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Kinder-Markt

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Textdaten
Autor: unbekannt
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Titel: Kinder-Markt
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aus: Tägliches Cincinnatier Volksblatt, 10. April 1908
Herausgeber:
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Entstehungsdatum: 1908
Erscheinungsdatum: 1908
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Erscheinungsort: Cincinnati
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Originalherkunft:
Quelle: Otto Uhlig: Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg. Wagner, Innsbruck, 3. Auflage 1998, ISBN 3-7030-0320-0, Abb. 33
Kurzbeschreibung: Zeitungsbericht über den Markt zur Vermittlung der Schwabenkinder in Friedrichshafen
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Kinder-Markt

Friedrichshafen, Württemberg, 9. April. – Die Abhaltung des Kindermarktes am 31. März – eine mehr als hundert Jahre alte Einrichtung – hat diesmal in den Grenzprovinzen von Oesterreich, der Schweiz und Deutschland einen ungewöhnlichen Sturm der Entrüstung erregt und viele Zeitungen, die darauf hinweisen, daß die Kinder thatsächlich, wenn auch nur temporär, in die Sklaverei verkauft würden, erklären, daß es jetzt ein und für alle Mal an der Zeit sei, diesem Unfug ein Ende zu machen.

Auf dem Marktplatz von Friedrichshafen werden alljährlich 300 bis 400 Knaben und Mädchen, im Alter von 11 bis 14 Jahren stehend, und die aus den Landdistrikten in Tyrol und Vorarlberg kommen, für sieben Monate, d. i. vom 1. April bis Ende Oktober, „ausgedungen“ und zwar an Bauern im südlichen Bayern, Württemberg und Baden.

Auf die Wünsche der Kinder wird dabei sehr wenig Rücksicht genommen, und die meisten werden gegen ihren Willen ausgedungen, um Geld in die Taschen ihrer Eltern zu bringen.

Die Kinder kommen, in der Regel in Begleitung ihrer Eltern, am Kindermarkttag in Friedrichshafen an. Hier werden sie in Reihen auf dem Marktplatz zur Besichtigung aufgestellt und die Bauern betrachten sie, befühlen die Muskeln ihrer Arme und Beine und besprechen in lauter Weise die Vorzüge und die Mängel der Kleinen. Diese Inspektion dauert den ganzen Tag. Diejenigen der älteren Kinder, die schon einen oder zwei Termine gedient haben, benachrichtigen insgeheim ihre jüngeren Leidensgenossen, wenn ein Bauer herankommt, den sie kennen und der seine Schutzbefohlenen grob oder schlecht behandelt, und die Knaben und Mädchen geben sich dann alle Mühe, sich in so schlechtem Licht als nur möglich zu zeigen, es gelangt ihnen aber nicht immer, der Gefahr, an einen solchen Menschen ausgedungen zu werden, zu entgehen.

Nach und nach werden Alle untergebracht und die Eltern der Kinder schließen dann mit den Bauern schriftliche Kontrakte ab, in denen die Summe festgesetzt wird, die für die sieben Monate Dienst bezahlt werden muß. Sie beträgt gewöhnlich 50 Mark, geht in manchen Fällen aber bis auf 80 Mark.

Die Bedingungen des Kontraktes sind sehr schwere. Es heißt darin, daß die Knaben oder Mädchen mit Viehhüten, Hausarbeit, Stallarbeit, Beaufsichtigen der Kinder, mit dem Füttern des Viehs und allen möglichen anderen Dingen beschäftigt werden können.

„Gute Behandlung“ wird auch garantirt, aber einer hiesigen Zeitung zufolge, die eine eingehende Untersuchung vorgenommen hat, wird diese Bedingung häufiger mißachtet als befolgt, und viele Kinder kehren infolge der Mißhandlungen, denen sie ausgesetzt sind, theilweise verkrüppelt oder mit geschwächter Gesundheit in die Heimath zurück.

Herzzereißende Szenen spielen sich häufig ab, wenn die Kinder sich von ihren Eltern trennen müssen und an ihre neuen Herren ausgeliefert werden.

Den ersten glücklichen Tag erleben die Kinder am 28. Oktober, dem „Pack-Tag“, an dem die Kleinen, nachdem sie ihre Zeit abgedient haben, ihre wenige Habe zusammenpacken, um sich dann zu Fuß nach Friedrichshafen zu begeben, wo sie sich im Hauptquartier der Kinderschutzgesellschaft versammeln, von wo aus sie nach Hause geschickt werden. Im nächsten Jahre werden sie vielleicht aufs Neue in die Knechtschaft verkauft werden.