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Jungmann und der Sieg von Eckernförde

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Textdaten
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Autor: Bernhard Endrulat
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Titel: Jungmann und der Sieg von Eckernförde
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32–33, S. 505–508; 518–520
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[505]

Jungmann und der Sieg von Eckernförde.

Von Bernhard Endrulat.

Am 24. März d. J. feierten wir den 14. Jahrestag der Erhebung Schleswig-Holsteins gegen die dänische Vergewaltigung. Wir begingen ihn in ernster Trauer über die leidenschwere Gegenwart des uns so theuren Landes, aber auch voll feuriger Wünsche für seine Wiederauferstehung. Tags darauf schloß ein Mann für immer seine Augen, der unter den vielen tapfern Kämpfern für das Recht und die Freiheit der deutschen Herzogthümer einer der tapfersten gewesen war, und ohne allen Zweifel derjenige unter ihnen, dem das Glück einmal wenigstens den gebührenden Lohn für sein Verdienst nicht hat vorenthalten wollen.

Zu Hamburg, in einem Hause der Böckmannsstraße, in der freundlichen, stillen Vorstadt St. Georg, verschied am 25. März nach längerem Leiden im Alter von 47 Jahren Eduard Jungmann, Officier der Artillerie, Major der vormaligen schleswig-holsteinischen [506] Armee. Eine stattliche Schaar von früheren Kriegsgefährten geleitete den entschlafenen Cameraden zur letzten Ruhestatt.

Es wird eine Zeit kommen, in der die früheren Angehörigen des tapfern schleswig-holsteinischen Heeres alle dahingegangen sind, und dann wird die Alles verschlingende Zeit einen Namen nach dem andern auslöschen, – über einen aber wird sie nichts vermögen, über den Namen Eduard Jungmann! Denn so lange noch zwischen Elbe und Königsau ein deutsches Wort erklingt, so lange sich deutsche Knaben mit erglühenden Wangen und pochendem Herzen von den Großthaten ihrer Väter gegen den tückischen, verhaßten Landesfeind erzählen lassen, so lange die blauen Wellen der Ostsee an die grünen Ufer von Angeln und Schwansen schlagen, so lange wird man singen und sagen von dem großen Siegestage von Eckernförde, und wird in Ehren denjenigen halten und nennen, dem die deutsche Nation das glänzende Blatt in ihrer Geschichte verdankt. Das ist aber eben der jetzt dahingeschiedene Major Jungmann.

Auf dem Grabe des Helden – er schlummert auf dem Jacobi- Kirchhofe östlich von Hamburg, wenige hundert Schritte von der holsteinischen, das heißt jetzt so viel wie dänischen Grenze entfernt – soll sich ein steinernes Denkmal erheben. Möge es ein recht stattliches, seiner würdiges werden! Die folgenden Zeilen aber möchten das Andenken an den Verstorbenen und an seine große Kriegsthat in recht vielen deutschen Herzen auffrischen und erneuern; dann tragen sie zugleich auch vielleicht zu jenem andern Gedächtnißmale mit bei! –

In einem Armeebefehle des Oberbefehlshabers der schleswig-holsteinischen Armee, Generals von Bonin, datirt vom 24. März 1849, hieß es:

„In der Nacht vom 26. auf den 27. März ist der Waffenstillstand – (es war der zu Malmoe am 26. August 1848 von Preußen mit Dänemark abgeschlossene) – abgelaufen, und kann von da ab der Eröffnung der Feindseligkeiten entgegengesehen werden. Am 27. früh wird auf allen armirten Küstenbatterieen die deutsche Flagge aufgezogen.“

Sie wehte denn auch auf den beiden Strand-Batterien, welche den Eingang in den Hafen von Eckernförde vertheidigen sollten. Verweilen wir einen Augenblick in diesen Werken, um ihre Besatzung und ihre Ausstattung kennen zu lernen.

Es war die 5. schleswig-holsteinische Festungs-Batterie, welche am 18. März in Eckernförde eingetroffen war, um die Besetzung der dortigen Küstenvertheidigungswerke zu übernehmen. Ihr Befehlshaber war der Hauptmann Jungmann, der erst am 9. März in den Herzogthümern eingetroffen und einige Tage nachher in ihre Dienste getreten war. Eduard Jungmann war im Jahre 1815 im Großherzogthum Posen geboren worden; 1832 trat er in die preußische 5. Artillerie-Brigade ein und ward in ihr 1835 zum Lieutenant ernannt. Nachdem er sich zehn weitere Jahre in seiner Waffe, so weit es nur immer der Friedensdienst gestattete, ausgebildet hatte, folgte er dem Rufe des türkischen Sultans, der zur Reorganisirung seiner Armee eine Anzahl preußischer Officiere und Unterofficiere von der Regierung sich erbeten hatte, und ging nach Constantinopel. Hier bekleidete Jungmann zu Anfang 1849 den Posten des Commandeurs der Batterien auf der europäischen Seite des Bosporus. Wiewohl diese seine Stellung eine wohlbefriedigende, aussichtsvolle war, so gab er sie dennoch auf und eilte, jenem geheimnißvollen Zuge folgend, der den zu einer wichtigen That Erkorenen gerade an den Platz führt, an dem zu wirken das Schicksal ihn bestimmt hat, nach Schleswig-Holstein. Von General v. Bonin, der Jungmann als Hauptmann der Artillerie anstellte, erbat er sich den exponirtesten Punkt des Landes zur Vertheidigung und erhielt so den Befehl über die Eckernförder Strandbatterien.

Der ihm untergebene Truppentheil schien auf den ersten Blick nicht gerade tüchtig zu besonderen kriegerischen Leistungen. Vor Allem hatte der Batterie-Chef keinen einzigen Officier als Gehülfen und Stellvertreter neben sich, sondern die zunächst im Commando auf ihn folgten, waren Unterofficiere, der Feldwebel Clairmond und der Unterofficier Theodor Preußer, freilich, wie der Verlauf der Dinge zeigte, zwei Männer, die ihren Posten auf’s Beste ausfüllten und der Epauletten würdig waren wie nur Einer. Außer noch zwei Unterofficieren und 5 Bombardieren bestand Jungmann’s Mannschaft dann aus 80 Kanonieren, von denen die Hälfte Rekruten waren, die noch nie ein Geschütz abgefeuert hatten. Aber auch die Uebrigen waren nach den Begriffen der Militärs von der alten Schule Neulinge von noch unvollendeter Ausbildung; dienten sie doch erst seit dem verflossenen Herbst oder höchstens Sommer, also wenig länger als ein halbes Jahr, und das bei der schwierigsten Waffe! Nur zwei Mann, der Feldwebel Clairmond und ein Bombardier Dietrich, waren Artilleristen von längerer Dienstzeit.

Aber vielleicht waren die Verschanzungen bei Eckernförde von so vorzüglicher Einrichtung und Ausstattung, daß selbst eine des Krieges so wenig kundige Schaar, wie die, als welche wir ihre nunmehrigen Vertheidiger kennen gelernt haben, in ihnen siegen mußte? O nein, nicht im Geringsten! Die Eckernförder Vertheidigungswerke waren Alles in Allem nur zwei winzige Schanzen. Die eine, die sogenannte „Südbatterie“, lag etwa 500 Schritt von den südlichsten Häusern der Stadt zwischen der nach Kiel führenden Chaussee und dem Strande. Ihre Brustwehr war stark, aber niedrig, ihre Rückseite mit Palissaden geschlossen und durch ein Blockhaus von freilich sehr leichtem Bau vertheidigt. Ihre Bewaffnung bestand aus vier achtzehnpfündigen Kanonen. Zur Aufnahme einer Infanterie-Bedeckung befand sich oberhalb der Chaussee, im Rücken der Schanze, eine Redoute. In der „Südbatterie“ commandirte der vorhin genannte Unterofficier Preußer, ein junger stattlicher Mann von 23 Jahren, ein geborener Schleswig-Holsteiner, der sich seinen Aufgaben mit Verständniß, Eifer und Hingebung unterzog.

Am Nordrande der Eckernförder Bucht, von der eben geschilderten Batterie in gerader Linie 3600 Schritt entfernt, eine halbe Stunde von der Stadt, lag auf einer niedrigen, sich nur wenige Schritte weit in’s Meer erstreckenden Landspitze die zweite Schanze, die „Nordbatterie“. Sie war von ganz ähnlichem Bau wie die erste, enthielt aber sechs Geschütze, nämlich zwei Vierundzwanzigpfünder, zwei Achtzehnpfünder und zwei vierundachtzigpfündige Bombenkanonen. Hier hielt sich Hauptmann Jungmann selbst gewöhnlich auf; in seiner Abwesenheit vertrat ihn Feldwebel Clairmond. Von den achtzehnpfündigen Kugelkanonen, die den größeren Theil der Geschütze, sechs unter zehn, bildeten, verdient noch angeführt zu werden, daß sie zu einer etwaigen Vertheidigung der Rendsburger Festungswälle für nicht mehr brauchbar erachtet und deshalb von denselben entfernt worden waren! Es war ein Glück, daß Hauptmann Jungmann vor der Wiedereröffnung der Feindseligkeiten noch einige Tage zur ungestörten Verfügung hatte, in denen er seine Werke in einen so guten Zustand, wie es die Verhältnisse nur irgend erlaubten, versetzen und seine junge Mannschaft im Schießen nach dem Ziel üben konnte. Auch nach Ablauf des Waffenstillstandes blieb er noch einige Tage vom Feinde unbehelligt.

Das Jahr 1849 zeigte bekanntlich zum zweiten Male das schmachvolle Schauspiel der Scheinhülfe, welche die deutschen Regierungen den Herzogthümern leisteten. Diesmal war der preußische General v. Prittwitz dazu ausersehen, die traurige Rolle zu spielen, die ihm zwar den Dank seines Monarchen für so viel sein eignes Selbst- und Ehrgefühl verleugnenden Gehorsam eintrug, die ihm aber sicherlich auch die Verurtheilung der Geschichte und die Verachtung der Nachwelt zuziehen wird. General v. Prittwitz hatte in seiner Eigenschaft als Reichsfeldherr geschworen: „er verpflichte sich, bei dem ersten Angriff der Dänen, sei es zu Wasser, sei es zu Lande, Alles daran zu setzen, die feindliche Armee mit einem Schlage, wenn auch mit dem Bajonnet an den Rippen, zu vernichten;“ – wir wissen, wie er seinen Eid gehalten hat! Zum Glück hatte die Reichsarmee, die durch ihr Auftreten im Jahre 1849 an allen Jammer, alle Schmach erinnerte, die einst mit diesem Namen verbunden gewesen waren, zur Avantgarde das kleine, aber allzeit schlagfertige und begeisterte schleswig-holsteinische Heer unter Bonin’s Commando. Hier galten keine andern Rücksichten, als die auf den Erfolg der heiligen Sache, der man diente, und auf die eigene militärische Ehre. Hier griff man an, hier siegte man, und als man endlich unterlag, geschah es zu unsterblichem Ruhme.

Die schleswig-holsteinische Armee war es denn auch, die sich schon am 3. und 4. April in Sundewitt und an der Grenze dieser Landschaft mit den Dänen gemessen hatte, ehe sie hier von Reichstruppen abgelöst wurde und weiter gegen Norden vorrückte, Gegen die danach im Sundewitt befindlichen Truppen nun beabsichtigte der Obergeneral der dänischen Armee, v. Krogh, einen entscheidenden Schlag zu führen. Der Angriff sollte am 5. oder 6. April stattfinden und durch eine Diversion im Rücken der deutschen [507] Truppen unterstützt werden. Um diese auszuführen, erhielt am 4. April der Commandeur-Capitain Paludan, Befehlshaber des Linienschiffs „Christian VIII.’, von seinem Vorgesetzten, dem Chef des dänischen Ostseegeschwaders, Garde, die Ordre, sich noch am Abende dieses Tages oder am 5. frühmorgens mit seinem eigenen Schiffe, mit der Fregatte „Gefion“, Capitän Mayer, den Dampfern „Hella“ und „Geyser“ und drei Transportschiffen, welche eine Abtheilung Landsoldaten an Bord führten, in den Eckernförder Hafen zu begeben, dort an mehreren Stellen Truppen zu landen, so viel Lärmen wie möglich zu machen, zu zerstören, was sich an Werken und Kriegsmaterial vorfände, und sodann sich wieder zurückzuziehen.

Die Absicht der Dänen, durch diese Unternehmung im Rücken der im Norden stehenden deutschen Truppen diese zu beunruhigen und ihr General-Commando zur schleunigen Entsendung von Truppen nach dem scheinbar bedrohten Südosten zu verführen, war eine von vorn herein gescheiterte. Denn zur Deckung der Küste, welche die Dänen unbesetzt wähnten, befand sich in der Gegend zwischen Eckernförde und Kiel bereits eine ganze aus Reichstruppen gebildete Brigade unter dem Oberbefehl des Herzogs Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha, dessen Hauptquartier, Gettorf, nur etwa anderthalb Meilen von der erstgenannten Stadt entfernt war. Gegen diese Macht aber die Landung zu erzwingen und einen erfolgreichen Kampf mit ihr zu bestehen, dazu war die Anzahl der feindlichen Landungstruppen viel zu gering, um so weniger konnte von einer Beunruhigung des im Norden stehenden großen Heeres durch diese Diversion die Rede sein. Das Höchste also, was das feindliche Geschwader hätte erreichen können, wäre eine Zerstörung der beiden Strandbatterien gewesen, ein Ergebniß, das bei der ungeheuren Uebermacht der Schiffe an schwerem Geschütz als ein ganz natürliches erschienen wäre und der schleswig-holsteinischen Waffenehre auch nicht den geringsten Makel hätte aufheften können. Der den Schleswig-Holsteinern dadurch zugefügte materielle Verlust aber wäre ein, wenn auch immer zu beklagender, doch nach dem Wiederabzuge des Feindes leicht zu ersetzender gewesen.

Doch es sollte ganz, ganz anders kommen, glücklicher, als die kühnste Phantasie eines Patrioten zu träumen gewagt hätte, und daß es so kam, dazu trugen günstige Umstände allerdings viel bei, aber es bleibt in erster Linie doch stets das unsterbliche Verdienst Jungmann’s und seiner durch ihn zu unerhörtem Muthe und heldenhafter Ausdauer begeisterten Mannschaft. Es war am späten Nachmittage des 4. April, als das feindliche Geschwader in die Mündung des Eckernförder Meerbusens einsegelte und eindampfte. Es bestand aus fünf Schiffen, die wir zuvörderst näher bezeichnen wollen. Da war vor Allem das stolze Linienschiff „Christian VIII.“ Es war erst vor Kurzem vollendet worden und hatte erst am 31. März die Rhede von Kopenhagen unter dem Jubel von Tausenden und aber Tausenden der Bewohner der Hauptstadt, die dem majestätischen Schiffe eine glorreiche Rolle in dem Kriege gegen die Insurgenten bestimmt glaubten, verlassen. Es führte auf den beiden Seiten 84 Geschütze und 8 am Spiegel und in den Kajüten, im Ganzen also deren 92, und zwar vom schwersten Schiffscaliber, Kugelkanonen, die 24 Pfund Eisen schleuderten, und Bombenkanonen, welche Hohlgeschosse vom Durchmesser einer 60- und 80pfündigen Kugel warfen. Da war ferner die Fregatte „Gefion“, ein durch seinen schlanken, zierlichen Bau ausgezeichnetes Fahrzeug, die Perle der dänischen Marine, 54 Kanonen tragend, 48 auf den Seiten, 6 am Spiegel und in den Kajüten. Drittens erschien die Corvette „Galathea“ von etwa 40 Kanonen, und endlich die beiden Dampfer „Hekla“ und „Geyser“, ersterer mit 7, der andere mit 6 Geschützen versehen. So konnten also von dänischer Seite gegen die zehn Geschütze der beiden Strandbatterien fast 200 Feuerschlünde verwendet werden!

Der Wind war am Abend des 4. und in der darauffolgenden Nacht zu stark, als daß der feindliche Befehlshaber schon jetzt an die Ausführung seiner Aufgabe hätte gehen können. Sein Geschwader ankerte daher, nachdem das vorderste Schiff, die „Galathea“, durch einen Schuß aus der wachsamen Nordbatterie zurückgewiesen worden war, außerhalb der Schußweite der schleswig-holsteinischen Kanonen. In den Batterien herrschte die regste Thätigkeit und die gespannteste Aufmerksamkeit. Den Kampf mit dem Feinde aufzunehmen, wie übermächtig dieser auch war, dazu war Hauptmann Jungmann von Anfang an fest entschlossen. Zu einem solchen hatte er ja die Gelegenheit sehnlichst herbeigewünscht, auf ihn hatte er die Seinigen vom ersten Tage seiner Befehlführung an vorbereitet, und war es denn unmöglich, zu siegen, so wollte er dem Feinde vorm Untergange wenigstens noch so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Jungmann’s Gesinnung ward von allen seinen Untergebenen getheilt, waren sie doch Alle Kinder des Landes, das in den Dänen die Todfeinde seiner theuersten Interessen kennen und hassen gelernt hatte. So wurden denn während der Nacht mit dem größten Eifer alle nur noch irgend wünschenswerthen Vorbereitungen und Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Bedeckungsmannschaft in den Infanterie-Redouten, aus Abtheilungen des 3. schleswig-holsteinischen Reserve-Bataillons bestehend, ward um eine ganze Compagnie verstärkt, um eine etwa gelandete feindliche Macht von nicht allzugroßer Stärke zurückschlagen zu können; ein großer Theil der Kanoniere wachte an den Geschützen die Nacht hindurch; auf den Ofenrosten lagen, fast durchsichtig wie Wachs, die glühenden Kugeln bereit. Von halb vier Uhr des folgenden Morgens an stand Alles, zum Kampfe gerüstet, an den schußfertigen Geschützen.

Der 5. April, der nun angebrochen, war Gründonnerstag, – wenn man abergläubisch sein wollte, kein Glückstag für Dänemark. Denn am Gründonnerstag des Jahres 1801, damals den 2. April, war es gewesen, daß Admiral Nelson die dänische Flotte vor Kopenhagen schlug und dadurch der dänischen Marine, die da wähnte, eine der ersten Europas zu sein, den ersten empfindlichen Stoß versetzte. Auch der Name Christian war für ein dänisches Schiff kein gutes Omen. Zwei Schiffe wenigstens, die ihn vordem in der dänischen Marine geführt hatten, hatten kein gutes Ende gefunden: das eine war im Kattegat mit Mann und Maus untergegangen, das andere wurde in der Schlacht vor Kopenhagen vernichtet. Verhängnißvoller als alle diese schlimmen Vorbedeutungen aber war es, daß die Witterung dieses Tages den dänischen Absichten keineswegs günstig war. Der Ostwind wehte gerade in den Eckernförder Busen hinein. Sollten die Schiffe genöthigt werden, sich aus ihm wieder zu entfernen, so konnte dies nur durch Laviren geschehen, unter feindlichem Feuer keine leichte Aufgabe. Paludan glaubte jedoch, Angesichts der winzigen Vertheidigungsanstalten der verachteten Insurgenten, nicht im Entferntesten, daß es dazu kommen könne. Er beschloß also, gemäß dem ihm gewordenen Befehle zu verfahren.

Bis 6 Uhr Morgens war bei den feindlichen Schiffen keine Bewegung zu bemerken gewesen, um diese Stunde aber wurden die Anker gelichtet, die Segel entfaltet und das ganze Geschwader steuerte gegen die Nordschanze heran. Welch’ ein Augenblick! Laut- und athemlos standen die Kanoniere an ihren Geschützen, das Auge gespannt auf den Feind gerichtet, das Angesicht bleich vor Uebermüdung und innerer Aufregung. Sie wußten, daß von ihrer Seite an kein Aufhören zu denken war; wenn also der Feind nicht etwa andern Sinnes wurde und wieder umkehrte, so war der Kampf, der zu entbrennen im Begriff stand, ein solcher, der nur durch die Vernichtung des einen oder des andern Theils beendet werden konnte. Endlich waren die Schiffe nahe genug herangekommen, daß man hoffen konnte, sie mit den Geschützen der Batterien zu erreichen, und sofort ward Kugel auf Kugel den schwimmenden Burgen entgegengesandt. Manche von ihnen schlug krachend in die Planken oder Rippen der Fahrzeuge ein oder durchlöcherte die Segel, aber die weitere Annäherung des feindlichen Geschwaders konnten sie nicht verhindern.

In wenigen Minuten waren „Gefion“ und „Christian VIII.“ bis auf etwa 800 Schritt an die Nordschanze herangekommen, da verkürzten sie ihre Segel und legten sich ihr mit den Breitseiten gegenüber. Plötzlich quoll weißer Rauch aus den Kanonenluken, Feuerströme folgten hinterher, ein furchtbares Krachen, und herangeheult kam die erste Lage des eisernen Hagels. Die schweren Geschosse hüpften stäubend auf den Häuptern der Wellen heran, wühlten sich in den Sand des Ufers ein, drangen erschütternd tief in die Brustwehren der Batterien, flogen drüben hinaus in das hinter ihr liegende Gehölz, in dem sie Stämme und Aeste zerschmetterten – aber kein einziges drang in das Innere der Schanze. Unverletzt stand die ganze Mannschaft froh aufathmend da. Unverletzt stand auch der Befehlshaber, Hauptmann Jungmann, da, und doch hatte gerade er sich mit fürchterlicher Verwegenheit der fast unvermeidlich scheinenden Todesgefahr ausgesetzt. Als die feindliche Breitseite gelöst wurde, hatte er frank und frei oben auf der Brustwehr gestanden, und als die schweren Eisenbälle herangesaust kamen, grüßte er sie in ritterlicher Haltung mit dem gezogenen [508] Säbel. Erst als die letzten vorübergeflogen waren, stieg er von seinem gefährlichen Standpunkte unter dem Jubel seiner Mannschaft herab. Es war das eine Handlung gewesen, die mit einer frevelhaften Herausforderung des Schicksals, als welche sie auf den ersten Blick erscheinen könnte, nichts zu schaffen hatte, sondern die aus den edelsten Beweggründen und den klügsten Absichten entsprungen waren. Jungmann und seine Leute waren Neulinge im feindlichen Kugelregen, er selbst seiner Mannschaft erst seit wenigen Wochen bekannt. Da galt es, ihnen ein Beispiel von Muth und Todesverachtung zu geben, sie durch die bewiesene eigene Tapferkeit zu einer gleichen zu begeistern, und überdies ihnen Vertrauen zu ihrem Anführer, Achtung vor seinen kriegerischen Eigenschaften einzuflößen. Jungmann’s Absicht wurde vollkommen erreicht. Nicht ein einziger Fall von Verzagtheit ereignete sich während des ganzen fürchterlichen Kampfes, wohl aber wären zahlreiche Proben von Unerschrockenheit, Todesverachtung und hochherziger Selbstaufopferung zu berichten. Hier nur einige davon.

Kurz nach Beginn des Gefechts war die auf dem Blockhause wehende schwarz-roth-goldene Fahne von den feindlichen Geschossen herabgerissen worden. Unter Jungmann’s persönlicher Unterstützung ward sie mitten im heftigsten Kugelregen von dem Premier Lieutenant Schneider des dritten Reservebataillons, dem Bombardier Wommelsdorf und dem Kanonier Böttcher wieder aufgepflanzt. Als mehrere Kanonen der Nordbatterie bereits demontirt waren und eine der letzten noch brauchbaren durch eine feindliche Kugel ebenfalls umgestürzt wurde, rief Jungmann dem Geschützführer zu: „Bombardier Dietrich! In drei Minuten das Geschütz wieder schußfertig, und Sie sind Unterofficier!“ Der wackere Mann arbeitete mit seinen Kanonieren, der einschlagenden Bomben und Kugeln nicht achtend, mit fast übermenschlicher Anstrengung, und siehe da, schon in zwei Minuten stand das Geschütz wieder! Einmal war die Pulverkammer der Nordschanze auf’s Aeußerste bedroht. Zwei sechzigpfündige Bomben waren in ihre Decke eingeschlagen und hatten das Erdreich bis auf die Balkenlage ausgeworfen; ein einziger in’s Innere dringender Funken hätte eine Explosion herbeigeführt, die Alles vernichtet haben würde. Da schützte Feldwebel Clairmond mit äußerster Lebensgefahr die entblößte Pulverkammer durch darauf gewälzte Schanzkörbe, Faschinen, Balken und dergleichen, und rettete so die ganze Nordbatterie vor sicherem Untergänge. –

Der Angriff der beiden riesigen Fahrzeuge auf die winzige Schanze dauerte mit unverminderter Heftigkeit schon länger als vier Stunden, ohne daß es ihnen gelungen wäre, das Feuer der Batterie anders, als höchstens hin und wieder auf einige Minuten zum Schweigen zu bringen. Wohl aber hatten die Schiffe bereits beträchtliche Beschädigungen an Rumpf, Masten, Segeln und Tauwerk erlitten, und Todte und Verwundete gab es an beider Bord schon in Menge.

Freilich entsandten die schwimmenden Festungen auf einmal zwanzig, ja vierzig und mehr Geschosse, aber Dank der heftigen Wellenbewegung, die selbst bei dem sorgfältigsten Richten das Treffen des kleinen Ziels sehr schwierig machte, blieben die meisten derselben unschädlich; hatte die Batterie doch erst bei der fünften feindlichen Lage 1 Todten und 3 Verwundete. Die Schleswig-Holsteiner dagegen erwiderten das Feuer zwar mir mit einzelnen Schüssen, die in dem furchtbaren Gebrüll der feindlichen Feuerschlünde verklangen, aber sie standen auf festem Boden und hatten ein verhältnismäßig großes Ziel vor sich. Mehr aber noch als diese günstigen Umstände trug die ihnen eigene Kaltblütigkeit, einer der Hauptzüge ihres Volkscharakters, der sie gerade zu Artilleristen wie geschaffen erscheinen läßt, zum Erfolge bei. Ruhig, sorgfältig ward jedes Geschütz gerichtet, im rechten Augenblicke jedes abgefeuert, und so kam es, daß nur wenige Kugeln fehl gingen. Am verhängnißvollsten wirkten die glühenden Kugeln, mit denen von etwa 8 Uhr Morgens an geschossen worden war. Schon um 9 Uhr ward an Bord des Linienschiffs Brandgeruch verspürt und weißer Qualm entstieg dem Raume, ohne daß man den Sitz des Feuers hätte ermitteln können.

Inzwischen hatte sich – es war gegen 11 Uhr – der Ostwind stärker erhoben und die beiden Schiffe genöthigt, tiefer in den Hafen hineinzugehen. Dadurch kamen sie nun auch in den Bereich der Geschütze der Südschanze, deren Befehlshaber, der Unteroffizier Preußer, nicht säumte, das Feuer auf sie zu eröffnen, während die Nordbatterie jetzt ihre beiden 84 pfündigen Bombenkanonen spielen lassen konnte.

Uebrigens standen um diese Zeit die braven Schleswig-Holsteiner schon nicht mehr allein im Kampfe. Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha war auf die Kunde von dem Gefechte mit einem Theile seiner Brigade nach Eckernförde vorgerückt, hatte die Infanterie-Bedeckung der Schanzen durch das reußische Bataillon verstärkt und eine nassauische Feldbatterie zur Unterstützung des Artilleriefeuers herbeibeordert. Zwei von den acht Geschützen derselben waren bereits eingetroffen, hatten in der Nähe der Nordschanze Aufstellung genommen und griffen sogleich mit in das Gefecht ein. In diesen Anordnungen des Herzogs liegt sein Verdienst um den Erfolg und sein Antheil an der Ehre des Tages. Tapfer und deutsch, wie er war, lag auch ihm an der Vernichtung des Feindes; darum ließ er Jungmann nicht allein gewähren, sondern er unterstützte ihn, soviel in seinen Kräften stand. Ein anderer Reichsgeneral, der wie Prittwitz den Krieg mit Rücksicht auf die Strömungen in der Diplomatie und gebunden an geheime Instructionen führte, würde sicherlich zur rechten Zeit eingeschritten sein, um nicht einer Schaar von Revolutionären einen Triumph über die regulären Streitkräfte eines legitimen Königs zu gönnen. [518] Im weiteren Verlaufe des Gefechts gerieth zunächst die Fregatte „Gefion“ in eine sehr ungünstige Lage. In Folge der starken Beschädigung, die sie erlitten, hatte ihre Manövrirfähigkeit bedeutend abgenommen, und als sie nun durch den heftigen Wind so gedreht wurde, daß sie nur eine ihrer Breitseiten gebrauchen konnte, vermochte sie sich allein nicht wieder zu helfen. Sie signalisirte daher, um sich in eine bessere Lage bringen zu lassen, einen der Dampfer heran. Von diesen war aber nur „Geyser“ noch [519] dienstfähig, denn der „Hella“ war gleich zu Anfang des Gefechts durch einen glücklichen Schuß seines Steuers beraubt worden, so daß er nicht weiter am Kampfe Theil nehmen konnte. Beiläufig mag hier gleich eingeschaltet werden, daß auch die Corvette „Galathea“, nachdem sie zu Anfang einige Schüsse mit der Nordbatterie gewechselt, den Kampfplatz geräumt hatte, – aus welchem Grunde, ist nicht recht klar.

„Geyser“ nun dampfte, dem ihm gegebenen Befehle folgend, heran und zog natürlich sofort ein heftiges Feuer vom Strande auf sich. Nichts destoweniger war es schon gelungen, das Bugsirtau an der Fregatte zu befestigen, da unterstützte wiederum ein äußerst glücklicher Zufall die Bemühungen der Schleswig-Holsteiner – eine Kugel zerriß das Tau! Zwar wurde es noch einmal befestigt, aber nun erhielt „Geyser“ selbst so gefährliche Schüsse in seinen Maschinenraum, daß er eiligst das Weite suchen mußte, wollte er nicht selbst vernichtet werden. Nach diesem gescheiterten Versuche, das Kampfverhältniß womöglich wieder zu ihren Gunsten zu gestalten, begannen die beiden Befehlshaber, die Nothwendigkeit des Rückzuges einzusehen. Nicht mehr Sieg über den Gegner, sondern Rettung ihrer eigenen Fahrzeuge war jetzt das Ziel ihrer Thätigkeit geworden.

Da beide Dampfer unfähig waren, Bugsirdienste zu leisten, so ward zunächst mit dem Linienschiff der Versuch gemacht, es durch Warpen dem Ausgange des Hafens zuzubewegen, eine höchst mühselige, nur langsam fördernde Arbeit, die bei dem heftigen Gegenwinde und unter dem feindlichen Geschützfeuer bald als eine vergebliche erkannt und aufgegeben werden mußte. Während dieser Anstrengung hatten übrigens beide Schiffe ihr Feuer aus allen ihnen noch zu Gebote stehenden Kräften fortgesetzt; es war ihnen schon anzumerken, daß es die Wuth der Verzweiflung war, mit der sie kämpften. Und auch das war vergeblich. Es dauerte nicht lange, so erklärte Capitän Mayer, der Befehlshaber der „Gefion“, seinem Vorgesetzten, dem Chef des Linienschiffs, daß es ihm wegen der in seinem Segel- und Tauwerk angerichteten Verwüstungen und wegen der zahlreichen Todten und Verwundeten an seinem Bord unmöglich sei, sowohl unter Segel zu gehen, als auch den Kampf fortzusetzen.

Da stieg auf beiden Schiffen die weiße Waffenstillstandsflagge in die Höhe; der Kampf, der nun volle sieben Stunden getost hatte – es war bereits 1 Uhr geworden – schwieg, und Unterhandlungen begannen. Ein Boot brachte einen Parlamentair an’s Land, der folgenden an die „Militär- und Civilbehörden der Stadt Eckernförde“ gerichteten Brief zu übergeben hatte:

„Der Unterzeichnete schlägt eine Einstellung der Feindseligkeiten unter der Bedingung vor, daß die Schiffe frei auspassiren, ohne daß von den Batterien auf sie geschossen wird. Wird dieser Vorschlag nicht angenommen, so wird Eckernförde in Brand geschossen, und die Folgen werden Sie zu verantworten haben.

(gez.) Paludan, Commandeur-Capitän.“

Welche Antwort militärischer Seits auf diese Mittheilung erfolgen mußte, war nicht zweifelhaft; führte doch Jungmann in dem Kriegsrathe, der darüber zu beschließen hatte, die entscheidende Stimme. Er aber war, koste es, was es wolle, für Fortsetzung des Kampfes bis zur Vernichtung der feindlichen Schiffe, deren bedenkliche Lage übrigens aus dem Waffenstillstandsgesuche ihres Befehlshabers deutlich genug hervorging. Die übrigen Militärs stimmten Jungmann bei. Aber der feindlichen Drohung nach stand das Schicksal einer unbewehrten, von friedlichen Bürgern bewohnten Stadt auf dem Spiele, zu deren Vernichtung der Feind noch Mittel genug besaß, und daß er in seiner Verzweiflung und Erbitterung sie anwenden würde, daran konnte kein Zweifel sein. So hing denn die Sache von der Entscheidung der Bürgerschaft von Eckernförde ab. Sie aber bewies sich des großen Augenblicks, in dessen Mitte plötzlich das Schicksal sie gestellt hatte, vollkommen würdig. Hoher Ruhm blüht den braven deutschen Männern, die, wo des Vaterlandes Heil und Ehre mahnten, den Gedanken an ihre sonst theuersten Güter, an Weib und Kind, an Habe und Haus, in den Hintergrund treten ließen. Einstimmig sprachen sie sich dafür aus, daß der Kampf ohne Rücksicht auf das Schicksal der Stadt fortgesetzt werden möge. So erging denn an den feindlichen Befehlshaber die nachstehende Antwort:

„Wir sehen uns nicht veranlaßt, Ihre Schiffe zu schonen. Sollten Sie Ihre Drohung, eine offene Stadt zu beschießen, verwirklichen, so würde ein solcher Vandalismus der Fluch Dänemarks werden, dessen Repräsentant Sie hier sind.

(gez.) Jungmann, Hauptmann und Commandeur der Küstenbatterien.
Irminger, Hauptmann und Bataillons-Commandeur.
Wiegand, Stadtcommandant.“

Noch einmal versuchte Paludan den Weg der Unterhandlungen. Er sandte einen zweiten Parlamentär ab, aber diesem ward vom Volke das Betreten des Landes verwehrt und er gezwungen, unverrichteter Sache wieder zurückzukehren. Bald darauf sandte Jungmann ein zweites von ihm und dem Hauptmann Irminger, dem Chef des 3. Reserve-Bataillons, unterzeichnetes Schreiben an Bord des Linienschiffs. Es lautete kurz und bündig:

„Da eine längere Verzögerung des Wiederbeginns der Feindseligkeiten nicht in unserem Interesse liegt, so werden sie von unserer Seite nach zehn Minuten wieder beginnen.

Nordschanze, den 5. April 1849. Nachmittags 41/2 Uhr.“

Die durch die Unterhandlungen veranlaßte Waffenruhe hatte etwa drei Stunden gedauert. Von beiden Seiten war diese Zeit bestens benutzt worden. In den Batterien hatte man die zerschossenen Brustwehren leidlich wieder hergestellt und die demontirten Geschütze wieder brauchbar zu machen gesucht. Aber dies war nur mit der Hälfte der ursprünglichen Anzahl zu erreichen gewesen; zwei von ihnen wirkten in der Nordbatterie, drei in der andern Schanze. Da Capitän Paludan inzwischen zu der Ueberzeugung gekommen war, daß die „Gefion“ nicht mehr zu retten sei, beschloß er, mit ihrer Zurücklassung, den Versuch zu machen, ob es seinem Schiffe allein gelingen möchte, aus dem Hafen hinauszulaviren.

„Christian VIII.“ entfaltete denn alle ihm noch gebliebenen Segel, und langsam setzte sich unter ihrem Drucke der gewaltige Bau in Bewegung. Da aber waren die bewilligten letzten zehn Minuten der Waffenruhe zu Ende, und die Nordbatterie eröffnete von Neuem ihr Feuer, das die Südbatterie gleich darauf mit dem ihrigen unterstützte. Jetzt kamen auch die inzwischen zur Seite der Südbatterie aufgefahrenen übrigen sechs Geschütze der Nassauer zur vollsten, herrlichsten Wirksamkeit. Sie feuerten mit Granaten in die Takelage „Christian’s VIII.“ und zerfetzten sie dergestalt, daß bald kein Segel, ja fast kein Tau mehr unverletzt war. Zwar eröffnete das Schiff nunmehr mit seinen Spiegelkanonen das angedrohte Bombardement der Stadt, während es seine Breitseiten gegen Norder- und Süderschanze richtete, aber seine Furchtbarkeit war nur noch von kurzer Dauer.

Von den Fetzen seiner Segel konnte es nicht mehr vorwärts bewegt werden; völlig hülflos trieb daher der riesige Bau vor dem starken Ostwinde den Kanonen der Südbatterie näher und näher, bis er plötzlich in nur halber Schußweite von ihr auf den Grund gerieth. Nieder auf das Verdeck des Schiffes hagelten jetzt die Kartätschen der Strandbatterie, die Granaten der Nassauer, jeden Versuch der Mannschaft, das Schiff wieder flott zu machen, vereitelnd. Es war rettungslos verloren. Wenn „Christian VIII.“ auch jetzt noch fortfuhr, seine Geschütze gegen die Stadt spielen zu lassen, so glich das nur den letzten Zuckungen der Wuth und Rachsucht eines verendenden Ungeheuers. Uebrigens begleitete derselbe Mißerfolg, der alle Anstrengungen der Dänen an diesem Tage vereitelt hatte, auch diese Beschießung. Das Bombardement tödtete nur zwei Einwohner von Eckernförde und richtete auch an Dächern und Mauerwerk nur geringen Schaden an.

Verlassen wir mit unsern Blicken einen Augenblick das feindliche Linienschiff, dessen Schicksal so gut wie entschieden ist, und wenden wir sie zur „Gefion“. Dieses Schiff hatte nach Ablauf der Waffenruhe das Feuer nur mit geringer Energie wieder eröffnen können; allmählich wurde es schwächer und schwächer und verstummte endlich ganz. Und siehe da! Um halb sechs Uhr Abends senkte sich von der Spitze der Gaffel, an der er bis dahin stolz und herausfordernd geflattert hatte, der Danebrog herab, erst langsam, wie unwillig in die Demüthigung niedersteigend, dann pfeilschnell. Das Schiff hatte die Flagge gestrichen; Dänemarks schöne „Gefion“ war besiegt und hatte jetzt einen andern Herrn! Eine halbe Stunde später, nachdem ein von Capitän Paludan abgehaltener Kriegsrath einstimmig die Rettung des Schiffes für unmöglich, die weitere Fortsetzung des Kampfes für nutzlos erklärt hatte, folgte das Linienschiff dem Beispiel der Fregatte, – auch seine Flagge senkte sich herab.

[520] Was war nun aus der drohenden, noch am Morgen dieses Tages so stolzen und siegesgewissen Flottille des Feindes geworden? Drei von ihren fünf Fahrzeugen waren mit leichter Mühe in die Flucht geschlagen worden, und die beiden größten, bisher der Stolz und der Schmuck der ganzen dänischen Marine, lagen, fast bis zur Vernichtung zerschossen, als die Siegesbeute eines tiefverhaßten Feindes da! Ein Jubelruf, wie er wohl noch nie an diesen Ufern erschollen war, hallte entlang des Strandes, sich immer erneuernd, um das ungeahnte glorreiche Ergebniß des Kampfes zu begrüßen. Besonders stürmisch war natürlich der Jubel in den Batterien, die einen solchen Sieg erkämpft hatten, wo Untergebene und Vorgesetzte durch das Band einer gemeinsam vollbrachten Waffenthat von großer, unvergeßlicher Bedeutung einander genähert, ja verbrüdert waren. Leider sollte das Entzücken über den Sieg, die Siegestrunkenheit, noch einem der tapfern Befehlshaber, lange nachdem der Kampf beendet war, den Untergang bringen!

Es galt, sich der Gefangenen an Bord beider Schiffe zu versichern, den Verwundeten Hülfe zu leisten, die Schiffe selbst förmlich in Besitz zu nehmen. Zu diesem Behufe begab sich der Befehlshaber der Südschanze, Unterofficier Preußer, obwohl dies seines Amtes durchaus nicht war, selbst an Bord des Linienschiffs.

Man meint, er habe noch immer an die Möglichkeit des Entrinnens der feindlichen Fahrzeuge geglaubt und daher die Ausschiffung der Officiere und Mannschaften durch seine persönliche Leitung, so viel irgend möglich, beschleunigen wollen. Er zwang also Paludan und die übrigen Officiere, trotz ihrer Vorstellung, daß das Schiff brenne und daß es ihre Pflicht sei, die Löschung des Brandes zu leiten, an’s Land zu gehen, während er selbst es übernahm, die nöthigen Anordnungen zu geben. Die Beförderung der Besatzung an’s Ufer war keine geringe Arbeit, denn noch befanden sich über 600 Personen an Bord des Schiffes; Stunden waren schon verstrichen, da – es war gegen halb neun Uhr des Abends – ergriff das im Innern „Christian’s VIII.“ wüthende Element die Pulverkammer, und mit einem Krachen, vor dem Land und Meer weithin erbebten, flog in einer himmelhohen Feuergarbe das ganze Innere des riesigen Baues in die Luft. Hierbei fand mit den letzten der gefangenen Dänen, die noch nicht hatten geborgen werden können, der brave Preußer seinen Tod.

Das furchtbar-prächtige Schauspiel hatte das Wogen und Treiben der Menschenmassen am Strande auf einen Augenblick unterbrochen, aber, von Neuem begonnen, dauerte es noch stundenlang fort. Wie geräuschvoll es aber auch sein mochte, es erschien nach dem letzten entsetzlichen Gekrach, das die Ohren erfüllt hatte, doch wie Stille. Endlich trat die Nacht in ihr volles Recht ein, und Sieger und Besiegte fanden unter ihrem Schleier Erquickung und Vergessen, die Einen ihres Ruhms, die Andern ihrer Schmach.

Die Sonne des folgenden Tages, des Charfreitags, ging über eine Scene auf, wie sie anziehender und grausiger zugleich nicht wohl sein kann. Noch lagerte auf den Feldern rund um die Stadt der Pulverdampf in dichten, schweren Wolken; die Felder in der Nähe der Schanzen sahen wie frischgepflügt aus, so dicht an einander hatten die Kugeln ihre langen Furchen über sie hingezogen; zahllose angebrannte Holzstücke, zum Theil noch glimmend, ja selbst ganz unversehrte Gegenstände waren durch die Explosion weit umher gesät; vollends am Strande lag ein wahres Chaos der verschiedenartigsten Gegenstände, das die heranrauschenden Wellen noch stets durch neue Trümmer vermehrten, in deren Mitte, schaurig genug, geschwärzte, zerrissene Leichen in nicht geringer Zahl zum Vorschein kamen.

Auf dem Grunde des Meeres aber, kaum einige hundert Schritte von der Südbatterie entfernt, lag, bei der Klarheit und geringen Tiefe des Wassers bis in’s Kleinste deutlich zu sehen, der Rumpf „Christian’s VIII.“, vielfach durch die Gewalt des Pulvers zerrissen und auseinander gesprengt. Gänzlich unversehrt jedoch, in seiner noch frischen Vergoldung, leuchtete durch die Fluth herauf das riesige Brustbild des Königs, dessen Namen das Schiff geführt, und das an seinem Bug geprangt hatte. Eigenthümliche Gedanken mußten Einem bei seinem Anblicke kommen. War es doch König Christian VIII. gewesen, der durch seinen berüchtigten „offenen Brief“ den in seinen Landen still glimmenden Zwist zwischen Deutschthum und Dänenthum zur hellen Flamme angefacht hatte, die bald den dreijährigen blutigen Krieg entzündete, der bei seiner Resultatlosigkeit doch nur als ein Vorspiel späterer Kämpfe angesehen werden kann! Das Meer mußte das Bild wieder herausgeben, und es bildet jetzt neben der versenkt gewesenen und wieder an’s Land gespülten Flagge des untergegangenen Schiffes, den Säbeln der kriegsgefangenen Officiere und andern dänischen Waffen eine Trophäe auf der Veste Coburg.

Die werthvollste Beute aber, die deutschen Händen verblieb, war „Gesion“, die am Morgen jenes Charfreitags, mit der deutschen Tricolore geschmückt, hart am Bollwerke des Eckernförder Hafens lag, ein Gegenstand der Freude und der Bewunderung für die Tausende, die von nah und fern auf die Kunde von dem großen Ereignisse herbeigeeilt waren. Zwar war das Schiff von unzähligen Kugeln durchlöchert, aber es konnte doch zu vollster Seetüchtigkeit wieder hergestellt werden. Bekanntlich kam es bei der traurigen Auflösung der deutschen Reichsflotte, der es, als in einem Reichskriege erobert, zunächst einverleibt worden war, durch Kauf an Preußen, und ist noch jetzt das größte Segelschiff der preußischen Marine.

Der glänzende Sieg der deutschen Waffen war mit einem verhältnißmäßig ungemein geringen Verlust an Mannschaft errungen worden. Von den sämmtlichen im Feuer gewesenen Truppen hatten die Artillerie der beiden Schanzen, das dritte schleswig-holsteinische Reserve-Bataillon und das Bataillon Reuß zusammen nur 4 Todte und 14 Verwundete; bei der nassauischen Artillerie war nicht ein Einziger verletzt, nur 2 Pferde waren erschossen. Beträchtlich war dagegen der Verlust an Menschenleben, den die dänische Flottille zu beklagen hatte. „Christian VIII.“ hatte 90 Todte, darunter 6 Officiere, „Gesion“ 40 Todte und „Geyser“ einen, die drei Schiffe zusammen also 131 Todte. An Bord der drei Schiffe zusammen gab es ferner 80 Verwundete, von denen ein nicht geringer Theil bald nachher im Lazareth verstarb. Unverwundet gefangen genommen wurden 943 Mann, darunter 39 Officiere. Der Gesammtverlust der Dänen in dem Kampfe vor Eckernförde an Todten, Verwundeten und Gefangenen erreichte also die Höhe von 1154 Mann.

Die Statthalterschaft der Herzogthümer machte am 6. April das große Ereigniß des vorigen Tages dem Lande durch eine Proklamation, General Bonin dem Heere durch einen Armeebefehl bekannt; in den folgenden Tagen wurden die militärischen Belohnungen für die Hervorragendsten unter den vielen Tapfern verkündigt. Hauptmann Jungmann ward „für sein ausgezeichnetes Benehmen in dem ruhmwürdigen Gefechte“ zum Major befördert, Feldwebel Clairmond, der den Lieutenantsrang bescheiden abgelehnt hatte, ward Oberfeuerwerker, mehrere Bombardiere avancirten zu Unterofficieren und Kanoniere zu Bombardieren. Um das Andenken des gebliebenen Unteroffiziers Preußer zu erhalten und zu feiern, ward verfügt, daß er in den Officier-Ranglisten der Artillerie-Brigade als Lieutenant verzeichnet und auf ewige Zeiten fortgeführt werde. Auf ewige Zeiten? Ja, wenn Preußen und Oesterreich nicht mit rücksichtsloser Hand das schöne Werk, die schleswig-holsteinische Armee zerbröckelt und zerstreut hätten!

An eine andere Belohnung, wie sie dem Helden des Tages, Jungmann, wohl gebührt hätte, an eine Art Nationaldank, dachte man damals nicht, oder man hielt sie für unnöthig, da ja dem Eroberer zweier großer werthvoller Schiffe ein reicher Ertrag an den üblichen Prisengeldern zu Theil werden mußte. Getäuschte Erwartung! Das deutsche Reich von damals und diejenigen, die später seine Erbschaft antraten, sind diese Schuld bis auf den heutigen Tag den Siegern von Eckernförde und ihren Wittwen und Waisen schuldig geblieben.

Die Kunde von dem Siege am ersten April erregte von einem Ende Deutschlands zum andern Freude und Zuversicht. Blieb doch diese Siegesbotschaft nicht die einzige, die im April, dem wahren Wonnemond der schleswig-holsteinischen Sache, aus den deutschen Nordmarken einlief! Am 13. folgte die Erstürmung der Düppler Schanzen, am 23. der Sieg Bonin’s bei Kolding. Nie hat der Stern Schleswig-Holsteins Heller gestrahlt, als in jener Zeit. Und doch mußte ihn so tiefe Wolkennacht bedecken! Will sie denn noch immer nicht weichen? Können wir denn noch immer nichts Andres thun, als einem entschlafenen Helden jener Zeit ein Denkmal errichten und es mit den Blumen der Erinnerung bekränzen? Von Frühling zu Frühling harren wir – wann endlich kommt der, der uns wieder an die Feuerröhre Jungmann’s stellt und uns die Bajonnete von Kolding in die Hand drückt?