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Julia Pastrana, ein Menschenungeheuer

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Textdaten
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Titel: Julia Pastrana, ein Menschenungeheuer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 657-659
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Miß Julia Pastrana.

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Julia Pastrana, ein Menschenungeheuer.
(Mit Abbildung.)

Mit Recht hat man hervorgehoben, daß die üppigste Phantasie des Dichters nicht im Stande sei, Combinationen von so spannender Gewalt zu ersinnen, als das Leben und die Geschichte selber sie häufig darbieten. Das Beispiel des hier abgebildeten und, wir können hinzufügen, mit frappanter Treue wiedergegebenen, menschlichen Wesens zeigt uns, daß die Natur in ihren wunderlichen Launen und Stimmungen mitunter Verbildungen und Zerrbilder hervorbringt, welche an Ungeheuerlichkeit Alles übertreffen, was Aberglaube, erhitzte Einbildung oder Gespensterfurcht jemals an Schrecknissen ersonnen haben.

Seit einer Reihe von Jahren haben uns die verschiedenen Welttheile Typen ihrer eigenthümlichen Racebildungen zugesendet, Neger und Mulatten, Kaffern und Hottentotten, und als Curiosum seltsamer Mißbildung haben die Azteken mit ihrer grotesken Häßlichkeit (vergleiche Gartenlaube Nr. 12 Jahrgang 1856) bei Naturforschern und Laien ein lebhaftes Interesse erregt. Die zunehmende Erleichterung des Verkehrs, welche jeden bisher verborgenen Winkel nach Merkwürdigkeiten aller Art durchstöbert, um die immer raffinirter werdende Neugier des Publicums anzuregen und auszubeuten, hat das Gute, daß sie unsere Anschauungen von dem lebendigen Organismus der Natur bereichert und der wissenschaftlichen Forschung ein sonst schwer zugängliches Material zuführt.

Unter diesem Gesichtspunkte verdient die Erscheinung des weiblichen Geschöpfes, welches Julia Pastrana genannt wird, vollkommen das Interesse, welches sie aller Orten erregt hat. Wenn freilich der speculative Industrialismus so weit geht, sich zur Vorführung einer abscheuerregenden Mißgeburt des ästhetischen Rahmens der Schaubühne zu bedienen, wenn sich Schriftsteller finden, welche um mäßigen Lohn ihre Feder dazu hergeben, die Monstrosität als solche in Scene zu setzen, so ist ein Protest gegen ein so cynisches Gebahren eben so gerechtfertigt als heilsam. Es wäre nur zu wünschen gewesen, daß die Polizeibehörde diejenigen Gründe früher erwogen hätte, durch welche sie veranlaßt wurde, das fernere Auftreten des Ungethüms in dem für sie verfaßten Stücke „der curirte Meyer“ nach der zweiten Aufführung desselben zu inhibiren. So zeigt sich die „Miß“, wie sie von ihrem amerikanischen Begleiter titulirt wird, jetzt nicht mehr auf der Bühne des Kroll’schen Etablissements, sondern in einem besonderen Saale desselben, ohne den Apparat des Theater-Nimbus und ohne die, wie es scheint, auch ihr behagende Würze des Beifallklatschens und Hervorrufens.

In Ermangelung der Gelegenheit zu einer persönlichen Bekanntschaft, möge es dem Leser gefallen, den Berichterstatter auf einem Besuche zu begleiten, welchen dieser gemeinschaftlich mit dem Zeichner der mexikanischen Miß abstattete. Die Erlaubniß wurde bereitwillig von dem Führer der Dame ertheilt, und bald standen wir in dem Zimmer, welches die „Miß“ und der „Guardian“ gemeinschaftlich bewohnen, der Sehenswürdigkeit gegenüber. Obgleich wir Beide uns seit den Kinderjahren keine Gelegenheit hatten entgehen lassen, alle derartigen Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, so oft dergleichen zur Schau gestellt wurden, so mußten wir doch zugeben, daß das vor uns stehende Geschöpf an Seltsamkeit und Monstrosität alle bisher gesehenen Erscheinungen außergewöhnlicher organischer Bildung weit übertraf.

Man denke sich eine etwa 41/2 rheinische Fuß hohe Gestalt von wohlbeleibter Statur, breiten Schultern, üppiger Brust, starken Hüften, mit feinen Armen, Händen und Füßen, von sonst zierlicher Structur, und man hat den Umriß des Rumpfes und der Gliedmaßen. Auf diesem Rumpfe sitzt ein Kopf, wie ihn die Abbildung sowohl im Charakter des Ausdruckes, wie in den Einzelnheiten vollkommen naturgetreu darstellt. Der Schädel ist mit einer großen Fülle feiner, glänzend schwarzer Haare bedeckt, welche Miß Julia nach Art civilisirter Frauen kunstvoll zu strählen und zu flechten liebt; bei besonderen Anlässen werden die Zöpfe mit Perlenschnüren, Blumenguirlanden und sonstigem Schmuck durchflochten. Die Stirn ist außerordentlich schmal und stumpf, kaum zwei Finger breit und mit einer Art verschiebbaren Fettpolsters von ansehnlicher Stärke bedeckt. Das ganze Gesicht ist, wie der ganze Körper, mit schwarzen Haaren bedeckt, bald schwächer, bald stärker. Dieser seltsame Haarwuchs beginnt in feineren Härchen auf der Stirn und verdichtet sich in der Gegend der Augenbrauen zu zwei gewaltigen, borstigen Büscheln; von ebenso auffallender Stärke sind die Augenwimpern, welche das dunkelschwarze, leuchtende Auge noch ausdrucksvoller erscheinen lassen. Der Gesichtswinkel entspricht mehr der Norm der kaukasischen, als der einer anderen Race. Die Nase ist wulstig, stark, mit breitem Rücken und ausgedehnten Nüstern, dabei von großer Biegsamkeit und dem Anscheine nach ohne Nasenbein und Knorpel. Die Stelle, wo die Nasenwände und Nasenflügel an das Gesicht ansetzen, ist durch stärkere Haarbüschel markirt. Die Backenknochen treten mäßig hervor, fallen jedoch ziemlich stumpf gegen die unteren Partieen des Gesichts ab. Am auffallendsten ist die Bildung des Mundes, der von zwei wulstigen Lippen eingeschlossen wird, hinter welchen der blutrothe Gaumen in starker Wölbung sich hervordrängt, so daß er gewöhnlich frei bleibt. Die Lage der Zähne ist eben so unregelmäßig, als ihre Bildung; die Zähne des Unterkiefers sind vollständig, bei denen des Oberkiefers sind nur die Backenzähne vollständig entwickelt. Die Zunge ist eine klumpige Muskelmasse und von großem Umfange. Das Kinn ist ungewöhnlich kurz, die Ohren außerordentlich groß. Das Haar, mit welchem das bräunliche Gesicht bedeckt ist, verdichtet sich an den Wangen zu einem Backenbarte, am Kinn zu einem starken Kinnbarte. Schwächer ist der Schnurrbart; dafür sind aber die Ohren vollständig behaart, namentlich hängen von den Ohrläppchen lange Büschel Haare herab. Ebenso zeigen sich auch Nacken, Brust, Arme und zum Theil die Rückenflächen der Hände behaart. Der Ausdruck des Gesichts läßt auf keinen großen Grad von Intelligenz schließen. In den Augen liegt eine Art von Schwermuth, welche Mitleiden erregt.

„Miß Julia“ war bei unserem Eintritt mit den Vorbereitungen zu ihrer Toilette beschäftigt. Sie schien indeß von der Störung nicht unangenehm berührt zu sein, und bewillkommnete uns mit freundlichem Handschlag. Als sie davon hörte, daß mein Begleiter die Absicht habe, ihre lieblichen Züge durch seinen Griffel auf das Papier zu zaubern, schien sie sehr erfreut, und wandte diesem hauptsächlich ihre Aufmerksamkeit zu. Die Unterhaltung wurde englisch geführt, und es ist nicht zu leugnen, daß sie sich mit Sicherheit und Verständniß der zur Sprache kommenden Gegenstände benahm. Selbstredend wurden nicht gerade Capitel aus dem Kosmos zum Thema des Gespräches genommen. Mit Genugthuung erwähnte sie der Triumphe, welche sie auf ihren Rundreisen in Amerika und England eingeerntet, ja sie behauptete sogar, daß ihr mehr als zwanzig Heirathsanträge gemacht worden seien. Auf meine Frage, weshalb sie nicht einen der Bewerber mit ihrer Hand beglückt habe, erwiderte sie: „dieselben seien nicht reich genug gewesen.“ Ich habe ihren Begleiter stark in Verdacht, daß er dem armen Geschöpfe diesen Humbug eingeredet hat, wenngleich die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß mancher industrielle Yankee zu einem Ehebündniß nicht abgeneigt sein mochte, [659] welches ihm in der Monstrosität seiner Ehegattin ein rentirendes Capital sicherte.

Außer dem Englischen soll Miß Julia auch der spanischen Sprache mächtig sein; sie singt ein wenig, tanzt mit großer Fertigkeit den „Highland fling“ und ist bewandert in häuslichen und weiblichen Arbeiten. Sollte sie indessen ihre Memoiren schreiben wollen, so würde sie vor der Hand dieselben noch dictiren müssen, indem sie sich in Betreff dieser Cultursegnungen noch in den Anfangsstadien befindet.

Ueber ihre Herkunft verbreitet sich eine von ihrem Führer herausgegebene englische Broschüre mit vieler Weitschweifigkeit. Der Führer der Mexicanerin berichtet, Julia Pastrana, welche jetzt 23 Jahre alt sein soll, sei als ganz kleines Kind in den Schluchten der Sierra Madre in Mexico gefunden worden, in einer Gegend, welche fern von allen menschlichen Wohnungen liege, dagegen mit allerhand Bestien, als Affen, Bären etc. reichlich gesegnet sei. Im Uebrigen gibt er keine nähern authentischen Aufschlüsse über ihre früheren Verhältnisse.

So außergewöhnlich eine Erscheinung, wie die geschilderte, auch ist, so erklärt sie sich doch hinlänglich aus ähnlichen Vorkommnissen organischer Degenerationen und Mißbildungen, und es bedarf keiner Hypothesen, welche, an und für sich ganz haltlos, eine neue Theorie zur besseren Ausbeutung der Neugier des Publicums aufbauen möchten. Insbesondere sind diejenigen Gegenden reich an solchen Monstrositäten, in welchen die starke Racenkreuzung ohnehin zu auffallenden organischen Bildungen aller Art führt.