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Handwerker-Briefe. Nr. 1

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Textdaten
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Autor: G. H–r
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Titel: Handwerker-Briefe. Nr. 1
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 298–299
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Wesen der Genossenschaftsvereine
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Handwerker-Briefe.[1]
Nr. 1.

Sie wünschen von mir genaue Auskunft über die in Delitzsch, Eilenburg, Braunschweig, Wolfenbüttel und verschiedenen andern Städten zur Hebung des Handwerkerstandes und Kleingewerbes bestehenden volkswirthschaftlichen Vereine, weil sich auch in Ihrem Orte das Bedürfniß dazu immer dringender herausstellt. Ich bin um so mehr zur Erfüllung Ihres Wunsches bereit und im Stande, als ich mich mit dem Geist und der Einrichtung dieser Vereine erst neuerlich viel beschäftigen mußte, indem es galt, auch in unserm Städtchen einen Vorschußverein zu gründen, der mit Anfang dieses Monats, ganz nach dem Muster des Delitz’scher, seine Wirksamkeit eröffnet hat.

Ohne Sie mit gelehrten Auseinandersetzungen ermüden zu wollen, muß ich doch vor allen Dingen über den volkswirthschaftlichen Standpunkt, die leitenden Grundsätze, welche bei Einrichtung jener Vereine inne gehalten sind, so viel im Allgemeinen vorausschicken, als zum Verständniß der ganzen Organisation, sowie der erzielten Resultate unerläßlich ist. Dabei lassen Sie uns einen unbestrittenen Erfahrungssatz als Ausgangspunkt wählen. Es ist der allseitig anerkannte charakterische Zug der neuern Industrie, daß sie mehr und mehr die Naturkräfte sich dienstbar zu machen, dieselben für ihre Arbeitszwecke auszubeuten sucht, und so der Thätigkeit des Menschen jene gewaltigen Mächte zugesellt, welche die Produktivität seiner Arbeit bis in das Unendliche steigern. Bei den ungemeinen Fortschritten der letzten Jahrzehnte auf naturwissenschaftlichem wie auf technischem Gebiet, greift diese Tendenz immer reißender um sich, und bringt es nothwendig mit sich, daß der vereinzelte, nur auf seine Hand angewiesene Arbeiter nicht Stand zu halten vermag, daß der lohnende Betrieb sich mehr und mehr in großartige Etablissements concentrirt. So geht dem Kleingewerbe, dem Handwerk ein Nahrungszweig nach dem andern verloren und in den fabrikmäßigen Betrieb über. Gegen diesen Gang der Dinge ankämpfen zu wollen, ist eben so widersinnig als vergeblich, da derselbe mit dem Fortschritt menschlicher Kultur überhaupt nothwendig zusammenhängt, und seine wohlthätigen Wirkungen für die Gesellchaft im Ganzen nicht bestritten werden können, weil auf diese Weise die zur Nothdurft und Annehmlichkeit des Lebens erforderlichen Güter immer wohlfeiler beschafft und also einem immer größeren Kreise von Konsumenten zugänglich gemacht werden können. Freilich leiden unter solchen Uebergangsperioden ganze Klassen von Producenten, welche die alte, erlernte Betriebsweise verlassen und in neue, ungewohnte Bahnen einlenken sollen. Allein, wenn einmal das Festhalten des Alten auf die Dauer zur Unmöglichkeit wird, so kommt es vor Allem darauf an, den einzigen Rettungsweg so bald als möglich einzuschlagen, ehe der letzte Rest von Kraft dazu in völliger Verkommenheit schwindet. Dies kann aber nicht anders geschehen, als daß man sich dem Fortschritt anschließt, daß man, anstatt gegen jene unwiderstehlichen Mächte anzukämpfen, sie sich verbündet, die eigene, schaffende Hand durch sie verstärkt, anstatt dieselben im ohnmächtigen Entgegenstemmen von ihnen zermalmen zu lassen.

Nun gehört aber zu diesem Einlenken mehr als die bloße Einsicht und der Wille. Da bedarf man zur Produktion in größerem Maßstabe allerhand Vorrichtungen und Anstalten, als Maschinen, Instrumente, Gebäude etc., die mehr oder weniger kostspielig sind. Weiter gehört ein Geschäftsbetrieb dazu, der alle kaufmännischen Vortheile benutzt. Da gilt es, sich weitere Absatz- und Bezugs-Märkte zu öffnen, die rechten Zeiten und Konjuncturen abzupassen, besonders im Großen und Ganzen, mit Vermeidung der Detailhändler, das Rohmaterial anzuschaffen, und zu alledem gehören wiederum beträchtliche Geldmittel. Kurz, es liegt in dem angedeuteten Sachverlaufe, daß zu einem lohnenden Gewerbebetriebe je länger jemehr Kapital erfordert wird, daß Jemand ohne bedeutende Mittel immer weniger die Möglichkeit des Bestehens vor sich sieht. In richtiger Würdigung dessen haben daher der Großhandel und die Fabrikindustrie zu dem Institut der Banken ihre Zuflucht genommen, welche, theils aus öffentlichen Fonds, theils durch das Zusammenschließen von Privatkapitalien gegründet, dem Einzelnen die nöthigen Mittel vorschießen. Dagegen fehlte es gerade denen, welche eine solche Hülfe am Meisten Noth thut, dem Handwerker und Kleingewerbe, bisher durchaus an solchen ihnen zugänglichen Instituten. Auch läßt sich nicht leugnen, daß, wie die Sachen stehen, die Organisation des Kredits in einer dem Bedürfniß dieser Klassen entsprechenden Weise mannigfache Schwierigkeiten bietet. Und hier sind wir eben bei der Aufgabe angekommen, welche sich die erwähnten Vereine gestellt haben. Obschon sie nämlich die Sache von verschiedenen Seiten aus in Angriff nehmen, laufen sie doch sämmtlich darauf hinaus:

daß sie den Handwerkern und kleinen Gewerbtreibenden so viel wie möglich die Vortheile eines angemessenen Kapitals bei ihrem Geschäftsbetriebe zu sichern, und sie namentlich in den Besitz

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der erforderlichen Geldmittel zu setzen suchen, deren sie zum Aufschwunge ihrer Geschäfte nicht entrathen können.

Sie unterscheiden sich dabei wesentlich von gewissen Bestrebungen auf diesem Felde, welche das Wohl der arbeitenden Klassen ebenfalls an der Stirn tragen, im Grunde aber weiter Nichts thun, als unter irgend einer Form Almosen aufbringen und auf gut Glück hier und da ein Körnlein davon auf den dürren Boden verstreuen. Ebenso wenig stimmen sie in das Geschrei nach Staatshülfe ein, das man von so vielen Seiten hört und welches im Grunde auf dasselbe hinaus läuft, da der Staat nichts Anderes ist, als die Gesammtheit der Steuerpflichtigen und keiner Klasse Etwas geben kann, ohne es den andern zu nehmen. Vielmehr halten unsere Vereine als obersten Grundsatz fest:

daß alle solche dem wirthschaftlichen Gebiet angehörigen Unternehmungen lediglich und allein auf die eigene Kraft der Betheiligten gegründet sein müssen, und niemals von der Gnade Dritter, von fremdem, guten Willen abhängen dürfen, weil ihnen sonst die ächte Lebensfähigkeit gebricht.

Gewiß ist diese Grundlage auch die einzige gesunde, probehaltige, und im Gegentheil Nichts so geeignet, die Leute zu entsittlichen, ihre Thatkraft zu lähmen und sie dem völligen Ruin entgegenzuführen, als wenn man sie systematisch an die Vorstellung gewöhnt, daß sie ohne Almosen nicht bestehen können. Ueberdem ist es eben so gemeingefährlich, die zahlreichste, physisch kräftigste Klasse an die Unterstützung ihrer bemittelten Mitbürger zu verweisen, als die Durchführung einer solchen Unterstützung Seitens der letzten auf die Länge unausführbar wird. Wenn doch lieber Alle, welche den Trieb, zu helfen, in sich spüren, sich die Aufgabe stellten, die Arbeiter, die in ihnen selbst liegenden Hülfsmittel richtig erkennen und anwenden zu lehren, gewiß, es würde mit dem vielen guten Willen, mit den vielfach zersplitterten Kräften und Mitteln auf dem großen noch so wenig angebauten Gebiete bei weitem mehr geleistet werden.

Hiernach ist die Selbsthülfe der Grundstein, auf welchen unsere Vereine ihre Wirksamkeit stützen, und es kam nur darauf an, die geeignete Form zu finden, in welcher dieselbe der gestellten Aufgabe gewachsen war. Ohne hier auf eine nähere Erörterung des wechselseitigen Verhältnisses zwischen Arbeit und Kapital in der Volkswirtschaft einzugehen, steht für uns doch Folgendes fest. Auch der völlig Mittellose repräsentirt immer noch einen wirthschaftlichen Werth in der Gesellschaft, seine Arbeitskraft. Nun gilt aber im gewöhnlichen Verkehr die Arbeitskraft des Einzelnen nicht als genügende Sicherheit für die Kapitalanlage, weil sie vielen Zufälligkeiten ausgesetzt ist und den Erfolg zu wenig in ihrer Gewalt hat. Deshalb versagt sich ihr der Kredit entweder völlig oder wird ihr nur unter so lästigen Bedingungen zu Theil, daß die dadurch zu erzielenden Vortheile fast ganz aufgewogen werden. Allein dies ändert sich, sobald sich die Arbeitskraft vereint. Sobald hier eine größere Gesammtheit von Arbeitern durch Uebernahme der solidarischen Verbindlichkeit die Zufälle und das Mißlingen, welchen der Einzelne ausgesetzt ist, überträgt, und die wechselseitige Garantie Aller für einander übernimmt, hebt sich der Grund, welcher dem Kredit entgegenstand und die erforderliche Sicherheit für den Gläubiger ist vorhanden. Somit hätten wir in der Solidarität (gemeinsame Verpflichtung) die Form festzuhalten, in welcher die unbemitteltern Handwerker, bei Beschaffung der erforderlichen Kapitalmittel, sich selbst zu helfen vermögen. Durch ihren Zusammenschluß, durch das Einstehen Aller für Einen und Einer für Alle, werden sie in finanzieller Hinsicht eine Macht, vermögen sie über Mittel zu gebieten und einander Summen zu Gebote zu stellen, welche sich jedem Einzelnen von ihnen sonst hartnäckig entzogen.

Nach diesen allgemeinen Andeutungen über den Charakter der fraglichen Vereine, werde ich nun auf die Einrichtungen und Erfolge einiger der Hauptsächlichsten im Einzelnen eingehen. Doch möge zuvor noch eine Verwahrung hier ihren Platz finden, wenn nämlich dieselben im Vorstehenden mit der großen Frage, welche gegenwärtig die industrielle Welt bewegt, in Beziehung gebracht wurden, so ist man doch seitens der Gründer und Theilnehmer weit von der Ueberhebung entfernt, deren Lösung etwa darin finden zu wollen. Kein Handwerker wird durch den bloßen Beitritt dazu zum Fabrikanten, das bildet sich Niemand ein. Aber, wie der Verfall des Kleingewerbes kein plötzlicher ist, sondern nur allmälig und fast unmerklich sich vollzieht, so ist es auch weder nothwendig, noch möglich, daß das Einlenken in die neuen Gewerbsbahnen mit einem Male vor sich gehe. Vielmehr kann hier ebenfalls nur ein allmäliger Uebergang mit verschiedenen Entwicklungsstufen Statt finden. Und wenn die Vereine, um die es sich handelt, nicht mehr thäten, als die ersten Einleitungen dazu zu treffen, wie sich dies durch Anknüpfen an das Bestehende am Füglichsten will thun lassen, so wären sie doch immer ein nützliches Glied in der großen Kette fortlaufender Entwicklung. Sicher befinden sie sich selbst nur noch in den ersten Anfängen, und sind der Vervollkommnung nach vielen Seiten hin fähig. Und wenn demungeachtet sie schon jetzt ganz unleugbar den Betheiligten wesentliche, bei der schweren Zeit doppelt werthvolle Vortheile bieten, so dienen sie auch außerdem dazu, ihrem Blick das eigentliche Ziel der ganzen Bewegung klarer vor das Auge zu bringen. Das aber sollte sie mindestens vor dem Absprechen derjenigen Klasse von Leuten schützen, welche überall mit dem Ende anfangen wollen, und jeden Ausgangspunkt verschmähen, der nicht mit einem Schritte zum Ziele unbedingter Vollkommenheit führt.

  1. Bei der Wichtigkeit der jetzt in vielen preußischen, hannöverschen und andern Städten sich organisirenden „Vorschußvereine für Handwerker“ werden diese Mittheilungen aus der Feder eines bekannten Nationalökonomen unsern Lesern und darunter besonders dem verehrlichen Handwerkerstand sehr willkommen sein.
    Die Redaktion.