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Hund und Katz’

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Textdaten
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Autor: Hermann von Schmid
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Titel: Hund und Katz’
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27–37, S. 445–449, 465–468, 485–490, 501–504, 517–520, 533–536, 549–554, 565–569, 581–584, 597–600, 622–626
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[445]
Hund und Katz’.
Eine Geschichte aus dem bairischen Oberlande.
Von Herman Schmid.


1.

Schür’, Bartel, schür’!
In vierzehn Tagen ist’s an Dir.

Schön und segensreich lag der August über dem dunkelgrünen Fluthbecken und den ansteigenden Gestaden des Ammersees. Ueberall, auf den dem Walde abgerungenen Höhen wie in der tiefen feuchten Ebene, wo sie zum Fruchtlande umgeschaffen wurden, war die Ernte im vollsten Gange: die hochgeladenen Garbenwagen schwankten zu den Dörfern und Einödhöfen durch Felder und Raine in den Schluchtwegen hinan, in deren Gebüschen schon der Wildhopfen seine Trollen angehängt hatte, während die Zaunrübe mit ihren Blüthendolden und die Brombeere mit ihren Stachelranken über Hasel und Schlehe hinaus an den Buchen und Vogelbeerbäumen emporkletterten, welche sich einzeln über das niedere Gesträuch erhoben. In den Grasgärten dahinter fing schon die reifende Kirsche in den runden Wipfeln zu glühen an, und an niedrigeren Stämmen zog die schwellende Last blau überhauchter Pflaumen die Aeste zum Rasenhange herunter, welchen die Halme des neuen Wuchses mit dem zweiten jungen Grün des Jahres zu überkleiden begannen. Darüber hinaus und durch das Gezitter der Bäume und Aeste flammte, weithin ausgegossen, der See – über ihm aber und über dem grünen Rahmen seiner Gestade ruhte, in Duft gehüllt und dennoch klar, die riesige Kette des Gebirges, wie ein ernster erhebender Gedanke über einem schönen Angesichte.

Auf einer Anhöhe, vor einem kleinen Buchenwalde, der den Gipfel zugleich schützend und schmückend bekränzte, lag ein schöner Bauernhof, mitten auf eine ansehnliche Wiesenfläche wie auf einen großen grünen Teppich hingestellt; eine Menge von Obstbäumen schob und drängte sich um ihn zusammen, und vor dem Hause stand eine mächtige Linde so nahe, daß sie mit den Spitzen ihrer Zweige das Dach erreichte, als ob sie es so recht in ihren Schutz nehmen oder sich vertraulich darauf stützen wolle. Das Haus, obwohl ganz einfach und nach Art und Brauch der Gegend gebaut, hatte doch durch Umfang und Lage ein etwas herrisches oder städtisches Gepräge, so daß es, weithin sichtbar, überall seltener unter seinem rechten Namen als „Uttingerhof“ bekannt war, als unter der stattlicheren Bezeichnung des „Schlösselbauers“. Der Ueberblick des Sees sowie des Gebirges und des sich dazwischen schiebenden flachen, an Wald und Sumpf reichen Vorlandes war nirgends so weitreichend und umfassend, und wenn der Ammersee damals – es mögen nun bald vierzig Jahre sein – auch noch weniger besucht und bekannt war, als jetzt, ging doch wohl Keiner, den sein Weg zum Schlösselbauern führte, ohne anzuhalten daran vorüber, und wer zu seiner Lust dahin gekommen war, setzte den Wanderstab gewiß nicht eher wieder weiter, als bis er Rundschau gehalten und einen Imbiß eingenommen auf dem Vorplatze, der sogenannten Gräd des gastlichen Hauses. Mit Ziegelplatten gepflastert, von einem zierlichen Geländer umrahmt und bedeckt von dem darüber befindlichen Laubengange des Hauses, zog sich dieselbe breit und behaglich gleich einer südlichen Veranda an der ganzen Vorderseite des Hauses hin. Breite Steinstufen führten davon auf den mit blankem Kiese bestreuten Vorplatz des Hofes herab und seitwärts zu den Wirthschaftsgebäuden, deren Aussehen und Inhalt auf den ersten Blick zeigte, daß daselbst nicht blos der Wohlstand, sondern auch ein wohlanständiger kluger Sinn waltete, der es verstand, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden.

Unweit dieses Bauernhofes, auf einer etwas tieferen Stelle hielt ein Reiter sein Pferd an und wandte es, um sich der Aussicht zu erfreuen – eine etwas wunderliche Erscheinung, sowohl was den Reiter wie was das Pferd betraf. Der Reiter war ein unansehnliches, vor Alter zusammengeschrumpftes Männchen, das Pferd ein tadellos gewachsenes Thier in voller Kraft und Frische der Jugend. Es schüttelte den schlanken Hals und scharrte ungeduldig mit dem Vorderfuße, indeß der stattliche Schweif ihm die eigenen Lenden peitschte – gleichwohl gehorchte es der Leitung des Reiters so bereitwillig, daß schon daraus sich erkennen ließ, daß das Männlein aus den Zeiten seiner Jugend diese Kunst wohl bewahrt herübergebracht haben mußte. In Einem Punkte stimmten Beide überein – das war der ungewohnte und eigenthümliche Schmuck, womit Beide geziert waren. An der Stirn des Pferdes saß eine Rose von rothem Seidenbande; Mähne und Schweif waren mit Schnüren und Troddeln von gleicher Farbe durchflochten, und die Bezäumung um die breite Brust mit einem Kranze aus lebendigen Blumen umwunden; der Reiter hatte mächtige bebänderte Blumenbüschel an Hut und Brust stecken, und an einer Schnur hing ihm über die Schulter ein alterthümlicher, aus irgend einer Rüstkammer entnommener Säbel herab, ebenfalls reich mit Bändern und Fransen geziert. Er sah etwas abenteuerlich aus, und das Einzige, was zu dem Schmucke und dem stattlichen Pferde [446] stimmte, war das Gesicht des Alten, das in seiner lebensfrischen Heiterkeit nichts davon zu wissen schien, daß auf dem Scheitel über ihm schon lange der Schnee jenes Winters lastete, den kein Frühling wieder zu schmelzen vermag.

Es war der Hochzeitlader der Gegend – ein Mann, der als ein jüngerer Sohn seines Hauses den Feldzug nach Rußland mitgemacht, aber nichts zurückgebracht hatte als erfrorene Zehen, ein unscheinbares Kreuzlein aus Kanonenmetall und seine Erinnerungen, die um nichts in der Welt ihm feil gewesen wären. Mit der Bauernarbeit war es bald nicht mehr recht von der Hand gegangen; darum hatte er zu einem leichteren Gewerbe gegriffen und war Musikant geworden. Es kam ihm dabei sehr zu gut, daß er in seiner Bubenzeit das Kuhhorn zu blasen verstand; ein Hautboist, der mit ihm nach Tobolsk in die Gefangenschaft geschleppt worden, hatte die Fähigkeit an ihm entdeckt und ihn zum Trompeter ausgebildet. Als auch das Trompetenblasen nicht mehr gehen wollte, weil mit den Zähnen der Ansatz verschwand; übernahm der Trompeten-Franzel das Geschäft eines Hochzeitladers, zu dem ihn Alle für vollkommen befähigt erkannten, denn der Hochzeitlader muß ein Mann von aufgewecktem Sinne und nie versiechender Lustigkeit sein, und mit den anderen Denkzeichen hatte der Reiter aus Sibirien seinen fröhlichen Sinn ganz und unverfroren zurückgebracht. Er war deshalb überall beliebt, und wo er einsprach, empfingen ihn meist lachende Gesichter und ein freundlicher Handschlag; wußte er doch vom Kriege und seiner Gefangenschaft, von den fremden Leuten und Ländern, vom Bonaparte und den anderen Potentaten, die er gesehen, allerlei Merkwürdiges zu erzählen, was immer gut lautete, wenn man es auch schon oft gehört hatte. Außerdem war er ein lebendiges wanderndes Liederbuch; es gab kein „Gesang“, das in der Gegend jemals beliebt gewesen, das er nicht neben der Singweise kannte, wenn es noch so viele „Gesätzel“ hatte, und von den vielzeiligen Lust- und Trutzreimen, die Schnaderhüpfel genannt werden, war er so vollgepfropft, daß er bei jedem Anlaß irgend einen zur Gelegenheit passenden vorzubringen wußte.

Eine andere, nicht minder seltene Kenntniß verschaffte ihm vieles Ansehen und manche nicht unbelohnte Anfrage, war ihm aber auch vielfach zur Quelle des einzigen Aergers geworden, der seinen heiteren Lebensabend umwölkte. Durch lange Beobachtung und ein treffliches Gedächtniß hatte er sich alle sogenannten Bauernregeln zu eigen gemacht, welche der hundertjährige Kalender enthält und in denen das Landvolk damals, wie noch jetzt, die unfehlbaren Anhaltspunkte erkannte, nach denen im Hause gewaltet und in der Wirthschaft geschaltet werden muß, damit sie gedeihen; mit diesen war er jederzeit schlagfertig zur Hand, gerade diese Schlagfertigkeit aber war die Veranlassung, daß ihm einige übermüthige Bursche den Spott- oder Spitznamen „das Wettermann’l“ gaben, der ihm fortan trotz alles Abwehrens und Schüttelns wie eine Klette anklebte und ihn verfolgte, gleich einem spöttischen Widerhall.

Der Hochzeitlader hatte sich endlich satt gesehen. Er wandte sein Rößlein und ließ es langsam und sorglich den etwas steil und steinig ansteigenden Hohlpfad zum Schlösselbauernhofe hinantraben; war es doch nicht sein Eigenthum, und es würde ihn in bösen Ruf gebracht haben, wenn dem schönen Thiere auf seinem Umritte etwas zugestoßen wäre. Es war nämlich Brauch, daß der Bräutigam, zu dessen Hochzeit eingeladen werden sollte, dem Hochzeitlader das beste Pferd aus seinem Stalle gab; aus der Trefflichkeit desselben und dem Reichthum seines Schmuckes konnte sogleich und voraus die Wichtigkeit und Bedeutung der Hochzeit so wie die Wohlhabenheit des Brautpaares entnommen werden.

„Schau, da komm’ ich einmal gerade recht,“ brummte der Hochzeitlader vor sich hin, als er den Hof selbst erreicht hatte, „da ist das Schweizerwägerl des Bauern schon aus dem Schupfen herausgeschoben. Er wird wahrscheinlich auch nach Diessen hinauffahren zum Markte; wenn ich mich ein Bissel versäumt hätte, hätt’ ich ihn nicht mehr getroffen, jetzt aber ist er gewiß zu Haus und kann mir nicht auskommen. Richtig, da steht er ja schon auf der Gräd’,“ setzte er mit sichtbarem Vergnügen hinzu, „und hat schon das ganze Sonntagsgewand an …“

Er zog die Zügel des Pferdes an, daß es, den Kopf erhebend, mit zierlich tänzelnden Füßen sich den Stufen näherte, wo er grüßend den Hut zog und mit freudiger Miene gewahrte, wie sehr er willkommen war, denn der Mann auf der Gräd schien ihm zuzunicken und mit dem Arme zu winken. Er hatte wohl Ursache sich dieses Entgegenkommens zu freuen, denn in der Regel wollte die Sitte, daß der Gast, welcher zur Hochzeit geladen werden sollte, sich nicht gleich finden ließ und wohl gern, um die Sache anziehender zu machen, aus dem Hause entfloh, oder sich darin versteckte, dem Hochzeitlader die angenehme Mühe bereitend, alle Winkel und Behältnisse, vom Speicher bis zum riesigen Krautfaß durchsuchen und den flüchtigen Schäker mit ungeheurem Jubel und Spaß entdecken zu müssen.

Auf dem Schlösselhofe schien ihm diesmal die Mühe erspart; mit lauter Stimme begann er daher seinen Ladespruch, ohne das Mädchen zu beachten, das, einen Melkkübel voll Milch auf der Schulter tragend, um die Hausecke gekommen war und, an derselben stehen bleibend, dem Beginnen des Alten mit Verwunderung und einer Miene zusah, in welcher die Fröhlichkeit jeden Augenblick in lautes Lachen auszubrechen drohte.

Das Mädchen wäre wohl der Beachtung werth gewesen – mit ihr hatte sich das anmuthige Bild, welches der Schlösselhof bot, erst vollendet und abgeschlossen – der schönen leblosen Natur hatte ein schönes Menschenleben gefehlt, und dies konnte kaum in anmuthigerer Gestalt erscheinen als in dieser. Groß und kräftig gebaut, hatte das Mädchen doch nicht das mindeste Plumpe oder Schwerfällige an sich, und die Art, wie sie mit dem vollen luftgebräunten Arme den Milcheimer auf der Schulter hielt, während der andere sich gefällig auf die schwellende Hüfte stützte, hätte vielleicht manchen Bildner zur Nachahmung begeistert oder an ein schönes Muster aus alten Zeiten erinnert.

Diese Erinnerung wäre auch nicht gestört worden, weder durch den schlanken Hals, auf dem sich das Oval des Kopfes wiegte, noch durch die reichen, in Zöpfen und Knoten um denselben geschlungenen lichtbraunen Haarflechten. Minder vielleicht hätte einem solchen Beobachter das Angesicht selber entsprochen: es hatte ein für einen Mädchenkopf vielleicht zu starkes Gepräge der Entschiedenheit, doch leuchteten in ihm ein Paar blaue Augen voll so milder Güte, daß ihr Glanz ausreichte, die strengeren Linien der Stirn und Nase vergessen zu machen. Es war deutliche Schrift in diesen Zügen – ein harter eigenwilliger Sinn, aber ein weiches hingebendes Herz. Das Gewand, das sie trug, war das bäuerliche der Gegend, aber es war nicht viel davon zu gewahren; eine breite Vor- und Rückschürze von grobem Zwilch war darüber gebunden. Offenbar war die Trägerin zum Ausgange bereit und hatte, um den Anzug zu schonen, dieselbe bei der wirthschaftlichen Arbeit übergeworfen, die ihre häusliche Sorgfalt keiner Andern überlassen wollte.

Der Hochzeitlader begann – ein frischer Windzug jagte ihm das weiße Haar auf dem entblößten Kopfe durch einander, und der Mann auf der Gräd winkte lebhaft mit dem Arm.

„Gelobt sei der Herr und benedeit!
Er behüt’ und segne zu aller Zeit
Dieses christliche Haus bei Nacht und Tag
Vor wildem Feuer und Hagelschlag,
Vor Krieg und Pest und vor Hungersnoth,
Das ist mein Gruß und –“

Der Alte brach ab und wandte sich erzürnt um; das Mädchen hatte seine Lustigkeit nicht länger zu bewältigen vermocht – sie lachte hell und herzlich auf, daß sie den schwankenden Milcheimer von der Schulter nehmen und auf das Geländer stellen mußte.

„Was ist denn das für ein neuer Brauch,“ rief er unwillig, „daß man den Hochzeitlader in seinem Spruch unterbricht und noch gar auslacht?“

„Aber so schau Dich nur einmal recht um, Du blinder Six!“ antwortete noch immer lachend das Mädchen. „Mit wem red’st Du denn? Wem hast Du denn Deinen Spruch sagen wollen? Es ist ja gar kein Mensch da, und das dort ist dem Schlösselbauern sein Sonntagsgewand, das ich aufgehängt hab’ zum Auslüften, weil er heut nach Diessen fahren will, auf den Markt …“

War dem Alten schon die Unterbrechung zuwider gewesen, so war die Aufklärung vollends nicht geeignet, seinen Unmuth zu verscheuchen; war doch seine abnehmende Sehkraft die einzige Schwäche, die ihn manchmal empfindlich an seine Jahre mahnte und die er daher auf’s Sorgfältigste zu verbergen bemüht war. Daß er nun einen solchen Verstoß gemacht, das aufgehangene [447] Gewand des Bauern für diesen selbst und das Windwehen der Aermel für Winke anzusehen, war ihm im höchsten Grade ärgerlich: der Vorfall konnte durch die Zeugin desselben nur zu bald unter die Leute kommen und ihn auf lange Zeit zum Zielpunkte des allgemeinen Gespöttes machen. Es war daher erklärlich, wenn der Ton seiner Erwiderung noch unwirscher klang, als der erste Anruf geklungen hatte.

„Das ist auch was Rechtes, daß Du einen alten Mann so anlaufen lassest,“ rief er. „Für was stehst Du denn da und schaust, anstatt daß Du mir zurufst und mir aus dem Traum hilfst? Ws ist denn der Schlösselbauer, und wer bist denn Du, Du übermüthige Dingin? Die Oberdirn’ vermuthlich, weil Du vom Melken kommst?“

„Siehst Du das doch?“ erwiderte noch immer lachend das Mädchen, und ihr Lachen klang, gegen das Brummen des Alten, wie das helle Geschwätz nestbauender Schwalben gegen das schwermüthige Gurgeln eines einsamen Tauberichs. „Hast Du meinen Melkkübel nicht für den Taubenschlag angeschaut oder mich selber für einen Spatzenschrecker? Kannst es eben schon errathen haben, daß ich die Oberdirn’ bin, brauchst Dich aber nicht zu sorgen deswegen, altes Wettermann’l; ich werd’ die Geschicht’ Niemandem erzählen, und da kommt auch schon der Schlösselbauer aus dem Haus. Kannst Deinen Spruch gleich von vorn anfangen.“

Lachend verschwand sie hinter dem Hause, auf der Schwelle aber erschien der Herr desselben, eine echte kernhafte Bauerngestalt mit einem Angesichte, in welchem sich Klugheit und Gutmüthigkeit vermischten. Er überhob den Alten, der, um nicht einen neuen Irrthum zu begehen, ihn vorsichtig betrachtete, alles Zweifels und rief ihm zuerst seinen Gruß entgegen.

„Du bist da, Hochzeitlader?“ rief er lustig. „Jetzt freut mich mein Leben, daß ich so eingangen und Dir so in die Hände gelaufen bin. Wenn ich Dich hätt’ kommen sehen, hätt’ ich mich versteckt, daß Du gewiß eine gute Weil zu suchen gehabt hättest, aber weil es einmal so ist, so schieß’ los, mach’ Deinen Spruch, und dann steig’ ab, bind’ Dein Rößl an und setz’ Dich zu mir auf die Gräd, damit ich Dir die gehörige Ehr’ anthu! Hast ja ein wahres Prachtfüchsel unter Dir … mit einer weißen Bläss’ auf der Stirn und vier weißen Füßen, als wenn es seidene Strümpf’ anhätte. Was gilt es, das Schweißfüchsel? Ist es feil um dreißig Karlin?“

Der Hochzeitlader war viel zu sehr von dem Ernste und der Wichtigkeit seines Amtes durchdrungen, als daß er sich herabgelassen hätte, auf solche unwürdige und fremdartige Nebendinge einzugehen – er ließ den Schweißfuchs seine Künste machen, nahm den Hut ab und begann abermals seinen Spruch, aber auch der Schlösselbauer wußte zu leben. Er fuhr in die Aermel seines Rockes, der schon einmal seine Rolle so glücklich gespielt hatte, nahm den Hut von der Stange und trat dem Boten entgegen, um die Ladung mit aller Würde eines Großbauern in Empfang zu nehmen.

Sie galt der Hochzeit des Zacharias Weindl, eines der reichsten Bauerssöhne aus dem Nachbardorfe, der die nicht minder wohlhabende ehr- und tugendsame Jungfrau Mechtild Brunnerin vom jenseitigen Seegestade heimzuführen gedachte, ein schönes Müllerkind, das überdies zu den reichsten und gesittetsten der ganzen Gegend gehörte. Es sollte daher eine sogenannte große Hochzeit geben, bei der Alles, was irgend Namen und Gewicht in der Gegend hatte, zugegen sein mußte, natürlich auch die Verwandten und fernsten Verschwägerten, deren Ausbleiben eine nicht leicht zu sühnende Beleidigung gewesen wäre. Die Hochzeit versprach aber auch an sich selbst viele Neugierige herbeizulocken, denn es war lange im Lande kund geworden, daß das neue Paar nicht, wie meistens der Fall, von Rücksichten der Zweckmäßigkeit und kluger Berechnung zusammen geführt war, sondern mit einer Zärtlichkeit und Liebe aneinander hing, welche kaum in verfeinerten städtischen Verhältnissen, gewiß aber nicht unter den schlichten Bauersleuten der Gegend bis dahin ein Beispiel gehabt. Es war nicht zu verwundern, daß die ungewohnte Zärtlichkeit des Verhältnisses den gesunden Augen des Volkes Blößen bot, so daß dem Paare, wo es in der Ueberschwenglichkeit seines Glückes sich zeigte, die Mücken des Witzes um die Ohren summten und wohl auch der Spott den Wespenstachel an ihm übte.

Der Ladespruch war diesmal ohne Unterbrechung vor sich gegangen, das Brautpaar mit dem Beispiele Adam’s und Eva’s entschuldigt, daß es in den Stand der heiligen Ehe zu treten entschlossen war, der ehrenfeste und tugendsame Herr Vetter Uttinger vom Schlösselbauernhof nach Gebühr in die Kirche und zum Mahle geladen, auch das Mahlgeld bestimmt und zu guter Letzt die Gesundheit ausgebracht worden für den „Uttinger und das ganze Uttinger’sche Haus“. Der Begrüßte hinwieder spielte seine Rolle nicht minder gut; wie die Sitte forderte, stellte er sich zuerst über alle Maßen verwundert an, daß ihm eine so außerordentliche Ehre widerfahren, die er sich gar nicht erklären und daher auch nicht annehmen könne. Endlich auf dringendes Zureden des Laders mußte er sich doch dazu entschließen und that es unter dem geschickten Vorwande, daß er sich einer weit entfernten Verwandtschaft besann, welche ihm erlaubte, ohne Aufdringlichkeit bei einer so seltenen Feierlichkeit zu erscheinen. Damit war das Ceremoniell des Geschäfts erledigt, und der Alte folgte der Einladung des Bauers, auf der Gräd mit ihm den Willkomm zu genießen: einen Imbiß, an dessen Reichlichkeit und schneller Bereitung wie an einem Gradmesser zu erkennen war, in welcher Achtung das Brautpaar stand.

An Beidem war kein Mangel auf dem Schlösselbauernhofe.

Die Milchträgerin war während des Gesprächs wiedergekommen, hatte den Klapptisch herunter gelassen und auf dem schneeweißen darüber gebreiteten, rothgeränderten Tuche eine Schüssel mit einladendem Selchfleische nebst einer Flasche Kirschgeist aufgestellt, beides Erzeugnisse der eigenen Wirthschaft und der Stolz des Hauses. Das Salzfaß stand daneben und auch der angeschnittene Brodlaib, in welchem das Messer steckte, mangelte nicht, die altgewohnten Zeichen, daß der Gast willkommen sei und im Frieden des Hauses stehe. Der Bauer ergriff die gefüllten Stengelgläser und ging dem Alten damit entgegen; sie stießen an und saßen zu beiden Seiten des Klapptisches nieder – das Mädchen lehnte in der Thür und sah der Begrüßung zu.

„So wollen wir halt Gesundheit trinken auf das Brautpaar,“ sagte der Bauer, das Glas wieder erhebend, „und wollen ihm wünschen, daß es die silberne und gar die goldene Hochzeit erlebt und bei einander aushält wie am ersten Tage. …“

„No, no,“ lachte der Alte, „ein bissel was wird sich schon herunter handeln lassen in der langen Zeit, aber sie werden wohl auskommen, sind ja verliebt in einander wie ein Paar Maikatzeln.“

„Ich versteh’ zwar nichts davon,“ unterbrach ihn das Mädchen, indem sie sich noch bequemer an das Thürgerüst lehnte und dem Alten, der sich, das Glas in der Hand, überrascht nach ihr umwandte, mit verstellter Ernsthaftigkeit in’s Gesicht sah, „aber Du als Wettermacher wirst wohl wissen, wie das ist. Ich für meinen Theil, ich hab’ einmal eine Wetterregel gehört – die hat geheißen:

‚Was kommt oft geschwind und dauert selten?
Die große Lieb’ und die große Kälten.‘“

Der Hochzeitslader hatte sein Glas vor Verwunderung wieder niedergestellt und sah bald auf die Dirne, die sich so unberufen in’s Gespräch mischte, bald auf den Bauer, wie fragend, ob er solche Keckheit dulde.

„Wirst aber wohl Recht haben,“ fuhr das Mädchen fort, „sie werden schon auskommen, sollen ja in einander hineinschauen wie in einen Spiegel. Ist es wahr, daß er neulich beim Kornschneiden, weil er sie über’m Graben hat stehen sehen, zu ihr hingelaufen ist und hat vor lauter Schauen das Brückel übersehen und ist in den Graben hineingeplumpst wie ein Mehlsack? Ist das wahr, Wettermann’l?“

„Du hast eigene Brauch’ in Deinem Haus’, Schlösselbauer,“ sagte der Hochzeitslader, „gefallt Dir das so besonders, wenn die Ehhalten (das Gesinde) überall so dreinreden?“

„Ehhalten?“ fragte der Bauer verwundert. „Von wem redst denn?“

„Von wem sonst, als von der Dirn’, die dort in der Thür lehnt, als wenn sie hingeheirathet hätt’ – von Deiner geschnappigen Oberdirn’ …“ entgegnete der Hochzeitlader etwas gereizt.

Jetzt war die Reihe zu lachen an den Bauern gekommen. [448] „Meine Oberdirn’? Das meine Oberdirn’?“ rief er, trotz der finsteren Miene des Alten, „jetzt freut mich mein Leben. Das ist ja …“

„Ich seh’ schon,“ sagte das Mädchen dazwischen tretend, „ich seh’ schon – ich muß Dir wohl selber aus dem Traum helfen; sei nicht harb, wenn ich Dich ein wenig geföppelt habe. Ich bin nit die Oberdirn’ – ich bin die Tochter vom Haus, die Schlösselbauern Kuni, die Dir recht schön ‚Grüß Gott!‘ sagt. Gieb mir eine Patschhand und trage mir’s nicht nach, was wir mit einander gewörtelt haben!“

Vergnügt schlug der Alte in die dargebotene Rechte ein, aber er fand nicht gleich Worte, seiner Ueberraschung und seinem Staunen über die schöne Entwickelung des Mädchens Ausdruck zu geben, das er seit Jahren nicht wieder gesehen, weil ihn sein Weg nie auf den einsamen Schlösselhof geführt hatte. Das Bild war daher in seiner Erinnerung so gut wie erloschen.

„Ja, bist Du’s wirklich, Kuni?“ rief er dann. „Ist es denn möglich, daß man sich so verwachsen kann in ein paar Jahrl’n? Wie ich Dich zuletzt gesehn habe, da bist noch ein kleines Bäumel gewesen, nur so ein Staudenwerk, über das man noch so hinüberschaut, und jetzt stehst vor mir da kerzengerade und weiß und roth über und über, wie ein Apfelbaum in der Blüh. Nichts ist mehr da von dem Dirnl’, das so verzagt und bleich herumgegangen ist – nichts als die guten blauen Augen, und drum nehm’ ich Deine Patschhand an und sage mit freudigem Gemüth: ‚Grüß Dich Gott!‘“

„Grüß Dich Gott auch noch einmal!“ entgegnete Kuni lachend, indem sie sich den Männern gegenüber auf der Bank niederließ. „Also nichts mehr für ungut! Mußt Dir halt denken, daß man gern lacht in der Jugend, und Du glaubst es nicht, wie spaßig das ausgesehen hat, wie Du vor der Gräd da gestanden bist und hast so ernsthaft in den Rock hinein geredt …“ Sie fing über der Erinnerung wieder zu lachen an und war kaum im Stande, vor Gekicher dem fragenden Vater das Vorgefallene zu erzählen; sie that es aber mit solcher Lustigkeit, daß auch der Zuhörer davon ergriffen wurde. Sie schilderte lebhaft, wie der Wind von Zeit zu Zeit einen Aermel aufgehoben und wie der Reiter dann allemal mit dem Kopf genickt habe, weil er gemeint, der Rock winke ihm. Der Vater schlug vor Vergnügen auf den Tisch und lachte, daß ihm die Augen übergingen, und rief einmal über’s andere: „Jetzt freut mich mein Leben. Die Narrethei hätt’ ich auch mit ansehen mögen.“ Zuletzt mußte auch der Hochzeitlader einstimmen, und das Kleeblatt lachte so laut und einmüthig zusammen, daß aus der Linde ein erschrockener Spatzenschwarm aufrauschte und der Stallbub, der eben dem Schweißfuchs ein Bündel Heu vorgeworfen, verwundert nach der Gräd hinauf sah und sich seine Gedanken machte, worüber doch der Bauer so lachen könne, der sonst immer auf den Heuboden hinauf gehe, wenn ihn das Lachen ankomme.

„Du bist ja ein Kernmädel geworden, Kuni,“ rief der Hochzeitlader nach einer Weile. „Und wie Du Dich sauber ausgewachsen hast! Es ist nur gut, daß Du da heroben in der Einöde hausest, sonst thätst Du am See auf und ab den Buben allen die Köpf’ verdrehen.“

„Meinst nicht,“ rief Kuni, „daß nachher mancher Kopf erst auf seinen rechten Fleck kommen thät?“

„Bist so scharf?“ fragte der Alte rasch entgegen. „Oder hast Dir gewiß schon Einen ausgesucht. Nur heraus mit der Farb’ – der Hochzeitlader ist schier wie der Beichtvater – heraus mit dem Namen, und ich zäum’ den Schweißfuchsen gar nicht ab und mach’ gleich meinen Ritt für Dich; dem Bauer wird’s recht sein, denk’ ich.“

„Jede Stund’!“ rief dieser. „Es ist zwar allemal eine harte Sach’ um’s Ein-Heirathen. Wenn ein Mädel hinausheirathet und Bäuerin wird auf einem fremden Hofe, das ist bald abgemacht, aber wenn man keinen Buben und nur so ein einziges geschupftes (thörichtes) Mädel hat, wie ich, da braucht’s wohl Ueberlegen, bis man einen fremden Burschen als Herrn und Schwiegersohn hereinsetzt in seine schöne Sach’, aber ich thät mir doch gar nichts daraus machen. Mir ist’s alle ’Bot recht, wenn sie sich einen Mann aussucht, aber sie will ja nichts davon hören. Es sind schon ein paar richtige Hochzeiter dagewesen, denen sie ganz gut gefallen hat …“

„Ich – oder der Schlösselbauernhof,“ sagte Kuni gelassen, „aber laß das gut sein, Vater! Mußt mich nicht drücken und drängen. Ich bin jung, Vater, und Du bist auch noch in den guten Jahren. Wir können alle Zwei noch warten, mein’ ich.“

„Das hast schon oft gesagt,“ erwiderte der Bauer, „aber über dem Warten geht die schönste Zeit dahin, und eh’ Du Dich recht umgeschaut hast –“

„Werd’ ich unter’s alte Eisen gehören?“ unterbrach sie ihn lachend. „Kann schon sein, aber dann wird’s mir wohl so aufgesetzt sein in meinem Planeten, oder, wenn’s durchaus geheirathet sein muß, nehm’ ich halt auch einen Alten – weißt, so einen Uebertragenen, der froh ist, wenn er den Hof kriegt, und das alte Eisen als Dreingab’ dazu.“

Der Hochzeitlader war verstummt und sah das Mädchen unverwandt mit steigendem Wohlgefallen an; eine solche Vereinigung von Liebenswürdigkeit und gemüthlicher Heiterkeit war ihm noch nicht vorgekommen, der Vater aber schüttelte den Kopf und brummte halblaut vor sich: „Ja ja, es ist alleweil’ der alte Umgang – da freut mich mein Leben.“

„Und dann ist’s das nicht allein,“ fuhr Kuni fort, indem sie zu dem Vater trat und ihm die Hand auf die Schulter legte. „Ich weiß wohl, daß es Brauch und einmal so eingerichtet ist in der Welt, daß wir Weiberleut’ heirathen sollen, aber es bleibt halt doch immer eine ernsthafte Sach’, bis man so für’s ganze Leben Ja sagt. Und wenn man auch nicht in einen Graben zu fallen braucht vor lauter blinder Lieb’, so mein’ ich doch, ein Bissel was müßt’ sich doch unter’m Brustfleck rühren, wenn man Dem begegnet, der Einem beschaffen ist. Ich bin noch keinem solchen begegnet, und so denk’ ich, wird’s das Gescheidteste sein, wenn ich noch eine Weil’ still voran geh’ und warte, bis das etwa geschieht.“

„Wie ich halt’ sag’,“ rief der Hochzeitlader und klatschte vor Vergnügen in die Hände, „Du bist eine grundgescheidte Person, Kuni, kannst alle Tag’ eingeben um’s Professor werden. So ist’s recht, daß Du Dich nicht übereilst und Dich nicht verbandelt hast, damit Du frei bist, wenn einmal der Rechte kommt, bei dem es Dir unter’m Mieder zu krabbeln anfangt. Ich kenn’ ihn, den Rechten, und will meiner Lebtag’ nimmer auf’s Hochzeitsbitten geh’n, wenn er Dir auch nicht gefallt. Wenn Du mir einen schönen Kuppelpelz versprichst, sag’ ich Dir seinen Namen und mach’ die Sach’ in Richtigkeit. ‚Schür’, Bartel, schür!‘ sagt der Laurentius zum Bartholomä. ‚In vierzehn Tagen ist’s an Dir –‘ Auf die Hochzeit, zu der ich heut’ einlad’, kommst noch als Gast und als Kranzeljungfer, und zwei Wochen darauf soll Deine eigene sein.“

„Jetzt freut mich mein Leben,“ sagte der Bauer. „Du tragst die Hochzeiter wohl so zum Aussuchen im Sacke mit Dir herum? Wer wär’ denn nachher das Prachtmuster von einem Schwiegersohne? Nur heraus mit dem Namen! Am Kuppelpelze soll’s nicht fehlen.“

Kuni hörte mit eigenthümlichem Lächeln zu; es war ihr gleichgültig, welcher Name auch genannt werden würde, und doch war sie neugierig, denselben zu hören. Sie weigerte sich nicht, als der Alte nochmals die Gläser füllte und sie aufforderte, mit ihm anzustoßen. „Der künftige Hochzeiter!“ rief er, „er soll leben!“

„Er soll leben!“ lachte Kuni. „Warum soll ich ihn nicht leben lassen? Das bissel Leben ist ihm nicht zu gut, aber er muß doch schon ein bissel schadhaft sein, weil Du so lange brauchst, bis Du ihn aus der Baumwolle heraus wickelst …“

„Aha, kannst es schon nicht mehr erwarten? Ich wundere mich eigentlich, daß Ihr nicht selber darauf verfallt. Es ist doch gewiß kein zweiter Bursche wie der am ganzen See, und Ihr müßt ihn ja ganz gut kennen …“

„Wer wär’ denn das?“ fragte der Bauer voll Erwartung; Kuni sagte nichts, aber ihr Blick zeigte, wie sehr auch sie auf den verlangten Namen gespannt war. Das Glas schwankte in ihrer Hand.

„Der Sylvest’ ist es,“ sagte der Alte, „der Sohn von Eurem Nachbar, dem Buchmair; er ist ja keine zweitausend Schritt’ von Euch weg. Wie habt Ihr nur auf den vergessen können? Ich mein’ doch …“

Er sprach seinen Satz nicht aus, denn im nämlichen Augenblicke flog das Glas aus Kuni’s Hand auf die Ziegelplatten der Gräd, daß es klirrend in Splitter ging, vor ihm aber stand [449] das Mädchen, völlig verändert, daß er sie kaum wieder zu erkennen vermochte: sie schien größer geworden zu sein, so stolz hatte sie sich aufgerichtet; das Lächeln war aus dem zorngerötheten Antlitze entflohen, und die erst so freundlichen blauen Augen loderten von unheimlichem Feuer. Der Arm, der das Glas weggeschleudert, war noch hoch erhoben, daß der Alte sich unwillkürlich davor niederbückte.

[465] „Da hast Du ein Darangeld auf Deinen Kuppelpelz, Du alter Wettermacher!“ rief Kuni dem Hochzeitbitter zu. „Wenn das Deine ganze Gescheidtheit ist, dann kannst Du sie zu den Scherben werfen und Dich heimgeigen lassen. Gieb das Hochzeitladen auf, wenn ich Dir gut zu einem Rathe bin, und laß Dich irgendwo auf ein Hausdach stellen als Wettermannl!“

Sie verschwand in der Hausthür. Verblüfft sah ihr der Alte nach; er bedurfte einige Augenblicke, bis ihm die in der Kehle stecken gebliebenen Worte wieder flott wurden. „Ja, wie ist mir denn jetzt gescheh’n?“ fragte er dann. „Jetzt weiß ich nicht, bin ich übergeschnappt oder ist es das Madel? Was hat denn das zu bedeuten?“

„Gar nichts,“ erwiderte der Bauer, „als daß Du Deine Sach’ so gescheidt gemacht hast, daß Du sie nimmer dümmer hättest machen können.“

„Ja, aber warum denn? Das ist ja doch völlig unbegreiflich,“ unterbrach ihn der Alte. „Der Sylvest ist doch ein prächtiger Bursch, und wenn er auch der jüngere Sohn ist und den Buchmaierhof einmal sein älterer Bruder bekömmt – bringt er doch einen Sack Geld mit, wie er sich für den gehört, der Dein Schwiegersohn werden will. Ist er nicht Einer der Schönsten vom ganzen Burschet (Gesammtheit der Bursche) weit und breit? Ist er nicht auch brav und ordentlich und fleißig?“

„Alles wahr,“ schaltete der Bauer ein. „Der Vestl wäre mir auch ganz recht, aber wenn ich keinen anderen Schwiegersohn bekomm’ als den, dann freut mich mein Leben, dann darf ich warten, bis die Kuh einen Batzen gilt. Den nimmt das Mädel nicht – da geht sie eher in den See, wo er am tiefsten ist, als daß sie den nimmt.“

„Na, das muß ich sagen, das ist mir zu rund,“ rief der Hochzeitlader. „Warum nimmt sie ihn denn nicht? Ist sie denn mit Blindheit geschlagen auf ihren blauen Augen, mit denen sie Einen durch und durch schauen kann? Ich hab’ Dein Schweizerwägel vor dem Hause stehen seh’n. Du wirst wohl auf den Dießner Markt fahren wollen. Nimm Deine Tochter mit! Der Vestl wird gewiß da sein. Du weißt ja, daß er’s gern ein Bissel anders treibt als die gewöhnlichen Burschen, daß er überall mehr wissen und verstehen will, als die Andern, und daß er deswegen freiwillig mit dem Könige Otto hinein ist in’s Griechenland. Jetzt ist seine Zeit um; vor ein paar Tagen ist er wieder heim gekommen. Wenn ihn die Kuni sieht in seiner Hulanen-(Ulanen) Uniform, mit dem Kreuzel auf der Brust und mit dem Schnurrbarte wie ein General, und wenn sie sich dann nicht Knall und Fall bis über die Ohren in ihn verliebt – nachher, nachher will ich meine Hochzeitladerei aufgeben und mit der Haselgerte hinter den Gänsen d’rein laufen.“

„Das nützt Alles nichts,“ sagte der Bauer. „Du kennst das Madel nicht. Wenn sie einmal ihren Kopf aufgesetzt hat, bringt sie nichts mehr herum, und wenn sie eine Ahnung davon hätt’, daß sie in Diessen dem Sylvest begegnen könnt’, brächt’ ich sie mit zehn Pferden nicht hin. Sie ist sonst ein richtiges Leut und die gute Stund’ selber. Ich wüßte nicht, daß sie eine Feindschaft hätt’ gegen irgend einen Christenmenschen, aber der Sylvest, der ist ihr zuwider wie Gift und Opperment, und wenn sie nur von ihm hört, geht es ihr wie einem Indian (Truthahn), dem man ein rothes Tuch vorhält.“

„Aber warum ist er ihr denn so zuwider?“ fragte der Alte, der mit offenem Munde zugehört hatte. „So was ist ja in der ganzen Welt nicht erhört. Hat er ihr denn was angethan?“

„Beileibe nicht. Das ist so mit ihr aufgewachsen und mit ihm auch; von klein auf haben die Zwei einander nicht ausstehen können und sind mit einander gewesen wie Hund und Katze. … Du weißt, daß der Buchmai’r mein nächster Nachbar ist, keine zweitausend Schritte vom Schlöß’lhofe, und wie die Kinder klein gewesen sind und haben angefangen zu laufen, da sind in der ersten Zeit seine Buben schier jeden Abend zu uns in den Heimgarten gekommen, oder mein Mädel ist zu ihnen hinüber, aber wir haben bald gesehen, daß sie nicht gut thun mit einander. Wie der Bub’ und das Mädel nur zusammen gekommen sind, ist das Trotzen und das Raufen angegangen, da haben sie einander gepufft und gezaust; er hat sie einmal in den kleinen Entenweiher hinterm Buchmai’rhof hineingestoßen, und sie hat ihm auf dem Heuboden einen Renner gegeben, daß er bei einem Haar auf die Tenne heruntergestürzt wäre. Wir haben Alles versucht, haben gestraft und gute Worte ausgegeben – es hat Alles nichts genutzt, ist vielmehr mit jedem Tage ärger geworden. Wir haben es dem Herrn Pfarrer erzählt, der hat gesagt, dagegen ließe sich nichts machen, das wär’ eine ‚Synkasie‘, oder wie er’s genannt hat, und das Gescheiteste wäre, die Kinder eben nicht zusammen zu lassen, dann würden sie vielleicht darauf vergessen und sich vertragen, wenn sie einmal in die vernünftigen Jahr’ kommen thäten. Wir haben es dann so gemacht, [466] haben die Kinder nicht mehr zu einander gelassen, aber das Vertragen ist halt doch nicht zugetroffen. Wie sie in der Schul’ einand’ wieder zu Gesicht bekommen haben, ist der alte Tanz wieder angegangen; der Schulmeister hat seine liebe Noth gehabt mit dem Paare und wir Eltern mit. Erst wie sie größer geworden sind, haben sie sich nichts mehr gethan, aber sie sind einander ausgewichen und in den letzten fünf, sechs Jahren haben sie einander gar nicht mehr gesehen, glaub’ ich, und es ist wohl auch das Beste, wenn es so bleibt.“

Mit allen Zeichen der Verwunderung hatte der Hochzeitlader den Bericht des bekümmerten Vaters vernommen. „Da hab’ ich freilich mit der Hand in die Kohlen geschlagen,“ rief er am Schlusse, „wer kann aber auch an so was denken; närrischer könnt’ man sich’s schier nimmer träumen lassen. Da weiß man wahrhaftig nicht, wo man mit der Verwunderung anfangen und wo aufhören soll.“

Dennoch stand ihm noch Wunderbareres bevor; im Hofe vor der Gräd’ führte ein Knecht ein Paar frische Braune heran, um sie an das Schweizerwägelchen anzuschirren: die vom Bauer zur Abfahrt auf den Diessener Markt bestimmte Stunde war gekommen. Er stand auf und auch der Hochzeitlader schickte sich an, den Schweißfuchs wieder zu besteigen.

Aus der Thür des Hauses trat Kuni, zur Ausfahrt in vollen Sonntagsstaat gekleidet. Rock und Mieder von schwarzem Wollstoffe umgaben reich und weich die stattliche Gestalt. Das Mieder war oberhalb der Brust offen und durch einen hochrothen, mit Goldborten besetzten Brustfleck und eine Art Silbergeschnüre zusammengehalten. Um den Hals schlang sich ein schwarzes Flortuch mit breiter filigranener Schnalle; ein blendend weißes Fürtuch, von Spitzen eingefaßt, bedeckte den Leib, und auf dem reichen Haargeflechte saß leicht und keck das schwarze Sammetmützchen mit dem goldenen Kranze darüber und der breiten Verbrämung von dunklem Pelzwerke.

Der Eindruck ihrer Erscheinung war so liebenswürdig und gewinnend, daß der Hochzeitlader beim Aufsteigen mit dem einen Fuß im Bügel innehielt, um sie zu betrachten, und daß auch des Vaters Blick mit sichtlichem Wohlgefallen auf ihr haftete. Der Eindruck wurde noch gesteigert durch die Art, wie sie näher kam. Langsam, fast schüchtern, mit niedergeschlagenen Augen, ein hohes Roth der Befangenheit auf den Wangen, trat sie vor den Alten hin und bot ihm die Hand.

„Bist harb auf mich, Trompeterfranzel?“ fragte sie herzlich. „Ich bin recht schiech gewesen mit Dir und recht dumm. Du hast ja nicht wissen können, daß ich davon nichts hören mag. Schau, wenn’s geschieht, ist mir gerade, als wenn mir Jemand ein zweischneidig’s Messer mitten durch’s Herz stoßen thät. …

Verzeih’ mir’s halt, und wenn ich wirklich einmal heirathen müßt’, dann soll kein Anderer zu meiner Hochzeit einladen als Du, das versprech’ ich Dir.“

Der Alte war von der plötzlichen Umwandelung und dem schmeichelnden Tone so ergriffen, daß ihm das Wasser in die Augen schoß und er ihr nur stumm die Hand schütteln konnte.

Noch ein paar flüchtige Abschiedsworte wurden gewechselt, dann sauste das Schweizerwägelchen davon; auch der Hochzeitlader saß im Sattel, aber er hielt sein Pferd noch an und blickte dem dahinrollenden Wagen nach. „Bei der ist noch April im Kalender,“ sagte er kopfschüttelnd, „und der April treibt sein Spiel wie er will. Wie’s bei der wohl einmal aussieht, wenn’s Mai geworden ist – oder gar Juni!

Der Wind der dreht sich um Sanct Veit.
Da legt sich’s Laub auf die andere Seit’.

Schad’ ist’s aber doch, daß es mit dem Vest’l nichts werden kann – das wär’ so ein Paarl; mit einem schönern könnt’ ich meine Hochzeitladerei nicht beschließen, das ist gewiß.“

Das stattliche Gefährt des Schlösselbauern hatte bald die Ebene erreicht und rollte nach einem kurzen Stündchen schon zwischen den ersten kleinen Häusern des Marktfleckens Diessen dahin, über welchem das einstige Augustinerstift, längst in einen Edelsitz verwandelt, so freundlich emporsteigt, als habe es die alten Zeiten noch nicht vergessen, da ihm die Ansiedelung zu seinen Füßen zu Wacht und Schutz empfohlen war.

Der sonst so stille Ort hallte wieder von ungewöhnlichem Leben, und in der Hauptgasse, wo die Holzbuden der Krämer aufgestellt waren, vor und zwischen denselben drängte sich die bäuerliche Bevölkerung, bewundernd, feilschend und kaufend; die klugen Handelsleute wußten gar wohl ihre Waaren so zu wählen und so zu ordnen, wie der Bauer sie bedurfte und wie sie seinem Geschmack zusagten, dem häufig das Grelle und Bunte am besten gefällt. Farbige Bänder waren in zierlichen Bogen und befranzte Seidentücher wie wehende Fahnen aufgehangen; die Tuchpäcke lagen so geordnet, daß die dunklen Stücke immer einem scharlachrothen zur Folie dienten, das zur Weste unentbehrlich, oder einem hellblauen, wie es vielfach zu den Langröcken beliebt war. Durch derbe Schuhwaare, Holz- und Eisengeräth, dessen man in Haus und Feld bedurfte, Hüte und Pelzmützen wurde das Waarenlager vervollständigt, und zum Ueberflusse boten ein paar fliegende Buden reichliche Gelegenheit, die Kinder mit Zuckerwerk und vor Allem mit dem ersehnten „Lebzelten“ zu verseh’n. Auch für Schaulust und Unterhaltung war gesorgt; ein welscher Bilderhändler hatte an einer Schnur allerlei bunte Heilige und Mordscenen aus irgend welchen Schlachten aufgehangen und darunter sogar ein Brett voll Gypsfiguren angebracht, dessen Hauptzierde noch immer Napoleon war, in Reitstiefeln, die Arme gekreuzt und das Hütchen auf dem Kopfe. Zwei Künstlergruppen sangen zur Drehorgel die gräulichen „Morithaten“ ab, die auf Stangenbildern nicht minder gräulich abconterfeit waren, eine dritte aber, welche im stolzen Besitze eines Kameels, einiger rothröckiger Affen und eines besonders kunstgeübten Tanzbären war, riß durch ihre Leistungen vollends zur Bewunderung hin. Das Gedränge war ungewöhnlich, denn auch aus entfernteren Gegenden waren Jahrmarktsgäste gekommen; wenn auch auf den meisten Köpfen die Pelzmütze und der niedrige am oberen Theile aufgebürstete Hut mit der Goldschnur und Troddel saß, ließ sich doch auch der schwäbische Spitzhut und die bebänderte Backenhaube zahlreich erblicken und erinnerte daran, wie nahe die Grenzlinie lag, welche den feinen Schwabenstamm von jenem der derberen Baiern scheidet. Auch Joppe und Spitzhut mit Hahnenfeder und Gemsbart fehlten nicht und zeigten, daß auch die Bergler aus dem Vorlande dem Reize nicht widerstanden hatten, den lustigen Diessener Markt zu besuchen, wo es im Wirthshause zum „Maurerhansel“ ein preiswürdiges Bier gab, fröhliche Gesellschaft und einen Tanz, wie er weit und breit nicht lustiger zu finden war. Ueber das Summen und Sausen der wandelnden Menge hinweg und in das Quieken der Drehorgel hinein tönte manchmal ein einzelner Horn- oder Clarinetten-Ton, je nachdem einen der schon wartenden Musikanten die Lust anwandelte, Ton und Stimmung seines Instruments zu versuchen. Im oberen Stockwerk beim „Maurerhansel“, wo der Tanzboden war, hart über den Wipfeln der zu beiden Seiten des Thores aufgepflanzten Fichtenbäume, sah der Hals der angelehnten Baßgeige hinaus, als ob er ebenfalls warte und den Tänzern und Tänzerinnen entgegen zu sehen strebe.

Unten in der Zechstube und dem Vorplatze des Hauses hatte sich schon eine ansehnliche Schaar von Gästen eingefunden, meist junge Bursche, die sich bei Bier und Gesang auf die noch kommenden Genüsse vorbereiteten und zu denselben anfeuerten. Sie mochten schon Ansehnliches geleistet haben, denn die Köpfe waren bereits geröthet und erhitzt, die Hüte näher an’s Ohr gerückt, und die Schnaderhüpfeln und Trutzreime flogen immer rascher von Tisch zu Tisch, wie Wespen die summend nur auf den rechten Augenblick warten, um den Stachel zu gebrauchen. Der Gesang war nicht eben lieblich anzuhören; er bewegte sich in sehr hoher Stimmlage und einförmig leierndem Tone: der rechte Gesang dieser Liedchen ist nur tiefer in den Bergen, nicht aber in den Vorlanden heimisch – aber wenn er auch fremden Ohren minder angenehm klang, den Sängern selber gereichte er dafür zu desto innigerem Vergnügen. Die kurzen, meist im Augenblick entstehenden Absätze bildeten eine Art Unterhaltungssprache, in der man sich die lächerlichen Vorkommnisse der letzten Wochen erzählte, darüber spottete und witzelte, sich gegenseitig herausforderte und die Lustigkeit zu immer höherem Wellenschlage steigerte.

Auch in der Stube selbst fehlte es nicht an einem Gegenstande, der dazu willkommenen Anlaß bot. In einer Ecke, so weit wie möglich von allen Uebrigen abgesondert, saß ein hübsches, halb städtisch, halb ländlich gekleidetes Bauernmädchen mit einem jungen Bauernburschen, der in jeder Beziehung ihr würdiges Seitenstück war. Sie war dunkeläugig und schwarz von Haar, lebhaft von Bewegung und Blick; sein hellblonder Krauskopf und seine blauen Augen stimmten vortrefflich zu seinem mehr ruhigen und [467] gleichmüthigen Wesen; es war das zärtliche Braut- und Liebespaar, mit dessen Hochzeitladung der Trompeterfranzl eben seinen Umritt durch den Gau angetreten hatte.

Die Glücklichen saßen Hand in Hand und sahen einander wie verzückt in die Augen: Sie gewahrten und beachteten nicht, daß sie so viele Zeugen ihrer Zärtlichkeit hatten und manch’ spöttischer Blick und Wink sich mit ihnen beschäftigte; für sie war die Ecke, in der sie saßen, eine selige Insel, und was darüber hinausreichte, war ihnen nicht mehr als das Brausen des Gewässers, das unmächtig an dem Ufer emporschlägt. Sie waren nur mit einander beschäftigt, hatten Aug’ und Ohr nur für einander und achteten auch der beiden Männer nicht, die, an einer andern Ecke sitzend, sich ebenfalls mit ihnen beschäftigten, und zwar mit verschiedenen Empfindungen.

Der Eine, in den standesmäßigen blauen Müllerrock gekleidet, auf dem breite Silberknöpfe prunkten, ließ auf den ersten Blick den behäbigen Landbewohner erkennen, der sich seines Reichthums mit Selbstgefühl und nicht ohne Eitelkeit erfreut und es nur als Zeichen gebührender Ehrfurcht hinnimmt, wenn ein minder bemittelter Bauer oder Söldner vor dem volleren Geldsack den Hut bis zur Erde zieht. Ein gutmüthiges, nicht übertrieben kluges Gesicht mit einer Krummnase, grauen Augen und grauen buschigen Brauen darüber verlor sich in einen so völlig kahlen Scheitel, daß es unmöglich war, die Grenze zu bestimmen, an welcher die Stirne endete und die Glatze begann. Die Hände behaglich über den Tisch gefaltet, sah er auf sein schmuckes Töchterchen hinüber und schien sein herzliches Wohlgefallen an ihr zu haben; dabei hörte er gelassen seinem Nebenmanne zu, der sich nahe zu ihm beugte und mit gedämpfter Stimme eifrig und eindringlich in ihn hineinredete. Der Nebenmann kennzeichnete sich sofort als entschiedener Städter; sein ganzer Anzug bestand aus gelbem Nanking; sogar die Schuhe waren aus diesem Zeuge gefertigt und auch der leichte auf dem Tische liegende Hut mit demselben überzogen. Die Kleidung gab ihm allerdings ein ungewohntes, selbst etwas wunderliches Aussehen, aber sein ganzes Wesen erschien als das eines feinen und anständigen Mannes, der nur etwas zu viel Wohlgefallen an sich selber finden mochte. Seine Gesichtszüge waren durch nichts ausgezeichnet, aber nicht unangenehm, und die unverkennbare Betrübniß, die sich in denselben ausprägte, verlieh ihnen sogar etwas Anziehendes. Er hatte die Goldbrille, die er gewöhnlich zu tragen pflegte, neben sich auf den Tisch gelegt, um bei seinem kurzen Gesicht das Glück des kosenden Paares nicht so deutlich gewahr zu werden. Als er mit seiner Rede zu Ende war, glänzte es in seinen wasserblauen Augen, daß man zweifeln konnte, ob sie in ihrer eigenen Farbe leuchteten oder von einem Thränentropfen, der in dieselben geschossen war.

Als er ausgesprochen, ließ ihn der Müller noch eine Weile auf die Antwort warten; er besann sich auf dieselbe und kraute sich die Platte, als juckten ihn die Haare, die vor langer Zeit dort gestanden. „Es ist das Alles recht gut und schön, Herr Gemeter,“ sagte er dann, sich den Berufsnamen des Gelben mundgerecht machend, „aber jetzt ist halt nichts mehr zu machen; das Mädel ist vergeben; die Hochzeit ist schon festgesetzt und der Hochzeitlader ist mit meinem Schweißfüchsel schon unterwegs – da beißt die Maus keinen Faden mehr ab, und ich kann mein Jawort nicht mehr zurück nehmen. So müssen sich halt der Herr Gemeter die Sach’ aus dem Sinn schlagen: ein Herr wie Sie, der findet zehn Weiber für Eine, und meine Mechel hätt’ für jeden Fall auch nicht hinein getaugt in die Stadt und zu den Stadtfrauen, und wenn ich deutsch von der Leber weg reden soll, so ist es mir am Ende auch lieber, ich habe das Mädel, das nun doch einmal meine Einzige ist, in der Nähe bei mir, als daß ich allemal eine Reis’ machen muß, wenn ich sie sehen und mich erkundigen will, wie es ihr geht …“

„O, mit alledem hätte es keine Gefahr gehabt,“ entgegnete der Geometer. „Ihre Tochter ist so begabt und aufgeweckten Sinnes, daß sie in kurzer Zeit in der Stadt und den städtischen Verhältnissen zu Hause gewesen wäre, und was die Entfernung von Ihnen betrifft, so hatte ich mir auch schon meinen Plan ausgedacht, wie dieselbe beseitigt werden könnte.“

„So? Wie wär’ denn das möglich?“ fragte der Müller, dem die Bewerbung des Stadtherrn unverkennbar schmeichelte. „Es ist zwar zu nichts mehr nutz, aber das möcht’ ich doch wissen, wie Sie das angestellt hätten, daß meine Mechel bei Ihnen in der Stadt und doch zugleich bei mir, in der Grubenmühl’ hätte sein können.“

„Nichts leichter als das,“ war des Geometers rasche Erwiderung, „es hatte dazu nichts anderes bedurft, als daß Sie eben auch nicht in der Grubenmühle geblieben wären. Sie sind ein so reicher Mann, Herr Müllermeister, daß Sie nicht nöthig haben, sich noch zu plagen und zu arbeiten. Sie haben sich in Ihrem Leben soviel geplagt und gearbeitet, daß Sie sich wohl eine verdiente Ruhe gönnen könnten.“

„Zu all’ den zwei Sachen sag’ ich justament nicht Nein,“ sagte der Müller mit selbstgefälligem Kopfnicken.

Der Geometer aber fuhr eifriger fort: „Sie sind ein Mann, der jeder Stadt als Mitbürger Ehre machen würde. Sie hätten nach meinem Sinne die Mühle verkauft, wären mit in die Stadt gezogen und wir hätten eine Familie ausgemacht. Sie hätten Ihre Jahre angenehm verbringen können; ich hätte Sie in die Gesellschaften geführt, in denen ich überall Mitglied und bekannt bin – am grünen Baum im Apollosaale, bei den Stahlschützen und vor Allem auf dem Hofbrauhauskeller, wo jeden Samstag die vornehmsten Beamten zusammen kommen, lauter Controleure, Revisoren, Secretäre und Commissäre, und ich weiß gewiß, in sechs Wochen hätten Sie gar nicht mehr daran gedacht, daß es eine Grubenmühle giebt.“

Der Plan behagte und schmeichelte dem Müller. Er sah sich ordentlich im Geiste schon in der vornehmen Gesellschaft sitzen und fuhr sich erregt über den kahlen Kopf, als wollte er die Gedanken beschwichtigen, die sich darunter zu regen begannen. „Hm,“ sagte er dann, „das haben der Herr Gemeter ganz fein ausgediftelt; das hätt’ sich justament hören lassen können, aber da hätten Sie halt früher das Maul aufmachen müssen. Warum haben Sie denn nicht gered’t, wie Sie zur Vermessung in die Mühl’ gekommen sind? Damals hat sich noch nichts angesponnen gehabt, und wenn Sie Ihre Ansprache bei dem Mädel angebracht hätten, wär’ sie vielleicht gerade so gut Ihre Hochzeiterin, als sie jetzt die vom Brunner Zachariesel ist.“

„Ich wollte nicht so mit der Thür in’s Haus fallen,“ sagte der Geometer, „ich dachte, in der kürzesten Zeit wieder kommen zu können, wurde aber an einen andern Ort zur Vermessung geschickt, und als ich nach vier Wochen wieder auf der Grubenmühle einsprach, war es zu spät und die Verlobung mit diesem unglückseligen Zachariesel bereits geschehen. Wie hätte ich ahnen können, daß sich so etwas ereignen, daß ein Mädchen, wie Ihre Tochter, so gebildet und im Kloster erzogen, sich an einen Bauer wegwerfen könnte.“

„Das müssen Sie nit sagen, Herr Gemeter,“ unterbrach ihn der Müller, der keinen Tadel seiner Tochter ertrug, auch wenn er selber nicht mit ihr zufrieden war; „die Grubenmüller-Mechel“ wirft sich niemals nit weg, und mit dem Zachariesel ist es auch nit so weit gefehlt. Ein Bauer ist er wohl, aber ein richtiger und so in das Mädel verschossen, daß er sie gewiß auf den Händen tragt: sonst ging er nicht von seinem Gut in die Mühl’ und wollt’ das Geschäft lernen und ein Müller werden. Wie ich halt sag’, der Herr Gemeter hätten halt früher sprechen sollen, nachher hätten wir vielleicht reden können von der Sach’ und von dem in die Stadt ziehn – jetzt laßt ihn die Mechel nimmer; jetzt hat sie sich einmal darauf gesteift. Das geht bei einem Kopf wie der ihrige so wenig wieder zurück, wie an einem Baum zuerst die Frucht kommt und nachher die Blüh’.“

„Ich sehe das wohl ein,“ entgegnete der Geometer betrübt, „und wenn ich’s auch nicht einsähe, müßt’ ich es glauben, wenn ich nur mit einem Blicke auf das Paar hinüber sehe, aber begreifen kann ich es immer noch nicht.“

„Da ist nicht viel zu begreifen,“ sagte der Müller, „ein sauberer Bursch’ ist er, der Zachariesel – das muß ihm sein Feind lassen; ein guter Lapp ist er auch, der Alles thut, was er ihr an den Augen absieht, und das ist ja das Liebste, was die Weiber haben wollen. Er hat von seinem Hofe drei gute Stunden bis auf die Grubenmühl’, und doch ist er schier jede Nacht herübergelaufen, bloß um ihr einen Blumenbuschen zu bringen, damit sie ihn, wenn sie in der Früh’ den Laden aufgemacht, gleich hat finden müssen. Hat aber noch eine andere Bewandtniß mit den Zweien,“ fuhr er etwas leiser fort, „und wenn dem Herrn [468] Gemeter soviel daran liegt, kann ich’s ihm ja wohl erzählen. Das ist nämlich so gewesen: der Zachariesel ist meiner Tochter schon lang zu Gefallen gegangen, und sie ist ihm auch nicht feind gewesen, justament. Einmal aber, wie er gerade bei uns im Heimgarten gewesen ist und wir in der Stuben bei einander gesessen, sind, da hat’s im Mühlgange zu läuten und zu klappern angefangen, der Zumüller ist weggelaufen gewesen und hat das Aufschütten vergessen gehabt. Wie ich dann in aller Geschwindigkeit hinaus bin in die Mühl’ und habe das Rad sperren wollen, hab’ ich’s in der Eil’ und in der Unachtsamkeit verseh’n und wär’ über’n Gang hinuntergestürzt, wenn mich der Zachariesel nicht beim Janker gehalten hätte – da hab’ ich mich von dem Fallen erretten können, er selber aber hat darüber das Gleichgewicht verloren und ist statt meiner hinunter gefallen. Hat sich weiter keinen Schaden gethan als einen blauen Fleck und eine Beule über’m Aug’. Das Mädel aber bleibt dabei, der Zachariesel hätt’ sich für mich aufgeopfert und hätt’ mir das Leben gerettet, und von diesem Augenblicke ist’s gewesen, als wenn man ihr ein Feuer angezündet hätte; sie hat seitdem auf dem nämlichen Horn geblasen und ich hab’ nicht Nein gesagt, damit doch wieder einmal eine Ruh’ und ein Frieden ist hergegangen im Haus’.“

Der verunglückte Bewerber hatte schweigend zugehört, eh’ er aber etwas erwidern konnte, ward es in der Zechstube so laut, daß es den Anschein gewann, als hätten die übermüthigen Bauernbursche nicht übel Lust, von Liedern und Worten zu Thaten überzugeh’n. Stoff dazu war in Fülle vorhanden. Wenn einerseits die übergroße Zärtlichkeit des Paares ihre Lachlust und ihren Spott herausforderte, war dies doch noch mehr mit dem Geometer der Fall. Es war nicht verborgen geblieben, daß er um die Müllerstochter gefreit habe. Der Müller selbst hatte es überall erzählt, weil er sich etwas darauf zu gute that, daß seine Mechel auch einen städtischen Freier gefunden habe. Die Bursche aber gönnten das hübsche reiche Mädchen doch am liebsten Einem, der ihres Gleichen war, und hatten ihre Lust daran, daß der Stadtherr abgeblitzt war. Auch seine Kleidung dünkte ihnen lächerlich; sie nannten ihn nicht anders als den Canarienvogel und fanden, daß er einem solchen auch in der Betrübniß gleiche und dasitze, als wenn er eben in der Mauser wäre und anfinge, die Federn zu verlieren.

Die beiden Paare waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß sie diese Stimmung gewahr geworden wären. Sie hörten es nicht, als die fast ununterbrochen forttönenden Schnaderhüpfel allmählich immer spitziger wurden und immer deutlichere Anzüglichkeiten enthielten. Als die Liebenden eben die Köpfe zusammensteckten und mit einander flüsterten und der Eine sang:

“Was bedeut’t denn das Sumsen?
Was bedeut’t denn das G’schleck?
Muß ein Hönig (Honig) verschütt’ sein
Dort hinten am Eck –“

da antwortete ein Anderer so rasch, als wäre es ein bloßer Widerhall, der von selber zurücktöne:

„Geh’ nit hin zu dem Sumsen,
Geh’ nit hin zu dem G’schleck,
Bleibst im Hönig sonst pappen,
Kommst nimmer vom Fleck!“

Ein Dritter war nicht verlegen, die Kosenden in anderer Weise zu verspotten, indem er zuerst das Girren einen Täuberichs nachahmte und dazu sang:

„Und der Spatz und der Hacht (Habicht)
Jeder hat sein Weiberl:
Und Dein Tauber bin ich,
Du mein Turteltäuberl.“

Unter lärmendem Gelächter wurde der Absatz wiederholt, bis ein Vierter, des Stadtherrn gedenkend, also anhob:

„Was will der Canari
Auf unserer Heck’?
Die Dacheln (Dohlen) bald (wenn) wild werd’n,
Die hacken ihn weg.“

Das Gespräch der Liebenden war inzwischen immer wärmer und zärtlicher geworden. „Wirst mich aber auch alleweil so gern haben?“ flüsterte das Mädchen. „Wirst mich auch noch mögen, wenn wir einmal zwanzig Jahr verheirathet sind und wenn ich alt und schiech (häßlich) geworden bin?“

„Wie Du nur so fragen kannst!“ erwiderte der Bursche und drückte ihr zärtlich die Hand. „Und wenn wir tausend Jahr verheirathet wären, ich hätt’ Dich in der letzten Stund’ so gern wie in der ersten, und was das Altwerden betrifft, das ist eine gemeinsame Sach’, dem kommt man nicht aus; was aber das Schiechwerden angeht, auf das lass’ ich’s ankommen bei Dir, das bringst Du gar nicht zuwegen.“

„Du bist halt mein lieber guter Bub,“ entgegnete das geschmeichelte Mädchen. „Du bist mir an’s Herz gewachsen, daß ich nimmer leben könnt’ ohne Dich.“

„Und ich könnt’ nicht leben und nicht sterben ohne Dich,“ sagte der zärtliche Bursche. „Und wenn’s sein müßt’, und wenn ich sterben thät’ und müßt’ fort von der Welt, ich haltet’s im Himmel droben nit aus; ich käm’ wieder zurück, und thät’ weizen (spuken), nur damit ich bei Dir bleiben könnt.“

„Du bist halt ein Lapp,“ sagte das Mädchen, „was hätten wir von dem Weizen? Nein, ich habe im Kloster eine Geschichte gelesen von zwei Verliebten im Venedigerlande, die mit einander gestorben sind, weil sie sich nicht haben kriegen können; so thäten wir’s auch machen.“

„Mir ist Alles recht. Wo Du hingehst, da geh’ ich mit, in den Himmel, in’s Fegefeuer und in die Höll’. Wenn ich nur ein paar Tage nicht bei Dir gewesen bin, da geht mir Alles verkehrt. Mir schmeckt kein Essen und Trinken mehr – da ist mir allemal wie unserem Schimmel, der immer mit dem Schecken zusammen gespannt wird. Wenn der Scheck einmal auswärts ist, da ist er kaum vom Flecke zu bringen und rührt kein Futter an, und wenn ich ihm den besten Hafer vorschütten thät’.“

Das Mädchen rümpfte die Nase und entzog ihm die Hand. „Wie Du wieder daher redst!“ sagte sie mit unwilligem Anfluge. „Wer wird denn die Lieb’ mit seinen Rössern vergleichen!“

[485] „Mußt das nicht schief aufnehmen,“ unterbrach er sie, „mußt es halt so verstehen wie’s gemeint ist. Du kennst mich ja, wie ich bin, Mechel, Du weißt …“

„Ja wohl kenn’ ich Dich,“ fiel sie rasch ein, „aber Du kennst mich nicht, sonst thätst Du wissen, daß ich den Namen Mechel nicht ausstehen kann. Mechtildis heiß’ ich, und so will ich haben, daß Du mich nennst und nicht anders.“

„Ja ja,“ entgegnete er, „ich weiß es ja und hab’ nur darauf vergessen; es geht mir halt hart in den Kopf, denn wenn’s Dir auch anders vorkommt, mir gefallt Mechel viel besser; es ist viel lieber und heimlicher.“

„Warum nicht gar! Das verstehst Du nicht,“ unterbrach ihn das Mädchen, „ich will einmal das Wort nicht hören, und Du mußt auch Deinen Namen ändern. Du heißest ja auch Franz von der Firmung her; ich nenn’ Dich allemal Franz, das dumme Zachariesel bringt man ja kaum heraus.“

Nun war die Reihe, verletzt zu sein, an den Burschen gekommen: er sah nicht ein, was an dem Zacharias auszusetzen sei, der ihm von Jugend auf so gewohnt und vertraut geklungen hatte. „Thu’ dem ehrlichen Namen nicht Unrecht, Mechtild!“ sagte er, „mein Vater hat so geheißen und mein Großvater und mein Ahnl; er ist schon von jeher auf dem Hause.“

„Drum kannst ihn so leichter aufgeben,“ rief Mechtild, „Du gehst ja jetzt fort von Haus und wirst Grubenmüller; eine solche Kleinigkeit wirst mir doch nicht abschlagen, wenn Du mich wirklich so gern hast, wie Du mir alleweil sagst.“

„Wie könnt’ ich Dir was abschlagen!“ rief der Bursche entzückt, denn sie hatte ihm zugleich die Hand wieder geboten und ihn mit einem Blicke angesehen, in dem die ganze Zuversicht einer Liebe glänzte, die ihres Sieges gewiß war. „Ich will ja gern Mechtild sagen zu Dir, wenn’s Dir Freude macht. Nenn’ Du mich, wie Du magst, Peter oder Paul, aber am liebsten ist es mir doch, wenn Du mich Deinen lieben Buben nennst und Deinen Schatz.“

Sie reichten und drückten sich die Hände, und die Versöhnung wäre wohl mit einem Kusse versiegelt worden, wären die Bursche nicht mit einmal so laut geworden, daß es nur einem Tauben hätte entgehen können. So leise der Namenstreit geführt worden, war er doch den Lauschern nicht entgangen, welche aus einzelnen aufgefangenen Worten unschwer den ganzen Zusammenhang erriethen. Sie winkten und nickten sich zu und waren schnell ohne Auseinandersetzung über einen Scherz einverstanden, der dem lustigen Tage vollends die Krone aufsetzen sollte. Schon erhoben sich Einzelne von den Sitzen, als vor dem Hause ein Gefährt angerollt kam und das Vorhaben unterbrach.

Es war das Schweizerwägelchen des Schlösselbauern mit den muthigen Braunen davor. Die Begrüßungen der Gäste waren einfach und bedurften nicht vieler Zeit. Der Schlösselbauer mit Kuni wollte gleich aufbrechen um auf dem Markte die Einkäufe zu machen, die er beabsichtigte, der Müller aber gab es nicht zu und meinte, da man auf dem Lande doch so selten zusammen komme, solle man einen Augenblick verweilen, eine Maß zum Willkomm trinken und dann gemeinsam die Herrlichkeiten des Jahrmarkts besehen. So setzte man sich denn an einem Tische zusammen, und der Müller stellte denen vom Schlösselbauernhofe das Brautpaar vor. Die Mädchen begrüßten sich als frühe Bekannte von der Schulzeit her, und die feurige Mechtild war außer sich vor Freude, der Jugendgespielin ihren Hochzeiter noch besonders vorstellen und erzählen zu können, wie glücklich sie sei. Kuni hörte mit einem Lächeln zu, das von Spott nicht frei war, gewahrte sie doch, daß die Braut den Bräutigam fortwährend an der Hand hielt, als befürchte sie, daß er ihr noch von der Seite weg gestohlen werden könne. Der Bauer hatte soeben von der bereits erhaltenen Einladung und deren Annahme erzählt; natürlich wollte der Müller die dadurch erwiesene Ehre mit einer andern erwidern und erhob den Krug, damit der Schlösselbauer mit ihm anstoße und Bescheid thue.

„Mich schönstens zu bedanken, Schlösselbauer,“ sagte er, „sollst leben und Deine Tochter daneben und sollst bald die gleiche Freud’ erleben.“

Etwas kleinlaut stimmte der Bauer ein und stieß nothdürftig mit dem Kruge an, Kuni aber biß sich die Zähne übereinander und sah auf das Zifferblatt der großen Standuhr hinauf, wo eben der Kukuk aus seinem Verstecke schlüpfte, um mit grellem Rufe die Stunde anzuzeigen. Sie that, als hätte sie gar nicht gehört, was gesprochen worden, und als sähe sie nicht, daß alle Anwesenden, insbesondere das Brautpaar, ihr die Gläser entgegen hielten, um mit ihr anzuklingen auf baldige Erfüllung des soeben ausgesprochenen Wunsches. Zu anderer Zeit hätte sie dazu gelacht und lachend mit angestoßen, aber nach dem, was vor so kurzer Zeit zu Hause vorgefallen, war sie gereizt und empfand die [486] Mahnung, wie man die Berührung einer frischen Wunde spürt; ein kleiner Zwist nach der freundlichen Begegnung schien unvermeidlich, ward aber im Entstehen durch das Eintreten des welschen Bilderhändlers abgeschnitten, der mit einem Brette voll Gypsfiguren auf dem Kopfe hausiren ging. Das Ansehen der um den Herrentisch gereihten Gäste schien ihm einen guten Handel zu versprechen; er nahm daher seine Figuren herab und fing an, sie anzupreisen und zum Verkaufe einzuladen. Es waren Brustbilder von Jesus und Maria und Gestalten von Heiligen. Mitten unter den frommen Gestalten war auch die eines kleinen heidnischen Liebesgottes, ein geflügelter Amor, der mit schelmischem Lachen die Spitze eines Pfeiles prüft.

Die Erwartungen des Händlers wurden jedoch nur sehr mäßig erfüllt; die Waare wurde wohl durchgemustert, aber Niemand hatte Lust, zu kaufen. Der Schlösselbauer und der Grubenmüller wußten nicht, wie sie das zerbrechliche „Gelump“ nach Hause bringen sollten und verließen die Stube. Dieser hatte einen Handel mit dem Wirthe abzumachen. Jener wollte in den Stall, um nach seinen Braunen zu sehen. Nur der Geometer blieb zurück – er lag trotz alles Unglücks noch immer im Banne von Mechtild’s Augen und kreiste immer näher um dieselbe, wie ein gelber Nachtfalter um die Kerze, die ihm bald die Flügel verbrennen soll. Er lechzte darnach, mit dem Mädchen ein paar Worte zu wechseln, wenn er sie auch für sich verloren geben mußte, und auch Mechtild zeigte keinen Widerwillen gegen seine Annäherung. Kein weibliches Wesen wird einem Manne deshalb gram, weil er sie liebt, auch wenn sie nicht daran denkt, ihn zu erhören. Ihre Blicke begegneten denen des Gelben durchaus nicht unfreundlich, wenn sie auch den Arm ihres Hochzeiters keinen Augenblick aus dem ihrigen ließ. Dieser ward es nur zu wohl gewahr. Die Funken der Eifersucht begannen in seinem sonst so ruhigen Gemüthe zu sprühen.

Mechtild war die Einzige, welche an den Gypsfiguren Gefallen fand, besonders gefiel ihr der Amor mit dem Pfeile; sie hatte einmal in irgend einem ihrer Bücher davon gelesen und trug eine unklare Vorstellung dessen in sich, was die Statuette bedeuten sollte. Auch die minderbelesene Kuni betrachtete den hübschen Buben mit Wohlgefallen – sie hatte keine Ahnung seines symbolischen Sinnes. „Was ist denn das für ein Bübel?“ sagte sie. „Gewiß ein Engerl, weil er Flügel hat. Und was macht er denn mit dem Pfeile, den er in den Handeln hat?“

Nun war für den Geometer der erwünschte Augenblick gekommen, sich in’s Gespräch zu mischen und zugleich Mechtild eine Gefälligkeit zu erweisen; er sah, daß sie den Amor gern besessen hätte und sich doch scheute, denselben zu kaufen. Er begann von dem Liebesgotte der Griechen und Römer zu erzählen, von seiner Allmacht und Unbezwinglichkeit, von der Sicherheit, mit der er seine Pfeile versende, und von den bitteren Schmerzen, die Mancher zu erdulden habe, den er getroffen. Er schloß damit, daß er den Amor kaufte und Mechtild bat, denselben als ein kleines Verlobungsgeschenk von ihm anzunehmen, Niemand besser als sie eigne sich zur Besitzerin des unbezwinglichen Gottes der Liebe. Mechtild nahm erröthend und nicht ohne Zögern das Geschenk an, das in so zierlicher Weise gegeben wurde, sie wehrte sogar dem Schenker nicht, ihre Hand zu fassen, um sich doch auch dafür dankbar zu bezeigen. Es war vergebens, daß Zachariesel ihr den Arm preßte und drückte und ihr in eifersüchtigem Grimme zuflüsterte, sie solle den Amorl doch ja nicht annehmen – das schicke sich nicht.

Kuni war es heiß über die Wangen geflogen, weil ihre Unwissenheit so beschämend an den Tag gekommen; sie fühlte sich unbehaglich in der Gesellschaft und sah sich nach der Thür um, den Vater aufzusuchen; Mechel, die auch von Verlegenheit nicht frei war, bat sie jedoch zu bleiben und dann den Gang zu den Verkaufsbuden mit ihr gemeinsam zu machen. Sie konnte nicht wohl anders und blieb; Mechtild beauftragte den Bräutigam, die Gypsfigur auf den nächsten Tisch zu stellen, aber ja recht behutsam, daß ihr nichts geschehe; wie die Spatzen auf einen Kirschbaum, von welchem die Vogelscheuche entfernt wurde, schoß der Geometer auf den endlich einmal leer gewordenen Platz an Mechtild’s Seite und war eben im Zuge, ihr seine Ueberraschung und schmerzliche Verwunderung über Alles auszusprechen, was seit seiner Anwesenheit in der Grubenmühle mit ihr vorgegangen war, als es hinter ihm polterte und klirrte und der Amor mit abgebrochenem Kopfe und zerschmetterten Beinen auf den Stubenboden kugelte. Zachariesel hatte seinen Auftrag etwas gar zu behutsam ausgeführt und in dem Bestreben, Mechtild nicht aus dem Auge zu verlieren, die Figur neben die Tischplatte in die Luft gesetzt oder gar in geheimer Bosheit mit Absicht fallen lassen.

„O weh, jetzt ist das schöne Engerl in tausend Trümmer gegangen,“ rief Kuni und machte sich daran, die Scherben aufzulesen; Mechtild aber fuhr mit zornrothem Gesichte auf den Missethäter zu. „Was ich halt immer sag’,“ rief sie, „Du bist und bleibst ein dummer Bub. Läßt er die schöne Figur fallen, als wenn’s ein Stück Holz wär’. Du hast Recht, wenn Du Deinen Namen behalten willst, Du bist ein recht tappeter Zachariesel.“

Der Bursch erröthete bis unter das Stirnhaar. „Oho, Du brauchst mich deswegen nicht vor allen Leuten dumm zu machen,“ entgegnete er fester, als sie es sonst von ihm gewohnt war. „Ist schon der Mühe werth, Mechel, daß Du wegen der paar Gypsbrocken einen solchen Lärm aufschlägst, und wenn Dir gar so viel daran gelegen ist, dann kauf’ ich Dir eine andere – brauchst Dir’s nicht schenken zu lassen von wildfremden Leuten.“

Mechtild betrachtete den Zürnenden mit geheimem Vergnügen; noch nie war er ihr so hübsch vorgekommen, und die unverhohlene Eifersucht, die aus seinen Worten und Blicken hervorloderte, hatte für sie etwas so Wohlgefälliges, daß sie darüber nicht einmal hörte, daß er sie schon wieder Mechel genannt hatte. Lachend trat sie vor ihn hin, klopfte ihn auf die Backe und sagte: „Laß es nur gut sein, Franzel, und sei nicht harb! Es ist mir nur so herausgefahren im ersten Zorne.“

Sie sah ihn glücklich an. Er faßte ebenso vergnügt ihre beiden Hände; das war für den Geometer zu viel – er eilte hinaus, und die Thür schlug hinter ihm krachend in’s Schloß. Auch Kuni folgte ihm; sie konnte nicht mehr wie anfangs lachen über das „verliebte Gethu’“ der Beiden; sie fühlte sich davon angewidert und wollte hinaus, ehe Mechtild ihre Entfernung gewahren würde.

Erstaunt trat sie einen Schritt zurück. Die Thür war von den Burschen umstellt, welche den günstigsten Augenblick zur Ausführung des längst geplanten Scherzes für gekommen hielten. Sie standen in weitem Kreise und schickten sich an, dem Liebespaare zum Spotte ein im Volke wohl bekanntes Spiel aufzuführen, dessen Inhalt darin besteht, daß ein Vater, dem ein Knabe geboren worden, mit dem Meßner und dem Nachbar darüber berathschlagt, welchen Namen der neue Weltbürger erhalten sollte. Die beiden Vorsänger, welche den Meßner und Vater vorstellten, begannen, die Uebrigen sangen den Endreim im Chore mit. Der Meßner schlägt dann Namen um Namen vor, aber an jedem findet der Vater etwas auszusetzen und kommt nach jedem Vorschlage schüchtern und mit verschämtem Zögern auf den Namen Zachariesel zurück, indem er erst die Vorsilbe einzeln und abgebrochen mehrere Male wiederholt, dann aber mit dem innigsten Behagen den ganzen Namen hervorjubelt. Der Streit der Liebenden über ihre Namen war den Burschen eine kostbare Gelegenheit, war ja doch das Lied, als wäre es eigens für diesen Anlaß gemacht.

Der Vater sang:

„So woll’n wir berathen, liebe Männa,
Wie wir den kleinen Buben nenna …“

„Virgili“ sang der Meßner, und der Vater erwiderte: „das ist mir z’herrisch.“ „Pamphili“, fährt der Meßner fort, aber der Vater wehrte wieder ab und meinte: „das ist mir z’närrisch.“ Dann begann er erst etwas unsicher, bald aber immer lauter und zuversichtlicher „Za – Za – Za –“ und schloß unter allseitigem Jubel mit den Endreimen:

„Zacharieserl wär’ nett und Zacharieserl wär’ schön,
Zacharieserl wär’ deutlich und leicht zu versteh’n.“

Sie kamen nicht weiter, denn der Träger dieses Namens war auf den Meßner losgesprungen und hielt ihn fest an der Gurgel gepackt. Die Anderen wollten dem Cameraden helfen, und in einem Augenblicke hingen Alle in einem Knäuel aneinander, wie ein abgehender Bienenschwarm – es war nahe daran, daß der zweifachen Lustbarkeit des Trinkens und Singens noch die dritte folgen sollte, die des Raufens.

Mechtild war schreiend in eine Ecke entflohen; Kuni schien [487] dagegen nicht übel Lust zu haben, als Vermittlerin aufzutreten, es bedurfte dessen aber nicht, denn gerade in der entscheidenden Minute, wo die Sache eine bedenkliche Wendung nehmen konnte, war die Thür mit Gewalt aufgestoßen worden, und ein junger Mann in soldatischer Uniform war eingetreten. „Auseinander! Da wird nichts gerauft,“ rief er mit echter Commandostimme, ging aber auch sogleich daran, die Ausführung seines Befehls in’s Werk zu setzen. Mit Einem Rucke der kräftigen Arme nach rechts und links waren die Streitenden auseinander gedrängt, daß sie kaum wußten, was ihnen geschah, und neugierig von selbst in ihrem Ringen innehielten.

Der junge Mann trug die schöne Kleidung der griechischen Ulanen von blauem Tuche mit karmosinrothem Aufschlage und Brustlatze. Ein schöner Kalpak von gleicher Farbe mit weißem hängendem Haarbusche saß auf dem keck aufgeworfenen Haupte. Reiche blinkende Fangschnüre hingen gefällig um Schulter und Brust.

Der Ulane hatte sich eben durch den Schwarm hindurch gearbeitet, als Kuni von der andern Seite sich demselben näherte. In der Mitte ihres Weges trafen Beide zusammen und standen sich plötzlich und unvermuthet hart gegenüber. Ein Augenblick[WS 1] stummen gegenseitigen Betrachtens folgte, dann wie ein aufzuckender Blitz ein Moment des Erkennens – im dritten funkelte es unheimlich in Beider Augen, als habe der Strahl dort eingeschlagen und gezündet. Um ihre Lippen spielte ein Lachen, aus Hohn und Haß gemischt, und mit einer Geberde gleichgültiger Nichtachtung hätten sie sich von einander abgewandt.

Raschen Schrittes, mit glühenden Wangen und fliegendem Athem verließ Kuni die Stube. In gemessenem Gang, den Kalpak zurecht setzend, als wäre er verrückt worden, folgte der Ulane; auch Mechtild mit dem Hochzeiter fand es gerathen, sich ihm wie einer Sicherheitsescorte anzuschließen.

Mit lautem Jubel, als wären sie Sieger, behaupteten die Bursche das Schlachtfeld und kehrten zur alten Unterhaltung zurück, hatte dieselbe doch neuen, noch anziehenderen Stoff gefunden. Wohl war von dem eigenthümlich feindseligen Verhältniß, in welchem Sylvest und Kuni zueinander standen, unter den Leuten nicht viel bekannt geworden, aber etwas hatte doch durchgesickert, wie feuchter Grund eine verborgene Quelle anzeigt, und so konnte es nicht fehlen, daß in dem einen oder anderen der Bursche, die mit Sylvest von gleichem Alter waren, durch die auffallende Eigenthümlichkeit und abstoßende Kälte dieses Begegnens Erinnerungen aus der Bubenzeit wieder aufwachten und allerlei Vermuthungen Nahrung gaben. Es währte nicht lange, so hatte der Stoff sich auch schon in die Form des Liedes gefunden, und lustig klang es den Enteilten nach, wenn sie es auch nicht vernahmen:

„Und ein Hund und ein’ Katz
Haben bei einander nit Platz,
Und der Hund, der thut beißen,
Und krallen de Katz.“




2.


Sanct Galli Tag
Soll jeder Apfel in sein’ Sack.

Mit einem Lächeln auf dem heißen, müden Angesichte war der Sommer entschlafen – lächelnd, wie durch erquickenden Schlummer gestärkt, war der Herbst erwacht und hatte sich rasch an sein Tagewerk gemacht, die Früchte zu ernten, die jener reich und schön wie selten zur Reife gebracht. Schon war er damit nahezu am Ziele und schickte sich an, von den Scheuen und Speichern, die er gefüllt, selbst wieder Abschied zu nehmen, den Abhang seines Wirkens hinunter zu schreiten und dem Winter Platz zu machen, damit dieser mit Ruhe und Stille den Fluren die Kraft wieder gebe, einen neuen Frühling keimen zu lassen. Die Freude und der Segen Aller, die er erfreut und bereichert, gab ihm das Geleit: man sah im ganzen Gau nur heitere Gesichter; das Fest der Sichelhenk und des Schnitthahns war fröhlicher begangen worden, als in vielen Jahren geschehen, und selbst die Natur schien sich der glücklichen Menschen zu erfreuen, denn obwohl bereits die rasch abnehmenden Tage verkündeten, daß der October seine nebelreiche Herrschaft begonnen hatte, war doch der Himmel so sonnig und blau und die Luft so mild und weich, daß Wiesen und Fluren noch im vollsten Grün eines Spätfrühlings prangten und nur hier und da in den Wäldern eine vergilbende Birke oder das geröthete Laub einer Buche verrieth, wie nahe vielleicht das Ende all dieser Herrlichkeit sein mochte.

Es lag im Sinne des Volkes, seine Freude auch durch kirchliche Festlichkeiten kund zu geben, und Wallfahrten zum Danke für die gesegnete Ernte waren, wie noch bis zur Stunde, das beliebteste Mittel, die Andacht mit dem Vergnügen zu verbinden. Der Hauptort, wohin diese Züge sich richteten, war die am entgegengesetzten Ufer des Ammersees vom hohen Berge weithin sichtbare Kirche von Andechs, vom Volke der heilige Berg geheißen und in grauen Zeiten der prangende Herrschersitz der Grafen von Andechs, die sich auch Herzöge von Meranien genannt, aber nach kurzer Macht und Pracht untergegangen waren, ohne etwas anderes zurück zu lassen, als einen fast zum Märchen gewordenen ruhmvollen Namen.

Die Glocken der mächtigen Kirche hatten eben mit ihren feierlichsten Klängen einen solchen Wallfahrerzug empfangen. Es war die Gemeinde, zu welcher der Schlösselbauernhof gehörte; der Besitzer desselben fehlte daher in dem Zuge so wenig, wie Kuni in der Nähe der Prangerinnen. Die Riesenkerze war der verlobte Dank und das Opfer für die reiche Ernte. Auch von anderen Orten waren bereits ähnliche Züge eingetroffen. Die Kreuze und Fahnen glänzten im Laube der um die Kirche stehenden Lindenbäume, indeß ihre Träger und die Wallfahrer, die den andächtigen Theil ihres Tagewerks bereits hinter sich hatten, auf dem Rasen vor dem damals unbewohnten Kloster herumsaßen und sich glücklich priesen, wenn sie zu dem mitgebrachten Mundvorrathe einen Krug Bier aus dem Wirthshause erobern konnten, das in seinen nicht unansehnlichen Räumen kaum hinreichte, dem zehnten Theile der dürstenden Frommen Aufnahme zu gewähren. Viele zogen es daher vor, in das nahe Dorf zurückzukehren, dessen Häuser sich an solche Tagen für Freunde und Bekannte in ebenso viele Herbergen verwandelten.

Unter diesen Auswanderern befand sich auch der Grubenmüller mit Tochter und Bräutigam; wäre auch die Nachbarschaft nicht gewesen, die sie mit den Wallfahrern verknüpfte, so hätte das herrliche Wetter zu einem Vergnügungsausfluge eingeladen; das junge Paar war immer zu einem solchen bereit, erhielt es doch durch denselben Gelegenheit zu ungestörtem Beisammensein, die sich außerdem seltener bot, denn die Hochzeit, die schon so nahe angesetzt gewesen war, hatte sich durch eine Reihe zufälliger Umstände verzögert und war zu nicht geringem Staunen und Kopfschütteln der Geladenen um einige Wochen verschoben worden. Ein starkes Gewitter, das sich in einer Art Wolkenbruch entladen, hatte in der Grubenmühle arge Verwüstung angerichtet, so daß über der Ausbesserung an den Einzug eines neuen Herrn nicht wohl zu denken war; eine Schwester des Müllers hatte durch ihren Tod Trauer in’s Haus gebracht – die Hauptveranlassung aber lag wohl in den beiden Brautleuten selbst. Wenn sie von einander entfernt waren, sehnten sie sich nacheinander, wie ein Paar jener Vögel, die man die Unzertrennlichen nennt; waren sie einige Stunden beisammen, so kam es jedesmal unter ihnen zu einem Zanke oder Zwiste, der zwar immer mit einer Aussöhnung endete, aber ohne daß dadurch für das nächste Begegnen ein ähnlicher Vorgang ausgeschlossen wurde; es war ein böser Samen aufgegangen in ihrem Liebesgarten, der, so oft auch das emporschießende Unkraut abgeschnitten wurde, immer neu aufwucherte, weil die Wurzel zurückgeblieben war. Die Liebenden selbst waren davon am wenigsten unangenehm berührt; sie wußten ja doch, daß sie sich angehörten, und lag doch ein eigener Reiz darin, nach dem Schmollen und Grollen sich immer lieben zu wollen; desto ärgerlicher waren die Zwistigkeiten dem Müller, der manchmal vermittelnd eingriff und es vortrefflich zu machen glaubte, wenn er Mechel eine „geschupfte Dingin“ nannte, die nächstens überschnappen werde, oder Zachariesel einen Lappen schalt, der sich keinen Respect zu verschaffen wisse.

Auf dem Wege zum Dorfe nahm ein Bekannter, der den Dreien begegnete, den Müller in Beschlag. Mechel und Zacharias gingen langsam voran. Es hatte wieder die gute Stunde für sie geschlagen, und sie gewahrten darüber kaum, daß er nach kurzem Gespräch ihnen nacheilte, mit einer Miene, welche schon von Weitem verrieth, daß seine Unterhaltung nicht so angenehmer Art gewesen war, als die ihrige. „Jetzt hab’ ich die Geschicht’ einmal satt bis an den Hals,“ rief er, als er die Beiden erreicht hatte; „jetzt muß einmal ein End’ hergehn; in sechs [488] Wochen ist Hochzeit, da beißt die Maus keinen Faden ab; ich will es haben, und wie ich es haben will, justament so muß es geh’n.“

„Was schreist denn so, Vater, und thust Dich so alteriren?“ erwiderte Mechel, indem sie ihn lächelnd betrachtete und gleichgültig fortfuhr, an Zachariesel’s Hut, den sie ihm abgenommen, ein Paar am Raine gepflückte Feldblumen zu befestigen. „Mich brauchst Du deswegen nicht auszuzahlen. Mir ist’s ja jede Stunde recht und meinem Franz auch; wer ist denn dran schuld, daß es sich so lang’ hinauszieht, als Du selber, zuerst mit Deiner Bauerei und dann mit der Klag’ wegen der Bas’? Wir Zwei sind einig, nicht wahr, Franz?“

„Ja wohl, Mechel – will ich sagen, Mechtild,“ rief Zachariesel freudig, „wir Zwei sind einig und lassen nit von einander und wenn man uns mit Keilen von einander klieben wollt’ –

Und Eins weiß ich g’wiß,
Das bleibt allemal wahr;
Zwei Täuberl, zwei Herzerl –
Giebt jedes ein Paar.“

„So, zuletzt soll ich wohl die Schuld haben an all’ dem Gethu’?“ unterbrach ihn ärgerlich der Müller. „Dann will ich Euch zeigen, daß ich es nicht bin, und will nicht auslassen, bis Ihr copulirt seid. Jetzt soll in vier Wochen die Hochzeit sein. Noch heut’ red’ ich mit dem Trompeterfranz’l, wenn er mir nicht ausspringt, weil ich ihn schon einmal mitten im Sommer in den April geschickt hab’. Gerade hat mich der Berger von Berg, der spöttische Mensch, angered’t und hat gefragt, wann die Hochzeit sei und daß die Leut’ gar nicht begreifen, was denn dazwischen gekommen ist, und daß sie die Köpf’ zusammenstecken und schon anfangen, Euch einen Spitznamen zu geben, und daß sie Euch die ewigen Hochzeiter nennen.“

„Das können die Leut’ thun von mir aus,“ rief Mechtild dazwischen; „das ist keine Unehr’, und wenn wir erst verheirathet sind, thun wir’s ihnen zum Trotz’ und wollen als Eh’leut’ erst recht die ewigen Hochzeiter bleiben. Nicht wahr, Franzel?“

„Freilich, Mechel – will sagen, Mechtild,“ erwiderte der Bursche zerstreut; er hatte das Gesprochene nur halb gehört und bejahte auf gut Glück, wie er es immer gewohnt war. Während sie an den Häusern und Gärten des Dorfes dahin gegangen, hatte ein Mädchen über den Zaun gesehen und ihm wie einem alten Bekannten grüßend zugenickt. Das rothbackige Gesicht mit den blauen Augen und dem Flachshaar war ihm nicht unbekannt, aber vergebens blätterte er in dem Büchlein seiner Erinnerungen zurück, um das Blatt zu finden, auf welchem dieses Bildchen verzeichnet stand. Mechtild gewahrte seine Zerstreuung nicht; so wanderten sie noch völlig die Dorfgasse hinab bis zum Wirthshause, vor welchem, durch die Straße geschieden, ein geräumiger Sitzplatz sich über Stufen erhob, mit Tischen und Bänken und breitästigen reich belaubten Lindenbäumen darüber. Sie gingen Hand in Hand, zum Zeichen völliger Eintracht, und doch dauerte die Eintracht nicht länger als der Weg.

Unter den Bäumen waren fast alle Plätze schon von lachenden und plaudernden Gästen besetzt; nur zuvorderst an der Straße war noch eine Rundbank leer, weil sie von der Sonne beschienen war; ein einziger Gast hatte sich nicht davor gescheut und schien sich in der Helle und Hitze vielmehr ganz behaglich zu finden. Sein gelber Anzug leuchtete den Ankommenden schon von ferne entgegen, das Leuchten aber hatte zugleich die Wirkung eines Blitzes, der Zachariesel traf und seine Eifersucht hell auflodern machte. War dieselbe auf dem Diessener Markte mehr die Wirkung eines dunkel ahnenden Gefühls gewesen, so war sie jetzt eine ganz deutliche und bewußte Regung, denn der eitle Grubenmüller hatte es nicht über’s Herz gebracht, sein damaliges Gespräch mit dem Geometer zu verschweigen; er mußte groß damit thun, daß seine Tochter auch eine gute Heirath in die Stadt hätte machen können und daß er selber ganz wohl als Privatier in München sitzen könnte, auf dem Hofbräuhauskeller, mitten unter den Secretären und Commissären. Zachariesel’s Gemüth war davon etwas angeflogen, wie beim Vorbeistreifen an einer Hecke ein feiner Stachel hängen bleibt, den man nicht gewahrt und der doch durch das Gefühl seine Anwesenheit verräth. Es beruhigte ihn nicht ganz, daß der Müller sogleich hinzufügte, er denke nicht an solche Sachen, und auch an Mechtild glaubte er zu bemerken, als ob die Mittheilung nicht einen so vorübergehenden und gleichgültigen Eindruck auf sie gemacht habe, wie sie denselben schilderte. Zacharias empfand den Anblick des Gelben wie einen Schlag, der seine Hand aus der Mechtild’s schleuderte. „Himmelsacrament!“ rief er losplatzend, „führt denn der Teufel den verdammten Kanari überall hin?“

Weder Mechtild noch der Müller hatten Zeit, ihn zu beruhigen oder auch nur etwas darauf zu erwidern, denn der höfliche Städter hatte die Ankommenden bereits bemerkt und eilte ihnen mit dem artigsten Gruße und der Einladung entgegen, an seinem Tische Platz zu nehmen – es war kein Grund vorhanden, dieselbe auszuschlagen, um so weniger, als alle anderen Sitze überfüllt waren, und so saß der Müller nach wenigen Augenblicken neben dem Geometer; auch die jungen Leute mußten folgen und verweilten nur, weil Zacharias das Mädchen nicht los ließ, sondern erhitzten Angesichts eifrig in sie hinein redete.

„Ich lasse mir’s nicht einreden, daß das bloßer Zufall ist,“ grollte er. „Wie käm’ der Geometer gerade heut’ hieher, wo’s auf sieben Meilen nichts zu vermessen giebt! Wirst ihm schon Post gethan haben, so durch die dritte und vierte Hand.“

„Ob Du mich in Ruhe lassen willst mit Deiner dummen Eifersucht?“ zankte das Mädchen hinwider. „Hast es in der Geschwindigkeit schon wieder vergessen, daß Du selber gesagt hast, man könnt’ uns nicht mit Keilen auseinander treiben, und jetzt brennt Dir schon wieder der Kopf? Ich weiß nichts von dem Feldmesser und wundere mich gerade so gut wie Du, daß wir da wieder mit ihm zusamm’treffen.“

„Ich glaub’ Dir’s ja, Mechtild,“ sagte Zacharias einlenkend, „ich glaub’ jedes Wort, das Du sagst, aber Du mußt mir dann auch versprechen, daß Du nicht mit ihm red’st und Dir Flattusen sagen laß’t von ihm. Neulich hast ihm sogar die Hand gegeben …“

„Das ist nicht wahr,“ eiferte sie, „er hat sie sich genommen, und wenn Du glaubst, Du darfst mich nur so commandiren, und mir befehlen, was ich reden und wie ich d’rein schauen soll, so bist Du auf dem Holzweg. Ich will nicht, daß man mich für eine dumme Gans halten soll; ich will, daß man’s kennen soll, daß ich nicht umsonst im Kloster gewesen bin.“

„Mechel,“ rief der Bursch in wieder aufsteigendem Unmuth. „Mechel, sage so was nicht! Du weißt, daß ich es nicht vertrag. Wenn Du das thust, nachher steh’ ich für nichts gut. Nachher giebt’s ein Unglück.“

„Und was wär’ denn das für ein Unglück?“ fragte sie spöttisch entgegen.

„Ich geh’ auf und davon,“ rief er, laut genug um auch von den anderen Anwesenden vernommen zu werden. Mechtild aber, dadurch gereizt, erwiderte nicht minder verständlich: „Thu’ das, Zachariesel! Das Unglück ist zu ertragen – ehe eine Stunde vergeht, bist Du doch wieder da.“

Damit wandte sie sich lachend von ihm ab und dem Tische zu, wo sie den Gruß des Geometers auf’s Freundlichste erwiderte und nicht im Mindesten zögerte, in dessen dargebotene Hand einzuschlagen. Der Bursche hielt sein Wort; er drückte den Hut so fest auf die Stirn, daß die Feldblumen, die Mechtild daran befestigt hatte zu Boden fielen, ohne daß er es gewahr ward oder beachtete. Ihr flog es dabei heiß über’s Gesicht, aber sie zwang sich, hell aufzulachen, als der Geometer aufsprang und die Blumen auflas. „Es läßt sich errathen,“ sagte er mit seiner artigsten Verbeugung, „wer dem glücklichen Bräutigam diese Blumen geschenkt hat, allein da er sie verliert, ist es wohl erlaubt, wenn sie ein Anderer zu sich nimmt, der sie besser zu verwahren weiß.“

„Warum justament nicht?“ sagte der Müller. „Was weggeworfen wird, kann Jeder aufheben, da beißt die Maus kein’ Faden ab.“ Mechtild aber erröthete bis unter das Haar, denn es entging ihr nicht, daß Zacharias sich nur zum Scheine entfernt hatte und, hinter einem Holzstoße verborgen, sie von ferne beobachtete. Sie lachte in sich hinein und hörte eine Weile mit Vergnügen dem Geplauder des Feldmessers zu, wie das schöne Wetter ihn noch einmal zu einem Ausfluge veranlaßt habe und wie er dazu diese Gegend gewählt, weil eine stille Hoffnung ihm gesagt, wen er vielleicht hier antreffen werde. Was er dabei [489] nicht aussprach, sagten seine Blicke desto deutlicher. Auch der Vater ließ sich mit Behagen erzählen, wie auf dem Hofbräuhauskeller unlängst ein so herrliches Fest gefeiert worden sei und wie er einen Finger aus der Hand darum hätte geben wollen, wenn der Herr Grubenmüller dabei hätte zugegen sein können. Darüber war Mechtild allmählich kühler und gleichgültiger geworden, und ihre Blicke richteten sich immer öfter dahin, wo sie Zacharias bemerkt hatte, aber der Platz war leer. Sollte er wirklich im Stande gewesen sein, seine Drohung zu erfüllen? Hätte er es wirklich vermocht, fortzugehen und sie allein zu lassen ohne „Grüß Gott“ und „behüt’ Dich Gott“? Je länger sie sich umsah, je peinlicher ward ihr zu Muthe. Zorn und Kränkung wechselten in ihr; zuletzt vermochte sie nicht mehr auf ihrem Sitze zu verbleiben und mahnte den Vater, wie es nun Zeit sei, aufzubrechen, und wie sie noch beim Krämer des Orts allerlei zu fragen und zu besorgen habe. Der Müller erhob sich ohne Widerrede, und der Geometer gab ihnen bis an die Stufen das Geleit; „Auf Wiedersehen“, rief er ihnen zu und sah ihnen mit eigenthümlichem Lächeln nach; es mochten auch eigenthümliche Gedanken und Bilder sein, die sich ihm an diese Hoffnung des Wiedersehens knüpften. Dann kehrte er nach seinem Sitze zurück, nahm das Brodmesser und kritzelte nachdenklich auf der Tischplatte herum; es währte geraume Zeit, ehe er mit den Gedanken, die ihn beschäftigten, so weit im Reinen war, daß er der Gesellschaft an den andern Tischen einige Aufmerksamkeit, und ihrem laut genug geführten Gespräche Gehör schenken konnte.

Dort saßen unmittelbar am nächsten Tische einige Bauersleute; bei ihnen ein hübscher, soldatenhaft aussehender Bursche mit weißem Brustschurze, dem Zeichen, daß es sein Geschäft war, die Gäste zu bedienen und im Pferdestalle behülflich zu sein.

Eben trat der Trompeterfranzel, der Hochzeitlader, hinzu und begrüßte ihn mit lauter Stimme und freundlichem Handschlage. „Grüß’ Dich Gott, Sylvest!“ rief er, „freut mich, daß ich Dich da find! Hab’ es schon gehört, daß Du die Hulanenuniform ausgezogen hast und willst wieder ein Bauer werden. Hast aber nichts verloren bei dem Tausche, stichst auch im Bauernkittel alle anderen Bursche aus und allen Mädeln in die Augen.“

„Du lobst mich für nichts und wider nichts,“ entgegnete Sylvest lachend; „ich veracht’ den Bauernstand nicht; es ist nach meinem Sinne der schönste Stand auf der Welt, aber wenn ich auch den Ulanen wieder ausgezogen habe, ein Reiter bin ich doch geblieben und hab’ meine meiste Freud’ mit den Rossen. D’rum hab ich mich auch hierher zum Wirthe verdingt, da hab’ ich viel mit den Rossen zu thun – einen Bauernknecht zu spielen, das lustet mich gerad’ nicht mehr.“

„So mußt halt schauen, daß Du statt des Bauernknechts den Bauern spielen kannst,“ rief der Hochzeitlader, erfreut über die Wendung des Gesprächs. „Mußt halt einheirathen, wo man einen richtigen Bauern braucht. Weißt keinen Hof, wo eine einschichtige Täubin sitzt? Man hat oft gar nit weit zu geh’n, bis man einen findet.“

„Damit hat’s gute Weil,“ rief Sylvest lachend und doch etwas verstimmt; die Rede des Alten hatte ihn an ein Zusammentreffen erinnert, das er, so unangenehm es ihm war, nicht mehr aus dem Sinne brachte. Er hatte nicht die volle Wahrheit gesagt: nicht bloß die Vorliebe für Pferde und die Abneigung, als Bauernknecht arbeiten zu sollen, hatte ihn von dem väterlichen Buchmaierhofe vertrieben – er war gegangen, um der Nachbarschaft des Schlösselbauerngutes auszuweichen, dessen Bewohnern er nicht begegnen wollte und voraussichtlich doch unvermeidlich begegnen mußte. Draußen im fernen Griechenlande unter fremden Menschen hatte er seine Feindin und seinen Haß beinahe vergessen. Er hatte ihres Daseins kaum mehr gedacht; um so lebhafter wachte die Erinnerung und mit ihr die alte Abneigung auf, als sie ihm unerwartet und plötzlich gegenüber stand. Er mußte sich selber gestehen, daß sie sich sehr verändert hatte und daß die Veränderung keineswegs zu ihrem Nachtheile gerathen war, zugleich aber stand fest, daß sie demungeachtet im Grunde dieselbe geblieben: diese blauen Augen hatten ihn so trutzig angesehen, dieser Mund ihn so übermüthig angelacht, wie in der Bubenzeit, wo er unwillkürlich über sie herfallen mußte, um sie für all diese Bosheit zu züchtigen, und wieder wie in der Bubenzeit hatte es ihn angewandelt, als müsse er sie mit Gewalt ergreifen und als könne in seinem Leben ein Glück nicht eher aufkommen und gedeihen, als bis dieser sein böser Geist gebändigt und gebannt sein würde. Demungeachtet begegnete es ihm, daß manchmal wider Wollen und Denken Kuni’s Gestalt wie hervorgezaubert vor ihm stand und ihn ansah, als fordere sie ihn heraus, den Kampf mit ihr aufzunehmen und sein Aergstes an ihr zu versuchen. All’ das war bei den Worten des Alten ihm flüchtig durch die Seele gegangen, und dahin zielte seine Antwort, wenn er auch nicht wußte, ob derselbe mit Bedacht gesprochen oder nur zufällig die empfindliche Stelle berührt hatte. „Damit hat’s gute,Weil’,“ wiederholte er, „ist auch nicht allemal eine Täubin, was so einschichtig sitzt, sondern ein bissiger Hacht oder gar ein Auf mit Krallen. Das Einheirathen gefällt mir nicht, und wenn mir etwas über’s Kreuz kommt, dann laß ich mich wieder anwerben und geh’ noch einmal in’s Griechenland hinein; es giebt doch nichts Schöneres als ein Ulan sein und sein Rössel unter sich haben, das ist leicht treuer und anhänglicher als mancher Mensch und als manches Weib obendrein …

,Den Säbel an der Seiten,
Ein’n Federbusch von Haar,
Ein schwarzbraun Roß zum Reiten,
Ob wohl was Schön’res war’!’“

Die Bauern jubelten ihm laut entgegen; der Geometer begann zuzuhören. „Wie treu ein Rössel sein kann, davon will ich Euch eine Geschichte erzählen,“ mischte sich der Trompeterfranzel in’s Gespräch, „da ist ein Franzos in Tobolsk gewesen, in Sibirien, wo sie uns hingeschleppt haben, in die Gefangenschaft. Das ist ein Rittmeister gewesen von den Dragonern und hat sein Pferd mitgehabt, einen Rappen, an dem kein weißes Härl’ gewesen ist, als die Bläß’ auf der Stirn, und den Rappen hat ihm der Gouverneur abgenommen, und der Rittmeister hat den Stall von dem Gouverneur versehen müssen, wie ein gemeiner Stallknecht, und er hat das Pferd so gern gehabt, daß er oft mit ihm gered’t hat, als wenn’s ein Mensch wär’, und der Rapp’ hat ihn dann so traurig angeschaut und hat ihm den Kopf auf die Achsel gelegt, als wenn er ihn trösten wollt. Und manchmal hat der Rittmeister ein kleines Bild hervor geholt; das hat er geküßt und hat geweint dazu und hat’s dem Rappen auch gezeigt. Und der Rapp’, als wenn er wirklich Menschenverstand hätt’, der hat dazu mit dem Kopfe genickt, als wenn er sagen wollt’: ich kenn’ das Gemäl’ schon, das ist das Bild von Deiner Frau, nach der Du Dich so sehnst. Und wiederum einmal, da ist ein Brief kommen an den Rittmeister, da muß etwas Trauriges drinnen gestanden sein; der Rittmeister ist noch betrübter ’worden als zuvor, und einmal ist er in der Frühe verschwunden gewesen und der Rapp’ mit ihm; er hat’s nicht mehr ausgehalten und hat gemeint, er könnt’ durchkommen durch die Posten und durch den Schnee und könnt’ heimreiten nach Frankreich zu seiner Frau. Da sind gleich ganze Schaaren Kosaken aufgesessen mit ihren Spießen und sind ihm nach, ich weiß nicht wie weit, und er immer davor her, und der Rapp’ hat ausgehalten, als wenn er wüßt’ auf was es ankommen thät. Aber viele Hund’ sind des Hasen Tod; der Rapp’ ist gelaufen, bis er den letzten Schnaufer gemacht hat, und mit dem ist er zusammengestürzt. Den Rittmeister haben ein Paar an ihren Lanzen aufgespießt.“

„Der arme Herr, das brave Roß!“ riefen die Bauern durch einander; der Aelteste davon aber mochte der Zeit gedenken, da auch er die Leiden des Krieges empfunden hatte. „Das sind traurige Sachen,“ sagte er, „und es ist nur gut, daß solche Zeiten vorbei sind. So was kommt bei uns doch nimmer vor, daß man einen armen Gefangenen verfolgt und hetzt wie ein wildes Thier.“

„Das ist wahr, Landsmann,“ unterbrach ihn der Geometer, der sich zum Gehen anschickte, „aber wenn es auch nicht mehr zum Spießen kommt, wird doch auch jetzt noch mancher arme Teufel gejagt, als wenn er ein Fuchs oder Hirsch wäre. Ich bin erst, als ich von der Stadt herkam, einem Trupp solcher Jäger begegnet. Ihr habt doch wohl davon gehört, daß eine Handvoll Studenten in Frankfurt am Main Revolution gemacht hat, weil sie die Landesherren absetzen und einen Kaiser machen wollen über das ganze deutsche Reich; es ist ihnen mißglückt, und die meisten sitzen nun gefangen auf Leben und Tod. Auch aus unserm Lande sind einige davon, und Einer ist aus der

[490] Frohnveste entsprungen und flüchtig gegangen. Den suchen sie seit ein Paar Tagen in der ganzen Gegend herum, weil er in der Nähe zu Hause sein soll – es heißt, er sei ein Advocatensohn von … den Ort und den Namen hab’ ich vergessen.“

Er ging, die Bauern aber steckten die Köpfe zusammen und thaten klug und redeten leise, wie sie auch schon von der Geschichte gehört und wie es eine alte Prophezeiung gebe, daß einmal eine Zeit kommen werde, in der das deutsche Reich wieder einen Kaiser habe. Die Prophezeiung stehe gedruckt zu lesen in der „Sibylle Weis“ und was darin stehe, das sei unfehlbar und müsse in Erfüllung gehen.

Sie beachteten darüber nicht einen fremden Mann mit bleichem, eingefallenem Angesichte und in abgetragener städtischer Kleidung, der wankenden Schritts näher gekommen und auf den Stufen, über denen jetzt der Lindenschatten lag, vor Ermüdung zusammengebrochen war. Sylvest war der Einzige, der ihn wahrnahm; er beobachtete ihn einige Augenblicke, dann erhob er sich leise und trat ihm näher.

„Will sich der Herr nicht da herauf setzen auf die Bank?“ sagte er, auf das Geländer sich stützend. „Soll ich dem Herrn vielleicht einen Krug Bier bringen?“

Ueberrascht und beinahe erschreckt, hatte der Fremde emporgeblickt; als er in das offene Angesicht des Burschen und in sein treuherziges Auge sah, schwand seine Befangenheit. „Ich möchte wohl,“ sagte er mit tiefer, männlich klingender Stimme, „aber ich kann die Labung nicht bezahlen und will dankbar sein, wenn Ihr mir nur vergönnt, hier im Schatten auszuruhen. Ich habe einen weiten und bösen Weg gemacht.“

„Das sieht man dem Herrn ohne Zettel an,“ entgegnete Sylvest, „es muß wohl ein böser Weg gewesen sein, er hat ja nicht nur seinen Geldbeutel, sondern auch seinen Hut verloren. Aber auf einen Krug Bier für einen durstigen und müden Menschen darf’s nicht ankommen. Ich will ihm einen bringen und ein Stück Brod und Fleisch dazu.“

„Ich kann mich aber nicht aufhalten,“ sagte der Fremde unruhig, „ich bin auch noch nicht so ganz erschöpft und habe noch einen weiten Weg vor mir.“

Sylvest sah ihn noch einmal schärfer an. „Nehm’s der Herr nicht übel,“ sagte er dann, „aber ich mein’, ich könnt’s errathen, wer der Herr ist. Und wenn ich’s errathe, so thut’s mir leid, daß man auf ihn so Jagd macht, wie auf ein wildes Thier; sei der Herr aufrichtig! Ich verrath’ ihn nicht … ist er nicht mit in Frankfurt dabei gewesen und aus dem Gefängnisse ausgebrochen?“

Der Fremdling wollte aufspringen, aber seine wund gelaufenen Füße machten ihn wieder zurücksinken. „Nun denn,“ sagte er, „Du scheinst ein braver Bursche – ich will Dir vertrauen. Du hast es errathen … ich bin …“

„Schon gut,“ unterbrach ihn Sylvest rasch, „ich weiß jetzt schon, was ich zu wissen brauch’. Die Hauptsach’ ist, daß ich den Herrn den Leuten aus den Augen bring’, damit niemand auf einen Verdacht verfallt. Thun Sie nur jetzt Alles, was ich sag’, und sagen Sie zu Allem Ja! Ich will Sie für einen Cameraden ausgeben, den ich in Griechenland bei den Ulanen kennen gelernt hab’ und der in meiner Schwadron gewesen ist; damit werden wir schon durchkommen, hoff’ ich.“

[501] Ehe der Fremde etwas zu erwidern vermochte, hatte der Bursche sein Vorhaben bereits zur That gemacht, war über die Stufen herabgekommen und hatte ihn untern Arm genommen, wie man mit einem wohl bekannten und vertrauten Genossen zu thun pflegt. „Das ist einmal eine Freud’!“ rief er laut und mit erkünstelter Lebhaftigkeit, daß auch die Bauern nach ihm hinschauten. „Wie es sich nur so schicken kann! Denkt Euch nur, da hab’ ich jetzt auf einmal einen alten Kriegscameraden, einen Veteran gefunden, der in Griechenland bei den Ulanen in Einer Schwadron mit mir und mein Schlaf (Schlafcamerad) gewesen ist. Komm’ nur gleich mit mir, Camerad, in meine Stuben hinauf, damit Du Dir’s kommod machen kannst – der Herr erlaubt’s schon – da können wir recht mit einander discuriren. Da mußt Du mir erzählen, wie’s Dir gegangen ist, seit wir von Athen fort sind.“

Er entfernte sich mit dem Fremden, der ihm ohne Erwiderung folgte. Die Bauern sahen ihm nicht ohne Kopfschütteln und Verwunderung nach, und der Alte meinte, da werde nicht viel Besonderes zu erzählen sein, denn dem sehe man über das Gewand an, wie es ihm ergangen sei. Auch der Hochzeitlader sah Beiden nach und trat sogar an das Geländer vor, als ob er sie an seinem bisherigen Platze nicht genug beobachten könne.

„Mit dem Schlafcameraden ist es nicht ganz richtig,“ murmelte er vor sich hin, denn die Erzählung des Geometers von dem verfolgten Flüchtling stieg ihm in der Erinnerung auf, „der sieht mir nicht aus, als wenn er einmal auf einem Ulanenroß gesessen wär’. Meinetwegen! Was geht’s mich an? Ich werd’ nit den Stichauf machen … aber schön ist’s von dem Burschen, dem Sylvest, daß er sich so annimmt um den armen Teufel. Er ist halt brav durch und durch und hat das Herz auf dem rechten Fleck. – Ist schon ganz recht, was er da vom Reiter-Sein gesagt hat, aber es wär’ doch schad’, wenn der prächtige Bursche seine ganze Lebenszeit so in der Fremd’ und ohne Heimath in der Casern zubringen und vielleicht gar todt oder zum Krüppel geschossen werden sollt! … Es könnt’ ja keinen richtigern Bauern geben für einen gewissen Hof – ich muß mir’s doch überlegen, ob sich da nichts machen läßt. Und warum sollt’s nit möglich sein? Für einen Jeden kommt seine Zeit und sein Tag. Heut’ ist ja Sanct Galli und die Bauernregel sagt ‚Sanct Galli Tag muß jeder Apfel in sein Sack‘. Ich muß mir’s nur überlegen und den Baum einmal schütteln, ob die Aepfel noch nicht reif sind.“ Nachdenklich und fest sah er noch lange auf die Thür, in welcher die Beiden längst verschwunden waren, dann, wie von einem glücklichen Einfall überrascht, richtete er sich auf und nahm seinen Hut vom Tische. „Behüt’ Gott bei einander, Nachbarn!“ sagte er, „will noch nach Andechs hinüber, hab’ noch eine Botschaft auszurichten an den Bräumeister – jetzt wird er wohl Zeit haben, daß er mich anhört.“

„Behüt’ Gott, Trompeterfranzel!“ erwiderte der alte Bauer. „Wirst lang ausbleiben, daß wir etwa noch ein Labet mit den Karten machen können?“

„Ich will’s so kurz machen, als es nur geht,“ rief der Hochzeitlader im Fortgehen zurück, „kurzer Flachs giebt auch einen Faden. Mit dem Karteln aber ist’s nichts für heut – der Wirth meint, es seien viel junge Leut, Burschen und Dirneln da, die gerne einen Sprung machen: da soll ich sehn, ob nichts zuweg’ zu bringen ist mit einem Loostanz.“

Inzwischen hatten der Müller und Mechtild wohl ein paar Mal wieder nach dem Platz gesehen und rüsteten in schweigender Verdrießlichkeit zur Heimfahrt, da Zacharias sich nirgends blicken ließ, also seinen Vorsatz wirklich ausgeführt zu haben schien.

Dem war aber nicht so.

Draußen, in Schußweite vor dem Dorfe, wo die Straße durch einen kleinen, dicht mit Gebüsch verwachsenen Hohlweg führte, lag der Trotzige im Gras und hielt wie eine Schildwache den Weg im Auge, daß keine Feldmaus durchzukommen vermochte, ohne von ihm gesehen zu werden. Ungeschlacht und mit drohender Miene lag er da – neben ihm, nicht minder drohend und ungeschlacht, ein starker Prügel; die Nachbarschaft war keine zufällige, denn manchmal tastete er neben sich nach dem Stecken, wie um sich zu überzeugen, daß der bedenkliche Gefährte, den er aus einer Umzäunung ausgezogen, noch in Bereitschaft zur Hand sei. Zacharias war so erbittert, wie er nie gewesen, und wilde Gedanken gingen ihm durch den sonst so friedlichen Sinn.

Oft schon hatte ihn Mechtild durch ihr spöttisches und hochfahrendes Wesen aufgebracht, immer aber hatte ihn darnach ihr Schmeicheln und Schönthun wieder besänftigt; es war etwas in ihrer Stimme und in ihrem Blicke, wenn sie ihn freundlich ansah, dem er nicht Stand zu halten vermochte, jetzt aber – das stand felsenfest in ihm – jetzt sollte es nicht wieder so hingehen. Jetzt war er fest entschlossen, ihr zu zeigen, daß er auch seinen Willen habe und daß er gesonnen sei, es nicht mehr zu ertragen, [502] wenn sie Lust hatte, ihr Spiel mit ihm zu treiben. Grimm im Herzen, hatte er lange Zeit zugesehen, wie sie mit dem verwünschten gelben Geometer sprach, wie sie die Blumen, die sie für ihn gepflückt, ohne Widerrede dem Fremden ließ, der sie, als wenn er daran riechen wolle, an den Mund führte, mit Mühe hatte er sich zurückgehalten, daß er nicht hervorstürzte und Beiden an die Kehle fuhr. Er ertrug endlich den Anblick nicht länger und eilte fort, aber sein Entschluß war gefaßt. Sie hatte gelacht, als er mit einem bevorstehenden Unglücke gedroht; sie hatte es für kein Unglück gehalten, wenn er ginge. Nun sollte sie sich überzeugen, daß seine Drohung keine leere Prahlerei gewesen sei; nun sollte es wirklich ein Unglück geben, und wenn es ihm darüber selbst an den Kragen gehen sollte, der verhaßte Canarienvogel sollte nicht fortflattern, ohne daß er ihm das gelbe Gefieder ausgeklopft und ihm einen Denkzettel angehängt, der ihn an Beiden rächte.

Es währte lange, daß er so dalag in seinen Zorngedanken. Niemand kam die Straße heran, denn Keiner von den Gästen hatte Lust, sich schon auf den Heimweg zu machen. Nichts regte sich um ihn her, als etwa eine Eidechse, die aus dem Gesteine huschte, und auf dem wilden Birnbaume über ihm ein paar im Beginne ihrer Wanderschaft begriffene Staare, die neugierig und flügelschlagend heruntersahen, als hätten sie gern gewußt, ob der unbewegliche Mensch da unten todt oder nur eingeschlafen sei.

Endlich drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr, aber es waren leichte Schritte, die er wohl nicht vernommen hätte, wenn er nicht so nahe am Boden gelegen wäre; auch kamen sie nicht von der harten Straße her, sondern über einen weichen, halb verrasten Wiesenpfad, der jenseits des Zaunes vorüber führte. Zachariesel horchte auf. Obwohl er beim ersten Laut erkannte, daß das nicht der Gang seines erwarteten Feindes sein könne, richtete er sich doch halb in die Höhe, denn ein beglückender Gedanke fuhr ihm blitzschnell durch den Sinn: wie wenn es Mechel wäre? Wenn es ihr leid wäre, ihn so gekränkt zu haben, und wenn sie nun käme, ihm aufzusuchen? Behutsam setzte er sich vollends auf; noch behutsamer schielte er nach der Richtung, von welcher die Schritte kamen; wenn es Mechel war, sollte sie nicht glauben daß er sie erwartet hätte; sie sollte ihm zur Strafe die freudige Ueberraschung nicht anmerken.

Es war ein Bauernmädchen, das mit einer Grasbürde auf dem Kopfe vorüberging. Sie war schon etwas entfernt, so daß er sie fast nur noch von der Seite sah; auch war ihr Gesicht etwas von den herabhängenden Halmen verdeckt. Dennoch erkannte er sie augenblicklich; dennoch stand er im Nu auf den Füßen, als ob eine unsichtbare Macht ihn vom Boden empor geschnellt hätte; die Staare schrieen darüber auf und flüchteten erschrocken nach einem andern Baumwipfel.

Es war das unbekannte und doch so bekannte Bauernmädchen, das ihm auf dem Gange von Andechs her über den Zaun zugenickt hatte.

Ohne Besinnen machte er sich daran, ihr nachzueilen, um seiner ungetreuen Erinnerung nachzuhelfen und zu erfahren, wer sie sei und wo er das Flachshaar und die blauen Augen schon gesehen habe. Er kam mit seiner Eile dennoch zu spät; wohin er sah, war kein lebendes Wesen zu erblicken. Er mußte entweder geträumt haben, oder das Mädchen war in einen der naheliegenden Gras- und Baumgärten getreten und in einem der Häuser verschwunden, ohne daß er es hinter den Hasel- und Brombeerstauden des Weges bemerkt hatte. Aergerlich ging er an dem Zaune hin und wieder; ärgerlich lugte er in jeden Garten und hinter jede Hecke, als wolle er selbst ein Feldmesser werden – das Mädchen war und blieb unsichtbar. Er wollte gehen, um in den Häusern nachzufragen, aber er unterließ es; es kam ihm doch zu sonderbar vor, nach einem Mädchen zu fragen, von dem er nichts sagen konnte, als daß sie Flachshaar habe und blaue Augen darunter.

Langsam und mit jedem Schritte mißmuthiger, aber abgekühlt, weil abgelenkt von seinen Rachegedanken, kam er an seine Lagerstätte zurück; inzwischen war der Geometer unbesorgt durch den gefährlichen Hohlweg gewandert, die Gefahr nicht ahnend, die so nahe an seinem Rücken vorüber gezogen war. Zacharias schien nicht mehr an ihn zu denken. Achtlos stieß er das Werkzeug seiner Rache, das ihm nun im Wege war, mit den Füßen von sich, als er sich wieder niedersetzte, um sich nach wenigen Augenblicken abermals aufzurichten. „Ich bin doch ein recht dummer Kerl,“ sagte er in rückhaltloser Selbsterkenntniß laut vor sich hin. „Was plag’ ich mich denn so ab? Ich darf ja nur in das Haus gehen, wo sie mich über den Zaun gegrüßt hat, da werd’ ich doch nachfragen dürfen und erfahren können, wer der Flachskopf ist.“

Die Ausführung des Gedankens ward augenblicklich unternommen, dem ungeachtet blieb es beim Beginne; wie er die Hohlgasse hinab wollte, kam ihm das Wägelchen des Müllers entgegen gerollt, das er in seiner Vertieftheit nicht gewahr geworden war. Desto besser hatten ihn die Ankommenden bemerkt und sein Aufstehen als ein Zeichen betrachtet, daß auch er sie bemerkt habe und ihnen entgegen kommen wolle. Er konnte weder ausweichen noch umkehren; der Plan wegen des Gartenzauns mußte aufgegeben werden und war es auch im Augenblicke, denn aus Mechtild’s Augen spannen sich ihm die wohlbekannten Strahlen wie Fäden zu einem Netze entgegen, dem zu entrinnen er die Kraft nicht besaß.

„Hast Deinen Zorn verschlafen, Du dummer Franzel?“ rief sie ihm mit einem Lächeln entgegen, das wohl auch einen Stärkeren bewältigt hätte, und rückte bei Seite, daß er neben ihr auf dem Sitze bequem Platz nehmen könne. Er erwiderte nichts, aber er stieg ein und wies die Hand nicht zurück, die sich ihm zu Frieden und Versöhnung entgegenstreckte; schweigend fuhren sie davon, denn auch Mechtild hielt es für gerathen, das Vorgefallene nicht zu berühren und die kaum geschlossene Wunde nicht zu reizen, nur der Müller konnte seinen Unmuth nicht bemeistern. „Dummes Zeug – da beißt die Maus keinen Faden ab,“ brummte er und schwang die Peitsche, daß die Pferde ausrissen und der Wagen, über den Steinen der Straße dahin fliegend, das sonderbare Liebespaar enger zusammen rüttelte, als es sonst vielleicht gekommen wäre. –

Während dieser Zeit war Sylvest mit seinem unvermutheten Kriegscameraden in seiner Schlafkammer angekommen, die im oberen Stockwerke des Hauses an einem Seitengange gelegen war und deren Fenster aus ansehnlicher Fronte gegen den Hofraum und die Stallungen mündete. Es war die gewöhnliche Stube eines Knechts, mit einer Bettstelle aus blanken Fichtenbrettern und einem schlichten Bette in roth und weiß gestreiftem Ueberzuge. Die hölzerne Truhe, worin der Knecht seine ganze Habseligkeit verwahrte, mußte den Dienst von Tisch und Stuhl versehen, und hoch an der Wand hingen ein schönes blankes Pferdegeschirr, das der Wirth bei festlichen Gelegenheiten benützte, und die Schellenkränze für die Zeit des Winters, des Schnees und der Schlittenfahrten. Das einzig Ungewöhnliche, das zugleich den jetzigen Bewohner des Stübchens kennzeichnete, waren allerlei bunt bemalte Bilder, mit denen die Wände beklebt waren, eine Ansicht von Athen, ein Angriff von bairischen Jägern aus einen ungeheuren viereckigen Palikarenthurm und die Portraits von König Othon in rothem Fez und weißem Fustanell mit den schnauzbärtigen und krummnasigen Köpfen der Klephtenhäuptlinge Plaputas und Kolokotronis, die den jungen Hellenenkönig bedenklich nahe in die Mitte genommen hatten.

In dem Menschengewühle, das im untern Stockwerke des Wirthshauses durcheinander drängte und summte wie ein Bienenschwarm, war es Sylvest nicht schwer geworden, wenn auch nicht unbemerkt, so doch unbeachtet die Kammer mit seinem Schützlinge zu erreichen, ihn mit Speise und Trank zu versehen und dann einzuschließen, bis er wieder kommen konnte, um wegen dessen Sicherheit und fernerer Flucht das Weitere zu besprechen. Allmählich hatte sich unten Alles zusammen gefunden, was unter den Wallfahrern ein junges Herz und nicht müde Beine besaß; war es doch üblich, daß, wenn man den Morgen und Mittag dem Himmel geopfert hatte, der Nachmittag und Abend der Erde und ihren Freuden gehörte und mit einem kleinen Tanze beschlossen wurde. In der Nähe des heiligen Ortes selbst war das natürlich nicht statthaft, aber in dem nahe gelegenem Dorfe, gewissermaßen außerhalb des Bannkreises der Frömmigkeit, war kein Grund vorhanden, die Weltfreude auszuschließen. Um sich aber selbst zu beruhigen und vor jedem Einwande zu schützen, der im Hintergrunde eines strengeren Gewissens lauern mochte, erzählte man sich, daß es mit dem Tanze, der bei solchen Anlässen üblich war, eine ganz eigene Bewandtniß habe und derselbe

[503] nur halb eine Lustbarkeit, zur anderen Hälfte ein gottgefälliges Werk sei.

Der Tanz, der jetzt wohl nur noch vereinzelt bei Hochzeiten vorkommt, hieß der Loostanz, und bestand darin, daß die tanzenden Paare sich nicht nach Gefallen und Neigung aus freier Wahl zusammenfanden, sondern durch das Loos bestimmt wurden. Die Namen aller tanzlustigen Bursche wurden in einem Hute gesammelt, in einem anderen die der Mädchen; der Herr des Hauses oder sonst eine Vertrauensperson zog den Namen eines Mädchens heraus, das sich dann aus dem anderen Hute seinen Tänzer holte. Es hieß, dadurch solle alles Bedenkliche, was etwaigen Liebesverbindungen ankleben mochte, beseitigt, und der Tanz zu einer ganz harmlosen und unverfänglichen Unterhaltung erhoben werden; eine Folge davon war, daß sich derselbe zu einer Art von Sittengericht gebildet hatte, so daß jeder Bursche und jedes Mädchen es sich zur Ehre rechnete, am Loostanze Theil zu nehmen, und daß das Fernbleiben davon oder gar eine etwaige Ausschließung für die ärgste Schande gegolten hätte. Wohl meinten Manche, die Alles gern etwas leichter nahmen, das wäre nur Fabelei und der Loostanz nichts Anderes, als die Erfindung eines klugen Wirths, der dadurch auch jenen Mädchen zu Tänzern verhalf, welche sonst wegen Armuth oder Niedrigkeit verurtheilt waren, auf der Stiege dem Tanze zuzusehen, und deshalb die Stiegenhanseln hießen. Klügere aber wußten das besser und erzählten, der Loostanz stamme aus der Schwedenzeit oder sonst einer großen Kriegsgefahr, wie die Panduren im Baierlande gesengt und gebrannt. Damals sei der Feind auch in das Dorf gekommen, habe alle Häuser geplündert und alle Mädchen in die Schenke zusammengetrieben, um dort beim Gelage seinen wüsten Unfug mit ihnen zu haben. Die Dirnen seien aber rechtschaffen gewesen und hätten sich so tapfer gewehrt, daß sogar die wüsten Kerle Respect vor ihnen bekamen und versprachen, sie Alle freizugeben, wenn eine Einzige bei ihnen bliebe und mit ihnen ziehe als Marketenderin, welche aber dies thun solle, müsse das Loos entscheiden. Es wurde wirklich geloost und das auserkorene Opfer war eben im Begriffe, unter Schluchzen und Stöhnen von den geretteten Genossinnen Abschied zu nehmen, als glücklicher Weise ein Haufen bairischen Fußvolks herbei kam, die Panduren oder Schweden verjagte und Alle befreite; zum ewigen Andenken daran wird seither der Loostanz gehalten.

Eben hatte Sylvest einen ruhigeren Augenblick benützt, seinen Gefangenen zu besuchen, der gerührt seine Hand ergriff und schüttelte. „Du guter wackerer Bursche,“ rief er mit nassen Augen, „wie soll ich Dir danken? Ich will nicht von mir reden; ich vermöchte am Ende wohl die Folge dessen, was ich gethan, mit Fassung auf mich zu nehmen und zu ertragen, aber ich habe noch einen hochbetagten vortrefflichen Vater, der jetzt schon genug um meinetwillen gelitten hat. Deine unerwartete Hülfe erspart ihm vielleicht das schwerste Herzeleid, seinen einzigen Sohn als Hochverräther auf Lebenszeit in den Casematten einer Festung begraben oder gar auf dem Hochgerichte sterben zu sehen.“

„Reden Sie nicht so, Herr!“ entgegnete Sylvest hastig, „noch ist dabei gar nichts zu danken. Für’s Erste kommt Alles darauf an, daß Sie glücklich weiter kommen. Hier können Sie nicht länger bleiben, als höchstens bis morgen früh. Ich wundere mich schon lang’, daß die Gensd’armen noch nicht dagewesen sind und nach Ihnen spionirt haben.“

„Sei deshalb ganz unbesorgt, mein Freund!“ sagte der Flüchtling, „ich fühle mich schon jetzt in hohem Grade erfrischt und gestärkt und denke, nur den Einbruch der Nacht abzuwarten und mich dann wieder auf den Weg zu machen. In der Dunkelheit hoffe ich am sichersten durchzukommen.“

„Das glaub’ ich nicht, Herr,“ unterbrach ihn Sylvest, „ich glaub’, just bei der Nacht werden die Spitzeln am besten aufpassen, weil sie denken, Sie getrauen sich am hellen Tag nicht heraus; gerade deswegen müssen Sie am Tage geh’n und so thun, als wenn Sie gar nichts zu scheuen hätten, aber wo wollen Sie denn hin?“

„Du bist ebenso klug wie herzhaft,“ unterbrach ihn der Fremde, „allein ich bin nicht sicher, so lang ich deutschen Boden unter mir habe; wo man mich anträfe, würde man mich wieder ausliefern, ich muß daher trachten, so schnell wie möglich über die Schweizergrenze zu kommen. Wenn ich nur Augsburg glücklich erreichen könnte, hoffe ich wohl, auch nach Lindau und über den Bodensee zu gelangen, dann werde ich mich nach Paris wenden.“

„Oho,“ lachte Sylvest, „so weit sind wir noch lange nicht. Seien Sie froh, wenn Sie nur für die erste Zeit sicher sein und sich verstecken können – in ein acht oder zehn Tagen ist dann bei dem Aufpassen die größte Hitz’ schon verflogen. Dann können Sie es eher wagen und wieder hervor kommen. Wenn man Sie nur in der Näh’ irgendwo verstecken könnt’!“

„Als ich dem Gefängniß entsprang,“ erwiderte der Flüchtling, „sagte ich mir selbst, daß ich nicht die Richtung nach meiner Heimath einschlagen dürfe, weil man mich dort zuerst suchen würde; ich wanderte daher, als ich erst den Wald erreicht hatte, auf Gerathewohl in demselben weiter, bis ich mich hierher gefunden. Ich dachte dabei eines vertrauten Jugend- und Studienfreundes, der mich gewiß aufgenommen haben würde und der in dieser Gegend, wie ich mich dunkel erinnere, eine Besitzung haben soll. Es ist der Freiherr von Wildenroth, wenn Du vielleicht von ihm gehört hast …“

„Ob ich von ihm gehört habe!“ rief Sylvest erfreut. „Den kennt jedes Kind in der Gegend; der alte Herr ist vor etwa anderthalb Jahren gestorben und jetzt ist der junge Baron auf dem Gute, ein Mann, der in Ihren Jahren sein kann. Sehen Sie dort über dem Walde den Thurm? Das ist das Schloß Wildenroth – das können Sie leicht in anderthalb Stunden erreichen. Das Sträßlein, das Sie dort sehen, geht in weitem Bogen um das Dorf herum, aber über den Berg hinüber durch den Wald führt ein Fußweg, der um eine halbe Stunde kürzer ist.“

„Vortrefflich!“ entgegnete der Fremde, „aber wie kann ich dahin gelangen in diesem meinem Anzuge, den ich im Gefängniß abgetragen, ohne Hut, ohne …“

„Ja, dafür muß gesorgt werden,“ sagte Sylvest nachsinnend, „in dem Verzug (Anzug) dürfen Sie nicht hinaus, da könnten Sie Ungelegenheiten haben unterwegs. Mit einem Bauerngewand geht’s auch nicht, denn bei Ihrem Gesicht und den feinen Händen säh’ Ihnen ein Jeder auf zehn Schritt’ an, daß Sie kein Bauer sind.“ Er schritt wie suchend in der Kammer hin und her und blieb dann, von einem Gedanken überrascht, vor einem buntbemalten hohen Kasten stehen, dessen Flügelthüren er hastig aufriß.

Die hellblaue Ulanenuniform mit den carmoisinrothen Klappen und Aufschlägen, die weißen Fangschnüre und der Kalpak mit dem Hängbusch blinkten ihm entgegen.

„Juhe! da haben wir ja, was uns aus der Noth hilft,“ rief er freudig. „Sie ziehen die Uniform an; einen Ulanen, denk’ ich, werden Sie ganz gut vorstellen können; in der Uniform kommen Sie nach Wildenroth hinüber, ohne daß Ihnen ein Mensch was in den Weg legt, und damit es gar keinen Anstand hat, nehmen Sie meinen Paß und Abschied mit. Da ist auch ein kleines Beuterl mit Geld, damit Sie in keine Verlegenheit kommen.“

„Aber Mensch,“ unterbrach ihn der Flüchtling, „wie kommst Du dazu, mir solches Vertrauen zu erweisen? Du kennst mich nicht. Du weißt nur, daß ich dem Gefängniß entsprungen bin, daß man mich wie einen Verbrecher verfolgt. Fürchtest Du nicht, ehrlicher Bursche, daß ich Dich täuschen könnte, daß vielleicht Alles, was Du mir anvertraust, für Dich verloren ist?“

Sylvest sah ihm einen Augenblick fest in die Augen. „Nein, das fürcht’ ich nit,“ sagte er dann lächelnd, „dazu haben Sie ein viel zu gutes Gesicht. Sie geben dem Herrn Baron Wildenroth meine Sachen zum Aufheben und ich werd’ schon einmal Gelegenheit finden, daß ich hinüber geh’ und sie mir hole. Und was den Verbrecher betrifft, so mein’ ich, so viel ich von der Sach’ versteh’, es wird damit nicht so gefährlich sein, als es die Leut’ machen. Was haben Sie thun wollen? Die Landesherren absetzen? Das ist zum Lachen, das machen die Herren Studenten nit aus – da haben wir Bauern auch ein Wort darein zu reden, und von wegen dem Kaiser, so zimmt mich (scheint mir), wär’s damit auch nit so weit gefehlt, aber ich sorg, es wird noch viel Wasser in der Amper herunter rinnen, bis es damit was werden kann. Und nachher,“ fuhr er näher tretend und noch wärmer fort, „nachher ist es halt doch ein hartes Ding, wenn man gefangen ist oder verfolgt wird, wie ein gehetztes wildes Thier. … da mein’ ich, muß man helfen und nit lang fragen

[504] und überlegen, und wenn’s nur wegen dem alten guten Vater wär’, von dem der Herr gesagt hat …“

Das Geräusch eines heranrollenden und vor den Hause anhaltenden Fuhrwerks erscholl von der Straße herauf.

„Da kommt ein Gefährt’,“ unterbrach er sich, „ich muß hinunter, komme aber bald wieder. Zieh der Herr indessen nur die Uniform an, damit er bereit ist; man kann nicht wissen, was sich oft schickt.“

Raschen Schrittes eilte er aus der Stube und die Treppe hinab; er vergaß darüber, wie zuvor, die Thür der Kammer zu verschließen.

Unten kam er eben recht, um aus der Hand des Schlösselbauers Zügel und Peitsche in Empfang zu nehmen. Er erkannte denselben, sowie das neben ihm sitzende Mädchen augenblicklich, aber er hatte so lange an den Strängen zu nesteln und sich darauf hernieder zu beugen, daß keines von Beiden ihn hinwieder erkannte oder auch nur beachtete. Sie waren daher schon abgestiegen, und der Bauer erzählte dem höflich herbeigeeilten Wirth, daß er zwar die Wallfahrt, wie sich’s gehöre, zu Fuße gemacht habe, den Rückweg aber mit den flinkern Beinen seiner Braunen zurücklegen wolle, mit denen daher der Stallbube nachgefahren gekommen sei. Kuni erkundigte sich bei dem Wirthe sehr angelegentlich nach dem Befinden seiner Tochter, die ihre gute Freundin, aber immerwährend krank und seit Jahren bettlägerig war, ohne daß man eigentlich den Namen des Uebels zu bezeichnen vermochte, an dem sie einem frühen Tode entgegensiechte. Sie ließ sich von dem Wirthe deren Zimmer bezeichnen und wollte sie besuchen, während der Vater in der Stube für Platz, Imbiß und Trunk zu sorgen versprach. Sie hatte das weiße Vermählungstuch wieder abgenommen, aber das grüne Kränzlein mit Goldflitter, das sie als Prangerin getragen, saß ihr noch auf den emporgeschlagenen lichtbraunen Zöpfen, daß sie nicht viel zu ändern bedurft hätte, um als Braut an den Altar treten zu können.

Mit wohlgefälligem Schmunzeln betrachtete sie der Wirth. Auch unter der Thür und hinter den Fenstern ließen sich neugierige Köpfe sehen. Unter ihnen war auch Sylvest wider Willen. Er hatte sein Geschäft bei den Pferden beendet und kam eben vom Stalle her, um wieder zu seinem Gaste in den oberen Stock zu gehen, als er durch die Leute an der Thür aufgehalten wurde. Hätte er sich hindurch gedrängt, so wäre er sicher aufgefallen und bemerkt worden; so blieb ihm nichts übrig, als einfach ruhig stehen zu bleiben und die Eintretenden an sich vorbei gehen zu lassen. Er konnte den leisen Bemerkungen der um ihn stehenden Leute nicht widersprechen. Kuni war schön; es kam ihm sogar vor, als sei sie noch schöner geworden, seit er sie das letzte Mal gesehen, nur wollte es ihn bedünken, als sei sie etwas bleicher und der strenge Zug über der Nase und in den Brauen noch stärker geworden. Es kam ihm vor, als müsse sie jeden Augenblick den Kopf nach ihm wenden, als sähe er schon wieder das höhnische verächtliche Lächeln, das die schönen Lippen so sehr verzog, und die alte volle Bitterkeit des Hasses wallte in ihm empor.

Es war wirklich eine leichte Veränderung in Kuni’s äußerer Erscheinung vorgegangen. Hatte sie schon vorher im Hause für so gutherzig und freundlich gegolten, daß ein hartes Wort, das sie aussprechen mußte, ihr selber leider that, als dem, den es betraf, so war sie nun vollends, wie man im Sprüchworte sagt, „die gute Stunde selber“ geworden. Nur manchmal, ganz plötzlich, wie oft bei völlig blauem Himmel der Donner zu rollen beginnt, zuckte die frühere übermüthige Schärfe und das wegwerfende stolze Wesen in ihr auf, bei Veranlassungen, wo Niemand sich einen solchen Ausbruch zu erklären vermochte; am öftesten bei einem unschuldigen, arglosen Scherzworte, das auf Männer, Liebe und Hochzeit anspielte.

Hatte sie in dieser Hinsicht entschieden an Ruhe gewonnen, so hatte sie dagegen sehr viel von der liebenswürdigen Heiterkeit eingebüßt, welche auf ihrem Antlitze gefunkelt hatte, wie eine frische Thauperle im Kelche des Frauenmantels, jenes lieblichen Feldblümchens, das die ihm gewordenen Tropfen noch lange bewahrt, wenn die Sonne von allen übrigen Gewächsen sie längst hinweggesogen hat. Stundenlang saß sie über der Arbeit, ohne daß ein Laut über ihre Lippen kam. Sie sah nachdenklich aus und war es auch – der Tag auf dem Dießener Markte und was vorhergegangen, namentlich aber die schmucke Gestalt des trotzigen Ulanen, machte ihr in der Erinnerung viel zu schaffen, und so sehr sie dieselben auch abwehrte und zu verscheuchen suchte, die Gedanken kamen und umsummten sie immer wieder, wie es wohl werden solle, wenn sie sich doch einmal entschließen müsse, einem Manne die Hand zu geben und ihn zum Herrn des Schlösselbauernhofes und ihrer selbst zu machen.

Der Schlösselbauer fing an, um Kuni’s Gesundheit besorgt zu werden, und fragte unter der Hand bei dem Bader um Rath, der dann, als er zum Herbstaderlaß auf den Hof gekommen war, die wunderliche Kranke unvermerkt beobachtete und den Alten beruhigte. Es habe keine Gefahr, sagte er ihm, Kuni’s Zustand sei eine Art von Herzgespann oder Herzschein, den man durch Sympathie leicht bewältigen könne. Er solle nur suchen, das Miederleibchen, das sie gewöhnlich trage und das also ihr Herz umspanne, heimlich in die Hand zu bekommen und in der ersten Vollmondnacht unter einem Hollunderbaum so aufzuhängen, daß es vom Mondscheine nicht erreicht werde; das ziehe alles Gespann heraus. Uebrigens wolle er ihr zum Frühling ein Kräutertränkchen kochen.

Wirklich hatte Kuni an einem Tage ihr Leibchen vermißt, vergeblich überall gesucht und am andern Morgen in der Stube wiedergefunden, ohne sich erklären zu können, wie dasselbe dahin gekommen war. Der listige Alte hatte also das Mittel wirklich angewendet, aber es mußte doch etwas dabei übersehen worden sein, denn die Hülfe wollte nicht kommen, und es blieb nichts übrig, als auf das Frühlingstränklein zu hoffen.

„Mach’s nur nicht zu lang’!“ sagte Kuni zum Vater, als er von den Zurüstungen zum Imbiß sprach, „wir halten uns doch nicht lang’ auf? Ich möcht’ bald wieder daheim sein.“

„Ja wohl, daheim sein und immer daheim! Da freut’ mich mein Leben,“ eiferte der Vater entgegen, „möchtest Dich daheim wohl gar einspinnen und einhäuseln wie eine Klosterfrau – daraus wird heut’ einmal nichts. Daheim, auf dem Hof kann ich’s nicht ändern, wenn Du den Kopf hängst und Kalender machst, aber wenn wir einmal unter den Leuten sind, dann bin ich Herr und dann sollen die Leut’ auch wissen, daß der Schlösselbauer da ist.“

„Kann ich dafür, wenn es mir halt daheim am liebsten ist?“ entgegnete das Mädchen ungeduldig und mit sauersüßer Miene; „brauchtest mir das nicht vor allen Leuten vorzurufen, Vater, und mir aufzubringen, daß ich den Kopf häng’.“

„Mich zimmt, die Dirn’ tragt den Kopf eher zu hoch,“ grollte Sylvest in seiner Ecke vor sich hin.

Der Vater hatte ebenfalls schon eine Erwiderung auf der Zunge sitzen, aber der gewandte Wirth fuhr dazwischen, um dem Gespräche schnell eine angenehmere Wendung zu geben und zu versichern, wie es auf zehn Stunden im Umkreis bekannt, wie trefflich die Jungfer auf dem Schlösselbauernhofe schalte und walte.

„Heut’ aber muß die Jungfer für jeden Fall eine Ausnahm’ machen und darf nichts vom Fortgehen reden. Die Jungfer weiß ja doch, daß es heut’ noch einen Loostanz giebt.“

Kuni warf geringschätzig die Lippen auf. „Wird sich nicht machen lassen, Wirth,“ entgegnete sie und trachtete dem Hause zu; „ich komm’ eben von der Wallfahrt und hab’ noch das Kränzel auf als Prangerin – da thät sich das Tanzen wohl nicht schicken.“

„O, mit dem Loostanz ist das ein ganz anderes Ding,“ antwortete neben ihr herschreitend der höfliche Wirth, „das ist ein Tanz, den man am heiligsten Feiertag tanzen kann und in dem frömmst’ Gewand’. Und das Kränzel schickt sich erst recht gut dazu. Die Jungfer sieht darin nochmal so sauber aus – helllicht wie eine Hochzeiterin.

[517] Der Wirth dachte Wunder, wie gut er seine Sache gemacht habe, Kuni aber war nicht derselben Meinung – mit einem Zornblick, den er den milden blauen Augen gar nicht zugetraut hatte, verließ sie ihn und hatte sich vorauseilend rasch durch die Thür gedrängt. „Laß nur gut sein, Wirth!“ sagte der Bauer, ihr nachfolgend. „Sie soll schon tanzen und muß tanzen – die Schlösselbauern-Kuni soll nit fehlen, wo es zum Loostanz geht – dafür laß mich sorgen! Es soll nit den Anschein haben, als wenn sie sich nit seh’n lassen dürft’ oder als wenn sie einen Stiegenhansel machen und zuschauen müßt’.“

Das Gespräch war laut genug geführt worden, um auch von den Umstehenden mindestens theilweise vernommen zu werden; dennoch wurde die allgemeine Aufmerksamkeit durch eine neue Erscheinung abgezogen. Die Straße herab ließ sich Hufschlag vernehmen und nach wenigen Augenblicken kam ein Gensdarm auf schnaubendem und schaumbedecktem Rosse herangesprengt und schwang sich aus dem Sattel, während Sylvest erbleichend hinzu sprang, um die Zügel und das Thier in Empfang zu nehmen – er ahnte, wem dieser Besuch und diese Eile galt; wenn der Gensdarm einige Zeit verweilte, wenn er vielleicht gar auf den Gedanken kam, das Haus zu durchsuchen, war sein Schützling verloren und vielleicht der Beschützer mit ihm.

„Soll ich den Braunen in den Stall führen?“ fragte er den Gensdarmen, einen alten graubärtigen Brigadier, der bereits den Wirth herbeigewinkt hatte und mit ihm etwas zur Seite trat.

„Nein, dummer Bursche,“ fuhr ihn dieser unwillig an. „Du siehst doch selber, daß ich das arme Thier so warm geritten habe, daß es ordentlich dampft, daß es also zuvor eine Weile herumgeführt werden muß, damit es nicht verschlägt.“

Ohne Erwiderung that Sylvest, wie ihm befohlen war. Seine Bestürzung und sein Mitleid mit dem Verfolgten wuchs mit der Gefahr: nicht nur die zwei Capitulationsstriche am Rockärmel des Brigadiers, welche dessen lange Dienstzeit bezeugten, die ganze Haltung des Mannes ließ erkennen, daß er es mit [518] seiner Aufgabe im höchsten Grade ernst nahm und daß es für ihn im Dienste keinen andern Gedanken gab, als pünktlichen Gehorsam. Sylvest zögerte einige Augenblicke, vielleicht gelang es ihm, einige Worte des Gesprächs zu erhaschen und daraus zu ersehen, wie weit oder nah der Spürende auf der Fährte seines Wildes war; erst ein wiederholter Befehl scheuchte ihn hinweg.

Der Brigadier war schon in hohem Grade unmuthig angekommen. Sein Ritt den ganzen Tag hindurch war ein vergeblicher gewesen; gelang es ihm auch hier nicht, die Spur des Verfolgten zu entdecken, so war es klar, daß er in falscher Richtung gesucht und dadurch dem Verbrecher Zeit gelassen hatte, auf einer andern Seite zu entkommen. Die Antwort des Wirths war nicht geeignet, seinen Unwillen zu mindern; sie enthielt nichts Anderes, als daß demselben keine verdächtige oder unbekannte Persönlichkeit vorgekommen sei – er konnte das auch mit Grund sagen, denn er hatte Sylvest nicht bemerkt und wußte also nicht, welchen Gast er in seinem Hause beherberge. „Hat denn der Spitzbube Flügel oder kann er sich in den Erdboden verkriechen?“ rief der Brigadier, indem er den Säbel aufstieß und einen grimmigen Fluch zwischen den Zähnen zermalmte. „Im letzten Dorfe hat mir doch der Gemeinderath gesagt, er habe einen Mann über das offene Feld in’s Gebüsch laufen sehn, einen Mann in abgetragener Kleidung und ohne Hut, der große Eile zu haben schien und sich kaum mehr fortschleppen konnte. Er hat die Richtung nach hierher eingeschlagen; er muß also noch hier, muß in einem Hause oder sonst um das Dorf herum versteckt sein. Es muß sogleich eine Durchsuchung und Streife vorgenommen werden; Ihr, Herr Wirth, seid der Gemeindevorsteher. Also trefft Eure Anordnungen. Hier ist der gerichtliche Befehl und hier der Steckbrief mit dem Signalement des Verbrechers.“

Mißmuthig rückte der Wirth die grüne Schlegelhaube hin und her; war doch, wenn die Streife vorgenommen werden mußte, allen Anwesenden die bevorstehende Lustbarkeit und ihm selber die Aussicht auf einen gewinnreichen Abend vereitelt; er starrte wohl in das Blatt mit dem Signalement, aber er war so zerstreut, daß er den Beschriebenen daraus nicht erkannt haben würde und wenn derselbe unmittelbar vor ihm gestanden wäre. Willenlos folgte er dem Brigadier, der in die Zechstube trat und die Anwesenden aufforderte, ihm mitzutheilen, was ihnen etwa von dem flüchtigen Verbrecher bekannt sei.

Der Erfolg war nicht glücklicher, als vorher beim Wirthe; Niemand wußte etwas zu sagen; es waren nur wenige gewesen, welche den kurzen Vorgang zwischen Sylvest und dem Fremden mit angesehen hatten – der Zufall wollte, daß von Allen Niemand, als der alte Bauer in der Stube anwesend war, der aber machte sich seine eigenen Gedanken; und als eben der forschende Brigadier an ihm vorüberging und das Aussehen des Flüchtlings beschrieb, schüttelte er bedeutungsvoll den Kopf und wiederholte dessen Worte. „Hm, hm,“ sagte er, „also einen grauen abgetragenen Anzug und nicht einmal einen Hut.“

„Jawohl, alter Krachezer“, rief der Brigadier, „hast einen solchen ausfindig gemacht, weil Du mir meine Worte nachsprichst?“

„Ich? Warum nit gar!“ erwiderte der Alte mit verschmitztem Doppelsinne. „Wie kommet ich zum Ausfindigmachen? Das ist ja Euer Geschäft und nachgesagt hab’ ich’s nur, damit ich mir’s in meinem alten Kopf besser merken kann, wenn mir doch so von ungefähr ein solcher unterkommen sollt’.“

Der Brigadier war immer verdrießlicher geworden; obwohl alle Nachforschungen vergeblich gewesen, hatte er doch ein unbestimmtes Gefühl, als ob nicht Alles in Ordnung sei, aber es fehlte jeder Anhaltspunkt, eine strengere Nachforschung daran zu knüpfen. Aergerlich fragte er den Wirth, ob er die Bauern bereits als Streifmannschaft aufgeboten habe, und ließ sich im Vorplatze des Hauses zu einem Kruge nieder; über seinem Vorhaben brütend, sah er starr vor sich hin und trug dem Knechte auf, sein Pferd nicht in den Stall zu stellen, sondern vor dem Hause anzuhängen, ihm aber doppeltes Maß Haber zu geben; das Thier müsse bald wieder daran und habe vielleicht noch einen starken Ritt auszuhalten.

Inzwischen hatte Kuni sich vom Vater losgemacht und war in das obere Stockwerk geeilt, wo sich das Zimmer der kranken Tochter befand. Sie stand vor der ihr bezeichneten Thür und pochte leise; als keine Antwort erfolgte, wiederholte sie das Klopfen noch stärker und als hierauf keine Entgegnung erfolgte, drückte sie behutsam auf die Klinke und öffnete die Thür…

Mit einem lauten gellenden Schrei der Ueberraschung oder vielmehr des Schreckens prallte sie zurück – ihr gegenüber in voller Uniform, schmuck wie damals bei der Begegnung in Diessen, stand der verhaßte Ulane.

Er machte eine abwehrende Bewegung gegen sie, eilte ihr nach, rief ihr einige Worte zu – er trieb die Kühnhheit sogar so weit, daß er sie umfaßte und zurück zu halten suchte. Mit einem noch lauteren Schrei des Unwillens rang sie sich von dem Frechen los, wandte sich und – sah in ein ihr unbekanntes kummervolles Gesicht, in Augen, die sie bittend ansahen, auf einen Mund, der um Schweigen flehte.

Sie verstummte, indeß glühende Röthe ihr Stirn und Wangen überdeckte. Es war zu spät. Der im Vorplatze sitzende Brigadier hatte das Schreien vernommen und aus demselben erkannt, daß da oben etwas Ungewöhnliches geschehen sein müsse – schon sah sein bärtiges Angesicht über das Treppengeländer herauf; im nächsten Augenblicke stand er bereits vor dem Ulanen und legte ihm die Hand an die Schulter. „Machen Sie keine Umstände, Herr Mündler!“ sagte er. „Geben Sie sich! Ich erkenne Sie trotz der Verkleidung.“

Der Gefangene war todtenbleich geworden: er rang einige Augenblicke nach Fassung und Luft, dann sagte er gelassen: „Ich bin in Ihrer Gewalt – thun Sie mit mir, was Ihre Pflicht Ihnen gebietet!“

Drunten war der Vorfall wie Lauffeuer von Mund zu Mund gegangen, und neugierig drängte Alles herauf, um die Bestätigung zu erfahren und zugleich zu sehen, wie ein so hochgefährlicher Verbrecher wohl aussehen möge. Auch der Wirth war darunter und Sylvest. Einen Augenblick nur stand er Kuni gegenüber, aber er genügte, ihr mit einem einzigen Augenblicke zu sagen, daß er den Zusammenhang des Vorgefallenes vollkommen durchschaue und von ihrer Bosheit auch nichts Anderes erwartet habe. Kuni ertrug diesen Blick haßerfüllten Vorwurfs nicht; war sie doch schon auf’s Tiefste erschüttert durch die unglückliche Wendung der Ereignisse und brach beinahe zusammen vor dem Anblicke des unglücklichen jungen Mannes, der durch sie wieder in die Hände seiner Verfolger gefallen war. Um sich tastend und sich gewaltsam zusammennehmend, fand sie nun bald die zuvor in der Achtlosigkeit verfehlte Thür des Krankenzimmers, um neben dem Bette der Leidenden sich in Thränen hinzuwerfen, selbst krank bis in’s innerste Herz hinein.

Der Wirth strömte über von Beredsamkeit, um den Brigadier zu überzeugen, daß er von der Anwesenheit des Missethäters keine Ahnung gehabt und daß derselbe sich in’s Haus geschlichen haben müsse, was bei dem Zudrängen der vielen Gäste leicht möglich gewesen sei.

Auch Sylvest fühlte das Bedürfniß, allen Verdacht von sich abzulenken, und ging mit verstelltem Zorne auf denselben Gedanken ein. „Freilich muß er sich eingeschlichen haben, der Hallunk’!“ rief er, sich an den Gefangenen machend. „Und ich, der ich sonst so accurat bin in meiner Kammer, muß gerade heute auf das Zusperren vergessen! Herunter mit der Uniform!“ fuhr er, ihm dieselbe ausziehend, fort. „Hätte sie dem Herrn getaugt, um durchzukommen und auf meinen Namen alle seine schlechten Stückeln zu unternehmen? Und meinen Paß und Abschied hat der Herr auch gefunden und meinen Geldbeutel auch?“ fuhr er, die Taschen untersuchend, fort. „Das ist ja ein rechtes Glück, daß es so gegangen ist. Da wäre jetzt auf die schönste Manier mein ganzes erspartes Geld’l hin und meine schöne Ulanenuniform auch, mein einziges Andenken aus dem schönen Griechenlande.“

Der Brigadier befahl den Zuschauern, sich zu entfernen, dem Gefangenen aber, sich wieder in die Kammer zu begeben und seine eigenen Kleider anzuziehen. Sylvest in seinem Eifer ließ es sich nicht nehmen, ihm dabei zu helfen und ihm seinen Raub triumphirend Stück für Stück wieder abzunehmen. Der über den erwarteten Erfolg von Glück strahlende Brigadier gewahrte nicht, daß er ihm dazwischen leise hastige Worte zuflüsterte, die ganz anders klangen, als die laut gesprochenen. Als man den Gefangenen allein ließ, begnügte sich der Brigadier nicht, die Thür abzusperren und den Schlüssel in die Tasche zu [519] stecken; er befahl auch noch, ein Vorhängeschloß herbeizubringen, das er dann eigenhändig befestigte.

Wie ein sieggekrönter Feldherr schritt er durch die staunenden Bauern hindurch seinem vorigen Platze auf dem Hausgange zu und trug dem Wirthe auf, ein Fuhrwerk herbeischaffen, um den Verbrecher noch heute in die Frohnveste des nächsten Landgerichtes zu bringen. Zugleich ließ er sich statt des Bieres eine Flasche Wein und seinem Pferde, das draußen an der Schattenseite des Hauses den Boden stampfte, noch einmal ein Maß Hafer reichen; die unausbleibliche Gratification für einen so außerordentlichen Fang ließ einen solchen Aufwand wohl erlaubt erscheinen. Bereitwilligst erschien der Wirth mit der Flasche, aber wegen des Fuhrwerks bat er um Entschuldigung: wie es um diese Jahreszeit gebräuchlich, seien alle Pferde draußen auf der Gemeinweide, und werde immerhin eine beträchtliche Zeit vergehen, bis sie hereingeholt seien.

In der Zechstube und in dem anstoßenden noch größeren Raume, der meist als Tanzboden benutzt wurde, hatten sich indessen die Gäste wieder zu Trunk und Gespräch niedergesetzt und erzählten sich von dem soeben Vorgefallenen, von den ungeheuern Verbrechen, die der Gefangene begangen habe, und wie es sonst im Lande und mit dem deutschen Reiche stehe, das nicht eher wiederkomme, als bis, wie ja aller Welt bekannt sei, die Raben nicht mehr um den Untersberg fliegen und Kaiser Karl, der darin eingeschlossen und eingeschlafen sei, sich erhebe und mit seinem eben dahin verzauberter Heere wieder in die Welt ziehe. In der großen Stube hatten sich auch die Musikanten bereits eingefunden, und zum Beginne des Loostanzes fehlten nur noch zwei Dinge: der bei solchen Anlässen immer unentbehrliche Trompeterfranzl und – die rechte fröhliche Stimmung. Wenn auch Keiner zugegen war, der den Gefangenen näher kannte oder im Leben von ihm gehört hatte, hatte doch Jeder Mitleid mit ihm, und es kam den einfachen Gemüthern vor, als schicke es sich nicht, unten zu tanzen und zu jauchzen, wenn oben ein trauriger gefangener Mensch saß, den Gefangenschaft auf Lebenszeit oder gar der Tod erwartete; besonders die Mädchen und Frauen bedauerten den jungen hübschen Menschen, der so blaß ausgesehen und so unendlich traurige Augen gehabt habe. Die Männer widersprachen nicht; sie meinten, er sei doch kein gemeiner Spitzbube, wie ein Dieb oder ein Mörder; auch mochten nicht viele darunter sein, denen es so recht klar war, worin denn eigentlich sein Verbrechen bestanden habe.

Kuni saß schweigend und mit betrübtem Augesichte neben dem Vater, den sie vergebens wiederholt um die Heimfahrt bestürmt hatte. Sylvest ging aufwartend hin und wieder; er gab sich Mühe, heiter zu erscheinen, aber unter den üblichen ermunternden Scherzreden, mit denen er die Zecher bediente, war sein Sinn bei seinem Gaste und sein Ohr auf der Straße, ob das Ereigniß, dessen er harrte, sich noch immer nicht vernehmen lasse.

Vergebens munterte der Brigadier, dem die eingetretene Verstimmung nicht entging, im Uebermaße seines Vergnügens dazu auf, mit dem beabsichtigten Tanze zu beginnen; vergebens ließ er ziemlich deutlich merken, daß man es bei Gericht sehr ungnädig aufnehmen werde, wenn man sich so viel um einen steckbrieflich verfolgten Hochverräther kümmere. Die Abwesenheit des Hochzeitladers war ein willkommener, stets bereit liegender Grund, den Beginn abzulehnen oder zu verzögern.

„Nun, wenn Ihr keinen andern Grund habt,“ rief der Brigadier, durch die Thür blickend, „dann könnt Ihr gleich anfangen und ich kann auch einmal der Loostanz mitmachen, denn heute bin ich zu Allem aufgelegt. Da kommt der Hochzeitlader in aller Hast herangelaufen und winkt Euch zu, daß Ihr Euch bereit halten sollt, das Versäumte einzuholen.“

Der Brigadier hatte recht gesehen; es war wirklich der Hochzeitlader, der durch die einbrechende Dämmerung mit eilenden Schritten heran kam; aber bezüglich des Winkens hatte er sich doch geirrt: das Winken galt nicht den Bauern, sondern ihm selbst.

„Ja, wie ist denn das, Herr Brigadier?“ rief er ihm schon über die Eingangsstufen zu. „Sie sitzen da ganz gemüthlich beim Weine, und mir ist vor dem Dorfe draußen Einer begegnet, der auf Ihrem Pferde sitzt und im Galopp davon sprengt, daß die Funken nur so herumfliegen, als wie in einer Schmiede.“

„Million-Kartätschen-Element!“ schrie der Brigadier, sprang die Stufen hinab und stand – vor dem leeren Platze, wo sein Gaul angebunden gewesen war, von einem offenen Fenster darüber hing ein aus Pferdegeschirrsträngen zusammen geknüpftes Seil herab – es war klar, der Gefangene hatte die Worte, die Sylvest ihm heimlich zugeflüstert, nur zu gut verstanden; er mußte sich leise herunter gelassen haben, hatte dann offenbar das Pferd auf dem grasigen Straßenraine geräuschlos weggeführt, in einiger Entfernung aber sich aufgesetzt und war dann im Galopp davon gesaust.

Dem Brigadier blieben vor Wuth die Flüche, die er ausstoßen wollte, im Halse stecken, es währte geraume Zeit, bis ihm die Sprache wieder kam. Er tobte gleich einem Rasenden, der Wirth sollte ihm augenblicklich ein anderes Pferd geben um den Entflohenen zu verfolgen; es war unmöglich; der Bursche, der nach ihnen geschickt worden, konnte der weiten Entfernung wegen noch nicht zurück sein.

„Es nutzt auch nichts, wenn Sie ihm nachreiten, Herr Brigadner,“ sagte der alte Bauer, der mit allen Gästen aus dem Hause nachgekommen war, „es wird schon hübsch dunkel und dürft’ schon ein gut’s Rößl sein, bis es Ihren Gaul einholt. Sie haben ihm ja selber den dreifachen Hafer geben lassen.“

„Kerl, ich glaube gar, Ihr wollt noch Euer Gespött mit mir haben?“ schrie der Brigadier außer sich. „Aber nehmt Euch in Acht! Ich mache meine Anzeige. Ihr seid Alle mit dem Verbrecher einverstanden. …“

„Oho, so was müssen der Herr Brigadier nicht sagen,“ unterbrach ihn der Wirth, gestützt auf die allgemeine Stimmung, welche das Lächerliche des ganzen Vorgangs zu fühlen begann und nahe daran war, in laute Heiterkeit auszubrechen „Ich werd’ auf’s Geschwindeste für ein Fuhrwerk sorgen, aber wir in unserm Dorfe, wir sind keine Solchen, die es mit Maleficanten und Spitzbuben halten.“

Der Brigadier antwortete nicht, sondern rannte völlig rathlos die finstere Straße dahin, als ob er den Entflohenen oder eine Spur desselben zu finden vermöchte. Alles kehrte in die Stuben zurück, wo die Lampen mit den Blechschildern dahinter bereits brannten und in der Ecke auf einem Tische die Musikanten anfingen, ihre Instrumente zu stimmen – die Last, die wie ein Alp auf allen Gemüthern gelegen, war plötzlich weggenommen, und die Fröhlichkeit konnte hervorbrechen wie ein frisches Brünnlein, dessen Quelle eine Weile verstopft gewesen. Kuni weigerte sich nicht mehr, an dem Loostanze Theil zu nehmen – daß das durch sie unschuldiger Weise veranlaßte Unheil sich doch noch zum Bessern gewendet hatte, machte sie leichter athmen; sie sah ruhig, wenn auch nicht heiter darein, und der Hochzeitlader, der sie nicht aus den Augen ließ, nickte dabei bedeutsam mit dem Kopfe. „Aha,“ sagte er vor sich hin, „steht es so mit Dir? Fängst Du schon das Kalendermachen an? – Hab’ nur noch eine kleine Geduld, nachher singt der Vogel bald in mein’ Holz – nachher wird’s bald anders ausschau’n auf dem Schlösselhofe! Was nützt mich die schönste Capellen, wenn der Heilige drin nix taugt?“ Vergnügt rieb er sich die Hände; der Plan, den er sich ausgesonnen, konnte ja gar nicht fehlschlagen – waren die beiden Feinde nur erst dahin gebracht, daß sie bei einander sein und mit einander reden mußten, wenn sie nicht großes Aufsehen und Aergerniß hervorrufen wollte, dann, meinte er, sei Alles gewonnen und werde sich das Weitere von selbst geben; man müsse es eben bei den Beiden auf eigene Weis’ anfassen, für einen närrischen Kerl gehöre auch ein närrisches Gewand.

Er ward darin auch durch Sylvest’s Benehmen und Aussehen bestärkt, der ihn vergnügt gegrüßt hatte und von der Anwesenheit seines Widerparts durchaus nicht unangenehm berührt schien; was zwischen Beiden seit seiner Entfernung vorgefallen, vermochte er allerdings nicht zu errathen, und erzählen konnte ihm Niemand, was ein unausgesprochenes, von Niemand getheiltes Geheimniß war.

Der Bursche beachtete kaum, daß auch sein Name in den schicksalentscheidenden Hut gelegt wurde; als der alte Hochzeitlader mit lustigem und listigem Lächeln auf den Tisch stieg, um das erste Paar zu bilden, und er Kuni’s Namen rief, deren Zettel er in der Hand zurückbehalten hatte, fuhr sie wie eine [520] Schlafende oder Träumende auf und mußte erst vom Vater erinnert werden, daß es nun an ihr sei, an den Tisch zu treten und aus dem andern Hute den Namen des Burschen zu ziehen, der für den Abend ihr Tänzer und überhaupt ihr Partner sein solle.

Ihre Befangenheit und Zerstreutheit machten es dem schlauen Alten nicht schwer, ihr das entscheidende Loos in die Hand zu spielen; als sie selbst es zu öffnen zögerte, nahm er es ihr aus der Hand und rief in lauter Freude über die gelungene List mit schallender Stimme über die erwartungsvolle Menge hin: „Erstes Paar – das Ehrenpaar bei dem heutigen feierlichen Loostanze ist die ehr- und tugendsame Jungfrau Kunigunde Berghofer vom Schlösselbauernhofe und der tugendbelobte Jungherr Sylvester Buchmaier vom Buchmaiergute. Sie leben hoch! Das Ehrenpaar soll leben – hoch!“

Die Musikanten fielen mit schmetterndem Tusche ein, der aber gleichwohl nicht im Stande war, Kuni aus der Betäubung zu reißen, in der sie mitten im Saale stehen geblieben war, ungewiß, ob sie wache oder träume, unschlüssig dessen gewärtig, was sich nun weiter begeben solle. Es klang ihr nur dumpf in’s Ohr, daß ihr Name mit dem Sylvest’s zugleich genannt worden war – die Unmöglichkeit, dem Verhaßten auch nur zum Scheine die Hand zu reichen, zuckte ihr mit Blitzesschnelle durch Herz und Sinn, schon wollte sie den Fuß heben, um zu entfliehen, als Sylvest, der eben im Augenblicke des Ausrufs in die Stube getreten war, erregt und bleich wie sie, vor ihr stand.

„Du sorgst Dich wohl, daß ich Dich zwingen werd’, mit mir zu tanzen?“ rief er, während der erregte Lärm der Anwesenden plötzlich zu Todtenstille herabsank. „Hast es nicht Ursach’,“ fuhr er fort und entriß ihr den Zettel mit seinem Namen, den sie noch immer wie unbewußt in der Hand hielt. „Ich zwing’ Dich so wenig, als ich mich zwingen ließ … der Zettel gilt nichts – mit Dir tanz’ ich nicht.“

Er zerriß das Loos und warf es Kuni zu Füßen, der es vor den Augen schwamm, daß ein paar hinzuspringende Mädchen sie vor dem Umsinken stützen mußten. Sie versuchte zu reden, aber sie vermochte es nicht, nur ihr Auge hing wie irrend und doch voll Erbitterung an dem seinen. Desto rascher ging die Zunge des alten Schlösselbauers, der, ein Unglück ahnend, gleich herbeigestürzt war und nun Sylvest zum Kampfe auf Leben und Tod gegenüberstand. „Warum,“ keuchte er, „warum willst Du mit meiner Tochter nit tanzen? Rede, Du Nichtnutz, oder ich brech’ Dich in der Mitt’ ab, wie einen Bohnenstecken, warum willst Du mit der Schlösselbauerntochter nit tanzen und thust ihr solchen Schimpf und Schand’ an?“

„Besinn’ Dich, Schlösselbauer!“ erwiderte Sylvest kalt, aber auf etwaigen Angriff gefaßt, „zum Abbrechen gehören ihrer zwei und mir wär’s leid, wenn ich mich an Dir vergreifen müßt’. Von Schimpf und Schand’ aber ist zwischen mir und Deiner Tochter keine Red’. Du weißt es selber am besten, daß sie mich nie hat ausstehen können, und mir ist es gerade so gegangen mit ihr, ich hab nie gewußt, warum das so in mir gewesen ist, seit heut’ aber weiß ich, daß ich recht gethan hab’ – seit heut’ weiß ich, warum es so gewesen ist, und wenn Du es auch wissen willst, frag’ Deine Tochter selbst, und sie wird Dir sagen, daß wir zwei nicht miteinander tanzen können.“

Stürmisch verließ er die von betäubendem Lärm erfüllte Stube. Der Schlösselbauer führte Kuni in’s Freie, daß sie sich erholen könne, und rief nach dem Wirth und seinem Wagen, um nach Hause zu fahren. Kuni glich einer schwer Erkrankten, die nur allmählich und unklar sich dessen, was mit ihr vorgegangen, zu besinnen vermag. „Hättest Du mir gefolgt, Vater!“ flüsterte sie, als er sie auf den Wagen hob, „nun bin ich zum Gerede geworden in aller Leute Mund und kann mich vor keinem Menschen mehr sehen lassen; es ist mir im Geiste vorgegangen, daß es ein Unglück giebt.“

„Und mir ist es gerade recht, daß es so gegangen ist. Jetzt freut mich erst mein Leben; jetzt werd’ ich erst unter vier Augen ein Wort mit dem Burschen reden, daß er Zeitlebens an den Schlösselbauern denken soll.“

Eben rollte das Wägelchen davon, als eine starke Faust den Pferden in den Zügel fiel und der Brigadier mit einer Laterne den Personen im Wagen in’s Gesicht leuchtete. Er war von seinem nächtlichen Laufe doch nicht ganz ohne Frucht zurückgekommen; er war einem Manne begegnet, der ihm arglos erzählte, es sei wohl ein fremder Mann in’s Gasthaus gekommen, das sei aber ein alter Bekannter und Freund Sylvest’s und sein Camerad bei den Ulanen in Griechenland gewesen. Der Brigadier wußte nun genug, um den ganzen Zusammenhang zu überschauen, war auch der Thäter selbst ihm entkommen, so hatte er doch den Mitschuldigen entdeckt, der ihn verborgen und ihm unzweifelhaft auch zur Flucht verholfen hatte – das war eine Spur, die wohl geeignet war, noch auf andere Entdeckungen zu führen. Spornstreichs war er daher zurückgeeilt, sich Sylvest’s zu bemächtigen. Als er nach ihm fragte, war der Bursche im ganzen Hause nicht zu finden. Offenbar hatte er Verdacht geschöpft und einen unbewachten Augenblick zu Versteck oder Flucht benutzt. Dem unglücklichen Spürer blieb nichts übrig, als Alles zu durchsuchen und jedes Fuhrwerk anzuhalten, um sich vollends die Ueberzeugung zu verschaffen, daß er abermals überlistet worden war.

Kuni vernahm die Botschaft von dem, was Sylvest erwartete, mit einer Empfindung, die einem Schauder glich. Der Vater verbarg seine Freude nicht und wünschte, der unnütze Bursche solle nur die Suppe, die er sich eingebrockt, bis auf den Grund ausessen. Sie war von ihm beleidigt und auf’s Tiefste gekränkt; sie träumte und sann Rache, aber als die süßeste Rache erschien es ihr, wenn er es erkennen und schamvoll gestehen müßte, daß er ihr Unrecht gethan.

Im Wirthshause hatte es lange gewährt, bis die durch so merkwürdige Dinge in Wallung gebrachten Gemüther wieder in eine ruhigere Strömung zurückkehrten, der Loostanz wurde wohl fortgesetzt oder neu begonnen, aber es war nicht die rechte Lustbarkeit dabei wie sonst und auch dem Trompeterfranzel wollten die Schnurren und Späße nicht so glatt wie sonst von der Zunge. Seit es mit dem Blasen nicht mehr gehen wollte, strich er den Brummbaß zum Tanze, aber diesmal war er öfter in Gefahr, aus dem Tacte zu kommen, so sehr schweiften seine Gedanken auf anderen Fährten, als auf denen seines Fiedelbogens. Ein so schöner und so fein ausgedachter Plan und dennoch nicht bloß mißlungen, sondern sogar in’s Gegentheil umgeschlagen! Er hatte das zwieträchtige Paar schon im Tanze vereinigt gesehen, und nun waren sie weiter und ärger getrennt, als zuvor. Aergerlich riß er die groben Schrobe seiner Baßgeige und brummte in dieselbe vor sich hinein:

„Es ist und bleibt ein hartes Ding,
und selten, zimmt mich, g’rath’s –
Daß Feu’r und Wasser sich vertrag’n
Und busseln Hund und Katz’.“

[533]
3.

Fabian und Sebastian
Soll der Saft in die Bäume gahn.

Wieder waren einige Monate verflogen, und was sie gebracht, hatte sie nicht zu überdauern vermocht – nur an den Eichen und Buchen, die den Höhen und dem Seegestade entlang stehen, hingen noch die Büschel dürrer frostgebräunter Blätter, in der weiten Winterlandschaft das einzige Zeichen, daß über den schneebedeckten Hängen, der matten halb überfrorenen Seefläche und den fernen eisstarrenden Gebirgen jemals ein Frühling geblüht, ein Sommer gereift und ein Herbst geerntet hatte. So weit das Auge des Wanderers zu reichen vermochte, überall bot sich ihm dasselbe Bild der Erstarrung – eine riesige Schneelandschaft zog sich so endlos dahin, daß die zerstreuten Häuser und die Waldstrecken sich nur wie verloren davon abhoben; vergebens schien die Sonne mit mittäglicher Kraft darauf herunter, ein scharfer Ostwind machte ihre Strahlen abweichen, daß sie nur geschwächt die überharschte Schneedecke trafen und die Eiskrystalle derselben flimmern machten. Nur die Schneeflocken und Reifsterne, die an den Zweigen hingen, vermochten nicht, ihnen zu widerstehen, und fielen geräuschlos hernieder.

Auch für das Ohr war das Gepräge des Todes und Verstummens über die ganze Gegend gebreitet – nur ein einziges Mal rollte ein dumpfes Krachen wie schwacher Donner darüber hin, ohne daß irgendwo eine Bewegung zu bemerken war, von der das Geräusch hätte ausgehen können; beinahe zu gleicher Zeit strich ein Fischgeier hart an der überfrorenen Seefläche hin, hob sich dann ebenso rasch in die Luft und stieß einen langgezogenen Ruf aus, der sich wie ein Freudenschrei anhörte.

Der Wanderer, der auf dem Seesträßchen dahin schritt, blieb stehen, sah dem Fluge des Vogels nach und warf einen prüfenden Blick auf die Eisdecke des Sees.

Es war der Trompeterfranzl, der greise Hochzeitlader, den weder Kälte noch Schnee abhielt, die Baßgeige über der Schulter, Diessen zuzuwandern, wo das Instrument noch heute in Thätigkeit kommen sollte. Dasselbe war vorsichtig in ein starkes Tuch gehüllt, während der Träger sich selbst viel geringere Sorgfalt zugewendet hatte; er trug sein gewöhnliches Bauerngewand, nur die Hände staken in einem Paar derber Fäustlinge aus Fuchspelz, und auf dem ausnahmsweise übereinander geknöpften Rocke hing das kleine unscheinbare Erzkreuzchen, das Denkzeichen an den russischen Feldzug, als ob es die alte Brust und das Herz darunter warm halten sollte vor dem schneidenden Ost, der eben mit stärkerem Odem über den See blies und die Schneeflöckchen auf demselben wirbeln machte. Rüstig stand er da und während Andere schon vor seinen Jahren das Aussehen hatten, als gäbe es für sie keinen Platz mehr, als in der warmen Stube auf der Bank hinter’m Ofen, hatte ihn das heitere Gemüth und die Freude an den Tönen so lebfrisch erhalten, daß er mit den von der Kälte gerötheten Wangen fast einem Burschen glich, der, anstatt dazu aufzuspielen, lieber selbst Lust hatte, zum Tanze anzutreten. Um seine Naturbeobachtungen bequemer vornehmen zu können, stellte er den Baß vor sich hin und griff dann in die Tasche, um eine Handvoll Brodkrumen, mit denen er sich offenbar eigens versehen hatte, unter die Hecken zu streuen, durch welche allerlei Gevögel huschte und sich sein kümmerliches Futter zusammenlas. Die Finken, Emmerlinge und Meisen verschmähten die gastliche Einladung zu offener Tafel nicht, und auch eine Amsel überwand allmählich ihre Schüchternheit; um näher hüpfend und mit ihrem Goldschnabel pickend daran Theil zu nehmen.

Mit einem fröhlichen Kinderlächeln, auf seinen Baß gelehnt, sah der Greis dem Spiele seiner gefiederten Gäste zu; plötzlich schwirrten sie alle in die Höhe und flüchteten in die sicheren Wipfel höherer Bäume. Die Ankunft eines Zeugen und sein lauter Ruf hatten sie verscheucht; es war ein Bauernbursche, der in hohen Schneestiefeln quer über die Anhöhe herabkam, als habe er nicht Zeit der Krümmung zu folgen, in welcher der Fußpfad sich gegen das Gestade hinunter schlängelte.

„Oho,“ rief er schon aus der Entfernung lachend herunter. „Oho, Wettermannl’, futterst die Vögel und machst ihnen gleich Tafelmusik dazu auf Deiner Baßgeigen?“

Verstimmt und mit dem Auge zwinkernd sah der Alte nach dem Störer hin. „Du bist es, Zachariesel?“ entgegnete er in einem Tone, der sich nicht bemühte freundlich zu sein. „Was kommst Du denn über die Leiten heruntergeschossen wie ein Hacht und verjagst mir meine Kostgänger? Ist vielleicht wieder ein Bach in der Näh’, in den Du hinein plumpen willst? Oder willst zuhören bei meiner Tafelmusik? Das kann schon sein. Ich hätt’ gute Lust, Dir ein Stückel aufzuspielen. Du hast Ursach’, andere Leut’ bei ihren Spitznamen zu nennen, Du ewiger Hochzeiter Du.“

Ueber das Antlitz des Burschen, der inzwischen langsamer [534] auf die Straße herabgekommen war, glitt ein flammendes Roth; er schien nicht abgeneigt, dem Alten in demselben gereizten Tone zu erwidern, aber er zwang sich zum Lachen und sagte wie gleichgültig: „Daran liegt nicht viel, mein’ ich – für Dich ist’s keine Unehr’, wenn man Dich das Wettermannl’ heißt, das Wort aber, das Du gesagt hast, ist eine Schand’, daß es mir dabei siedig heiß gegen den Kopf steigt, und ich mein’, ich müßt’ Jeden niederschlagen, der so sagt’.“

„Na ja,“ erwiderte der Hochzeitlader mit eigenthümlichem Lachen, „wär’ schon ein schönes Stück, wenn Du Deine Wuth an einem alten Mann’l auslassen thätst, wie ich einer bin; wenn Du es aber mit Jedem so machen willst, der Dir das Wort zu Gehör red’t, da kann’s leicht geschehen, daß Du hübsch viel zu thun kriegst. Ich mein’ aber, Du könntest es leichter haben; der Spitznamen wird von selber wegfallen, sobald Du machst, daß er nimmer zutrifft.“

„Als wenn das an mir liegen thät’!“ rief Zachariesel eifrig. „Dafür kann ich doch nichts, daß die Mühl’ baufällig war und daß die Basen gestorben ist und daß die Mechel jetzt in die sechs Wochen krank und bettliegerig gewesen ist.“

„Dafür kannst Du freilich nit, Du Lapp,“ antwortete der Alte mit halbem Lachen, „aber wenn Du nur einmal ernsthaft das Maul aufthätest und sagtest: ‚so und so ist es, und so und so muß es sein, so will ich’s einmal haben,‘ dann würdest Du sehen, dann ging’ es gleich aus einem andern Ton. Merkst Du denn nicht, daß das Müllermädel, das halbgestudirte, Dich zum Narren hat? Daß sie blos spielt mit Dir, wie ein muthwilliger Bub’ mit einem Maikäfer, den er an einen Faden gebunden hat und fliegen und schnurren läßt, so lang’ es ihn freut, nachher aber wieder zurückzieht?“

„Du hast gut reden,“ seufzte der Bursche, „wenn sie mich halt so recht anschaut mit ihren kohlschwarzen Augen und wenn sie mir gute Wort’ giebt, da kann ich nicht Nein sagen. Du weißt halt nicht, wie das ist, wenn man Eins so recht von Herzen gern hat.“

„So? Hast Siegel und Brief dafür?“ fragte der Alte mit eigenthümlichem Blick und Ton entgegen. „Wenn Du schon glaubst, ich wüßt’ nicht, wie Einem dabei ist, so sag’ ich Dir doch, ich glaub’ Dir’s gar nicht, daß Deine Lieb’ zu dem Madel gar so enterisch (ungeheuer) ist; wenn das so wär, so hättest Du schon zehnmal für einmal Mittel und Wege gefunden und alle Krummen gerad’ gemacht.“

„Tratz’ mich nicht!“ sagte Zachariesel mit einer Miene, in welcher Zorn und Betrübniß miteinander kämpften, „hilf mir lieber! Mach’ Du meinen Procurator! Du bist es gewohnt vom Hochzeitladen her und weißt, wie man seine Reden richtig setzen muß: wie wär’s, wenn Du statt meiner zum Grubenmüller gingst und thätst ihn sprachen? (Jemand sprachen: soviel wie: ernsthaft zur Rede stellen.) Ja, das wird das Gescheidteste sein. Sag’ ihm und auch der Mechel …“

„Gieb Dir keine Müh’!“ sagte der Alte und nahm seinen Baß wieder auf, „das geschieht doch nit. Ich muß nit von Allem haben und misch’ mich nit unter Liebesleutel – hab’s neulich erst probiren wollen und hab’s erfahren, wie’s damit geht.“

„So gieb mir wenigstens einen Anschlag.“

„Einen Anschlag? Meinethalben. Eigentlich sollt’ ich zwar nicht; eigentlich sollt’ ich Dich an Deinem Kreuz hängen lassen, weil Du mich mit Deiner Hochzeitladerei wie einen Narren im ganzen Gau hast herumreiten lassen, aber ich will’s mit Dir nicht so genau nehmen und will Dir einen Anschlag geben, aber ich mag nicht da in’s Freie hersteh’n und in der Kält’. Wohin willst denn eigentlich, weil Du’s gar so eilig gehabt hast? Wieder da ’nüber?“ setzte er nach kurzem Innehalten spottend hinzu, indem er über seine Schulter hinweg mit dem Daumen nach dem See und dem jenseitigen Ufer deutete.

„Ja,“ entgegnete Zachariesel kleinlaut, „ich bin vorgestern drunten gewesen und da –“

„Und da hat sie Dir wieder einmal den Kopf heiß gemacht?“ lachte der Alte, da er stockend einen Augenblick inne hielt.

„Ja,“ fuhr er fort, „weil Faschingzeit ist, hat sie am nächsten Sonntag hinüber gewollt nach Weilheim; da geben die Frackischen (Frackträger, soviel wie: Stadtherren) einen Tanz oder Ball, wie sie’s nennen …“

„Aha,“ fiel der Alte ergänzend ein, „das ist Dir nicht recht gewesen, weil Du mit den Frackischen eiferst, und da habt Ihr Euch wieder einmal gestritten, und Du bist auf und davon und hast es in Deinem Zorn verredet, daß Du unter acht Tagen nicht wieder in die Grubenmühl’ gehst.“

Zachariesel sah ihn mit weitgeöffneten Augen an. „Auf’s Haar ist’s so,“ sagte er, „aber wie kannst denn Du Alles so akkerat wissen?“

„Das sagt mir Alles mein kleiner Finger,“ erwiderte der Alte ernsthaft, „ich darf nur ein gewisses Sprüchel sagen und zwischen Dunkel und Siehstmichnit (zwischen Dämmerung und Nacht) den Finger an’s Ohr halten, da erzählt er mir Alles, was ich erfahren will. Also hast Du’s einen ganzen Tag ausgehalten, und jetzt bist Du eilends auf dem Weg in die Grubenmühl’ und willst dem Mädel sagen, daß es Dir leid thut und daß Du gar nichts dagegen hast, wenn sie auf den Ball geht und sich von den Weilheimer Frackischen recht herum tanzen läßt.“

„Du hast es wieder schier ganz errathen,“ sagte Zachariesel, „ich hab’ ihr sagen wollen, sie sollte nur auf den Ball geh’n, aber mich muß sie auch mitnehmen, und damit sie’s nicht anderwärts zusagt, bin ich den geradesten Weg über die Felder gelaufen und hab’ über den See hinüber gewollt.“

„Die zwei Sachen lassest Du alle beide schön bleiben,“ rief der Alte. „Ueber den See zu geh’n, ist nicht mehr rathsam.“

„Was fallt Dir ein?“ entgegnete Zachariesel, dem See zugewendet. „Das Eis ist ja wie ein Spiegel und hat noch nirgends den kleinsten Sprung. Das hält noch seine drei Wochen an, bei der Kälten.“

„Willst Du das besser versteh’n?“ fragte der Alte mit wichtiger Miene. „Hast vorhin das Krachen nicht gehört?“

„Freilich, ich hab’ gemeint, es hätt’ ein Jäger auf ein Wildbrät geschossen.“

„Da ist mir um Deine Ohren leid, wenn Du das für einen Schuß gehalten hast,“ rief der Andere wieder. „Das Eis ist’s gewesen, zu tiefst drunten im See. Das Grundeis, das hat einen Riß bekommen; drum ist auch vorhin schon ein Fischgeier über’s Eis hingestrichen, als wenn es schon offen wär’, und hat einen Ruf gethan dazu, und das ist eine gewisse Regel:

Wenn über’m Eis der Geier schreit,
Dann ist der Auswärts nimmer weit.

Du meinst, die Gefrier soll noch drei Wochen halten? Ich sage Dir, sie hebt (hält) keine drei Tage mehr an. Jetzt ist die Zeit, da rührt sich die Natur in der Tiefe, da kommt die Grundwärm’ herauf, und wenn es auch noch aussieht, als wenn der Winter erst anfangen sollt’, über Nacht kommt der warme Tirolerwind, und Alles springt um. Ist auch nicht mehr lange hin auf Fabian und Sebastian, und da muß der Saft in die Bäume gahn, wenn’s einen richtigen Laubs (Lenz) geben soll. Ich denk’,“ fuhr er, sich in Bewegung setzend, fort, „ich denk’, Du gehst mit mir nach Diessen hinein; da muß ich heut’ aufspielen beim Faschingsritt; kannst auch zuschauen. Ich will’s in der Still’ überlegen, was Du thun und sagen sollst; in der Weil’ kannst Du Dich umsehen, ob nicht ein Fuhrwerk da ist, mit dem Du ein Stück um den See herum fahren kannst. Es kommen ja zu der Narrethei die Leut’ von überall her, vor allem Ueberlegen aber sag’ ich Dir gleich auf der Stell’: das Gescheidteste ist, Du bleibst beim Faschingsritt und tanzest, was das Zeug hält und die Schuh’ vertragen, und gahst nicht in die Grubenmühl’. Sie müßt’ mir kommen und um ein schön’s Wetter bitten, wenn ich an Deiner Stell’ wär’.“

„Wenn sie’s aber nicht thut …“

„Sie thut’s, wenn ihr an Dir nur ein wenig gelegen ist, und wenn es wär’, und sie thät’s doch nicht, dann bist Du sie los. Dann brauchst nicht Oberknecht auf der Grubenmühl’ zu werden, denn etwas Anderes wirst Du doch nicht, und dann wird’s wohl noch ein anderes Mädel geben, das Du Dich zu kriegen traust.“

Zachariesel seufzte tief auf, aber erwiderte nichts; der Gedanke, Mechel aufzugehen, war ihm unfaßbar. Er veränderte daher das Gespräch und bot sich an, seinem Berather die Last abzunehmen und die Baßgeige für ihn zu tragen. „Meinetwegen,“ erwiderte der muntere Alte, „den Gefallen kann ich [535] Dir ja thun, nur mußt Du mir versprechen, daß Du nicht an die Grubenmühl’ denkst und an die Weilheimer Frackischen, sonst könnt’ es meinem armen Contrabaß gehen, wie es einmal beim Maurerhansel einem gewissen gipsernen Engerl gegangen ist.“

Schweigend nahm der Bursche die Last auf sich. Die Anspielung des Alten zeigte ihm auf’s Neue, wie alles Vorgefallene schon bekannt und zum Gegenstande allgemeinen Gespräches geworden war; es ward ihm darüber so bitterlich weh und doch wieder so grimmig um’s Herz, daß er den Baßgeigenhals krampfhaft umklammerte, als wäre es der eines Spötters, und daß ihm dabei doch die Thränen in die Augen schossen. Eines aber ward ihm immermehr zur Gewißheit, daß es so nicht länger fortgehen könne und er sich entschließen müsse, einen Entschluß zu fassen. Der Alte mochte bemerken, was in ihm vorging, und überließ ihn seinen Gedanken; die eigenen waren ihm lange befangen von den dürren Bäumen und Sträuchern am Wege, von den Raupengespinnsten, die daran herunterhingen, und von den schwarz gewordenen Schlehen und den braunen Hagebutten, die keine pflückende Hand gefunden hatten. Oft und lange sah er See und Himmel an, und es schien ihm nicht zu gefallen, daß im Süden gegen die Berge ein bräunlicher Qualm wie verwehter Rauch aufzusteigen begann, und kopfschüttelnd brummte er vor sich hin:

„Höhenrauch braun und dick
Bricht dem Winter ’s G’nick …“

Schweigend waren sie schon Diessen nahe gekommen, wo die Straße sich vom See abwendet und in leichtem Waldschlage verliert; ein Schlitten, von einem raschen Gaule gleich einer Nußschale wie im Fluge fortgezogen, klingelte lustig heran. Der kundige Hochzeitlader, trotz seiner schwachen Augen, hatte das Fuhrwerk wie dessen Herrn in Bälde erkannt. „Das ist ja gar der Schlösselbauer,“ rief er, „den erkenn’ ich am Schlittengeläut’; kein Anderer hat einen Schellenkranz, der so fein klingt, schier wie ein Glockenspiel. Grüß’ Gott, Schlösselbauer!“ rief er dem näher Kommenden zu, der mit einem Gegengruße das Pferd anhielt und dem Hochzeitlader die Hand schüttelte, die ihm derselbe in freudiger Eile sammt den füchsenen Fäustlingen entgegenstreckte. „Woher, Schlösselbauer? Bist auch in Diessen gewesen, beim Fasching? Willst schon so bald wieder heim? Das Reiten muß ja erst angeh’n, mein ich. Und gar allein bist? Wo ist denn Deine Tochter, die Kuni? Wird doch nicht etwa gar krank sein?“

„Du fragst einmal viel miteinander,“ lachte der Bauer, „da freut mich mein Leben mit lauter Antworten. Freilich bin ich in Diessen gewesen, hab’ gemeint, ich wollt’ mir die Narrethei anseh’n, aber es hat mir nichts recht gefallen wollen – da hab’ ich mir ’denkt, wenn ich Weillang haben will, das bring’ ich daheim auch zuwegen, und allein muß ich fahren, weil meine Kuni fort ist; drüben, gegen Kloster Polling hin, lebt ein altes Basel von ihrer Mutter selig; die ist schwer krank, und da hat sie sich’s mit Teufelsgewalt in den Kopf gesetzt, es wär’ ihre Pflicht und Schuldigkeit, daß sie einer so nah Befreund’ten auswarten thät und sie müßt’ sich noch auf ihrem eigenen Todbett’ Vorwürf’ machen, wenn sie’s nicht gethan hätte. Was willst machen, wenn sich so ein verflixtes Dirn’l einmal was in den Kopf gesetzt hat?“

„Hm, hm, jetzt fällt mir ein, ich hab’ so ’was läuten, aber nicht schlagen hören,“ erwiderte der Alte, indem er sich nach Zachariesel umsah und befriedigt fortfuhr, als er denselben mit dem Basse ruhig weiter traben sah. „Es hat geheißen, sie hat den Leuten auf eine Weil’ aus den Augen und aus dem Gered’ geh’n wollen – Du weißt wohl, von wegen der Geschicht’ in Erling mit dem Loostanze.“

Sichtlich unangenehm berührt, riß der Bauer an den Zügeln, obwohl das Pferd sich nicht von der Stelle geregt hatte. „Das hätt’ sie auf dem Schlösselbauernhofe auch haben können,“ sagte er mürrisch, „da oben ist ohnehin eine Einöd’, wo Füchs’ und Hasen einander gute Nacht geben, und dann mein’ ich, sie hätt’s nicht nöthig gehabt; selbiges Mal bei dem Loostanze ist nichts gescheh’n, wegen dessen sie sich hätt’ verstecken müssen. Was liegt daran, ob’s noch ein paar hundert Menschen mehr wissen, daß die Zwei einander nit leiden können und von Jugend auf einander feind sind, wie Hund und Katz’! Wie’s nur auch möglich gewesen ist, daß es sich gerad’ so auftrifft, und daß gerad’ die Loos’ von denen Zweien haben herauskommen müssen.“

„Ja wohl, wie so was nur möglich!“ sagte der Alte so unbefangen, wie er es mit seinem ehrlichen Gesichte zuwege brachte, durch das der Schalk guckte. „Man möchte diemalen wirklich an eine Hexerei glauben, wenn das Hexen nicht aus der Mode gekommen wär’. Aber gut war’s bei alledem, daß sie einmal so recht aneinander gerathen sind; jetzt ist das verhaltene wilde Feuer heraus; jetzt wird wohl Frieden sein auf eine Weil’.“

„Ja, bei ihm, bei dem groben Burschen, kannst wohl Recht haben,“ erwiderte der Bauer, „er hat sich ausgesprochen und ausgeschrieen genug, aber mein Mädel hat die Kränkung erhalten und hat sie mit ihren Zähern hinunterschlucken müssen. Sie ist mir ganz verkehrt seit der Zeit, und geweint hat sie in ihrem ganzen Leben nit so viel, als in den vier Wochen seit der Andechser Wallfahrt.“

„So so, fangt das Wetter an weich zu werden?“ rief der Hochzeitlader rasch, „das ist kein schlechtes Zeichen. Riegle Deine Thaler, Schlösselbauer! Es giebt bald Hochzeit.“

„Du denkst an nichts als an’s Hochzeitladen und an’s Hochzeitstiften,“ lachte der Bauer. „Meine Kuni will jetzt erst recht nichts vom Heirathen hören. Bei der kannst Du den Kuppelpelz in den Rauchfang schreiben.“

„Mach’ Du mir meinen Gaul nicht scheu!“ erwiderte der Alte, in das Lachen einstimmend, „eine Henn’ ist auch ein Vogel und

Wird erst der Boden warm und feucht,
Thut sich das Grasel beim Aufgeh’n leicht.

Spott’ Du nur, Schlösselbauer! Es kommt schon die passende Zeit, wo ich Dir’s heimgeben kann. Wo ist denn aber er?“ setzte er bedenklich hinzu. „Hast nichts gehört von ihm?“

„Wer?“ fragte der Bauer verwundert. „Von wem soll ich was gehört haben? Du meinst doch nicht etwa gar denselbigen, den …“

„Ja wohl’, red’ nur aus, denselbigen, den gar Andern mein’ ich,“ entgegnete der Alte. „Wenn er auch nicht Dein Schwiegersohn werden will, kannst ja doch von ihm gehört haben, und mir mußt Du’s nit übelnehmen, wenn ich nach ihm frag’: der Bub’ ist mir einmal an’s Herz gewachsen. Du hast ja gesagt, Du wolltest ihm heimgeben, was er Dir und der Kuni angethan hat, also wirst ihn wohl aufgesucht haben. Seit er dort in Erling verschwunden ist, hab’ ich von ihm nichts mehr gehört und geseh’n. Sein Vater weiß selber nichts von ihm und meint, ob er nicht etwa gar noch einmal in’s Griechenland hinein ist.“

„Dasselbe glaub’ ich nicht,“ war des Bauern Antwort, „da thäten sie ihn kennen und herausliefern, denn jetzt ist er selber ausgeschrieben, wie ein Maleficant; jetzt ist es erwiesen, daß er den Spitzbuben ganz offen in’s Haus geführt und für einen Cameraden aus dem Griechenlande ausgegeben hat, und wenn sie ihn finden, wird er selber eingehäuselt auf ein fünf bis sechs Jahrle.“

„Warum nit gar!“ erwiderte der Alte kopfschüttelnd. „Es kann doch gar kein so großes Verbrechen sein, daß er dem armen Teufel durchgeholfen hat. Ich hab’ ihn geseh’n und mich hat er erbarmt, und wenn Du ihn geseh’n hättest, Schlösselbauer, Du hättest ihn auch nicht ausgeliefert, sondern hättest ihm durchgeholfen. Und seit der Zeit hab’ ich den Buben erst recht in mein Herzkastel eingeschlossen und wünschet’ nur, daß es ihm so recht gut geht, und wenn’s auch nit sein kann, schad’ ist’s doch, daß er nicht Dein Schwiegersohn wird – dabei bleib’ ich, bis die Kuh einen Batzen gilt.“

„Und ich bleib’ dabei, daß Du ein alter Faxenmacher bist, Trompeter-Franzl,“ rief der Bauer halb lustig, halb ärgerlich. „Weil Du doch so gut auskennst in den Kräutern, so schau, daß Du einmal die Gescheidtwurz findest. Die thut Dir noth und Du hast hohe Zeit. … Behüt’ Dich Gott, Wetter-Mandel!“

Der Schlitten sauste dahin, und der Alte rief ihm nach: „Gleich mach’ ich mich an’s Suchen, Schlösselbauer, und wenn ich die Gescheidtwurz hab’, laß ich Dich nicht zu kurz kommen.“

Die Worte vertönten im Schellenklingeln und Peitschenknall. Der Hochzeitlader brauchte aber geraume Zeit, bis er Zachariesel eingeholt, der, in Gedanken fortschreitend, einen ansehnlichen Vorsprung gewonnen hatte. Der Bursche war darüber wieder ruhiger geworden. Zeit und Ueberlegung hatten ihn abgekühlt [536] und in seinem Gemüthe wieder Raum für andere Bilder geschaffen. Einmal gerieth dabei die Baßgeige in wirkliche Gefahr, denn als er bei den ersten kleinen Häuschen des Marktfleckens angekommen war und eine weibliche Gestalt in eines derselben ging, fuhr er aus seinem Brüten auf, daß er stolperte und nahezu gefallen wäre – war es ihm doch gewesen, als ob die Gestalt, wenn er sie auch nur von rückwärts sah, dem Mädchen glich, das ihn zwischen Erling und Andechs über den Zaun gegrüßt hatte. Eben besann er sich noch recht, daß ja die Gestalt helles Haar habe, während die Zöpfe des Mädchens vom allerschwärzesten Schwarz gewesen – war das Bild auch in seiner Erinnerung wieder verblichen und verdrängt, war der Eindruck dennoch tief genug gewesen, um immer wieder zum Vorscheine zu kommen, besonders wenn der Tag und die Geschäfte des Tages vorüber waren. Es ging damit, wie wenn in irgend einem alten Gebäude der Bewurf sich von der Wand abbröckelt und ein altes Gemälde sichtbar werden läßt, von dem kein Mensch mehr etwas gewußt oder an das doch seit vielen, vielen Jahren kein Mensch mehr gedacht.

Im Markte wurde der Alte und seine Baßgeige bereits erwartet; wußte er sie doch ungemein lustig zu handhaben und ihr so lächerlich brummende Töne zu entlocken, daß diese Musik mit zu den Hauptspäßen der Faschingslustbarkeit gehörte. Eine Schaar muntere Bursche verkleidete sich dabei in allerlei Masken, wie die Einbildungskraft des Landvolkes sie erfindet und als altes Herkommen werth hält. Da war ein buntscheckiger Hanswurst, der sich mit Ruß einen wilden Bart gemalt hatte und die Mädchen mit den Küssen, die er drohte, vor sich herscheuchte; der bairische Hiesel mit seinem großen Hunde und dem nie fehlenden Stutzen kam als grimmiger Wildschütz heranstolzirt. Wilde Männer schritten durch die Menge, in umgekehrte Wildschuren gehüllt und mit mächtigen Bärten aus Hanfwerg am Kinn und Tannenreisig um die Köpfe. Keinem fehlte der Zweig der wintergrünen Sangen oder Stechpalmen, denn das ist eine geheimnißvolle Pflanze, welche gar wunderbare Kraft in sich haben soll. Auf einem Klepper, der durch künstliche Höcker zu einem Dromedar umgestaltet war, saß zwischen den Buckeln der eigentliche Faschingsnarr, ein Vermummter, der, wenn der Zug vor den Häusern anhielt, eine Art gereimter Strafpredigt ablas und Spottverse über die Thorheiten sang, die man sich von den Bewohnern erzählte, ähnlich, wie es in anderen Gauen beim Haberfeldtreiben zu geschehen pflegt. Die Hauptpersonen des eigentlichen Spiels aber waren zwei Knaben, welche, als Winter und Sommer verkleidet, den Kampf der beiden Jahreszeiten, der nun bald wieder beginnen sollte, singend erst mit Worten, dann mit den Fäusten darstellten. Natürlich mußte der Winter spielgemäß zuletzt unterliegen, aber aus der größern oder geringern Leichtigkeit, mit welcher der Sommer ihn bezwang, wurden allerlei Anzeichen entnommen, ob in der Wirklichkeit dieser Kampf sich bald entscheiden oder in die Länge ziehen werde. Reiter beschlossen wieder den Faschingsritt, an dessen Spitze die Musikanten um die Wette bliesen, pfiffen und trompeteten.

Eben war das Spiel wieder beendet; der Sommer in weißem Hemde und einem Kranze gemachter Blumen im Haare hatte eben dem plumpvermummten Winter ein Bein gestellt und ihn mit Pelzmütze und dem Tannenbäumchen, das er trug, zu Falle gebracht, als der herumspürende Hanswurst den Zachariesel unter den Zuschauern gewahrte und ihn, ehe dieser sich seiner erwehren konnte, gepackt und in den Kreis geschleppt hatte.

„Der gehört auch zu uns,“ rief er mit gellender Stimme. „Der ewige Hochzeiter hat uns noch gefehlt; der ist auch ein Faschingsnarr.“

Schallendes Gelächter begleitete den Einfall, aber Zachariesel wehrte sich wie ein Rasender und warf mit einem wilden Faustschlage den Hanswurst bei Seite, dem darüber das Blut aus Mund und Nase schoß und in den beschmierten Bart rann; ein Paar nicht minder kräftige Stöße bahnten ihm den Weg durch die höchlich ergötzte Zuschauermenge, und ehe man sich recht besann und daran dachte, ihn festzuhalten, hatte er schon eine Nebengasse erreicht und rannte die Straße dahin. Er dachte nicht mehr an den Hochzeitlader und seinen versprochenen Rath; jetzt bedurfte er desselben nicht mehr. Die allgemeine öffentliche Verhöhnung hatte dem Fasse den Boden ausgeschlagen. Jetzt half ihm das siedende Blut, schnell zur Fassung und zum Entschlusse zu kommen. Alle sollten sie beschämt und gründlich überwiesen werden, wie sehr sie ihm Unrecht gethan; nun galt es, die Sache zum Biegen oder Brechen zu bringen. Doch nein, brechen sollte sie nicht. Das hätte ihm erst recht als Beweis seiner Schwäche ausgelegt werden können; gerade darin sollte seine vollste Rechtfertigung und sein Triumph bestehen, daß er seinen Willen nicht brechen ließ, sondern daß Alles sich vor ihm beugte und daß er vollständig durchsetzte und erreichte, was er sich einmal vorgenommen. Dann, wenn er Mechel in den nächsten Wochen zum Altare führte und in der Grubenmühle als Herr und Vogt seinen Einzug hielt, dann sollte alle Welt erkennen, was er für ein Mann war.

Lange noch, als er sich schon überzeugt hatte, daß die Faschingnarren eine Verfolgung gar nicht beabsichtigten oder wieder aufgegeben hatten, rannte er stürmisch dahin, als ob die gefrorene Straße ihm unter den Füßen brennte, und hörte darüber kaum, daß ihm ein Schlitten nachgefahren kam, dessen Inhaber, als er bei ihm angekommen, seine Pferde anhielt. Es war ein Bekannter aus der Umgegend, der ihn einlud, mit ihm ein Stück Weges zu fahren. Mit den frischen Pferden ging die Fahrt schnell von Statten, und als Zachariesel an der Wegscheide mit flüchtigem Gruß und kurzem Dank abgestiegen war, trieb es ihn auf seinem Waldwege durch die kahlen Büsche und das Stangengehölz dahin, wie ein Boot, das der Wind in den Segeln gefaßt hat und unaufhaltsam dem Gestade oder einem Riff oder einer Sandbank entgegen treibt. Bald war die schmale Schlucht erreicht, an deren Eingang die Mühle, um ihren Namen zu rechtfertigen, wie in einer Grube stand, halb überwölbt von einem Haine uralter Buchen, deren Laubdach im Sommer kaum einen Sonnenstrahl auf den brausenden Bach hernieder dringen ließ, der unter Gebüsch und überhangendem Gesteine so eilfertig hervorschoß, als könne er es nicht erwarten, die Mühlschußrinne zu erreichen und im Sturze seine Kraft an den Schaufeln der Räder zu versuchen. Jetzt sah es allerdings winterlich kahl und einsam unter den Buchen und vor der Mühle aus, aber das Haus mit den blanken Fenstern, dem rauchenden Schornstein und dem Geklapper des Mühlgangs bot ein so gastliches und einladendes Bild, daß man sich wohl versucht sah, anzuklopfen und Einlaß zu fordern in der friedlichen Einsamkeit, wenn auch von der Dachrinne und dem Mühlschusse mächtige Eiszapfen herabhingen, wie die Bärte von griesgrämigen Greisen oder wie gefrorene Thränengüsse.

Jetzt hatte Zachariesel die Stelle erreicht, von wo er die Mühle und die ganze Umgebung überblicken konnte, und hielt seinen Schritt verwundert an. Nichts regte sich ringsum, und auch an dem Fenster, an welchem sonst Mechel hinter einem großen Wachsblumenstock bei der Arbeit saß und ihn zu begrüßen pflegte, blieb Alles stumm und regungslos. Er eilte die Stufen zur Hausthür hinan – sie war verschlossen; er stürmte wieder hinab und in die Mühle hinein – ein verschlafener Mühlknapp erhob sich von der Bank und sah ihn verwundert an. „Wißt Ihr denn das nicht?“ erwiderte derselbe auf die hastige Frage, „wo Mechtilde und der Grubenmüller sich befinden. Das ist aber spaßig. Ich hab’ gemeint, die Jungfer hätt’ Euch Botschaft davon gethan. Letzthin – Ihr seid fortgewesen – da ist ein Brief aus der Stadt gekommen, und da sind sie fortgereist …“

„Nach Weilheim?“ rief Zachariesel grimmig.

„Warum nit gar!“ lachte der Knappe, „was sollten sie denn da thun? Das wär’ ja ein Weilheimerstückl; der Brief ist aus der Münchenerstadt gewesen, und dahin sind sie auch gereist – heute in aller Früh.“

Zachariesel war es, als ob das ganze Mühlwehr abgelassen sei und ihm vor den Ohren brause. „Aber warum denn?“ stieß er mühsam hervor. „Was thun sie denn jetzt mitten im Winter in München?“

„Ja, das weiß ich nicht,“ entgegnete der Knappe, indem er dem einen Mahlgang, der zu läuten begonnen hatte, Frucht aufschüttete und darüber hinweg den bestürzten Frager mit verwunderten Blicken und spöttisch zuckenden Mundwinkeln betrachtete. „Der Herr hat nur gesagt, in ein paar Tagen kommen sie schon wieder, aber drinnen in der Stuben auf dem Fensterbrett liegt noch der Brief, der aus der Stadt gekommen ist – da wird wohl Alles drinnen steh’n …“

Und in dem Briefe stand auch, wenn nicht Alles, so doch genug und weit mehr, als Zachariesel zu wissen verlangt und erwartet hatte.

[549] Es war ein zierliches Schreiben des Geometers, worin derselbe dem Müller mittheilte, daß in der Gesellschaft ein Ball stattfinde, der an Schönheit Alles übertreffen solle und dem nichts mangle, als seine und seiner liebenswürdigen Tochter Gegenwart. Er lud sie daher beide in artigster Weise dazu ein und erwähnte, wie er in der Gesellschaft schon so viel und oft von ihnen erzählt habe, daß Alles begierig sei, ein paar so ausgezeichnete Leute kennen zu lernen. Als unverheirathet, schrieb der Canarienvogel weiter, sei es ihm zwar leider nicht möglich, sie in eigener Behausung zu bewirthen und zu beherbergen, aber eine Schwester seiner verstorbenen Mutter werde sich eine Ehre daraus machen, sie aufzunehmen und vielleicht dem Fräulein behülflich zu sein, wenn am Ballstaate etwas fehlen sollte; es wäre daher sehr ersprießlich, wenn sie schon einen Tag früher einzutreffen vermöchten. „Ich lebe nur in dieser freudigen Erwartung,“ hieß es am Schlusse, „und gebe mich der Zuversicht hin, daß der Siegeswagen meiner Hoffnungen durch keinen ländlichen Stein des Anstoßes aufgehalten wird.“

Knirschend vor Zorn ballte Zachariesel das Blatt zusammen, warf es auf den Boden und sprang es mit beiden Füßen platt; dann rannte er aus der Mühle, wo der Knappe ihm so wenig den Ausgang wehrte, als er den künftigen Herrn des Hauses am Eintritte gehindert hatte. Er blickte nicht mehr zurück und wandte nicht einmal den Kopf, obwohl der Bursche unter die Mühlthür getreten war und, ihm nachsehend, ein Liedchen pfiff, dessen bekannte Reime offenbar auf ihn gemünzt waren. Sie lauteten ungefähr:

„Um und auf, auf und um –
Ich weiß niemal’ warum:
Wenn’s einmal Alle hör’n,
Werd’ ich’s auch schon inne wer’n (werden).“

Er wußte und beachtete nicht, wohin er lief; so gerieth er in die entgegengesetzte Richtung, daß es den Anschein hatte, als wolle er schnurstracks nach München laufen, um die tanzlustige Braut zurückzuholen. Wäre der verdammte Gelbling ihm jetzt begegnet, er wäre diesmal nicht so mit heiler Haut davongekommen, wie im Erlinger Hohlwege. Also bis dahin war es gekommen, daß Mechtild sich nicht einmal mehr mit den Halbstädtern von Weilheim begnügte; ihm zum Trotze und offenbarem Hohne hatte sie, ohne ihn zu fragen, ohne ihn auch nur einer Nachricht zu würdigen, die Einladung des Menschen angenommen, der ihm zuwider war wie kein anderes Geschöpf zwischen Mond und Sonne. Nun gab es aber auch kein Schwanken und kein Besinnen mehr; nun stand sein Entschluß felsenfest wie der Waldberg an seiner Seite, von dessen Höhe der Dom von Andechs thalbeherrschend hernieder sah. Nur über das Eine, wie die Sache angefaßt werden müsse, war er noch etwas im Zweifel, doch stieg es immer klarer in ihm auf, daß Mechel’s Augen gegenüber mit Worten nichts auszurichten sei und daß es das Klügste sei, einen Brief zu schreiben, den weder der Müller noch Mechel an’s Fenster zu stecken Lust haben würde.

Ein plötzlich losbrechender Windstoß rüttelte ihn aus seiner Betäubung auf, indem er ihm einen abgerissenen Baumast vor die Füße warf. Schwül quoll und drang es mit einem Male durch den Wald, als wäre die Thür eines unverwahrten Schmelzofens plötzlich aufgethan; es begann von den übereisten Bäumen zu tropfen, und dazwischen wirbelten in seltsamem Gegensatze dichte sturmgejagte Schneeflocken durcheinander.

Das Wettermannl’ hatte recht gesehen: der braune Höhenrauch war zum Sturme geworden; mit ihm war der warme Wind da und das Thauwetter dazu.

Zachariesel mußte sich nach einer Zuflucht umsehen und fand sie in einer offenen Waldcapelle, deren hölzernes Vordach ihm mindestens für den ersten heftigsten Anprall Schutz verhieß. Gedankenvoll, mit dem Rücken gegen das Innere der Capelle gewendet, ließ er sich auf den Knieschemel einer Betbank nieder und gewahrte nicht, daß vor ihm schon Jemand Anderes in gleicher Absicht die Capelle betreten hatte.

Es rauschte und raschelte mehrmals wie absichtlich hinter ihm, aber er achtete nicht darauf. Jetzt kam es noch näher an ihn, und eine klare Stimme rief seinen Namen.

Was war das? Wer kannte ihn hier? Wer nannte ihn so vertraulich wie ein guter alter Freund bei seinem Namen, und wer sprach diesen unlieben Namen so freundlich und lieb aus, daß man es gar nicht für möglich halten sollte, in den steifen Namen des jüdischen Hohenpriesters so viel Wohlklang hinein zu legen? So hatte er das Wort noch von keinem Menschen sprechen gehört; so war es ihm wenigstens nicht mehr zu Gehör gekommen seit den frühesten Bubentagen, aus denen ihm auch nichts geblieben war, als eine anklingende und verklingende Erinnerung.

[550] Blitzschnell hatte er auf den Ruf sich umgewendet und fand sich einem Mädchen gegenüber, das ihm lächelnd und mit der Zutraulichkeit einer alten Bekannten in’s Gesicht sah. Einen Augenblick starrte er sie unsicher und wie fragend an, dann schoß es auch in ihm wie ein lohender Blitz empor; das war das freundliche Antlitz, das ihm über den Zaun grüßend zugenickt, und ein nicht minder freundliches Lächeln zuckte dem Mädchen auf den Lippen des Burschen entgegen.

Dennoch blieb ein Rest staunender Frage in seinen Augen hangen. „Was schaust’ mich so an?“ sagte das Mädchen mit einer Stimme, welche dem Burschen in’s Ohr tönte wie der Klang von verhallenden Cithersaiten. „Kennst mich etwann nicht mehr? Ich bin ja das Julei.“

„Julei!“ rief Zachariesel wie aus plötzlicher Erstarrung aufschauend. „Du bist es? Du bist noch auf der Welt, und ich hab’ in der ganzen langen, langen Zeit nichts mehr gehört von Dir.“

„Wirst wohl viel gefragt haben um mich!“ entgegnete sie fein. „Bin auch weit herumgekommen derweil und weit weg gewesen, aber ich hab’ Dir doch manchmal nachgefragt und mich immer herzlich gefreut, wenn ich gehört hab’, daß es Dir gut geht, Zachariesel.“

Der Name schmeichelte sich noch weicher und gefälliger an sein Ohr. Er begriff nicht, wie er ihm selbst oder Jemand Anderem jemals unschön geklungen haben konnte; sinnend und wie versunken haftete sein Blick auf dem Mädchen, als ob er nimmer davon loslassen wolle. „Und Du bist nit harb darüber,“ sagte er nach einer Weile, „daß ich Dich nicht gleich wieder erkannt habe?“

„Wie könnt’ ich denn,“ entgegnete sie freundlich, „sind ja doch schon ein fünfzehn Jahr’ vergangen seitdem, und wir sind Kinder gewesen selbiges Mal. Und wie geht’s Deinem lieben Mutterl?“ setzte sie hinzu und senkte die Augen, um den seinigen auszuweichen. „Ist sie wohlauf, und ob sie es wohl gern sehen thät, wenn ich mir’s einmal herausnehmen thät’ und thät’ sie heimsuchen?“

„Gewiß, gewiß!“ rief Zachariesel hastig. „Sie wird sich gewiß gerade so freuen, das Julei wiederzuseh’n, wie ich mich freue, aber es wird ihr geh’n wie mir, sie wird Dich auch nicht wieder kennen. Kann ich’s doch immer noch nicht recht glauben, daß Du das Julei bist, das liebe …“

„Ich bin’s doch schon in Lebensgröß’, sagte sie lächelnd, da er etwas stockte. „Sag’s nur gerade heraus, was Du auf der Zunge gehabt hast – das arme Scheerschleifer-Julei, dem Deine Eltern so viel Liebes und Gutes gethan haben, wie mein Vater so Knall und Fall fort gemußt hat in die Ewigkeit. Ich bin freilich damals noch ein unverständiges Dirnl gewesen, aber die Mutter hat mir’s oft erzählt und hat mir aufgetragen, wann ich je einmal wieder in die Gegend käm’, daß ich Euch aufsuchen und für Alles danken soll, was wir von Euch empfangen, sie und ich.“

„Und wie ist es Dir gegangen in der langen Zeit?“ fragte Zachariesel, der die Augen von ihr nicht loszubringen vermochte und dem dabei ganz wunderbare Gedanken aufstiegen. Er that die Frage eigentlich nur, um sie ungestört beobachten zu können, denn mit einem Male kam sie ihm so bekannt vor, als wenn er sie Tag für Tag gesehen, und dann ging ihm eine Aehnlichkeit auf, so wunderbar, daß er selber nicht begriff, wo er nur die Augen gehabt haben mußte, sie nicht sogleich zu bemerken. Das Julei glich Mechtilden beinahe Zug für Zug, nur war sie etwas kleiner und schmächtiger von Gestalt und machte den Eindruck einer eigenthümlichen Zierlichkeit – auch die Gesichtsfarbe war tiefer gebräunt, und in den schwarzen glänzenden Augen und dem Schwunge der Brauen lag etwas, was auf eine fremdartige Abstammung schließen ließ.

„Wie’s mir gegangen ist?“ fragte Julei entgegen. „Das wird kurz bei einander sein. Wie der Vater todt war, ist’s nichts mehr gewesen mit dem Scheerenschleifen. Die Mutter ist daher nach Ungarn hinunter, wo sie daheim war, und hat gemeint, sie könnt’ dort ein Auskommen finden für sie und mich; die Leut’ sind aber selber arm gewesen, und sie hat’s auch nicht mehr dort ausgehalten und hat sich nach dem Lande zurückgesehnt, wo der Vater begraben liegt. Da hat sie, weil sie eine gar geschickte Näherin war, sich in der Stadt Arbeit gesucht und hat sich durchgebracht, so schlecht und recht, zwischen Kümmerniß und Armuth, bis sie ihre Augen, die oft recht müde und roth waren vom Nähen und Weinen, ganz zugemacht hat. Sie hat auch mich zu der Näherei angehalten, und eine reiche Frau, für die wir gearbeitet haben, hat sich um mich angenommen. Ihr Mann, der ein hoher Herr gewesen ist, hat sich in die Ruh’ zurückgezogen und ist auf’s Land gegangen – da hat sie mir zugeredet, mitzugehen, und hat gemeint, auf dem Lande wär’ man oft froh, eine gute Arbeiterin zu finden, da würde ich vollauf Kundschaft und Verdienst haben – so bin ich denn mitgegangen und bereu’ es nicht. Die gnädige Frau hat ihr Wort gehalten und ist mir überall behülflich gewesen, und so bin ich bald im Dorfe und in der ganzen Gegend bekannt geworden und geh’ von einem Orte an den andern auf der Stöhr’ herum.“

„Aber ich hab’ Dich doch in Erling gesehen,“ rief Zachariesel, „wie Du mit einer Grasburd’ auf dem Kopfe über den Weg gegangen bist. Ich bin im Hohlwege hinter’m Zaune gelegen und hab’ Dich anreden wollen, aber Du bist weggewesen, als wenn Du in den Boden versunken wärst.“

Julei kicherte vor sich hin. „Weiß schon,“ sagte sie, „da hab’ ich für die Bäu’rin, bei der ich gerade war, ein Tuch voll Grünfutter hereingeholt, weil sie selber bresthaft war. Aushelfen kann ich wohl, wenn Noth an Mann geht,“ setzte sie, wie über sich selbst beschämt, hinzu, „aber sonst bin ich für die starke Arbeit zu kleber (mager) und gering. Aber was hast Du selbiges Mal dort auf der Abseiten in dem Hohlwege zu thun gehabt?“

Zachariesel ward blutroth und besann sich auf eine Antwort – was er in Wahrheit dort gewollt, konnte er dem Mädchen doch nicht wohl sagen. Ehe dieselbe gefunden war, begann Julei wieder zu sprechen; sie fühlte wohl, daß sie irgend etwas nicht Angenehmes berührt haben mochte. „Und wo kommst nachher Du jetzt in die öde Gegend da? Gewiß von der Grubenmühl’? – Ich hab’s schon gehört, daß Du dort einheirathest und Grubenmüller wirst. Das ist wohl Dein Schatz gewesen, die Du am Arme geführt hast – selm (selbiges Mal) in Erling?“

Dem Burschen war’s, als ob ihm die Sprache benommen sei; er konnte nur nicken, und das Mädchen mußte abermals den Faden des Gesprächs aufnehmen, wenn es nicht vollends in’s Stocken gerathen sollte. „Und was wird’s nachher mit Deinem Heimathl, mit dem Weindlgute und Deinem guten Mutterl?“

„Das Heimathl,“ sagte er endlich, „das werden wir halt verkaufen, und die Mutter, die geht mit mir.“

„Mit Dir? In die Mühl’?“ rief Julei und ihre Augen blitzten. „Und da lebt Ihr nachher so Alle miteinander in lauter Lieb’ und Gutheit? Das muß schön sein, Zachariesel, aber ich wünsch’ Dir’s und gönn’ Dir’s von Herzen daß es Dir so recht gut geht, und will schon auch beten, daß Dir alle Deine liebsten Wünsche ausgeh’n.“

Der Ton, mit dem sie das sagte, war so unbefangen und doch so herzenswarm, daß Zachariesel wie unwillkürlich ihre beiden Hände faßte, die sie ihm auch in aller Ruhe überließ. „Ich dank’ Dir, Julei, ich dank’ Dir tausendmal; ich werd’s brauchen können,“ rief er feurig, und wäre doch im Augenblicke kaum im Stande gewesen, zu sagen, was denn wohl gerade jetzt seine liebsten Wünsche sein mochten. „Also thät’ Dir das Leben in einer Mühl’ gefallen?“ setzte er dann, sich etwas mäßigend, hinzu.

Sie lachte auf; man hörte dem frischen Tone des Lachens an, daß es aus einem heitern und reinen Gemüthe kam. „Ob mir das gefallen thät?“ rief sie munter. „Die Tag’, wo ich in eine Mühl’ auf die Stöhr’ komm’, die sind nur mir die allerliebsten, als wenn’s lauter Feiertag’ wären … so still, und so heimelig, und so lieb staubig, und hernach das Sausen vom Wasser und das Klappern von den Rädern …“

Sie hielt inne; es wandelte sie an, als habe sie zu viel gesagt; auch Zachariesel schien sich in Gedanken das Mühlenbild besser auszumalen, hielt aber immer noch ihre Hände gefaßt.

Einen Athemzug lang standen sie wortlos vor einander – dann entzog sie ihm ihre Hände und griff nach dem kleinen Bündel, das sie im Capellchen abgelegt hatte, „Aber jetzt ist’s [551] hohe Zeit, daß ich mich wieder auf den Weg mach’,“ sagte sie, „ich hab’ noch eine gute Weil’ zu laufen, bis ich an den Ort komm’, wo ich morgen Stöhr’ habe, und wenn ich nicht vor Nacht da bin, könnten die Leute wohl gar schmälen – also behüt’ Dich Gott, Zachariesel!“

„O, bleib’ nur noch ein wengel (wenig),“ sagte er, „oder laß mich mit Dir gehen!“

„Ich kann nimmer warten,“ erwiderte sie mit leichtem Erröthen, „und das Mitgehen thät’ sich nicht schicken – es ist von wegen der Leut’. Das Wetter hat sich auch aufgehellt, und so find ich meinen Weg schon allein; also nochmal: b’hüt’ Dich Gott, Zachariesel!“

Sie ging, und er machte keinen Versuch, sie zu halten. Sein ganzer Abschied bestand in einem halblauten „B’hüt’ Gott!“ Er sah ihr nach bis an die Wendung des Waldweges, dort wendete sie sich, sah zurück und nickte ihm zu. Es wollte ihm bedünken, als wäre ihr Gesichtchen dabei nicht mehr so freundlich gewesen, wie zuvor oder bei dem Gruße über den Erlingerzaun. Darüber faßte ihn mit einmal eine gewaltige Unruhe; es war ihm, als ob ihn im Augenblicke ein ganz ungeheurer Verlust träfe, als müsse er ihr nach, um sie zurückzuhalten; er bezwang sich aber, setzte sich ruhig auf den Schemel der Betbank nieder und sah starr vor sich hin, in die einbrechende Dämmerung hinein. Wirr jagten seine Gedanken durch einander, wie die feuchten Flocken, welche auf den Waldweg niederfielen.

Und als wäre keimender Frühling um ihn und nicht tödtlicher Winter, so farbig und reich sprossen vor seinen inneren Augen Erinnerungen aus seinen Bubenjahren auf, wie Feldblumen auf einem frischgrünen Rasen. Er sah, als wär’ es gestern gewesen, wie einmal ein Mann mit einem Schleiferkarren spät Abends auf das Gut gekommen, der eine Frau und ein kleines Mädchen bei sich hatte und um Nachtherberge bat, weil er krank und außer Stande war, das nächste Dorf zu erreichen. Der Vater war zwar dagegen gewesen und wollte von solchen Strolchen und Streunern nichts wissen, aber die Mutter redete gut für sie, und während des Gesprächs der Eltern waren die unbefangenen Kinder rasch mit einander bekannt geworden. Am andern Tage aber hatte es großen Jammer gegeben, denn der fremde kranke Mann lag starr und todt auf seinem Strohlager in der Scheune – er hatte sich, ohne daß es die Seinen gemerkt, in aller Stille aus dem Leben fortgeschlichen.

Zachariesel hörte in seinen Ohren noch die Jammertöne, mit welchen die so plötzlich Wittwe gewordene Frau sich über den Leichnam warf, und wie bitterlich das arme Waischen schluchzte und immer wieder den Todten an der starren Hand faßte, als müßte ihn die Berührung des kleinen Julei wecken, das er so lieb gehabt. Er sah das Bild vor sich stehen, wie man den fremden Mann an der Kirchhofmauer eingrub, wie er selbst dabei das Julei an der Hand führte und ihr den Inbegriff seines Bubenglücks, eine Schachtel voll rothröckiger Bleisoldaten versprach, wenn sie zu weinen aufhöre. Er entsann sich, wie dann eines Morgens die Frau mit dem Schleiferkarren fortgezogen sei, das Mädchen aber zurückgelassen habe; sie wollte gehen, um Unterkunft zu suchen, und dann wiederkommen, das Kind abzuholen. So war das Julei geblieben und ihm durch eine lange Reihe glücklicher Kindertage eine Gespielin geworden, die bald, Vater und Mutter beinahe vergessend, in der Fremde eine Heimath gefunden hatte. Lebhaft tauchte im Gemüthe des Sinnenden auch das Schreckbild des Morgens auf, als er beim Erwachen erfuhr, die fremde Frau sei in der Nacht da gewesen und habe ihr Kind mitgenommen – ihn selbst hatte man nicht geweckt, um ihm den Schmerz der Trennung zu ersparen. Was dann geschehen, verschwamm in unklaren Bildern; er war in eine schwere Krankheit verfallen, und als er wieder genesen, war mit der Lebhaftigkeit der Erinnerung auch die Gewalt des Schmerzes gebrochen – neue Gespielen, neue Freuden sproßten um seinen Weg durch das junge Leben, wächst doch auch über Gräbern wieder Gras.

Dennoch begriff er nicht, wie Julei’s Bild ihm so ganz zu entschwinden vermochte, und sein Herz zog sich wie krampfhaft zusammen, wenn er an seine Leidenschaft für Mechel gedachte; es wollte ihm scheinen, als wäre es nur die unerkannte Aehnlichkeit mit Julei gewesen, was ihn an Mechel gezogen und gefesselt, als sei es eigentlich immer nur Julei gewesen, die er in ihr geliebt. Wie um sich selbst zu entfliehen und seinen eigenen Gedanken, sprang er endlich auf und rannte ziellos durch Sturm und feuchtes Schneegestöber davon.

Mehrere Tage hatte das Unwetter fortgestürmt. Der warme Föhn ließ nicht nach, so daß trotz des wolkenbedeckten Himmels der Schnee zerschlich und die Eisdecke des Sees brüchig wurde; von unten stiegen und wallten nach der Ansicht des Landmanns die warmen Grundwasser empor und sprengten den Panzer, wo er noch fest anlag, die Ammer aber goß ihre steigenden Wellen darüber hin und schob manchen Eisblock mit, daß die Schollen sich stauten, an- und übereinander emporstiegen und zu treiben begannen.

Es war ein wilder, hartnäckiger Kampf, den der nicht enden wollende Winter mit den Gewalten kämpfte, die der Frühling plötzlich als Vortrab voraus gesandt hatte – In einer düstern Bauernstube in einem Dorfe an den ersten Abhängen der Berge tobte ein ähnlicher Kampf; ein erlöschendes Leben wehrte und stemmte sich mit den letzten Kräften und Aengsten gegen den Tod, der unerwartet die unerbittliche Hand nach ihm ausstreckte, dem Vogel ähnlich, der vor der Hand, die in den Käfig greift, um ihn zu fassen, erschrickt und scheu hin und wider flattert und sich Kopf und Flügel zerstößt. Die Nachricht, daß es schlimm um Kuni’s Mutterschwester stehe, hatte vollen Grund gehabt, und das Mädchen war der Leidenden zur guten Stunde und wie ein guter Geist gekommen; der Geist, der bis dahin dort gewaltet, war jene Hast und Unruhe gewesen, welcher die Erde als eine große Werkstatt und das Leben als ein Tretrad in derselben erscheint, welche Tag um Tag in der Sorge des Nichtgenügens an der harten bittern Schale der Arbeit nagt, ohne jemals die Süßigkeit ihres Kerns zu genießen.

Kuni hatte die Base kaum gekannt und jedenfalls sehr selten gesehen; sie war eine übellaunige, vergrämte und vergrimmte Frau gewesen, die in reifen Jahren einen viel älteren Mann geheirathet hatte und nach dessen baldigem Tode viele Jahre kinderlos auf dem nicht unansehnlichen Söldengütchen forthauste und von den Verwandten, deren sie nicht bedurfte, ebenso wenig wissen wollte, als von den Bewohnern des von ihrem Hause etwas entfernt liegenden Dörfchens. Da man bei verschiedenen Anlässen ihr abstoßendes Wesen erfahren, hatte man sie gewähren lassen; desto mehr machten ihr die Seitenverwandten ihres Mannes das Leben sauer, die es nicht verwinden konnten, daß ihnen durch sie das Gütchen entzogen war, das er ihr als Wittthum verschrieben hatte. Eine große hagere Gestalt mit ernsthaften, fast männlichen Gesichtszügen, hatte sie dasselbe bewirthschaftet, nicht als Herrin in ruhig thätigem Genusse, sondern im Schweiße ihres Angesichts als ihr eigener erster Dienstbote, hadernd mir ihrer ganzen Umgebung, wie mit sich selbst. Wie sie jeden Umgang und Verkehr mied, wurde sie auch bald gemieden, und grollte doch darüber, daß man es that, wie über ein Unrecht, das ihr widerfahren.

Bei ihrer zähen Körperbeschaffenheit hätte sie wohl das höchste Greisenalter erreichen können, aber ein Fall, den sie in ihrer steten Uebereile gethan, hatte sie am Fuße beschädigt, daß sie nicht mehr gehen konnte und das Lager suchen mußte, um sich nicht wieder von ihm zu erheben. Kuni wußte den Widerspruch des Vaters gegen einen Besuch bei der kranken Base bald zu überwinden und gab ihm insgeheim nicht Unrecht, wenn er ihr vorwarf, daß sie doch nur den Leuten und dem Gerede ausweichen wollte. Sie war seit der Geschichte mit dem Loostanze nur einmal in der Kirche gewesen, und es war ihr nicht entgangen, wie die Burschen gelacht, die Mädchen gezischelt, die Männer und Frauen aber die Köpfe zusammengesteckt hatten. Möglich auch, daß in ihrer Seele der vielleicht nicht ganz klar ausgesprochene Hintergedanke lag, daß sie selbst der Entfernung aus den gewohnten Verhältnissen und der Zurückgezogenheit bedürfe, um mit sich selbst über das Vorgefallene in’s Reine zu kommen, das auf ihr lag wie das Bewußtsein einer Schuld, wie die Erinnerung eines begangenen Unrechts, wenn sie sich auch wieder und wieder vergeblich zersann, worin dasselbe eigentlich bestehen sollte.

Die Base empfing sie mit einem Gemisch von Freundlichkeit und Groll. Es gefiel ihr, daß die Tochter des reichen Bauers kam, sie, die verhältnißmäßig arme Söldnerswittib zu pflegen, und doch konnte sie es nicht unterlassen, auf den muthmaßlichen [552] Grund dieses Kommens anzuspielen, auf die Absicht, sich die Erbschaft zu sichern. Als Kuni das mit allem Ausdruck der unbefangensten Wahrheit verneinte, sah sie dieselbe zweifelnd und mit dem ungläubigen Spottlachen eines Gemüthes an, das sich vereist hat, um überall nur Absicht zu erkennen; als die Sache öfter besprochen wurde und Kuni immer gleich ruhig und gleich entschieden dabei blieb, daß sie von ihr nichts wolle und daß auch der Vater meine, sie solle ihr Vermögen den Verwandten ihres Mannes zuwenden, von dem es doch zumeist herstamme, da verfehlte Kuni’s freundlich friedliches Wesen auch hier seine Wirkung nicht, und mit steigendem Gefallen betrachtete die Alte, wie sie, die Geschäfte in Haus und Wirthschaft besorgend, emsig und doch gelassen aus und ein ging, ihr mit der Sicherheit des Verständnisses darüber berichtete und ohne Widerrede daran ging, ihre Anordnungen auszuführen. Sie sprach nicht darüber, aber sie ward ruhiger und nach einigen Tagen hatte es den Anschein, als ob durch die Ruhe des Gemüths auch die Kraft des Körpers sich wieder zu steigern beginne. Dennoch erwies die Hoffnung sich bald wieder als trügerisch.

Der morsche Bau war zu sehr im Grunde erschüttert und innere Unruhe kehrte wieder. Der Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tage, und schon zwängte sich der Zeuge des Lebens, der Athem, keuchend durch die starren Luftwege, die sich schon für immer zu schließen begannen.

Wohl war nach dem gläubigen Sinne des Landvolkes der Pfarrer gerufen worden, um die letzten Tröstungen zu spenden. Die durch seinen Zuspruch eingetretene Beruhigung währte nicht lange: die erhitzte Einbildungskraft war stärker als der kalt prüfende Gedanke.

Es dunkelte stark in der niedrigen, ganz aus Balken gefügten Stube. Diese Balken waren gleich der Decke vor Alter schwarzbraun geworden und dämpften dadurch das wenige Licht, dem die kleinen Scheiben des kleinen Fensters Eingang gestatteten, vollends zu tiefer Dämmerung ab. Kuni saß am Bette der Kranken, die einen Augenblick in schlummerhafte Betäubung versunken war, aber die Hand ihrer Wärterin gefaßt hatte und fest hielt, wie um sich ihrer Anwesenheit zu versichern. Geräusch von nahenden Tritten und leises Gespräch vor der Thür machten Kuni aufhorchen. Ihre Bewegung weckte auch die Base aus dem Schlafe; auf Kuni’s Ruf öffnete sich die Thür; eine Magd trat ein und brachte die Nachricht, daß ein Mann gekommen, der Botschaft vom Schlösselbauernhofe bringe. Die Kranke ließ Kuni, die sich erheben wollte, nicht los: „Bleib’ bei mir, Kuni!“ sagte sie angstvoll, „ich laß Dich nicht los. Du mußt bei mir bleiben. Ich kann mir’s wohl denken, was es mit der Botschaft ist. Dein Vater wird Dich daheim haben wollen – aber Du darfst nicht fort. Du mußt bei mir bleiben, bis ich wieder gesund bin.“

„Ich bleib’, Bas’l,“ entgegnete das Mädchen, „ängstigt Euch nicht! Ich bleib’ bei Euch, bis Ihr wieder gesund seid … wenn nur dem Vater nichts zugestoßen ist.“

Zur Beruhigung der Kranken mußte der Bote in die Stube treten und berichtete, der Schlösselbauer sei gesund und wohlauf, aber es gebe so viel zu schaffen, daß er die Tochter nicht länger entrathen könne. In drei Tagen werde er daher das Fuhrwerk schicken, um sie abzuholen.

Kuni war kaum im Stande, die Aufregung der Kranken zu beschwichtigen; es gelang nur allmählich, indem sie versprach, gleich am andern Morgen hinwider einen Boten auf den Schlösselhof zu senden, der den Vater beruhige und aufkläre. „Ich selber will Euch nicht verlassen, Bas’l,“ setzte sie herzlich hinzu, „ich will bei Euch bleiben, bis Ihr wieder gesund seid oder bis Ihr mich selber nicht mehr aufhaltet.“

„Bis ich gesund bin, Kuni,“ sagte die Kranke hastig; „hab’ nur noch eine kleine Geduld! Ich werd’ Dir die Zeit nicht gar zu lang’ machen … ich mein’, es geht mir mit Riesenschritten besser; der Fuß thut mir fast gar nicht mehr weh, und auf der Brust ist mir auf einmal völlig leicht. Morgen will ich das Aufstehn probiren, vielleicht fahr’ ich in ein paar Tagen gleich mit Dir zum Schwager.“

„Habt keine Sorg’,“ sagte der Bote leise zu Kuni, die ihn bis an die Thür geleitet hatte, „die fahrt mit Niemand mehr, als mit dem Beiner-Steffel auf den Freithof – die macht’s noch heute Nacht gar.“

Auf’s Tiefste erschüttert, kehrte das Mädchen an’s Lager zurück; sie war in ihrem Leben noch an keinem Sterbebette gestanden. In ihrer jugendlichen Unerfahrenheit hatte sie immer noch ab und zu Hoffnung gefaßt. Die Gewißheit, vor einer Sterbenden zu stehen und dem Tode unmittelbar in’s Angesicht zu schauen, stieg wie Nachtgewölk vor ihr auf und warf einen dunklen Schatten weit voraus in ihr eigenes Leben, das ja auch dem gleichen Ausgange zueilte; sie brach unwillkürlich in Thränen aus. Die Kranke setzte diese Rührung ganz auf Rechnung der Theilnahme, die sie ihr schenkte. Sie faßte wieder ihre Hand, drückte sie und sagte mühsam: „Wein’ nicht so um mich! Ich hab’s gerad’ nit verdient um Dich, aber Du gerathest halt Deiner Mutter selig nach, die ist auch so gut gewesen, hat immer gleich die Augen voll Wasser gehabt und hat keinem Menschen feind sein können, nicht um Alles in der Welt. Ich will Dir’s aber nit vergessen, Kuni. Du sollst Alles haben, was mir gehört; wie ich wieder aufkomme, mach’ ich’s gleich richtig, daß Alles Dir gehört und keinem andern Menschen.“

Kuni senkte den Blick und schwieg eine Weile.

„Ich hab’s Euch schon oft gesagt, Bas’l,“ erwiderte sie dann, „daß ich nichts davon annehm’. Ich thät’ mir Sünden fürchten dabei, und wenn Ihr sagt, daß meine Mutter so gut war und Niemand hat feind sein können, so seid Ihr ja ihre Schwester und werdet doch auch etwas haben von der guten Art. Vermacht Eure Sach’ den Gefreundeten von Eurem Mann! Die sind arm und haben’s nöthiger als ich. Gebt die Feindschaft auf und macht Euch das Herz leichter – ich mein’, Ihr müßtet dann gleich noch einmal so leicht schnaufen. Thut’s mir zu lieb, Bas’l!“

„Leichter schnaufen?“ sagte die Kranke vergnügt. „Ja, wenn ich das wüßte, da könnt’ ich’s wohl versuchen. Und Du willst wirklich nichts davon? Willst Alles aufgeben, nur nur meinetwegen, damit es mir besser geh’n soll? Dafür soll’s Dir auch gut geh’n Dein Leben lang und soll Dir Glück bringen, wenn Du einmal Hochzeit machst. Brauchst Dich deswegen nicht zu scheuen,“ setzte sie hinzu, da sie Kuni’s warme, lebensvolle Hand in ihrer erstarrenden, kalten, erzittern fühlte, „ich wünsch’ Dir den besten Mann, einen Mann so brav wie Du selber bist und an den Du vielleicht just in dem Augenblick denkst.“

Rasch erhob sich Kuni und eilte der Thür zu; die Dunkelheit barg das Erröthen, das ihr die Wangen überflog.

„Was ist’s?“ fragte die Alte. „Wo willst hin?“

„Hinaus,“ war die Antwort, „will zum Vorsteher hinüberschicken, daß er es gleich festmacht mit der Vermächtniß.“

„Meinst, es wär’ so eilig?“ rief die Kranke und sah ihr erschrocken mit weitgeöffneten Augen nach. „Aber wie Du’s meinst, Kuni. Dir zu lieb will ich’s thun.“

Bald war der Gemeindevorsteher mit Zeugen erschienen und die letzte Willensmeinung schlicht und bündig niedergelegt. Die Männer waren voll Freude über den Entschluß der Kranken, auf diese Weise einer alten vielverzweigten Verfeindung ein Ende zu machen, und die von ihrem Lobe erfreute Alte fühlte noch einmal eine rasche wärmere Blutwelle vom Herzen strömen und wie neu belebend sich in die Adern ergießen. Sie athmete eine Zeit lang wirklich freier, als wäre ihr eine schwere Last von der Brust gewälzt; nach kurzer Erleichterung aber rollte dieselbe mit doppelter Wucht auf sie zurück. Von Beklemmungen gequält, fuhr sie empor, schwer nach Luft ringend, und die unsteten Augen verriethen, daß der Geist wieder beginne in der Irre zu schweifen. „Da fängt es schon wieder zu drücken an und will mich ersticken. Ich komm’ nimmer auf, Kuni – Du wirst es seh’n, daß ich nimmer aufkomm’, und ich kann ja noch nicht fort, ich hab’ ja noch so viel zu verrichten vor mir.“ Sie sank in die Kissen zurück. Es war, als wollte der Körper sich in die Nothwendigkeit der Auflösung ergeben, aber die erschreckte Seele klammerte sich noch immer an das zertrümmerte Werkzeug: es war, als sei etwas in ihr, was sie nicht leben und nicht sterben ließ.

„Was ist für ein Tag heute?“ fuhr sie plötzlich auf. Kuni nahm den Kalender von der Wand, um nachzusehen, und nannte den Namen des Tagesheiligen. Flüsternd wiederholte ihn die Kranke. „Da jährt sich’s,“ murmelte sie in steigernder Unruhe, „da jährt sich’s bald wieder.“

„Was jährt sich, Bas’l?“ fragte Kuni und neigte sich theilnehmend auf die Stöhnende herab, die sich angstvoll näher an [554] sie drückte, aber nichts erwiderte. „Was jährt sich?“ fragte sie abermals ergriffen und in eindringlichem Tone. „Bas’l, mir kommt’s vor, Ihr habt noch was auf dem Herzen, was Euch drückt. Habt Ihr noch was auf dem Gewissen? Soll ich nach dem Pfarrer schicken?“

„Ich hab’ nichts auf dem Gewissen,“ sagte die Leidende, „und doch verlaßt mich der Gedanke nicht; ich hab’ gemeint, ich wollt’ es mit hinunternehmen in die Gruben, aber Du, Kuni, Du sollst Alles wissen. Es jährt sich wieder um die Zeit,“ begann sie, mit Anstrengung athmend, „da bin ich ein junges frisches Ding gewesen, schneidig und übermüthig, das gemeint hat, die ganze Welt gehört ihm und was ich wollt’, das müßt’ nach meinem Kopf geh’n. Deine Mutter ist jünger gewesen als ich und war damals noch ein kleines, halb aufgeschossenes Dirnl’. Du weißt, daß wir nit da heraußen daheim waren, sondern drinnen in den Bergen, wo’s Ammergau zugeht. Da ist ein junger Bursch gewesen im Dorf, der hat mir gefallen, und den hab’ ich mir eingebild’t und mich in ihn verliebt, daß ich von ihm nie hätt’ lassen können und wenn man mich mit Haken von ihm gerissen hätt’. Es hat aber das nicht nothwendig gehabt, denn wenn er mir auch zuerst schön gethan und das Blaue vom Himmel herunter versprochen hat, bald ist er wie umgewend’t gewesen und hat nichts von mir wissen wollen. Eine Bauerndirn’, ein arm’s Madl, das nichts gehabt hat, als wie sie ’gangen und g’standen ist, ist ihm lieber gewesen, als die reiche Bauerntochter. Da bin ich ihm feind geworden, spinnfeind, und auf der ganzen Welt ist mir kein Mensch so verhaßt gewesen, wie er. Er hat sich aber um meinen Haß so wenig gekümmert, als zuerst um meine Lieb’, und statt mit mir ein Bauer, ist er lieber mit seiner Dirn’ ein Holzknecht ’worden und hat sich in einer Klamm’ eine elende Hütten gebaut. Dabei hat er aber neben dem Beil alleweil eine Büchs’ zum Abschrauben in seinem Rucksack getragen und ist dem Wildbrätschießen nachgegangen, die Jäger aber sind alle ’Bot hinter ihm her und kreuzfuchtig gewesen, daß sie ihn nie haben erwischen können, ich selber aber bin seit der Zeit verdrossen herumgegangen und hab’ allen Zorn und alle Gall’ in mich hineingeschluckt, und am liebsten ist es mir gewesen zu der Almzeit, wo ich oft gleich wochenlang kein Menschen zu Gesicht ’kriegt hab’. Und einmal …“

Sie schwieg, als ginge ihr der Athem aus oder als müsse sie sich zusammennehmen, über das, was folgen sollte, hinwegzukommen; auch Kuni lauschte so regungslos, daß man die Fliegen summen hörte.

„Einmal,“ fuhr die Erzählerin fort, „einmal, es ist schon auswärts gegangen, da bin ich hinaus gen Alm und wollt’ in unserem Kaser nachsehn, ob nichts zu richten wär’, weil doch die Zeit, wo man das Vieh auftreibt, nimmer weit war.“

[565] „Es ist schon hübsch awer (schneefrei) gewesen,“ flüsterte die Kranke in ihrer Erzählung fortfahrend, „nur diemalen in den Gräben und Gähwinden ist noch der Schnee gelegen, und wie ich von der Alm heruntergeh’, da lauft mir der Bursch in aller Hitzen und in vollem Rennen schier in die Händ’ hinein und an mir vorbei, als wenn er mich seiner Lebtag’ nie gesehen hätt’. In mir ist es heiß aufgestiegen, daß es ihm nit einmal der Müh’ werth gewesen ist, mich nur zu grüßen; er hat sich mit seinem Springstock über eine kleine Klamm in die Felsen hinein geschwung’, und eh’ ich mich recht besonnen hab’, sind schon die Jäger vor mir gestanden, die ihn versprengt und gesucht haben. Ob ich den Holzermartl nit gesehn hab’? haben sie mich gefragt; ich hab’ nichts geantwortet drauf, aber die Achseln hab’ ich hinaufgezogen und nach dem Gewändt hingeschaut und bin meiner Weg gegangen. Am andern Tag hat’s geheißen, daß der Holzermartl am Fuß von einem Gewändt ist todt gefunden worden. Die Jäger haben ihn dahin versprengt; da muß er auf einer Eisglaben ausgerutscht und abgefallen sein. Ich hab’ ihn nit verrathen,“ schloß sie nach kurzem Innehalten, „ich bin nit schuld daran und doch kann ich’s nit verwinden. Ohne mich lebet’ er vielleicht noch heut’ und hätt’ nicht Knall und Fall fortgemußt in die Ewigkeit und weg von Weib und Kind.“

Kuni schauderte und schluchzte laut auf.

„Um wen weinst so bitterlich?“ rief die Kranke wild. „Um ihn oder mich? Er hat doch den bessern Theil, Du weichherzig’s Ding; ich bin seither herumgegangen wie im Traum und habe keine gute Stund’ mehr gehabt. Ich bin inwendig versteint und verbeint worden, wie das Gewändt von dem er abgefallen ist.“

„Und die Feindschaft und den Haß habt Ihr mit herumgetragen, Basl?“ fragte Kuni entsetzt. „Habt Ihr Euch nie nach der Wittib und den armen Waiseln erkundigt?“

„Die sind Alle längst gut aufgehoben in der Ewigkeit,“ sagte die Kranke kaum hörbar.

„Und die Feindschaft und den Haß,“ begann Kuni wieder, „wollt Ihr auch mitnehmen in die Ewigkeit?“

Die Alte faßte nach ihrer Hand und sah ihr lange in’s Gesicht; in ihren Augen ward es helle, wie lange nicht mehr. Ein Gedanke sank wie ein Lichtstrahl in ihre todesumnachtete Seele. „Ich will es nicht thun,“ sagte sie dann, „Dir zu Liebe, Kuni, will ich es nicht thun; mache dort das alte Wandkästle auf und gieb mir die Schachtel her, die Du darin findest! Da sieh her!“ fuhr sie fort, als Kuni ihr das Verlangte gereicht hatte, „das da ist mein Gebetbuch; es ist wohl schon alt; die Blätter sind schon abgegriffen und braun, und die großen Buchstaben hat man jetzt auch nicht mehr, aber es ist ein Erbstück von meiner Mutter und soll ein Andenken an mich und sie sein, weil Du doch sonst nichts von mir annehmen willst.“

Kuni nahm mit dankbarer Regung das alte unscheinbare Buch – dabei fiel etwas aus demselben, was sie nicht sogleich zu erkennen vermochte.

Es war ein halbverrostetes, an beiden Enden etwas eingebogenes Stückchen Eisendraht, an welchem einige Kügelchen wie Betkorallen angefaßt waren.

„Wunderst Dich, was das vorstellen soll?“ fragte die Kranke, mit sichtbarer Erschöpfung und in mühsamen Absätzen. „An dem Weg, wo’s zu dem Gewändt hinein geht, wo er abgefallen ist, da steht ein Marterl an der Straß, wie’s Brauch ist. Unter dem Bild war der Draht mit den Rosenkranz-Korallen, damit die Leut’, die vorbeigehn, für den Verunglückten beten können. … Ich hab’ sie weggemacht – ich hab’ nicht haben wollen, daß die Leut’ beten sollten für den Menschen, der so schlecht war und dem ich so feind gewesen bin. … Willst mir ’was versprechen, Kuni, und willst es halten?“

„So gewiß, wie ich meine Mutter selig in Ehren halte.“

„So nimm den Draht – sobald Du kannst, geh’ in die Berg – suche das Marterl auf – mach’ die Korallen wieder hin – bet’ für ihn ein Vaterunser – und für mich auch!“

Die seltene Gabe entglitt der Hand der Zurücksinkenden. Kuni faßte dieselbe und drückte sie zum Zeichen des Gelöbnisses an den Mund.

Die Kranke lächelte. „Jetzt wird mir erst leicht,“ hauchte sie, „jetzt spür’ ich gar nicht mehr, daß mir noch etwas weh’ thut. … Oh … so leicht.“

Und es wurde ihr leicht – sie wandte sich etwas zur Seite und schloß die Augen, wie zum Schlafe. Sie vernahm und gewahrte nicht mehr, daß Kuni erschreckt die Hausgenossen rief, daß man der Sitte gemäß die Sterbekerze anzündete und Alles in der Stube niederkniete, um der sich befreienden Seele ein Gebet zum Geleit zu geben. –

Mit diesem Tode hatten alle Verhältnisse der Umgebung und insbesondere Kuni’s Stellung zu derselben eine ebenso plötzliche wie durchgreifende Umgestaltung erfahren – was sie [566] an den Ort gefesselt hatte, war gelöst, und das Betragen der so unerwartet zum Besitze gekommenen lachenden Erben war nicht darnach angethan, sie durch neue Verbindungen festzuhalten. Obwohl der Vorsteher ihnen mit Nachdruck begreiflich machte, daß sie den unerwarteten Wohlstand eigentlich nur Kuni’s günstigem Einfluß auf die Verstorbene schuldeten, fanden sie sich doch keineswegs zu besonderer Dankbarkeit verpflichtet – hatten sie doch nur, was ihnen nach ihrer Meinung ohnehin gebührte, und die reiche Base, meinten sie, habe nicht mehr als ihre Schuldigkeit gethan, wenn sie die armen Vettern nicht beraubte. Sie ließen sogar ziemlich deutlich merken, daß sie an solche unbegreifliche Uneigennützigkeit nicht glaubten und fest überzeugt wären, Kuni habe sich durch heimliche Vorwegnahme irgend einer Kostbarkeit entschädigt, welche mehr werth sei, als der ganze übrige Plunder zusammengenommen. Wie ein einfallender Ameisenschwarm drangen sie in alle Räume und Behältnisse und durchwühlten, was der Fleiß und die Sorge so vieler Jahre aufgehäuft hatten. Immer unzufrieden mit dem Gefundenen, fingen sie untereinander zu schelten, zu theilen und zu feilschen an, unbekümmert darum, daß die Spenderin alles dessen, noch kaum erkaltet, in der Kammer nebenan unter dem Leintuche auf dem Schragen lag. Mißtrauisch besah und durchblätterte der Haupterbe das mit Neugier beobachtete Gebetbuch Kuni’s, und vor Allem betrachtete er den Eisendraht mit den Korallen und verständigte sich durch Augenwinken mit seinen Genossen, daß das wohl nichts Anderes sein könne, als irgend ein Zaubermittel, wie der Erdspiegel oder der Schlüssel von Sanct Apollonia.

Kuni wartete daher eben nur den dritten Tag ab, und als die Glocken verklungen waren, die dem Basl zu Grab geläutet hatten, machte sie sich auf den Weg nach Hause. Sie ward in ihrem Vorsatze durch die Ankunft eines Leichengastes bestärkt, der in die Stadt fuhr und mit dem sie daher bequem und sicher bis an den Anfang des Sees gelangen konnte. Wohl war sie ohne weitere Nachricht vom Schlösselhofe und wußte nicht, ob der Vater nicht doch das Fuhrwerk schicken werde, sie abzuholen, sie gedachte aber jedenfalls schon Tags vorher daheim einzutreffen und ihm die Ueberraschung des Wiedersehens zu bereiten. Dazu kam noch weiter, daß der Morgen des Begräbnißtages nach vielem Wehen und Stöbern hell und klar anbrach und daß ein leichter Frühfrost Wege und Stege wieder gehärtet hatte – es war also nicht schwer, wenn es nöthig werden sollte, ein gutes Stück Weges zu Fuße zurückzulegen.

Durch kleine Umstände, gegen die sie nichts ausrichten konnte, verzögerte sich aber die Abfahrt bis zur Mittagszeit; gleichwohl blieb Kuni bei ihrem Vorsatz; es war noch immer früh genug, um an den See und dann wenigstens nach Sanct Alban oder Diessen gelangen zu können. Nach einigen Stunden war der Scheideweg erreicht, wo sie sich von dem Gefährten trennen und auf der Landstraße ihre gesonderte Richtung einschlagen mußte. Sie schritt tapfer die breite und frostharte Bahn dahin, mitten durch lange Waldstrecken, denen das erweichende Thauwetter das winterliche Aussehen noch weniger abzustreifen vermocht hatte, als den flacheren Gegenden. Es war ein trübes Bild, das so ganz zu den Gedanken und Empfindungen stimmte, welche Kuni’s Herz und Sinn befangen hatten, so daß sie, der Umgegend nicht viel achtend, auch kaum gewahr wurde, daß mit dem herannahenden Abend das Wetter sein Aussehen abermals zu ändern begann. Grauweiße Wolkenmassen, welche wieder Schneegestöber im Schooße zu bergen schienen, sammelten sich im Süden und warteten nur des Sturmwindes, der sie als Steuermann über die Lande führen sollte. Wo eine Lichtung zwischen den Tannenwipfeln sich aufthat, zeigte ein mattes Rothgelb am Himmel, daß die Sonne sich bereits zum frühen Untergange rüste.

Der Tod der Base und wohl noch mehr, was sie aus deren Leben erfahren, hatte auf Kuni gewaltigen Eindruck gemacht – war doch in dem Ereigniß mit dem verunglückten Wildschützen und dem tiefgründigen Haß der Base gegen ihn etwas gelegen, was an die dunkle Stelle in ihrem eigenen Gemüthe erinnerte. Sie war vom tiefsten Mitleid für den Unglücklichen erfüllt und konnte die Gemüthshärte der Base nicht billigen, doch auf die Feindschaft, die sie selbst im Busen trug, übten diese Regungen nur einen sehr untergeordneten Einfluß. Ihr Fall war ja offenbar ein ganz anderer. Der Mann, den sie haßte, hatte außer der unvernünftigen Kinderzeit niemals in Beziehungen zu ihr gestanden, und ihre Abneigung gegen ihn war nur gerecht – hatte er sie nicht vor einer Unzahl Zeugen mit unerhörter Schmach bedeckt? Wenn sie auch durch ihren Schrei den Verfolgten wieder in die Hände seiner Feinde geliefert hatte, sie hatte keine Schuld daran. Es war unwillkürlich geschehen beim vermeintlichen Anblick ihres Gegners, wie selbst das bewußtlose Thier instinctmäßig erschrickt und aufschreit, wenn es sich plötzlich seinem Feinde gegenüber sieht. Wenn es auch dazu gekommen, daß Sylvest selbst zum Flüchtling geworden wie der Holzer-Martl, war sie vielleicht die unfreiwillige Veranlassung dazu, aber die Schuld traf ihn selber, warum hatte er sich eines flüchtigen Verbrechers angenommen? Und während sie das dachte, regte sich in ihr das Wohlgefallen, daß er es gethan und daß er sein Vorhaben so muthig und klug durchgesetzt hatte – wäre der Thäter ein anderer gewesen, wie hätte sie sich der That gefreut! Während so Gedanken und Gefühle wechselnd in ihr hin und wider flutheten, war es fast dämmerig geworden. Sie blickte um sich und gewahrte nichts, als hinter und vor sich die Straße, rings um sich her den Wald. „Es wird ja fast schon Zwielicht,“ sagte sie vor sich hin, „der Weg zieht sich doch länger, als man meint; ich denk’, ich werde da vorn am Brückel den Gangsteig einschlagen: auf dem ist’s fast eine Stunde näher, sonst wird’s finster, eh’ ich aus dem Wald draußen bin.“

Der Fußpfad war bald erreicht. Er sah stark betreten und kenntlich aus, so daß sie, mit Ort und Richtung ziemlich wohl vertraut, ihm unbedenklich folgte. Von ferne wurde es zwischen den Fichtengipfeln hell und ließ die Nähe des freien Landes erkennen.

Ebenso wurde es allmählich auch heller in Kuni’s Gedanken; sie war fest entschlossen, nicht wie die Base den Gifttropfen des Hasses in der Brust bis an’s Sterbelager mit sich zu tragen; sie schleuderte ihn von sich und dazu gab es ja ein einfaches Mittel; sie durfte nur an den Gegenstand desselben nicht mehr denken, durfte ihn einfach vergessen, dann war jede Beziehung zwischen ihnen zerrissen; es war so gut, als ob der Mensch gar nicht auf der Welt wäre, und wenn er wider Willen und Vermuthen ihr doch noch einmal vor die Augen käme, konnte sie gelassen bleiben, als wenn ihr der wildfremdeste Mensch begegnete. Wie sie sich aber dieses Vergessen und ihr Benehmen bei einer solchen Begegnung ja recht ausmalte, brach trotz aller Vorsätze die Gluth des alten Grolles wieder aus der dünnen Friedensasche hervor – sie sah ihn vor sich stehen, wie er sie mit den funkelnden Augen maß und sie vor Allen als eine Person hinstellte, welche verdiene gehaßt zu werden, und ein unverkennbares Etwas bäumte sich in ihr auf, als ob sie das niemals vergessen könne und dürfe, ehe er nicht für seinen Uebermuth gestraft und sie in der Meinung Aller wiederhergestellt sei.

Ein plötzlicher Windstoß schreckte sie aus ihren Träumereien auf, indem er ihr beinahe das Tuch vom Halse riß und sie zwang, besser des Weges zu achten, auf dem sie eilend und unbekümmert fortgeschritten war. Beklommen gewahrte sie, daß sie sich an einem Orte befand, der ihr, mindestens im winterlichen Gewande, völlig unbekannt war. Der Weg hatte an Spuren öfteren Betretenseins verloren und theilte sich überdies in geringer Entfernung in zwei Pfade, deren einer sich wieder in den Wald wendete, während der andere sich gegen eine offene, aber wieder durch einen buschigen Hügel abgeschlossene Niederung hinzog.

„Schau, schau!“ sagte sie, „da muß ich mich unter lauterm Denken und Sinniren vergangen haben; dort in den Wald darf ich nicht mehr zurück; ich schlag’ mich dorthin gegen das Freie, dort von der Anhöh’ muß ich ja eine Aussicht haben; es kann doch nimmer weit sein bis an den See.“

Der Entschluß wurde sogleich in’s Werk gesetzt, aber die Ausführung war schwieriger als sie geschienen. Das Gewölk, das sich immer tiefer und tiefer niedergesenkt, begann endlich sich in einem dichten Schneegestöber zu entladen, welches der Wind durcheinander trieb, so daß Kuni die nassen Flocken in’s Gesicht schlugen und sie kaum die Augen offen zu halten vermochte. Darüber schwand das letzte matte Tagesgrauen, und das Mädchen hatte kaum die Niederung durchschritten und die Anhöhe, an welcher aller Pfad sich verlor, erreicht, als die Nacht völlig hereingebrochen war und einen undurchdringlichen schwarzgrauen Schleier auf die ganze Gegend breitete.

[567] Rathlos, bereits empfindlich durchnäßt, starrte Kuni in die Finsterniß hinaus; sie glaubte eine weite grauweiße Fläche zu erkennen, die nichts anderes sein konnte, als der Ammersee; tiefschwarz lag der Hügelabhang da und am Fuße desselben ein nicht minder dunkler Streifen, der an’s Ufer führen konnte. Sie hatte Ziel und Richtung vollständig verloren.

Da blitzte es in nicht großer Entfernung auf; ein Licht wurde sichtbar und blieb ruhig an derselben Stelle haften. Das war der Schein aus einem beleuchteten Fenster; dort mußte eine menschliche Wohnung sein. Der Ort war nicht zu entfernt, als daß man ihn trotz des Dunkels und der Pfadlosigkeit nicht hätte erreichen können.

Aber die Nacht ist das Reich der Täuschungen und keines Menschen Freund. Mühsam, oft ausgleitend auf nassem Boden oder glattem Gesteine, gelangte Kuni den Abhang hinunter; die Hände waren ihr wundgerissen von den Aesten und Dornranken, an denen sie sich halten mußte, um sich vor dem Sturze zu sichern, und der schmelzende Schnee troff ihr von Stirn und Haar; dennoch waren die Mühseligkeiten, die ihrer harrten, noch größer als die überstandenen. Beim ersten Schritt auf den Boden vor ihr erkannte sie, daß sie auf Moorland getreten war, das, nur leicht überfroren und nur hier und da mit Grasbüscheln oder kümmerlichen Legföhren bestanden, jeden Augenblick unter ihr einzubrechen drohte. Ein Gefühl des Schreckens und zugleich so vollständiger Ermüdung überfiel sie, daß sie mit jedem Schritte in die Kniee zusammenbrechen zu müssen fürchtete.

Aber vor ihr brannte und lockte, nicht weichend, der Lichtschein.

Endlich war der Rand des Moores erreicht. Sie erkannte einen Streifen festen Landes unter ihrem Fuße, an dessen anderer Seite windbewegte Wellen anschlugen und die schwimmenden Schollen der geborstenen Eisdecke unheimlich rauschten.

Sie stand am Ufer des Sees. Eine hier und da mit Schnee bedeckte unkenntliche Masse lag dort im Wasser oder vielmehr im Ufereis; nur seitwärts ließen sich daran übereinander geschichtete Stöße von Holzscheitern unterscheiden. Es war eine sogenannte Scheere, eine eigenthümliche Einrichtung, wie sie kaum an einem andern Bergsee Oberbaierns in gleichem Umfange gebräuchlich ist. In den Bergen wird das Jahr über vieles Holz gefällt und in große Scheiter gespalten, die dann in die Ammer geworfen und von dieser, wenn auch mit unwilligem Gebrause, doch sicher in den See getragen werden. Damit sie sich in diesem nicht zerstreuen, werden sie übereinander geschichtet und in ein Balkengerüst eingefangen, das Scheere genannt wird. Tausende von Klaftern bilden dadurch eine Art von schwimmendem Holzfloß, der sich oft tief in den See versenkt. Kommt dann die offene Jahreszeit, so wird auf dem Flosse ein Mastbaum aufgerichtet, und wenn es gelungen ist, den Stoß festzufügen und ein günstiger Wind in’s Segel bläst, schwimmt der Holzriese an einem einzigen Tage bis zum andern Ende des Sees. Dort wird er zerlegt und die Scheiter wieder der Amper übergeben, um sie in die Münchener Holzgärten zu vertriften. Zur Sicherung der Scheere gegen die Elemente wie gegen etwaige Holzfreunde war den Winter über ein Wächter dahin gesetzt worden und hatte sich auf dem schwimmenden Koloß, den ein starkes Bastseil am Ufer hielt, aus Brettern eine leichte Hütte gebaut.

Aus ihrem Fensterchen schimmerte das Licht, das Kuni zum Leitsterne geworden war. Mit den letzten Kräften schleppte sie sich auf den von dem Lichte beschienenen Zugang des Scheerflosses und klopfte an die Hüttenthür; der Bewohner schien zu schlafen. Es währte eine Weile, bis Antwort erfolgte.

„Was giebt’s?“ rief er dann. „Wer ist da?“

„Eins, das sich vergangen hat,“ antwortete Kuni, „und in dem Wetter nicht mehr weiter kann.“ Sie brachte die Worte nur mühsam hervor, weil ein Schauder sie schüttelte, vor Frost und vor dem Klange der Stimme, die ihr wie nicht fremd an’s Ohr schlug. Der Mann in der Hütte zog den Holzriegel zurück und öffnete die Thür, die sich nach innen aufthat und dadurch ihn selbst, sowie einen großen Theil des kleinen Raumes deckte. Auf einigen aufgeschichteten Steinen verglimmten die letzte Reste eines Herdfeuers; ein schlechtes Oellämchen, das der Floßwächter in der Hand empor hob, gab eben genügend Licht, um die verschwommenen Umrisse der Hütte, sowie des Wirths und seines Gastes erkennen zu lassen.

Kuni war wie versteinert. Sie brachte keinen Laut hervor. Die Gewalt der Ueberaschung benahm ihr Ton und Wort; denn sie erkannte den Wächter augenblicklich, obwohl er, um sich zu verunstalten, das Haar geschoren und das Gesicht durch einen ganzen Wald von Bart hatte verwildern lassen – es war Sylvest, der vor ihr stand.

Auch er war betroffen und fand erst nach einigen Augenblicken ein Wort der Begrüßung oder Anrede.

„Grüß’ Gott!“ sagte er, „mußt Dich in dieser dunkeln Nacht arg vergangen haben, daß Du daher zu mir kommst. Wie ist denn das möglich?“

In abgebrochenen Worten berichtete Kuni, was ihr widerfahren war, während sie auf einen Holzstock niederglitt, der am Herde statt des Stuhles dienen mußte. Sylvest sah sie wie staunend an. „Da bist Du noch gut weggekommen,“ sagte er, „auf dem Weg’, den Du gemacht hast, kann Eins am hellen Tage und bei gutem Wetter zehnmal den Tod haben. Es ist schier, als wenn es so sein müßt’,“ setzte er mit bitt’rem Lachen hinzu, „daß wir uns überall in den Weg kommen …“

„Ich will nit lange bleiben,“ sagte sie gepreßt, aber sich der Einwirkung der Feuers mit sichtbarem Behagen hingebend, „ich will mich nur ein wenig ausrasten und wärmen, dann zeigst Du mir wohl den Weg, daß ich nach Sanct Alban hinüber komm’.“

„Das thu’ ich nicht,“ entgegnete er schroff, „Du thätst Dich zum zweiten Male und noch ärger vergehen, und das Wetter bricht auch immer wilder los. Wenn Du aber durchaus die paar Stunden nit mit mir unter ein’ Dach sein willst, so laß ich Dir das Nest allein, aber erst nimm da ein Glasel Kirschgeist, daß Dir die Verkältung nit schadet! Da ist auch noch ein Stück Brod, wenn Du Hunger hast; ich will noch ein Bissel Holz nachlegen, und dann will ich fortgehen und Dir die Hütten lassen für heut’ Nacht; mir macht der Wind und der Regen nichts; ich bin schon wetterhart.“

„Nein, Du darfst nicht hinaus,“ rief Kuni entschieden, „ich will Dich nicht von Deiner Hütten vertreiben; eigentlich bin ich ja doch daran schuld, daß Du flüchtig geworden bist und Dich so elend verbergen mußt.“

„Das Elend wird nicht ewig dauern,“ entgegnete Sylvest, indem er Kuni die erwähnten Erfrischungen reichte und das Feuer anschürte, „aber die Schuld liegt eigentlich doch nicht bei Dir. Was kannst Du dafür, daß ich Dir so zuwider bin, daß Du, sobald Du nur mich oder das Ulanenkollak siehst, aufschreien mußt, wie eine Andere, wenn sie etwa eine Kreuzspinn’ sieht? Was liegt auch daran? Jetzt sind wir einmal bei einander die Nacht, und wann’s die Leut’ auch erfahren thäten, es gäb’ doch kein Gered’ wegen uns Zweien. Die Leut’ wissen ja, wie’s beschaffen ist mit uns. Wenn es einmal Spieß’ und Hackel regnet, kriechen wohl Hund und Katz’ auch miteinander in Einer Hütten unter. Brauchst Dich aber nit zu sorgen, Mädel! Es erfährt Niemand was davon, es müßte nur sein, daß Du morgen hingingst und erzähltest, wer sich auf dem Scheerfloß eingehäuselt hat.“

Kuni drängte es, ihm auf seine höhnenden und aufreizenden Reden nach Gebühr zu erwidern, aber sie sah ein, daß ihr in vernünftiger Weise nichts Anderes übrig blieb, als in der Hütte zu übernachten. Sie zwang sich zu schweigen und lehnte sich wie schlaftrunken mit dem Kopfe an die Wand zurück; sie war es wohl auch. Die furchtbare und ungewohnte Anstrengung, die ausgestandene Angst und nun die sie umgebende behagliche Wärme, wie die genossene Nahrung, zogen ihr die Augenlider gleich Vorhängen zu, welche die Aussicht zurück wie vorwärts verhüllten.

Als Sylvest ihren Zustand gewahrte, zog er sich in die andere Ecke zurück, wo ein Haufen Streu und Stroh ein sehr ungastliches Lager bildete. Er kauerte darauf zusammen, und den Blick auf das schlafende Mädchen gerichtet, versank er bald in allerlei Betrachtungen über ein so außerordentliches Zusammentreffen, bis auch ihn der Schlaf überwältigte und die Seele hinaussteuern ließ in’s hohe Meer der Träume.

Bald war es todtenstill in der Hütte, nur mitunter rüttelte ein zorniger Windstoß an dem knarrenden Gebäude. Vom Flußbette der Ammer brauste die hochgehende Fluth, und manchmal rauschten die Eisschollen aneinander, die im See wie riesige Spielbälle des Sturmes durcheinander trieben.

Plötzlich fuhr Sylvest mit einem leichten Schrei aus dem Schlafe auf; es war ihm im Traume gewesen, als sitze er in

[568] einem reich verzierten Schiffe; auch Kuni befand sich in demselben; eine schöne Musik ertönte, und das Schiff schwamm heiter und beglückt zwischen reizenden Ufern dahin. Da weckte ihn ein Gefühl plötzlicher Angst: er fuhr auf und wußte im ersten Augenblicke nicht zu erkennen, ob er wach geworden, denn wenn ihn auch die gewohnte Hütte umgab, ein Theil des Traumes schien dennoch Wirklichkeit geworden zu sein.

„Was ist geschehen?“ rief Kuni ebenfalls erwachend, und starrte Sylvest an, der schon an der Hüttenthür stand, um sie zu öffnen.

„Es wird wohl nichts sein,“ sagte er, „im Schlafe ist es mir nur vorgekommen, als wenn der Floß schwimmen thät.“

„Heilige Mutter von Andechs!“ schrie Kuni in plötzlichem ungeheurem Schrecken auf, „es ist ja wahr: der Floß schwimmt.“

Es war nicht daran zu zweifeln: das Holzgebäude schwankte sichtbar von der Bewegung der Wellen, die es von hinnen trugen; nach wenigen Augenblicken kam Sylvest von draußen zurück; trotz des Bartes war erkennbar, daß auch er bleich geworden. „Es ist wahrhaftig so,“ sagte er, „es muß ein Stück vom Gestade eingebrochen sein. Das Wasser hat das Seil und den Pflock und Alles mitgenommen; wir sind schon ein paar Büchsenschuß’ vom Ufer entfernt und schwimmen mitten im Treibeis.“

Ein Schrei aus Kuni’s Munde antwortete der entsetzlichen Nachricht. Sie sank beinahe zusammen, und Sylvest sprang hinzu, sie in den Armen aufzufangen: seine Annäherung gab ihr Kraft und Besinnung wieder, daß sie sich am Herde zu stützen vermochte. „Nimm Dich zusammen, Mädel!“ sagte er, „zu früh verzagt ist auch verspielt; noch sind wir nit ganz und gar verloren. Wenn wir nur ein Ruder hätten, fahret’ ich uns wohl hinaus, und wenn’s noch so arg stürmt, aber die Ruder sind noch nicht hergerichtet. Vielleicht kann ich die Maststange los machen, dann hat’s keine Gefahr. Bleib’ Du nur drinnen!“ rief er im Hinauseilen, da Kuni folgen wollte, „da draußen ist kein Geschäft für Dich.“

Bebend, mit angstverschlungenen Händen folgte ihr Ohr dem Schalle seiner Thätigkeit; sie zählte jeden der Beilhiebe, mit denen er den Segelbaum sich loszumachen mühte, und fühlte mit Grausen, wie jeder Schlag den schwanken Boden unter ihren Füßen erschütterte und wie die Wellen und Schollen immer höher und enger das dröhnende Fahrzeug bedrängten; plötzlich ertönte ein minutenlanges Gerassel und dann ein stärkerer Schlag, als wäre eine starke Last hernieder gestürzt, die das Bretterdach der Hütte streifte, daß es an der Ecke aus den Fugen ging. Ein Windstoß drang herein, mit schrillem Pfiffe aufjauchzend, daß es ihm endlich gelungen war, einen Eingang zu finden. Im nämlichen Augenblicke erschien Sylvest auf der Thürschwelle, an der er sich wie taumelnd anhielt; er war ohne Hut; aus einer Stirnwunde schoß ihm das Blut über Gesicht und Bart. „Heilige Mutter!“ rief Kuni und sprang ihm entgegen. „Was ist Dir geschehen?“

„Es wird nicht viel zu bedeuten haben,“ entgegnete er eintretend, und schloß die Thür, um den Sturm wenigstens von dieser Seite abzuhalten. „Der Segelbaum ist auf die unrechte Seiten gefallen und weit hinaus geschossen in’s Wasser. Wie ich schon gemeint hab’, ich könnt’ ihn ganz still niederlassen, hat es ihn seitwärts geschlenkt. Ich bin nur froh, daß er mich nicht auch mitgerissen hat.“

„Aber Du blutest ja über und über. Du mußt einen Verband haben,“ rief Kuni und riß ihr Tuch vom Halse; mit zitternden Händen legte sie es zusammen, tauchte es in das von unten aufquellende Wasser und band es Sylvest um die Stirn; schweigend verrichtete sie das Geschäft; schweigend neigte er ihr den Kopf entgegen und ließ sie gewähren, dann kehrte Jedes an seinen Platz zurück. Todtenstille war einen Augenblick in dem Gemache, nur der Wind heulte, unten aber rauschte das Wasser und knirschten die Eisschollen, als nagten sie an dem Scheitergefüge, um es auseinander zu reißen.

„Mit dem Ruder ist es also nichts,“ sagte Kuni nach einer Weile schüchtern, „wie wird’s aber jetzt werden mit uns?“

Sylvest sah ernst zu Boden und schwieg; das wachsende Getöse unter ihren Füßen antwortete für ihn. Mit steigendem Entsetzen betrachtete ihn Kuni. „Du sagst nichts,“ rief sie, „also wär’ wirklich keine Hülf’ mehr? Wär’s wirklich, daß wir zu Grund’ geh’n müssen?“

„Es scheint so,“ erwiderte er gelassen, indem er über den Knieen die Hände wie zum Gebete ineinander faltete, „ich glaub’, wir liegen oder sitzen schon in unserer Todtentruhen.“

Ein Schrei Kuni’s antwortete ihm noch greller, noch wilder, noch entsetzenvoller als zuvor. Sie hatte vor wenigen Tagen dem Tode in das ernste Angesicht geschaut und war davor zurückgebebt wie vor dem Hingange in eine geheimnißvolle Ewigkeit, über deren abgründlich klaffenden Eingang nichts hinwegträgt als die Brücke des Glaubens, und jetzt hatte sich das düstere Antlitz gegen sie selbst gewendet; wie das Haupt eines Ungeheuers tauchte es plötzlich aus den Wogen vor ihr auf und winkte sie zu sich, mitten aus der vollen Kraft und Schönheit des kaum entfalteten Lebens, unvorbereitet und mitten aus den flüchtigen Gedanken und Empfindungen desselben. Ein unsäglicher Schauder erfaßte sie, daß sie in die Kniee sank und sich an den Herd wie an einen Altar anklammerte. Ein Guß von Thränen brach aus den weitgeöffneten Augen, und eine an Verzweiflung grenzende Angst schlug ihr die Zähne zusammen. Sie stammelte verwirrte Worte durcheinander, halb Anfänge von Gebeten, halb Klagelaute, abgerissen und unverständlich, aber eben deshalb desto ergreifender. Mit einem Blicke voll Mitleid betrachtete sie der Bursche eine Weile:

„Entsetz’ Dich nit gar so, Kuni!“ sagte er dann, „damit machen wir’s nit besser. Es soll kein harter Tod sein, das Ertrinken. Geben wir uns d’rein und denken, einmal muß es doch gestorben sein.“

„Ja, fürchtest Du Dich denn nicht?“ rief sie und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

„Fürchten?“ sagte er. „Ich kann nicht Nein sagen, daß ich nicht gern noch eine Weil’ hätt’ leben mögen, und ein anderer Tod wär’ mir auch nicht zuwider gewesen. Ich hätt’s auch ganz gern gehabt, wenn meinem alten Vater und meiner Mutter und meinem Bruder ein solches Leidwesen erspart worden wär’. Aber vor dem Sterben mich fürchten? Nein, das thu’ ich nicht.“

„Mein Vater, mein armes Vaterl!“ wimmerte Kuni dazwischen; jetzt erst war vor ihrer Seele das ganze Bild des Jammers aufgetaucht, der über den Alten hereinbrach, wenn er sie verlor, wenn er sie so früh und auf so furchtbare Art verlor. „Er überlebt’s nit, dazu hat er mich viel zu gern gehabt.“

Als ob er sie dadurch auf andere Gedanken bringen wollte, fuhr Sylvest fort: „Ich bin nicht umsonst in Griechenland gewesen und im Krieg. Hat’s auch keine großen Schlachten gegeben, wenn wir so in der Maina in die Schluchten hineingeritten sind, ist man doch keinen Augenblick sicher gewesen, daß einem nicht eine heimtückische Klephtenkugel das Licht ausbläst. Da lernt man’s wohl, seinen Mantelsack gepackt zu halten, und wenn der Trompeter zum Einhauen bläst, da schaut man noch einmal in den blauen Himmel hinaus, macht Reu’ und Leid und reitet in Gottes Namen in die Kugeln hinein.“

„Reu’ und Leid,“ flüsterte Kuni wie von einem beruhigenden Gedanken erfaßt und stützte die Arme mit den gefalteten Händen auf den Block vor dem Herde; heiße, inbrünstige Worte flossen leise von den bebenden Lippen. Die Gestalten und Begebenheiten ihres Lebens schwebten wie ein fliehender Wolkenzug an ihrer Erinnerung vorüber; mit der Erregung wurde auch die Stimme lauter, und vernehmlich klang es von ihren Lippen: „Vergieb uns uns’re Schulden!“

„Wie auch wir vergeben uns’ren Schuldigern,“ fuhr Sylvest fort und schloß. „Und erlöse uns von dem Uebel – Amen!“

„Vergieb’ mir Du auch, Sylvest! Ich bin auch Deine Schuldigerin,“ sagte Kuni leise. „Ich bin daran schuld, daß Du hast flüchtig geh’n müssen und mußt jetzt so elend zu Grund’ geh’n.“

„Verzeih’ mir Du auch!“ erwiderte Sylvest, „ich hab’ Dir öffentlich Unrecht angethan. Ich denk’, wir können uns’re Rechnung gleich aufgeh’n lassen gegeneinander.“

Heftiges Krachen erscholl; eine gewaltige Scholle hatte unterwärts einen Theil des Scheiterflosses aus der Schichtung gerissen: die Hölzer wichen auseinander, mit ihnen die Grundlage, auf der die Hütte ruhte. Das schon beschädigte Dach begann sich zu neigen, und durch nichts mehr gehemmt, quoll das brausende Wasser wie aus einem geöffneten Brunnen empor. Es war die Seite, an welcher sich Kuni befand.

[569] „Jesus Maria, halt mich, halt mich!“ kreischte sie voll Entsetzen auf, „ich versink’.“

Die Gefahr war groß, aber im entscheidenden Augenblicke hatte Sylvest sie bereits an sich gerissen und mit kühnem Sprunge den Balken des Thürgerüsts erreicht, der noch für einige Zeit einen festen Stützpunkt versprach. „Nicht eher, als bis ich selber versink’,“ rief er mit mächtiger Stimme; „halt Dich an mich, Kuni! Ich laß’ Dich nit.“

Es hatte der Aufforderung nicht bedurft; mit der letzten Kraft hatte sie sich an ihn geklammert und hing nun bewußtlos an der Brust des Feindes, als gäbe es keine Stätte, wo sie sicherer ruhen könnte; mit starkem Arme schloß er die Feindin an sich, sie gegen die wüthenden Elemente zu vertheidigen, wie sein kostbarstes Kleinod.

Eine grauenvolle Viertelstunde verrann.

[581] Mit großer Anstrengung war es Sylvest allmählich gelungen, außer der Hütte, die keinen Schutz mehr bot, einen festen Standpunkt zu gewinnen, der es ihm möglich machte, den Zustand des Fahrzeuges näher zu beobachten; trotz seines Muthes gewahrte er mit Schaudern, daß es eigentlich durch nichts mehr zusammengehalten wurde, als durch die Wucht der eigenen Schwere, jeder verstärkte Windstoß, jeder dadurch gesteigerte Wellenanprall konnte es völlig auseinander treiben und das schauerliche Grab unter seinen Füßen öffnen.

Aber diese Verstärkung, diese Steigerung schien ausbleiben zu wollen.

„Was ist denn das?“ rief Sylvest und richtete sich hoch auf, wie um zu horchen. „Das ist ja gar, als wenn der Wind umspringen wollt’. Es ist wahrhaftig so; die Scheer’ fangt auf einmal schneller zu treiben an. Wir müssen in die Ammergüsse hineingekommen sein. Wenn es uns vielleicht dem Gestad’ zutreiben thät! Heiliger Gott! Wenn wir vielleicht doch noch hinaus kommen sollten!“

Behutsam ließ er das noch immer halb bewußtlose Mädchen am Thürgerüste nieder und schwang sich mit der Schnellkraft erneuter Lebenshoffnung auf das schwankende Hüttendach, um einen weiteren Ausblick zu gewinnen, sofern dies bei der herrschenden Dunkelheit möglich war.

Ein Freudenschrei entrang sich unwillkürlich seiner Brust, als er die Warte erreicht hatte; dort in grauem Dunkel, wohl noch weit entfernt, aber seinem scharfen und geübten Auge vollkommen erkennbar, ragten schwarze Gestalten in lang gedehnter Reihe empor; es waren Bäume, und die Reihe, die sie bildeten, war das Gestade, das sie besäumten. Sturm und Gestöber hatten nachgelassen. Der erst gegen Mitternacht erscheinende Mond erhellte unsichtbar das Gewölk, und in seinem matten Scheine trieb die lecke Scheere zwar langsam, aber entschieden den Bäumen zu.

Ein Stück Brett, von der Hütte losgerissen, diente Sylvest dazu, den Gang zu beschleunigen und wie mit einem Steuer zu leiten – noch einige bange Minuten – da verrieth ein starker Stoß, daß das seichte Wasser erreicht war und das Fahrzeug den Grund berührt hatte; es krachte und schütterte in allen Fugen, aber es hielt. Wenige Augenblicke noch, und Sylvest hatte, die Strandfuhrt durchwatend, seinen Schützling an’s Ufer getragen.

Es war in der Nähe eines Dorfes. Ueber die schwarzen Baumgerippe stieg ein uralter Kirchthurm finster empor; unter denselben verkündete das erhellte Fensterchen einer Hütte, daß dort ein wachend Menschenauge den vorigen Tag noch nicht beschlossen oder den neuen bereits begonnen habe.

Es währte geraume Zeit, bis Kuni sich ganz zu sammeln vermochte und die volle unglaubliche Wirklichkeit der unerwarteten Rettung begriff. Dann hatte sie keinen Ausdruck für das Glück, das in ihre Seele einzog, als dieselben Thränen, welche die Boten ihrer Verzweiflung gewesen. Sie fiel auf die Kniee nieder; sie faßte den sicheren festen Boden mit beiden Armen an, um sich zu vergewissern, daß nicht mehr das entsetzliche Fahrzeug unter ihr schwanke, daß nicht mehr ein dünnes schwankes Brett sie vom Abgrunde trenne. Dann hob sie die Arme zum Himmel empor und stammelte nur ein paar Mal ein halblautes „Dank, Dank!“ in denselben empor. Sie fand keine Worte für all die Gedanken und Gefühle, die mit Einem Mal auf sie einstürmten. Es war dunkel und feierlich in ihr wie eine Sommernacht, aber erhebende Vorsätze durchfunkelten, schöne Entschlüsse durchblitzten sie, hell und klar wie die Gestirne derselben. Thränen erleichterten ihr endlich die Brust, als sie des Vaters gedachte, dem sie wiedergegeben war, und der unsäglichen Freude des Wiedersehens.

„Freust Dich, Mädel?“ fragte Sylvest, der indeß den Floß so gut wie möglich befestigt hatte und eben wieder zurückkam. „Hast auch alle Ursach’ dazu. Die Fahrt macht uns so leicht Niemand nach; es ist schier ein Wunder, daß wir so davon gekommen sind. Du mußt gut steh’n mit Deinem Schutzengel, Mädel, denn mit mir, glaub’ ich, hätt’ sich Keiner so viel Müh’ gegeben.“

Kuni’s Brust war voll bis zum Zerspringen. Sie wollte überströmen von Dank, aber es war etwas in ihr, was den Strom hemmte, daß er nur innen wie gefangen auf- und niederwallte und nicht nach außen zu dringen vermochte. Verwundert und wie erwartend, sah Sylvest sie einige Augenblicke an, dann deutete er nach dem erleuchteten Fenster und fuhr gelassen fort:

„Ich mein’, Du solltest dort in das Haus geh’n und eine warme Nachtherberg’ suchen. Ich sorge, Du könntest sonst krank werden von dem Schrecken, von der Nässe und Kälte; es sind ordentliche Leute, bei denen Du gewiß gut aufgehoben bist. Kannst ja sagen, daß Du Dich verirrt hast und in einen Graben [582] gefallen bist. Es braucht Niemand zu wissen, wo wir heute Nacht miteinander gewesen sind.“

„Und Du, Du?“ brachte Kuni endlich mühsam hervor.

„Ich? Ho, mir schadet’s so leicht nicht – ich bin’s gewöhnt,“ sagte er, „ich will noch nach dem Scheerfloß umschau’n, damit es ihn nicht wieder losreißt, dann will ich auf den Schlösselhof geh’n, will beim Bauern an’s Fensterl klopfen und ihm sagen, wo er Dich finden und abholen kann morgen in der Früh’.

Er schritt während dieser Worte vor ihr her dem Hause zu; sie folgte schweigend.

Auf sein Klopfen erscholl bald Antwort; eine Stimme wurde laut und fragte, wer zu so ungewohnter Zeit noch Einlaß begehre; er flüsterte ihr zu, selbst zu antworten, damit Niemand wisse, daß sie einen Begleiter gehabt und wen. Sie that es, halblaut und unsicher, und bald kam von innen der Bescheid, daß rasch geöffnet werden solle. Kuni hatte ihren Namen genannt, und die Stimme konnte sich schon jetzt nicht genug verwundern, daß „ein solches Leut“ zu solcher Zeit an die Hütte komme.

Sylvest und Kuni standen vor der Thür nebeneinander. Jedem war es um’s Herz, wie wenn noch etwas unter ihnen besprochen werden müsse, ehe sie, wer weiß auf wie lange, auseinander gingen. Aber Keines vermochte den rechten Anfang zu finden, und als Sylvest endlich doch den Mund öffnen wollte, um ihr zu sagen, daß die Feindschaft, die sie beide im Angesichte des Todes aufgegeben, auch aufgegeben sein solle gegenüber dem neugewonnenen Leben – da knackte der Holzriegel an der Thür und scheuchte ihn hinweg.

Er sprang seitwärts in’s Dunkel und hatte nur noch eben Zeit, Kuni ein flüchtiges „Behüt’ Dich Gott!“ zuzurufen.

„Behüt’ Dich Gott!“ sagte Kuni leise. „Behüt’ Dich Gott – und …“

Der Nachsatz blieb ungesprochen. Die Frau des Hauses erschien auf der Schwelle und ließ, um sich zu vergewissern, daß keine Täuschung obwalte, den vollen Schein des hoch emporgehobenen Spahnlichtes auf Kuni fallen, daß sie wie in einer verklärenden rothen Beleuchtung stand, welche alle Zeichen und Erinnerungen der ausgestandenen Schrecknisse verschwinden machte. Mit angehaltenem Athem lauschte Sylvest in seinem Verstecke, bis mit dem Verschwinden des Lichtes das schöne Bild verflog, gleich einem vom Himmel zuckenden Sternschuß.

Eine Weile wartete er noch und lauschte den Stimmen, die er drinnen murmeln hörte. Da sich bald nichts mehr regte, mochte der Gast wohl gute Aufnahme gefunden haben. Da ging auch er langsamen Schrittes unter den dürren Bäumen dahin, dem Lande und der Richtung zu, wo die Straße sich hinziehen mußte. Als er zurücksah, blinkte noch Licht in dem Hause, aber nun kam es von einem anderen Orte her, offenbar aus dem Fenster der Kammer, welche Kuni zur Nachtherberge angewiesen worden war.

Er stand und schaute und sann einen Augenblick – ihm war, als habe er etwas Wichtiges vergessen und müsse noch einmal umkehren. Zufällig glitt ihm das Tuch, das ihm Kuni umgebunden hatte, von der Stirn und schien ihm den Grund dazu recht buchstäblich in die Hand zu geben; er bedurfte des Verbandes nicht mehr. Das Blut hatte die Wunde verklebt und vertrat dessen Stelle. Schon erhob er den Fuß zur Umkehr, als er das am Tuche klebende Blut gewahrte. „So kann ich das Tüchel doch nicht zurückgeben,“ sagte er, wie entschuldigend zu sich selbst, indem er es sorgsam in die Tasche schob, „ich muß es doch erst waschen lassen.“

Eilend verschwand er in der Nacht; je weiter er aber kam, je langsamer wurde sein Schritt; die Gedanken und Erinnerungen der durchlebten Nacht hefteten sich daran, wie sich dem Waldwanderer eine Dornhecke anhakt und ihn zwingt, daß er still stehen und sich von ihr ablösen muß. Auch der Abend vom Erlinger Loostanze kam ihm in den Sinn und die Weise des Liedes, das dort erklungen war. Er konnte die Töne nicht aus dem Sinne bringen und summte sie halb unbewußt vor sich hin. Das bittere Gefühl, daß nach einem solchen Zusammentreffen das Auseinandergehen ein anderes hätte sein müssen, hatte die Oberhand behalten –

„Wo die Brennnessel wachsen,
Ist für’s Grasel kein Platz,
Und der Hund thut halt bellen
Und miau schreit die Katz’.“




4.
Mattheis – bricht’s Eis.

Auf dem Schlösselbauernhofe war es schön.

Es war so schön, wie damals, als der alte Hochzeitlader geritten kam, nur war es eine Schönheit anderer Art; damals war der Sommer in letzter Pracht zur Neige gegangen, jetzt quoll des Frühlings erste Herrlichkeit aller Enden hervor. Die ältesten Leute besannen sich kaum, jemals einen so schönen „Auswärts“ erlebt zu haben und einen so baldigen obendrein. Obwohl erst der Hornung zu Ende ging, war auf den Hängen und Breiten überall der Schnee bereits gewichen und hatte nur noch in Hohlwegen oder an schattigen Waldrändern einzelne verlorene Posten zurückgelassen. Ueber Bäumen und Sträuchern lag jener zarte Schimmer von Grün, der überall das Hervorbrechen und theilweise Aufgehen der Blattknospen verkündet; an den Weidenzweigen krochen die wollenen Kätzchen hinan, und hier und da, an besonders sonnigem Bühel lugten schon einzelne Kirschblüthen vorwitzig in die gleich ihnen aufknospende Frühlingslandschaft. Der Ammersee spiegelte einen kühlen, aber lichtblauer Himmel ab, durch welchen oben zarte weiße Duftwölkchen schwammen, während unten die Möven und Geier mit blitzenden Schwingen dahin schossen, als wollten sie ersetzen, was jenen an Schnelligkeit abging. Das Gebirge freilich trug noch die Eiskronen um den Scheitel, aber darüber wob sich ein kaum durchsichtiger Schleier, jener weiche wonnige Duft, der das Geheimniß eines neuen Werdens verkündet, indem er es verhüllt.

Um den Hof, der trotz des hohen Standortes eine wohlgeschützte warme Sonnenlage hatte, war es besonders freundlich; die Linden an der Rückseite hatten schon dicke Knospen, und die Schlehenhecke, welche sich darunter als Umzäunung hinzog, begann ihre Zweige mit den weißen Silberstiften ihrer Blüthenaugen zu beschlagen; der Schafbub aber, der eben aus dem Hause auf die Gräd kam, hatte um seinen alten verblichenen Hut einen Kranz goldiger Schlüsselblumen von der Weide heimgebracht.

Der Bub trug einen Teller mit Brod und Gläsern und eine Flasche Kranewitter, denn auf der Gräd saß der Schlösselbauer wieder bei einem Gaste und vor derselben stand wieder das Wägelchen bereit, wie damals zur Fahrt nach dem Diessener Markte; der Gast aber war Niemand anders, als der kundige Bader, der von dem besorgten Vater um die Gesundheit und den Gemüthszustand seiner Tochter befragt worden war und längst den unfehlbaren Heiltrank aus den Frühjahrskräutern gebracht hatte, die noch niemals so frühzeitig, aber eben deshalb auch niemals so kräftig zu haben waren, wie diesmal. Jetzt im Auswärts hatte er alle Hände voll zu thun, denn die Landleute halten darauf, daß ein Aderlaß zu dieser Zeit die größte Wohlthat sei, die man sich selber anthun könne; auf einer seiner Wanderungen mit Schnepper, Blutschüssel und rother Binde hatte der Bader auch wieder beim Schlösselbauer vorgesprochen, um sich nach dem Erfolge seiner Arznei zu erkundigen.

„Wir müssen das Beste hoffen,“ sagte der Bauer, indem er die Gläser füllte, „bis jetzt hat sich noch nicht viel spüren lassen von einer Besserung; ich bin schon zufrieden, weil es nur nicht ärger geworden ist. Sie ist noch die alte Sinnirerin wie zuvor und noch stiller, wenn’s möglich ist, aber im Ganzen kommt sie mir doch ein wenig frischer vor, und wie neulich das Ladschreiben gekommen ist, daß es nun doch noch etwas wird mit der Heirath von dem Zachariesel, dem ewigen Hochzeiter, mit der Grubenmüllertochter, da ist es mir schier vorgekommen, als wenn sie lachen wollte.“

„Wird schon noch kommen, das Lachen,“ entgegnete der Bader wichtig und versteckte das Kinn in dem hohen Halstuche, das er trug, „meine Mixtur ist gerade besonders auf das Lachen berechnet. Wird schon noch kommen; das Lachen sitzt eben im Zwerchfelle, und so lange die Milz nicht frei ist von betrübten Dünsten, und so lange die Galle die Oberherrschaft hat, kann das Zwerchfell nicht erschüttert werden – ergo! Aber wo ist denn die Patientin? Ich möchte sie wohl sehen, ihr den Puls fühlen und auch linguam, zu deutsch: die Zunge betrachten.“

„Ich glaub’ nit, daß sie sich vor Euch sehen läßt,“ sagte der Bauer kopfschüttelnd, „sie will von Euch und Eurer Medicin nichts wissen, und ich hab’ ihr zureden müssen mit Teufelsgewalt, daß sie sie nur eingenommen hat. Wie sie Euch vorhin hat kommen sehen, ist sie in ihre Kammer hinauf und hat gesagt, [583] sie müßt’ sich anziehen und will heut’ recht lang dazu brauchen; ich soll Euch nur sagen, daß sie unter anderthalb Stunden nicht herunter kommt.“

„So lange kann ich freilich nicht warten,“ rief der Bader ärgerlich, „sie ist menschenscheu. Hm, ein auffallendes, ein bedenkliches Symptoma! Wird wohl nöthig sein, daß ich ein ander Mal wiederkomme und den visum rupertum einnehme.“

„Jetzt seid Ihr auf den rechten Tupfer gekommen,“ entgegnete rasch der Bauer. „Leutscheu ist sie und darum bin ich ihr auch nicht entgegen gewesen. Es hat mich ohnehin genug gewundert, daß sie mit auf die Hochzeit fahren will. Wenn ich ihr jetzt zureden wollt’, daß sie zu Euch herunterkommen sollt’, ich glaub’ sie wär’ im Stande und thät’ noch im letzten Augenblicke umsatteln, sperrt’ sich in ihre Kammer ein und blieb daheim.“

„Da will ich ja nicht aufhalten und mich auch wieder auf den Weg machen,“ sagte der Bader und schickte sich an, sein Gläschen auszuschlürfen. „Gute Unterhaltung brauch’ ich Euch nicht erst zu wünschen, denn bei der merkwürdige Hochzeit ist schon dafür gesorgt, daß es an Unterhaltung nicht fehlt.“

„Mir ist immer noch, als wenn’s nicht wahr wär’,“ rief der Bauer, indem er sich anschickte, seinem Gaste das Geleit zu geben, „es ist schon gar zu oft wieder zurückgegangen – ich glaub’s nit, bis ich die zwei mit einander vor’m Altare stehen seh’.“

„Nein, diesmal wird’s doch schon richtig werden,“ meinte der Bader, „diesmal haben sie’s ganz fest gemacht. Erst hat’s freilich geheißen, sie sind ganz auseinander, weil die Braut ohne den Bräutigam in die Stadt hinein gereist ist und einen Faschingstanz mitgemacht hat und weil der Bräutigam mit demselbigen Geometer eifert, der im vorigen Jahre auf Vermessung da gewesen ist. Ihr kennt ihn vielleicht auch; er ist immer ganz schwefelgelb angezogen, wie ein Canarienvogel. Da haben sie es ihm ausgedeutscht, daß ja der Vater auch mit auf dem Faschingstanz gewesen ist, und weil der Zachariesel seine Heimath schon verkauft hat und in das Mad’l verschossen ist, wie ein Narr, haben sie sich wieder zusammen gebandelt. Und damit das Bandel ganz gewiß nicht reißen kann, haben sie ausgemacht, daß heute die Hochzeit sein muß, und wenn sie nicht sein sollt’, so muß derjenige, der daran schuld ist, dem Andern zweitausend Gulden Reugeld zahlen – ergo!

„Das ist freilich ein anderes Kraut,“ rief der Schlösselbauer, „das Bandel wird wohl halten, bild’ ich mir ein. Ich will froh sein für den Grubenmüller, wenn er seine Tochter glücklich unter die Haube gebracht hat, ich sag’s, wenn man so ein Dirnl im Haus’ hat, da kann Ein’ sein Leben freuen.“

Die einmal angeschlagene Saite wollte nachklingen und ein paar benachbarte mitschwingen machen, da stand der Bauer plötzlich, wie von einem Zauberstabe berührt, mit offenem Munde still; auch der Bader hielt auf den Stufen des Antritts im Fortschreiten inne. Starr blickten Beide nach einem Fenster im oberen Stocke empor, das zwar geöffnet, aber durch Töpfe mit grüner Hauswurz und überwintertem Rosmarin verdeckt war.

Eine singende Mädchenstimme klang glockenhell in den Frühlingsmorgen hinein; was sie sang, war nicht verständlich, aber es war eine muntere Weise, die nur zu munteren Worten und Empfindungen stimmen konnte.

„Ja, wie geschieht mir denn eigentlich?“ sagte der Bauer unsicher, „das ist ja die Stimm’ von der Kuni – ich glaub’ gar, meinem Dirnl ist der Gesang wieder ’kommen … Bader, wenn das wär’, wenn da Dein Tränkl d’ran schuld wär’ – im Feuer lass’ ich Dich vergolden.“

„Was sollte es sonst sein,“ entgegnete der Bader stolz und ließ das Kinn abermals in die Halsbinde untertauchen. „Ich hab’ es ja gesagt: das Lachen wird noch kommen – ich kenne meinen extractus herbaricus, der ist unwiderstehlich … ergo –!“

Droben klang die singende Stimme fort; es war wirklich Kuni, welche so frisch sang, als habe sie selber Freude daran, daß der so lange gesungene Ton noch in alter Fülle vorhanden sei. Nicht die Beiden allein horchten darnach; auch der Schafbub’ sah in die Höhe und suchte, woher das Klingen komme; aus dem Kuhstalle aber guckte der Kopf einer Magd, die mit der Milchgelte in der Hand vom Melkstuhle aufgesprungen war. „Sie ist es wirklich,“ jubelte der Bauer, griff in die schon zum Hochzeitsbesuche gefüllte Tasche und drückte dem Bader in die Hand, was ihm eben selbst in die seinige kam. „Bader, Du bist ein Tausendsakra – da trink’ Dir einen Rausch und komm’ auch auf die Hochzeit! Der Schlösselbauer zahlt Alles.“

Er rannte in’s Haus und der Treppe zu, um sich auch durch den Anblick der Sängerin zu überzeugen, welch’ günstige Veränderung mit ihr vorgegangen sei. Der Bader trat seine Wanderung an, indem er die empfangenen Geldstücke prüfend in die Tasche gleite ließ. „Drei Kronenthaler,“ murmelte er vergnügt, „das ist nobel, aber mein extractus herbaricus, ist es auch. Ergo!

Dem Bauer wurde der Weg erspart, denn als er die Treppe erreichte, kam ihm Kuni schon auf den letzten Stufen entgegen, vollständig und in den höchsten Staat gekleidet, im reich mit Silberketten und Silbermünzen verschnürten Mieder, buntem Halstuch und zierlicher Spitzenschürze, auf dem Kopfe aber, statt des Pelzmützchens, einen Zweig von Rosmarin, gleich einem Kranze durch die lichtbraunen Flechten gezogen. Offenbar hatte sie ungewöhnliche Sorgfalt auf den Anzug verwendet: sie wollte schön sein, und sie war es auch, daß der Vater aus der ersten Verwunderung in eine zweite fiel und darüber die Hände zusammenschlug.

„Ja, Dirnl,“ rief er. „Was ist denn mit Dir? Was hast denn im Sinne? Du bist ja aufgeputzt, als wenn Du selber die Hochzeiterin wärst.“

„Ich wüßt’ nit, daß ich anders wär’ als sonst,“ entgegnete sie zurückhaltend, aber nicht unfreundlich, „wenn ich einmal eine Kranzeljungfer sein soll, so muß ich mich doch anlegen darnach.“

„Gewiß, gewiß,“ sagte er hastig, „ich möcht’ auch nit, daß Du es anders machen thätst. Aber das alte schwarze Betbuch, das Du in der Hand hast, schickt sich zu dem Gewand’, wie die Faust auf’s Aug’. Warum nimmst nit das schöne himmelblaue, silberbeschlagene, das ich Dir gekauft hab’?“

„Nein, nein,“ erwiderte Kuni und drückte das unscheinbare Buch an das prunkende Mieder, „das alte Buch ist von der Basl – das ist mir lieber als aller Geschmuck.“

„Da freut mich mein Leben,“ sagte er. „Wenn man’s nur weiß, daß man sich darnach richten kann. Aber wie ist es denn? Bist Du’s wirklich gewesen, die gesungen hat, oder hat mir geträumt? Ich hab’ schon den Ofen einschlagen wollen, hab’ mich aber gerad’ noch besonnen, weil man nie weiß, wie man mit Dir dran ist.“

„Warum fragst, Vater? Warum sollt’ ich nit gesungen haben?“ fragte sie entgegen, und ein schelmisches Lächeln spielte um ihre Lippen und zeigte die Zähne dahinter.

„Ich glaub’, Du willst Deinen leiblichen Vater zum Narren haben,“ rief der Alte. „Warum Du nit gesungen haben sollst? Weil das etwas ganz Neues ist bei Dir und Du schon so lange nimmer gesungen hast, daß ich’s schier nimmer denk’ …“

„Hab’ ich nimmer gesungen, Vater?“ fuhr Kuni in derselben Weise fort. „Schau’, das weiß ich gar nicht, aber wenn Du es sagst, wird’s wohl so sein – dann wird mir halt nit singerisch um’s Herz gewesen sein.“

„Du bist wie ein Wetterfahn’l,“ entgegnete der Vater. „Aber meinetwegen! Ich bin schon zufrieden, weil Du nur wieder singst und nit mehr den Kopf hängen laßt, wie ein krank’s Hähn’l. Mehr verlang’ ich nit zu wissen um meine drei Kronthaler – der Bader hat seine Sach’ doch gut gemacht.“

„Der Bader, sagst? Dem hast Du drei Kronthaler gegeben? Ja, für was denn?“

„Für was denn – wie Du nur so in den Tag hinein reden kannst! Für was denn sonst als für die Medicin, für das Kräutertrank’l, das er Dir verschriebem hat.“

Das Lachen zuckte stärker um des Mädchens Mund. „Vater,“ sagte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter, „geh’ dem Bader wieder nach und laß Dir Deine drei Kronthaler wiedergeben! – Verschrieben hat er mir das Tränk’l wohl, aber – eingenommen hab’ ich’s nit.“

„Was? Nit eingenommen?“ rief der Alte verblüfft. „Hast Du mir nit versprochen …“

„Aber Vater, Du wirst doch nit im Ernste glauben, daß ich solches Zeug einnehm’? Ich hab’s zum Fenster hinaus geschütt’t. Hast nit gesehen, daß die Brennnesseln, die unten waren, alle abgestanden sind von dem Gifte?“

[584] „Das muß ich schon sagen, da freut mich mein Leben,“ rief der Bauer und wollte ärgerlich werden, weil er sich so überlistet sah, weil ihn die Thaler wurmten und weil Kuni über seinen Aerger in lautes herzliches Lachen ausbrach. Er fand sich aber nicht recht in den Unwillen hinein, denn die Freude über Kuni’s Lachen war zu groß, als daß nicht alle unangenehmen Regungen vor dem lange entbehrten heitern Lachtone verstummt wären. „Da möcht’ man schon gleich in den Hut steh’n mit dem Mädel, aber sie lacht, und sie singt wieder; sie lacht wahrhaftig, und das ist die Hauptsach’ – wenn es auch ausgelacht ist und über mich selber hergeht. Am End’ hat Dir gar nichts gefehlt, Du bist nit einmal krank gewesen, und es ist Alles nichts gewesen, als daß Du Deine Mucken und Spergamenter mit uns getrieben hast.“

„Nein, Vater,“ sagte Kuni plötzlich ernst, faßte ihn bei der Hand und sah ihm so voll und herzlich in’s Gesicht, daß der Alte nahe daran war, feuchte Augen zu bekommen. „Ich bin wohl krank gewesen, recht krank – ich hab’ einen Stein in mir gehabt, der ist mir schwer auf dem Herzen gelegen und hat mir’s fast abgedrückt – die Bas’l hat mir davon geholfen.“

„Die Bas’l? Die feindselige Dingin? Die keinem Menschen was Gut’s gegönnt hat? Die Dir gar Nichts und Alles fremden Leuten vermacht hat?“ rief der Bauer. „Das müßt’ sonderbar zu’gangen sein.“

„Die Bas’l ist nit so gewesen, wie die Leut’ gemeint haben. Mußt ihr nichts Ungut’s nachreden, Vater, wenn’s Dich freut, daß ich wieder anfangen kann zu lachen und zu singen,“ sagte Kuni, von der Erinnerung an das Sterbebett der Base gerührt. „Es hat so kommen müssen. Auf dem Wege von ihr her – Du weißt wohl, in der bösen Nacht, wo ich mich so vergangen hab’ – da ist mir der schwere Stein vom Herzen gefallen.“

„Aber wie denn? Warum rückst Du nit heraus mit der Sprach’?“ fragte der Alte entgegen. „Warum denn lauter solche Heimlichkeiten? Ich weiß alleweil’ noch nicht recht, was Dir eigentlich geschehen ist in der Nacht, und wie Du in das Gestad’lhäusel gekommen bist, wo ich Dich geholt hab’.“

„Das wirst Alles schon einmal erfahren, Vater,“ sagte Kuni mit gewinnendem Tone, „nachher wirst Alles versteh’n.“

„Thät schon noth, denn jetzt versteh’ ich von der ganzen Sach’ so viel, wie gar nichts,“ rief er dazwischen. „War eine Nacht, daß man keinen Hund hinaus jagen sollt’. Gestürmt hat’s, daß ich ein paar Mal gemeint hab’, es nimmt mir das Dach über’m Kopfe weg. Auf einmal, schon gegen den Tag zu, kommt was an mein Fenster und klopft an und sagt, Du wärst von der Bas’l fort; das Wetter hätt’ Dich überfallen, und ich soll Dich in der Früh’ beim Gestad’lhäusler holen – weiter hätt’st Du nimmer kommen können. Ich hab’ lang’ gemeint, es wär’ nur ein Traum, und hab’ um den Namen gefragt, wer mir denn die Botschaft bringt. ‚Das brauchst nit zu wissen,‘ hat er gesagt, ‚Du thätst mich doch nit kennen.‘ Dasselbe ist aber nit wahr gewesen, denn wenn er auch die Sprach’ verstellt hat, ist sie mir doch bekannt vorkommen, und wenn’s nit gar so närrisch gewesen wär’, so hätt’ ich fast geglaubt, es wär’…“

„Horch, Vater!“ unterbrach ihn Kuni, „der Bub’ schnalzt mit der Peitschen; er hat also schon eingespannt. Machen wir uns auf den Weg, damit wir nit zu spät kommen!“

„Hast Recht,“ sagte er, indem er sie verwundert betrachtete und sich dann gegen die Thür wandte; aber, wie sich eines Bessern besinnend, hielt er inne. „Das ist auch wieder was Neues, daß es Dir zu so was eilt. Aber wie wird’s denn nachher sein;“ begann er wieder, fast wie verzagt? „auf der Hochzeit werden gar viel Leut’ sein – da könnt’s leicht geschehen, daß man Jemand begegnen könnt’, der Einen nit besonders freut …“

„Brauchst Dich deswegen nit zu fürchten, Vater,“ unterbrach sie ihn fest, aber sich rasch abwendend, damit er ihr Erröthen nicht gewahren solle, „ich will den Leuten zeigen, daß ich mich nicht vor ihnen scheu’, und denk’, wenn ich tanzen will, wird’s wohl noch einen Burschen geben, der mich holt, wenn’s auch nicht zum Loostanz ist. Derselbige aber, den Du meinst,“ setzte sie etwas zögernd hinzu, „der wird nicht da sein. Du weißt ja, daß er sich nirgends blicken lassen darf.“

Kuni hatte schon den Wagen erstiegen. Der Vater setzte sich neben sie. „Auf das ist kein Verlassen,“ sagte er, Zügel und Peitsche ergreifend. „Derselbige kann wohl kommen, wenn es ihm darum zu thun ist; es heißt, der König hat den Flüchtling begnadigt, weil seine Mutter einen Fußfall vor ihm gemacht hat; da wird man dem, der ihm durchgeholfen hat, auch den Kopf nicht abreißen.“

Die letzten Worte verloren sich etwas im Geräusche des dahinrollenden Wagens; das tiefere Roth, das Kuni’s Wangen überflog, verrieth jedoch, daß ihr dieselben nicht entgangen waren – sie schwieg aber und machte sich mit dem Sitze zu schaffen, als ob sie es sich auf demselben erst bequem machen müsse.

Der Vater sah sie nach einer Weile von der Seite an. „Nun,“ sagte er, „ist Dir die Stimm’ verfallen? Warum red’st Du denn nichts?“

„Es ist nicht gut reden im Fahren; es stoßt so,“ sagte sie sich zur Seite wendend.

Der Bauer aber, dessen Stolz es war, daß sein Wägelchen sich so leicht fahre, als ginge es auf einer geschlagenen Tenne dahin, ließ die Peitsche knallen, daß die Pferde ausgriffen und das Wägelchen hin und wieder flog. Wenn dasselbe denn doch einmal stieß, kam es auf ein paar Püffe mehr oder minder auch nicht an. –

In dem Dorfwirthshause, in welchem das Hochzeitmahl gerüstet wurde – es wird wohl das in Utting gewesen sein – wurde indessen aller Orts schon tüchtig gearbeitet, besonders in der Küche; es war auch keine Kleinigkeit, für eine zahlreiche Gesellschaft eine so ausgiebige Mahlzeit herzustellen, als es der Landesbrauch erforderte – war es doch eine sogenannte „große Hochzeit“, die gefeiert werden sollte, und außer den achtzig oder neunzig Personen, welche mit in die Kirche gingen und an dem Essen Theil nahmen, also „in die Hochzeit“ gingen, waren mindestens ebenso viel andere Gäste zu erwarten, welche „auf die Hochzeit“, also erst gegen Abend kamen und deren Bedürfnisse also auch befriedigt sein wollten. Obendrein mußte auch dafür gesorgt werden, daß jeder Mahlgast noch einen angehäuften Teller voll „Bescheidessen“ zurückstellen und in ein Tuch gebunden, seinen Angehörigen heimbringen konnte. In der Küche sott und briet, brodelte und qualmte, rauchte und duftete es bunt durcheinander, und eine kundige Nase hätte bereits vermocht, einige der landesüblichen „Hauptrichten“ zu unterscheiden, wie das mit Knoblauch gespickte Brühfleisch und das unerläßliche „Ehrenkraut“.

Nicht minder emsig ging es im obern Stockwerke, in dem langen, aber niedrigen Saale zu, in welchem die Tafel in langer schmaler Reihe aufgestellt war, während eine ausgeräumte Stube nebenan zum Tanzboden umgeschaffen war, damit die Gäste keinen weiten Weg zu machen hätten, denn es ist Sitte; daß der Tanz nicht bis zuletzt verspart, sondern in Abtheilungen zwischen den einzelnen „Richten“, deren jede aus mehreren Speisen besteht, eingeschaltet wird. In Ermangelung anderen Grüns waren die Fenstersimse und Thürgerüste mit Tannengewinden verziert, an welchen breite Streifen bunten Papiers sich emporringelten; hinter dem Platze des Brautpaares war ein für den Abend bestimmtes Transparent angebracht, in welchem ein M und ein F in geschliffenen Glassteinen flimmerte. Die Braut hatte es durchgesetzt, daß auch hier der mißtönende Zachariesel vermieden worden war.

In der Tanzstube war der alte Trompeterfranzel mit der Herrichtung des Musikantensitzes beschäftigt, auf welchem bereits der Brummbaß sich, wie in grämlicher Erwartung der seiner harrenden Strapazen, mit dem Gesicht in die Ecke gelehnt hatte. Der Alte hatte zwar den abermaligen Hochzeitsritt ausgeschlagen, aber bei der Hochzeit selbst wollte er doch seines gewohnten Amtes walten, die verschiedenen Sprüche thun, die „Abdankung“ halten und mit seinem kräftigen Geigenbogen die Musik in Ordnung halten, wenn sie etwa mit der vorrückenden Zeit und der wachsenden Steigerung des Vergnügens in’s Schwanken gerathen sollte.

[597] Die Tafel im Saale war bereits vollständig hergerichtet. Julei, die Näherin, die sich eben im Hause auf der Wochenstöhr befand, hatte dieselbe gerade noch einmal überblickt und die letzten kleinen Unordnungen in den Falten des Tischtuches und der Stellung der Gedecke beseitigt. Eben wollte sie sich entfernen, als in der Thür die Wirthin erschien mit der Schürze das vom Kochfeuer geröthete Angesicht trocknend und mit Wohlgefallen die getroffenen Anordnungen überblickend. „Du hast halt eine geschickte Hand, Julei,“ sagte sie dann, „wie wär’s, weil Du doch einmal da bist, wenn Du beim Aufwarten an der Tafel mithelfen thätst? Meine Weiberleut’ stellen sich zu Allem so dumm an und haben lauter Daumen anstatt Finger; ich wollt’ Dich gern gut zahlen dafür.“

Das Mädchen wandte sich so hastig um, als ob sie erschrocken wäre, auch ihr bleiches Aussehen stimmte zu der Vermuthung. „Aufwarten? Bei der Tafel?“ fragte sie mit sichtlicher Befangenheit. „Nein, Wirthin, das kann ich nicht – ich will gern überall mithelfen, in der Küch’ oder in der Schenk’ oder wo es sonst ist – nur nicht aufwarten. Ich könnt’ auch nicht,“ setzte sie etwas langsamer wie zur Entschuldigung hinzu, „ich hab’ ja nichts bei mir als mein Werktaggewandel.“

„Das hat nichts auf sich,“ erwiderte die Wirthin, „Du kannst was von meiner Tochter nehmen, wenn sie auch ein wenig größer und dicker ist. Das schadet nichts – was leer steht, weint nicht.“

„Ich kann doch nicht, Wirthin,“ sagte Julei, „ich bring’s nicht zuweg’. Ihr müßt das nit verlangen von mir.“

„Aber warum denn nicht?“ rief die beharrliche Frau entgegen. „Ich geb’ Dir einen ganzen Gulden; den kannst wohl mitnehmen und noch wohler brauchen, bild’ ich mir ein.“

„Ich bin freilich arm,“ war Julei’s feste, wenn auch etwas schüchtern wiederholte Antwort, „den Gulden könnt’ ich freilich gut brauchen, aber ich kann doch nicht … ich bring’s nicht zuwegen.“

„So laß es bleiben!“ schloß die Wirthin und rannte ärgerlich aus dem Saale. „Hab’ ich’s doch immer gehört,“ brummte sie dabei halblaut, aber immerhin verständlich genug vor sich hin. „Hab’ ich’s doch all’ mein Lebtag gehört, Niemand ist hoffährtiger, als wer’s am wenigsten Ursache hat – so die eigentlichen Bettelleut’.“

Die heftig zugeworfene Thür schlug krachend in’s Schloß. Das Mädchen schaute sich nicht danach um; sie stand unbeweglich und sah vor sich nieder, die Hände über dem Schooße zusammengefaltet; sie mochte sich allein glauben, und dennoch war der Vorfall nicht ohne Zeugen gewesen.

Der Hochzeitlader war in der Thür der Tanzstube gestanden und hatte zugehört. Julei ward es nicht gewahr, daß er näher kam, bis er ihr zutraulich die Hand auf die Schulter legte. „Meine liebe Nahterin,“ sagte er, „mir scheint, Du brauchst Dir Deinen Bündel Grumen (Gram) auch nicht erst zusammenzubinden, kannst ihn gleich über die Achsel hängen.“

Sie wandte sich gegen ihn; wie erstaunt trat er einen Schritt zurück; nicht so sehr deswegen, weil ihr ein paar klare Thränen auf den Wangen hingen, sondern weil ihre Erscheinung überhaupt, insbesondere Form und Ausdruck ihres Gesichts, ihn überraschten. Sie sah den Alten an, und als sie das Wohlwollen gewahrte, das aus dem ehrlichen faltenreichen Angesichte ihr entgegen kam, spielte ein schwaches Lächeln um ihren Mund. „Es ist so arg nit,“ sagte sie, „ich bin nur so ein dummes Ding, dem es manchmal schwer auf’s Herz fallt, daß ich gar Niemand hab’, dem ich’s sagen kann, wenn ich was auf dem Herzen hab’, und daß ich Alles so in mir allein verweinen und verwinden muß.“

„Wo bist denn daheim, Mädel?“ fragte der Alte mit immer steigender Theilnahme. „Hab’ Dich ja noch niemals gesehen.“

„Nirgends.“

„Aber Du mußt doch irgend Jemand haben, dem Du angehörst?“

„Niemand.“

Die Antworten des Mädchens klangen so natürlich und einfach, daß sie durch den Ernst ihres Inhalts eine größere Wirkung hervorbrachten, als die vollendetste Kunst. Dem Alten fing es in den Augen zu jucken an, und er ruhte nicht, bis Julei seine Freundlichkeit durch eine kurze Mittheilung ihrer Verhältnisse vergalt und von ihren Eltern, deren Schicksal, sowie von ihrem eigenen Leben zu erzählen begann: einem steten Wandern ohne Heimath, Ruhe und Ziel. „Es wird mir schon so aufgesetzt sein,“ setzte sie mit schwermüthigem Lächeln hinzu, „oder es liegt mir im Blute, meine Eltern sind ja auch ewig auf der Wanderschaft gewesen.“

„Und weißt Du denn gar nichts weiter von ihnen?“ fragte [598] der Hochzeitlader, den die kleine Erzählung noch immer begieriger gemacht hatte. „Wie sie daher gekommen sind und wo Deine Mutter eigentlich daheim gewesen ist? Wie hat sie denn geheißen?“

„Genau weiß ich’s nicht,“ erwiderte Julei, „wenn Ihr’s aber wissen wollt, kann ich’s Euch wohl zeigen; ich habe den Taufschein und den Trauschein meiner Mutter. Ich kann mir nur die Namen so hart merken; sie lauten so sonderbar. Meine Mutter ist weit weg zu Haus’ gewesen, da wo’s in’s Rußland hinein geht.“

„In Polen!“ rief der Alte, der sich vor Erregung kaum zu halten vermochte, denn mit einem Male lag eine Gegend seines Lebens vor ihm, die lange verwachsen und übergrast war in seiner Erinnerung, nun aber plötzlich vor ihm lag wie ein Land, von dem über Nacht der Schnee hinweg geschmolzen – ein vergessenes Stück Jugend, ein Nachklang von Saiten, die längst gerissen geschienen.

Er wußte nun auch, warum Julei’s Anblick ihn so sehr ergriffen hatte.

Ehe er weiter fragen konnte, wurde die Thür wieder aufgerissen, und die Wirthin, die ihren Aerger noch nicht überwunden hatte, rief grollend herein: „No, wird der Ratschmarkt noch lang’ dauern? Ist’s Dir vielleicht gefällig, daß Du herunter kommst? Es giebt noch Enten zu rupfen, oder bringst Du das vielleicht auch nicht zuwege?“

Lautlos folgte das Mädchen der Zürnenden; lautlos blieb der Hochzeitlader zurück, allein und doch in einer Gesellschaft, wie er sie seit Jahrzehnten nicht mehr um sich versammelt gesehen hatte. Er sah sich selber auf dem Heimwege aus der russischen Gefangenschaft, sah sich mit dem Transporte vieler Anderen fortgetrieben, obwohl Müdigkeit, Hunger und Krankheit ihm kaum einen Fuß zu heben gestatteten, und fühlte es, wie damals, als er in einer der endlosen Flächen des Landes mit verschwimmenden Augen unter ein paar Birken, die in einem Schopfe beisammen standen, gleich einem Sterbenden nieder sank. Niemand bemerkte es; Niemand vermißte ihn. Er wußte nicht, wie lange er in der Betäubung so gelegen haben mochte, aber er erinnerte sich noch wohl, wie er zum ersten Male wieder die Augen aufgeschlagen hatte: da war es schwarze Nacht um ihn, und auf ihn sahen ein Paar noch schwärzere Augen herab, die ihn mit ängstlicher Sorgfalt betrachteten – es war eine Bande von Luftspringern, Seiltänzern und Feueressern, die ihn im Vorüberziehen liegen gesehen und mitgenommen hatte. Eine von den Tänzerinnen, ein zartes, schlankes, fast zigeunerhaftes Geschöpf, hatte sich seiner erbarmt und darauf gedrungen, daß man ihn nicht hülflos dem Schicksale des Verschmachtens überließ – ihre Augen waren es, in welche die des Erwachenden empor starrten. Die Gesellschaft hatte eben in einem Walde Lager geschlagen, und beim erlöschenden Scheine des Wachtfeuers hörte der Gerettete den Bericht seiner Retterin, betrachtete er dieselbe in der rothen Gluthbeleuchtung wie einen Engel, den seine Glorie umgiebt. Aber die Glorie blieb auch beim Tageslichte an ihr haften, und wenn dem Vereinzelten auch nichts Anderes übrig blieb, als sich, um vorwärts zu kommen, an die Truppe anzuschließen, so wurde ihm doch diese Nothwendigkeit zum innigsten Vergnügen, denn sie gestattete ihm, in Katscha’s Nähe zu bleiben. Zum ersten Male hatte sich das Herz in ihm geregt: ein Funke war aufgeblitzt, der in ihm, wie es seinem ruhigen Wesen entsprach, nicht zu einem wilden leidenschaftlichen Feuer aufloderte, aber mit stiller nachdenklicher Gluth weiter glomm. Er blieb auch dann noch bei der Gesellschaft, als man in bewohntere Orte gekommen war, wo es ihm möglich gewesen wäre, seinen eigenen Weg einzuschlagen und nach der Heimath zurückzukehren, aber es zog ihn Nichts dahin zurück, wo ihn Niemand erwartete und er wahrscheinlich schon längst als ein Vermißter zu den Todten geschrieben war. Dagegen hielt es ihn bei Katscha unwiderstehlich zurück, um so fester, als ihre Güte und Freundlichkeit ihn hoffen ließen, daß sein Bleiben auch ihr angenehm und erwünscht sei. Für die Truppe war es dies jedenfalls, denn seine bald entdeckten musikalischen Fähigkeiten waren für dieselbe eine höchst willkommene Verstärkung ihrer Kunst- und Erwerbskräfte. So war er mit ihr herum gezogen, jeden Tag sich fest vornehmend, Katscha seine Neigung zu erklären, und jeden Tag es unterlassend, weil unerklärliche Scheu und unbezwingliche Schüchternheit ihn davon abhielten.

Ein unseliger Morgen machte dem unseligen Hoffen und Schwanken ein rasches Ende: Katscha war mit einem Mitgliede der Gesellschaft verschwunden, ohne Sang und Klang, ohne Gruß und Kuß, ohne Abschied, ohne Erwartung und Hoffnung des Wiedersehens. Es war dem unbefangenen Liebenden wohl manchmal das Blatt geschossen, wenn er Katscha unvermuthet mit dem Burschen zusammen stehen oder mit ihm flüsternde Worte tauschen sah, aber in der Unschuld seines Gemüthes hatte er darin kein Arg gefunden, und wie sie seinen Augen als der Inbegriff aller weiblichen Schönheit galt, verehrte sein Herz in ihr den reinen Engel, der an dem lieblichen Köpfchen nur Flügel besaß und keinen irdischen Körper. Nun war der Bann gebrochen, der ihn in der Fremde gehalten hatte; nun gewann das Heimathsgefühl Gewalt über ihn und zog ihn nach Hause, wo man ihn aufnahm, beinahe wie einen Verschollenen, der aus dem Grabe wieder aufsteht und kaum noch irgendwo ein Plätzchen für sich findet. Er kam in der That, wenn auch nicht aus, doch von einem Grabe, denn mit dem Schmerze um die verlorene Liebe hatte er auf dem weiten Heimwege seine Jugend begraben und dann nach und nach den Schutt eines einsamen Lebens wie einen Hügel darauf geschüttet. Jetzt war das Grab wieder geöffnet, und seine Geister waren zurückgekommen; es war kaum ein Zweifel mehr möglich, daß er in Julei die Tochter Katscha’s wiedergefunden.

Feierliches Geläute scheuchte ihn aus seinen Gedanken empor; es war das erste Glockenzeichen zum Beginne des Hochamtes, nach welchem die Trauung stattfinden sollte.

Die Brautleute selbst und ihre nächsten Angehörigen waren indessen schon seit geraumer Zeit zu ebener Erde in einem Nebenzimmer versammelt, das zur Wohnung des Wirthes gehörte, von ihm aber so hochgeschätzten reichen Gästen überlassen worden war. Auf dem Tische standen ein großer Büschel aus gemachten Blumen, eine mächtige Torte, mit dem gleichen Schmucke besteckt, und einige Flaschen süßen Rothweins mit halbgefüllten Gläsern daneben. Es sah Alles recht festlich und hochzeitlich aus, aber der Gesellschaft selbst war das nicht nachzurühmen. Die Brautführer und die Kranzjungfern hatten das Gemach verlassen, um die Familie nicht in dem zu stören, was sie sich etwa noch zu sagen haben mochten, aber Niemand fühlte ein Verlangen, von dieser Aufmerksamkeit Gebrauch zu machen. Der Grubenmüller hielt ein Glas in der Hand, ohne zu trinken, und schaukelte sich gedankenlos auf dem Stuhle; die Braut zog verschütteten Wein auf der Tischplatte mit dem Finger in allerlei Zeichen und Züge auseinander, die sie dann hastig wieder verwischte; Zachariesel stand am Fenster und sah nach dem Thurme der Pfarrkirche hinüber, als wollte er auf der Uhr die Secunden nachzählen, bis er den ersten Ring der Kette am Finger trug, die ihn fesseln sollte – ein langes Leben hindurch. Die einzige Person, die ein einigermaßen hochzeitliches Ansehen hatte, war die Mutter des Bräutigams, ein ältliches, von ihren Lebensjahren eingeschrumpftes Weibchen, das nickend nach seinem Sohne hinübersah und vor Freude über dessen stattliches Aussehen zu keiner anderen Empfindung kommen konnte.

Die Ursache der allgemeinen Verstimmung stand übrigens groß und breit auf dem Tische.

In leidlicher Gemüthsverfassung waren Alle angekommen. Mechtild hatte zwar etwas trübe Augen, als wäre vor nicht langer Zeit ein Regenschauer daran vorübergezogen, aber als Zachariesel ihr entgegen trat, reichte sie ihm doch mit einem wohlgefälligen Lächeln die Hand; daß sie geweint hatte, fiel Niemand auf; ist es doch ein alter Spruch, daß eine weinende Braut eine lachende Frau bedeute. Die Männer begrüßten sich mit freundlichem Handschlage – da fuhr plötzlich der Geist der Zwietracht in die Gemüther und zwar sonderbarer Weise in der Gestalt des Liebesgottes. Der Wirth kam heran und brachte die Nachricht, daß die Botenfrau schon Tags vorher ein sorgfältig verpacktes Kistchen mit einem Hochzeitsgeschenke aus der Stadt gebracht habe. „So? Aus der Stadt?“ sagte Zachariesel mit sauersüßer Miene, während Mechtild das Blut in’s Gesicht schoß, der Müller aber, als wenn es ihn gar nichts anginge, gleichzeitig vor sich hinpfiff.

Die geöffnete Schachtel bestätigte vollauf die allgemeinen Vermuthungen; der galante Geometer in München hatte es nicht unterlassen können, durch die That zu zeigen, daß er des Tages

[599] nicht vergaß, der, wenn auch allen Anderen ein Fest, seine Hoffnungen für immer vernichtete. Das Geschenk bestand in einem etwas vergrößerten Abguß des Amor, dem auf dem Diessener Jahrmarkte ein so betrübtes Ende zu Theil geworden; der Absender mochte auch jetzt ein ähnliches Loos gefürchtet haben, denn die Figur war diesmal nicht aus zerbrechlichem Gyps, sondern aus gebrannter Erde geformt, die sich wohl besser eignete, einen eifersüchtigen Anprall zu ertragen. Gleichwohl hing es an einem Haare, daß auch ihr dasselbe zerschmetternde Schicksal zu Theil wurde. Für Zachariesel’s Gemüth, vollgeladen mit allerlei Brennstoff der Ungeduld, des Aergers und unklarer Unzufriedenheit mit sich selber, war der Anblick der verhaßten Figur wie der Funke in’s Pulverfaß. Er sprang auf, und wäre der Grubenmüller nicht ebenso behend dazwischen gesprungen, so wäre die gebrannte Erde trotz ihrer Festigkeit in Trümmern an die ungebrannte Erde geflogen. Alle Schleußen zurückgehaltener Kränkung gingen in ihm auf. Er habe es mit Widerstreben überwunden und hinuntergeschluckt, rief er, daß Mechel – in seinem Unwillen fand er keinen anderen Namen – ohne sein Wissen sind Wollen in die Stadt gegangen und mit dem Kanarienvogel, dem Schmierer, auf dem Faschingstanz herumgefludert (geflattert) sei; wenn aber das Gethu’ und das Gespengel jetzt auch noch kein Ende nehme, so sei er Manns genug, das nicht zu leiden und gründlich nachzuholen, was er im Erlinger Hohlwege versäumt habe. Vergebens wiederholte Mechel alle schon oft vorgebrachten Entschuldigungen; vergebens mahnte der Müller zur Ruhe; wenn die Trauung vorüber sei, hätten sie noch Zeit genug, das Alles mit einander auszufechten. Erst dem Zureden seiner Mutter gelang es, ihn durch Schmeicheln allmählich wieder zu beruhigen und ihm begreiflich zu machen, wie er ja nun an dem Ziele stehe, nach welchem er sich so lange mit Leidenschaft gesehnt; wie es nun unmittelbar vor Thorschluß doch keinen Ausweg mehr gebe, und wie es ihm als einem gesetzten Burschen schlecht anstehe, sich von der Eifersucht so hinreißen zu lassen und den Leuten Anlaß zu neuem Reden und neuem Gespött zu geben.

„Mutterl,“ sagte er endlich, „ich thu’ Alles, was Du willst. Mit Dir kann ich nicht streiten. Du hast mir ja auch Alles gethan, was ich gewollt hab’, hast sogar eingewilligt, daß das Heimathl verkauft worden ist, und willst noch in Deinen alten Tagen eine neue Haut anzieh’n und mit mir übersiedeln an einen fremden Ort. Dafür sollst Du’s aber auch gut haben bei mir,“ setzte er hinzu, indem er ihre beiden Hände faßte und streichelte, „ich will Dich auf den Händen tragen und Alles thun, was ich Dir nur an den Augen abseh’n kann. Und immer mußt Du bei uns sein. Hast Du neulich, wie wir die Grubenmühl’ besichtigt haben, das kleine Kämmerl’ neben der Wohnstuben geseh’n, das heimliche mit der Holzverschalung, wo man so schön auf den Mühlschuß hinaussieht und auf die Buchen darum herum? Das richten wir Dir ein, wie Du’s daheim gehabt hast; das soll Dein Logis sein, Mutterl …“

„Du mußt nichts versprechen, was wir nicht halten können,“ unterbrach ihn Mechtild und faßte die ihr gebotene Friedenshand mit sehr kühler Bewegung; „denkst Du denn gar nicht daran, daß ich auch einen Platz haben muß? Wo willst Du denn mich hinthun in meiner Mühl’?“

„Dich?“ fragte Zachariesel staunend. „Ich mein’, wir werden miteinander hausen und beieinander logiren. Du wirst so wenig ein eigenes Zimmer brauchen, wie ich.“

„Nein, nein, das geht nicht,“ erwiderte sie spitz. „Ich muß mein eigenes Zimmer haben. Das bin ich so gewohnt von Jugend auf. Das Kämmerl’ neben der Wohnstube ist mein gewesen, so lang’ ich die Tochter im Hause gewesen bin; ich seh’ nicht ein, warum ich als Frau vom Haus mich daraus vertreiben lassen soll. Die Mutter kann in den obern Stock zieh’n; in der obern Kammer ist die Aussicht noch viel schöner.“

Zachariesel wechselte die Farbe. „Ah, das wird doch nit Dein Ernst sein, Mechtild, daß Du meine Mutter unter’s Dach hinauf logiren willst, daß das alte Frau’l mit sein’ müden Füß’ so hoch steigen soll…“

„Na, seid so gut und fangt noch einmal einen Disputat an!“ rief der Müller ärgerlich dazwischen. „Das ging’ mir justament noch ab.“

„Ich kann ja nichts dafür,“ sagte Mechtild weinerlich, „er fängt immer wieder an, wo er mich mit etwas tratzen (necken) kann.“

„Still jetzt, alle Zwei!“ rief der Müller wieder. „Keins redet mir mehr ein Wort! Ich will’s haben, und da beißt die Maus keinen Faden ab.“

Auch das alte Mütterlein ließ es nicht an begütigenden Worten fehlen; ihrem Zureden und Schmeicheln gelang es auch, den Sohn zu beruhigen, der keineswegs gesonnen schien, sich dem Machtgebot des Müllers so unbedingt zu fügen. „Meinetwegen,“ sagte er dann, „ich will noch einmal nachgeben; sind wir erst einmal beisammen, dann wird Jedes schon den Platz finden, wo es hingehört.“ Die Mutter wisperte ihm freundlich dafür zu, ihr war es ja gleich, welchen Winkel man ihr anwies. Sie lebte glücklich, wenn sie nur wußte, daß im übrigen Theile des Hauses ihr Sohn lebte und es ebenfalls war.

Das zweite Glockenzeichen machte den Abbruch des Gespräches nothwendig; es war Zeit, sich zum feierlichen Kirchgange im Zuge aufzustellen, und die Musik, welche mit einem fröhlichen Marsche vorausschreiten sollte, begann bereits, vor der Thür ihre Instrumente zu prüfen. Auch die Brautjungfern mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft traten ein; ihnen entgegen stürmte der Bräutigam; er wolle gleich wieder zurückkommen und vor dem feierlichen Augenblicke nur noch einen Athemzug frischer Luft schlürfen.

Er schien dessen auch wirklich zu bedürfen; ganz gegen seine sonst so ruhige Weise glühten ihm Wangen und Stirn, und als er an der Küche vorüber in den Hofraum trat, in dem sich auch der kleine, noch winterhaft öde Hausgarten befand, wehte ihm die frische Luft wie eine wirkliche Kühlung und Erquickung entgegen, daß er tiefaufathmend einen Augenblick stille stand und nicht gleich bemerkte, daß er nicht allein war; das plötzlich beginnende Geplätscher des Röhrenbrunnens, der bis dahin verstopft gewesen sein mußte, lenkte seine Blicke dahin; an dem Troge, mit dem Wässern von Gemüse beschäftigt, stand eine schlanke Mädchengestalt, die ihm unbekannt und doch nicht fremd dünkte.

Er eilte hinzu; seine Tritte veranlaßten das Mädchen, sich umzuwenden, und Beide standen sich mit einem Halblaute unterdrückter Ueberraschung gegenüber, der bei Julei mehr ein Ausdruck des Schreckens, bei Zachariesel der einer unverhofften Freude war, die ihn im Augenblicke vergessen ließ, wo er sich befand, wohin er gehen sollte, und was der Rosmarinzweig an seiner Brust bedeutete.

„Du bist es, Julei?“ rief er, „ja, wie kommst denn Du daher? Bist es denn wirklich?“

„Was ist dabei Merkwürdiges?“ erwiderte sie gesenkten Blickes und in anscheinender Ruhe, aber das Geschirr in ihrer Hand erklirrte leise von der zitternden Bewegung derselben. „Ich bin halt auf der Stöhr da als Näherin.“

„Aber das ist eine unverhoffte Freud’,“ rief Zachariesel, und sein Antlitz strafte die Worte nicht Lügen. „Ich komm’ kaum zu mir selber; ich hab’ seitdem so oft an Dich gedacht und mich selber ausgescholten, daß ich Dich gar nit gefragt hab’, wo Du Dich denn aufhältst; ich hätt’ Dich so gern wieder gesehen und hab’ nit gewußt, wo ich Dich suchen soll.“

„Zu was wär’s auch gut gewesen?“ entgegnete das Mädchen mit unsicherer Stimme, „ich bin bald da, bald dort, und Du, mein’ ich, hast wohl auch den Kopf voll anderer Gedanken.“

„Aber jetzt mußt Du mir’s sagen, Julei,“ rief er, wärmer werdend, „jetzt such’ ich Dich gewiß oft heim, oder noch besser. Du mußt zu mir kommen in die Grubenmühl.“

„Ich glaub’, die Hochzeit hat Dir den Kopf verdreht,“ sagte sie, „Du weißt nit, was Du redst. Du hast nichts bei mir und ich nichts bei Dir zu suchen; die neue Müllerin kriegt Näherinnen genug, und ich hab’ so viel zu thun, daß ich eine neue Stöhr in der Grubenmühl’ nit annehmen kann.“

„Das ist recht schad’,“ entgegnete er und faßte sie fester in’s Auge, denn in seinem Innern stieg eine bisher unbekannte Ahnung, wie schwach beginnendes Tagesgrauen auf. „Du hast doch selber gesagt, daß die Grubenmühl’ so schön ist, und daß es Dir nirgends so gut gefallt, als wenn Du in eine Mühl’ kommst.“

Sie sah schweigend zu Boden. „Das ist früher gewesen,“ sagte sie dann kurz, nahm ihr Geschirr und wollte sich an ihm [600] vorbeidrängen, dem Hause zu. „Zeit und Weil’ sind ungleich, und die Leut’ sind es auch.“

„So bleib’ doch nur!“ rief er herzlich, „jetzt seh’ ich’s erst, wie Du blaß bist …“

„Blaß bin ich immer; das kommt von der sitzenden Lebensweis’.“

„Aber Du hast ja verweinte Augen! Was fehlt Dir denn?“ fuhr er fort und erfaßte ihre Hand. „Ich laß Dich nit fort, Julei. Du mußt mir sagen, was Dir fehlt; ich muß wissen, ob ich Dir nit helfen kann.“

„Nein,“ sagte sie, eifrig bemüht, ihre Hand frei zu machen. „Du kannst mir nit helfen. Laß mich geh’n, Zachariesel!“

„Das muß ich sagen, das ist eine saubere Aufführung für einen Hochzeiter!“ rief plötzlich der Grubenmüller, der mit Mechtild und einem Theile der Hochzeitgäste hinter ihnen stand. Zachariesel’s langes Ausbleiben hatte sie veranlaßt, den Vermißten aufzusuchen; war doch schon das dritte Glockenzeichen gegeben und ein Ministrant mit springendem Chorrocke gelaufen gekommen, der vom Pfarrer die Anfrage brachte, wo denn die Hochzeitleute blieben. „Wir sitzen in der Stube und warten und warten und schauen uns fast blind, und der saubere Bräutigam steht im Garten und spengelt (thut schön) mit einer Anderen, als wenn gar keine Braut auf der Welt wär’!“

Bei dem ersten Laute hatte Julei ihr Geschirr weggeworfen und war laut aufschluchzend durch das hintere Gartenthürchen entschwunden. Niemand achtete darauf, nur der alte Hochzeitlader folgte ihr, eilend aber nicht minder unbeachtet. Er wußte nun, warum das Mädchen es nicht zuwege gebracht, an der Hochzeittafel aufzuwarten.

Als wäre ein Blitz herniedergefahren und hätte sie sammt und sonders zu Bildsäulen umgeschmolzen, so regungslos standen die Parteien einen Augenblick sich gegenüber, Zachariesel auf der einen Seite allein, verwirrt und unentschlossen, betroffen von dem Ungewitter, das sich plötzlich über ihm entlud, auf der andern Seite eine kaum übersehbare Schaar ergrimmter, entrüsteter, schadenfroher und das Lachen nur noch mühsam unterdrückender Menschen. Aus der Thür und den Fenstern der Küche glotzten die Köpfe neugieriger Mägde; den Hintergrund bildeten die verwitterten und verschmitzten Mienen der spottlustigen Musikanten.

„Wie ist’s? Kriegt man eine Antwort oder nicht?“ rief der Müller wieder, Mechtild aber, die jetzt erst wieder zu Athem kam, unterbrach und überschrie ihn. „Was braucht’s da noch fragen und antworten?“ sagte sie. „Ich für meinen Theil habe genug gesehen und gehört; ich will nichts wissen von einem Menschen, der eine Viertelstunde vor der Copulation noch mit einer Nahterin, mit einer hergelaufenen Person beisammensteht und ihr die Hände drückt. Ich kann mir denken, was das zu bedeuten hat.“

Ein Wink ihres Vaters unterbrach den Redestrom; der Alte gedachte des bedungenen Reugeldes, und wenn es zum Bruche kommen sollte, mußte doch immer Zachariesel es sein, der das entscheidende Wort sprach und also die zweitausend Gulden zahlen mußte. Die Vorsicht war indessen überflüssig; wohl war der Hochzeiter eine Weile verblüfft da gestanden, und gleich den Bewohnern eines aufgestörten Bienenstocks schwärmten und summten ihm die Gedanken um den Kopf, wie er dem beschämenden Auftritte ein Ende machen und einen Ausweg aus dem Irrsale finden könne, das ihn von allen Seiten umgab. Mechtild’s letzte Reden aber hatten den Bann, der auf ihm lag, wie mit einem Rucke, gebrochen; wie ein Vorhang, der ihm die Aussicht versperrt hatte, riß es vor ihm entzwei, und ein klar einfallender Sonnenstrahl erhellte die Bahn des Entschlusses, der ihm allein übrig blieb.

Die Schimpfworte, welche Julei zu Theil geworden, hatten die Schleußen seines Grimmes gezogen und gaben der Strömung freien Lauf.

„Was das zu bedeuten hat?“ rief er, indem er sich durch die braunen Ringelhaare fuhr und so beherzt vortrat, daß der Müller erschrocken vor ihm zurück wich. „Das soll bedeuten, daß mir gerade noch im letzten Augenblicke die Augen aufgegangen sind. Das will bedeuten, daß ich nichts wissen will von einer Frau, der mein ehrlicher Name zu schlecht ist, von einer Frau, die brave ehrliche Menschen deswegen, weil sie arm sind, verunehrt und schimpft, von einer Frau, die mein liebes altes Mutterl unterm Dach einlogiren will – daß es mir im letzten Augenblicke wie ein Stein vom Herzen gefallen ist, daß ich selber nicht gewußt hab’ was ich will, daß Du mich niemals wirklich gern gehabt hast, so wenig als ich Dich, und daß ich unserm Herrgott dank’, daß ich zu der Einsicht gekommen bin, eh’ es zu spät gewesen ist. Und wenn es zehntausend Gulden wären anstatt zwei, und wenn ich in der nächsten Minute in Taglohn gehen müßt’, ich zahl’ das Reugeld, aber zum Altar geh’ ich nicht mit Dir; jetzt auf einmal weiß ich, wie’s in mir inwendig ausschaut und zu wem ich gehör’.“

„Das verlangt Niemand von Dir zu wissen,“ rief Mechtild mit vor Zorn fast tonloser Stimme, „hast nicht Ursache, anderen Leuten den Strohsack vor die Thür zu werfen, es hätte doch Niemand nach Dir verlangt. Jetzt kann man freilich Alles auf einmal verstehen. ‚Laß mich gehen, Zachariesel!‘ wie die Person das gesagt hat! Wie süß! Und auf Du und Du ist sie mit ihm! Also deswegen ist es so hart gewesen, den Namen Zachariesel abzulegen. Da hast Du Deinen Hochzeitsstrauß! Nimm ihn und gieb ihn Deiner Landfahrerin! Viel Glück, Zachariesel, zu der Scheerschleifer-Hochzeit!“

Sie riß die Blumen vom Mieder und zertrat sie; der Müller aber rief mit einer Stimme, als wäre er Nachtwächter und müsse Feuer schreien: „Einspannen, Wirth! Die Leut’ alle sind Zeugen, daß er zurückgegangen und von seinem Wort umgestanden ist, nicht meine Tochter, so sehr sie dazu Ursach’ gehabt hätte. Einspannen! Keinen Augenblick bleib’ ich länger in dem Haus’!“ Der Wirth trat ihm in den Weg und wollte an die bestellte Mahlzeit erinnern; die Musikanten umringten ihn und mahnten an den Lohn für die Tanzmusik, die nun in die Brüche gegangen. Er aber brach sich mit Gewalt Bahn, indem er sie mit den Ellenbogen bei Seite drängte und rief: „Das ginge mir justament noch ab! Haltet Euch an den sauberen Hochzeiter! Der hat Alles zu Wasser gemacht; der muß für Alles herhalten. Da beißt die Maus keinen Faden ab.“

Die Anweisung war nicht gut zu verwirklichen, denn auch Zachariesel hatte einen günstigen Moment benutzt, sich durch das Hinterthürchen aus dem Staube zu machen, durch das Julei verschwunden war. Ob er es that, um die Entflohene aufzusuchen, oder nur um sich selbst aus dem Gedränge zu befreien, wer war im Stande, es aufzuklären?

[622] Bei den übrigen Anwesenden – mit Ausnahme weniger aus der nähern Verwandtschaft, denen das Aufsehen und die Schande näher ging und die sich daher theils entrüstet, theils betrübt entfernt hatten – gewann indeß bald eine heitere Anschauung des Vorfalls die Oberhand. So etwas war, so weit man zurückdenken konnte, noch nirgends vorgekommen, und wenn man auch überzeugt war, daß zwischen Zachariesel und Julei schon lange ein geheimes Einverständniß bestanden haben müsse, und ihm dies in hohem Grade verübelte, so lobte man ihn doch darum, daß er sich wenigstens im entscheidenden Augenblicke zusammengenommen hatte und mit der Sprache offen herausgegangen war, wie es sich für einen Mann schickte. Voll Erwartung der hochzeitlichen Freuden bei Mahl und Tanz war man herangekommen: man konnte nun doch unmöglich so unverrichteter Dinge und mit leerem Magen wieder heimkehren, hungrig, durstig und in allen Erwartungen getäuscht. Was war natürlicher, als daß die Gäste in allen Räumen sich zusammendrängten, um den Wirth nach Kräften von seinen Vorräthen zu befreien und sich durch Gespräche und Gelächter über die unterbrochene Hochzeit wenigstens für einen Theil der entgangenen Unterhaltung zu entschädigen.

Auch der Schlösselbauer mit Kuni war unter denen, welche diesen Ausweg erwählt hatten, und war in seiner besten Laune – was dem Grubenmüller mit seiner Tochter widerfahren war, überstieg doch weit die Vorfälle von Diessen und Erling; es gab also doch noch einen Vater, der mit seiner Tochter mehr auszustehen hatte, als er selbst, und wenn dieselbe bisher ein Gegenstand des Geredes gewesen, so war nun ein anderer Stoff gegeben, gegen den alles Frühere wie „kühler Thau“ erschien. Er war um so vergnügter, als auch bei Kuni die fröhliche Gesangsstimmung des Morgens andauerte, wenn sie auch etwas nachdenklicher geworden war. Es konnte nicht fehlen, daß die [623] rasche und feindselige Trennung eines Paares, das sie vor nicht vielen Monaten in der Ueberschwänglichkeit seines Liebesglücks gesehen und belächelt hatte, einen tiefen Eindruck auf sie hervorbrachte: der Baum, der in strotzender Fülle von Blüten und Fruchtknospen gestanden, eine seltene Zierde des Gartens, war von einem plötzlichen Hagelwetter getroffen worden – Blüthen, Blätter und Früchte lagen abgestreift und zerschlagen auf dem Boden umher, und der kahle Stamm streckte traurig die geknickten Aeste empor, dem sicheren Verdorren entgegen. Kuni saß ruhig neben dem Vater und hörte, mit ihren eigenen Gedanken und Gefühlen beschäftigt, nur mit halbem Ohre auf die vielerlei Erörterungen, Auslegungen und Beurtheilungen, welchen das Vorgefallene an den Tischen der Nachbarn und an ihrem eigenen unterlag, bald jedoch war der Gegenstand erschöpft, und es war allseitig willkommen, daß ein später kommender Gast sich noch in die Nähe gesellte und einen neuen Stoff der Unterhaltung mitbrachte.

Der Mann erzählte, daß er soeben vom Landgerichte, wo er zu thun gehabt, hergefahren komme und dort mit Buchmair Sylvest, mit dem Hulanen, der so lange in Griechenland gewesen, zusammengetroffen und ihn mitgenommen habe; derselbe sei ebenfalls zum Herrn Landrichter gerufen worden, und habe ihm derselbe eröffnet, daß er nicht mehr nöthig habe, sich zu verstecken, denn da der König den Hauptschuldigen begnadigt, habe auch er als Mitschuldiger nichts mehr zu besorgen. Der König hatte sich sogar ausführlich berichten lassen, wie es mit der Befreiung des Verfolgten zugegangen war, und hatte darüber gelacht, daß er auf dem Pferde seines Verfolgers entkommen sei, „der Ulane aber,“ hatte er hinzugefügt, „das müßte ein tüchtiger Bursche sein, und es sei schade, daß er nicht beim Regimente geblieben; er hätte es wohl bis zum Wachtmeister bringen können.“ Erstaunt, aber mit Beifall vernahmen die Anwesenden den Bericht, und Alle waren darüber einig, daß der Sylvest in Wahrheit ein tüchtiger Bursche sei.

„Und ein sauberer obendrein,“ fuhr der Erzähler fort. „Er hat heut’, weil er zum Gericht gemußt hat, seine Hulanenuniform angezogen und steigt daher, wie nochmal ein General.“

Schon die erste Erwähnung Sylvest’s hatte den Schlösselbauer veranlaßt, nach Kuni hinüber zu schielen und zu beobachten, welchen Eindruck die Nachricht von seiner Ankunft bei ihr hervorbringen werde; sie saß halb abgewendet und gab sich den Anschein, als habe sie nicht auf das Gespräch gehört; dennoch kam es dem Vater vor, als ob es ihr um Ohr und Wange heiß aufsteige, und er hätte ihr vielleicht ein beruhigendes Wort zugeflüstert, hätte nicht das Gespräch der Nachbarn eine neue Wendung genommen, die seine ganze Aufmerksamkeit fesselte.

Die Wirthin kam eben vorüber und fing an, Kuni über den Schaden vorzulamentiren, welcher ihr durch das Ausfallen der Mahlzeit entstehe; das Mädchen vernahm nur das Wenigste davon, auch sie wurde mit jedem Worte mehr von dem Gespräche der Anderen angezogen, und mit jedem Worte stieg die Gluth ihres Angesichts, so daß es die Wirthin gewahrte und diensteifrig forteilte, um ihr zur Abkühlung in der heißen Stube ein frisches Glas Wasser zu bringen. Das Gespräch bewegte sich um eine andere That, durch welche Sylvest seine Tüchtigkeit erprobt hatte und die den damit vertrauten Landleuten geradezu als ein Heldenstück erschien; es war die Rettung des großen Scheerenflosses, der sich losgerissen hatte und, wie man glauben mußte, durch seinen Muth und seine Geschicklichkeit an’s Land gebracht worden war; die abgetrennten Scheiter konnte ohne Schwierigkeit wieder aufgefangen werden und den Eigenthümern war ein höchst empfindlicher Schaden erspart.

Mit angehaltenem Athem und brennenden Wangen hörte Kuni den mancherlei Vermuthungen zu, wie es bei dem Ereignisse zugegangen sein möge und was es für ein Entsetzen sein müsse, auf einem so wackligen Fahrzeuge in finsterer Sturmnacht zwischen Eisschollen und haushohen Wellen herumgeschleudert zu werden; wußte doch Niemand besser als sie, wie Alles gekommen und wie gräßlich nahe der Rachen des Abgrundes sich vor dem Flosse geöffnet hatte.

Daß außer Sylvest noch Jemand sich auf demselben befunden habe, ward mit keiner Silbe erwähnt, es war klar, er hatte unverbrüchlich davon geschwiegen.

Kuni ahnte und fühlte, daß der Blick des Vaters sie fortwährend von der Seite streifte; sie wandte sich, um ihm nicht zu begegnen, noch mehr ab, sodaß sie gerade die Thür im Auge hatte. Dieselbe ging auf, und der Besprochene trat ein: der Erzähler hatte Recht gehabt, er sah aus wie ein angehender General, und vom Tische begrüßte ihn der laute Zuruf der Gäste, die dem Gegenstande ihrer Bewunderung die Krüge zum Bescheidtrunk entgegenbrachten und zusammenrückend ihn einluden, neben ihnen Platz zu nehmen.

Obwohl die Aufmerksamkeit Aller sich auf den Eintretenden richtete, waren doch seine und Kuni’s Augen die ersten, die sich begegneten. Das Mädchen regte sich nicht; es war unnöthig, daß der Vater unter’m Tischrande nach ihr langte, um sie am Gewande festzuhalten; Sylvest nahm, ebenfalls unverwandten Blickes, den Kalpak vom Kopfe, daß seine Stirn sichtbar wurde und auf ihr eine breite noch blutrothe Narbe. Dann zog er ein Tuch aus dem Helme und fuhr sich damit über die Stirn, um den Schweiß abzutrocknen, der gar nicht vorhanden war. Sie schlug die Augen nieder; es war das Tuch, mit dem sie ihn in der Schreckensnacht verbunden hatte. Darüber gewahrte sie kaum, was er weiter that, aber es war ihr vorgekommen, als habe er das Tuch, eh’ er es verbarg, leicht an den Mund gedrückt.

Unbeweglich und mit gesenkten Augen saß sie, auch als der Ulane, der Einladung folgend, sich an den Tisch gesetzt und alle Anwesenden gegrüßt hatte, als ob Niemand darunter sei, mit dem er irgend je in anderer als freundlicher Weise zusammengerathen war. Der Schlösselhofbauer stieß einen brummenden Laut aus, der eine Erwiderung auf den Gruß sein sollte; erst jetzt wurde in Einzelnen das Andenken an das laut, was man von der Feindschaft, die zwischen Sylvest und Kuni obwalte, gehört hatte, und manch neugieriger Blick flog ihnen zu, des Schauspiels eines neuen Ausbruches gewärtig.

Man erzählte Sylvest, was geschehen war und wie nun zum allgemeinen Leidwesen aller Aufwand zur Hochzeitfeier so gut wie in’s Wasser geworfen war. „Je nun,“ rief er lachend, „da könnte leicht geholfen werden; es braucht ja nichts Anderes, als daß statt des auseinander gelaufenen Brautpaares geschwind ein anderes Hochzeit macht.“

„Als wenn das so leicht wäre!“ rief Einer der Gäste. „Als wenn die Hochzeiten so an der Hecke wachsen thäten, wie die Brombeer’! Mir scheint, es wird heuer kein guter Jahrgang für die Hochzeitleut’.“

„Na, wenn’s nicht gleich eine Hochzeit sein kann, müßte man halt mit einem Stuhlfest vorlieb nehmen; was meinst denn Du dazu, Schlösselbauer?“

Der Angeredete schrak förmlich empor; er sah es kommen, daß der Uebermüthige das zufällige Zusammentreffen zu einem abermaligen ärgerlichen Auftritte benutzen werde, er war kirschroth im Gesichte geworden, während Kuni zur Weiße eines Linnentuches erblich.

„Was willst, übermüthiger Bursch?“ rief er erregt und wie kampfbereit. „Kommst schon wieder mit Deinen spöttischen Reden?“

Sylvest hatte sich erhoben und den Kalpak zierlich auf den linken Arm genommen; so stand er jetzt in stattlicher soldatischer Haltung, als stünde er vor seinem Rittmeister, dem Zürnenden gegenüber. „Hört mich nur an, Schlösselbauer!“ sagte er ruhig, „ich will nicht spotten, aber ich will’s gut machen, daß ich das einmal gethan hab’. Ich hab’ Dir und Deiner Tochter vor vielen Leuten Unrecht gethan. Jetzt bitte ich Dich und sie vor gerad’ so viel Leuten um Verzeihung, und hab’ eine Bitt’ an Dich.“

Der Bauer war wie aus den Wolken gefallen; er bewegte einen Augenblick die Lippen lautlos, ehe er eine Antwort fand.

„Eine Bitt’ – und was sollt’ das nachher sein?“

„Du hast es gehört, was in dem Haus für eine große Verlegenheit ist,“ erwiderte Sylvest launig, „sie brauchen ein paar neue Hochzeitleut’ für die ausgesprungenen. Ich hab’ einmal so ’was läuten hören, daß Du einen Schwiegersohn brauchst, und da will ich Dich fragen, ob Du nit mich annehmen willst dafür?“

Sylvest hatte absichtlich so laut gesprochen, daß alle Anwesenden es hören mußten, sie drängten von allen Seiten herzu; der Schlösselbauer war unfähig zu sprechen; noch war ihm nicht [624] klar, ob der Antrag ernst gemeint oder eine neue noch größere Beleidigung sein solle. Kuni hatte sich aufgerichtet; ihr war, als ob der Saal und Alles drinnen sich um sie zu drehen beginne.

„Ich bin mit Deiner Tochter aufgewachsen,“ fuhr Sylvest fort, „in der ersten Kinderzeit wenigstens, auch sonst sind wir Nachbarsleut’, und ich glaub’, Du kennst mich wohl, daß ich ein richtiger Mensch bin und der Hof bei mir nit schlechter werden soll, denn den Ulanen hab’ ich heut zum letzten Male an und möcht’ wieder ein Bauer werden. Also halt’ ich vor allen denen Leuten da um Deine Kuni an und möcht’ mit ihr die Handreichung thun.“

Dem Alten war, als hätte das Hochzeitmahl bereits stattgefunden und er dabei zu tief in den Krug gesehen; das konnte doch unmöglich Spott sein; das war wirklicher Ernst, aber trotz dieses Ernstes konnte er nicht umhin in lautes Lachen auszubrechen. „Mir ist, als wenn ich einen Rausch’ hätt’,“ rief er. „Mir bist Du alleweil der rechte Bursch und der richtige Schwiegersohn – aber was wird denn die Kuni dazu sagen?“

Eine Stille flog durch den Raum, daß man den Laut einer fallenden Nadel hätte vernehmen müssen. Aller Augen hingen an Kuni, die sich bebend an den Tischrand hielt und hochathmend keinen Blick von Sylvest verwendete. Sie sprach nichts, dazu war ihr das Herz zu voll; eine Morgensonne des Glückes ging in ihr auf, und ihre ganze Seele ertönte, wie in dem Mährlein die Glocke, welche, sobald der erste Sonnenstrahl sie berührt, von selber zu schwingen und zu läuten beginnt.

Sylvest trat einige Schritte näher und streckte ihr die Hand entgegen; erglühend, gleich einer hochfarbigen Rose, legte sie die ihre hinein. Im nächsten Augenblick lagen sie sich in den Armen, wortlos, unbekümmert um die Welt, die sie umgab: der Mißklang jener verhängnißvollen Nacht, da sie, dem Versinken nahe, an seiner Brust Zuflucht gesucht hatte, war gelöst und ein voller Accord vollen Glückes brauste durch ihre Seele.

Ein allgemeiner Schrei der Freude begrüßte die unerwartete Lösung – war doch nun ein glänzender Ersatz für die verdorbene Hochzeit gefunden, eine langbekannte Feindschaft in ihr schönes Gegentheil umgewandelt und in überraschender Weise ein Paar vereinigt, dem ob seiner Jugend und Schönheit wie ob seines eigenthümlichen Geschickes Jedes das vollste Liebes- und Lebensglück verhieß und vergönnte.

Der Lauteste und Ergriffenste von Allen war der Schlösselbauer; er weinte und lachte durcheinander und nahm Eins nach dem Andern immer wieder und wieder beim Halse. „Ist es denn möglich,“ schrie er, „daß noch eine solche Freud’ für mich aufgehoben ist! Teufelsbub, sag’ mir’s nur, wie Du’s angefangen hast, das Mädel herum zu kriegen! Ich hab’ nichts ausrichten können mit ihr. Ihr seid ja alleweil’ aufeinander gewesen, wie Hund und Katz’.“

Kuni lehnte sich lächelnd an ihn und sagte: „Hab’ nur Geduld, Vater! Es kommt die Zeit, wo ich Dir das Alles erzählen werd’.“

„O, ich verlang’ nichts mehr zu wissen auf der Welt,“ rief er. „Ich bin zufrieden, daß ich das noch erlebt hab’. Ist es denn wahr, Kuni, soll wirklich Stuhlfest sein? Willst ihn wirklich, den übermüthigen Burschen da in seinem Hulanengewandel?“

„Ja, Vater, – den und keinen Andern.“

„Juhe!“ schrie der Bauer, warf den Hut in die Höhe und begann mit den alten Beinen Luftsprünge zu versuchen. „Wirth! die ganze Grubenmüllerhochzeit gehört mein. Her mit Allem, was gut und theuer ist! Alles ist eingeladen. Der Schlösselbauer zahlt die ganze Bescheerung! Juhe! Die Schlösselbauer-Kuni macht Stuhlfest, wie noch gar keins gewesen ist. Jetzt freut mich erst mein Leben.“

Die Anwesenden waren nicht schwer zu bewegen, auf die Freude des Alten einzugehn und eine so herzlich gemeinte Einladung anzunehmen, bald war die Mahlzeit im Gange; die Teller klangen, die Gläser klirrten, und die Musik tuschte und blies immer wieder zum Wohle des verlobten Paares, über dessen Häuptern die Anfangsbuchstaben, noch ehe der Abend einbrach, durch die nun gebührenden ersetzt waren.

Während die Paare im Tanze dahin flogen, standen Sylvest und Kuni seitwärts in einer sie halb verbergenden Fensternische – zum ersten Male mit sich und ihrem jungen Glücke allein.

„Ist es denn wahr? Kannst mich wirklich gern haben?“ flüsterte Sylvest. „Und ich bin so abscheulich gegen Dich gewesen, daß ich es jetzt selber nicht mehr begreifen kann…“

„Ueber Alles in der Welt hab’ ich Dich gern,“ erwiderte sie, von seinem Arm verschlungen. „Mir ist als wenn es niemals anders gewesen wär – ich glaub, ich hab’ Dich gern gehabt, so lang ich denk, ich hab’ es nur selber nit gewußt.“

„Und mir geht’s gerade so,“ flüsterte er zurück, „es ist gar nit wahr, daß ich einmal einen Haß gegen Dich gehabt hab’; das ist lautere Lieb’ gewesen, und ich hab’ mich, in meiner Verblendung nur dagegen gewehrt, weil es mir im Geist’ vorgegangen ist, daß mir von mir selber nichts mehr übrig bleibt.“

Sie sah ihm zärtlich in’s Gesicht und strich ihm die Locken aus der Stirn. „Die Narbe da hast um mich, um meinetwegen,“ sagte sie, „aber sie steht Dir gut an, und ich will Dir’s gedenken. Was bist für ein Mann!“ fuhr sie, sich an seine Brust schmiegend, fort. „Wie ruhig bin ich an Deiner Brust gelegen, wie’s zum Versinken gewesen ist – ich glaub’, wenn es wirklich dazu gekommen wär’, es wär’ mir leicht geworden, mit Dir zu versinken. Du mußt mich nicht auslachen, Sylvest, aber ich bin ganz wie verwandelt. Wie hab’ ich gelacht und gespott’, wie ich die Mechel und den Zachariesel gesehn hab, wie sie mit einander zärtlich gewesen sind, und wie ist mir das Gethu so fad vorgekommen – und jetzt kann ich’s selber nit oft genug von Dir hören, daß Du mich gern hast, aber nicht wahr, mit uns Zwei wird es nicht so gehn, wie mit den Andern? Wir bleiben bei einander?“

„In alle Ewigkeit,“ entgegnete er ernst, „wir sind fester zusammengenietet, und Du weißt, durch was.“

„Ich verdien’ so viel Glück nit,“ hauchte sie gerührt, „aber die Basl muß mir’s erbitt’ haben in der Ewigkeit. Sie hat mir Glück gewünscht mit dem Mann, an den mein Herz denkt, und – jetzt darf ich Dir’s ja eingestehn – der Mann ist Niemand Anderer gewesen, als Du.“

Eine Weile standen sie so und gewahrten nicht, daß wieder ein Tanz zu Ende gegangen war und der Hochzeitlader, der sie aufgesucht, mit überglücklichem Angesichte vor ihnen stand. „Wie schaut’s jetzt aus mit meinem Kuppelpelze?“ rief er. „Hast kein Glasel zur Hand, daß Du wieder dem Glaser etwas zu verdienen geben könntest? Wer hat jetzt doch Recht behalten? Es heißt halt nicht umsonst ,Weihnachten im Schnee, Ostern im Klee’ und ‚Was der Haas’ unter’m Berge (diesseits) versäumt, muß er dreuten (jenseits) wieder hereinbringen’.“


Im Mai war’s im Erlinger Wirthshause voll und lustig, wie noch nie. In der Wallfahrtskirche zu Andechs wurden zwei Paare getraut, welchen ihre Erlebnisse es wünschenswerth machten, das Fest ihrer Vereinigung an dem Orte zu feiern, wo so entscheidende Ereignisse in ihr Leben eingegriffen hatten.

Der neue Schlösselhofbauer und der neue Grubenmüller hielten zugleich Hochzeit.

Der neue Müller war niemand Anderes als Zachariesel. Nach dem stattgefundenen Aergernisse war Mechel der ganze Ammersee und was darum herum war, verleidet und verhaßt; ihre Wünsche stimmten daher mit denen ihres Vaters überein, der bei dem kurzen Aufenthalte in der Hauptstadt ein so großes Wohlgefallen an derselben gefunden hatte, daß ihm der Gedanke einer Uebersiedelung dahin immer erwünschter und angenehmer erschien. Er war daher rasch bereit gewesen, als Zachariesel den alten Hochzeitlader als Vermittler mit dem Vorschlage geschickt hatte, ihm die Mühle zu verkaufen und sich dabei wegen alles Vorgefallenen aus einander zu setzen. Zachariesel hatte von seinem verkauften Gute das baare Geld und mußte wünschen, bald eine Unterkunft zu finden, und dazu war nichts geeigneter als die Grubenmühle, denn die Braut hatte nun einmal für den Aufenthalt in einer Mühle eine besondere Vorliebe.

Julei und Zachariesel waren ein in Gott vergnügtes und recht hübsches Paar, als aber Sylvest und Kuni an den Altar traten, da war nur eine Stimme unter den Zeugen und den fast zahllosen Zuschauern: daß seit Menschengedenken kein Paar an diesem Platze gestanden, dem die Liebe und die Glückseligkeit so klar auf die Stirn geschrieben gewesen sei.

Auch die Hochzeitfreude selbst hatte in der Erinnerung nicht ihres Gleichen; der Hochzeitlader, der für die beiden Paare [626] seinen letzten Ehrenritt gemacht, wollte auch beim Mahle ein Besonderes thun und griff zum letzten Male zu der lange vergessenen Trompete. Er blies zum Ehrentanze der Brautpaare ein Solo, dem man es trotz des mitunter zitternden Tones noch gar wohl anhörte, wie es geklungen haben mochte, als die Trompete den Tanz der treulosen Katscha begleitet hatte – das Zittern aber kam wohl auch daher, daß ihm beim Blasen die Thränen über die Backen liefen.

Ein paar Ueberraschungen trugen das Ihrige bei, die Freude zu erhöhen – es waren zwei Briefe. Der eine enthielt eine zierliche, gestochene Karte mit der Nachricht, daß Mechel sich ebenfalls getröstet und mit dem gelben Geometer Ringe gewechselt hatte. Man hatte schon zuvor davon gemunkelt, und die Leute erzählten sich, daß das neue Ehepaar nach der neuen Mode eine Hochzeitsreise angetreten habe. Der andere Brief war aus Paris an den Landrichter gekommen und von diesem eigens für den Festtag zurückbehalten worden; er kam von dem Flüchtling und brachte mit der Geschichte seiner Rettung und seinem innigsten Danke einen werthvollen in einen Ring gefaßten Edelstein zum steten Andenken einer edlen That.

Der Brigadier war der Ueberbringer des letzteren, aber er wollte gleich wieder fort; er hatte den Aerger noch nicht verwunden, daß er damals so sehr überlistet worden war; erst als die schöne Braut ihn als den wenn auch unfreiwilligen Urheber ihres Glückes zum Tanze aufforderte, begann sein Unwille etwas zu verglimmen, bis er in dem reichlich fließenden Weine zuletzt vollständig erlosch.

In der Grubenmühle war darauf ein fröhliches Leben: die kleine schwarze Julei schwamm und plätscherte ordentlich in dem Glücke, Müllerin zu sein, und sah, von dem Mehlstaube gepudert, ganz allerliebst aus. Die Mutter wohnte selbstverständlich in dem kleinen getäfelten Stübchen mit der Aussicht auf den Mühlschuß und die Buchenbäume; Zachariesel aber, wenn er sein Besitzthum und dessen Bewohner überblickte, schlug vor Vergnügen die Hände zusammen und meinte, er habe gar nichts dagegen, wenn man ihn noch hier und da spottweise den ewigen Hochzeiter nenne, denn er habe sich fest vorgenommen, mit seiner Julei ein solcher wirklich zu bleiben.

Ein stiller Hausgenosse war der Trompeterfranzel; obwohl dringend von Sylvest und Kuni eingeladen, zog er es vor, seine Austragsheimath in der Mühle zu suchen; er bedurfte deren nicht lange mehr, aber als er dahin ging, fand sich, daß er all seine nicht unbeträchtliche Ersparniß Julei vermacht hatte. Was ihn dazu bewogen, war gegen Niemand laut geworden.

Ein reines, vollendet schönes Menschenglück war auf dem Schlösselhofe eingezogen. Der Alte meinte, in seinem ganzen Leben sei er nicht so viele Stunden vergnügt gewesen, als er jetzt fröhliche Tage habe, und nur das Eine sei ihm leid, daß sein Leben nun doch nicht mehr lange dauern könne, da es erst jetzt ihn so recht zu freuen angefangen.

Mit Staunen und nachträglichem Entsetzen über die Nähe des Verlustes vernahm er Kuni’s Erzählung von ihrer gefahrvollen Wanderung und von den angstvollen Nachtstunden auf dem schwimmenden Scheerenfloß. Damit waren auch alle früheren Heimlichkeiten beseitigt und erklärt, welche ihn oft so geärgert hatten. Nur was zwischen der Kuni und dem Bas’l in der Todesstunde gesprochen worden war, erfuhr er nicht; Kuni glaubte, daß das mit der Todten in die Grube gesenkt sein müsse. Auch gegen Sylvest schwieg sie darüber, aber sie zeigte ihm den Draht mit den Betkorallen und sagte, sie habe für die Verstorbene ein Gelöbniß zu erfüllen; er drang nicht weiter in sie und war bereit, sie zu begleiten.

Verwundert sah der Bauer an einem frühen Morgen das Wägelchen fahrbereit und bespannt im Hofe stehen. „Nichts als Heimlichkeiten und alleweil Heimlichkeiten!“ sagte er lachend, als ihm die junge Frau, auf seine Frage nach dem Ziel der Reise, ebenfalls lachend zurief, daß ihn das nichts angehe, er solle sich den Kopf nicht zerbrechen und gut Haus hüten.

„Wir fahren in die Berge hinein,“ rief und winkte sie im Wegfahren zurück, „wir machen auch eine Hochzeitsreis’.“



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: „Augenbiick“