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Italienische Skizzen

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Textdaten
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Autor: G. R.
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Titel: Italienische Skizzen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 125–128
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[125]
Italienische Skizzen.
Von G. R.
Nr. 1. Como.
Ein deutscher Eisenbahnconducteur. – Italienische Räuber. – Neun schöne Mädchen, – Das Officierkaffeehaus in Como. –

Schon schlug es drei Viertel auf vier Uhr auf dem Marmordome von Mailand, als ich im gestreckten Trabe mit dem Grafen T. aus der Bella Venezia nach der Eisenbahnstation vor der Porta Nuova fuhr, um mit dem um vier Uhr abgehenden Zuge nach Camerlata und von dort nach Como zu reisen. Im Nu waren wir aus den Wagen und, nachdem unsere Effecten an den Ort ihrer Bestimmung geschafft, nahm ich von dem hübschen lombardischen Kutscher durch ein gutes Trinkgeld Abschied. Er nickte mir freundlich zu, und wir gingen zur Expedition, um Billets nach Camerlata zu lösen und uns in ein Coupé des bereits zum Abgange fertigen Zuges zu setzen.

Auf dem Perron stand ein Eisenbahnconducteur, ein Deutscher, ein geborner Sachse. Er war Postconducteur auf der Postlinie durch das tyroler Pusterthal gewesen und hatte mich vor zwei Jahren auf der neuen Hochstraße durch das Amgezzanerthal nach Treviso gefahren, als ich die Formation der Dolomiten, welche sich nirgends in den Alpen so großartig und so charakteristisch aufbauen, wie in diesem wunderbar schönen Querthal, untersuchte. Trotz seines großen Schnurr- und Backenbartes, welcher die ganze untere Hälfte seines echt deutschen Gesichtes einrahmte, erkannte ich ihn sofort wieder, redete ihn freundlich an und fragte ihn, seit wie lange er an der Eisenbahn angestellt sei, und ob wir in Camerlata Wagen finden würden, um nach Como zu fahren. Der Mann sah mich an, als wenn er mich niemals gesehen hätte. Ich erinnerte ihn an meinen Streit mit dem Postmeister zu Lengarone, der mir keine Postpferde geben wollte und nur dann erst nachgibig wurde, als ich mich, auf seinen Rath, so grob wie nur irgend möglich benahm. Sein Gesicht behielt indeß immer denselben verwunderten Ausdruck, keine Miene verrieth, daß er mich wiedererkenne, und als ich, voll Verwunderung über sein schwaches Gedächtniß, immer weiter in deutscher Sprache auf ihn einredete, sah er mich noch erstaunter an und sagte und erwiderte nichts, als: „No capisco, Signor.“ Jetzt machte ich ein noch erstaunteres Gesicht, wie er selbst, da ich meiner Sache und seiner Person ganz gewiß war.

„Was, Sie verstehen kein Deutsch? das ist denn doch zu arg. Sie sind ja aus Leipzig. Wir sind ja einen ganzen Tag miteinander auf der Briefpost gefahren, von Niederndorf bis nach Belluno. Sie hatten ja ein Exemplar der Gartenlaube in der Tasche und haben mich zwanzig Mal auf unserer Tour nach dem Verleger derselben, nach dem Buchhändler Keil, und dem Professor Bock gefragt, von denen ich Ihnen haarklein Alles erzählen mußte, was ich wußte und was ich nicht wußte. Haben Sie denn das hübsche Mädchen in Cortina auch vergessen, über welches ich beinahe alle meine geognostischen Untersuchungen der Dolomiten vergessen hätte?“

Der Mann blieb ganz stumm. Und als ich weiter auf ihn eindrang und mir alle mögliche Mühe gab, sein Gedächtniß zu schärfen, um ihn zu einer vernünftigen Antwort zu vermögen, wiederholte er nochmal ebenso eintönig sein „No capisco, Signor.“ und drehte sich um. Die Locomotive pfiff zur Abfahrt und schleunig stieg ich in das Coupé, wo der Graf neben einem österreichischen Gensd’armerieofficier längst seinen Platz genommen hatte.

Beide Herren lachten, als ich mich zu ihnen setzte. Sie hatten mein Gespräch mit dem Eisenbahnconducteur Wort für Wort mit angehört.

„Aber warum lachen Sie denn, Messieurs?“ fragte ich. „Haben Sie gehört? Begreifen Sie das? Der Mann ist in der That ein Deutscher. Ich irre mich nicht.“

„Nein, Sie irren sich auch nicht, Sie haben ganz Recht, der Mann ist aus Leipzig,“ erwiderte mir der Officier. „Ich bin in Mailand stationirt, fahre wöchentlich mehrmals nach Como und kenne ihn ganz genau. Er spricht nur kein Deutsch, aber Italienisch redet er ganz vortrefflich.“

„Er spricht kein Deutsch? Man kann doch nicht auf solche Weise in zwei Jahren seine Muttersprache vergessen.“

„Ach, Sie verstehen mich noch nicht,“ sagte der Officier. „Wenn Sie allein mit dem Manne wären, würde er mit Ihnen Deutsch sprechen; er thut es nur nicht hier auf dem Perron in Gegenwart seiner Cameraden. Es geht mir gerade so mit ihm. Wenn ich ihn jetzt in deutscher Sprache anredete, würde er mir sein „No [126] capisco, Signor“ eben so trocken erwidern, wie Ihnen. Verstehen Sie nun?“

Die einzelne Thatsache begriff ich, aber noch nicht den Grund derselben. Der Officier mochte dies auf meinem Gesichte lesen und fuhr fort:

„Die Mehrzahl der Eisenbahnbeamten und Conducteure in der Lombardei sind Italiener, denn die österreichische Regierung vermeidet vernünftiger Weise Alles, um das Nationalgefühl der Lombarden nicht durch Anstellung deutscher Beamten zu verletzen. Die wenigen Deutschen, welche sich unter dem Eisenbahnpersonal befinden, haben deshalb keine angenehme Situation und vermeiden Alles, was ihren italienischen Cameraden unangenehm sein könnte; insbesondere sprechen sie in ihrer Gegenwart kein Deutsch und geriren sich auch nicht als Deutsche. Derselbe Fall, der Ihnen so eben passirt ist, passirt mir, da ich viel unterwegs bin, häufig und auf allen italienischen Eisenbahnlinien. Begreifen Sie nun, warum der Mann Sie nicht wiedererkennen wollte?“

Jetzt war mir das Benehmen des deutschen Eisenbahnconducteurs ganz natürlich, obschon es mich gerade nicht mit besonderer Achtung gegen meinen deutschen Landsmann erfüllte. Wenn der Italiener kein Deutsch sprechen will, hat er Recht; wenn aber der Deutsche seine Nationalität verleugnet, um sich seine sogenannte bürgerliche Stellung vortheilhafter zu machen, so ist das eine Charakterlosigkeit, worüber man sich – leider muß ich es zugestehen – bei einem Deutschen nicht wundern kann. Ich habe in Italien viel und häufig mit Italienern verkehrt und sagte ihnen ganz offen, daß ich ein Deutscher sei, aber ein Freund Italiens und der italienischen Sache, und bin dann immer mit Freundlichkeit und sogar mit Herzlichkeit aufgenommen worden. Unduldsam ist der Italiener gerade nicht, die Unduldsamkeit liegt nicht in seinem Charakter, welcher offen, weich und leicht empfänglich ist, nicht tückisch und hinterlistig, wie die Lüge behauptet. Ich habe italienische Patrioten gesprochen, die, trotz ihres starren und unbeugsamen Festhaltens an der italienischen Nationalität, die großen Vorzüge, welche die österreichische Regierung für die Lombardei im Vergleich mit anderen italienischen Staaten habe, mit großer Offenheit anerkannten und nur bedauerten, daß die österreichische Regierung nun einmal keine italienische sei. Der junge Erzherzog, welcher jetzt Statthalter in Italien ist, ist nicht nur durchaus nicht unbeliebt, er ist durch seine große Humanität und durch sein intelligentes Wesen sogar sehr beliebt. Nur in diesem Sinne habe ich, selbst von heißblütigen Patrioten, von dem Erzherzoge sprechen hören. Wäre es die Absicht der österreichischen Regierung, wie kürzlich die Rede war, ihn zum Herzoge der Lombardei zu machen, und würde es ihm dann überlassen, die Lombardei nach seinen eigenen Intentionen zu regieren, so glaube ich mit Gewißheit versichern zu können, Oesterreich könnte durch nichts die Lombardei gegen perfide französische Interventionsgelüste besser sicher stellen, als durch diese einzige politische Maßregel.

Auch der verstorbene Radetzky war durchaus beliebt in der Lombardei, weil Grausamkeiten und Brutalitäten seinem Charakter fremd waren; er kannte Italien und den Charakter der Italiener, vermittelte deshalb die Amnestieen und rieth immer zur Milde und zur Vermeidung jeder Verletzung der italienischen Nationalität. Oesterreich hat an ihm die beste Stütze seiner Regierung in der Lombardei verloren. Ich kenne einen andern Obergeneral der österreichischen Armee, der ganz die Intentionen Radetzky’s verfolgt hat und der überall, wo er commandirte, von den Italienern nicht allein geachtet, sondern sogar geliebt wird. Niemand hat der österreichischen Regierung in Italien mehr geschadet, als einige Oberofficiere. Haynau – um nur Einen zu nennen – war der größte Feind Oesterreichs sowohl in Ungarn, als in Italien. Brescia wird ihm von den Italienern nie vergessen. Der alte Radetzky wußte dies recht wohl und der geistvolle und humane junge Erzherzog weiß dies auch.

Meinen deutschen Landsmann, den Eisenbahnconducteur, sprach ich nach einigen Wochen wieder, als ich von Mailand nach Bergamo fuhr. Es war kein Mensch auf dem Perron, der ihn hören konnte, und er redete mich freundlich in wohlverständlichem Leipziger Deutsch an. Ich betrachtete ihn einen Moment und machte ein verwundertes Gesicht, als wenn ich ihn nie gesehen hätte, gerade wie er auf der Eisenbahnstation vor der Porta Nuova in Mailand, dann sagte ich: „No capisco, Signor.“ drehte mich um und ließ ihn stehen.

Ich sprach viel mit dem Gensd’armerieofficier, der seit zehn Jahren in der Lombardei stand und ein sehr verständiger Mann war, über diese Dinge und er gab mir vollkommen Recht und war ganz meiner Ansicht. Während dem durchbrauste die Locomotive das fruchtbare Flachland, welches aussah, wie ein unabsehbarer Wald von Maulbeerbäumen, Platanen und Weinlaub, und die alte Stadt Monza mit ihrem alten, schon von der lombardischen Königin Theodolinda erbauten Dome und dem Sommerpalaste des Erzherzogs Statthalter mit seinem schattigen Parke flog an uns vorüber. Im Dome wird die eiserne Krone aufbewahrt, mit welcher vierunddreißig lombardische Könige gekrönt wurden. Louis Bonaparte würde gar zu gern auch hier die Scene aus der Lebens- und Feldzugskomödie seines Onkels wiederholen, die Krone sich auf den Kopf setzen und dabei Gott anrufen, wie es sein Onkel und er that, als er im Palaste der Nationalversammlung zu Paris den Eid auf die Verfassung schwor. In dem Sommerpalaste starb im vorigen Sommer die junge und hübsche Gemahlin des Erzherzogs Karl Ludwig, Statthalters von Tyrol, Margarethe, Tochter des Königs von Sachsen. – Dann wurde das Flachland hügelig und die grünen Hügel waren durch weiße Landhäuser mit schlanken Säulen geschmückt; es war die fruchtbare, reiche Brienza, durch welche wir fuhren, einer der schönsten Districte der Lombardei; das große Schloß von Desio mit seinem schönen Park und Seregno erschienen, und jenseits Seregno erhob sich ein langer, bewaldeter Bergrücken.

„Sehen Sie dort die Berge?“ fragte der Gensd’armerieofficier. „Es ist der Monte Resegnone. Im vorigen Jahre habe ich jene Berge viel mit meinen Gensd’armen durchstreift. Es hielten sich dort Räuber auf, welche die Gegend unsicher machten.“

„Räuber?“ fragte ich. „War es Diebsgesindel, welches nur stahl, oder waren es ordentliche Räuber, welche bewaffnet waren und sich wehrten?“

Der Officier lächelte über meine Terminologie.

„Nein,“ erwiderte er, „es waren keine ordentlichen Räuber, es war nur Diebsgesindel, und wir fingen sie ohne Widerstand. Aber kennen Sie den Höhenzug, der sich nördlich von Brescia nach Bergamo ausdehnt?“

„Ich kenne das Gebirge, ich habe es durchstreift!“

„Allein?“

„Ja, allein!“

„Das hätten Sie auch besser unterlassen können. Das Gebirge ist dort unsicher. Daß Sie so wieder herausgekommen sind, haben Sie von Glück zu sagen.“

„Aber ich war bewaffnet.“

Der Officier lachte.

„So, worin bestanden denn Ihre Waffen?“

Ich zeigte ihm meinen schönen damascirten, gewundenen Dolch und ein doppelläufiges Terzerol.

„Nun,“ sagte er, „gegen das Diebsgesindel im Monte Resegnone hätten Sie Ihre Waffen wohl verwenden können, aber nicht gegen die ordentlichen Räuber, wie Sie sie tituliren, im Brescianer Gebirge.“

„Sind diese Räuber denn tapfer?“ fragte ich.

„Die Italiener sind meistens tapfer,“ erwiderte der Officier. „Unter den vielen Unwahrheiten, welche die deutsche Presse und deutsche Reiseschriften über Italien verbreiten, gehört auch die Behauptung, daß die Italiener feige seien. Der einzige italienische Volksstamm, von dem ich behaupten möchte, daß er weniger Energie und weniger Thatkraft besitzt, wie die andern, sind wohl die Venetianer. Sie sind überhaupt weicher organisirt, wie die übrigen Italiener. Sie hören es auch an der Sprache und an dem Dialekt, der voll Vocale ist. Die Lombarden sind durchgängig rauher, sowie die Sarden, auch energischer und tapferer, besonders die Bewohner der Bergdistricte. Die Comasken und Savoyarden haben sich in allen Aufständen der vergangenen Jahre durch Energie und Tapferkeit ausgezeichnet.“

Wie klang das anders, als wenn man in den deutschen Zeitungen Artikel über Italien liest, Artikel, aus der Feder von Correspondenten, welche niemals in Italien waren, sondern nichts thun, als abgebrauchtes, dummes Geschwätz traditionell mittelst der Tinte fortzupflanzen!

„Aber, um nochmals auf die Räuber in den Brescianer Gebirgen zu kommen, nach denen Sie streiften, Herr Oberlieutenant?“

„Nun,“ erwiderte er, „ich durchstreifte mit sechzehn Gensd’armen die Berge, welche Sie ja kennen. Am zweiten Tage trafen [127] wir das Räubergesindel. Es waren zehn Mann, Bergamesen und Brescianer, von denen ich Einige persönlich aus den Gefängnissen kannte, schlechtes und nichtsnutziges Volk. Sie entbehrten aller romantischen oder gar politischen Vorzüge, mit denen man in Deutschland so gern italienische Räuber ausschmückt, aber sie schlugen sich tapfer, das muß ich sagen. Von Pardon und Ergebung wollten sie nichts hören, obwohl Alle am Ende nur Gefängnißstrafe zu erwarten gehabt hätten. Wir griffen sie an, sie schossen gut aus ihren langen Flinten und tödteten drei Gensd’armen. Mehrere von meinen Leuten wurden schwer verwundet, ich selbst erhielt einen Streifschuß am linken Oberarm. Sieben Räuber blieben auf dem Platze, und wir brachten nur drei gefangen nach Brescia zurück, welche schwer verwundet waren. Einer, ein großer, stattlicher Mann, ein Bergamese, vertheidigte sich, bereits aus mehreren Schußwunden blutend, an ein Stück alten Mauerwerks gelehnt, mit dem Kolben seiner langen Flinte um sich schlagend, gegen fünf Gensd’armen. Ich befahl meinen Leuten, nicht zu schießen, und rief ihm zu, sich zu ergeben, da jeder Widerstand nutzlos sei. Es war vergebens. Ein wohlgezielter Schuß durch den Kopf streckte ihn todt an der Mauer nieder. Ich kann nicht leugnen, ich empfand ein Gefühl schmerzlichen Mitleids, als ich Feuer geben und ihn stürzen sah. Die Tapferkeit flößt mir, selbst bei einem Räuber, immer Respect ein. Doch da ist Camnago, meine Herren, hier muß ich mich von Ihnen trennen.“

Der Zug hielt. „Camnago, Signori,“ schrie der Conducteur durch die Wagen, und der Officier stieg aus.

„Wenn Sie mal wieder die Brescianer Gebirge durchstreifen wollen, dann melden Sie sich bei mir,“ rief er nur noch zum Abschiede vom Perron zu, „ich will Ihnen dann doch lieber ein paar Gensd’armen mitgeben.“

Der Zug brauste weiter und die grünen Waldberge von Como, in den Duft des anbrechenden Abends getaucht, erschienen mit ihren weißen Häusern und Villen, in deren Fenstern die röthlichen Strahlen der Sonne funkelten, im Hintergrunde des schönen Landschaftsbildes. Ein hoher, bewaldeter Bergkegel trat aus dem Höhenzug hervor, und auf ihm erhob sich der alte Thurm des Castello Baradello, welches Kaiser Friedrich der Rothbart zerstörte. Mit jeder Minute Zeit, welche die Locomotive zurücklegte, rückte das Gebirge näher heran, immer deutlicher zeichneten sich die runden Conturen der Berge auf dem tiefblauen Himmel ab, und weiße Häuserstreifen, über denen einige alte Mauerreste hervorragten, bezeichneten die Stadt Como. „Camerlata,“ riefen die Conducteure wieder in die Wagen hinein. Der Zug hielt, wir stiegen aus, und fuhren auf einem der kleinen, einspännigen, italienischen Wagen, welche an der Station hielten, durch eine schöne Pappelallee im gestreckten Trabe der alten Stadt zu. In kaum einer halben Stunde rasselte unser Wagen bereits auf dem Pflaster der langen Straße, welche vom Mailänder Thor nach dem Hafen führt. Wir hatten dem Kutscher befohlen, nach der Italia, einem der Gasthöfe, welche am Hafen liegen, zu fahren, um noch eine kurze Fahrt auf dem See machen zu können. Da stand in der langen Straße ein hübsches Mädchen vor einer Hausthür, und über der Hausthür hing ein Wirthshausschild. Der Graf nickte dem Mädchen zu, und sie lachte. Schnell zog ich den Arm des Kutschers an, welcher die Zügel hielt, und unser Wagen rollte vor die Hausthür, in der das hüsche Mädchen stand, und der Wirth im Albergo zur Italia hatte die Aussicht verloren, uns am andern Tage theure Rechnungen zu schreiben, was in Como in den Gasthöfen am Hafen der Brauch ist.

Der Hausknecht nahm unsere Reisekoffer vom Wagen und das Mädchen ging voraus, um uns unser Zimmer zu zeigen. Als wir die Treppe hinaufstiegen, fragte ich den Grafen in französischer Sprache, was er meine, ob die hübsche Kleine die Kellnerin oder eine Tochter des Wirthes sei? Das Mädchen drehte sich, bevor der Graf antworten konnte, schelmisch zu uns um und sagte:

„La petite est la fille, Monsieur, pas la servante.“

Etwas betroffen darüber, daß sie meine Frage verstanden hatte, nahm ich den Hut ab, und entschuldigte mich wegen des, „la petite jolie,“ sie lachte, öffnete die Thüre des für uns bestimmten Zimmers, machte einen Knix, wiederholte nochmals „La fille, Monsieur,“ und lief die Treppe hinab. Die Stube enthielt, wie die meisten Zimmer in den italienischen Wirthshäusern, außer dem übrigen Mobiliar ein Bett, so breit, daß vier Menschen neben einander darin Platz hatten, und ein breites großes Sopha, welches so hoch war, daß man sich nur vermittelst eines Sprunges auf dasselbe setzen konnte, und die Füße, wenn man glücklicherweise zum Sitzen gekommen war, nicht ganz den Boden berührten. Die Fenster reichten ganz bis auf den steinernen Estrich hinab, und führten auf einen kleinen eisernen Balkon, von dem man auf die Straße blickte, auf der das Wagengerassel gar nicht aufhörte. Es war ja die Straße, welche in ihrer Fortsetzung die italienische Eisenbahnlinie mit zwei Hauptstraßenzügen verbindet, welche über die Alpen nach Deutschland führen, mit dem Straßenzug über den Splügen und mit dem über das Wormserjoch, der höchsten Alpenstraße Europa’s, auf welcher mich vor zwei Jahren in der letzten, großen Gallerie kurz vor der Höhe des Jochs eine Lawine verschüttete.

Behaglich streckte ich mich auf dem weichgepolsterten Sopha aus, nachdem es mir gelungen war, durch einen Sprung auf seine Höhe zu kommen, und der Graf ging hinunter, um ein Mittagessen zu bestellen. Nach wenigen Minuten trat er lachend wieder ein, und rief mir zu: „Denken Sie mal, ich habe unten noch zwei junge Mädchen gesehen, welche noch weit hübscher sind, wie die Kleine, welche vor der Hausthüre stand.“

Schleunigst kletterte ich von meinem Sopha herunter, und ging nun auch hinab. Nach einigen Minuten kam ich wieder herauf und machte meinem Reisegefährten die überraschende Mittheilung, daß ich unten außer den drei jungen Mädchen, welche wir jetzt Beide gesehen hätten, noch eine vierte entdeckt habe, mit so schönen Augen, daß ich sie zur Unterscheidung von den andern die flammenäugige Luigia nennen wolle.

Wir lachten, und gingen nun Beide in das Gastzimmer, da der Graf die flammenäugige Luigia sehen wollte, und als wir unten am Tische saßen, und unsere Suppe mit Fromajo würzten, traten zwei andere Mädchen herein, ebenso hübsch und ebenso zierliche Figuren, wie die waren, welche wir jetzt bereits gesehen hatten, und fragten uns, welchen Wein wir zu trinken beabsichtigten.

Wir sahen uns erstaunt an. „Nun habe ich bereits sechs gezählt, ich werde wirklich neugierig, wann das ein Ende nimmt,“ sagte der Graf erstaunt zu mir, und schenkte sich ein Glas von dem rothen Wein ein. Gerade trat die blonde Teresa, welche, als wir durch die lange Straße fuhren, vor der Hausthüre stand, herein, und sagte, ebenso schelmisch lächelnd, als sie mir auf der Treppe mittheilte, daß sie die Tochter vom Hause sei:

„Encore pas, Monsieur, nous sommes neuf.“

Verwundert legte ich die Gabel aus der Hand.

„Neun Mädchen,“ rief ich aus, „und alle so hübsch?“

„Alle so hübsch,“ erwiderte Teresa, „aber zwei von uns sind verheirathet, und haben den Gasthof in Varese. Wenn Sie nach Varese reisen und auf den Madonna del Monte steigen, können Sie dort auch meine Schwester Eliza sehen, welche Sie auch wohl so nennen werden, wie meine Schwester Luigia; denn ihre Augen sind noch dunkler. Wie hieß das Wort doch?“

„Flammenäugig, Signora,“ widerholte der Graf italienisch, „hat mein Freund gesagt.“ Alle drei Mädchen lachten, das Wort hatten sie noch nicht gehört; wenigstens hatte es wohl noch Niemand auf Luigia’s Augen angewandt.

„Bereuen Sie noch, daß wir nicht am Hafen eingekehrt sind, Herr Graf?“ fragte ich meinen Reisegefährten, welcher die auf dem Rost gebratene Cotelette vergessen zu haben schien, welche schon lange vor ihm stand und kalt wurde.

Er schien meine Frage zu überhören. „Jetzt weiß ich, wo wir sind,“ rief er plötzlich aus. „Der Marchese P. in Venedig hat uns ja diesen Gasthof dringend empfohlen.“

„Der Marchese?“ wiederholte die Flammenäugige. „Kennen Sie den Marchese? Er ist hier und muß sogleich zurückkommen. Er wollte nur einen kurzen Besuch bei einem Freunde machen.“

Sie hatte kaum ausgesprochen, als der Marchese in das Zimmer trat. Wir hatten seine Bekanntschaft in Venedig im Salon der Principessa G. gemacht. Er war ein Verwandter der Fürstin Belgiojoso, der die Villa Pliniana am Comer See gehört, jener bekannten Dame aus der italienischen Aristokratie, welche sich an dem Feldzuge des Sardenkönigs Karl Albert im Jahre 1848 betheiligte und später nach Paris floh. Der Marchese war ein schöner, stattlicher Cavalier, in seinem ganzen Wesen, in seinem Gesicht und in seinem Nationalgefühl so recht ein Repräsentant der italienischen Aristokratie. Seine politischen Ansichten trugen eine prononcirte Färbung, die Einheit Italiens und die Republik waren in seinen Ideen identisch, er wollte von den liberalen Bestrebungen und vom König von Sardinien nichts hören, von dem er behauptete, daß er [128] nur die Vergrößerungspolitik seines Hauses und seines Vaters im Kopfe habe. Er stand deshalb auch zu der constitutionellen Partei in gar keinen Beziehungen. Besonders haßte er die Priester, denen er die meiste Schuld an dem Unglücke Italiens beimaß.

Wir waren alle drei ebenso erstaunt als erfreut, uns so zufällig hier in Como wieder zu treffen; der Graf und ich beschleunigten die Beendigung unsers Diners, und als wir von der flammenäugigen Luigia und ihren hübschen Schwestern für den Abend Abschied genommen hatten, schlenderten wir in den Straßen von Como plaudernd umher. Als wir aus dem Gastzimmer auf die Straße traten, saßen drei Männer, anscheinend Landleute, an einem in der Ecke stehenden Tische und tranken Wein. Sie summten, als wir an ihnen vorübergingen, halblaut ein italienisches Lied, welches ich nicht verstand, und sahen uns finster an. Der Graf und ich hatten einige Mal bei Beendigung unserer Mahlzeit deutsch gesprochen.

„Die Comasken sind ein rauhes und energisches Volk,“ sagte der Marchese im Herausgehen zu mir. „Es war ein republikanisches Lied, was sie sangen, als wir vorübergingen, ich kenne es recht wohl. Sie sahen Sie so finster an, weil sie Sie für einen Tedesco hielten. Hier in den Bergen wird die österreichische Regierung recht gehaßt.“

Nur die Straße, welche in Como von der Eisenbahnstation an den Hafen führt, war lebendig, die übrigen Straßen waren eng, finster und wenig belebt. Die Häuser waren hoch, und selbst einige palastartige neue Gebäude, welche mit vielem Geschmacke aufgeführt waren, machten einen düstern Eindruck. Die wohlhabenden und reichen Bürger und Adelsfamilien waren noch auf dem Lande. Die Stadt Como ist für den Sommer kein angenehmer Aufenthalt. Die Trennung und Zurückhaltung von Deutschen war hier noch weit entschiedener und schärfer durchgeführt, wie in Mailand und in den andern Städten der Lombardei, wie mir der Marchese erzählte; den Officieren, welche in Como in Garnison standen, mußte der Aufenthalt hier noch weit öder und langweiliger sein, als in den andern italienischen Städten. Wir gingen in den Dom, der zu den schönsten Kirchen Oberitaliens gehört, und dessen vordere Seite ganz mit vorzüglich gearbeiteten Reliefs und Statuen bedeckt ist, sahen uns das eherne Standbild des großen Physikers Volta an, der in Como geboren ist, und setzten uns dann in der Halle des großen Kaffeehauses am Hafen hin, um unsern Kaffee zu trinken und auf den See hinaus zu sehen.

Ich äußerte den Wunsch, in das Officierkaffeehaus zu gehen, weil ich einen Gruß an einen der Officiere auszurichten hatte. Es war in Como gerade so, wie überall in der Lombardei. Die Officiere hatten sich ein eigenes Kaffeehaus ausgesucht, welches sie ganz allein frequentirten und welches von den Bürgern seit der Zeit nicht mehr besucht wurde. Der Marchese verweigerte es, mich zu begleiten, und versprach mir, mich mit meinem Reisegefährten am Hafen zu erwarten, um später in’s Theater zu gehen. Ich ging allein in die Stadt zurück in das Officierkaffeehaus.

Das Officierkaffeehaus in Como lag in der Straße, welche an dem schönen Portal des Domes vorüber zum Hafen führt. Die Straße war eine der breitesten in Como; dennoch war das Kaffeehaus düster und gewährte einen nichts weniger als freundlichen und eleganten Anblick, denn die Straße hatte an beiden Seiten Bogengänge, Lauben, wie man in Südtyrol sagt, und unter diesen Lauben befand sich das Officierkaffeehaus.

Diese weit vorspringenden, steinernen Bogen mögen im heißen Sommer zur Kühlung der Temperatur viel beitragen, ihre großen Schlagschatten geben aber den hinter ihnen befindlichen Räumen ein düsteres und unfreundliches Colorit. Das Officierkaffeehaus in Mailand lag an dem großen belebten Domplatz und hatte nach der andern Seite die Aussicht auf den prächtigen Corso Francesco, und in seinen eleganten und hellen Räumen verkehrte das ganze Officiercorps einer Garnison von 20,000 Mann; hier, im Officierkaffeehaus in Como, blickte man auf einen Halbdunkeln Bogengang, und drinnen saßen drei Officiere, ein alter pensionirter Rittmeister, der in Como seine Pension verzehrte, und ein deutscher Postbeamter und spielten Domino. Die Garnison in Como besteht aus einer Infanteriecompagnie, das ganze Officiercorps wird also durch den Compagniechef und einige Lieutenants repräsentirt, welche in Betreff ihres gesellschaftlichen Umgangs einzig und allein auf sich angewiesen sind. Ich bestellte dem Hauptmann meine Grüße, welche mir in Mailand aufgetragen waren, setzte mich zu den Officieren an den Tisch und sah ihrem Dominospiel zu. Der Hauptmann war ein intelligenter junger Mann.

In der österreichischen Armee macht man schnell Carriere. Ich habe Hauptleute kennen gelernt, welche noch nicht vierundzwanzig Jahre alt waren und Aussicht hatten, in einigen Jahren zu Majors zu avanciren; ich fand Oberstlieutenants und Obersten, welche noch nicht die Mitte der Dreißig überschritten hatten, sie waren aber immer intelligente und befähigte Männer. Intelligenz, Fähigkeit und Tapferkeit können in der österreichischen Armee immer auf schnelle Beförderung rechnen. Ist diese schnelle Beförderung innerhalb des Regimentes wegen der älteren Officiere nicht möglich, so ist die Versetzung in ein anderes Regiment leicht ein Mittel, um einen Officier wegen seiner Befähigung zu befördern. In keiner europäischen Armee wird wohl so wenig auf Stand, Familie, persönliche Protection und Anciennetät gegeben, wie in der österreichischen; Fähigkeiten finden dort immer ihre Würdigung. Wenn ich Officiere kennen lernte, welche, trotz ihres vorgeschrittenen Lebensalters, noch nicht über die Hauptmannscharge hinaus waren, so zeichneten sie sich auch gewiß nicht durch große Befähigung aus.

So theilte mir auch der Capitain, welcher die in Como garnisonirende Compagnie befehligte, mit, daß er in spätestens zwei Jahren Major zu sein hoffe – er konnte kaum sechsundzwanzig Jahre alt sein –, übrigens seine Versetzung von Como recht sehnlichst herbei wünsche. Die Trennung zwischen dem Militair und der Bürgerschaft sei noch weit schärfer und prononcirter, als in Mailand, und die Officiere seien ganz auf den Umgang unter sich beschränkt. Kein Haus und keine Familie öffne sich ihnen. Im Sommer biete ihnen die Nähe des Gebirges und der Seen, überhaupt die außerordentlich schöne landschaftliche Umgebung freilich viel Gelegenheit zu interessanten Ausflügen; der Langeweile und Eintönigkeit des Winters könne er aber nur mit Schrecken entgegensehen. Es ist wahr, die österreichischen Officiere haben in Tyrol und Italien viel Sinn für Natur und landschaftliche Schönheiten und kennen das Land ganz vortrefflich; ich habe gewöhnlich von ihnen bei meinen Streifereien die genauesten und auch gediegensten Notizen erhalten. Alle ihre Bemühungen, auf den Landhäusern in der Brienza einige Bekanntschaften anzuknüpfen, seien gänzlich fruchtlos gewesen, und diese unangenehme Situation würde sich auch bestimmt für die Wintersaison, wo die Familien vom Lande in die Stadt zurückkehrten, gewiß nicht ändern. Besuche der Cameraden aus den benachbarten Garnisonen und Bekanntschaften mit durchreisenden Fremden seien ein wahrer Trost.

Der Officier mochte Recht haben. Es war selbst im Officierkaffeehause recht eintönig und langweilig. Die Unterhaltung des pensionirten Rittmeisters und des kaiserlichen Postbeamten war auch nicht sehr anregender Natur. Und ich sah die Herren doch alle zum ersten Mal. Auch geistreiche und interessante Menschen werden sich ja schließlich langweilig, wenn sie im Umgange immer auf sich allein beschränkt sind; es liegt das in der menschlichen Natur, welche äußere geistige Anregung zu ihrem Wohlbefinden gebieterisch fordert. Meine Cigarre war deshalb kaum ausgeraucht und der Café Nero getrunken, als ich das Kaffeehaus verließ und wieder zum Hafen ging, um meine Freunde wiederzufinden. Die Dominosteine klapperten wieder von Neuem, als sich die Thüre noch nicht hinter mir geschlossen hatte.