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Jakob Humbel

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Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Jakob Humbel
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 131-135
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803-1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Djvu auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[131]
Jakob Humbel.

Jakob Humbel, eines armen Bauern Sohn von Boneschwyl im Schweizer-Canton Argau, kann jedem seines gleichen zu einem lehrreichen und aufmunternden Beyspiel dienen, wie ein junger Mensch, dem es Ernst ist, etwas Nützliches zu lernen und etwas Rechtes zu werden, trotz allen Hindernissen, am Ende seinen Zweck durch eigenen Fleiß und Gottes Hülfe erreichen kann.

Jakob Humbel wünschte von früher Jugend an ein Thierarzt zu werden, um in diesem Beruf seinen Mitbürgern viel Nutzen leisten zu können. Das war sein Dichten und Trachten Tag und Nacht.

Sein Vater gab ihn daher in seinem 16ten Jahr einem sogenannten Vieh-Doktor von Mummenthal in die Lehre, der aber kein geschickter Mann war.

Bey diesem lernte er zwey Jahre, bekam alsdann einen braven Lehrbrief, und wußte alles was sein Meister wußte, nemlich Tränklein und Salben kochen, auch Pflaster kneten für den bösen Wind, sonst nichts – und das war nicht viel.

Ich weiß Einen, der wäre damit zufrieden gewesen, hätte nun auf seinen Lehrbrief und seines Meisters Wort Salben gekocht, zu Pflaster gestrichen drauf und dran für den bösen Wind, das Geld dafür genommen und selber gemeynt, er sey’s. [132] Jakob Humbel nicht also. Er gieng zu einem andern Viehdoktor in Oberoltern im Emmenthal noch einmal in die Lehre, hielt abermal ein Jahr bey ihm aus, bekam abermal einen braven Lehrbrief, und wußte abermal – Nichts, weil auch dieser Meister die wichtige Kunst selber nicht verstand, keine Kenntniß hatte von der innern Beschaffenheit eines Thieres im gesunden und kranken Zustand, und von der Natur der Arzneymittel.

Ich weiß Einen, der hätt’s jezt bleiben lassen, wär eben wieder heimgekommen wie er fortgegangen und hätt sich mit Andern getröstet, aus denen auch nichts hat werden wollen.

Fast sah es mit unserm armen Jakob Humbel eben so aus. Mit Windsalben war wenig Geld, noch weniger Credit und Ehre zu verdienen. Was er verdiente, zog der Vater. Humbel wurde gemeiner Taglöhner, gieng in armseliger Kleidung umher, ohne Geld, ohne Rath, und dennoch hatte er noch immer den Thierarzt – nicht im Kopf, denn das wäre schon recht gewesen, sondern im sehnsuchtsvollen Verlangen. Jetzt verdingte er sich als Hausbedienter bey Herrn Ringier im Klösterli zu Zofingen. Bey diesem Herrn war er drey Jahre, bekam einen guten Lohn, und wurde gütig behandelt, wie ein Kind.

Ich weiß Einen, der hätte die Güte eines solchen Herrn mißbraucht, wäre meisterlos worden, den Lohn hätten bekommen der Wirth und der Spielmann.

Aber Jakob Humbel wußte mit seinem Verdienst etwas besseres anzufangen. Oft wann er bey dem Essen aufwartete, hörte er die Herren am Tisch französisch reden. Da kam er auf den Gedanken, diese [133] Sprache auch zu lernen. Vermuthlich hoffte er dadurch auf irgend eine Art leichter zu seinem Zweck zu kommen, noch ein geschickter und braver Thierarzt zu werden. Er gieng mit seinem zusammengesparten Verdienst nach Nyon in die Schulanstalt des Herrn Snell, und lernte so viel, als in 9 Monaten zu lernen war. Jezt war sein Vorrath verzehrt, und ehe er seine Studien fortsetzten konnte, mußte er darauf denken, wie er wieder Geld verdiente.

Gott wird mich nicht verlassen, dachte er. Er gieng zu Herrn Landvogt Bucher in Wildenstein als Kammerdiener in Dienste, erwarb sich bey diesem und nachher bey einem andern Herrn wieder etwas Geld, und befand sich im Jahr 1798, als die Franzosen in die Schweiz kamen, in seinem Geburtsort zu Boneschwyl, und trieb mit seinem erworbenen Geld einen kleinen Kornhandel nach Zürch, der recht gut von Statten gieng, und seine Baarschaft nach Wunsch vermehrte. Jezt war er im Begriff, ins Ausland zu gehen, und von dem ehrlich erworbenen Geld endlich seine Kunst rechtschaffen zu studiren. Da wurde ein Korps von 18,000 Mann helvetischer Hülfstruppen errichtet. Die Gemeinde Boneschwyl mußte 8 Mann stellen. Die jungen Bursche müssen spielen, den guten Jakob Humbel trifft das Los, Soldat zu werden.

Ich weiß Einen, der hätte gedacht: die Welt ist groß, und der Weg ist offen; wär mit seiner kleinen Baarschaft ins Weite gangen, und hätte seine Mitbürger dafür sorgen lassen, wo sie statt seiner den 8ten Mann nehmen wollten.

Aber Jakob Humbel liebt sein Vaterland, und ist ein ehrliches Blut. Er stellte einen Mann, den er [134] zwey Jahre lang auf seine Kosten unterhalten mußte. Das Beste von seinem erworbenen Vermögen, wovon er noch etwas lernen wollte, gieng zu seinem unsäglichen Schmerzen drauf, und er dachte: Jezt habe ich hohe Zeit, sonst ists Mathä am lezten. Mit diesem Gedanken nahm er den Rest seiner Habschaft in die Tasche, einen Stock in die Hand, und lief eines Gangs, ohne sich umzusehen, nach Carlsruhe, und als er auf der Mühlburger Straße zwischen den langen Reihen der Pappelbäume die Stadt erblickte, da dachte er, Gottlob! und Gott wird mir helfen.

Guter Jakob Humbel, Gott hilft jedem, der sich wie du von Gott will helfen lassen, und du hast es erfahren.

In Carlsruhe ist eine öffentliche Anstalt zum Unterricht in der Thierarzneykunst. Die Lehrstunden werden unentgeldlich ertheilt. Die sehr geschickten Lehrer geben sich Mühe, ihre Lehrjünger gründlich zu unterrichten. Schon mancher brave Thierarzt hat in dieser nützlichen Schule sich zu seinem Beruf vorbereitet und gebildet.

Hier war nun Humbel in seinem rechten Element, an der reichen Quelle, wo er seinen lang gehaltenen Durst nach Wissenschaft befriedigen konnte, lernte ein krankes Thier mit andern Augen anschauen als in Mummenthal und Emmenthal, konnte andere Sachen lernen als Wind machen und bösen Wind vertreiben, und war nicht viel im Bierhaus zur Stadt Berlin, oder im Wirthshaus zur Stadt Straßburg, oder in Klein-Carlsruhe im Wilhelm Tell zu sehen, ob er gleich sein Landsmann war, auch nicht einmal recht am Sonntag auf dem Paradeplatz, oder zu Mühlburg [135] im Rappen, sondern vom frühen Morgen bis in die späte Nacht beschäftigte er sich zwanzig Monate lang unermüdet und unverdrossen mit seiner Kunst, und wenn er wieder etwas Neues, Schönes und Nützliches gelernt hatte, so machte ihn das am Abend vergnügter, als der Zapfenstreich mit der schönsten türkischen Musik: zumal wenn ihm bey derselben sein Kostgänger einfiel bey den helvetischen Hülfstruppen.

Endlich kehrte er als ein ausgelernter Thier-Arzt, mit den schönsten Zeugnissen seiner Lehrer aus Carlsruhe, freudig in sein Vaterland zurück, wurde von dem Sanitätsrath in dem Canton Argau geprüft, legte zu Jedermanns Erstaunen und Freude die weitläuftigsten und gründlichsten Kenntnisse an den Tag, erhielt mit wohlverdienten Lobsprüchen und Ehren das Patent auf seine Kunst – und sah sich nun nach allen ausgestandenen Schwierigkeiten und Mühseligkeiten am schönen Ziel seiner lebenslänglichen Wünsche, einer der geschicktesten und angesehensten Thier-Aerzte, in dem ganzen Schweizerlande.

Jetzt weiß ich Vier, die denken: Wenn solcher Muth und Ernst dazu gehört, etwas Braves zu lernen, so ists kein Wunder, daß aus mir nichts hat werden wollen.

Guter Freund, nimm Gott zu Hülfe, und versuche es noch!