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Jäger-Weihnachten im Hochgebirge

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Textdaten
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Autor: Benno Rauchenegger
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Titel: Jäger-Weihnachten im Hochgebirge
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 832–834
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Jäger-Weihnachten im Hochgebirge.

„Gefuttert muß heute werden, es hilft Alles nix,“ – sagt am Tage vor dem Weihnachtsfest der Oberförster zu seinen beiden Gehülfen und kratzt sich dabei verlegen hinter den Ohren – „sonst gehen uns am Ende noch so und so viel Stücke ein!“

Die also Angesprochenen blicken mit etwas enttäuschten Mienen zu ihrem Vorgesetzten auf; der aber zuckt die Achsel und schweigt. Er weiß, daß heute jeder Christenmensch auf eine freie Abendstunde rechnet, aber die Umstände zwingen in diesem Fall zum Gegentheil. Seit Wochen schon deckt tiefer Schnee die Berge; eine eisige Decke liegt über dem Moos im Walde, und dicke Schneekrusten umhüllen das Geäste der Tannen, sodaß das Wild nichts mehr findet, den Hunger zu stillen.

In dumpfem Hinbrüten steht da ein Rudel Hirsche, dort eine Rehfamilie unter den überhängenden Zweigen einer mächtigen Tanne, und zeitweise nagen die Thiere an der harten, harzigen Rinde, nur um etwas in den leeren Magen zu bekommen. Schon an dieser unverdaulichen Kost gehen Viele zu Grunde. Die Räuber des Waldes wissen aber den Nothstand noch mehr zu vergrößern. Wenn das schwachgewordene Reh über die leicht gefrorne Schneedecke eilt, um einen Aesungsort zu suchen, schleicht der listige Reineke dem armen Thiere nach, das, die Gefahr erkennend, sich durch rasche Sprünge zu retten sucht. Allein die Kraft der Fesseln hat nachgelassen, unbeholfen sinkt das Reh bei jedem Schritte ein; es arbeitet sich ab, daß das Blut von den Läufen träufelt – dann stürzt der rothe Wegelagerer herbei und das unglückliche Opfer liefert ihm eine reichliche Mahlzeit. Auch Geier und Adler werden dreist, und der König der Lüfte holt sich, wo es sein kann, ein Kitzlein oder Reh, um der eigenen Noth vorzubeugen.

Um diese Zeit erachtet es der Jäger als Nothwendigkeit, den verlassenen Geschöpfen beizuspringen, und wo immer der Wildstand die rechte waidmännische Aufmerksamkeit erfährt, wird das Wild die härteste Zeit über gefüttert. Es sind hierzu eigene Futterplätze ausersehen, auf welche in bestimmten Zwischenräumen Heu mit Salz vermengt aufgestreut wird. Je nach dem Umfang des Jagdbezirkes, befinden sich solche Futterstationen viele Stunden weit in den Bergen drinnen und zumeist sogar auf ziemlicher Höhe.

Im Allgemeinen giebt es für den Jagdfreund kaum etwas Prächtigeres, als den Anblick einer solchen Futterscene. Wenn sich der Jäger der betreffenden Stelle nähert, stößt er auf eine ganze Versammlung der edlen Thiere. Da steht der Berghirsch mit hochgehobenem Geweih und bläht die Nüstern dem Ankömmlinge witternd entgegen; erst auf ganz kurze Distanz weicht dieser König der Wälder langsam hinter die schützenden Tannen zurück, nicht ohne wiederholt stehen zu bleiben und um sich zu sehen. Im dicht gedrängten Rudel recken Schmalthiere, Kälber und Rehe die Hälse vor und der eigenthümliche Glanz ihrer Lichter bekundet deutlich die Aufregung, die sich ihrer bemächtigt hat. Erst wenn der Jäger ganz nahe bei ihnen ist, wenden sie sich zur kurzen Flucht. Ist aber das Futter gestreut, hei! wie sie darauf losstürzen; die Kleinen und Schwachen kommen die ersten Augenblicke gar nicht daran, und öfters wird der Futterplatz zum wirklichen Kampfplatz. –

„Ich kann Euch nicht helfen,“ wiederholt der Oberförster, „das Wetter gefällt mir gar nicht recht, am Ende bekommen wir einen tüchtigen Schneesturm, dann ist’s noch viel schlimmer.“

Der eine der Burschen nickt mit dem Kopfe, der andere steht schweigend auf und greift seufzend zur Joppe, die an der Wand hängt. Vielleicht hat ihm sein Schatz ein Christkindl zugesagt, wenn er Abends an’s Kammerfenster käme, aber möglicher Weise sind sie bis zur Metten doch wieder zurück. Also vorwärts! Der Futterplatz, den sie besuchen sollen, ist einer der höchst gelegenen; dicht bei der herzoglichen Jagdhütte, in der auch die Heuvorräthe untergebracht sind. Sie hängen ihre Bergsäcke über den Rücken, nachdem sie sich mit Salz für die Thiere und etwas Mundvorrath versehen haben. Der gutmüthige Chef fügt diesen noch extra eine geräucherte Zunge und ein Fläschchen Enzian bei, um den unerwünschten Dienstgang wenigstens einigermaßen erträglicher zu machen.

Im tiefen Schnee arbeiten sich die wackeren Jäger auf bekannten Steigen, die allerdings nur sie errathen können, empor. Bleischwer liegen die Wolken auf den Bergspitzen und drücken in

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Jäger-Weihnachten im Hochgebirge. Originalzeichnung von G. Sundblad.

[834] schweren Ballen auf den Waldrücken herab. Die Kälte hat etwas nachgelassen, und desto schwieriger gestaltet sich der Marsch auf den weich gewordenen Schneemassen. So gehen sie stundenlang schweigend dahin, Jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Wer könnte sich von den tiefgehenden Erinnerungen an die schöne Weihnachtszeit ganz losringen. Bald sind es Bilder aus vergangenen Tagen, die alte, längst schlummernde Gefühle wieder erwecken, bald sind es Beziehungen zur Gegenwart, welche mit dem Weihnachtsabend in Verbindung gebracht werden.

Endlich haben sie ihr Ziel erreicht und das Jägerherz gewinnt wieder die Oberhand.

„Schau, der Achtzehner steht wieder ganz vorne, der Kerl kriegt nie g’nug!“

„Dort haben die Teufel schon wieder ein Kalb erwischt,“ schimpft der Andere; „wenn ich den lumpigen Räuber nur ertappen könnte!“

Geschäftig eilen sie in die Hütte und kommen mit vollen Armen zurück; reichlich streuen sie das duftige Heu auf den Boden und mischen leckeres Salz dazwischen. Ha, wie die Lichter jetzt aus dem Dickichte so gierig herausfunkeln!

„So, jetzt guten Appetit,“ ruft der Lois seinem Gefährten Franz zu, „jetzt kommen aber wir auch d’ran, uns soll’s nicht weniger schmecken.“

Nun machen sie sich’s in der Hütte behaglich. Bald prasselt das Feuer in dem Herde, der Eine holt Wasser, der Andere packt die Vorräthe aus und vor Allem wird ein fetter Schmarren gekocht, daß man etwas Warmes in den Magen bekomme. Während sie behaglich essen und draußen die vierbeinige Schaar im Futter schwelgt, braust ein mächtiger Windstoß über die Hütte und mit rasender Eile sinkt das Tageslicht zur Abenddämmerung herab.

„Da haben wir’s,“ rufen die Beiden ärgerlich und betroffen aus, „der schönste Schneesturm! Jetzt gute Nacht, Christkindl!“

Auf diesen Ausruf folgen noch einige kernige, ellenlange Waidmannsflüche, aber „Alles hilft nichts“ – schon schweben die blendend weißen Flocken in handgroßen Fetzen herab, von Zeit zu Zeit durch den jagenden Wind in ein wildes Chaos zusammengewirbelt.

„Pfüat di Gott, Christkindl!“ wiederholt der Jüngere und setzt sich mißmuthig zum Ofen, voll Zorn an den Nägeln kauend, während der Andere still resignirt durch das kleine Fenster dem Toben des Wetters zusieht. Das dauert so lange, bis die Nacht hinter dem Wetter herzieht und alle Aussicht auf’s Heimkommen vorüber ist. Es wäre zu einer andern Zeit kein Unglück, hier oben bleiben zu müssen, denn die Hütte ist gut eingerichtet, es finden sich sogar Bücher, um die Langeweile zu vertreiben – aber heute, am Weihnachtsabend! Da kommt dem Franz eine Idee; der elektrische Christbaumfunke hat bei ihm gezündet!

Er nimmt dte Axt und eilt hinaus; verwundert sieht ihm der Jüngere nach, aber sofort greift er den Gedanken auf, nachdem er gesehen, daß sein Gefährte mit einem Tannenbäumchen wieder in die Stube getreten ist. „Hurrah, Christkindl! Jetzt kommst uns doch net aus!“ jubelt er; „wir halten da heroben unser Weihnachtsfest.“ Der Franz richtet den Baum zu; der Lois schneidet einen Wachsstock, den er im Rucksack bei sich führt, in Stücke, das giebt prächtige Kerzen. Nun wird der Baum geschmückt; Lois hängt seine neue Pfeife als Geschenk für den Franz daran, und dieser opfert seinen Knicker, um die Freundschaft zu erwidern. Unter den Baum wird die geräucherte Zunge nebst Enzian gestellt als Gabe des Vorstandes, und nun entzünden sich auch hier die Weihnachtskerzen. Der Aeltere setzt sich zum Ofen und hängt, sein Pfeifchen schmauchend, den hervordrängenden Gedanken nach, während der Jüngere sich auf die Lagerstätte geworfen und sich dort in ein Weihnachtsbild vertieft, das er in einem der vorhandenen Bücher zu finden gewußt. Das kleine Gemach war wohl nie so glänzend beleuchtet gewesen; das Christkind hat die eingeschneiten Menschenkinder auch auf dem Berge oben zu finden gewußt. Eine frohe Behaglichkeit umspannt die Gemüther der einsamen Gäste hoch oben über den anderen menschlichen Wohnungen; die Zaubermacht des Christbaumes reicht eben überall hin, wo fühlende deutsche Herzen schlagen, und bis zu den Wolken dringt der segensreiche Sang: „Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!“
B. Rauchenegger.