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Kiel und seine Umgebung

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Textdaten
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Autor: F. K.
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Titel: Kiel und seine Umgebung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 164-166
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Kiel und seine Umgebung.

Nur wenige andere Plätze unserer Ostseeküste sind von der Natur in Bezug auf Lage und landschaftliche Anmuth so begünstigt wie Kiel. Die Stadt liegt am Südende der Kieler Föhrde, einer der schönsten Buchten der Ostseeküste, und besitzt einen Hafen, dessen Tiefe den schwersten Schiffen Zugang gewährt und der in seinem ruhigen, geschützten Fahrwasser die Flotten der halben Welt aufnehmen könnte.

Die Vortheile dieser Lage und der Werth des Hafens kamen dem Orte von jeher zu Gute. Schon im 13. Jahrhunderte blühte Kiel in Handel und Wandel empor, und hundert Jahre später nimmt es im Bunde der allgewaltigen Hansa einen hervorragenden Platz ein. Trotzdem trat die Bedeutung, welche es in den Händen eines großen Staates und bei angemessener Pflege und Verwerthung seiner natürlichen Hilfsmittel erreichen mußte und in wenigen Jahren der Neuzeit auch erlangt hat, erst hervor, als es 1866 Kriegshafen und Flottenstation wurde. Von da an datirt der große Aufschwung der alten Küstenstadt, und heute ist Kiel mit seinem rastlos fluthenden Leben, seinen großartigen Hafenanlagen und Marinebauten, seiner prächtigen schönen Umgebung einer der interessantesten Punkte unserer Küsten, der um so größere Bedeutung gewonnen hat, je wichtiger die Rolle ist, welche unsere Marine in der Entwickelung der deutschen Kolonialpolitik spielt.

Der Fischtorpedo.

Die Stadt hat, obgleich deren Gründung bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht, wenig Alterthümliches aufzuweisen: ein paar bescheidene Holzhäuser mit hohen Giebeln, der wenig imposante Backsteinbau der frühgothischen Nikolaikirche, deren spitzer, kupfergedeckter Thurmhelm den kleinen Marktplatz überragt, und schließlich der ungegliederte Steinwürfel des im vorigen und im Anfange dieses Jahrhunderts aus- und umgebauten Schlosses, welches Residenz des Prinzen Heinrich und Sitz des Kommandos der Marinestation der Ostsee ist, dürfte so ziemlich Alles umfassen, was an älteren Banwerken noch vorhanden ist.[1] Für diesen Ausfall werden wir jedoch reichlich entschädigt durch die landschaftlichen Schönheiten, welche die Ufer der Bucht von dem Hafen bis zur Mündung in die Ostsee bieten.

Finden wir im Hafen jenes, nur in größeren Seestädten anzutreffende, stets wechselnde Bild von Segelschiffen, Dampfern, Booten und Lichterfahrzeugen, während am Ufer zwischen Schuppen, Werften, Waggons, Verladekrahnen, Holzniederlagen, Kohlen, Kisten und Ballen eine geschäftige Menge sich umhertreibt, – so entzückt uns am Gestade eine Reihe zierlicher Landhäuser und Villen, mit schmucken Gärten, die von dem dunklen Hintergrunde prächtiger Buchenwaldungen „kokett“ sich abzeichnet. Die Vegetation ist im Allgemeinen von einer erstaunlichen Ueppigkeit, wozu die günstigen Temperaturverhältnisse sowie der hohe Feuchtigkeitsgrad der Luft das Meiste beitragen mögen.

Das östliche Holstein ist ja berühmt wegen seiner Buchenwälder; – schöner, kräftiger belaubt, hochstämmiger als die des „Düsternbrooks“ bei Kiel können dieselben jedoch nirgends angetroffen werden.

Vor der Stadt, und hart beim Schlosse beginnend, führt an dem westlichen Ufer der Bucht eine herrliche Allee uralter Linden, einer langgestreckten, vielhundertsäuligen Vorhalle vergleichbar, in sanftem Anstieg zu dem genannten Buchenhaine, der [164] bei „Belle-Vue“, einem hoch über dem Seespiegel gelegenen Hôtel, seine schönste Entfaltung erreicht; von der Terrasse dieses Hôtels bieten sich entzückende Ausblicke auf den Wald und auf die weiße Bucht mit ihrem regen Schiffsverkehre. Auf dem östlichen Ufer erheben sich die mächtigen Marine-Anlagen und die schmucken Ortschaften Ellerbeck und Neumühlen, von denen namentlich die erstere als Lieferant der berühmten Kieler Sprotten und Bücklinge weit und breit bekannt ist und deren eigenartige Boote, Einbäume (mit einem Mast) genannt, zur charakteristischen Staffage des Hafens gehören.

Die Bucht selber gliedert sich in zwei Theile, der äußere verengt sich bei Friedrichsort, dem Sperrfort des Hafens, zu einer nur 1200 Meter breiten See-Enge, und von hier streckt sich dann der eigentliche Hafen 10 Kilometer weit ins Land hinein, an seiner breitesten Stelle sich bis zu 3000 Meter erweiternd.

Die berühmten Marine-Anlagen erheben sich, wie schon gesagt, auf dem östlichen Ufer, an einer Einbuchtung bei Ellerbeck, nahe genug der Stadt und Eisenbahn, aber doch völlig getrennt vom Handelshafen. Die kaiserlichen Werften, ein gewaltiges, erst vor wenig Jahren vollendetes Etablissement, in dem jahraus, jahrein 3000 bis 4000 Menschen beschäftigt sind, enthalten zwei mächtige Bassins für Schiffsbau und Schiffsausrüstung, in denen als erstes Fahrzeug 1874 die Panzerfregatte Friedrich der Große erbaut wurde, dann drei Hellinge (zum Ablaufen neu gebauter Schiffe), vier große Trockendocks (zum Ausbessern des Schiffsrumpfes), Schwimmdocks etc., sowie zahlreiche Werkstätten, in welchen Alles zur Takelung und anderweitigen Ausrüstung der Fahrzeuge Nöthige angefertigt oder wenigstens aufgestapelt wird.

Partie bei Düsternbrook.
Originalzeichnung von F. Keller-Leuzinger.

Die Herstellung eines Kriegsschiffes ist ja längst eine so komplicirte, die verschiedenartigsten Industriezweige, und zwar in deren großartigster Ausbildung, in Anspruch nehmende Sache geworden, daß an eine vollständige Koncentrirung und einheitliche Leitung der betreffenden Arbeiten nicht mehr zu denken ist.

Das Holz, früher das wichtigste Material für den Schiffsbau, ist durch das Eisen nahezu gänzlich verdrängt worden, und im Binnenlande, meist fern von der See liegende Hochöfen, Gießereien und Walzwerke der größten Art sind es, die den Stoff liefern, aus welchem jene feuerspeienden Kolosse konstruirt werden, welche bei den modernen Seekriegen in erster Linie in Betracht kommen.

Es hat auf diesem Gebiete eine Umwälzung stattgefunden: nicht nur, daß die alten Dreidecker aus Nelson’s Zeit mit zahlreichen, aber wenig leistungsfähigen Geschützen gänzlich verschwunden sind, sondern auch jene schlanker gebauten, zum Theil schon unter Dampf gehenden Fahrzeuge aus den vierziger und fünfziger Jahren markiren einen längst überwundenen Standpunkt. Die modernen Schlachtschiffe sind riesige Zerstörungsmaschinen von verhältnißmäßig gedrungenem Bau, bei denen wenige, aber dem schwersten Kaliber angehörige Geschütze in einer durch nahezu meterdicke Panzerung geschützten Kasematte untergebracht sind, während der Rest des Schiffsrumpfes bis unter die Wasserlinie herunter durch eine leichtere Eisenverkleidung wenigstens gegen schwächere Projektile geschützt ist.

Jede unnütze Zuthat, jedes Bauwerk, jeder Schmuck ist vermieden, und nur der Reichsadler, sowie eine Kaiserkrone in goldenem Relief bezeichnen den Staat und den Kriegsherrn, dem das mächtige Gebäude zugehört. Und doch entbehrt das Ganze keineswegs einer gewissen strengen Schönheit, indem besonders die scharfen Linien des mit einem kühn geschwungenen Sporne versehenen Buges denselben befriedigenden Eindruck machen, wie gewisse Architekturformen, in denen die rein konstruktiven oder mathematischen Grundlinien ungestört zur Geltung kommen. Nur der eigenthümlich malerische Charakter, den die Kriegsschiffe älterer Konstruktion, mit den bauchigen Flanken, dem breiten Bug und dem hochansteigenden, reichgeschnitzten Hintertheil hatten, ging verloren, ebenso wie durch die Einführung des Dampfes als Triebkraft und die damit verbundene Vereinfachung der Takelage jenes graziöse,

[165]

Blick auf den Hafen von Kiel.
Originalzeichnung von F. Keller-Leuzinger.

[166] mövengleiche und doch wieder so imposante Aussehen verschwinden mußte, welches dem alten Segler anhaftete, wenn er mit halbem Wind, keck auf der Seite liegend, brausend die Wogen theilte.

Der Wettkampf zwischen Panzerung und Geschoß, bei dem die erstere immer dicker und das letztere immer perkussionsfähiger gemacht wurde, hat schließlich auch dazu geführt, das „schwimmende Fort“ von einer Seite anzugreifen, auf der es nicht wohl gepanzert werden kann, ohne seine Schwimmfähigkeit allzu sehr zu beeinträchtigen, nämlich von unten.

Längst hat man, besonders zur Vertheidigung von Hafeneingängen etc., Minen gelegt, die entweder durch den elektrischen Funken oder in selbstthätiger Weise im gegebenen Momente springen sollten, und es giebt sogar eigene Fahrzeuge, die den Namen „Minenleger“ führen: der neuesten Zeit aber war es vorbehalten, den sogenannnten Fischtorpedo (vergl. das Bild S. 163) zu erfinden, der von besonderen Torpedoschiffen oder von jedem andern dazu hergerichteten Fahrzeuge unter Wasser losgelassen werden kann und, von einer Schraube mittels komprimirter Luft getrieben, mit Blitzeseile tausend und mehr Fuß zurücklegt, um an der Schiffswand des Gegners anzurennen, zu explodiren und denselben zum Sinken zu bringen. Es ist, wie man sieht, eine tückische, aber viel versprechende Waffe, denn sämmtliche seefahrende Nationen haben dieselbe adoptirt, und es ist alle Aussicht vorhanden, daß sie im nächsten Seekriege die ausgiebigste Verwendung finden und manches stolze Schiff in den Grund bohren wird.

Die Besucher des Kieler Hafens haben übrigens Gelegenheit, diese zierlichen, in doppelspitzer „Cigarrenform“ aus Bronze sorgfältig konstruirten Zerstörungsmaschinen aus geringer Entfernung, wenn auch nicht bei der „Arbeit“, so doch in Bewegung zu sehen. Gefahr ist keine dabei, denn geladen sind sie nicht.

Die in Berlin angefertigten Torpedos werden nämlich in der Kieler Bucht in Bezug auf richtige Gangart, respektive Trefffähigkeit geprüft, und auf unserm großen Bilde erblicken wir rechter Hand ein solches Uebungs-Torpedoboot, auf welchem deutlich die eigenartige Form der Geschosse zu erkennen ist.

So ist das Bild des Kieler Hafens ein stetig wechselndes, ein Januskopf, dessen eine Hälfte den Krieg, die andere den Frieden zeigt. Während hier im Schwimmdock der gewaltige Körper des Panzerkolosses seine wunden Stellen der untersuchenden Hand des Schiffsbaumeisters darbietet, nachdem er bis auf den Kiel seinem Elemente entrückt ist, treibt dort der Handelsdampfer der Flotille von Lichterfahrzeugen entgegen, die gegen klingenden Lohn gern bereit sind, ihn seiner Last zu entledigen. Und zwischenhindurch schießen die beweglichen Boote der Bewohner von Ellerbeck, Neumühlen und wie alle jene hübschen Ortschaften heißen, welche die Ufer der Föhrde zieren; in stolzer Ruhe liegt die Panzerkorvette vor Anker und in quecksilbriger Beweglichkeit schießt das Uebungsschiff mit 2000 jungen „Seebären“ an Bord hin und her, lavirt und kreuzt in der Bucht, und bei gutem Winde hört man von deren Deck das scharfe Kommandowort des Kapitäns, das Wirbeln der Trommeln und anderen Kriegslärm deutlich herüberschallen.

Neben diesem kriegerischen Treiben gehen aber Handel und Industrie lebhaft vorwärts. Der Kieler „Umschlag“ ist eine weitbekannte Messe, auf der große Waarenumsätze erzielt werden und wo die sehr bedeutenden Geldgeschäfte des flachen Landes ihre Erledigung finden. Die Ausfuhr von Land- und Industrie-Erzeugnissen steigt jährlich, und Dampfschiffsverbindungen nach zahlreichen deutschen Ostseehäfen, Dänemark, Schweden, England etc. vermitteln einen lebhaften Handelsverkehr. Auch die Universität, welche 1665 von Herzog Christian Albrecht gegründet wurde, bildet mit ihrer Bibliothek und ihren zahlreichen Sammlungen, die manche interessante Seltenheit aus vorgeschichtlicher Zeit enthalten, einen nicht unbedeutenden Faktor in dem wirthschaftlichen und öffentlichen Leben Kiels.

Die Festungswerke aber mit ihren starken Seeforts und zahlreichen Strandbatterien bilden einen gewichtigen Küstenschutz und gewähren die Beruhigung, daß das deutsche Vaterland auch in seinen bisher verhältnißmäßig schwachbewehrten Seeküsten zu Zeiten der Noth nicht unvorbereitet überrascht werden kann.F. K.     


  1. Eine zwar nicht sehr große, für Holstein aber hochinteressante Sammlung kleinerer Ueberreste einer längst verschwundenen Zeit, besonders Holzschnitzereien aus dem 16. und 17. Jahrhundert, enthält das sogenannte Thaulow-Museum, dessen Besuch jedem Kunstfreunde bestens zu empfehlen ist.