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Kennen Sie das Land, wo die Zitronen blühen?

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Textdaten
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Autor: Hermann Harry Schmitz
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Titel: Kennen Sie das Land, wo die Zitronen blühen
Untertitel:
aus: Der Säugling und andere Tragikomödien Seite 146-158
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Ernst Rowohlt Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Aus dem Zyklus:
Wenn man so reist.
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[146]
Kennen Sie das Land, wo die Zitronen blühen?

Bei zwei Grad über Null, wenn einem ein scharfer Wind ein Gemisch von Schnee und Regen um die Backen klatscht, in weißen Flanellhosen, Rohseidenjoppe und Panamahut, ohne Paletot draußen herum zu laufen, ist auch in Italien nicht angebracht.

Ich hatte unbedingt an die immerwährenden Sonnentage jenseits der Alpen geglaubt und mich mit meiner Garderobe dementsprechend eingerichtet. Das war sehr dumm von mir gewesen, darum lag ich auch schon am zweiten Tage mit einer schrecklichen Erkältung in Como im Hotel darnieder und stellte Reflexionen darüber an, daß ich in nasse Umschläge verpackt gerade so gut zu Hause im Bett liegen könnte und deshalb nicht nach Como zu reisen brauchte.

Jedem, der im Frühling nach Italien zieht, rate ich, sich so zu kleiden, als ob er zum Wintersport in das Engadin führe. Auf alle Fälle bleibt er so vor unangenehmen Enttäuschungen bewahrt. Auch mag er seinen Bobsleigh-Schlitten und seine Schneeschuhe mitnehmen, denn er hat hierfür im Süden die schönste Verwendung.

Wenngleich offene Kamine, wie man sie in Italien findet, nicht heizen, dafür aber um so ergiebiger [147] qualmen, geben sie einem Zimmer einen unendlich traulichen Charakter. Eingehüllt in Decken, so daß nur die blau-rote Nase naiv herausschaut, sitzt der fire place-Enthusiast vor dem Kamin, läßt die Beine in der flackernden Flamme bruzzeln und freut sich, umschmeichelt von würzigen Schwaden, die anstatt in den Schornstein, in das Zimmer kriechen, der heimlichen Märchenstimmung.

Ich schätze Dickens ganz enorm, kann aber seine Verehrung für den altenglischen Kamin, dem er als Stimmungsstimulanz in jedem seiner Romane ein begeistertes Lob singt, nicht teilen. Ich betrachte, seitdem meinem alten Freunde Dlany Trainenteer aus dem Staate Illinois am Kamin des Hotels Gletsch am Rhonegletscher die seltsame Sache passiert ist, jeden Kamin mit einem gewissen Grauen. Dem guten, sehr zerstreuten Dlany waren nämlich die Beine, mit welchen er ganz in Gedanken in den glimmenden Holzscheiten herumgestochert hatte, angekohlt. Als er sich dann endlich, durch den merkwürdig brenzlichen Geruch aufmerksam gemacht, erhob, war er drei Köpfe kleiner geworden. Er konnte einem leid tun, der brave Bursche; alle Hosen mußte er kürzen lassen.

Sehr ratsam ist es, ein kleines Petroleumöfchen mit sich zu führen. Menschen mit einiger Phantasie werden sich im bitterkalten Hotelzimmer, wenn draußen wenig laue Lüfte die verstörten Zypressen zausen, auf das angezündete Öfchen setzen, zwei aus Deutschland mitgebrachte Apfelsinen vor sich hinlegen, italienische Volkslieder singen und sich so ihre Illusion vom Lande des ewig lachenden Frühlings bewahren.

Ich konnte mich nach meinem kurzen Debüt auf italienischem Boden der Überzeugung nicht mehr verschließen, [148] daß meine Kenntnisse in der von mir so begeistert geliebten Sprache Petrarcas, die sich auf die vier Worte: Maccaroni, Bersaglieri, Asti-Spumante, Lincrusta beschränkten, für eine angeregte Konversation doch nicht völlig ausreichten. Dazu kam, daß eigentlich nur die drei ersten Worte meines Sprachschatzes für den regelmäßigen Gebrauch in Frage kamen, da ich das Wort Lincrusta, über dessen Bedeutung ich mir nicht recht klar war, nur mit Vorsicht anzuwenden wagte.

So beschloß ich denn, die Klausur, zu der mich meine Erkältung verurteilte, nutzbringend zu verwenden, um mit Hilfe einer Grammatik weiter in die Feinheiten der italienischen Sprache einzudringen.

Als besonders wichtig und fördernd empfahl der Verfasser des Lehrbuches das Auswendiglernen der jedem Kapitel beigefügten, aus dem Leben gegriffenen Übungssätze und Dialoge.

Die Feinheiten der Sprache erschlossen sich mir in den Sätzen: Hat Emil, der Sohn des emsigen Gärtners, die gute Birne gesehen? Nein, aber Gertraude, die Base des freundlichen Nachbars, hat ein Federmesser. – Hat Hermine, die Muhme des greisen Dichters, das Zobeltier mißachtet? Nein, aber die fröhliche Großmutter des jungen Freundes hat eine Wendeltreppe. – Hat Walter den blinden Pianisten geneckt? Nein, aber die arme Waise hat die dürren Bretter verschmäht.

Ich lernte, daß meine Stirn sichtbar höher und eckiger wurde und hatte nach kurzer Zeit die Genugtuung, zu konstatieren, in welch fabelhafter Weise ich meine Kenntnisse erweiterte. In welch vollendeter [149] Form schleuderte ich einem angenommenen Gegenüber die Frage nach der guten Birne entgegen, um dann schlagfertig mit dem im Lehrbuch vorgeschriebenen Satz über das Federmesser Gertraudens zu antworten.

Ein besonderer Abschnitt gab den nach Italien Reisenden bemerkenswerte Winke und Musterfragen zur Anknüpfung von schöngeistigen, belehrenden Gesprächen mit gebildeten Italienern. Da fanden sich die Sätze: Neigte der ältere Plinius zu Blinddarmaffektionen? – Glauben Sie, daß sich der schiefe Turm von Pisa als Einfamilienhaus eignet? – Sind Christoph Columbus die Impfpocken angegangen? – Welche Halsweite hatte Ariost? – Aß der Herzog Mora gern sehr fett? – War die Prinzessin d’Este eine Freundin von Mehlwürmern? Und noch mancherlei derartige Fragen, die geschickt die seichte konventionelle Art, mit welcher sonst im allgemeinen Gespräche eingeleitet werden, vermieden und sofort der Unterhaltung eine intellektuelle Note gaben.

Nach acht Tagen war meine Erkältung bis auf eine laufende Nase so ziemlich behoben, ich konnte es wagen, wieder auszugehen.

Was mich am ersten Tage meines Aufenthaltes in Como so verdrossen hatte, war der Umstand, daß ein jeder mich sofort als Ausländer einschätzte und dementsprechend zu leimen suchte. So hatte ich schon nach ganz kurzer Zeit die Taschen voll ungültiger, außer Kurs gesetzter Geldstücke: Schweizer Franken mit der sitzenden Helvetia, Fünflirestücke vor 1863 geprägt, argentinisches und päpstliches Geld – schöne, seltene Münzen, die man, als ich sie in aller Harmlosigkeit ausgeben wollte, mit Hohn zurückwies.

[150] Hauptsächlich war es mein Vier-Wort-Sprachsystem gewesen, welches mich verraten hatte, aber auch an der Kleidung und dem ganzen Auftreten erkannte das geübte Auge des Eingeborenen den Fremden.

Das war ich nun leid. Anpassung, Mimikry war der einzige Ausweg.

Sprachlich fühlte ich mich dank meinem reichen Schatz an Sätzen aus der Grammatik absolut sicher. Also galt es nur das Äußere den Sitten des Landes entsprechend herzurichten.

Alle Männer trugen hierzulande lange, schwarze Pelerinen, deren einer Zipfel malerisch über die Schulter geworfen wurde, dazu verwegene Schlapphüte. Ich mußte mir vor allem eine derartige Pelerine und einen solchen Hut zulegen.

Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, dem Besitzer des Ladens, in welchem diese Sachen zu haben waren, mein Verlangen ohne Zuhilfenahme von Gebärden, in seiner, von mir ja jetzt so glänzend beherrschten Muttersprache auseinander zu setzen. Es war aber doch verflucht schwer, wie ich bald bemerkte, von Emils Birne ausgehend, über Gertraudens Federmesser, über Herminens mißachtetes Zobeltier und der fröhlichen Großmutter Wendeltreppe zu der gewünschten Pelerine zu gelangen.

Meine Siegesgewißheit, mit welcher ich den Laden betreten hatte, war schnell verschwunden. Der Mann im Laden, der auf alles, was ich sagte, nichts erwiderte und sich nur fortwährend sehr devot verbeugte, hatte mich zuerst nervös gemacht.

Als ich dann, je mehr ich redete, zur Überzeugung kam, daß aber auch kein einziger der auswendig gelernten [151] Sätze den erlösenden Übergang zu bringen vermochte, trat mir der Angstschweiß auf die Stirn. Ich wurde verwirrt und geriet in die zweite Serie von Sätzen, die laut Grammatik eigentlich nur bei schöngeistigen Gesprächen anzuwenden waren. Die Blinddarmaffektionen des älteren Plinius, die Impfpocken Columbus’, die Mehlwürmer der Prinzessin d’Este, alles geriet mir durcheinander. Ich begann zu zittern, das Blut stieg mir zu Kopf, Tränen liefen mir über die Backen, die Fontanellen krachten hörbar. Ich wurde immer blöder, konfuser und begann auf einmal, als ich in italienisch nicht mehr weiter wußte, die zehn Gebote auf deutsch aufzusagen.

„O, Sie sind ein Deutscher,“ unterbrach mich der Ladeninhaber in Schweizer Dialekt, „ich hatte Sie für einen Russen gehalten und mich schon gesorgt, wie wir uns verständigen sollten. Womit kann ich Ihnen dienen?“

Gott sei Dank! Der Mann war kein Italiener. Mein bereits völlig erschüttertes Vertrauen auf meine Kenntnisse der italienischen Sprache kehrte langsam zurück.

„Sie sprechen nicht italienisch?“ stieß ich hervor.

„Nur wenig, ich kann mir gerade zur Not helfen.“ Dann war es ja auch nicht weiter verwunderlich, daß er mich nicht verstand, daß er als Schweizer nicht das nötige Verständnis für den laut Grammatik speziell auf die italienische Volksseele eingestimmten Ton meiner Unterhaltung entgegenbrachte.

In der Pelerine mit dem kokett über die Schulter geworfenen Zipfel und dem Schlapphut sah ich fabelhaft echt aus. Jetzt noch eine bösartige, schwarze Minghetti, wie jeder Italiener sie zwischen den Zähnen [152] hat, angesteckt und eine Nummer des „Corriere della Sera“ in die Hand genommen! Nun sollte noch jemand, der mich in den Kolonaden am Dom herumschlendern sah, in mir einen Nordländer vermuten!

Die Kunst des Flanierens, nach Baudelaire die subtilste Sensation des Dandy, die der Italiener, wie überhaupt jeder Romane meisterhaft versteht, werden wir nie lernen. Wir haben nie Zeit. Der Beruf, die Pflicht und was derartige unsympathische Worte noch mehr sind, lassen keine halkyonische Beschaulichkeit aufkommen. Und wenn es dann nicht diese Faktoren sind, die unsere Zeit in Anspruch nehmen, so haben wir Kegeln, oder Skatabend, oder eine offizielle Gesellschaft, oder sonst irgend etwas, das wir für äußerst wichtig halten. Immer lese ich aus den Gesichtern der Leute bei uns, die Unruhe, sie müßten unbedingt gleich irgendwo sein, wo es ohne sie absolut nicht geht, wo sogar, wenn sie nicht rechtzeitig eintreffen, ein Malheur passiert.

Die Kunst zu leben, zu leben um des Lebens willen, kann man in Italien lernen.

Gearbeitet wird dort auch, wenn es eben nicht anders geht, aber nicht mit dem harten Ernst, nicht mit der monumentalen Wichtigkeit, die zum Beispiel bei uns ein Bureaumensch, der eine Rechnung über zwanzig Stück verzinkte Blecheimer oder über zweiunddreißig Meter Gasröhren mit Gewinde und Muffen auszuschreiben hat, seiner Tätigkeit entgegenbringt.

Seine Geschäfte macht der italienische Kaufmann so nebenbei im Café oder auf der Promenade. Wir hielten es für unwürdig, derartig wichtige und feierliche Dinge irgendwo anders, als in dem weihevollen [153] Milieu eines Bureaus, einander in Denkmalsposen düsterer Gottheiten gegenübersitzend, zu erledigen.

Das Geschick, mit Grazie das Problem der Selbsterhaltung durch eine gewinnbringende, profane Beschäftigung zu lösen, letzterer einen erfreulichen, verklärenden Ausblick nach irgendeiner Richtung hin abzugewinnen, fehlt uns.

Auf einer italienischen Post oder Zollagentur, auf der Eisenbahn, kurz in allen öffentlichen Betrieben, die für uns durch nichts zu erschütternde Uhrwerke, ich möchte fast sagen, kosmische Offenbarungen darstellen, Institutionen, rochers de bronce, Ewigkeitswerte, denen wir als ganz kleine nichtswürdige Lebewesen voll heiliger Schauer gegenüberstehen, habe ich immer das Gefühl, die Leute spielen nur Post, oder Eisenbahn, oder Zollamt. Es ist ihnen auf einmal zu langweilig geworden, und sie haben beschlossen, so wie wir als Kinder, wenn wir nach dem immerwährenden Dözzen, Doppschlagen, Nachlaufen ein Bedürfnis nach intellektuelleren Spielen bekamen: kommt, lassen wir mal Post spielen oder Eisenbahn oder Zollamt.

Daß bei diesem Spiel Telegramme häufig nicht ankommen, man unendliche Plackereien hat, bis man z. B. einen Geldbrief erhält, Züge immer Verspätung haben, das Publikum an den Eisenbahnschaltern übers Ohr gehauen wird, fanatischen Schikanen bei der Zollabfertigung ausgesetzt ist, alles dieses ist noch lange kein negatives Kriterium für eine derartige Auffassung eines Berufes.

Es gibt tatsächlich Wißbegierige, die in einem Reisefeuilleton Näheres über die betreffende Gegend oder Stadt zu finden wünschen. Wenngleich diese [154] Leser viel besser daran täten, in einem Reisehandbuch nachzuschlagen, wo alles Wesentliche in genauer und zuverlässiger Weise angegeben steht, will ich trotzdem den Wünschen dieser Leute gerecht zu werden versuchen.

Also Como:

Como sieht am Bahnhof aus wie Iserlohn. Außerdem hat Como eine elektrische Bahn, die gerade so wie bei uns nie kommt, wenn man sie braucht oder aber besetzt ist, oder nach Chiasso fährt, wo man nicht hin will.

Dann gibt es in Como nur sehr wenige Häuser, an welchen keine auf den Aufenthalt Garibaldis bezügliche Marmortafeln angebracht sind. Hier hat der Freischarenführer eine Nacht geschlafen, in dem Palazzo dort zu Mittag gegessen, in einem anderen Tee getrunken, sich dort in jenem Hause die Hühneraugen schneiden lassen, wieder irgendwo anders. seine Gummischuhe stehen lassen. Historische Momente, die dem echten Patrioten würdig genug dünkten, in Marmor festgehalten zu werden.

Weiterhin ist Allessandro Volta, der bekannte Physiker, über den man genau informiert wäre, wenn man auf Quarta nicht zum zweitenmal sitzen geblieben und aus der Schule geflogen wäre, in Como geboren. In der nach diesem Gelehrten benannten Straße, der Via Volta Nr. 5, wohnt ein Schneider, der mir meine Hose aufbügelte. Bis jetzt hat man noch keine auf diese Begebenheit bezügliche Marmortafel an dem Hause angebracht.

Soweit über Como für die Wissensdurstigen.

Vollständig überzeugt davon, daß ich mich in meiner Pelerine in nichts mehr von den Eingeborenen unterschied, [155] hatte ich mich mit maßlosem Vertrauen in das Leben gestürzt.

Auf dem See herumzufahren, das dünkte mir herrlich.

Die Villa d’Este drüben in Cernobbio lockte mich, in welcher die Königin Karoline von England ein entzückend lasterhaftez Leben geführt haben soll. Es sei eine anstößige Geschichte gewesen, die die Königin sehr kompromittierte, stand in meinem Reisebuch.

Leider sollte ich nirgendwohin kommen. Alles geriet mir gründlich vorbei.

Als ich mich nach der Anlegestelle und der Abfahrtszeit der Dampfer erkundigen wollte, mußte ich zu meinem größten Leidwesen wieder bemerken, daß ich mit Emils Birne und der Großmutter Wendeltreppe nicht so recht weiter kam.

Die Leute, an die ich mich wandte, schauten mich verwundert an, ließen mich meine Sätze einige Male wiederholen und ergriffen dann plötzlich mit einer seltsamen Hast die Flucht. Von weitem wiesen sie mit den Fingern auf mich und machten andere auf mich aufmerksam.

Was die Leute nur hatten?

Ich näherte mich der Gruppe, um zu versuchen, koste es, was es wolle, Aufklärung über dieses merkwürdige Benehmen zu erhalten und auch endlich heraus zu bekommen, wie das mit dem Dampfer sei.

Scheu wich man vor mir zurück. Was hatte ich denn an mir?

Rasch in irgendein Café, wo ich einen Spiegel fand.

Ich konnte nichts Außergewöhnliches an mir bemerken. Mein Kostüm war genau das gleiche, wie das dieser Leute. Oder war es vielleicht ein mir [156] unbewußter, für ihre Ohren fremd klingender Akzent in meiner Aussprache? Ich hatte mich doch in dieser Hinsicht genau nach meiner Grammatik gerichtet.

Drei vornehm aussehende Herren saßen im Café an einem Tisch und unterhielten sich aufgeregt gestikulierend in der dem Südländer eigenen lebhaften Weise. Es schienen gebildete Leute zu sein. Hier fand ich endlich eine Gelegenheit, meine schöngeistigen Sätze anzubringen und im Laufe des auf dieser Basis angeknüpften Gespräches vielleicht einen Aufschluß für das mir soeben draußen Geschehene zu erhalten.

Ich nahm am gleichen Tische Platz. Die Herren waren ganz von ihrem Gespräch in Anspruch genommen und beachteten mich nicht. Ich hustete laut. Niemand reagierte. Ich nahm einen Anlauf und warf, ein wenig beklommen zwar, die Frage nach den Blinddarmaffektionen des älteren Plinius in das Gespräch der drei. Nur einer, der mir zunächst saß, sah mich flüchtig an, wandte sich dann aber gleich wieder der Unterhaltung zu.

Ich ließ nicht ab und wiederholte mit lauterer Stimme meine Frage. Nun wurde man allgemein auf mich aufmerksam. Die Herren schauten mich fragend an und zuckten verständnislos mit den Achseln. Mit dem verbindlichsten Lächeln, welches mir möglich war, versuchte ich mit der Frage: Neigte der ältere Plinius zu Blinddarmaffektionen? ein Gespräch zu erzwingen.

Die Leute sahen sich gegenseitig verwundert an, sprangen dann auf einmal, wie von einer Tarantel gestochen, mit entsetzten Gesichtern auf und zogen sich in den Hintergrund des Lokals zurück. Hier verhandelten sie mit dem Wirt und dem Kellner, die mich nun auch wie ein wildes Tier anstarrten. [157] Andere Gäste traten zu ihnen und verrieten sofort die gleiche furchtsame Scheu vor mir. Alles rückte von mir ab.

Das wurde mir nun zu dumm. Wütend kaute ich an meiner Zigarre, die schon ohnehin die vom Raucher so ungemein geschätzte Tendenz zur Quaste zeigte.

Ich klopfte energisch mit einem Geldstück auf die Marmorplatte und winkte dem Kellner. Er lief davon.

Da packte mich der helle Zorn. Ich warf das Geld auf den Tisch, den Zipfel meiner Pelerine über die Schulter und stürzte hinaus.

Waren denn die Leute hier alle blödsinnig, oder sollte ich wieder an Nichtitaliener geraten sein? Oder sollte vielleicht die in der Grammatik angegebene Art der Anknüpfung von Gesprächen nicht die landesübliche sein?

Nur Ruhe, Fassung. Nicht verblüffen lassen. Andere Länder, andere Sitten. Anpassung.

Ich befand mich in den Kolonnaden am Dom. Es war zur Zeit der Hauptpromenade. Ich schlenderte durch das Gewühl und versuchte krampfhaft, italienisch sorglos, heiter auszusehen.

Um mich aber auch in keiner Weise von den Eingeborenen zu unterscheiden, hatte ich auch die erfrischende Sitte des häufigen Ausspuckens, die typische Nationalgeste der Italiener, die im übrigen durch den Genuß der Zigarre in gewisser Weise bedingt war, adoptiert.

Ich hätte es lieber lassen sollen, denn ich blieb ein Stümper, so viel Mühe ich mir auch gab.

[158] Es ging so lange gut, bis ich die neuen, gelben Schuhe eines baumlangen Menschen traf.

Was dann folgte, war häßlich und für mich wenig nett.

Der Mann war ein amerikanischer Preisboxer, und in meinem Militärpaß steht, daß ich zum Dienst in Heer und Marine dauernd untauglich sei. Man vermeide es peinlichst, sich von einem Berufsboxer verschiedene Male hintereinander unter das Kinn boxen zu lassen. Es kommt nichts erfreuliches dabei heraus, nur Zähne.

Ich versuchte zu fliehen, stolperte über den genialen Zipfel meiner Pelerine und schlug hin.

Tritte ins Kreuz sind nur für den, der sie appliziert, eine gesunde Gymnastik.

Ich sah gar nicht mehr schön aus, als der Amerikaner von mir abließ.

Eine riesige Menschenmenge, darunter auch die Leute, die sich im Café, und als ich mich nach dem Dampfer erkundigte, so merkwürdig benommen hatten, umringte mich.

Wie alles gekommen war, weiß ich nicht. Ich hatte zu viel mit dem Zusammenlesen meiner Zähne zu tun. Kurz und gut, ich wurde am gleichen Tage abends in die Irrenanstalt in Mailand eingeliefert, aus welcher man mich nach zwei Tagen wieder entließ, da ich harmlos sei. –

Meine Grammatik habe ich meinem Todfeind geschenkt.