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Jakobine Maurer, die deutsche „Christusin“ in Brasilien II

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Textdaten
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Autor: Carlos von Kosteritz
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Titel: Jakobine Maurer, die deutsche „Christusin“ in Brasilien II
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 696–698
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[696]
Jakobine Maurer, die deutsche „Christusin“ in Brasilien.
II.


Endlich kommt die ersehnte Kunde von dem vollständigen Siege über die Mucker, die mit feuriger Begeisterung, man möchte sagen mit Fanatismus, fochten und ihn den Gegnern theuer genug erkaufen machten. Das Terrain und die Position waren den Aufständischen so günstig, wie nur denkbar; hinter den dicken steinernen Mauern eines Hauses, das von der einen Seite durch steile Felsen geschützt ist, dem außerdem der dichte Urwald und verschiedene Sümpfe als Deckung gegen den Feind dienen, kann sich eine kleine Schaar lange Zeit gegen eine fast erdrückende Uebermacht vertheidigen, selbst wenn diese mehr eine Elitetruppe ist, als sich das von der brasilianischen Linie behaupten läßt, welche aus zusammengelesenen gepreßten Soldaten besteht, die weder von Heldenmuth noch von Begeisterung beseelt sind, gegen deren Tapferkeit und Ehrlichkeit sogar bedeutende Zweifel erhoben werden, die durch ihr Verhalten auf dem Leonerhofe nur zu sehr gerechtfertigt wurden. Gar manche der für die Mucker bestimmten Kugeln tödteten die Schweine der Colonisten, von welchen Letzteren Viele an der Seite der Soldaten fochten. Die Hühner fanden in ihnen lebhafte Verfolger, und bei ihrer Rückkehr nach Sao Leopoldo waren viele der Krieger mit solch befiederter Beute beladen.

Am 19. Juli 1874 fand der erste Angriffskampf der Soldaten gegen die Mucker statt, der von Morgens sieben Uhr bis etwa elf Uhr währte, wobei, durch eine Granate entzündet, das Maurer’sche Haus in Flammen aufging, in denen verschiedene Sectirer ihren Tod fanden, nachdem bereits neun Männer und vier Frauen erschossen worden waren und die Uebrigen sich in den Wald geflüchtet hatten.

Hierbei möchte ich nachträglich berichten, daß das Maurer’sche Haus wirklich eine Thür hatte, deren Existenz von den Zeitungen bisher verleugnet worden; auch die Form des Gebäudes hat sich als eine ganz gewöhnliche herausgestellt, während die dicken Steinmauern sich als Wirklichkeit bewährten.

Die Kanonen kamen wenig in Anwendung, da sie durch ungeschickte Bedienung bald untauglich wurden. Auf Seiten des Militärs blieben etwa vierzig Mann todt und verwundet bei diesem Kampfe, der sich aber am folgenden Tage gegen Morgen erneuerte, indem die Mucker vom Walde aus ein lebhaftes Feuer gegen die Soldaten eröffneten, wobei leider der tapfere Oberst Genuino seinen Tod fand.

Die Zeitungen geben die Zahl der streitbaren Männer bei den Muckern vor Beginn dieser Kämpfe auf etwa siebzig an; es stritten aber nicht blos die Männer, sondern auch die Weiber und Kinder. Eine siebzigjährige Frau z. B. hatte bereits mehrere Soldaten erschossen, ehe sie selbst schwer verwundet zusammenbrach; aber noch war ihre Kampfeslust nicht erloschen: sie zog einen Revolver, den sie verborgen gehalten, hervor und verwundete noch mehrere Mann. Mädchen von zehn bis zwölf [697] Jahren sah man die Büchse mit geübter Hand gegen die Truppen abfeuern, die in der Handhabung der Gewehre weniger Geschicklichkeit entfaltet haben sollen.

Von den Schwierigkeiten eines Kampfes im Dickicht des Urwaldes hat man in Deutschland keine klare Vorstellung und wird deshalb nicht begreifen, wie es möglich war, daß diese Handvoll Leute, deren Zahl sowohl durch den Tod, wie durch Gefangennahme von Sectirern überdies außerordentlich zusammengeschmolzen war, immer noch im Stande war, Widerstand zu leisten, selbst wenn ihre Gegner keine vortrefflich geschulten, Todesfurcht nicht kennende Krieger waren.

Den bereits erwähnten Gefechten folgten noch verschiedene Kämpfe, die ihren rechten Abschluß erst dadurch fanden, daß der letzte Rest der Mucker, der mit Jakobinen in einer Höhle im Walde Zuflucht gesucht, entdeckt und niedergemacht ward, was vielleicht in Folge des wunderbar günstigen Terrains noch lange auf sich hätte warten lassen, wenn nicht der Verrath einiger Sectirer den Versteck zur Kenntniß gebracht. Sie waren bei einem der Gefechte entkommen, stellten sich freiwillig dem Gerichte und legten Bekenntnisse ab, in Folge deren hinreichende Mannschaft unter ihrer Führung ausgesandt ward, den Zufluchtsort Jakobinens zu umstellen, so daß für sie kein Entrinnen mehr war.

Die Aufforderung, sich zu ergeben, fand nur höhnische Erwiderung; die Sectirer kämpften mit dem Muthe der Verzweiflung, um Jakobinen geschaart, die auch auf die Truppen feuerte. Die Soldaten drangen mit dem Bajonnet vor, Mann für Mann niederstechend. Der Letzte, Rudolph Sohn, ein junger Mann in glänzenden Vermögensverhältnissen, dem in der letzten Zeit beim Weibertausche Jakobine zu Theil geworden, suchte seine Prophetin und zeitweilige Gattin mit seinem Leibe zu decken und stürzte sich auf sie, so daß die Bajonnete der Soldaten Beide gleichzeitig durchbohrten. Unter den bei diesem letzten Kampfe Gefallenen waren auch verschiedene Mädchen in Männerkleidung: den Uniformen der getödteten Soldaten.

Etwa vierzig zur Muckersecte gehörige Personen, unter ihnen Expastor Klein, befinden sich im Gefängnisse in Porto Alegre und sehen ihrer Processirung entgegen. Die Erbitterung der deutschen Colonisten, von denen viele als Freiwillige sich den Soldaten anschlossen, gegen die Sectirer war so groß, daß sie, wie auch manche der Soldaten, die Leichen der Mucker auf eine entsetzliche Weise verstümmelten, daß diese zum größten Theil unkenntlich waren. Man fand sie mit abgeschnittenen Nasen, Ohren, zerfetzten Gesichtern und vielfach durchstochenen Leibern.

Auf die vielen Opfer zurückblickend, die der Muckeraufstand gekostet, könnte man das bekannte, an die Freiheit gerichtete Wort der Frau Roland auf die Religion anwenden und ausrufen: „Religion, wie viele Verbrechen begeht man in Deinem Namen!“

Nicht uninteressant und am ungeeigneten Platze dürfte wohl eine biographische Skizze der Prophetin sein.

Jakobine Maurer’s Eltern – sie war eine geborene Menz – waren Wiedertäufer, in deren Hause das Mädchen schon als Kind den übertriebenen Andachtsübungen beiwohnen mußte, wodurch ihr Nervensystem so überreizt, sowie ihre Einbildungskraft durch die phantastischen Bilder und Prophezeiungen der Apokalypse, die mit Vorliebe vorgelesen ward, so erregt wurde, daß sie bei sonst kräftiger Constitution zuweilen Anfällen von magnetischem Schlafe unterlag, welcher Zustand erst später in so schrecklicher Weise ausgebeutet ward.

Ihr Mann, Johann Georg Maurer, der sich beim Beginne des Paraguay-Krieges als Nationalgardist in Porto Alegre befand, ließ seine Frau dorthin nachkommen und veröffentlichte in den Zeitungen, daß dieselbe für fünf Milreis (etwas über drei Thaler) dem, der einen Blick in die Zukunft thun wolle, sein Schicksal prophezeien werde. Ob diese Speculation sich als eine glückliche erwies, ist unermittelt geblieben, sicher dagegen, daß Maurer nach seiner Rückkehr auf die Colonie plötzlich als Wunderdoctor auftrat, indem er vorgab, daß seiner Frau in ihrem magnetischen Schlafe von Gott die Heilmittel kundgethan würden, die er bei den Kranken anzuwenden habe. Blinde, Lahme und mit sonst welchen Leiden Behaftete wandten sich gläubig an Maurer, und als Dankesgaben außer Nahrungsmittel aller Art ward manches Sümmchen in das Haus des Wundermannes getragen.

Vielleicht hätte das würdige Paar das Spiel mit der Leichtgläubigkeit der Menge nie weiter getrieben, wenn nicht der bereits erwähnte Pastor Klein in ihm ein passendes Werkzeug für seine Pläne zu finden geglaubt. Nachdem er durch Heuchelei die Colonisten für sich gewonnen und von ihnen zum Pfarrer auf dem Leonerhof gewählt worden war, trat sein ränkesüchtiger Charakter immer klarer zu Tage. Statt Frieden und Eintracht zu predigen, säete er Hader zwischen den Familien und zahllose Processe und Streitigkeiten waren das Werk von Hochehrwürden. Schließlich wurde seine Absetzung von den Colonisten beschlossen und durchgeführt, und der Seelsorger ward Landbauer, Haß und Groll im Herzen. Zum Werkzeuge seiner Rache und seiner Pläne glaubte er um so sicherer das Maurer’sche Ehepaar, dem er verschwägert war, wählen zu können, als er bisher in offener Feindschaft mit ihm gelebt hatte, welche er anscheinend fortdauern ließ, während er sich ihm im Geheimen näherte und Jakobinen zu der Rolle vorbereitete, die sie spielen sollte.

Ihre höheren Eingebungen beschränkten sich nun nicht mehr auf Recepte zu Wundertränkchen, sondern gaben sich jetzt hauptsächlich durch Auslegung der Bibel kund, zu welchen erbaulichen Uebungen sich viele Colonisten einzufinden pflegten. Expfarrer Klein unterrichtete Jakobinen insgeheim im Lesen, und als sie, von der die ganze Colonie wußte, daß sie keinen Buchstaben gekannt hatte, bei einer der Versammlungen am Pfingstfeste 1872 plötzlich die Bibel zur Hand nahm und den anwesenden Andächtigen daraus vorlas, riefen diese: „o Wunder!“ und waren von der Ueberzeugung durchdrungen, daß der heilige Geist sich in Wahrheit auf Jakobinen herabgesenkt habe, die ihnen, in einem weißen Gewande und mit einem grünen Kranze auf dem Haupte, von überirdischem Glanze umleuchtet schien.

Außer den wirklichen Anhängern fanden sich damals noch manche Andere, von Neugierde getrieben, ein, und am erwähnten Pfingsttage stand unter den Letzteren auch Expfarrer Klein, der offenkundige Feind Maurer’s. Nachdem Jakobine mehrere Capitel aus der Bibel gelesen und auf ihre Weise erklärt hatte, wandte sie sich an Klein und sagte, daß er zwar Jahre lang ihr Widersacher gewesen, jetzt aber, wie der heilige Geist ihr verkündige, sein Unrecht einsehe. „Nähere Dich mir, daß ich Dir verzeihe!“ rief sie feierlich und mit Staunen sahen die Anwesenden, wie Klein widerstrebend, aber gleichsam von einer höheren Macht bezwungen zu Jakobinen schritt, vor ihr auf die Kniee sank und unter Thränen und Schluchzen sein Unrecht und zugleich seinen Glauben an ihre höhere Sendung bekannte.

Dieser Theatercoup war von durchschlagender Wirkung: Alle fielen nun auf die Kniee und verehrten in Jakobinen die Verkörperung des göttlichen Geistes, und von diesem Tage an ist die Gründung der Secte als solcher zu rechnen.

Jakobine prophezeite entsetzliche Unglücksfälle, Sündfluth und andere furchtbare Naturereignisse für Alle, die nicht an sie glaubten, und welterschütternde Vorgänge, aus denen allein die Gläubigen siegreich hervorgehen würden, die sich mit großen Vorräthen von Lebensmitteln, Kleidern und Waffen zu versehen hätten. Eine Prophezeiung Jakobinens lautete dahin, daß alle Bewohner Porto Alegres einer ganz eigenthümlichen Seuche erliegen würden, und in den Zeitungen ward der Verdacht ausgesprochen, daß die Mucker beabsichtigten, die Wasserleitung der Stadt zu vergiften, was für sie allerdings leichter zu planen als auszuführen war. – Was dem Aberglauben besonders Nahrung gab, war das zufällige Eintreffen der prophezeiten Naturereignisse. Ein seltsames Meteor ward in der Luft sichtbar, flog über das Maurer’sche Haus hinweg und fiel jenseits des Ferrabraz in Santa Christina zu Boden; große Ueberschwemmungen verheerten unsere Provinz; in Folge ungeheurer Regengüsse fanden Erdrutsche statt, so daß, wo früher Feld war, nun Wald steht. Der Berg „Steinkopf“ bei Sao Leopoldo veränderte seine ganze Gestalt, indem der Gipfel mit seinen Felsmassen sich loslöste und langsam und schwerfällig sich herabwälzte, die Bewohner am Fuße des Berges mit gänzlicher Zerstörung ihrer Häuser und Besitzungen bedrohend, bis er plötzlich seine Richtung änderte, so daß er auf noch nicht bebautem Lande liegen blieb. Hier bot sich denn günstige Gelegenheit, das Bibelwort vom Glauben, der da Berge versetzet, zu mißbrauchen.

Unbegreiflich ist der Einfluß, den die Prophetin auf ihre Anhänger gewann: jeder ihrer Befehle, auch der widersinnigste und jedes natürliche Gefühl verletzende, wurde ohne Weigerung [698] ausgeführt. Die Kinder der Mucker durften keine Schule mehr besuchen, weil dort eine falsche Religion gelehrt werde; Beerdigungen auf dem Friedhofe waren streng untersagt. Waren Mitglieder einer Familie der Secte nicht beigetreten, so mußten sich die gläubigen Mitglieder gänzlich von ihnen lossagen, so daß z. B. Eltern, sich auf den Spruch berufend: „Lasset die Todten ihre Todten begraben!“ ruhig auf dem Felde arbeiteten, während der Sarg mit den sterblichen Ueberresten ihrer verheiratheten Tochter an ihnen vorübergetragen wurde.

Jakobine erklärte, daß die Prophezeiungen des alten Testaments auf ihre eigene Person zielten, in welcher der Messias fortlebe, wie gleichfalls die Apostel nicht gestorben seien, sondern in Gestalt von bestimmten Anhängern, denen sie die Namen der Jünger beigelegt, noch auf Erden wandelten. Der Mangel an Logik und die Widersprüche, die unausbleiblich waren, störten die Gläubigen in keiner Weise. Gemeinschaft der Weiber wurde eingeführt, und Sinnlichkeit und Fanatismus beherrschten die Gemüther.

Wie schon erwähnt, konnte die durch das Reformgesetz beschränkte Polizeigewalt nicht gleich anfangs energisch gegen die Sectirer vorgehen, obwohl die anderen Colonisten sich mehrfach an die Obrigkeit wandten mit dem dringenden Anliegen, dem tollen Treiben Einhalt zu thun.

Wieder bildete ein Pfingsttag einen Wendepunkt im Schicksale der Secte: am Pfingstfeste 1874 wurden von Jakobinen die Rollen zu dem Blutdrama, das sie in Scene setzen wollte, an die Anhänger vertheilt; besonders waren es auch alle Feinde Klein’s, die auf der Liste der Opfer verzeichnet waren.

Wie viel von dem schändlichen Plane zur Ausführung kam, ist bereits früher erzählt; wie Viele durch das Geständniß einiger Mucker, denen der Auftrag geworden, „Neu-Hamburg“ in Brand zu stecken, und die, von Gewissensbissen gequält, sich der Polizei stellten, gerettet wurden, läßt sich nicht übersehen, wie denn überhaupt die Höhe der Zahlen der Gefallenen, sowohl auf Seite der Sectirer wie der Soldaten, selbst in officiellen Blättern verschieden angegeben wird, was, für die Leser wenigstens, nebensächlich ist; das Hauptinteresse beruht auf den psychologischen Räthseln, die uns ungelöst entgegentreten. Traurig aber ist es, daß, so weit die Menschheit auch vorgeschritten ist, das Individuum doch noch so tief in dem Schlamme des Aberglaubens der dunkelsten Zeiten versinken kann und das Dichterwort auch heutzutage sich leider noch als allzu wahr erwiesen hat: –

 „der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.“


Valle do Paraiso, 10. August 1874.

C. S. M.