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Jugendleben und Wanderbilder/Band 2 Das Badeleben in Karlsbad

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von: Johanna Schopenhauer
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[286]
Das Badeleben in Karlsbad
während der Monate
Julius und August im Jahre 1815.


Abgesehen von der Wunderkraft seiner Heilquellen, darf Karlsbad auch in Hinsicht seiner Lage jedem andern Brunnen-Orte den Rang streitig machen. Fast wie eingeklemmt in dem lieblichen Thale, welches die Töpel durchströmt, umgeben von herrlichen waldgekrönten Felsen, bietet es eine unendliche Abwechselung der freundlichsten und erhabensten Scenen. Dankbar gegen den Reichthum, den hier die Natur spendete, benutzte man diese reizenden Umgebungen mit echtem Schönheitssinn. Ueberall, in einem ziemlich großen Umkreise, winden sich liebliche Spaziergänge durch Berg und Thal, überall findet der Müde bequeme Ruheplätze, immer an den interessantesten Stellen angebracht, wo eine freundliche oder erhabene Aussicht das Gefühl der Ruhe zur Freude [287] oft zum Entzücken erhöht. Hin und wieder, doch mit weiser Sparsamkeit vertheilt, schmücken zierliche, tempelartige Pavillons die Gegend. Reinlich gehalten, breit und bequem sind die Fußpfade; wo der Weg zu steil ist, erleichtern ihn in den Felsen gehauene Stufen. Selbst nach dem heftigsten Regen sind die Spazierwege in wenigen Stunden wieder trocken und gangbar, eine Eigenschaft derselben, die wir in diesem allen Brunnenkuren so ungünstigem Sommer wohl schätzen lernten. Seit funfzehn Jahren sah ich Karlsbad nicht, und fand es seitdem unglaublich verschönt. Sogar die Inschriften, mit welchen eitle geschmacklose Brunnengäste die herrlichen Felsen verunstalteten, verschwinden allmälig, die älteren verwittern, und so viel ich bemerken konnte, kamen keine neueren hinzu. Die Wege um Karlsbad herum waren sonst unglaublich schlecht, schöne Kunststraßen, auf denen es sich sehr gemächlich hinrollt, führen jetzt zu allen den entfernteren Lustörtern. Die Wohnungen sind überall besser eingerichtet, die weißen Wände verschwunden, Möbeln und Betten besser und bequemer.

Dieser Sommer war freilich der schlechteste von allen, deren Menschengedanken sich erinnern können; die Karlsbader Brunnengäste klagten sehr darüber, [288] und mit Recht; dennoch wirkte er doch im Ganzen nicht schädlich auf sie. Die warmen Ausdünstungen der Quellen erwärmen die Atmosphäre in diesem engen Thale, und das warme Wasser war denn doch noch bei der nassen Kälte früh Morgens angenehmer zu trinken, als das eiskalte anderer Heilbrunnen. Hygiäens warme Hühnerbrühe schmeckt wirklich so gar übel nicht; nur ein paar Mal darf man sie versuchen, so ist man daran gewöhnt, und Viele tranken ihren Becher Sprudel oder Neubrunnen zuletzt mit wahrem Wohlgefallen.

Karlsbad war seit mehreren Jahren nicht so besucht, als diesmal. Wer seine Wohnung nicht früher bestellt hatte, fand es schwer, nur unter Dach zu kommen, denn der Gasthof zum goldenen Schild, der sonst zum ersten Absteigequartier dient, war fast immer besetzt. Angesehene Familien mußten sich daher oft mehrere Tage in Bodenkammern behelfen, bis Glück und Zufall ihnen eine bequemere Wohnung verschafften. Fürstliche Brunnengäste, die sich durch glänzende Feste und Aufwand ausgezeichnet hätten, waren diesen Sommer nicht da; die wenigen Personen von hohem Range, die sich ihrer Gesundheit wegen in Karlsbad aufhielten, lebten in ihrem engern Kreise und wurden wenig gesehen. Dadurch [289] verlor der Aufenthalt zwar an Glanz, aber er gewann an Geselligkeit. Die von jeder Hofhaltung unzertrennliche Etiquette führt immer Zwang und Absonderung der Gesellschaften mit sich. Alle, die an den Hofzirkeln nicht Theil nehmen können oder wollen, fühlen sich zurückgesetzt, ausgeschlossen von Oertern, wo sie eigentlich auch das Recht hätten, zu erscheinen, und dies Gefühl sollte dennoch doch Niemand drückend werden an einem Orte, wo Alle sich zu gleichem Zweck versammeln und des Lebens Lasten mit seinen Ehren und Bürden auf einige Zeit beiseite legen wollen.

Zwar wollte es im Anfange mit der allgemeinen Geselligkeit nicht recht fort; die vornehmen russischen und polnischen Familien sonderten sich von den anderen Brunnengästen ganz ab und blieben unter sich. Unter den Deutschen hatten leider politische Meinungen und Verhältnisse eine Spannung erregt, die fast in Zwiespalt ausgeartet wäre. Diese überall unter Deutschen, und an einem Badeorte ganz besonders zu tadelnde Stimmung gab zu einer Menge Landsmannschaften Anlaß, fast wie auf einer Universität, die sich gegenseitig vermieden, ja beinahe anfeindeten. Mancher nahm warmen Antheil daran, ohne recht zu wissen warum; doch diese feindselige [290] Stimmung verschwand bald, wie alles Widersinnige in der Welt. Die wärmsten Aufrechthalter der Landsmannschaften reisten allmälig ab, andere Brunnengäste, die Sinn für echte Geselligkeit hatten, kamen an ihren Platz. In solchen, aller Welt unbequemen Stimmungen darf nur Jemand sich der allgemeinen Noth annehmen, der geselligen Takt und guten Willen hat, den Leuten zu helfen, so macht sich das Uebrige von selbst. Größere und kleinere Partien wurden arrangirt, zu welchen Jeder gezogen ward, der zur Gesellschaft gehörte, gleichviel, wo er lebte oder geboren war; man ward bekannt, man amüsirte sich, und in wenigen Tagen war jede Mißhelligkeit vergessen, und echte, gesellige Freude an der Tagesordnung.

Die politischen Angelegenheiten machten uns auch noch auf andere Weise große Noth. Wir wußten Alle, daß ungeheure Begebenheiten in der übrigen Welt vorgingen, und Niemand konnte etwas Bestimmtes erfahren, denn Zeitungen gehören in Karlsbad zu den seltensten Seltenheiten. Daß man darauf in der Post subscribirte, half zu gar nichts, denn man erhielt sie doch nicht. Beneidenswerth glücklich war, wer einmal ein Zeitungsblatt erhaschte. Am Brunnen drängte sich Alles um ihn her, und [291] horchte auf ihn, wie auf ein Orakel. Die widersprechendsten Gerüchte durchkreuzten sich alle Morgen, manchen derselben merkte man es an, daß sie an Ort und Stelle selbst entstanden waren. Doch bewegten sie alle Gemüther, schnell wie ein Lauffeuer gingen sie von Mund zu Mund, wurden geglaubt, wurden bestritten, bis der folgende Tag wieder etwas Neues brachte, das dann gewöhnlich auch nur vierundzwanzig Stunden vorhielt. Mit den Privatbriefen ging es nicht besser, als mit den Zeitungen. Ein Badegast in Karlsbad ist wie aus der übrigen Welt verbannt, und in Hinsicht der Nachrichten von den Seinen zu Hause nicht viel besser daran, als wäre er in Amerika, denn die Posten gehen unglaublich unordentlich. An Posttagen war der Posthalter ein beneidens- und beklagenswerther Mann. Oft in dreifachen Reihen standen des Morgens die liebenswürdigsten Damen dicht an einander gedrängt vor seinem Schiebefensterchen, und achteten nicht den Regen, und gaben ihm die freundlichsten Worte und Blicke, um Briefe zu erhalten. Leider konnte der arme Mann nur Wenige erhören. Triumphirend gingen nun diese von dannen, mit wenigstens drei Wochen alten Nachrichten, die sie noch unterwegs begierig lasen, mit trüben langen Gesichtern schlichen [292] die Uebrigen fort, und trösteten sich, so gut sie konnten, mit der Hoffnung, daß nächstens auch an sie die Reihe kommen würde.

Früh aufstehen muß man in Karlsbad lernen. Schon um fünf Uhr, spätestens um sechs, eilt Alles an den Brunnen. Die Meisten trinken den Neubrunnen und wandeln nach jedem Becher zwei Mal die lange, oben bedeckte Gallerie auf und ab, die ihnen zur Promenade dient. Vor funfzehn Jahren war diese Promenade die widerwärtigste und ekelhafteste, die sich nur denken läßt, jetzt ist sie durchaus zweckmäßig. Sie führt längs der Töpel hin und man steigt auf einer breiten bequemen Treppe zu ihr hinauf. Hier treffen sich Freunde und Bekannte, wandeln ein Weilchen mit einander und verlassen sich wieder ohne Umstände; man macht neue Bekanntschaften, Pläne für den Tag; diese Morgenpromenade ist eigentlich die Seele des Badelebens, von der alle anderen Freuden ausgehen. Gegen das Ende des Juli-Monats war die Gallerie trotz ihrer bedeutenden Breite oft so gedrängt voll, daß es Mühe kostete, durchzukommen. Unten am Brunnen, wo zwei parzenähnliche Nymphen mit unglaublicher Behendigkeit die Becher füllten, war es für Damen fast unmöglich, bis zur Quelle zu gelangen.

[293] Kam die Sonne einmal hervor, so stiegen wir eine Treppe höher, auf die freie Terrasse, wo die Theresienquelle ziemlich einsam sprudelte, und freuten uns des erquickenden Strahls. Den Theresienbrunnen trinken eigentlich nur diejenigen, welche doch etwas trinken wollen, um den Sprudelbecher mit Ehren zu tragen. Dort fand man nur meistens lauter in rosiger Fülle der Jugend blühende Gesichter. Ernstlicher war es mit denen bestellt, die in das ganz nahgelegene dunkle Gewölbe des Mühlbades hinabstiegen; diese Quelle wird für die auflösendste von allen gehalten. Nur wenige Brunnengäste verloren sich noch tiefer zu der unter dem Neubrunnen fließenden Bernhards-Quelle.

Am Sprudel, der echten Wunderquelle, ging es weniger tumultuarisch zu, denn Viele scheuen die mächtige Kraft des siedend heißen Wassers. Der Zugang zum Sprudel, durch enge Gäßchen über eine schmale Brücke, ist nicht erfreulich; der zum Neubrunnen dürfte der Polizei von Karlsbad wohl auch empfohlen werden: es ist unangenehm, oft gefährlich, in der engen Straße, die unmittelbar an ihn stößt, sich durch Wagen, Pferde und zu Markte gehende Bauern durchwinden zu müssen, besonders bei Regenwetter. Der mächtig zum Himmel steigende [294] Dampf des Sprudels überrascht Jeden, es hat etwas Entsetzen Erregendes, wenn man daran denkt, was zu unseren Füßen vorgehen muß, um dieses ewige Sieden hervorzubringen. Noch wunderbarer ist die vor wenigen Jahren, ganz nahe dem Sprudel, neuentstandene Quelle, die zwar gefaßt ist, aber nicht benutzt wird. Hier bricht ein starker siedender Wasserstrahl von Zeit zu Zeit tosend hervor, steigt oft zehn und mehr Ellen hoch in die Höhe, wie ein Springbrunnen, und versinkt dann wieder, um nach wenigen Minuten wieder zu erscheinen.

Die Promenade am Sprudel besteht aus einem freien, ziemlich großen Platze, wie ein Hofraum; an der einen Seite, nach der Töpel zu, stehen einige Bäume, unter denen Sitze angebracht sind, denn den Sprudel muß man sitzend trinken, und nach jedem Becher wenigstens zehn Minuten umhergehen.

Einige Sitze sind ganz nahe an der Quelle angebracht, hier aber ist der Boden oft so heiß, daß es durch die Sohlen brennt. Ein ziemlich großer Salon bietet Schutz gegen Regen und Wind; allein die Gesellschaft geht nur im höchsten Nothfall hinein, und trotzt lieber einem kleinen Regen im Freien. Der Saal ist dunkel, traurig und dumpfig; kommt vollends die Musik mit hinein, so wird er unerträglich. [295] Die Musik ist in Karlsbad eine wahre Landplage, so mißtönend als möglich, und doch findet man sie überall, in den Sälen, so wie nur ein paar Menschen sich darin versammeln, bei allen Diners, beim Kaffee, im Freien, im Zimmer, überall, und zum Ueberfluß wird auch jedem neuangekommenen Gaste Abends ein Ständchen gebracht, das er mit fünf Papiergulden gern bezahlt, damit es nur ein Ende nehme.

Bei diesen Morgenpromenaden erscheinen die Herren in anständigen Ueberröcken. Die Damen waren diesmal übel daran. Alle hatten, wie natürlich, auf Sommerwetter gerechnet, und es war ärger als im späten Herbst. Unbewundert und ungesehen mußten daher alle die eleganten Morgenkleider im Koffer liegen bleiben. Der größte Luxus herrschte in den prächtigen Shawls der russischen und polnischen Damen, deren einige ganze Magazine dieser kostbaren Hüllen mit sich führten. Auch erregten sie allgemeine Bewunderung und wurden oft am Neubrunnen von ganzen Prozessionen Schaulustiger gefolgt. Um sieben oder acht Uhr ist das Brunnentrinken vorüber, dann muß man aber vor dem Frühstück noch eine kleine Stunde gehen, eine mühselige Aufgabe für die Meisten. Da wandelt man dann [296] zu Zwei und Drei, in traulichen Gesprächen, den angenehmen Weg längs der Töpel zu dem, eine kleine Stunde entfernten Posthof, oder den schönen Spaziergang am Fuße des Hirschsprungs hin, zu dem Ruheplatze, den man Marianens Ruhe nennt, zu Ehren der sächsischen Prinzessin dieses Namens. Die Stadt und ihre nächsten Umgebungen gewähren von diesem Wege aus manchen freundlichen Anblick, bei Marianens Ruhe aber ist die Aussicht unbeschreiblich lieblich. Bei gar zu schlechtem Wetter zog man, mit Regenschirmen versehen, die Wiese auf und ab, bis endlich die ersehnte Stunde des Frühstücks da war, welches gewöhnlich Jeder bei sich zu Hause, im Familienkreise der Seinen, einnahm. Große öffentliche Frühstücke wurden nicht gegeben. Die Brunnengäste, so an der Wiese wohnten, ließen sich zwar zuweilen von einzelnen Sonnenblicken verleiten, ihre Kaffeetischchen unter die Bäume auf der Wiese zu tragen, wurden aber gewöhnlich bald wieder vom Regen zurück in ihre vier Wände gejagt.

Die Wiese, dieser Haupttummelplatz der Karlsbader schönen Welt, ist ein breiter schöner Weg längs der Töpel, an der Wasserseite mit zwei Reihen schattiger Bäume besetzt, zwischen denen viele [297] kleine Buden angebracht sind, in welchen die schönen böhmischen Glaswaaren, die artigen Toiletten und andere Kästchen von lackirtem Holze, sehr hübsche Sachen von lackirtem Blech, böhmische gefärbte Edelsteine, echte und nachgemachte, gefaßte und ungefaßte, und mehr solche Kleinigkeiten feilgehalten werden. Auch Schneider, Schuhmacher, Friseure treiben darin ihr Wesen; an Konfektbäckern, Kuchen- und Obstverkäufern fehlt es auch nicht; alle diese verschiedenen Handthierungen, beinahe auf freier Straße getrieben, gewähren eine eigenen südlichen Anblick.

Eine lange Reihe sehr hübscher Häuser begrenzt die Wiese von der andern Seite, hier sind die angenehmsten und gesuchtesten Wohnungen der Brunnengäste, so wie an der untern Seite des nahen Marktes die größten für fürstliche Personen. Daß in Karlsbad jedes Haus mit einem Schilde, zuweilen mit recht komischen, versehen ist, weiß Jedermann. Das Parterre aller dieser Häuser auf der Wiese dient zu Kaufmannsgewölben; die hinter den großen Fenstern zur Schau ausgestellten Waaren reizen unwiderstehlich zum Eintreten und Kaufen, und man mag auch so gute Vorsätze gefaßt haben, man [298] giebt hier immer mehr Geld aus, als man sich vornahm, auszugeben.

Zwischen ein und zwei Uhr geht man zu Tische. Zwar giebt es einige öffentliche Tische im goldenen Schilde und im Mühlbade, doch werden diese größtentheils nur von einzelnen Herren besucht. Andere essen täglich gemeinschaftlich in kleinen geschlossenen Zirkeln in dem an die Wiese stoßenden Sächsischen Saal, oder in dem nahgelegenen Böhmischen Saal; bei diesen kleineren Gesellschaften findet man auch Damen. Der größte Theil der Brunnengäste läßt sich das Essen aus den verschiedenen Speisehäusern bringen, unter denen der Böhmische und Sächsische Saal, wie auch das Mühlbad, besonders zu empfehlen sind. Alle Morgen schickt der Wirth seine Karte, und man wählt nach Belieben, es wird dabei Alles portionsweise berechnet, die Preise sind mäßig. Oft, ja täglich, werden Partien in der umliegenden Gegend zum Mittagsessen gemacht. Morgens am Brunnen verabredet sich die Gesellschaft dazu, Einer davon übernimmt die Bestellung, und so finden sich oft große Zirkel von dreißig und mehr Personen in geselliger Eintracht zusammen. Sehr oft haben diese Zusammenkünfte im Sächsischen oder Böhmischen Saale Statt, öfter noch im nahgelegenen Posthofe, [299] wo man vorzüglich gut bedient wird. Er hat von der Post nur den Namen, und ist eigentlich ein wohl eingerichteter, ziemlich großer, einzeln liegender Gasthof in einem der freundlichsten Winkel des schönen Töpel-Thales. Nachmittags kommen ebenfalls Viele zum Kaffee heraus, auch der in Karlsbad verpönte Thee findet hier seinen Schlupfwinkel. Bei gutem Wetter ist es oft schwer, auf dem mit Lauben versehenen Platze vor dem Hause Raum zu finden.

Eben so ist es in dem ländlicher eingerichteten Gasthofe des Dorfes Hammer. Auch hier versammeln sich täglich größere und kleinere Gesellschaften, und werden vorzüglich gut bedient. Es liegt eine gute Stunde hinter dem Posthofe, noch immer in dem engen schönen Thale der Töpel; so vortrefflich auch die dorthin führende Kunststraße ist, so möchte ich doch Jedem rathen, den Weg wenigstens einmal zu Fuße zu machen, um die ganze Herrlichkeit dieser wilden und anmuthigen Gegend, der ewig wechselnden Form der prächtigen Felsen und des üppigen Reichthums der Vegetation an Bäumen und Sträuchen recht zu genießen. Dicht vor dem Hammer beugt sich der Weg und führt durch eine wunderbar herrliche, wild erhabene Gegend ins Egerthal zu [300] dem etwa zwei Stunden von Hammer entfernten Dörfchen Aich.

Von hier wallfahrtet man eine Stunde zu Fuße nach dem berühmten Heilings-Felsen[WS 1]. Der Weg dahin ist mitunter rauh, beschwerlich und sumpfig, lederne starke Schuhe können den Damen bei dieser Promenade nicht genug empfohlen werden, aber der Anblick des herrlichen, wildeinsamen Thals lohnt reichlich jede Beschwerde, besonders das Anschauen der Felsen, welche von Hans Heiling den Namen tragen. In wunderlichen zackigen Riesenformen starren sie aus der ziemlich breiten Eger hoch zum Himmel und spiegeln sich in den silberhellen Wellen in einsamer stiller Majestät, umrauscht von hohen Bäumen und Waldgesträuch. Das Volk sieht in diesen wunderbaren Steingebilden ein Brautpaar, den Priester, die Kirche, die ganze Verwandtschaft und alle Hochzeitsgäste Hans Heilings, die alle vor geraumer Zeit in Stein verwandelt wurden, weil ein vom Bräutigam betrogenes Mädchen ihn verwünschte. Noch immer gehen schauerliche Sagen von diesem Orte unter den Landleuten umher, und bei Nacht wird sich so leicht Keiner hierher wagen. Doch auch die geübteste Phantasie kann von allen diesen Bildern keine Spur finden. Die Felsen aber [301] und ihre Umgebungen gehören zu dem Herrlichsten, was ich jemals in dieser Art erblickte. Noch viele nahgelegene Lustörter werden von den Karlsbader Brunnengästen zu Partien benutzt, Delwitz, Uschern, und vor Allem ein einzelner Gasthof, sehr vornehm Klein-Versailles genannt; er liegt nur eine kleine halbe Stunde vor der Stadt, an der dem Posthofe entgegengesetzten Seite, auf einer Anhöhe, die eine gar freundliche Aussicht gewährt.

Von hier aus durchstreift man gewöhnlich die etwas weiteren Promenaden, die Karlsbad rings umgeben wie ein Kranz, den Tempel, der in einer einsamen Waldgegend dem Andenken des Lords Findlater von Karlsbads Bürgern erbaut ward, oder man wandelt den anmuthigen bequemen Weg hinauf zum Gipfel des Hirschsprungs, der nahe an der Stadt sein zackiges Haupt erhebt. Von einem artigen Pavillon, auf einem Vorsprung nahe am Gipfel dieses herrlichen Felsens erbaut, übersieht man ganz Karlsbad mit seinen Umgebungen wie im Vogelfluge; Abends, wenn die sinkende Sonne die gegenüberstehenden Berge und die Stadt beleuchtet, ist der Anblick unbeschreiblich schön. Wahrhaft erhaben wird er, wenn man die Mühe nicht scheut, ganz hinauf zu gehen bis zu dem hohen Kreuz, wo das [302] Auge rings umher mehrere Meilen weit die umliegende Gegend überschaut. Unzählige Berge, gekrönt von schattenden Wäldern, durchschnitten von grünenden Thälern, begrenzt vom blau dämmernden Erzgebirge, breiten sich dort in stiller Pracht vor dem entzückten Blicke aus.

Ein näherer Weg, wo Stufen das Hinabsteigen erleichtern, führt in kurzer Zeit zur Stadt, doch kann man auch den mannichfaltigsten Wendungen des Weges folgen, der auf der andern Seite fast bis zum Posthofe führt; überall ist es wie ein Garten Gottes.

Eine ähnliche Aussicht, wie der Hirschsprung, gewährt der hohe Berg dicht vor der Stadt, der von den drei Kreuzen, die seinen Gipfel schmücken, den Namen führt. Aber der Weg hinauf ist beschwerlich, man ersteigt ihn ein Mal, zum Hirschsprunge kehrt Jeder immer gern und oft zurück, wie zu einem alten treuen Freunde. An einem der wenigen schönen Morgen, die dieser Sommer uns gab, bestieg eine Gesellschaft von Freunden diesen Drei-Kreuz-Berg; ein geist- und gemüthsvoller Brunnengast, der, tief gebeugt durch den Verlust seines Kindes, in Karlsbad sich wenigstens physisch zu erholen suchte, schrieb dort, ergriffen von der großen Natur [303] rings umher, folgende Charade nieder, die bald, durch unzählige Abschriften verbreitet, in Aller Händen war.

Hoffentlich beschuldigt er mich keiner Indiscretion, wenn ich hier dem Leser mittheile, was dort die ganze Gesellschaft, ihm Bekannte und Unbekannte, mit tiefer Rührung erfüllte und mit Bewunderung seines Talents tiefes Gefühl so schnell in ein liebliches Gewand zu kleiden.


 Charade.

Die erste ist’s, die Heiliges verkündet,
Die der Wechselzeiten bunten Kranz durchwindet,
Die der ernste Richterspruch verlangt;
Die in des Zaubrers geisterbleichen Händen,
Wie bei der Kirche frommen Segensspenden,
Als heiliges Symbol zu uns gelangt.

Hat Gott die zweite Dir gesendet,
Hat sich ein Herz von Dir gewendet,
Das Dir voll zarter Liebe schlug;
Pflanz’ Du sie hin am stillen Ruheorte,
Dem holden Kind, das durch die lichte Pforte
Ein Engel auf zum Himmel trug. –
Schau hin! Dir steht ein Zeichen aufgerichtet,
Das mit dem frohen Glauben Dich erfüllt:
Einst wird die Nacht zum hellen Tag gelichtet,
Die Deines Lebens Stern Dir jetzt verhüllt. –

[304]

Dort bete still – und bei dem heil’gen Zeichen
Wird Dir ein Engel dann der Ruhe Palme reichen.

Doch nicht dem eignen Schmerz gehört das Leben!
Es werde für die Brüder freudig higegeben,
Siehst Du ihr heilig Recht gekränkt;
Nimm dann des Kreuzes frommes Kriegeszeichen,
Und triff ihn mit des Schwertes blut’gen Streichen,
Ihn, der Dein treues Volk bedrängt. –
Hast Du mit starkem Arm den Sieg erstritten,
So schmücke reich des Friedens stille Hütten.

Und zu der dritten steige froh empor.
Dort unter Deutscher Eichen hohen Zweigen,
Dort laß zum Himmel auf die Feuersäule steigen;
Dort glänzt der Freiheit goldnes Flammenthor;
Dort blüht der Unschuld zarte Himmelsblume,
Dorthin steigt nicht des Lebens Grabeshauch,
Dort geizt man nicht nach Gold und nicht nach Ruhme,
Dort herrscht der Vorzeit stiller Brauch.
Dort laß mit Weib und Kind und Freund uns wohnen,
Fern von der Welt und ihren stolzen Thronen.

Ich blicke trunken von des Ganzen Hügel
In Hygiäens reichgeschmücktes Thal.
Des Erdenlebens bunten Zaubersaal
Schaut ich in jenem goldnen Spiegel
Der Phantasie, voll wechselnder Gestalten
Im holden Traum mir freundlich vorgehalten.

Drei-Kreuz-Berg.

[305] Auf diese nächsten Umgebungen Karlsbads mußten wir uns diesen Sommer beschränken; weitere Partien zu unternehmen nach den schönen Ruinen der Engelsburg, nach Ellenbogen und mehreren sehenswerthen Gegenden in der Nachbarschaft, wagten nur Wenige bei dem stets drohenden und fast immer Wort haltenden Himmel. Bei gar zu bösem Wetter flüchteten wir uns ins Theater, dessen Vorstellungen schon um vier Uhr anfangen und gegen sieben, oft noch früher endigen. Das Theater liegt auf der neuen Wiese, der eigentlichen Wiese gegenüber, am andern Ufer der Töpel, über welche drei Brücken hinführen. An das Theater und dem Gasthof zum goldenen Schilde, welcher ebenfalls an der neuen Wiese steht, reihen sich dort mehrere recht hübsche Häuser zum Gebrauch der Brunnengäste; jährlich werden noch neue angebauet, so daß mit der Zeit diese neue Wiese vielleicht der alten den Rang wird streitig machen können. Herr Schandroch und seine herumziehende Truppe arbeiteten sich auf der Bühne ordentlich ab, um die Zuschauer zu locken und zu amüsiren. Blieben die guten Leute bei ihrem Leisten, das heißt bei den Feldkümmels und Pumpernickels, den Schwestern von Prag und dem tapfern Prinzen Schnudi mit seiner schönen Prinzessin Ewakathel, so [306] war es zu ertragen; leider verstiegen sie sich aber oft weit höher. Eine Art Tableaux nach Kupferstichen und Gemälden, besonders nach Hogarth, gerieth ihnen indessen ziemlich gut und lockte viele Zuschauer herbei. Nach dem Theater wagte man wohl noch einen Spaziergang, oder besuchte Freunde und Bekannte auf ihrem Zimmer. Um halb neun Uhr war in der Regel Jedermann zu Hause und eine Stunde später im Bette, so will es das Gesetz in Karlsbad; die Abende werden schnell sehr kühl, und um früh aufzustehen, muß man wohl früh Ruhe suchen. Zweimal die Woche sollte getanzt werden, Sonntags und Donnerstags, die Bälle waren abwechselnd im Böhmischen und Sächsischen Saale. Das Lokal ist in beiden recht anständig und gut; die Mode wollte, daß man nur Sonntags den Ball besuchte, Donnerstags war die Gesellschaft immer in geringer Anzahl versammelt und wählte gewöhnlich gesellschaftliche Spiele statt des Tanzes. Hazardspiele werden in Karlsbad nirgend geduldet. Sonntags war der Zirkel zahlreich und glänzend. Doch wird auch an diesen Tagen Niemand durch zu vieles Tanzen seiner Gesundheit geschadet haben.

Der Ball war ein Anlaß zusammen zu kommen, sich zu sehen, zu sprechen, Bekanntschaften zum machen, [307] und insofern recht angenehm; aber die jungen tanzlustigen Damen waren übel daran, aus dem einfachen Grunde, weil es an tanzlustigen Herren fehlte. Der Krieg hatte viele junge Männer zu einem ernsteren Tanze abgerufen. Um halb neun Uhr fing das Fest an, um zehn, spätestens um elf Uhr war es zu Ende, und dann sagten wir wie die ehrlichen Krähwinkler in vollem Ernst: heute haben wir einmal geschwärmt! Concerte, Deklamatorien, Luftballons brachten Abwechselung in das Vergnügen, Feuerwerke erlaubte die Witterung nicht. Dei Deklamatorien wollten nicht recht Beifall finden, die genugsam bekannte Frau Elise Bürger erlebte einen betrübten Beweis davon. Die Concerte, von durchreisenden Künstlern, wenigstens wöchentlich ein Mal gegeben, wurden zuweilen sehr zahlreich besucht. Freilich brachte das über alle Beschreibung schlecht bestellte Orchester, Künstler und Auditorium, jedesmal bis zur Verzweiflung. Das schönste Concert gewährte uns ein selbst sehr talentvoller Freund der Kunst, der ungarische Graf Amadé, er brachte zum Besten der Armen ein Liebhaber-Concert zusammen, in welchem lauter Dilettanten, größtentheils vom Oestreichschen, Ungarischen und Polnischen Adel sich hören ließen, die man wohl Meister in der Kunst nennen konnte. Auch [308] der bekannte Tenorist, Herr Ehlers, dessen man in Weimar noch immer gern gedenkt, gewährte uns einen angenehmen musikalischen Abend, er ließ das widerwärtige Orchester ganz weg, und sang nur vom Pianoforte accompagnirt. Zuletzt sang er bloß zur Guitarre einige schöne Lieder, größtentheils von Goethe und Zelter.

So reihten sich Tage zu Wochen, allmälig nahm das Gedränge am Neubrunnen ab, es waren selbst auf der Wiese leer stehende Wohnungen zu finden. Jetzt war Franzensbrunn der Sammelplatz, das Gedränge der Curgäste wurde dort so groß, daß Mehrere zurückkamen, die von Karlsbad hingereis’t waren, weil dort kein Unterkommen mehr zu finden war.


Anmerkungen (Wikisource)