Kampf zwischen Liebe und kindlichem Gehorsam kämpfte. Aber worauf konnte sie noch rechnen? Auf eine heimliche Flucht? Dieser Gedanke durchzuckte ihn wie ein Blitz. Seine verzweifelnde Liebe rieth ihm dazu, aber das Ehrgefühl rieth ihm davon ab. Rathlos sah er durch das stille, glänzende Gemach. Sein Kopf brannte, und seine Pulse klopften im Fieber. Er wollte hinaus in das Freie stürzen – aber das Zimmer hatte nur zwei Ausgänge, den einen in den Saal, den andern in das Boudoir. Dort mußte er sich der glänzenden, fröhlichen Gesellschaft zeigen – hier mußte er Frau von Falk und dem Brautpaare entgegentreten. Und dabei rückte der Augenblick immer näher heran, in dem der Junker seine Ueberraschung ausführen wollte; es ließ sich selbst erwarten, daß Frau von Falk die Proklamation der Verlobung beschleunigen würde. Ernst saß regungslos auf einem Sessel. Die fröhliche Ballmusik umrauschte wie Grabgesang seinen wüsten Kopf, und der Luxus, der ihn umgab, erschien ihm wie ein Trauergepränge. Beides war ja veranstaltet, um das Glück seines Lebens zu Grabe zu tragen.

Da öffnete ein Diener die Thür, die zu dem Saale führte.

Er ließ einen großen stattlichen Mann eintreten. Auf der Brust seines einfachen schwarzen Fracks trug dieser Mann zwei glänzende Orden. Das Gesicht, obwohl von Furchen durchzogen, schmückte ein voller, brauner Schnurrbart, die hohe glänzende Stirn umgab ein kurzes, krauses Haar von dunkler Farbe; die edele römische Nase und die großen, glühenden Augen gaben ihm ein strenges, ehrfurchtgebietendes Ansehen, und seine ganze Haltung war ernst und würdig.

„Wen habe ich die Ehre, meinem gnädigen Herrn zu melden?“ fragte der Diener.

„Einen Herrn von Julian!“ war die kurze Antwort.

Der Diener entfernte sich.

„Julian?“ rief Ernst unwillkürlich aus, indem er aufsprang, und den Fremden anstarrte.

Er hatte den Namen Dessen gehört, an den Klementine’s Brief gerichtet war, und von dem jene alte Frau erzählt hatte, daß sich das junge schöne Mädchen an seine Brust geworfen und geweint habe. Ein inniges, zärtliches Verhältniß zwischen den beiden Personen war bis zur Evidenz erwiesen. Ernst starrte seinen Nebenbuhler sprachlos an.

„Kennen Sie mich?“ fragte der Fremde, indem er seinen Hut auf einen Stuhl setzte.

„Ich habe den Namen Julian gehört, mein Herr – –“

„Und wer hatte die Güte, ihn sich zu merken?“ fragte Julian mit kalter Höflichkeit.

„Ein verabschiedeter Offizier!“ antwortete Ernst in einem bittern Tone, dessen er sich bei der aufkeimenden Eifersucht nicht erwehren konnte.

„Dann sind Sie der Baron Ernst von Below!“ rief rasch und bewegt der Fremde.

„Ich bin’s, mein Herr! Wie mir scheint, sind wir Beide eben nicht willkommene Gäste.“

„Wie, Herr Baron, haben Sie so wenig Vertrauen zu Klementine von Falk?“ fragte Julian lächelnd. „Bleiben Sie! Ich übernehme es, Sie einzuführen.“

„Sie? Sie? Mein Herr, ich war Offizier!“

„Auch ich!“

„Meine Ehre ist unbefleckt!“

„Auch die meine!“ ruf Julian mit sprühenden Augen. „Mein Anerbieten kann Sie nicht verletzen.“

„Und dennoch schlage ich es aus!

„Klementine wird es Ihnen nicht danken! Reclamiren Sie Ihre Rechte!“

„Sind Sie in dieser Absicht gekommen?“ fragte Ernst verachtend.

„Ich leugne es nicht, und dafür, daß meine Forderung Gehör finden wird, habe ich gesorgt!“

Diese Worte sprach Julian mit einer Gewißheit, die Ernst erzittern machte.

„Sollte sie schuldig sein?“ fragte er sich. „Sollte dieser Mann sie von sich abhängig gemacht haben? Er drängt sich in das Haus, um den Junker zu sprechen – Gott, wie wird das enden! Mein Herr,“ wandte er sich zu Julian, „ich habe Sie bereits in dem Hause der Frau Hammerschmidt aufgesucht, um Ihnen einen Brief mit Ihrer Adresse zurückzugeben. Hier ist er!“

Julian nahm den Brief. Nachdem er flüchtig einen Blick darauf geworfen, dankte er, steckte das Papier zu sich, und sagte zu Ernst: „Haben Sie die Zeilen gelesen?“

„Der Brief war offen, mein Herr – ja!“

„Dann müssen Sie wissen, daß ich zu Klementine in einer Beziehung stehe –“

„Klementine liebt Sie!“ rief Ernst hastig.

Julian ergriff die Hand des Offiziers, indem er ihm zuflüsterte: „Und weil ich sie liebe, weil mir ihr Glück am Herzen liegt, darf die beabsichtigte Speculationsheirath nicht zu Stande kommen. Der ihr aufgedrungene Bräutigam soll wissen, daß es einen Mann giebt, der ältere und heiligere Rechte besitzt, als er.“

Ernst starrte den seltsamen Mann an.

„Auch Sie, Herr Baron von Below, sind von Klementine geliebt,“ fuhr er fort; „o, ich weiß es, meinem Scharfblicke ist nichts verborgen geblieben – und darum fordere ich Sie auf, mir beizustehen. Still, man kommt!“

Noch ehe Ernst ein Wort erwiedern konnte, ward die Thür des Boudoirs geöffnet, und Klementine erschien am Arm des Junkers. Frau von Falk folgte mit stolzen Mienen; sie würdigte die beiden Männer keines Blickes. Klementine stieß einen leisen Schrei froher Ueberraschung aus. Ernst bemerkte, wie Julian bei dem Anblicke der Eintretenden heftig zu zittern begann, und wie seine großen dunkeln Augen in einem ungewöhnlichen Feuer erglühten. Klementine hing zitternd an dem Arme ihres Führers; es war ersichtlich, daß sie sich kaum aufrecht erhalten konnte. Der Fremde trat dem Brautpaare entgegen.

„Herr Baron,“ sagte er mit fester Stimme, „ich habe Sie um eine Unterredung bitten lassen; es scheint, daß meine Bitte unberücksichtigt geblieben –“

„Sind Sie zu dem Feste geladen?“ fragte der Junker in spöttischer Verwunderung.

„Nein!“

„Dann, mein Herr, hat mein Haushofmeister ein großes Versehen begangen – –“

„Daß er dem Ungebetenen nicht die Thür vor der Nase verschlossen hat?“ ergänzte Julian, ohne seine Ruhe zu verlieren.

„Oeffne die Thür, mein Freund!“ befahl der Junker einem nachfolgenden Diener.

„Diesen Dienst erlaube ich mir Ihnen zu erzeigen, Herr Baron von Below, sobald die geeignete Zeit gekommen – für jetzt bedarf ich Ihrer zu einer Unterredung, die keinen Aufschub erleidet!“ fügte Julian mit einem gräßlichen Hohne hinzu, und indem er die Thür verschloß, die zu dem Saale führte.

Alle Personen erstarrten über die Kühnheit des Fremden. Nur Klementine flüsterte freudig bestürzt vor sich hin: „Gott sei Dank, es ist ihm gelungen!“

Frau von Falk, die den Fremden aufmerksam beobachtete, entließ den Diener durch die Thür des Boudoirs.

„Was wollen Sie?“ fragte der Junker, den der Muth verlassen zu haben schien.

Julian ergriff Klementine’s Hand, und zog sie sanft zu sich herüber.

„Zunächst die geopferte Braut, mein Herr! An meiner Seite ist Dein Platz, Klementine!“

Länger vermochte sich Frau von Falk nicht zu halten; mit der Heftigkeit ihres Charakters trat sie Julian entgegen, und streckte die Hand nach ihrer Enkelin aus. Aber wie festgebannt blieb sie plötzlich stehen, die vor Schrecken starren Blicke auf den Fremden gerichtet.

„Victor!“ rief sie in einem durchdringenden Tone. Sie hatte ihren Sohn erkannt.

„Ich bin es,“ murmelte Victor bewegt; „ich wollte es dem Mutterauge überlassen, den Sohn zu erkennen.“

Ehrerbietig drückte er einen Kuß auf die Hand der alten Dame.

„Mein Sohn,“ sagte sie plötzlich, und indem sie das greise Haupt stolz emporhob, „Du brichst ein feierlich gegebenes Versprechen – hast Du mir nicht Deine Vaterrechte an Klementine übertragen? [455] Muß ich Dich an eine unglückliche Vergangenheit erinnern, die nie, nie wieder beregt werden sollte?“

Dem armen Vater traten die Thränen in die Augen.

„Sie erinnern mich, Mutter, an die unglücklichste, aber seligste Zeit meines Lebens; zugleich aber auch an einen Ihrer Grundsätze: der Verstand müsse das Herz beherrschen. Zweifeln Sie nicht, daß ich diesen Grundsatz nicht befolgt habe – hier steht Victor, der in der Schule des Lebens gereifte Mann, er tritt Ihnen nicht als ein tollkühner Knabe unter die Augen. Ich bin zu der Erkenntniß gelangt, daß es völlig gleich ist, ob man als ein Opfer des Herzens, oder ein Opfer des Verstandes fällt. Nur wenn Herz und Verstand Hand in Hand gehen, läßt sich Ersprießliches erwarten. Die kalte Berechnung tödtet nicht minder, als die heftigste Leidenschaft. Während Sie für Ihre Enkelin sorgten, sorgte ich mit Muth und Verstand für meine Tochter – ein Jeder von uns nach seiner Ansicht. Aber das Auge des Vaters sieht weiter, als das der Großmutter – –“

„Und was hat Ihr Vaterauge gesehen?“ fragte spöttisch der Junker.

Victor sah mit stolzen Blicken im Kreise um sich her.

„Hier ist weder eine Person zu viel, noch zu wenig, um einen vollgültigen Beschluß über Klementine’s Schicksal zu fassen. Der Zufall, wenn wir die Vorsehung nicht gelten lassen wollen, hat ein wunderbares Gericht zusammengeführt. Antworten Sie mir, Mutter: was bleibt von dem gnädigen Junker übrig, wenn wir ihm sein ererbtes Vermögen abziehen? Was hätten Sie gesagt, wenn Ihre Enkelin, die heute glänzend verlobt wird, morgen an der Seite dieses Mannes der Armuth preisgegeben würde? Antworten Sie mir, Mutter, nach Ihrem Gewissen! Antworten Sie mir nach Ihrem Verstande! Ist es möglich, daß es für ein junges, lebensfrohes Mädchen, auch wenn wir den Zustand ihres Herzens nicht berücksichtigen, ein gräßlicheres Loos giebt?“

„Diese Annahme, Victor –!“ stammelte Frau von Falk.

„Es ist keine Annahme, Mutter, es ist die herrlichste Gewißheit! Der Baron Edmund von Below ist nicht der Erbe seines Bruders!“

„Das Gericht hat erkannt!“ lächelte der Junker. „Ein rechtskräftiger Beschluß kann nicht angefochten werden, auch wenn Bosheit und Tücke alle Mittel anwenden.“

„Das Gericht erkennt, mein Herr Baron, wenn kein Testament vorhanden ist.“

„Ganz recht! Mein Bruder ist plötzlich am Schlagflusse gestorben.“

„Aber nicht ohne Testament, und dieses Testament hat mein Vaterauge entdeckt!“

„Victor,“ stammelte Frau von Falk, „die Sache ist zu ernst, um eine solche Mystifikation zuzulassen.“

„Hören Sie mich an, Mutter. Das Unglück und ein falsches Ehrgefühl trieben mich in die weite Welt hinaus. Ich nahm in der Fremdenlegion Dienste, die Frankreich nach Algier schickte. Wenn ein verzweifelter Muth Ehre ist, so sind hier die Beweise meiner wiederhergestellten Ehre!“ rief Victor, indem er mit der flachen Hand die beiden Orden auf seiner Brust berührte. Der Capitain von Falk, der genug erworben zu haben glaubte, kehrte mit einer kleinen Pension in sein Vaterland zurück. Er kam nach Berlin, und fragte bei dem Pathen nach seinem Kinde, da ihn ein feierliches Versprechen hinderte, die Mutter zu sehen. Der Baron Balthasar von Below empfing den französischen Capitain, wie er es erwarten durfte, und um ihn zu ehren, um ihn für die von seinem Bruder erlittene Kränkung zu entschädigen – Victor sandte einen stechenden Blick auf den Junker – lud er ihn ein, das Testament als Zeuge zu unterschreiben, das er ahnungsvoll an demselben Tage aufgesetzt hatte. Es ist für gewisse Fälle, sagte der wackere Balthasar, ich kann es immer wieder vernichten, wenn es nöthig wird. Dann verschloß er das Papier in seinem Secretair. Beruhigt über das Schicksal meiner Tochter kehrte ich nach Frankreich zurück. Die Revolution, die eine Republik schuf, beraubte mich, den Ausländer, meiner Pension, aber man ließ mir meine Orden. Die Sehnsucht trieb mich abermals nach meinem Vaterlande – ich kam an demselben Tage in Berlin an, als die Zeitungen den Erben des plötzlich verstorbenen Balthasar bezeichneten, da ein Testament nicht vorhanden sei. Durfte der einst ausgestoßene Offizier auftreten, und von der Unterzeichnung eines Testamentes sprechen? Mußte man ihn nicht einer erbärmlichen Rache zeihen und schmählich abweisen, da der Erbe derselbe Mann war, der ihn einst wegen Ausstellung eines falschen Wechsels – er hatte ihn aus Eifersucht dazu gemacht, weil er sich ebenfalls um meine theure Julie beworben – weil er ihn angeklagt, und so sein Verderben bereitet hatte? Nur mit Beweisen konnte der arme Capitain auftreten. Mutter,“ sagte Victor treuherzig, „Rache ist mir fremd, ich hätte nie daran gedacht, den Erben zu verdrängen, wenn es mir das Wohl meines Kindes nicht zur Pflicht gemacht hätte. Ich näherte mich Klementinen, sie erkannte mich wieder, und von ihr erfuhr ich, daß sie liebte, daß sie aber denselben Mann heirathen sollte, der vor zweiundzwanzig Jahren ihrer unglücklichen Mutter nachgestellt hatte. Sie besuchte mich fast täglich in meiner verborgenen Wohnung, aber sie war mir gehorsam und verschwieg Ihnen meine Anwesenheit. Jetzt galt es, mit Beweisen in der Hand hervorzutreten, um zu zeigen, daß die Rechnung eine falsche war, und daß meine Klementine an dem Rande eines Abgrundes stehe. Daß der Verstorbene das Testament vernichtet hatte, bezweifelte ich; es mußte entweder gestohlen, oder verloren gegangen sein. Ich erinnerte mich des Secretairs genau, der, wie ich gesehen, ein künstlich verborgenes Fach enthielt. Dieses Fach allein konnte mir Aufschluß geben. Wie aber sollte ich dazu gelangen? Wer würde mir gestatten, die Möbel zu öffnen? Mußte man mich nicht für einen böswilligen Verleumder halten, wenn eine offizielle Nachsuchung vergebens war? Dasselbe Mittel, das der lüsterne Bräutigam zur Verblendung der Braut anwandte, sollte mir Licht schaffen. Ich erfuhr, daß die alten Möbel des Verstorbenen verkauft werden sollten, um neuen Platz zu machen – Klementine’s kleine Ersparnisse vervollständigten die Kaufsumme – ich miethete in einer abgelegenen Straße eine geräumige Wohnung, ließ die erkauften Sachen dorthin schaffen, zertrümmerte die beiden Secretaire, die sich dabei befanden, und – hier ist das Testament, von der Hand des Verstorbenen verfaßt, und von dem Capitain von Falk als Zeuge unterzeichnet.“

Triumphirend hielt Victor ein Papier empor.

„Mutter,“ sagte er dann, „ich habe kein Recht, Ihren Anordnungen zu widersprechen; aber Ihrem Prinzipe gemäß müssen Sie von einer Verbindung Klementine’s abstehen, die der Verstand nicht billigen kann. Der Lieutenant Ernst von Below ist der Erbe – Klementine, Du kennst ihn, gieb ihm sein rechtmäßiges Eigenthum.“

Victor gab seiner Tochter das Papier; diese empfing es zitternd, und überreichte es Ernst.

„Klementine, Klementine!“ rief er im Uebermaße seiner Gefühle aus und indem er zu ihren Füßen niedersank, „jetzt ist mir Alles klar! Der Himmel selbst öffnet sich, um mich seine reinste Heilige schauen zu lassen! Kannst Du meiner heißen, maßlosen Liebe den Argwohn verzeihen?“

Er bedeckte ihre Hand mit glühenden Küssen, und sah flehend zu ihr empor. Sie neigte sich zu ihm hinab, und flüsterte weinend: „Ich habe Dir nie gezürnt, Ernst; aber ich konnte nicht anders handeln!“

In den Augen der Großmutter erglänzten Thränen, denn sie sah in diesem Augenblicke erst, welch ein Opfer von Gehorsam die liebende Enkelin ihr gebracht hatte.

„Mutter,“ fragte Victor, „darf der Capitain von Falk Sie nach Hause begleiten?“

„Mein Sohn, ich gebe Dir Deine Tochter zurück,“ sagte sie ernst. „Und Sie, Herr Baron,“ sagte sie zu dem Junker, „werden sich an den Capitain wenden müssen – ich habe keine Rechte mehr an Klementine. Ich bitte um Ihren Arm, Capitain!“

„Vergönnen Sie mir, daß ich noch ein Wort an den ersten Urheber meines Unglücks richte, bevor ich Ihnen gehorsam bin,“ sagte Victor. „Rache ist mir fremd, mein Herr,“ flüsterte er in einer gräßlichen Bitterkeit dem leichenblassen Junker zu; „aber ich halte mein Versprechen, wenn es im Reiche der Möglichkeit liegt. Ich versprach Ihnen vorhin, Ihnen zur geeigneten Zeit die Thür zu öffnen – treten Sie in den Saal, Herr Baron, ich erfülle mein Versprechen!“

Und Victor öffnete rasch die Thür. Dann bot er seiner Mutter den Arm, und führte sie durch das Boudoir auf den Corridor hinaus. Ernst und Klementine folgten Arm in Arm. Ein schnell herbeigebrachter Wagen brachte sie in die Wohnung der Frau von Falk.

Der Junker sank betäubt auf einen Stuhl. Sein Kammerdiener brachte ihn zu Bett, und die Gäste schlossen den Ball ohne den Gastgeber, von dem sich das Gerücht verbreitet hatte, daß er plötzlich krank geworden sei.

Sechs Wochen später war der Prozeß entschieden, den Ernst auf Grund des vorgefundenen und für richtig anerkannten Testaments [456] gegen den Junker anhängig gemacht habe. Laut einer darin befindlichen Bestimmung mußte der Erbe dem Junker eine jährliche Rente von sechshundert Thalern zahlen. Ernst war der legitime Besitzer eines großen Vermögens, und der glückliche Gatte der reizenden Klementine. Der Junker war verreist, als die jungen Gatten das Haus unter den Linden bezogen. Herr Thaddäus, Fritz und Doris hatten die Ausstattung vervollständigt.

An der Hand Ernst’s betrat Klementine das Boudoir. Die junge Frau begann laut zu weinen, als sie einen Blick in den kostbaren Raum geworfen hatte. Dann sank sie ihrem Manne an die Brust.

„Siehst Du den Teppich, den Ofenschirm und den Wandkorb?“ fragte sie.

„Ja, mein Kind!“ flüsterte Ernst, indem er die Stirn Klementine’s küßte.

„Als ich noch arm war, bestellte man Stickereien für eine Braut – auf diese Blumen ist manche Thräne gefallen, und manche schlaflose Nacht habe ich der Arbeit geopfert – ich dachte an Dich, Ernst, und beneidete die glückliche Braut. Die arme Klementine ahnte damals nicht, daß sie an der Ausschmückung ihres eigenen Brautgemachs arbeitete – arbeitete für Geld!“

Ernst küßte die kleinen Hände seiner Gattin.

„Jetzt wandle auf den Blumen, die Du gepflanzt, und kann die Liebe sie Dir ewig frisch erhalten, dann, Klementine, zweifele nicht daran, daß sie ewig blühen!“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: angebete