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In der Kronen-Schmiede der Hohenzollern

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Textdaten
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Autor: v. E.
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Titel: In der Kronen-Schmiede der Hohenzollern
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 619–623
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[619]
In der Kronen-Schmiede der Hohenzollern.


Wer aus den sonnigen Auen des Südens, durch die grotesken Gebilde der Alpenwelt auf kürzestem Wege nach Norden fährt, bekommt zuerst in Nürnberg den Eindruck vom eigentlichen Wesen Deutschlands, des Landes der Arbeit mit Kopf und Hand. Schon länger hat die Gegend jeglichen Reiz verloren, der Boden wird dürftiger und seine Ergiebigkeit hängt in steigendem Grade von der Bewirthschaftung seiner Bewohner ab. Ein weiter Gürtel von öden Föhrenpflanzungen, die Trümmer des alten Reichswaldes, welche noch heute diesen Namen führen, umgeben die alte Stadt, die nach langem Verfall gegenwärtig zu alter Blüthe emporsteigt, indem sie mit Entschiedenheit in die ursprünglich ihr angewiesenen Bahnen wieder einlenkt. Hier herrscht die neueste Verkörperung der Abstraction, die Maschine. Tag und Nacht kreischen die Räder, rauschen die Bälge, pochen die Hämmer. Der „harte Boden“, von welchem schon der alte Akademiker Joachim v. Sandrat sprach, hat nicht nur Nürnberg seinen Charakter aufgedrückt, sondern auch seinen Wohlstand begründet, indem er den Menschen zum Widerstand einlud und von Neuem den Beweis liefern ließ, daß die Kraft den Stoff beherrscht und ihn fruchtbar macht, ob sie nun über demselben schwebe oder ihm innewohne. Nur der siegreiche Kampf um’s Dasein giebt hier Genugthuung; höhere Reize des Lebens versagt schon die Atmosphäre von Ruß und Rauch, welche die Stadt wie mit den zähen Maschen des Systems überdeckt.

Bei unserer abendlichen Einfahrt sahen wir vom höchsten Giebel der Burg neben der blau-weißen bairischen Fahne die schwarz-weiße des Hauses Zollern herabwinken, eine Zusammenstellung, die so bedeutsam für die Gegenwart, wie sie den Blick nachdrücklich in die Vergangenheit und in die Zukunft lenkt. – Hier stand die Wiege des Hauses, das aus dem bescheidenen Amte eines kaiserlichen Burggrafen durch die nicht viel höher stehende Würde der Markgrafen von Brandenburg in die Zahl der Wähler des Reiches eintrat und, vom kurfürstlichen Sitz zum königlichen Thron aufsteigend, nunmehr, in fast unerwarteter Wendung der Dinge, aber nothwendiger Logik der Thatsachen, das alte Reich erneuert, das mächtigste Scepter des Erdkreises und die Verantwortung für die Geschicke vielleicht der nächsten Jahrhunderte übernommen hat. Schon bald nach dem Jahre 1866 erhielt König Wilhelm als freiwilliges Geschenk des Königs Ludwig von Baiern den Mitbesitz der alten Kaiserburg zu Nürnberg. Seine Kaiserwürde verleiht diesem Besitz eine erhöhte Bedeutung. Denn wo seine Vorfahren noch vor vierhundert Jahren nur als Hüter standen, wo sie selbst den Rücken wendeten, um der lästigen Nähe mitbelehnter Würdenträger und der eifersüchtigen Stadtbewohner zu entgehen, hat jetzt ihr ruhmwürdiger Nachkomme als Herrscher seinen Einzug gehalten und den Thron bestiegen, auf dem einst Heinrich der Dritte, Friedrich der Rothbart und Ludwig der Baier den Glanz des deutschen Banners entfalteten, und, wie uns bedünken will, zu nicht geringerer Bestimmung, als womit jene Heroen unserer Vorzeit von der Weltgeschichte betraut wurden.

Die zollernsche Fahne auf der Burg, welche im Winde flatternd die hochwichtige Thatsache mit stets erneutem Jubel über die weit umhergebreiteten Lande verkünden zu wollen schien, legte in der greifbaren Verkörperung, womit sie diese selbst vor Augen führte, die Frage nach ihrem Entstehen nahe. War die Thatsache nur Erfolg zufällig hier zusammentreffender Umstände oder wuchs sie als nothwendiges Ereigniß wie aus natürlichem Boden hervor? [620] Waren etwa noch an Ort und Stelle Spuren zu entdecken, aus denen der Gang der Ereignisse zu erklären war? – Aber Nürnberg bietet bekanntlich, was die Oertlichkeit betrifft, keine Erinnerung mehr an seine alten Burggrafen. Nachdem im Jahre 1420 der bairische Pfleger des benachbarten Städtchens Lauf, Christoph Leininger, in der Fehde mit dem Baiernherzog Ludwig das Schloß des Burggrafen zu Nürnberg niedergebrannt hatte, verkaufte letzterer die Ruinen sammt den zugehörenden Besitzungen nebst Rechten und Ansprüchen an die Stadt und ließ den Kauf vom deutschen Könige bestätigen. Aber schon lange vorher hatte das nach Selbstständigkeit strebende Geschlecht zu der vier Stunden westlich liegenden Kadolzburg seinen Sitz verlegt, welche, früher ein Besitzthum der Grafen von Abenberg, schon in der zweiten


Schloß Kadolzburg von Nordosten.


Hälfte des zwölften Jahrhunderts durch die Heirath Conrad’s, des ersten Burggrafen aus dem zollernschen Hause, mit seiner zweiten Gemahlin in dessen Besitz gelangt und etwa hundert Jahr später vom Burggrafen Friedrich dem Dritten zu ständigem Aufenthalt gewählt worden war.

Was der Anlaß zu solchem Wechsel gewesen, läßt sich mit geschichtlicher Gewißheit nicht mehr feststellen. Daß Gründe von merkbarer Triebkraft vorhanden gewesen, deutet die Sage an, welche die beiden Söhne des Grafen, Johann und Friedrich, auf einem Ausritt zur Wolfsjagd durch Nürnberger Sensenschmiede erschlagen werden läßt. Daß aber auch seine weiteren Nachkommen den Vortheil der nahegelegenen städtischen Blüthe aufgaben und den Glanz der häufig hier weilenden kaiserlichen Heerlager, wie der Reichstage dauernd mit der Einsamkeit des Rangaues vertauschten, hatte offenbar seinen Grund darin, daß es ihnen im unfruchtbaren Banne des Reichswaldes, den schon die Stadt nach allen Seiten zurückdrängte, zu eng wurde. Jedenfalls aber erwiesen sich die Burggrafen von Nürnberg auch auf ihrem neuen Sitze als mächtige und treue Stützen der deutschen Kaiser, deren mehrere gleich anderen vornehmen Gästen die Burg wiederholt mit ihrem Besuche beehrten.

Als der nicht unwichtigste Theil der Geschichte des Schlosses mag übrigens der Zeitpunkt gelten, wo Burggraf Friedrich der Sechste (1397 bis 1440), der Gemahl der „die schöne Else“ genannten Baiernprinzessin, von der Kadolzburg mit großem Gefolge zum Concil von Constanz auszog, um von da durch Kaiser Sigismund mit der Mark Brandenburg belehnt als Kurfürst Friedrich der Erste zurückzukehren – ein historischer Act, den die Gartenlaube bereits im Jahrgange 1866 in Bild und Text eingehend geschildert hat. Dieser erste Kurfürst Friedrich ist auch der nämliche Burggraf, bei dessen Tod der Chronist in prophetischem Tone sagte: „So entschlief er zu Kadolzburg, nachdem er den Grund zur königlichen Hoheit seines Hauses gelegt hatte – und er mußte ihn legen, weil die höchste Vorsehung seine Nachkommenschaft zu großen Dingen ausersehen hatte.“ – Erst die jüngsten Tage haben die bedeutungsvolle Wahrheit dieser Worte glänzend erwiesen und das Recht erneut, die Aufmerksamkeit des deutschen Volkes wieder auf die Kadolzburg zu lenken, wo die Hohenzollern, nachdem sie Nürnberg schon längst den Rücken gekehrt [621] hatten, den Grund zu ihrer gegenwärtigen Machtstellung legten.


Kadolzburg von der Südseite.


Von Friedrich dem Ersten rühren auch die Wahrzeichen der Burg, die, unweit Fürth auf vereinsamtem Fels gelegen, in der Richtung nach Norden über eine weite Ebene schaut, im Süden einem Marktflecken Schutz verleiht. Die Burg selbst besteht aus zwei Haupttheilen, der Vorburg und der eigentlichen Burg, welche durch Zwinger und in den Felsen gehauene Gräben getrennt und stark vertheidigt sind. Ein eben solcher Graben mit einer Brücke, ehemals einer Zugbrücke, für welche die in die Mauer eingelassenen Räder noch vorhanden sind, trennt die ganze Burg von dem vorliegenden Marktflecken. Der ganze Complex von Gebäuden hat in architektonischer Beziehung wenig Wichtiges. Ein keineswegs imposanter Eingang gewährt den Zutritt. Doch gleich hier finden wir die schon erwähnten Wahrzeichen der Burg, welche genug zu denken geben.


Schloßhof der Kadolzburg.


Noch im strengen Stile der Zeit gehalten, erblicken wir zunächst die gegeneinandergestellten in Stein gehauenen Wappenschilde des Kurfürsten Friedrich’s des Ersten von Brandenburg und seiner Gemahlin, der schönen Else von Baiern-Landshut, und unter denselben, was wir hier gewiß am wenigsten zu finden und in ebenso solider Weise in Stein verewigt zu sehen vorbereitet sind, ein Spottbild auf die Juden: die Darstellung einer großen Sau, welche von einer Schaar der an ihren Spitzhüten kenntlichen Semiten saugend umlagert wird. Im Hintergrunde ist zum Ueberfluß noch das von ihren Vorfahren umtanzte goldene Kalb angebracht.

Was in aller Welt kann Anlaß gewesen sein, hier an der Stirn eines Hauses, in welchem von je die umfassendsten Pläne überdacht wurden, eine Herausforderung gegen den Stamm anzuheften, der schon damals auch bei den deutschen Fürsten eine große Rolle zu spielen anfing und von ihnen geschont zu werden allen Grund bot?! Daß das Spottbild vom Kurfürsten Friedrich dem Ersten herrührt, ist aus mancherlei hier zu übergehenden Gründen unzweifelhaft, und doch wissen wir gerade von ihm, daß er kein Borger und Schuldenmacher war, dieser ebenso kluge wie mächtige Fürst, der in der That schon damals die deutschen Geschicke lenkte, aber vorsichtig mit dem Glanz dieses Berufes auch die Verantwortung gern Andern überließ. Darum will uns denn auch bedünken, daß Friedrich seine Spottbilder einfach setzte, weil er sie setzen durfte, d. h. weil er vollständig unabhängig vom Gegenstande seines Widerwillens war, und daß er diesem nachhing, nicht weil er selbst Ungelegenheiten daher erfahren, sondern weil er mit ansah, wie schwer solche schon auf seinen Standesgenossen und dem ganzen Reiche lasteten.

Friedrich war noch in Nürnberg geboren und erzogen worden, hatte dort nicht nur Latein, sondern auch Rechnen gelernt, hatte – zur Zeit des höchsten Aufschwunges der Stadt – gesehen, was Arbeit und Wirthschaft zu Stande bringen, und was er beobachtet, so wohl sich eingeprägt, daß er es nicht nur selbst sein Leben lang übte, sondern auch seinen Nachkommen als unverbrüchliche Politik hinterließ. In seiner reizlosen Umgebung von aller Romantik frei geblieben, richtete er seinen Sinn stets auf das Reelle, und als ihm später selbst die Krone Karl’s des Großen angeboten wurde, schlug er sie aus, überzeugt ohne Zweifel, daß aus seinem märkischen Sande eine bessere erwachsen werde, wenn dieser nur die gehörige Bewirthschaftung erfahre.

Am Thorwege sind noch zwei andere Wappenschilde angebracht, deren Träger kaum minder guten Klang führen, als die eben erst besprochenen, nämlich das burggräfliche und ein sächsisches, welche auf den dritten Sohn Kurfürst Friedrich’s des Ersten, den ritterlichen Albrecht Achilles, und dessen zweite Gemahlin, Anna von Sachsen, hindeuten. Albrecht erhielt bekanntlich bei der väterlichen Erbscheidung den Theil der fränkischen Besitzungen, als [622] deren Residenz Kadolzburg galt. Von ihm rühren wahrscheinlich bedeutende Partieen des heute noch bestechenden Baues, weshalb er sich für berechtigt halten mochte, neben den Gedenktafeln seiner Eltern die seinigen anzubringen. Von Nürnberg waren die Burggrafen, obwohl sie sich noch immer nach jener Stadt nannten, unter ihm bereits so getrennt, daß er schwere Kriege mit der Stadt führte und in diesen auf seinem festen Schlosse eine harte Belagerung glücklich überstand. Handelte es sich in diesen Kriegen um endgültige Entscheidung altverworrener Rechte, so huldigte der mannhafte Degen darin dem allgemeinen Branche seiner Zeit; in anderer Beziehung war er derselben schon weit vorausgeschritten. Denn während sein Vater noch auf dem Concil zu Constanz[WS 1] neben dem Kaiser die Zügel des Pferdes hielt, auf welchem der Papst einherzog, lachte der deutsche Achill, als in einer Fehde gegen den Bischof zu Bamberg dieser unter seinen Blitzen und Feuerrohren auch den Bannstrahl gegen ihn mit in’s Feld führte, und zeigte ihm den schärferen Blitz seines nie besiegten Schwertes.

Es war auf einem Reichstag zu Frankfurt, als Albrecht Achilles starb, aus seiner ersten Ehe mit Margaretha von Baden einen einzigem Sohn Johann hinterlassend, den die Zeitgenossen wegen seiner Beredsamkeit auch Cicero nannten. Ihm fiel bei der Theilung des väterlichen Erbes die Mark Brandenburg nebst der Kurwürde zu und von ihm leiten sich in directer Linie die Könige von Preußen ab.

Seine Brüder, der Markgraf Friedrich von Ansbach und der Markgraf Sigismund von Kulmbach, von denen der erstere den letzteren überlebte, scheinen die Letzten gewesen zu sein, welche die Kadolzburg als ständige Residenz betrachteten. Ansbach machte schon unter den Söhnen Friedrich’s als die reicher emporgeblühte Stadt der alten Burg den Rang streitig, und diese, vernachlässigt und überflüssig geworden, spielte von nun an ihre Rolle nur als Jagdschloß und als Sitz der markgräflichen adeligen Beamten.

Heute zeigt das Schloß verhältnißmäßig wenig Bemerkenswerthes mehr. Die Wirthschaftsgebäude, welche der geräumige Vorhof nach üblicher Anordnung der alten Burgen ohne Zweifel ursprünglich umfaßte, haben gegenwärtig sich in ein königlich bairisches Rentamt, die Frohnveste des Gerichtsbezirkes, eine Caplanswohnung und einen Getreidespeicher verwandelt oder erweitert. Es ist jetzt so einsam und still auf diesem Hofe; das Gras drängt bis dicht an den betretenen Weg hinan. Wo sonst unter lauten Scherzen Ritter und Edelfrauen die reichgeschirrten Rosse bestiegen, um sich zur fröhlichen Reiherbeize tragen zu lassen, schleichen jetzt processirende Bauern mit verkniffenem Munde; wo einst die übermüthigen Pagen sich im Bolzenschießen übten, hocken jetzt schüchterne Dorfkinder an der Mauer, die Stengel der gelben Butterblume zu Kettenkränzen verflechtend. Es sind keineswegs immer die wichtigsten Ereignisse, welche Denkmäler hinterlassen. Nichts erinnert hier mehr daran, daß im Jahre 1266 der letzte Hohenstaufe, der unglückliche Conradin über diesen Hof einzog, daß Kaiser Rudolph von Habsburg öfter mit seinem Vetter und treuen Helfer und Rathgeber, Burggraf Friedrich dem Dritten, auf seinem sicheren Boden umherwandelnd sich in Besprechung der Reichsangelegenheiten vertiefte, daß gerade im Todesjahre dieses Kaisers sein Nachfolger, Adolph von Nassau, kam, um bei glänzenden Gelagen seinen Neffen Emicho mit der Burggräfin Anna zu vermählen, daß die Kaiser Ludwig von Baiern und Karl der Vierte von hier aus wichtige Verfügungen erließen, daß hier die Abgeordneten der zu Nürnberg versammelten Reichsstände im Jahre 1431 sich einfanden, um den genannten Kurfürsten Friedrich zur Heerführerschaft gegen die Hussiten einzuladen.

Vor uns aber haben wir das Denkmal einer spätern Episode der markgräflichen Geschichte, dessen Merkbarkeit zu der Unbedeutenheit der letzten in keinem Verhältniß steht. Wir meinen den Thurm über dem Eingang zum innern Burghof, wo Johann der Alchymist, gleichfalls ein Sohn Friedrich’s des Ersten, hauste und aus Schmelztiegeln und Retorten den Reichthum zu präpariren suchte, welchen seine Vorfahren auf viel rationellerem Wege erlangten. – Wir schreiten über den zweiten, in den Felsen gehauenen Graben auf einer Brücke, welche nach Ausweis der am darüber sich erhebenden spitzbogigen Thore angebrachten Vorrichtungen früher ebenfalls als Zugbrücke ein beweglicheres Dasein führte, als gegenwärtig. Zahlreiche Luglöcher in der Thorwand und den auf kecken Vorkragungen dieselben flankirenden Erkerthürmchen deuten darauf hin, welch reges Leben einst sich hier concentrirte, das jetzt von Eulen und Fledermäusen parodirt wird. In drohender Abgeschlossenheit steigen links vom Thore die alten Mauern hoch empor, mit ihrem Fuße auf mächtige Bastionen sich stützend, zu oberst unter niedrigem Dache ebenfalls nur für den Wächter durch Zinnenöffnungen und kleine Guckfenster die Aussicht gewährend. Zur rechten Seite sind große Fenster eingebrochen und zwei darüber sich erhebende Giebel im Geschmack der Zeit des dreißigjährigen Krieges beweisen, daß hierhin schon damals Wohnungen verlegt wurden. Eine Mauerecke oberhalb des Eingangs neben dem genannten Thurm ist auch schon mit einer durchbrochenen Galerie umgeben und zum Genusse der wenn auch nicht schönen, doch weiten Aussicht hergerichtet.

Der innere Burghof, von dem wir im Voraus angenommen, daß er als Herz des Herrschaftssitzes die Bedeutung des hier residirenden Fürstengeschlechtes in seiner äußern Erscheinung kennzeichnen werde, entspricht wenig dieser Erwartung. Vor uns eine hohe Wand unter gleichfalls niedrigem Dache, mit wenigen kleinen Fenstern und zwei, wenn auch offenen, doch dunkelen rundbogigen Eingängen; links ziemlich verworrenes Gemäuer, zum Theil durch Fachwerk unterbrochen, rechts vor winkeligen Maueransätzen ein schwerfälliger Treppenthurm und daneben die Rückwand der erwähnten Wohnungen, beide fast ohne jeglichen architektonischen Schmuck. Von einem dunklen Thorgang aus und über eine niedrige Steintreppe gelangt man in die unterirdischen Räume des Schlosses, einfache Tonnengewölbe und treffliche Kellerräume, aus welchen die hier wenig erregte Phantasie schwerlich die sonst so beliebten Burgverließe und dergleichen herausconstruiren wird. Eine genaue Untersuchung innerhalb der kleinen und dunklen Räume des linken Schloßflügels aber ergiebt bald, daß hier Schloßcapelle, Küche und Gerichtsstube in traulicher Nähe beisammenlagen. Wir begreifen heute nicht mehr, wie wenigstens die beiden ersteren Räume so glänzende Gesellschaften, wie sie in dieser Burg zusammenkamen, versorgen konnten. Das Innere der Küche läßt neben dem Herde und dem Rauchfange wenig Raum übrig. In Bezug auf die Gerichtsstube sei bemerkt, daß die zu deren ehemaligem Inventar gehörigen Folter- und Strafwerkzeuge gegenwärtig im Germanischen Museum zu Nürnberg aufbewahrt werden und den Kern einer Sammlung von echten Denkmälern dieses Gebietes bilden, welche die Aufgabe hat, gegenüber vielen dem Publicum gebotenen Fälschungen die Wissenschaft von dieser Seite zu unterstützen.

Noch werden wir, die Wendeltreppe des Thurmes hinaufsteigend, versucht, die übrigen Räume des Schlosses zu untersuchen, finden aber bald, daß außer einigen spärlichen Ueberresten architektonisch-interessanter Constructionen, zierlicher gothischer Sprengungen, ähnlichen Schlußsteinen der Deckengewölbe mit Wappenschilden aus der Familie und deren Verwandtschaft, sowie einigen Zimmern mit geschnitztem Deckengebälk nichts erhalten ist, was unsere Aufmerksamkeit fesseln könnte. Selbst der große Saal auf der Südseite der Burg ist jetzt in mehrere kleine Gemächer getheilt. Bekanntlich ist Kadolzburg seit längerer Zeit Sitz eines bairischen Landgerichts, nachdem es, wie gesagt, früher schon lange den markgräflichen Beamten als Wohnung und Vereinigungspunkt gedient hatte. Diesem Umstande verdient das Schloß, wie anderswo richtig bemerkt worden, ohne Zweifel seine gute Erhaltung. Frühere Kriegsstürme sind vor demselben abgeprallt; eine zerstörende Hand ist nie über dasselbe hingegangen; selbst die späteren Veränderungen scheinen nicht so groß zu sein, wie man anfangs anzunehmen gesonnen sein könnte. Die alten Burg- und Markgrafen wohnten einfach, einfacher als heutzutage ein Gutsbesitzer in mäßigen Verhältnissen. Lange Reihen prunkloser Zimmer mit ebenso langen und ebenso schmucklosen Corridoren, schon von etwas casernenmäßigem Aussehen, füllen die inneren Räume.

Der Eindruck, welchen wir schon auf dem Wege zum Ziel unserer Wanderung erhielten, schließt sich an diesem selbst vollständig ab. Die ebenso phantasielose Mark Brandenburg war logisch wie historisch die nothwendige Fortsetzung des mittelfränkischen Ausganges. Wie uns aber bedünken will, ist der Weg von der Kadolzburg zur Mark und von da zurück zur Nürnberger Kaiserburg noch nicht abgeschlossen. Eine Kugel, die auf der ebenen Bahn des Verstandes so in’s Rollen kam, wird ihren Lauf sobald nicht enden. Wir sind zwar auf’s Innigste überzeugt, daß die Verheißung des Friedens die Seele des neuen Kaiserreichs erfüllt, aber unsere Nachbarn werden dafür sorgen, daß es dabei nicht stehen bleiben

[623] kann, und zwar einer Nothwendigkeit, die ebenso sicher in der allgemeinen Entwickelung des Weltganges begründet liegt, wie bis jetzt ein bestimmter Entwicklungsgang geleitet wurde, sich der Welt zu bemächtigen; denn die ausschließliche Verstandesrichtung kann Erfolge zwar erringen, doch nicht zum Abschluß bringen. Der Gedanke macht frei, aber keineswegs allein glücklich. Neben dem Kopfe ringt das Herz zur Befriedigung. Das Gemüth will Befriedigung, ehe die Hand den Frieden unterschreibt und das Schwert auf immer in die Scheide zurücksteckt. Und so wird denn auch das deutsche Reich in der Entfaltung seiner Macht nach Kräften streben müssen, die dem Glanze die Wärme hinzufügen. Doch davon vielleicht ein anderes Mal.
v. E.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Costnitz