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Hunnenrede

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Kaiser Wilhelm II.
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Titel: Hunnenrede
Untertitel:
aus: Die Reden Kaiser Wilhelms II., Bd. 2: 1896-1900, S. 209-212
Herausgeber: Johannes Penzler
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: o.J. [1904]
Verlag: Philipp Reclam jun.
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Internet Archive und Commons
Kurzbeschreibung: Ansprache am 27. Juli 1900 in Bremerhaven anlässlich der Verabschiedung des deutschen Ostasiatischen Expeditionskorps zur Niederschlagung des Boxeraufstandes im Kaiserreich China
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[209]

In Bremerhaven.
27. Juli 1900.

Der Kaiser kommt zur Besichtigung der nach Ostasien abgehenden Truppen nach Bremerhaven, begleitet von der Kaiserin, den Prinzen Eitel-Friedrich und Adalbert, dem Reichskanzler Fürsten zu Hohenlohe, dem Staatssekretär Grafen von Bülow, dem Kriegsminister von Goßler und dem Generalleutnant von Bessel. Er verabschiedet sich von den Truppen mit einer Ansprache, die von dem „Reichsanzeiger“ im nichtamtlichen Teile nach dem Wolffschen Telegraphenbureau folgendermaßen wiedergegeben wird:

[210] Große überseeische Aufgaben sind es, die dem neu entstandenen Deutschen Reiche zugefallen sind, Aufgaben weit größer, als viele Meiner Landsleute es erwartet haben. Das Deutsche Reich hat seinem Charakter nach die Verpflichtung, seinen Bürgern, sofern diese im Ausland bedrängt werden, beizustehen. Die Aufgaben, welche das alte Römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können, ist das neue Deutsche Reich in der Lage zu lösen. Das Mittel, das ihm dies ermöglicht, ist unser Heer.

In dreißigjähriger treuer Friedensarbeit ist es herangebildet worden nach den Grundsätzen Meines verewigten Großvaters. Auch ihr habt eure Ausbildung nach diesen Grundsätzen erhalten und sollt nun vor dem Feinde die Probe ablegen, ob sie sich bei euch bewährt haben. Eure Kameraden von der Marine haben diese Probe bereits bestanden, sie haben euch gezeigt, daß die Grundsätze unserer Ausbildung gute sind, und Ich bin stolz auf das Lob auch aus dem Munde auswärtiger Führer, das eure Kameraden draußen sich erworben haben. An euch ist es, es ihnen gleich zu tun.

Eine große Aufgabe harrt eurer: ihr sollt das schwere Unrecht, das geschehen ist, sühnen. Die Chinesen haben das Völkerrecht umgeworfen, sie haben in einer in der Weltgeschichte nicht erhörten Weise der Heiligkeit des Gesandten, den Pflichten des Gastrechts Hohn gesprochen. Es ist das um so empörender, als dies Verbrechen begangen worden ist von einer Nation, die auf ihre uralte Kultur stolz ist. Bewährt die alte preußische Tüchtigkeit, zeigt euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden, möge Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen, gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel.

Ihr wißt es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt ihr an ihn, so wißt: Pardon wird (euch) nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Führt eure Waffen so, daß [211] auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen. Wahrt Manneszucht.

Der Segen Gottes sei mit euch, die Gebete eines ganzen Volkes, Meine Wünsche begleiten euch, jeden einzelnen. Öffnet der Kultur den Weg ein für allemal!

Nun könnt ihr reisen! Adieu Kameraden! [1] [212]



  1. Der Wortlaut dieser Rede ist viel umstritten worden. Das Wolffsche Telegraphenbureau selbst brachte in später Stunde des 27. Juli einen wesentlich anderen Text. Wir lassen das Telegramm hier wörtlich folgen:
    Bremerhaven, 27. Juli. In der Ansprache, mit welcher der Kaiser sich heute von den nach Ostasien gesandten Truppen verabschiedete, wies der Kaiser zunächst auf die Aufgaben hin, die dem Deutschen Reiche in den letzten Jahrzehnten auf überseeischem Gebiete erwachsen seien und führte dann aus, die Truppen sollten nunmehr vor dem Feinde Probe ablegen, ob die Richtung, in der Deutschland sich in militärischer Beziehung bewegt habe, die rechte sei. Die Kameraden von der Marine hätten bereits gezeigt, daß die Ausbildung und die Grundsätze, nach denen die militärischen Streitkräfte Deutschlands ausgebildet seien, die richtigen seien; Sache der jetzt nach Ostasien gehenden Truppen sei es, es ihnen gleich zu tun. Der Kaiser erwähnte dann, es erfülle alle Deutschen mit Stolz, daß gerade aus dem Munde auswärtiger Führer den deutschen Streitern das höchste Lob zuerkannt sei, und wies auf die Größe der Aufgabe hin, die die Truppen zu lösen hätten. Daß ein Volk, wie es die Chinesen getan hätten, imstande gewesen sei, tausendjährige alte Völkerrechte umzuwerfen und der Heiligkeit der Gesandten und der Heiligkeit des Gastrechtes in so abscheulicher Weise Hohn zu sprechen, sei in der Weltgeschichte noch nicht vorgekommen, noch dazu bei einem Volke, welches stolz sei auf eine vieltausendjährige Kultur. Der Kaiser betonte hierauf, daß jede Kultur, die nicht auf dem Christentum aufgebaut sei, zugrunde gehen müsse und fuhr dann etwa fort: „So sende ich euch hinaus, daß ihr bewähren sollt einmal eure alte deutsche Tüchtigkeit, zum zweiten die Hingebung, die Tapferkeit, das freudige Ertragen jedweden Ungemachs und zum dritten Ehre und Ruhm unserer Waffen und unserer Fahnen. Ihr sollte ein Beispiel abgeben der Manneszucht und Disziplin, der Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung. Ihr sollt fechten gegen einen gut bewaffneten und gut ausgerüsteten Feind. Aber ihr sollt auch rächen nicht nur den Tod des Gesandten, sondern auch den vieler Deutschen und Europäer.“ Der Kaiser sagte dann noch ungefähr folgendes: Noch nach tausend Jahren möge der Name Deutschlands in China in solcher Weise bekannt sein, daß niemals wieder ein Chinese wage einen Deutschen auch nur scheel anzusehen. Der Kaiser erwähnte weiter, daß die Truppen mit einer Übermacht zu kämpfen haben würden. Das seien die deutschen Truppen aber gewohnt, wie die deutsche Kriegsgeschichte beweise. Die Rede schloß dann folgendermaßen: „Der Segen des Herrn sei mit Euch, die Gebete eines ganzen Volkes begleiten euch auf allen euren Wegen. Meine besten Wünsche für euch, für das Glück eurer Waffen werden euch folgen. Gebt, wo es auch sei, Beweise eures Mutes. Möge sich der Segen Gottes an eure Fahnen heften und er euch geben, daß das Christentum in jenem Lande seinen Eingang findet. Dafür steht ihr mir mit eurem Fahneneid ein. Und nun glückliche Reise. Adieu Kameraden!“
    Fast genau so lauten auch die direkten Drahtberichte anderer Zeitungen. Der Eindruck der Rede auf die zunächst Beteiligten war groß. Ein Freiwilliger des 1. Ostasiatischen Infanterie-Regiments schrieb darüber nach Hause: „Nachdem der Kaiser die Front entlang gegangen war und jedes Bataillon, jede Abteilung oder Schwadron einzeln begrüßt hatte, schilderte er in beredten Worten die jetzige Lage und wies darauf hin, daß dergleichen himmelschreiendes Unrecht in der Weltgeschichte noch nicht vorgekommen wäre, stellte aber auch die Schwierigkeit der Aufgabe, die wir uns gestellt, ins rechte Licht, und betonte, daß wir einen ebenbürtigen Gegner in der Ausrüstung und Ausbildung, in der Anzahl aber einen zehnfach überlegenen Gegner vor uns hätten. Aber, so lauteten ungefähr seine Worte, ihr werdet und müßt ihn schlagen mit Gottes Hilfe, und zwar so, daß der Chinese in Jahrtausenden noch nicht daran denken soll, die Hand gegen einen Deutschen zu erheben, und sehr erregt und gewaltig wurde seine Stimme bei den Worten: ‚Auf Berufung eures Mir geleisteten Fahneneides verlange Ich, daß ihr keinen Pardon gebt, Gefangene werden nicht gemacht, denn ihr sollt die Rache der in jüngster Zeit verübten Greuel sein.‘ Dann folgten einige Abschiedsworte und mit den Worten ‚Adieu, Kameraden,‘ endete die für mich und vielleicht für viele andere unvergeßliche Kaiserrede.“

Anmerkungen (Wikisource)

Diese Fassung der Rede ist die offizielle Fassung, in der z. B. nicht die Rede von "Hunnen" ist (siehe w:Hunnenrede). Ein Vergleich mit einer nichtoffiziellen Version findet sich hier.

Auch in: Johannes Hohlfeld (Hg.), Dokumente der deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart. Ein Quellenwerk für die politische Bildung und staatsbürgerliche Erziehung, Bd. 2: Das Zeitalter Wilhelms II. 1890 - 1918, Berlin-München o. J., S. 114 f.