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Kann man die Sonne belauschen?

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Titel: Kann man die Sonne belauschen?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 800, 801
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[800] Wie kann man die Sonne belauschen? Die menschliche Stimme reicht bekanntlich nicht weit; wir wissen, wie schwer es z. B. ist, über einen nur einigermaßen breiten Strom hinüber den Fährmann durch Zuruf zu erreichen. Der Befehlshaber eines Seeschiffes ist schon bei etwas bewegter Luft darauf angewiesen, seine Stimme durch das Sprachrohr zu verstärken, um sich dem Schiffsvolk vernehmlich zu machen.

Die Erfindung des Telefons hat dies von Grund auf geändert. Sie ermöglichte es, die Unterhaltung auf eine Entfernung von mehreren hundert Kilometern zu führen, ohne eine größere Anstrengung als das gewöhnliche Sprechen erfordert. So beträgt z. B. die durch das Telefon beherrschte Strecke zwischen München und Berlin 720 Kilometer, zwischen Paris und Marseille 1000 Kilometer. Sogar durch das Meer hindurch, wie auf der Strecke Paris-London, sind direkte Telephonlinien angelegt, und es haben sich auch hier der Uebertragung der menschlichen Stimme keine nennenswerthen Schwierigkeiten entgegengestellt.

Freilich ist die Art der Uebertragung beim Telephon eine ganz andere als bei der gewöhnlichen Uebertragung des Schalles. Sollte der Schall den Weg von Berlin nach München in der gewöhnlichen Fortpflanzungsweise der Töne zurücklegen, so würde – die Möglichkeit vorausgesetzt – nach dem Aufgeben des Gespräches ein Zeitraum von etwa 36 Minuten verstreichen, bis der erste Laut in München angelangt wäre. Der Berliner könnte dann mit Muße wieder an seine Arbeit gehen; denn wenn ihm München sofort antwortete, so könnte er doch erst nach Ablauf von einer Stunde und zwölf Minuten die Antwort erwarten.

Bei unserem jetzigen Fernsprechen aber setzen sich die zu übertragenden Tonwellen im Telephon in eine andere Energieform um, sie verwandeln sich in elektrische Schwingungen, und diese legen die weite Reise in der ganz unmerklich kurzen Zeit eines geringen Bruchtheiles einer Sekunde zurück.

Mit dieser Errungenschaft sind aber die Elektriker noch nicht zufrieden. Sie sagen sich, daß es doch recht fatal sei, von einem solch materiellen Drahte abhängig zu sein; es gilt, diesen überflüssig zu machen, frei soll die Bahn sein, nicht an Irdisches gebunden, so wie auf freier Bahn der Lichtstrahl durch das Weltall dringt. Und in der That hat man den Lichtstrahl zum Vermittler gewählt.

Schon seit längerer Zelt ist bekannt, daß das Licht eigenthümliche elektrische Erscheinungen hervorrufen kann. Als mit Hilfe des Mikrophones Preece es dahin gebracht hatte, das Laufen einer Fliege so laut vernehmbar zu machen, daß es dem Trampeln eines Pferdes auf einer Brücke glich, wurde er durch Smith weit übertroffen, der behauptete: „Ich kann etwas noch viel Wunderbareres erzählen, nämlich, daß ich mit Hilfe des Telephons einen Lichtstrahl auf eine Metallplatte fallen hörte.“

Diese äußerst merkwürdige Erscheinung wurde mit Hilfe einer Selenplatte wahrgenommen, und man benutzte dazu die eigenthümliche Fähigkeit des Selens, Lichtschwingungen in elektrische Schwingungen umwandeln zu können. Da die elektrischen Schwingungen sich aber unserem Gehör bemerkbar machen, so war die Grundlage der neuen Erfindung gegeben.

Vor etwa zwölf Jahren brachte Bell sein Photophon – eine Art Telephon, jedoch mit Selenplatte – von Amerika zu uns und machte schon damals darauf aufmerksam, daß jede Helligkeitsänderung sein Photophon zum Tönen bringe. Da er nun, sobald die Sonne auf das Photophon schien, in diesem Töne wahrnahm, die er sich durch irdischen Einfluß nicht erklären konnte, so nahm er an, daß die Veränderungen, die im Lichte der Sonne stattfinden, diese Töne hervorbringen müßten. Fortgesetzte Beobachtungen bestätigten die Vermuthung und machten den Zusammenhang der Töne mit den Sonnenflecken immer wahrscheinlicher.

Jetzt will Edison der Sache auf den Grund gehen und versuchen, die Sonnengeräusche deutlicher vernehmbar zu machen, die sich auf der Sonne abwickelnden großartigen Vorgänge zu verfolgen und somit die Sonne aus zwanzig Millionen Meilen Entfernung zu belauschen.

[801] Seinen Plan dürfen wir wohl nach dem Bericht eines amerikanischen wissenschaftlichen Blattes verrathen.

Edison besitzt in dem Staate New-Jersey einen natürlichen festen Block magnetischen Eisenerzes, der anderthalb Kilometer lang, dreißig Meter breit ist und bis zu einer unbekannten Tiefe in das Erdinnere hineinragt. Diesen großen Magnet will er mit einer geeigneten Zahl von Drahtwindungen umgeben, deren Enden in eine Art Telephon auslaufen. Der magnetische Block soll also den Kern des Telephons bilden, das mit Registrierapparaten versehen und mit Beobachtungsstellen ausgerüstet werden soll.

Vielleicht bringt Edisons Plan ganz neue Aufschlüsse über uns bis jetzt unbekannte und unerklärliche Erscheinungen in den kosmischen Vorgängen unseres Centralkörpers! Ob sich dann wohl Goethes Worte bestätigen werden:

„Horchet! horcht! dem Sturm der Horen!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.
Felsenthore knarren rasselnd,

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Phöbus’ Räder rollen prasselnd;

Welch Getöse bringt das Licht!“

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