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Große Eier kleiner Vögel

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Titel: Große Eier kleiner Vögel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 869–870
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[869] Große Eier kleiner Vögel. Wir fühlen uns verpflichtet, vor dem Abscheiden des alten Jahres unseren Lesern Aufschluß über einen gegen die „Gartenlaube“ gerichteten öffentlichen Angriff zu geben. In einem unter der Ueberschrift „Die Insel Niuafou“ auf Seite 718 dieses Jahrgangs der „Gartenlaube“ erschienenen Artikel wurde unter Anderem von einer merkwürdigen Art Vogel, die zur Familie der Hühner gehören, erzählt: daß sie so groß wie Rebhühner seien und in Gesellschaft von zwanzig bis dreißig Genossen ihre Eier, deren jeder Vogel in der Brutzeit nur eines von Enteneier-Größe lege, in eine Grube von Lava-Asche zusammentragen, um dieselben dort von der Sonnen- und Erdwärme ausbrüten zu lassen. Diese Angabe ist von einem anonymen, uns aber keineswegs verborgenen Mitarbeiter der Wiener „Neuen Freien Presse“ herausgegriffen worden, nicht etwa um sein Pubicum eines Bessern über die angeführte Naturerscheinung zu belehren, sondern in der unverkennbaren Absicht, im Tone spöttischer Ueberlegenheit über die gegenwärtige Redaction der „Gartenlaube“ herzufallen und ihren Ruf in den Augen der Oeffentlichkeit zu schädigen. Die Mittheilung von den großen Eiern der kleinen Hühner auf der Insel Niuafou ist ihm eine besonders starke „Räubergeschichte“, und er bemerkt, daß es „schlimm mit den Elementarkenntnissen in den Realien bei der unkundigen Redaction der ‚Gartenlaube‘ stehe“, die „neuerdings stärker an die Langmuth ihrer Leser, als an jede andere Empfindung appellire“.

Eine der wesentlichsten Traditionen unseres Blattes fordert, daß der Raum desselben nur seinen Lesern gehöre und daß keine Zeile zu Auseinandersetzungen in rein persönlichem Interesse verwendet werde. Es würde deshalb auch von dem in jener Journalnotiz gegen uns gerichteten [870] Angriff an dieser Stelle niemals die Rede gewesen sein, wenn dabei nicht ein sachliches Interesse unseres Publicums in Frage käme. Das Publicum hat ein Recht, Aufklärung von uns zu verlangen, ob wir ihm in der That eine lächerliche Fabel aufgebunden haben, als wir die betreffende Mittheilung über eine interessante Naturerscheinung zum Abdruck brachten; denn wenn auch das Ansinnen, unfehlbar zu sein, im Ernst Niemand an eine Redaction stellen wird: Thatsachen von so auffallender Natur ungeprüft den Lesern zu bieten, das würde immerhin ein starkes Stück redactioneller Leichtfertigkeit sein.

Wir haben nun, um nicht in eigner Sache zu plaidiren, den Angriff des Anonymus in der „Neuen Freien Presse“ drei Autoritäten auf dem Gebiete der Ornithologie zur Begutachtung unterbreitet, und wir legen deren Angaben über die wunderbaren Vögel von Niuafou hiermit zu unserer Rechtfertigung den Lesern vor.

Dr. E. Baldamus[1] in Coburg: „Ihr harmloser Reisender hat richtig gesehen oder gehört: alle Ornithologen, welche die eine oder die andere Art der Familie der Großfußhühner (Megapodidae) in ihrer Heimath beobachtet oder mehrere von ihnen – man kennt jetzt 14 oder 15 Arten – sammt ihren Eiern in europäischen Museen gesehen haben, sind erstaunt über die verhältnißmäßig ungeheuere Größe dieser Eier. Und welche Namen, die an Ort und Stelle die Fortpflanzungsweise dieser merkwürdigen Hühnerfamilie zu beobachten das Glück hatten: Gould, Wallace, Sir Georges Grey, Dr. Bennett, Baron Rosenberg, Dr. Graeffe und Andere!

Der in Rede stehende Vogel mißt 16 Zoll (engl.), die Eier aber, von denen ich selbst 4 Stück besitze, sind 3 Zoll 5 Linien lang und 2 Zoll 3 Linien breit, nach Gilbert’s Angabe (The Birds of Australia, by John Gould Esqu., London 1848, oder die Uebersetzung dieses Buches von Ludwig Reichenbach, S. 73 bis 77). Um das Größenverhältniß zwischen Vogel und Ei schließlich ganz klar zu machen, erlaube ich mir die Reduction der betreffenden Maße auf Millimeter beizufügen:

Die ganze Länge des Megapodius (Tumulus Gould)    
von der Schnabelspitze bis zur Schwanzspitze 405,28 Millimeter.
Länge seines Eies (nach Gilbert) 86,54
Breite seines Eies (nach Gilbert) 57,00
Länge eines größten Hausenteneis 66,80
Breite eines solchen 44,20

Dabei ist noch zu bemerken, daß die Eier der Großfußhühner fast walzenförmig, das heißt an beiden Enden ziemlich gleichmäßig abgerundet sind, was bei den Enteneiern nicht der Fall ist. Sie wiegen deshalb, mit Wasser gefüllt: das erste 163 Gramm, das Entenei 71,8 Gramm; das erstere hat also mehr als das doppelte Volumen des zweiten. Und nun lese man Gould, Wallace, die ‚Proceedings of the London Soc.‘, den ‚Ibis‘ etc. und der Uneingeweihte wird noch ‚unbegreiflichere Wunder‘ über diese Vögel kennen lernen.“

Ein zweiter wissenschaftlicher Zeuge für die Richtigkeit unserer Angaben ist Dr. E. Rey, der Besitzer und Chef einer bekannten Naturalienhandlung in Leipzig. Der Inhalt seiner Mittheilungen, die namentlich über die wunderbare Fortpflanzungsweise dieser Vögel sich verbreiten, stimmt mit denen des Dr. Baldamus so vollständig überein, daß der Abdruck derselben eine Wiederholung des bereits Gesagten sein würde. Dagegen muß eine Stelle seiner Zuschrift an uns hier Platz finden. Er schreibt uns:

„Ich gebe hier die Maße von Vogel und Ei nach Exemplaren meiner Sammlungen von Niuafou: Der Balg des Vogels mißt 30 Centimeter, das cylindrische, an beiden Enden gleichmäßig abgerundete Ei ist 7,3 Centimeter lang und 4,5 Centimeter breit, während unser Rebhuhn im Durchschnitt 28 Centimeter erreicht und die allbekannten Eier der Hausente durchschnittlich nur 5,8 Centimeter Länge und 4,3 Breite haben.“

Ferner tritt als wissenschaftlicher Fachmann für uns Dr. Karl Ruß ein, der Herausgeber der bekannten ornithologischen Zeitschrift „Die gefiederte Welt“. Er sagt unter anderem: „Die Annahme, daß der in dem Aufsatz ‚Die Insel Niuafou‘ (Nr. 43) beiläufig erwähnte Vogel zu den Großfußhühnern oder Wallnistern gehören müsse, ist entschieden richtig; ebenso, daß eine Art derselben, das Talegallahuhn, in mehreren zoologischen Gärten Europas vorhanden ist und hier bereits seine seltsame Vermehrungsweise, die in der Hauptsache mit jener kurzen Schilderung übereinstimmt, gezeigt hat. Wenn nun jemand in einer weitverbreiteten Zeitung seine Verwunderung darüber ausspricht, daß ein Vogel von Rebhuhngröße ein Ei im Umfange eines gewöhnlichen Enteneies legen soll, so hat er eben gar keine Vorstellung von der Thatsächlichkeit. Abgesehen davon, daß die unverhältnißmäßig großen Eier mancher einheimischen Sumpfvögel, so z. B. der Schnepfen, doch wohl Jedem bekannt sein sollten, der sich mit solchen Dingen beschäftigt oder gar seine Meinung öffentlich auszusprechen wagt, so hätte der Betreffende ja nur in Gould’s ‚The Birds of Australia‘ oder in einer der neueren deutschen Naturgeschichten nachzulesen brauchen, daß darin nichts weniger als ein ‚unbegreifliches Wunder‘ oder gar ‚eine starke Seeräubergeschichte‘ liege. Das Talegallahuhn hat etwa die Größe des Haushuhns und doch legt es nach Gould’s Angabe Eier von 33/4 Zoll Länge und 21/2 Zoll Breite; die im zoologischen Garten von Berlin gefundenen zeigten die Größe von Storcheiern.“

Der anonyme Herr Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse“ weist in seinem Angriffe auch auf Brehm’s „Thierleben“ hin. Wir folgen seinem Winke. Auf S. 489 des 4. Bandes (der ersten Ausgabe) lesen wir: „Großfußhühner oder Wallnister (Megapodiinae) nennt man einige Scharrvögel, welche Oceanien und insbesondere Australien bewohnen und sich durch das Brutgeschäft nicht blos von allen ihren Verwandten, sondern von allen Vögeln der Erde unterscheiden. – – Alle Wallnister bringen ihre ungewöhnlich großen Eier in einem etc. Nesthügel unter.“ Und S. 499: „Eingeborene erzählten Gilbert, daß die Vögel nur ein einziges Ei in eine Höhle legen etc. Die Länge der Eier beträgt 31/2, ihre Breite 21/2 Zoll.“

Schließlich richten wir an den so seltsam naturkundigen Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse“ noch die Bitte: in dem schönen Wiener Museum Vögel und Eier in natura anzusehen und sich bei dem freundlichen und gelehrten Director von Pelzeln zu erkundigen, seit wie lange diese Thatsachen bereits bekannt sind.

So steht es mit der Anzweiflung unseres Artikels durch den Verfasser der erwähnten Notiz, und es läßt sich hiernach der Werth aller angreifenden und absprechenden Bemerkungen ermessen, welche er an seine Ansicht von der Unmöglichkeit des von uns mitgetheilten Factums geknüpft hat.

Die Redaction.     



  1. Aus der Feder dieses hervorragenden Ornithologen ist uns ein eingehender Artikel über die fragliche Hühnerfamilie zugesagt. Weil derselbe aber erst im nächsten Jahrgang der „Gartenlaube“ erscheinen kann, so haben wir diese vorläufige kurze Besprechung des Gegenstandes für nothwendig erachtet. D. Red.