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In der Central-Telegraphenstation zu Berlin

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Textdaten
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Autor: George Hiltl
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Titel: In der Central-Telegraphenstation zu Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 59–63
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Telegrafie in Berlin
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[59]
In der Central-Telegraphenstation zu Berlin.
Von George Hiltl.

Sömmering, der berühmte Arzt und Naturforscher, war es, der vor nunmehr fast sechszig Jahren die erste Idee zu den elektrischen Telegraphenleitungen gab. Vierundzwanzig Jahre später erfand Morse seinen noch heute fast unübertroffenen Apparat und bald zogen nun England, Amerika, Frankreich, Holland, Belgien, in Deutschland Preußen, dann Oesterreich die elektrischen Drähte durch ihre Gefilde. Am längsten blieb Spanien zurück, aber heute ist die Verbindung aller Länder durch den wahrhaft göttlichen Funken hergestellt.

Eine der größten und bedeutendsten dieser elektrischen Werkstätten ist die Central-Telegraphenstation zu Berlin in dem großen, aus rothen Backsteinen erbauten Hause, welches die Ecke der Französischen und Wallstraße bildet. Mitten im Verkehre und Gebrause der Stadt und des Geschäftslebens arbeiten hier die Apparate und deren Leiter nach allen Weltgegenden hin, und unter dem Pflaster der von Carossen, Reitern, Müßiggängern, Gaffern und Arbeitsamen durcheilten Straße fahren an ihren Drähten die Wortblitze hin. Die Central-Telegraphenstation zu Berlin vereinigt die Drähte von sechsundneunzig Leitungen in ihrem Apparatsaale und hier concentrirt sich die Verbindung mit all’ diesen Punkten und von ihnen aus also mit der ganzen civilisirten Welt.

Wir betreten das hohe Erdgeschoß des Gebäudes und befinden uns in dem Annahmebureau für die Depeschen. Ein großer, saalartiger Raum ist zur Hälfte von Pulten eingenommen, hinter denen die fungirenden Beamten ihren Platz haben. Sobald der Beamte den Wortlaut der Depesche schriftlich in den Händen hat, wird die Depesche in eine lederne Hülse gesteckt und diese Hülse in eine mit verschließbarem Ausläufer versehene Röhre gethan, auf welche von unten her das Mundstück eines großen Blasebalges trifft. Hat der Verschluß die Depesche aufgenommen, so giebt der Beamte ein Klingelzeichen, hierauf erfolgt eine Antwort ebenfalls durch die Klingel, daß man sein Zeichen vernommen habe, alsdann tritt der Beamte den Blasebalg und durch den ausströmenden Luftdruck wird die in der ledernen Hülse befindliche Depesche fünfzig Fuß hoch in den im dritten Stock des Hauses gelegenen Apparatsaal getrieben und von hier aus nach ihrem Bestimmungsorte befördert. Die im Stations- oder Apparatsaal für Berlin ankommenden Depeschen werden ebenfalls durch eine Röhre in die tiefer liegende Expedition befördert und von hier aus durch den bereitstehenden Boten an die Adressen gesendet.

Die Central-Station correspondirt auf vier verschiedenen Linien. Die erste oder internationale Linie wird nicht eigentlich in eine Station geführt, sondern zur Beförderung der Depeschen auf dieser Linie eine besondere Kraft eingeschaltet, von welcher weiter unten gesprochen werden soll. Auf den internationalen Linien gehen die Depeschen Tag und Nacht ohne Unterbrechung, denn im großen Weltverkehr giebt es keinen Tag und keine Nacht. Die internationalen Linien verbinden außerdem nur direct die Hauptstädte und sie betragen ein Viertel des gesammten telegraphischen Verkehrs, der also ganz der Central-Station zufällt. Die zweite Linie verbindet die größeren Städte des preußischen Telegraphennetzes, z. B. Berlin, Köln, Königsberg, Frankfurt etc. Auf diesen Linien wird z. B. mit Königsberg und Frankfurt direct verhandelt und gesprochen. Diese Leitungen gehören zu den vorzüglichsten, denn ohne Einschaltung besonderer Kraft arbeiten die Apparate und Drähte und wirken unmittelbar in die bedeutendsten Entfernungen mit großer Präcision. Die dritte Art wird die große Omnibus-Linie genannt. Sie verbindet die mittleren Städte des Netzes. Die vierte Abtheilung oder die kleine Omnibuslinie vermittelt den Verkehr zwischen Punkten, die nur zwei bis vier Meilen auseinander liegen. Sie schließen sich an größere Linien an, um auf solche Weise in den allgemeinen, großen Verkehr aufgenommen zu werden.

Gegenwärtig haben die preußischen Linien und Leitungen des Telegraphennetzes die Länge von zehntausendneunhundert und zwei Meilen Draht erreicht. Die Linie für den norddeutschen Bund zieht sich im Süden zwischen Myslowitz und Trier resp. Saarbrücken hin; im Norden läuft sie hinauf bis in die äußerste Spitze Holsteins und von da bis zur russischen Grenze – Alles ein verbindender Blitz – eine belebende Kraft, welche diese Spannungen, diese Winkel und Biegungen unter und über der Erde durcheilt, ohne Zeit oder Raum zu achten.

[60] Nach diesen Vorbemerkungen begeben wir uns in den Apparatsaal der Centralstation, die eigentliche Werkstätte und zugleich den Sammelpunkt jener dienstbar gemachten ungeheuern Kraft, welche wir gemeinhin die elektrische oder galvanische nennen. Eine jede Station, größere oder kleinere, setzt sich zusammen aus 1) den Batterien, 2) den Schlüsseln, 3) dem Schreibeapparat, 4) den Hülfsapparaten. Letztere zerfallen in die sogenannten Relais, die Galvanoskope, die Blitzableiter und die Umschalter.

Wie schon angeführt, vereinigen sich in der Centralstation zu Berlin die Drähte von sechsundneunzig Leitungen für den internationalen Verkehr. Fünfzehn Drähte sind für den Transitverkehr von Osten und Westen bestimmt. Diesen Drähten entsprechend sind die Stationen eingerichtet, welche der unserem Artikel beigegebene Holzschnitt deutlich zeigt; jede einzelne Abtheilung bildet eine besondere Station mit dem dazu gehörigen Apparate. Rechts vom Eingange in den Stationssaal gewahrt der Beschauer einen großen, scheibenförmigen Apparat. Schrauben, Knöpfchen, Zahlen, Drähte, Zeiger und Metallstreifen bedecken

Der Apparatsaal in der Central-Telegraphenstation zu Berlin.

die Scheibe fast ganz und gar. Es ist der Blitzableiter zum Schutz der Apparate, dessen Einrichtung eine spätere Nummer der Gartenlaube ausführlicher beschreiben wird.

Von diesem Sicherheitsapparate wenden wir uns zu einem zweiten höchst sinnreich construirten Gegenstande, dem Umschalter. Auf einem kathederförmig erbauten, sauberen, aus Eichenholz gefertigten Pulte ruhen eine Anzahl horizontal gelegter Messingschienen auf einer Unterlage, welche sie vollständig isolirt, d. h. ihnen die Möglichkeit benimmt, den elektrischen Strom in die Erde oder auf andere Leiter als die bestimmten zu übertragen. Ueber diese horizontalen Schienen sind verticale gelegt und zwar so, daß keine derselben weder mit der neben ihr vertical, noch mit den unter ihr liegenden horizontalen Schienen in Berührung kommt. Zwischen allen diesen Metallstreifen ist Luft, welche nicht leitet.

Man denke sich also diese Schienen etwa wie ein Schachbret übereinander liegend, ohne daß sie sich berühren; an den Stellen, wo sich diese Streifen kreuzen, sind sie durchbohrt. Will man nun die Verbindung der freiliegenden Schienen herstellen, so bedient man sich hierzu eines Federbolzens aus Metall, der in eines der Löcher jener Schienen gesteckt wird, welche miteinander verbunden werden sollen. Die horizontalen Schienen sind mit den Apparaten des Stationssaales durch Drähte, die verticalen mit den Leitungsdrähten verbunden; wenn also durch den Metallbolzen die beiden Schienenlagen vereinigt werden, so ist es leicht begreiflich, daß dadurch der elektrische Strom, von den Leitungsdrähten in die Schienen gehend, auch den Metallbolzen durchläuft, von dort aus durch die verbundenen Streifen in die zu den Apparaten führenden Drähte läuft – daß also, wie der technische Ausdruck besagt, der Contact hergestellt ist. Der Zweck des „Umschaltens“ ist, die verschiedenen Leitungen unter sich sowohl, als auch mit den Verbindungen der Apparate beliebig verbinden zu können.

In den Umschalter der Central-Telegraphenstation münden nun wieder die Drähte aller sechsundneunzig Stationen. Wenn eine der Linien mit einer andern zu combiniren ist, wenn dieselbe etwa gar auf einen andern Apparat gebracht werden müßte, so könnte dies ohne den Umschalter nur durch Abnehmen und Wechseln der Drähte geschehen. Durch die angegebene Umstöpselung kann nun jede Depesche auf eine beliebige Leitung geführt werden, denn da alle Drähte durch den Umschalter gehen, braucht man nur durch den Metallpfropfen die beiden Schienenlagen mit einander zu verbinden, durch welche die Drähte aus der Leitung in den Apparat laufen, um dem Strome jede Richtung zu geben und dadurch die Depesche in die Station zu befördern. Geht die Depesche direct, so läuft sie durch den Umschalter in den Stationsapparat; soll sie aber etwa zur Controle oder behufs einer Abrechnung in Berlin erst gelesen werden, so wird die Umstöpselung bewirkt und der Strom aus dem Umschalter geleitet und hiernach auf den Stationsapparat zur Weiterbeförderung gebracht. Man hat auch Apparate in der Centralstation, welche, an den Schreibapparaten angebracht, diese Uebertragungen selbst ausführen und die man Translatoren oder Uebertrager nennt. Die Telegraphen-Centralstation hat übrigens noch verschiedene Arten von Umschaltern in Gebrauch. So z. B. einen, der dem elektrischen Strome in der Drahtleitung eine beliebige Richtung geben kann. Dieser Apparat wird Stromwender oder Gyrotrop genannt. Das Verfahren besteht in aller Kürze darin, daß die Leitung und der Erddraht in der Diagonale gegenüber angelegt werden und der Apparat, ein sogenanntes Relais, angesetzt wird. Mittels einer Vorrichtung, „Wippe“ genannt, welche hin- und herbewegt werden kann, und je nach dieser Bewegung ändert der elektrische Strom seine Richtung nach rechts oder links. Das von Wheatstone erfundene Relais findet sich in verschiedenster Gestaltung. [61] Es dient dazu, eine Verstärkung des elektrischen Stromes bei den Schreibapparaten zu bewirken. Das in der Centralstation gebräuchliche Relais besteht aus zwei Elektromagneten, von denen jeder eine Umhüllung von siebentausend sechshundert Windungen eines doppelt mit Seide übersponnenen Kupferdrahtes hat.

Vor dem arbeitenden Telegraphenbeamten sieht man kleine Gehäuse aus Holz und Glas zusammengesetzt. In denselben befinden sich auf einen Rahmen gewickelt Kupferdrähte mit Seide übersponnen. Die Enden dieser Drähte stehen mit den Leitungen in Verbindung. In dem Raume, den die Windungen der Drähte umgeben, kann nun eine in einem Messinggestelle sich bewegende, mit einem Zeiger versehene Magnetnadel aufgehängt werden. Hinter dem Zeiger befindet sich eine Kreiseintheilung. Der Zweck dieses Apparates, welcher das Galvanoskop genannt wird, ist folgender. Die elektrischen Strömungen in den Leitungen können durch atmosphärische Einflüsse ganz unterbrochen oder doch sehr geschwächt werden; es kann durch Zufall oder Vernachlässigung eine Verstellung der Apparate stattfinden, welche trotz des galvanischen Stromes ihre Thätigkeit ganz und gar hemmt. Wenn nun in einem solchen Falle die Beamten arbeiten sollten, so würden sie vollständig ohne Hülfe sein, vermöchten nicht zu erfahren, ob überhaupt elektrische Strömungen in den betreffenden Leitungen vorhanden sind oder nicht. Diese wichtige Nachricht theilt ihnen der kleine Apparat, das Galvanoskop, mit. Es zeigt an, ob Strömung vorhanden ist, denn sobald dieselbe durch die Leitungen eilt, setzt sie die Magnetnadel in Bewegung, welche, aus ihrer senkrechten Lage gebracht, Bewegungen wie ein Pendel macht, wobei der vor der Kreiseintheilung befindliche Zeiger zugleich die Stärke der Strömung angiebt.

Eine jede Station besitzt zur Erzeugung der nothwendigen Kraft zweierlei Batterien: die Linien- und die Localbatterien. Erstere dienen zum Telegraphiren, die anderen zum Bewegen der Schreibapparate. Diese Batterien enthalten die sogenannten Elemente, jene Zusammensetzungen von Säuren und Metallen, welche die wunderbare Kraft erzeugen, deren Wirkung die Menschheit näher zusammengerückt hat, als die größten Eroberungszüge es vermochten.

Die Centralstation zu Berlin enthält zwei große Linienbatterien mit einhundertzweiundneunzig Elementen, welche in einer Doppelreihe aufgestellt sind. Zwei kleine Linienbatterien zählen achtundvierzig Elemente. Die Localbatterien, ebenfalls zwei an der Zahl, enthalten jede sechsundneunzig Elemente. Außerdem hat man noch zehn Batterien von einhundertundfünfzig Zink-Kohlen-Elementen mit chromsaurem Kali eingerichtet, welche für besonders große Linien, auf denen keine Uebertragung stattfindet, arbeiten. Jede Woche wird ein Fünftel der Elemente erneuert, welche in Gläsern und Thoncylindern aufbewahrt werden. Die Aufstellung dieser Elemente nimmt einen großen Raum in Anspruch. In der Centralstation zu Berlin stehen dieselben auf starken Repositorien von Eichenholz. Von diesen Repositorien, deren im Batteriezimmer der Centralstation siebenundzwanzig aufgestellt sind, kann jeder achtundvierzig Elemente aufnehmen.

Die auf den einzelnen Stationen des Apparatsaales befindlichen Schreibapparate zerfallen in drei verschiedene Systeme: das Morse’sche, den Typenapparat von Siemens und Halske und den Hughes’schen Apparat. Der Morse’sche Apparat besteht aus dem Elektromagneten und der Schreibevorrichtung, sodann aus dem Uhrwerk zur Bewegung des Papierstreifens. Man unterscheidet den Reliefschreiber und den Blauschreiber. Für den Ersteren ist eine große galvanische Kraft erforderlich, denn die Zeichen werden bei ihm durch Metallstifte in den sich vom Uhrwerke abwickelnden Streifen gedrückt, auch erfordert sein Betrieb meist die Anwendung der oben erwähnten Relais, um die Kraft zu verstärken. Die Blauschreiber dagegen werden durch eine geringe Gewalt in Bewegung gesetzt. Der aus der Linie kommende Strom wird direct auf den Apparat gerichtet, ohne daß er nöthig hätte durch die Elektromagnete eines Relais zu laufen. Die Farbe befindet sich in einem Kästchen, aus welchem sie tropfenweis auf eine Filzwalze gelassen werden kann, hier läuft fortwährend, durch das Uhrwerk in Bewegung gesetzt, ein Pinsel auf und nieder, welcher die Farbemasse gleichmäßig auf der Walze vertheilt, während die Walze wiederum mit ihrer Farbe das Schreiberädchen speist, über dessen mit Zeichen versehenen Rand der Papierstreifen läuft, den ein Schreibhebel gegen das Rad drückt, worauf dann die Zeichen erscheinen.

Dieses Verfahren hat nach den Gutachten aller Sachverständigen bedeutende Vorzüge voraus. Die Reliefschreibung erfordert zum Lesen eine sehr bestimmte und scharfe Beleuchtung, während die Blauschrift leicht zu erkennen ist. Eine von Siemens und Halske angebrachte, höchst sinnreiche Vorrichtung hat auch die Befeuchtung der Walze mit Farbe unnütz gemacht, indem sich das Schreibrad jetzt selbst in das Farbenkästchen taucht.

[62] Aeußerst interessant ist die Wahrnehmung, in wie hohem Grade die Sinne der Beamten in der Ausführung ihres Berufes geschärft werden. Da bei dem Arbeiten der Apparate die Angabe der Zeichen durch den Apparat stets in einem gewissen Rhythmus erfolgt, so vermögen einige der geübtesten Telegraphisten eine ankommende Depesche nach dem Gehör zu lesen, noch ehe die Zeichen auf das Papier gedrückt ihnen zukommen. Allerdings ist dies nur in der dem Beamten geläufigen Sprache möglich; fremde Sprachen telegraphirt der Nichtkenner mechanisch nach, indem er die ihm zukommenden Zeichen nachdruckt und wiedergiebt. Aus diesem Grunde geschieht oder geschah es häufig, daß die Depeschen ungenau reproducirt wurden. Es besteht nämlich die telegraphische Zeichenschrift aus Strichen und Punkten. Je nachdem die Striche weiter von einander entfernt oder näher gerückt, mit Punkten versetzt oder ohne solche sind, bilden sie die Buchstaben oder die dafür geltenden Zeichen. Da nun eine vollständige Genauigkeit, namentlich bei einer nicht festen Kenntniß der Sprache, unmöglich zu erreichen war, mußten Irrungen entstehen, indem die Striche oft näher zusammengeschoben, oft mehr von einander entfernt wurden und der Sinn der Depesche nicht klar vorlag. Es galt also eine Vorrichtung zu construiren, welche die Striche, Punkte und deren Entfernungen von einander mit mathematischer Genauigkeit auf dem Papierstreifen wiedergab.

Diese Aufgabe hat der von Siemens und Halske geschaffene Typenapparat gelöst. Die Morse’schen Zeichen werden hier wie beim Drucker gesetzt. In einen Metallstreifen geklemmt, der durch den Apparat läuft, pressen sie sich, mit blauer Farbe übertüncht, welche ihnen ebenfalls durch das Werk zugeführt wird, auf dem Streifen mit größter Schärfe und Genauigkeit ab. Um jedes zu frühe Durchgleiten oder jeden, den allerkleinsten nicht hingehörenden Zwischenraum zu vermeiden, ist über dem Metallstreifen ein Hebel angebracht, welcher in unsichtbaren Bewegungen – die Schnelligkeit läßt sie nicht bemerken – die Typencolonne aufhält und sie demnach nicht eher weiter läßt, als bis sie gehörig abgedruckt ist und durch diesen unsichtbaren Halt ihre Zwischenräume genau inne hält.

Am auffälligsten für den Laien und, wenn der Ausdruck erlaubt ist, am „blendendsten“ ist die Arbeit, welche der Apparat von Hughes liefert. Dieser Apparat ist im letzten großen Gemache, getrennt von dem Hauptstationssaal, aufgestellt. Der Apparat druckt nämlich vollständig Wort für Wort die Depesche ab, so wie sie aufgegeben wurde. Das hat allerdings für den Zuschauer etwas Ungeheuerliches, fast Uebernatürliches. Die Zeichen, welche dem Laien nicht verständlich sind, machen eben deshalb nicht den mächtigen Eindruck, aber das, was Jeder von dem Papierstreifen, der sich aus der mystischen Maschine hervorarbeitet, ablesen kann, was schwarz auf weiß von hundert Meilen her zu uns herüberkommt, das regt die Sinne mächtig an.

Was wirkt, was bewegt, was strömt in jenen Drähten zusammen! Welch’ ungeheure Resultate sind bis heute erreicht worden auf dem Gebiete der Telegraphie! Und doch steht man erst am Anfange: diese Kräfte haben erst begonnen, ihre Dienste zu leihen; wohin wird es in zehn – zwanzig Jahren gekommen sein!

Denn schon jetzt stellte sich, je weiter die Telegraphie ihre Netze spinnt, das Bedürfniß nach einer allgemeinen Schriftsprache heraus – sie ist bereits vorhanden. Man vermag heute durch die sechszig Elementarzeichen der Telegraphenschrift den Gedankenaustausch in vielen Sprachen zu bewerkstelligen. Der Telegraphist übermittelt die Depeschen, ohne Kenntniß der Sprache selbst zu besitzen. Wenn der deutsche Telegraphist ein in seiner Muttersprache geschriebenes Telegramm befördert und ein deutsches „A“ angiebt, dann giebt der fremde Beamte das empfangene Zeichen so wieder, wie es in seiner Sprache geschrieben wird, ohne daran zu denken, daß das autographische Zeichen ganz anders aussieht.

Neben diesen allgemeinen Schlüsseln für die Alphabete, Interpunctionen etc. läuft die universelle Chiffernschrift. Sie ist allerdings noch nicht allgemein verbreitet; man befördert z. B. in Preußen keine Chifferntelegramme, doch wird diese Vereinfachung nicht allzu lange auf sich warten lassen. Einzelne kaufmännische Chifferntelegramme sind schon jetzt gebräuchlich. So z. B. das Wort fob, welches als Bezeichnung für die Weisung free on board (frei an Bord) gilt.

Sicher wird man durch die Telegraphie auch dahin gelangen, eine allgemein geltende Zeitrechnung einzuführen und einen Punkt der Erde als Ausgang für die Zeiten aller Orte zu bestimmen, die Zeit einer Drehung der Erde um ihre Achse statt in zwei Mal zwölf Stunden in vierundzwanzig Stunden eintheilen und es jedem einzelnen Orte überlassen, sich seine Tageszeiten, in Uebereinstimmung mit seiner geographischen Lage, aus den vierundzwanzig Stunden herauszunehmen. Gewiß wird eine Verständigung möglich sein, denn im Kleinen ist der Anfang schon gemacht. In der Centralstation zu Berlin befindet sich unter einer Glocke eine sehr interessante und wichtige Vorrichtung. Durch einen Druck auf den Knopf des Apparates wird ein Zeichen nach sämmtlichen Stationen hingegeben, welche mit der Berliner Central-Telegraphenstation verbunden sind.

Dieses Zeichen wird im Sommer fünf Minuten vor sieben, im Winter fünf Minuten vor acht Uhr gegeben. Die Central-Telegraphenstation, welche mit der Berliner Sternwarte telegraphisch verbunden ist, erhält von dieser die Nachricht und die genaue Bestimmung der Zeit. Nach Empfang derselben wird fünf Minuten vor sieben oder acht Uhr nach allen Stationen hin das Zeichen gegeben, um die Uhren darnach zu regeln. Sind die fünf Minuten verflossen, so giebt die Centralstation das zweite Zeichen: „Voll sieben oder acht Uhr“ durch den Druck auf ihren Apparat, und nun fangen sämmtliche Telegraphen an zu arbeiten, die Galvanoskope klappern, die Schlüssel der Apparate bewegen sich und die geheimnißvolle Kraft beginnt unsichtbar ihr Tagewerk zu vollführen.

Allgemeine Schriftsprache – Uebereinstimmung der Zeit! Das ist der Beginn zur Verschmelzung aller Völker, und wenn erst in die fernen Steppen Asiens, nach China und Japan hinein die metallnen Arme laufen, welche den Nationen sich entgegen strecken, dann hat allerdings die Civilisation Riesenschritte gethan und der Begriff der Allgegenwart ist ziemlich verwirklicht. Es laufen jetzt bereits sechszigtausend Meilen Draht der Telegraphie über und unter der Erde hin und das Wort eilt an ihnen mit der Schnelligkeit des Gedankens entlang, ja – schon sind durch den pneumatischen Apparat die Keime zur blitzschnellen Beförderung der Pakete, Sendungen und Personen gelegt. Die Centralstation zu Berlin hat den pneumatischen Apparat, der sie mit der Berliner Börse verbindet, in ihrem Erdgeschosse angebracht. Die Wirkung desselben ist genau übereinstimmend mit jenen pneumatischen Paketbeförderungsapparaten in London, von denen die Gartenlaube schon früher (Jahrg. 1864, Nr. 13)[WS 1] erzählt hat.

Für den sinnigen Besucher unserer Telegraphen-Etablissements giebt es hier reichen Stoff zum Nachdenken. Besonders wichtig ist die Beobachtung und Wahrnehmung, wie aus den anscheinend unbedeutendsten, vielleicht von uns Allen gering geschätzten Stoffen sich die Kraft entwickelt, welche dazu bestimmt scheint, auf der Erde eine Neugestaltung der Verhältnisse zu bewirken. Die harmlosesten Dinge wirken in ihrer Verbindung Ungeheures und das Unscheinbarste wird ein wichtiger Factor. So sieht man z. B. an dem wunderbaren Apparate von Hughes ein fortwährend sich drehendes, in rasender Eile um seine Achse sausendes Gewicht, welches die synchronistische Bewegung des Schreibrades in dem Apparate regelt. Es ist nämlich das Geheimniß des Apparates, daß die Schreibräder, welche also beispielsweise in Paris und Berlin gleichzeitig wirken, auch genau dieselbe Umdrehung an beiden Punkten ohne die geringste Abweichung ausführen, daß sie auf’s Haar gleichgestellt sind – diese Gleichmäßigkeit regeln die Gewichte. Da aber die Schwungkraft, welche den kleinen Körper umhertreibt, eine ungeheure ist, so war kein Metall, selbst der stärkste Stahl nicht, haltbar genug, es zersprang oder nutzte sich bald ab. Endlich hat eine neuere Zusammensetzung den Anforderungen entsprochen. Das Gewicht hält die Schwingungen aus und die Masse, aus welcher es besteht, ist dieselbe, die wir zu Armbändern, Broschen, Schreibfederhaltern, Ringen etc. benützen: das Aluminium.

Die fortwährende Arbeit im Stationssaale; die Stille, welche nur durch das Ticken der in Thätigkeit gesetzten Maschinen unterbrochen wird; das Bewußtsein, inmitten eines Ortes sich zu befinden, von welchem aus die wundersamsten, geheimnißvollsten Kräfte der Natur ihre Gewalten nach allen Gegenden der Erde mit unfaßlicher Schnelligkeit senden, während eben so viele Gewalt wieder an diesem Orte aus weiter Ferne her zusammenströmt; die durch unsichtbare Finger in Bewegung gesetzten Zeiger, Nadeln [63] und Signalscheiben; zuweilen ein Glockenton, den verborgene, unseren Sinnen nicht erreichbare Strömungen erzeugen – das Alles umgiebt für den Laien die Arbeit im Apparatsaale mit einem Schleier des Uebernatürlichen, der erst bei genauerer Besichtigung verschwindet, um dem ewig bleibenden Interesse Platz zu machen, welches jeder Denkende für die Triumphe menschlichen Verstandes und Scharfsinnes hegen muß. –

Die Anstalt steht unter der Direction des um die Telegraphie hochverdienten Oberstlieutenants von Chauvin, der sich mit wahrem Feuereifer seinem großem Berufe hingiebt und für die Ausbreitung der gewaltigen Verbindung der Länder unseres Erdballs durch den Telegraphendraht unermüdlich mitwirkt. Der Director hat vielfache Verbesserungen für die Leitung der Telegraphen, namentlich in Bezug auf Isolirungsvorrichtungen, ersonnen und construirt. Die Central-Telegraphenstation mit ihrer Einwirkung auf den Weltverkehr ist das Ideal des trefflichen Mannes, die Verwirklichung des großen Gedankens, eine allgemeine Verbindung durch die Telegraphie auszuführen, der Hauptzweck seines Lebens geworden.

Der Director wird durch treffliche Beamte in der Führung und Verwaltung der Centralstation unterstützt. Unter ihnen gebührt dem Oberinspector Rother einer der ersten Plätze. Er ist nicht nur außerordentlich thätig im geschäftlichen Verkehre, sondern hat sich auch als Lehrer an der Telegraphenschule vielfache Anerkennung erworben. Die Technik der Telegraphie verdankt ihm ein treffliches Handbuch über Bau und Anlage der Telegraphen.

Die Berliner Central-Telegraphenstation ist ein Stück Welt für sich, eine fast zauberische Welt, deren Eindrücke auch dann nicht weichen, wenn wir aus dem Hauptthore des großen Gebäudes schreitend in den Lärm der Straßen gelangen und zurückblicken auf jene Stätte, wo

„Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Nr. 3