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Karl Egon von Ebert (Die Gartenlaube 1881/23)

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Textdaten
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Autor: Feodor Wehl
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Titel: Karl Egon von Ebert
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 384-388
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[384]

Karl Egon von Ebert.

Ein Festesgruß zu seinem achtzigsten Geburtstage.

Karl Egon von Ebert feiert am 5. Juni dieses Jahres seinen achtzigsten Geburtstag. Die „Gartenlaube“ will nicht unterlassen, durch eine einfache und schmucklose Würdigung des ausgezeichneten Dichters auch ihr Scherflein zu dieser Feier beizusteuern. Scheint ihr eine solche Würdigung heute doch keineswegs unangebracht; denn obschon Ebert die volle Anerkennung unserer hervorragendsten Geister, das Lob eines Goethe, den Beifall eines Uhland genoß, und obschon alle Mustersammlungen deutscher Lyrik glänzende Proben seiner poetischen Begabung enthalten, so hat dennoch sein Name nicht ganz die allgemeine Schätzung und Verbreitung gefunden, die er verdient. Allein das erklärt sich leicht. Als Ebert begann, sich literarisch zu bethätigen (Anfang der zwanziger Jahre), entfaltete sich auf dem deutschen Parnasse gerade eine so reiche und üppige Fülle von Begabungen, daß Einzelne unter diesen Dichtern, wenn sie bescheiden eigene Wege gingen und weder Stimmung noch Gelegenheit fanden, sich einer herrschenden Richtung oder Schule anzuschließen, in diesem Gewoge von Talenten und Namen nur mühsam sich hervorzuthun vermochten. Schiller’s patriotisches Pathos, das in der Kriegslyrik von 1813 zu mächtigem Ausdruck gekommen war, klang noch herzbewegend in allen Geistern nach und erregte im tiefsten Innern selbst Goethe, der mit seinem erhabenen Ansehen die Zeit beherrschte. Unter seinen Augen brauten und wirrten die tollen Romantiker, von denen sich die schwäbische Dichterschule in sich läuternder Klarheit abzweigte. Endlich begann auch das sogenannte Junge Deutschland sich zu erheben, das mit wuchtigen Schlägen an die Pforte eines neuen Jahrhunderts pochte.

Zwischen diesen Extremen hin schritt Karl Egon von Ebert. Sein Schönheitsgefühl und seine Verehrung für den hohen Meister trieben ihn zu Goethe’s Füßen, mit dem er die Liebe zu Schiller theilte. Ein kurzer Aufenthalt in Karlsruhe und persönliche Beziehungen zu Uhland, Schwab, Kerner näherten ihn der schwäbischen Dichterschule und der verführerische und lockende Reiz, den Heine’s Auftreten ausübte, so wie seine liberale Gesinnung zogen ihn vorübergehend auch in dessen Bann und in die Kreise des Jungen Deutschlands.

[385] Alle diese Richtungen klingen in seinen „Poetischen Werken“ (Prag, Verlag der „Bohemia“) an. Das satirische Gedicht: „Virtuosen“ und einige ähnliche sind in der Art Heine’s gedichtet, und Anklänge an die schwäbischen Dichter finden sich in manchen Liedern namentlich in den Balladen, während Schiller’scher Athem die „Zeitgedichte“ durchwogt. Nach dem Muster Goethe’s bedünken uns vorzugsweise die größeren poetischen Erzählungen: „Das Kloster“ und „Wald und Liebe“ (Poetische Werke, vierter Band) gedichtet. Sie sind voll reiner Plastik der Sprache, warm und klar in der Empfindung und mit einer wahrhaften Meisterschaft epischer Darstellungskunst geschaffen. Diese Dichtungen verdienen die höchste Anerkennung; denn sie zeigen in der Nachahmung des großen Vorgängers doch zugleich so viel Selbstständigkeit und Eigenart, daß man hier am überzeugendsten wahrnehmen kann, wie Ebert von Hause aus eine durchaus ursprüngliche Dichternatur ist. Seine Poesie ist ein stark und mächtig hinfluthender Strom, in welchen die jeweiligen Gestade, an denen er hinfließt, und die wechselnden Erscheinungen des Tages ihre Reflexe werfen, der aber [386] im Grunde, allem Wandel gegenüber, unverändert bleibt und seine Eigenthümlichkeit bewahrt.

Eben darum auch konnte er in keine der herrschenden Geschmacksrichtungen aufgehen und – von keiner auf den Schild gehoben – aus der Masse der damaligen Dichterjugend nicht besonders hervorragen. Erst langsam und nach und nach vermochten seine Vorzüge und Verdienste in das rechte Licht zu treten. Das Feldgeschrei und der Kampf der dichterischen Parteien und Schulen mußte erst verklungen sein, ehe Ebert zum vollen Worte kam. Wie Heinrich von Kleist erst spät und langsam, gleichsam erst auf den Stoppelfeldern der Romantik zu Ruf und Ansehen kann, wie Franz Grillparzer lange nach den flüchtigen Lorbeeren der „Ahnfrau“ und dem Untergange der sogenannten Schicksalstragödie die richtige Würdigung erhielt, so gelangt auch unser Jubilar erst in unseren Tagen zu dem Ruhme, der ihm gebührt. Vor dem Erscheinen der vorhin erwähnten Gesammtausgabe seiner „Poetischen Werke“ war es auch schwer, sein dichterisches Schaffen und dessen Werth zu überblicken. Der Literarhistoriker hatte Mühe, sich Ebert's vereinzelte Veröffentlichungen zu verschaffen, und begnügte sich meistenteils damit, den Dichter so beiläufig zu behandeln wie es seine Vorgänger gethan. Im Allgemeinen ragt da Karl Egon von Ebert wenig aus dem Dichterhaufen hervor. Theodor Mundt, ein Schriftsteller, der leider auch zu früh einer unverdienten Vergessenheit anheimgefallen, erwähnt ihn in seiner „Geschichte der Literatur der Gegenwart“ allerdings ebenfalls nur kurz und in einer Reihe von Schriftstellern, die Ebert weit hinter sich läßt, aber er, der vielfach ein sehr richtiges und treffendes Urtheil bewährt und nicht selten mit wenigen Worten das innerste Wesen eines Schriftstellers zu eröffnen versteht, schreibt sehr bezeichnend und wahr von Ebert’s Gedichten. „daß sie an den gesunden Quellen der alten deutschen Gemüths- und Naturlyrik schöpfen, und in der Ballade und Romanze manchen glücklichen Ton anschlagen“.

Dieser Ausspruch, so lakonisch er ist, trifft mindestens die Sache im Kern und zeigt mit einem überraschenden Streiflichte die volle Seele der Ebert’schen Poesie, die in der That von einer durch und durch gesunden Natur und deutschen Gemüthstiefe erfüllt erscheint und dabei sich so maßvoll und anmuthig ausgiebt, daß der feinere Geschmack dauernde Freude daran haben muß. Soll etwas an den Dichtungen Ebert's ausgesetzt werden, so dürfte auch der strengste Kennerblick neben ihren großen Vorzügen nur geringfügige Mängel finden, wie hier und da zu starke, der Uebertreibung sich zuneigende Ausdrücke, z. B. ein „schrie“, wo ein „rief“, ein „brüllte“, wo ein „schrie“ genügend wäre, und ferner einen etwas störenden Gebrauch allzu österreichischer Redewendungen und Ausdrücke: „am Lande“, „am Schlachtfelde“, statt „auf dem Lande“ und „auf dem Schlachtfelde“. Allein alle diese Fehler und Verstöße gegen die Reinheit und Richtigkeit unserer schönen deutschen Sprache sind zu untergeordneter Art, als daß sie den Eindruck trüben und die Wirkung Ebert’scher Dichtungen abschwächen könnten, die im Uebrigen mit so gediegener Erhabenheit und so gewinnender Würde vor uns treten, daß es geradezu unmöglich ist, ihnen Achtung und Liebe zu versagen.

Ueberblicken wir, um uns davon zu überzeugen, die sieben Bände der „Poetischen Werke“! Der erste Band enthält lyrische, satirische und vermischte Gedichte. Die Abtheilung „Natur und Liebe“, mit welcher er beginnt, leitet der Verfasser mit folgenden Versen ein.

„Natur und Lieb’, ich nenn euch beide
Und hab’ euch mir im Sinn gepaart,
Weil jede reine höch’re Freude
Mir nur durch eure Segnung ward.

5
Wenn nicht Natur uns treu verbliebe,

0b Alles auch von uns sich kehrt,
Und wäre nicht das Tröpflein Liebe,
Das Leben wär’ nicht lebenswerth.“

Diese einfache, schlichte Auslassung mit ihrem ungekünstelten Ausdruck kann, ja muß gleichsam als das geflügelte Leitwort angesehen werden, das die ganze Ebert’sche Poesie durchpulst; denn die Darstellungen von dem Walten und Weben der göttlichen Natur und der unverwüstlichen Liebe der Menschenbrust bilden darin den eigentlichen Hauptinhalt, den Hauch und Athem, die Seele ihres Wesens. In Ebert’s Gedichten ist nichts Gesuchtes, Gezwungenes; es überraschen in ihnen keine epigrammatischen Zuspitzungen, keine ironischen Wendungen; der Geist, der darin waltet, ist kein Geist, der poetische Seiltänzerkunststücke macht und durch Luftsprünge die Leser in staunende Bewunderung versetzt. In Ebert’s Gedichten ist eine keusche und reine Wahrheit, die in ihrer gleichmäßigen und anmuthigen Ausdrucksweise stets eine wohltuende, ja oft eine erhebende Wirkung hervorbringt. Seine „Frühlingsluft“, seine „Junge Liebe“, seine „Waldlieder“ sind Hymnen, die an Frische der Empfindung, an Innigkeit des Gefühls, sowie an Natürlichkeit und Unmittelbarkeit des Ausdrucks sich den besten der deutschen Lyrik anreihen dürfen.

Wie heiliger Ernst es aber auch Ebert um sein dichterisches Schaffen ist, das bekundet sein schon vorher erwähntes Gedicht „Künstlers Gebet“, welches die Abtheilung „Kunst und Literatur“ einleitet und folgendermaßen lautet.

Wurzel schlugen deine Keime,
Herr, in meines Busens Tiefen,
Und gedeutet sind die Träume,
Die in mir, ein Räthsel, schliefen.

5
Dich erkenn’ ich, Geist der Milde.

Der in meinem Geiste waltet,
Der die dunklen Traumgebilde
In mir formet und gestaltet.

Dich erkenn’ ich, Geist der Liebe,

10
Der den ird’schen Sinn mir läutert,

Und die Brust voll kleiner Triebe
Wunderbar zum All erweitert.

Dich erkenn’ ich, Geist der Stärke,
Der mir durch die Adern glühet,

15
Der beim Schaffen neuer Werke

Mir aus Aug’ und Wange sprühet.

Du bist’s, der die Hand mir leitet,
Wenn mein Saitenspiel erklinget,
Wenn mein Lied der Kehl’ entgleitet,

20
Bist es du, der aus mir singet.


Könnt’ ich je, der Staubgeborne,
Unwerth solcher Gnade werden
Könnt’ ich, der von dir Erkorne,
Mich als stolzes Selbst geberden,

25
Könnt’ ich je in dem Gefluthe

Schaaler Eitelkeit versinken,
Mich in frechem Uebermuthe,
Wie Prometheus, Schöpfer dünken.

Dann verwandte, Geist der Milde,

30
In des Zornes Geist dich wieder

Und vernichte die Gebilde
Und den Bildner schmettre nieder!

Denn verrucht, der Gaben liebte,
Und den Geber nicht erkannte,

35
Und ein Thor, der Großes übte

Und sich selbst den Schöpfer nannte!“

Dieses Gedicht ist bezeichnend für Ebert’s ganze Geistesrichtung und Dichtungsweise. Sein Dichten ist ihm wie ein Gottesdienst, wie eine Andachtsverrichtung, wie eine himmlische Erleuchtung, die ihn antreibt und inspirirt. Dies tritt uns aus allen seinen Schöpfungen den kleinsten wie den größten, namentlich auch aus der Abteilung. „Kunst und Literatur“ entgegen. Wenn er Uhland besingt, „Dichterloos und Dichtertrost“ in’s Auge faßt, sich „An einen Schauspieler“ wendet, „An einen jungen talentvollen Dichter“, „Musik und Kirchenmusik“ betrachtet oder Schiller in einem Prologe zu dessen hundertjährigem Geburtstag feiert, überall prägt sich in seinen Gedanken und Versen eine Mächtigkeit der Idee und ein starker Adel der Gesinnung aus, die selbst da noch zum Vorschein kommen, wo er, wie in „Virtuosen“ oder in „Literarisches Unwesen“ mit „Scherzen fechtend“, das heißt mit der Ironie und dem Humor in Heine’s Manier, die Lächerlichkeiten des Tages und des herrschenden Zeitgeschmackes geißelt.

Der zweite Band der „Poetischen Werke“ enthält Balladen, Romanzen, Legenden, kleine poetische Erzählungen und Scenen meist Dichtungen von hervorragender Bedeutung, unter denen wir, außer den schon früher angeführten, „Kaiser Karl der Vierte und seine Frauen“, „Daliber“, „Abt Ero“, „Hermann Grün“, „Der Sänger im Palast“ und „Otto der Schütze“ nennen. „Nachtbilder“ sind zwei Gedichte, die als poetische Stimmungsstücke mit ähnlichen von Byron sich messen dürfen. Düster im Inhalt, geheimnißvoll [387] in der Fassung und meisterhaft in der knappen Ausmalung der Situation, ergreifen sie die Seele mit einer wahrhaft packenden Gewalt. „Milosch und Militzka“ und „Alpenscene“ bieten zwei poetische Momente von großer dramatischer Wucht, von denen das eine tragisch, das andere idyllisch sich austrägt.

Der dritte Band bringt das böhmisch-nationale Heldengedicht „Wlasta“, dem Karl Egon von Ebert seine erste Berühmtheit verdankt. Diese epische Darstellung eines mythischen Mägdekrieges ist in der That auch eine Dichtung großen Stils, die in einer stillen Zeit nothwendig Aufsehen erregen mußte. Was für Grillparzer „Die Ahnfrau“, das war für Ebert „Wlasta“. Sie verschaffte ihm Ansehen und Ruf, trat aber im Laufe der Tage gegen Schöpfungen von reinerem und höherem Geschmacke bedeutend zurück.

„Das Kloster“ und „Wald und Liebe“, zwei poetische Erzählungen, die mit „Eine Magyarenfrau“ den vierten Band ausmachen, haben, für uns wenigstens, mehr dichterischen Werth, als jene „Wlasta“. „Das Kloster“ darf getrost neben Goethe’s „Hermann und Dorothea“ treten. so fein, sinnig und heiter ausgeführt in seinem idyllischen Charakter steht es vor uns, so voll Reiz der Darstellung, so voll Wärme des poetischen Andrucks, so voll schöner und rührender Menschlichkeit.

Der fünfte Band führt uns ein Lieblingswerk des Dichters, nämlich „Fromme Gedanken eines weltlichen Mannes“, vor, ein Werk, das mit Leopold Schefer’s „Laienbrevier“ und Friedrich von Sallet’s „Laien-Evangelium“ würdig in die Schranken treten darf, Es entstand in derzeit von 1853 bis 1858; im letzteren Jahre sendete Ebert es in Handschrift an Ludwig Uhland zur Beurtheilung mit einem Schreiben, in dem es heißt.

„Ich wollte in diesem Werkchen, ohne deshalb die poetische Seite zu vernachlässigen, auch einen Theil der Welterfahrung niederlegen, die ich auf meinem Lebensgange aus der Beobachtung der Menschen und unserer in der That nicht sehr tröstlichen Zustände gewonnen, und ich strebte dabei, auch der frivolen Richtung entgegen zu treten, die uns in der Literatur besonders durch die sogenannte Selbstironie manches modernen Schriftstellers und durch die liederlichen Lebensansichten der jüngsten literarischen Welt so viel, ich will nicht hoffen unwiederbringlich, von dem genommen hat, was allein das Leben und die Poesie schön machen kann. Das heißt wohl einigermaßen gegen den Strom schwimmen, allein mir ist es nicht gegeben, zu Schlechtem zu schweigen, und ich möchte lieber den Ruhm erringen, mir im Ankämpfen gegen das, was ich nicht für echt und recht halte, den Kopf eingerannt, als dem Nichtrechten und Nichtechten, um dem bunten Markt zu gefallen, gehuldigt zu haben.“

Ludwig Uhland antwortete darauf unter Anderem Folgendes:

„Der Lebensernst, der in diesen Erzeugnissen waltet, giebt ihnen das durchgehende, eigentümliche Gepräge. Daß sie lehrhaft sind, daß die Bilder, die Naturanschauungen wesentlich dieser Richtung dienen, kann der poetischen Berechtigung keinen Eintrag thun. Poesie herrscht auch da, wo Reflexionen, Lehren, Rügen, nicht im trockenen Nachdenken, sondern im lebhaft bewegten, sittlichen Gefühl ihren Ursprung nehmen. Es mag sein, daß in einzelnen Stücken der praktische Zweck, der getadelte Gegenstand in seiner nackten Wirklichkeit die innere, dichterische Erregung weniger aufkommen ließ, dagegen ist in solchen, wie ‚Der Blinde‘, ‚Der Wald‘, ‚Weihestunden‘, ‚Ein altes Häuschen‘, ‚Das Alter‘, ‚Einmal im Jahre‘ u. dergl. m. der Gedanke mit dem Naturbilde, die Lyrik in der Tiefe mit dem didaktischen Ausdrucke auf neue und glücklichste Weise verbunden.“

Diese Briefauszüge dürften hier am Platze sein, einmal, weil sie ein schönes und rührendes Zeugniß von dem freundschaftlichen Verhältniß zweier bedeutender Dichter geben, und zum andern, weil sie zugleich den Ernst und die Gewissenhaftigkeit bekunden, mit denen sie ihre poetischen Schöpfungen zu behandeln pflegten.

Die „Frommen Gedanken“ enthalten allerdings keine geistlichen Lieder, keine Psalmen und Kirchengesänge, sondern Erfahrungen, Beobachtungen und Bilder, wie das tägliche Leben sie einem Mann von Herz und Gemüth darbietet. Aber alle diese „Gedanken“ durchwogt und belebt der Athem wahrer und echter Menschenliebe in so schöner und edler Weise, daß es geradezu unmöglich ist, davon nicht im Innersten ergriffen und bewegt zu werden. Wie sinnvoll und reizend ist es, wenn der Dichter, seine Seele mit der Lerche vergleichend, singt:

„Trillernd, jubelnd steigst du auf,
Sachte sinkst du nieder,
Und du endest den kühnen Lauf
Immer am Boden wieder.

5
Zwischen Himmel und Erde so

Bleibst du in stetem Wandern,
Bist des einen selig froh
Und erfreust dich des andern.“

Oder wenn er einen Knaben, das Kind der Armuth, durch Schnee und Wind den weiten Weg zur Schule machen sieht und ihm zuruft.

„Du wackres, braves Kind des Armen,
Dir möge, was du lernst, gedeihn!
Dir wolle Gottes reich Erbarmen
Des treuen Strebens Lohn verleihn!

5
Und wenn du ruhst am sichern Herde,

Durch klugen Sinn befreit von Noth,
Wenn dir die heilige Mutter Erde
Verdienten Lohn der Arbeit bot:

Dann denk des Schnees, des Sturms und Regens,

10
Des überwundnen Mißgeschicks,

Und freu dich fromm des holden Segens
Als Schöpfer deines eignen Glücks!“

Wenn er ferner die Geschichte einer alten Jungfrau erzählt, oder mittheilt, wie er auf die Straße gestreute Glasscherben einem gebeugten Mütterchen, das auf bloßen Füßen mühsam seine Reisigbündel schleppt, aus dem Wege räumt, ein leichtfertig geschriebenes Buch eines berühmten Dichters aus seiner Büchersammlung ausscheidet, die Heuchelei, das Alter oder eine schöne Frau apostrophirt – überall bekundet sich der Hauch reiner Menschlichkeit.

Auch die Sonette, die er dem Andenken seines Gönners und Freundes, des Fürsten Karl Egon zu Fürstenberg widmet, sowie die Zeitgedichte sind voll hoher Gedanken und erfüllt von einem Pathos, das dort menschlich und hier politisch sich ausgiebt.

Der sechste und siebente Band enthalten Dramen, die, sich in der Sprache an Grillparzer anlehnend, durchweg Würdiges bieten, wenn auch nicht immer das auf der Bühne Zündende und Packende. Das Schauspiel „Brunoy“, eine höchst anziehende und fesselnde Gestalt aus den Vorläufen der ersten großen französischen Revolution aufgreifend, dürfte darunter dasjenige sein, das unserem Zeitgeschmack am nächsten steht. Es möchte wohl des Versuchs einer Aufführung lohnen.

Dies sind in geschlossener Reihe die poetischen Werke Ebert’s, die er unter strenger Erfüllung seiner Berufspflichten in Mußestunden geschaffen.

Karl Egon Ebert’s äußeres Leben bietet an besonderen Ereignissen und Erlebnissen nichts Nennenswertes. Am 5. Juni 1801 in Prag geboren, wo sein Vater Doctor der Rechte und Vermögensverwalter der Fürstlich Fürstenberg’schen Familie war, studirte er gleichfalls Rechtswissenschaft, wurde 1825 Bibliothekar und Archivar im Dienste des Fürsten von Fürstenberg und nach dem Tode seines Vaters, Nachfolger in dessen Stellung, das heißt Chef der gesammten Verwaltung der fürstlichen Domäne, um die er sich große Verdienste erwarb. 1848 zum Hofrath ernannt und später in den Adelsstand erhoben, zog er sich 1857 von den Geschäften zurück und lebt seitdem in Prag in stiller Beschaulichkeit.

Welcher Art dieses beschauliche Leben ist, darüber geben den besten Aufschluß seine eigenen Gedichte, so z. B. in den „Frommen Gedanken“ dasjenige, welches die Ueberschrift trägt. „Am 5. Juni 1864 bei dem Eintritte in mein vierundsechszigstes Lebensjahr“. Es schließt mit den Worten.

„und wenn mein Haupt ich lege
Zum Sterben hin, dann laß die höchste Zuversicht
Auf ein verklärtes Sein, auf eine Welt voll Licht
Und voll Erkenntnis so mein tiefstes Herz durchdringen,
Das Hoffnungsfreuden mir des Todes Qual bezwingen!“

Schon einmal hat „Der Todesengel“ vor ihm gestanden, bereit, ihn zu berühren. Ebert deutet dies in einer gehaltvollen Allegorie an. Er fleht in ihm den Engel des Todes an, ihm noch Frist zum Glücke zu lassen, das er noch nicht gekostet, aber der Engel schüttelt das Haupt. „Laß mich die Werke noch vollenden, die ich begonnen,“ bittet er weiter; „manche gute That ist erst halb gethan.“ Diese Bitte rührt zwar den Genius, aber sie bewegt ihn nicht. Endlich jammert er, daß er noch eine heilige Schuld [388] zu tilgen, empfangene Liebe und Freundschaft zu vergüten habe, und der Tod ist entwaffnet.

Der Dichter hat das Glück gekostet, seine Werke vollbracht, seine heilige Schuld vollauf getilgt, und nun tönt folgendermaßen „Des Alten Abschied“:

„Mein Leib ist müd’; mein Geist wird stumpf,
Umsonst, daß ich sie labe –
Allstündlich ruft mir’s streng und dumpf:
‚Zu Grab’ mit dir, zu Grabe!‘

5
Die letzte Kraft ringt niederwärts –

Leb’ wohl, du schönes Leben,
Leb’ wohl, du reiches Menschenherz,
Das oft mir Lust gegeben!

Leb’ wohl, Natur, der Wunder voll,

10
Du, hold in jedem Kleide!

Aus deinem heil’gen Borne quoll
Mir Segen nur und Freude.

Leb’ wohl, o Kunst, die mich entzückt
In tausendfält’ger Weise,

15
Die mich beglückt, gestärkt, erquickt

Auf langer Lebensreise!

So, trug ich auch der Schmerzen viel,
Ward Trost mir stets hienieden,
Nun bin ich matt – ich steh’ am Ziel

20
Und scheid’ in stillem Frieden.


Herr, nimm denn hin mich welkes Laub
Und birg mich in die Erde
Und gieb, daß einst aus meinem Staub
Ein duftig Heilkraut werde!“

So sanft, harmonisch und versöhnlich sehen wir ein langes, reiches, werkthätiges Leben sich seinem Abschlusse nähern. Karl Egon von Ebert, der Nachlebende einer großen literarischen Zeit, „eine hohe Säule, die von verschwundener Pracht zeugt“, der Schüler und Schützling Goethe’s, der Freund und Mitstrebende Uhland’s – er steht heute, in seinem achtzigsten Jahre, klar und leuchtend, in unvergänglicher Jugend vor uns. Eilen wir, ihm unsere Ehrfurcht, unsere aufrichtige Bewunderung, unseren vollen Dank entgegen zu bringen, und fassen wir dies Alles in zwei Verse des unsterblichen Meisters von Weimar zusammen:

„Wem wohl das Glück die schönste Palme beut?
Wer freudig thut, sich des Gethanen freut.“

Feodor v. Wehl.