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Im Löwenkäfig

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Im Löwenkäfig
Untertitel:
aus: Das Buch für Alle, Illustrierte Familienzeitung, 47. Jahrgang 1912, Heft 25, S. 560–561
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1912
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Commons
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Im Löwenkäfig.
Von W. Kabel.
(Nachdruck verboten.)

In dem Pariser Vorort Asnières hatte der amerikanische Menageriezirkus Bluffer & Co. sein Riesenzelt aufgeschlagen. Die Eröffnungsvorstellung wurde mit außergewöhnlichem Tamtam angekündigt. Überall an Häusern, Zäunen, Schaufenstern und Litfaßsäulen klebten Plakate von bisher unbekannter Größe in den schreiendsten Farben, auf denen einige Zeilen besonders fett und auffallend gedruckt waren, die folgenden Wortlaut hatten: „Wir zahlen demjenigen einen Preis von fünftausend Franken, der den Mut hat, unseren großen Löwendressurkäfig allein und ohne Begleitung von einer der sich gegenüberliegenden Türen zur anderen zu durchschreiten und dabei in der Mitte des Käfigs zehn Sekunden stehen zu bleiben. Der Käfig enthält acht selten kräftige, dressierte Berberlöwen. Die Summe von fünftausend Franken ist auf der Bürgermeisterei von Asnières hinterlegt.“

An einem dieser Plakate, das an einer Straßenecke des Montmartreviertels in Paris hing, wo bekanntlich die meisten Schüler der Kunstakademie wohnen und diesem Stadtteil durch ihre meist recht phantastisch gekleideten Gestalten ein besonderes Gepräge verleihen, kamen zwei junge Leute vorüber, deren große Schlapphüte, Samtjacken und grellbunte flatternde Krawatten sofort die Künstler verrieten. Beim Anblick des gewaltigen bunten Plakats, das allen Passanten notwendig auffallen mußte, stutzten sie und betrachteten zunächst die auf dem Riesenzettel abgebildeten Tierfiguren.

„Elende Stümperei!“ knurrte der eine verächtlich. „Das sollen Tiger sein! Und diese jämmerliche Komposition des Ganzen! Wie leicht ließen sich dabei für solche Zwecke Entwürfe herstellen, die nicht so wie diese Kleckserei jedes nur einigermaßen farbenverständige Auge beleidigen würden.“

Sein Begleiter, eine kräftige hohe Gestalt mit für einen Künstler fast zu energischen Gesichtszügen, hatte inzwischen besonders den gesperrt gedruckten Inhalt des Plakats überflogen. Die Worte seines Freundes Charles Garbinot schien er gar nicht gehört zu haben.

„So komm doch!“ mahnte dieser schließlich ungeduldig, als Hektor Loubin noch immer wie hypnotisiert auf jene Zeilen hinstarrte, in denen jedem für einen kurzen Gang durch den Löwenkäfig das runde Sümmchen von fünftausend Franken versprochen wurde.

„Einen Augenblick noch,“ erwiderte Loubin fast ungeduldig. „Ich bin nämlich eben dabei, die geistigen Vorbereitungen für einen Verdienst von fünftausend Franken zu treffen.“

Charles Garbinot schaute den Freund zweifelnd an. Aber dessen Gesicht zeigte einen so ernsten, grüblerischen Ausdruck, daß er tatsächlich nicht zu scherzen schien.

Endlich wendete Loubin sich ab, und gleich darauf schritten die beiden in lebhafter, aber sehr leise geführter Unterhaltung nach der nächsten Straßenbahnhaltestelle und bestiegen einen der in der Richtung nach Asnières abgehenden Wagen.

***

Der Bürgermeister von Asnières, der zugleich auch in seiner Person die oberste Polizeigewalt des Vororts verkörperte, ein rundlicher kleiner Herr mit einer vielsagenden Lebemannsglatze, wog zweifelnd die beiden Karten in der Hand, die sein Diener ihm soeben ins Amtszimmer gebracht hatte.

„Ich kenne diese Herren gar nicht, aber lassen Sie sie nur eintreten. Wir werden ja sehen, was sie herführt.“

„Herr Bürgermeister,“ begann Hektor Loubin, nachdem der gemütliche Herr die beiden Künstler in zuvorkommendster Weise zum Platznehmen aufgefordert hatte, „ich werde Ihre kostbare Zeit nicht lange in Anspruch nehmen. Nur eine Frage. Ist es Tatsache, daß der amerikanische Menageriezirkus Bluffer & Co. bei Ihnen fünftausend Franken hinterlegt hat?“

„Er wollte es tun. Ich habe die Annahme der Summe jedoch verweigert. Denn im Interesse der öffentlichen Ordnung und Sicherheit kann ich es nicht dulden, daß jemand für diesen Preis seine Knochen in dem Löwenkäfig zu Markte trägt. Soeben war der Direktor der Tierschau dieserhalb nochmals bei mir. Ich habe mich jedoch nicht umstimmen lassen und ihm mit sofortiger Ausweisung gedroht, falls er nicht umgehend durch öffentliche Bekanntmachung den betreffenden Satz auf den Plakaten widerruft.“

Loubins Gesicht drückte bei dieser Nachricht eine schwere Enttäuschung aus.

„Schade,“ meinte er und erhob sich von seinem Stuhl. „Damit ist diese ganze, anfänglich so aussichtsvolle Sache leider erledigt. – Besten Dank, Herr Bürgermeister. Wir empfehlen uns Ihnen.“

„Einen Augenblick noch, meine Herren,“ bat dieser. „Sie werden mein Interesse begreifen. Wollte etwa einer von Ihnen die Tollkühnheit begehen und –“

„Wenn ich den Käfig betreten hätte, wäre es keine Tollkühnheit gewesen," unterbrach ihn der junge Maler fast gereizt, da ihm das Scheitern seines Planes die Laune gründlich verdorben hatte.

Diese Bemerkung machte den Bürgermeister nur noch neugieriger. „Wie soll ich Ihre Andeutung verstehen, mein Herr?“ fragte er liebenswürdig.

Loubin hatte unter diesen Umständen keinen Grund, seine Idee, die ihm ein so hübsches Stück Geld hätte einbringen können, zu verheimlichen.

Als er den Beherrscher von Asnières mit wenigen Worten aufgeklärt hatte, schlug dieser sich vor Begeisterung mit der Hand knallend auf den Schenkel.

„Großartig, mein Herr – wirklich genial! Sie haben vollkommen recht: so kann Ihnen tatsächlich bei dem Abenteuer nichts passieren! Und damit Sie sehen, daß ich keiner von jenen verknöcherten Bureaukraten bin, die zwischen ihren Akten völlig versauert und selbst für den tadellosesten Scherz sobald er nur ihre Amtsbefugnisse irgendwie streift, auf keinen Fall zu haben sind, will ich in Ihrem Interesse meine erste Verfügung sofort wieder umstoßen, allerdings mit der Einschränkung, daß Personen, die sich um den Fünftausendfrankenpreis bewerben, einen Tag vorher mir namhaft gemacht werden müssen – das heißt, ich werde nur Ihnen, Herr Loubin, gestatten, den acht Berberlöwen den verlangten kurzen, aber recht einträglichen Besuch abzustatten. Meiner vollsten Verschwiegenheit können Sie gewiß sein. Daß Sie den Direktor erst in letzter Minute aufklären wollen, halte auch ich für das richtigste. Schaden kann es diesem etwas großsprecherischen Amerikaner wirklich nicht, wenn er einmal von einem noch pfiffigeren Pariser zur Ader gelassen wird.“

***

Am nächsten Morgen brachten nicht nur die beiden Lokalblättchen von Asnières, sondern auch die meisten Pariser Zeitungen die Nachricht, daß ein junger Kunstmaler namens Hektor Loubin bei der am Abend stattfindenden Eröffnungsvorstellung des Menageriezirkus Bluffer & Co. als Bewerber um den Fünftausendfrankenpreis auftreten werde.

Diese Notiz hatte den Erfolg, daß man sich förmlich um die Eintrittskarten riß, und daß Händler, die schlau genug gewesen waren, sich Billette in größerer Zahl an der Tageskasse einzukaufen, mit diesen am Abend glänzende Geschäfte machten, indem sie sie oft für das Dreifache losschlugen.

Als das feenhaft erleuchtete Riesenzelt bis auf den letzten Platz gefüllt war, schenkte man den ersten Nummern des abwechslungsreichen Programms nicht allzuviel Aufmerksamkeit. Man war eben nur auf den Augenblick gespannt, da der verwegene Maler ohne jede Begleitung den Käfig betreten würde. Unzählige Wetten wurden über den Ausgang dieses Wagnisses abgeschlossen, und auf der von dem einfacheren Publikum besetzten Galerie hatten sich sogar einige Buchmacher eingestellt, die Wettgelder von einem halben Franken aufwärts annahmen und kaum Zeit genug fanden, alle Einsätze zu notieren.

Jetzt endlich wurde der zusammensetzbare Löwenkäfig in der Manege aufgestellt, worauf man die acht Löwen, wirklich selten prächtige Exemplare, aus ihren Transportkasten in das hohe Gitter hineinließ.

Der Zuschauermenge merkte man deutlich die Nervosität an, mit der alles dem aufregenden Zwischenspiel entgegensah.

Das letzte Klingelzeichen. Atemlose Stille.

Die Musik hat mitten in einem Walzer kurz abgebrochen.

Aber mehrere Minuten vergehen, und noch immer regt sich nichts hinter dem Vorhang des Manegeneingangs.

Weitere fünf Minuten sind verflossen. Schon werden hie und da Rufe laut: „Schwindel! – Der Maler hat Angst bekommen!“, schon ertönt von der Galerie Pfeifen und Zischen herab, als sich endlich der Vorhang teilt und der Direktor im Frack, in tadellos weißer Wäsche und Lackschuhen die Manege betritt. Ihm folgt ein Mann, der vom Kopf bis zum [561] Fuß in eine stählerne Rüstung gehüllt ist, und von dem man nichts als einen Teil des Gesichts durch das heruntergeklappte Visier des starken Topfhelmes sieht. Sogar die Hände des Gewappneten sind durch Eisenhandschuhe geschützt.

Mit einer Handbewegung bittet der Direktor um Ruhe, verbeugt sich und hält folgende Ansprache: „Meine Damen und Herren! Soeben erst hat mit Herr Hektor Loubin, dieser Herr hier“ – dabei weist er auf den Gepanzerten – „mitgeteilt, daß er, eingehüllt in eine Rüstung, deren Festigkeit den Pranken und Zähnen jedes Raubtieres widerstehen dürfte, den Löwenkäfig betreten will! Unter diesen Umständen halte ich mich natürlich nicht für verpflichtet, Herrn Loubin den Eintritt in den Käfig zu gestatten und ihm später den ausgesetzten Preis zu bezahlen. Der Herr pocht aber auf sein angebliches Recht. Ich protestiere hiermit aufs energischste dagegen, daß er –“

„Franzosen!“ fällt ihm da der junge Maler mit Donnerstimme ins Wort und tritt einen Schritt vor, „Franzosen, ich appelliere an euer Gerechtigkeitsgefühl! Auf den Plakaten steht nur als Bedingung angegeben, daß der Bewerber um den Fünftausendfrankenpreis ohne jede Begleitung den Käfig durchqueren und in dessen Mitte mindestens zehn Sekunden verweilen soll! Sonst nichts! Über die Kleidung ist nicht das geringste gesagt. Nun – ich habe mir eben dieses Stahlkleid für den heutigen Abend herausgesucht! – Franzosen, wer ist im Recht: der Direktor oder ich?“

Hektor Loubin hat nicht umsonst auf die schnelle Begeisterungsfähigkeit seiner Landsleute spekuliert.

Ein toller Lärm erhebt sich, bei dem die Löwen in der Manege immer unruhiger werden.

„Hoch Hektor Loubin!“ – „Loubin soll in den Käfig!“ – „Nieder mit dem amerikanischen Schwindler!“ so tönt es wirr durcheinander.

Da gibt der Direktor jeden weiteren Widerstand auf. Er winkt dem Kapellmeister zu, und unter den Klängen eines flotten Marsches betritt der junge Maler, jetzt mit heruntergeklapptem Visier, den Käfig.

Scheu ducken sich die Bestien vor der ungewohnten, blinkenden Erscheinung an den Gitterstäben zusammen.

Langsam schreitet Loubin bis gut zur Mitte, macht dort halt, schlägt das Visier wieder hoch und verbeugt sich mehrmals lächelnd nach allen Seiten. Unter ohrenbetäubendem Beifallklatschen des Publikums verläßt er dann unangefochten den Käfig und die Manege.

***

Am nächsten Vormittag fand er sich bei dem Direktor ein, um sich seine fünftausend Franken abzuholen.

Anstandslos wurden sie ihm ausbezahlt.

„Mein lieber Herr Loubin,“ sagte der geschäftstüchtige Amerikaner, als der Maler vergnügt die Banknoten in seine solcher Schätze ganz ungewohnte Brieftasche gepackt hatte, „ich habe mir in dieser Nacht so manches überlegt. Was meinen Sie dazu, wenn Sie während meines hiesigen Gastspiels jeden Abend in Ihrer Rüstung den Gang durch den Löwenkäfig machen wollten? – Dabei würden wir beide recht gut abschneiden. Augenblicklich sind Sie ja der berühmteste Mann von Paris und Umgegend. In sämtlichen Zeitungen steht ein genauer Bericht über die gestrige Eröffnungsvorstellung. Treten Sie weiter bei mit auf, so habe ich sicher stets ausverkaufte Häuser. Alle Welt wird Sie eben in Ihrer Rüstung zwischen den Löwen sehen wollen. Selbstredend zahle ich Ihnen dafür eine anständige Gage – sagen wir zweihundert Franken für jede Vorstellung. Das ist doch nicht zu verachten. – Hier, schlagen Sie ein!“

Hektor Loubin zögerte nicht einen Augenblick.

Jedenfalls hat er später nie wieder so üppige Atelierfeste für seine Freunde veranstalten können wie damals in den drei Wochen seines Engagements bei Bluffer & Co.