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In der „Garderobe“ der fahrenden Künstler

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Textdaten
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Titel: In der „Garderobe“ der fahrenden Künstler
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 689, 692
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[689]

In der „Garderobe“ der fahrenden Leute.
Nach dem Oelgemälde von L. Knaus.

[692] In der „Garderobe“ der fahrenden Künstler. (Mit Abbildung, S. 689.) Sie wandelt und begräbt alles, die unerbittliche Cultur. Ja sie richtet selbst charakteristische Menschentypen, die sich Jahrhunderte lang im Kampfe um’s Dasein erhielten, unbarmherzig zu Grunde. Wir hatten schon oft die Gelegenheit, unsern Lesern originelle Repräsentanten gewisser Erwerbszweige in Bild und Wort vorzuführen die früher wie Sand am Meere unter den Völkern der Erde verbreitet waren, heute aber nur in entlegenen, von der Cultur noch nicht aufgesuchten Erdwinkeln ihr kümmerliches Dasein fristen und gewissermaßen als Ruinen einer längst verschollenen Zeit in das Jahrhundert des Dampfes und der Elektricität hineinragen. Solche auf den Aussterbe–Etat gesetzte Menschentypen sind die Meister der ehrbaren Zünfte der Kesselflicker, Rastelbinder und Herrgottsschnitzer, die wir jüngsthin in Wort und Bild zur Anschauung brachten, und auch Goldmann’s „alter Gelehrter“ (vergl. Nr. 38) gehört gewissermaßen zu dieser Kategorie.

Heute kommen wir wieder mit einem solchen Stück Herrlichkeit aus der guten alten Zeit, da wir den Lesen in die Garderobe einer fahrenden Künstlertruppe, hinter die Coulissen eines vom luftigen Himmelszelt überdachten Volkstheaters führen. Die Zeit ist noch nicht so weit entlegen, in welcher die Märkte und Plätze unserer Städte und Städtchen zu jeder Messe und zu jeden Jahrmarkte oder Ablaßfeste durch die Buden der Kasperletheater, der Magier, Zauberer, Seiltänzer und anderer Komödianten ihre eigenartige Ausstattung erhielten.

Jetzt freilich werden diese Schaubuden immer seltener; denn das Volk von heute ist anspruchsvoller geworden in der Wahl seiner Genüsse und findet bei zunehmender Bildung an besserem Theater Gefallen, die Polizei aber sitzt dem vagabondirenden Künstler hart auf dem Nacken. Nun, wir brauchen uns wahrlich darob nicht zu grämen. Ein Blick hinter die Coulissen dieser Bretterwelt genügt vollständig, um uns zu belehren, welchen Jammer dieser elende Flitterkram nothdürftig dem Auge der Außenwelt verbirgt. – Meister Knaus hat es verstanden, ein Bild des bunten Lebens fahrender Künstler vor unseren Augen zu entrollen und neben den matten Lichtseiten die tiefen Schatten desselben zu markiren. Wir lachen beim ersten Anblicke des Bildes, lachen über den zerstreuten Flitterkram und den alten Bajazzo, der die Pflichten einer Kinderfrau erfüllt, aber schon nach kurzer Betrachtung der Scenerie weicht der Humor dem Ernst, und die tiefe sittliche Verkommenheit drängt sich auf, welche an solchen Stätten der „Kunst“ ihre beste Pflanzstätte findet.

Ludwig Knaus ist aber bekanntlich nicht allein in der Genremalerei ein vollendeter Meister: er zeichnet sich auch im Portraitfache in hervorragender Weise aus. Wir hoffen bald Gelegenheit zu finden, unsere Leser mit den genialen Schöpfungen des Meisters auch nach der letztgenannte Richtung hin bekannt zu machen.