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George Washington (Die Gartenlaube 1899/25)

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Textdaten
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Autor: Rudolf Cronau
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Titel: George Washington
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 780–784
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[780]

George Washington.

Ein Gedenkblatt zur 100. Wiederkehr seines Todestages.
Von Rudolf Cronau.

Es war am 14. Dezember 1799, als die Bewohner der erst seit anderthalb Jahrzehnten bestehenden Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika ganz unerwartet in eine Trauer versetzt wurden, deren Tiefe und Allgemeinheit sich mit derjenigen vergleichen läßt, die Alldeutschland im vergangenen Jahre beim Hingang seines Einigers Bismarck erfaßte. George Washington, der Held des amerikanischen Freiheitskrieges, der Gründer des heute so mächtigen Staatenbundes, war nach nur eintägiger Krankheit zu Mount Vernon in Virginien aus dem Leben geschieden! – Die Kunde von diesem Ereignis pflanzte sich in jenen Tagen mangelhafter Nachrichtenverbreitung nur langsam fort, und Washington war bereits beigesetzt, bevor die Bewohner New Yorks die düstere Botschaft empfingen.

Mit ihr senkte sich tiefe Bekümmernis über das ganze Land. Keine Kirche, kein Versammlungshaus gab es, wo nicht ein Katafalk zu Ehren des Toten aufgeschlagen wurde, wo nicht dumpfe Trauergesänge ertönten und dem Andenken des Dahingeschiedenen ergreifende Nachrufe gewidmet wurden. Und wohin die Kunde weiter drang, in jedem Teile Mittel- und Südamerikas, in jedem Reiche Europas wurde der Hingang Washingtons von allen Edelgesinnten als ein schwerer Schlag empfunden, der nicht das Volk der Vereinigten Staaten allein, nein, der die ganze Menschheit getroffen hatte. –

Genau 100 Jahre sind seit jenem Trauertage verflossen, und es ziemt sich darum wohl, nochmals jene Thaten und Tugenden zu skizzieren, durch welche George Washington unter [781] allen seinen Zeitgenossen den ersten Platz gewann. – Um die Ereignisse, die seine ruhmvolle Laufbahn möglich machten, würdigen zu können, ist es notwendig, auf die Besiedelungsgeschichte Nordamerikas zurückzugreifen. Die Europäer, welche während des 17. und 18. Jahrhunderts sich an der Ostküste niederließen, waren zum großen Teil Personen, die entweder vor dem Druck der mit absoluter Gewalt regiereudcn Herrscher ins Exil geflohen oder ihres Glaubens wegen argen Verfolgungen ausgesetzt gewesen waren und nun in dem neuen Lande ungestört ihren Anschauungen leben wollten. Diesen an die engen Verhältnisse Englands, Hollands und anderer Teile Europas gewöhnten Leuten offenbarte sich die Neue Welt als ein Land von der ungebeuersten räumlichen Ausdehnung, und ihr Erstaunen wuchs, je weiter sie in das unbekannte Innere gelangten und dort allenthalben unermeßliche Wälder und Prairien, majestätische Ströme und Gebirge fanden.

Diese großartige Welt mußte notwendigerweise die in ihr sich Ansiedelnden mächtig beeinflussen. Die unbeschränkte Freiheit, das Fehlen jedes Zwanges stachelte unwiderstehlich die Thatkraft an, weckte die schlummernden oder unterdrückt gewesenen Fähigkeiten und verlieh vielen einen Weitblick und Wagemut, wie man sie früher nicht an ihnen wahrgenommen hatte.

Mount Vernon, der Wohnsitz Washingtons.

Besonders der die wichtigste Einnahmequelle der Kolonien bildende Pelzhandel rief eine neue, eigenartige Klasse von Menschen hervor, die kühn sich von den an den Küsten entstandenen Ansiedelungen loslösten und mit der Büchse in der Faust abenteuernd in die geheimnisvolle amerikanische Wildnis eindrangen. Schon während des ersten Viertels des 17. Jahrhunderts erschienen derartige Pelzhändler und Jäger an den Gestaden der großen Binnenseen. Wenige Jahrzehnte später durchstreiften sie Wisconsin, um von dort aus ihre Jagdzüge zum Mississippi und über denselben hinaus bis zu den Felsengebirgen auszudehnen.

Diesen Pionieren der Kultur folgten später Ansiedler, welche in der endlosen Wildnis die ersten festen Wohnsitze schufen. Ihr Los war ein nicht minder hartes; erforderte ihr Vormarsch doch ebensoviel Mut, Ausdauer, Körperkraft und Entsagung, als je von den abenteuersuchenden Helden der Vorzeit aufgewendet werden mußte. Für jene kühnen Naturen lag aber gerade ein Zauber in dem Gefährlichen ihrer Lage, in dem Bewußtsein, daß ihr Leben einzig und allein von der Schärfe ihrer Augen, der Schnelle und Festigkeit der Hand und von der Richtigkeit des Urteils abhing. Dies Gefühl ist es ja, was den echten Mann mit Stolz und Selbstvertrauen erfüllt und ihm fort und fort neue Thatkraft verleiht. Und so war die amerikanische Wildnis das Reich, in dem die Trapper und Ansiedler sich zu jenem wahren Heroengeschlecht ausbildeten, das von Cooper und anderen Romandichtern mit so viel Liebe verherrlicht worden ist.

In der Mitte dieser Leute, die sich alles selber schaffen, erbauen und schützen mußten und deren Geist nicht durch Ueberlieferungen und Gewohnheiten aus vergangenen Jahrhunderten beirrt wurde, mußte das Verlangen nach Selbstverwaltung, nach Selbstregierung notwendigerweise entstehen. Und in der That, die Geschichte jeder an den Grenzen der Civilisation und inmitten der Wildnis entstandenen Niederlassung berichtet, wie die Ansiedler zusammentraten, sich selbst ihre Beamten wählten und Gesetze gaben. Von diesen freien Gemeinwesen aus verbreitete sich der Geist der Unabhängigkeit über alle an der Ostküste gelegenen Kolonien, wo viele Abkömmlinge alter europäischer Geschlechter saßen, die sich durch Ahnenstolz, hohes Selbstbewußtsein, waffenkundiges Wesen und die Eifersucht kennzeichneten, mit der sie über ihre alten Rechte wachten. Mit tiefem Unmut sahen diese Leute, wie die englische Regierung allen Bemühungen der Kolonien um Selbstverwaltung hindernd in den Weg trat, während sie die Ortschaften mit Schwärmen von Beamten überschwemmte, von denen die meisten, infolge verschwenderischen Lebens in der Heimat bankerott geworden, nur herüberkamen, um ihre zerrütteten Finanzen wieder aufzubessern und sich auf Kosten der Ansiedler zu bereichern.

Die letzteren hatten triftige Gründe zu noch anderen Beschwerden: die von den englischen Beamten geübte Rechtspflege war höchst willkürlich, die Steuern äußerst drückend und insofern ungerecht, als den Kolonien die beständig nachgesuchte Vertretung in der gesetzgebenden Körperschaft, dem Parlament, verweigert wurde. Als die englische Regierung schließlich in thörichter Selbstsucht dazu schritt, gar die Verfassungen und Freiheiten der Kolonien zu bedrohen, schlugen die schon lange glimmenden Funken zu hellen Flammen empor. Es kam, als alle schriftlichen und mündlichen Proteste unbeachtet blieben, zu blutigen Zusammenstößen, zur Rebellion.

Washingtons Begräbnisstätte zu Mount Vernon.

Das ganze heiße Verlangen der Amerikaner nach Selbständigkeit fand seinen Ausdruck in Patrik Henrys trotzigem Ruf: „Give me liberty or give me death!“ „Gebt mir Freiheit oder den Tod!“ Derselbe fand einen mächtigen Wiederhall in den Herzen sämtlicher Kolonisten. Die große Zeit erzeugte große Gedanken und große Männer. Sie brachte neben vielen anderen einen Henry Lee, Benjamin Franklin, Roger Sherman, John Adams, Robert Livingstone und Thomas Jefferson hervor, die gemeinsam den Ruf „Los von England!“ erhoben und am 1. Juli 1776 im Staatshause zu Philadelphia dem dorthin einberufenen Kolonialkongreß die Unabhängigkeitserklärung unterbreiteten, dasjenige Dokument, welches unter allen jemals geschriebenen politischen Schriftstücken von der machtvollsten Wirkung auf die Zustände und Fortschritte der Kulturvölker [782] gewesen ist. Gleich die zu Anfang desselben niedergelegten Erklärungen waren von einer alle bisherigen Anschauungen umstoßenden Bedeutung: Es sei eine erwiesene Wahrheit, daß alle Menschen gleich geschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen unantastbaren Rechten ausgestattet seien. Unter diesen befinde sich das Recht zum Leben, Freiheit und das Streben nach Glück und Zufriedenheit. Zur Sicherung dieser Rechte seien Regierungen unter den Menschen eingerichtet, welche ihre rechtmäßigen Befugnisse von der Zustimmung der Regierten ableiten. Und weiter wurde erklärt, daß, wenn immer irgend eine Regierungsform diesen Endzwecken nachteilig werde, das Volk das Recht habe, die Regierung zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen und deren Grundlagen auf solche Grundsätze zu legen und ihre Gewalt in solcher Form zu organisieren, wie sie dem Volke zur Herbeiführung seiner Sicherheit und Wohlfahrt am geeignetsten und wahrscheinlichsten dünken.

Die Verhandlungen über dies denkwürdige Schriftstück währten mehrere Tage. Draußen drängte sich ungeduldig eine tausendköpfige Menge und richtete die Blicke erwartungsvoll nach dem Turm des Staatshauses, ob nicht bald der Klang der dort hängenden Glocke gemäß ihrer prophetischen Aufschrift „Proclaim liberty throughout the land unto all the inhabitants thereof!“ dem Lande und seinen Bewohnern die Freiheit verkündigen werde.

Stunden auf Stunden verrannen. Als endlich aber, am 4. Juli zwei Uhr nachmittags, die Glocke mächtig ertönte, da ging ein Brausen und Frohlocken von Massachusetts bis hinab nach Georgia, und jedermann fühlte: der Tag der Freiheit war gekommen!

Hatte die Unabhängigkeitserklärung in Thomas Jefferson einen an Schärfe des Geistes nicht zu übertreffenden Verfasser gehabt, so fand sie in dem am 22. Februar 1732 geborenen George Washington einen ebenso bedeutenden Vollzieher. In ihm, der zeitlebens die Freiheit der Berge und Wälder Virginiens geatmet, der im Kampf mit wilden Tieren und Indianern groß geworden, konzentrierte sich der ungestüme Drang seiner Landsleute nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Pflanzer von Beruf, wurde er jetzt durch die Macht der Umstände ein Soldat, ein Führer im Kampf, der dem ihm übertragenen Werk in glanzvoller Weise zum Erfolge verhalf.

Die ersten Proben seiner kriegerischen Tüchtigkeit hatte Washington bereits während des Krieges von 1755 bis 1763 gegeben, der von den Engländern und Franzosen zum großen Teil auch in Amerika ausgefochten wurde und daselbst einen geradezu grauenhaften Charakter annahm, als die Gegner die ihrem Einfluß zugängigen Jndianerstämme zur Anteilnahme an dem Kampfe aufhetzten. In jenen schließlich mit dem Untergang der französischen Herrschaft in Nordamerika endigenden Kämpfen hatte Washington es zum Befehlshaber der von der Kolonie Virginien gestellten Truppen gebracht und sich so ausgezeichnet, daß, als der Kolonialkongreß zu der Ueberzeugung gelangte, nur ein Appell an die Waffen könne die Selbständigkeit der Kolonien herbeiführen, sich aller Augen auf Washington richteten. Als dieser den ihm angebotenen Oberbefehl über die von den gesamten Kolonien aufgebrachte Armee übernahm, betonte er, daß er sich der gestellten Aufgabe keineswegs gewachsen fühle, die Annahme des hohen Postens aber als Pflicht betrachte, da die Wahl einstimmig auf ihn gefallen sei. Das vom Kongreß bewilligte Gehalt von 500 Dollars monatlich schlug er aus und beanspruchte nur die Rückerstattung seiner direkten Auslagen.

Während des acht Jahre währenden, außerordentlich wechselreichen Krieges kamen die Vorzüge Washingtons zu vollster Geltung. Gab er sich während der Belagerung von Boston, der Verteidigung von New York und während seines durch kühne Schläge gegen den verfolgenden Feind ausgezeichneten Rückzugs durch New Jersey als einen Meister in militärischen Schachzügen zu erkennen, so zeigte er sich während der trübsten Epoche des ganzen Krieges, dem im Lager zu Valley Forge verbrachten Winter 1777 auf 1778, als ein Mann, der sich weder durch Mißgeschick noch Ungemach entmutigen läßt.

Kaum ein zweiter hätte es vermocht, die Waffen der jungen Republik durch eine solche Fülle von Widerwärtigkeiten und Gefahren zum Siege zu führen. Er vor allen anderen besaß die notwendige Festigkeit des Charakters, den sorgfältig erwägenden und praktischen Verstand, die absolute Selbstverleugnung, den Adel der Gesinnung, den hohen Mut und das nie verzagende Vertrauen auf das schließliche Gelingen des großen Werks. Und nicht zuletzt auch das gänzliche Verzichten auf persönliche Vorteile, auf Befriedigung des eigenen Ehrgeizes. Wäre Washington von letzterem erfüllt gewesen, so hätte er sich ohne einen Gewaltstreich zum Diktator, ja zum König machen können. Dafür war gegen Ende des Krieges die Lage die denkbar günstigste. Der Krieg hatte dem Lande nicht bloß 70000 Mann gekostet, sondern auch eine Schuldenlast von 135 Millionen Dollars aufgebürdet. Es fehlte dem Kongreß an Geld und Kredit, um selbst die dringendsten Verpflichtungen zu erfüllen. Infolge der unvermeidlichen hohen Besteuerung herrschte allenthalben Notstand und Mißmut; unter den Truppen, die seit Monaten keinen Sold erhalten hatten, sogar Erbitterung gegen den Kongreß. Ueberall sehnte man sich nach einer starken Hand, welche das Steuer übernehme und den ungeregelten Zuständen ein Ende mache. In jener Zeit entstand in der Armee eine von vielen hervorragenden Offizieren unterstützte Strömung für den Plan, an Stelle der aussichtslosen Republik eine Monarchie aufzurichten und Washington die Königswürde anzubieten. Dieser aber wies, als die Offiziere ihm ihren Plan schriftlich unterbreiteten, das Angebot in der nachdrücklichsten Weise zurück und erklärte, daß man ihm, nachdem er jahrelang für die Unabhängigkeit des Landes gestritten, keine schmerzlichere Ueberraschung als diese habe bereiten können. Man könne keine Person finden, die weniger geneigt sei, auf ein solches Anerbieten einzugehen, und er vermöge nicht zu verstehen, wie irgend eine seiner Handlungen die Offiziere dazu habe ermutigen können, ihm mit einem solchen Vorschlage zu nahen.

Eine solche Denkweise konnte ihre Wirkung nicht verfehlen. Als endlich 1782 der langwierige Krieg beendet war und Washington nach Rückgabe seines Oberbefehles sich auf den von seinem älteren Bruder geerbten Landsitz Mount Vernon am Potomac zurückzog, hatte er sich im Herzen seines dankbaren Volkes einen unerschütterlichen Platz erobert.

Trotz der Abgeschiedenheit seines Wohnsitzes blieb Washington der Mittelpunkt des damaligen politischen Lebens innerhalb der Union. Fast mit allen einflußreichen Persönlichkeiten stand er in Briefwechsel, und sein stattliches Haus, in welches er im Jahre 1759 Martha Custis, eine junge Witwe, als Ehegemahl eingeführt hatte, wurde nie leer von Gästen, die in diesen oder jenen Angelegenheiten seinen Rat suchten. Infolge dieses beständigen Gedankenaustausches mit den hervorragendsten Männern des Landes erlangte er eine solche Vertrautheit mit allen Vorgängen auf dem Gebiete der Politik, daß sein Urteil für immer weitere Kreise maßgebend wurde und oft den Ausschlag gab. Als der Anstoß zur Revision der Bundesverfassung gegeben wurde und im Mai 1787 die Abgeordneten der Einzelstaaten in Philadelphia zusammentraten, um die noch heute gültige Verfassung festzusetzen, erschien es aller Welt natürlich, daß Washington den Vorsitz über jene wichtige Versammlung führe. Sein Name schwebte auch auf jedes Mannes Lippen, als man zur Errichtung einer Nationalregierung schritt, die aus einem aus Abgeordneten aller Staaten zusammengesetzten Bundeskongreß und einem die vollziehende Gewalt darstellenden Präsidenten bestehen sollte. Grenzenloser Jubel erscholl, als die vom Volke erkorenen Wahlmänner im Februar 1789 zusammentraten und aus ihrer Wahlurne der Name George Washingtons mit Einstimmigkeit als derjenige des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika hervorging.

Die Kunde seiner Erwählung empfing Washington in Mount Vernon. Er hatte das hohe Amt keineswegs gesucht und seinen Freunden gegenüber oft den Wunsch ausgesprochen, daß es nicht auf ihn fallen möge. Nachdem dies dennoch eingetreten war, hielt er es zum zweiten Male für seine Pflicht, dem dringenden Rufe der Nation zu folgen. Bevor er sich zur Reise nach New York anschickte, wo die Einführung in das Amt erfolgen sollte, lenkte er noch einmal seine Schritte nach der einfachen Witwenklause seiner von ihm hochverehrten Mutter. Es war ein Abschied [783] für immer, denn wenige Monate darauf erlag sie einem langwierigen Leiden.

Washingtons Reise nach New York gestaltete sich zu einem förmlichen Triumphzuge. Von nah und fern strömten die Bewohner des Landes herbei, um den „Vater des Vaterlandes“ zu begrüßen. Ueberall ertönte bei seinem Einritt feierliches Glockengeläute; überall bestreuten liebliche Mädchen und Frauen seinen Pfad mit duftenden Blumen. Von Elisabethtown brachte ihn endlich eine reich geschmückte Staatsbarke nach New York, wo am 30. April angesichts einer gewaltigen Menge auf dem Balkon des Bundeshauses die feierliche Ceremonie seiner Vereidigung erfolgte.

Was Washington in jener Stunde gelobte: dem Lande mit ganzer Kraft, nach bestem Wissen und Vermögen zu dienen, das hat er während der acht Jahre seiner Amtswaltung getreulich gehalten. Sein Kabinett bildete er aus Männern von bewährtem Verstande, unantastbarem Charakter und erprobter Vaterlandsliebe, in einträchtigem Zusammenwirken mit ihnen entfaltete er eine Staatskunst, daß die Blicke der ganzen civilisierten Welt sich voll Erstaunen auf das unter so schweren Kämpfen aus dem Boden gesprungene neue Staatengebilde richteten.

Vertieft man sich in die Einzelheiten der damaligen Geschichte der jungen Republik, so kann man sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß der Triumph des neuen Systems wesentlich auf dem Vorhandensein eines so glänzenden Charakters wie Washington beruhte. Der zwingenden Macht seiner Persönlichkeit gelang es, die drohenden Kämpfe der verschiedenen, um die Herrschaft ringenden Parteien so lange niederzuhalten, bis die gefährliche Periode überstanden war und sich aus dem gärenden Chaos die neue Regierungsform fest und sicher gegründet hatte.

Während dieser oft genug von heftigen Stürmen durchtobten Zeit fehlte es nicht an gehässigen Angriffen der gegnerischen Presse auf Washingtons Person; aber dieselben vermochten das Vertrauen und die Ergebenheit des Volkes niemals zu erschüttern. Ohne jede Frage würde, als sein zweiter Amtstermin zu Ende ging, seine Wiederwahl mit der gleichen Einstimmigkeit wie in den Jahren 1789 und 1793 erfolgt sein, hätte er nicht den bestimmten Wunsch geäußert, den Rest seiner Tage auf Mount Vernon zu verleben. Die Abschiedsbotschaft, welche er bei seinem Rücktritt vom Amte an das Volk der Vereinigten Staaten richtete, war ein kostbares Vermächtnis, das bis in die neueste Zeit als die goldene Richtschnur für das politische Leben des Staatenbundes gegolten hat.

Hatte Washington im Kriege und im Rate seiner Nation als erster gegolten, so suchte er in der Zurückgezogenheit des bürgerlichen Lebens eine Ehre darin, der erste Landwirt Amerikas zu sein. Beständig war er auf die Verbesserung seiner Güter bedacht. Unter den vielen Schätzen des Hauses befand sich ein silberner Becher, den er mit besonderem Stolze zeigte: der ihm zugefallene, von einem Verein von Landwirten ausgesetzt gewesene Ehrenpreis für die Züchtung des größten Maulesels.

Washington war einer der bedeutendsten Landeigentümer seiner Zeit. Seine Besitzungen umfaßten weit über 51000 Acres (1 Acre = 40 Hektaren). In Mount Vernon allein beschäftigte er über 300 Personen, darunter zahlreiche Sklaven, die, wie von dem edlen Menschenfreunde nicht anders zu erwarten ist, sich der humansten Behandlung erfreuten. Washington war der Beibehaltung der Sklaverei durchaus abgeneigt und vermied es ängstlich, die Zahl seiner Sklaven zu vermehren. Die Aufhebung der Sklaverei war bereits im Jahre 1688 von den deutschen Bewohnern der bei Philadelphia gelegenen Ortschaft Germantown (vgl. S. 629 dieses Jahrgangs der „Gartenlaube“) angeregt und später von den mit ihnen in Verbindung stehenden Quäkern aufgenommen worden. Aber die Frage war für die Kolonien von so tief einschneidender Wichtigkeit, daß die gesetzgebenden Körperschaften nicht wagten, an dieselbe heranzutreten. Als am 11. Februar 1790 im Kongreß eine von den Quäkern eingereichte und die Abschaffung der Sklaverei befürwortende Denkschrift aufgenommen wurde, entstand im ganzen Lande die ungeheuerste Erregung. Würde man dem Willen der Antragsteller entsprochen haben, so wäre schon damals ein verhängnisvoller Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden die unausbleibliche Folge gewesen; aus diesem Grunde wurde der Antrag im März abgelehnt und dem Kongreß die Befugnis abgesprochen, sich vor dem Jahre 1808 nochmals mit der Sklavenfrage zu beschäftigen. Dieser Entschluß war nicht zum geringsten dem Einfluß Washingtons zuzuschreiben, welcher die Union noch zu wenig gefestigt glaubte, um einen solchen Konflikt überstehen zu können. Er sah die furchtbaren Reibungen, die wegen der Sklavenfrage zwischen dem Norden und Süden entbrennen mußten und siebzig Jahre später den entsetzlichen Bürgerkrieg verursachten, voraus. Mehr als einmal äußerte er sich: „Ich wünsche aus dem tiefsten Grund meines Herzens, daß Virginien dazu gebracht werden könnte, die Sklaverei aufzuheben, weil dadurch viel späteres Unheil vermieden würde.“ Selber jene Frage aufzurollen, dazu hielt er sich für zu alt, hatte er doch, als er sich vom Amte zurückzog, bereits das 65. Lebensjahr überschritten.

Washingtons damalige persönliche Erscheinung war nach Aussage aller seiner Zeitgenossen höchst imposant. Sechs Fuß und 31/2 Zoll messend, breitschulterig und athletisch gebaut, kam seine Gestalt in dem von ihm mit Vorliebe getragenen Gewand aus schwarzem Sammet aufs vorteilhafteste zur Geltung. In dem edelgeschnittenen Gesicht bekundete ein Paar großer, ausdrucksvoller blaugrauer Augen Milde, die festgeschlossenen Lippen hingegen einen energischen Charakter. Das Haar trug er nach der Sitte damaliger Zeit in einen Zopf gebunden und gepudert. Weißseidene Kniestrümpfe, ein dreieckiger, mit Federbesatz geschmückter Hut, gelblederne Handschuhe und ein langer Stoßdegen mit feingearbeitetem Stahlgriff und weißlederner Scheide verliehen ihm einen echt ritterlichen Anstrich. In der kleidsamen Uniform der Revolutionsarmee kamen die Vorzüge seines Körpers fast noch mehr zur Geltung, wofür ein von John Trumbull im Jahre 1790 gemaltes Porträt, das Washington im Kriegsgewande an den Sattel seines weißen Schlachtrosses gelehnt darstellt, den besten Beleg bietet.

Eine über das Elementare hinausgehende Schulbildung hatte er nie genossen. Verhältnisse nötigten ihn bereits in seinem 14. Lebensjahre, den Schulbesuch aufzugeben. Den größten Teil seines Wissens verdankte er eifrigem Lesen und eigenem Nachdenken. Welchen Eindruck Washington auf seine Zeitgenossen machte, geht am besten aus einer Schilderung des französischen Schriftstellers Chastelluz hervor, der als Offizier an den amerikanischen Freiheitskämpfen teilnahm und 1788 in Paris starb. Er schrieb: „Wenn man uns Medaillen von Cäsar, Trajan oder Alexander vorlegt, so untersuchen wir die Gesichtszüge dieser Kaiser, fragen aber dann wohl noch, wie ihre Gestalt beschaffen gewesen, ob sie groß gewachsen waren, und dergleichen mehr. Finden wir dagegen, unter Schutt versteckt, den Kopf oder irgend ein Glied Apolls, so halten wir uns überzeugt, daß die übrigen Teile ebenfalls die Vollkommenheit besaßen, welche das Bild eines Gottes haben muß. Damit will ich ohne Uebertreibung den Eindruck bezeichnen, welchen Washington auf mich gemacht hat. Er erschien mir als ein vollendetes Ganzes, und dies sage ich ohne Schwärmerei, welcher die Untersuchung der einzelnen Teile eines Gegenstandes immer entgegenwirkt.“

Ein längerer Lebensabend war Washington leider nicht beschieden; seine Ehe war kinderlos geblieben. Während eines am 12. Dezember 1799 unternommenen Rittes trug er, von einem schrecklichen Unwetter überfallen, eine Erkältung davon, der er keine genügende Beachtung schenkte. Das Unwohlsein verschlimmerte sich schnell und führte zu krampfhafter Zusammenschnürung der Luftröhre. Die bis zum Uebermaß angewendete Blutentziehung durch Aderlässe, sowie andere primitive Mittel damaliger Zeit brachten keine Linderung. Zusehends verschlechterte sich das Befinden des Leidenden, und bereits am Nachmittage des 14. Dezember fühlte er, daß ihm nur noch eine kurze Frist auf Erden gegeben sei. Nachdem er die letzten Anordnungen getroffen hatte, erwartete er das Ende voll Fassung und wehmütiger Resignation. Mit stillem gütigen Lächeln, das sein Gesicht verklärte, reichte er seiner Gattin und allen um sein Sterbelager Versammelten die Hand zum Abschiede und traf dann noch die Anordnungen für seine Beerdigung. Zwischen 10 und 11 Uhr abends wurde sein Atem leichter. Er lag friedlich da, zog die Hand aus der seines Privatsekretärs Lear und [784] fühlte nach seinem Puls. Wenige Minuten später schlummerte er ohne Kampf, ohne Seufzer in die Ewigkeit hinüber.

In dem heute noch unverändert erhaltenen Sterbezimmer auf Mount Vernon hängt an der Wand ein unscheinbares Zeitungsblättchen, eine Nummer des New Yorker „Mercantile Advertiser“ vom 21. Dezember 1799, welcher den Tod Washingtons mit folgenden erschütternden Worten beklagt: „Wir empfinden eine Trauer, die unsere Sprache nicht beschreiben kann, wenn wir auf die bedrückende Nachricht zurückblicken, daß am Sonnabend, dem 14. dieses Monats, auf seinem Sitze Mount Vernon in Virginien plötzlich starb
George Washington
Generalleutnant und Oberbefehlshaber der Armeen der Vereinigten
Staaten von Amerika.
Eine korinthische Säule im Tempel der Unsterblichkeit.
Reif an Jahren, bedeckt mit Ruhm, reich an Zuneigung des amerikanischen Volkes.

Leser, wo immer du bist, in welchem Teile der Erde du wohnst, beweine mit uns den Tod des Freundes der Freiheit, des Erlösers unseres Landes, des Verteidigers unserer Rechte, des Kriegers, des Staatsmannes und des bescheidenen Bürgers, welcher niemals in seiner Pflicht abwich vom Pfade der Wahrheit, niemals sich ungebührende Macht anmaßte in den Stellungen, die ihm gegeben waren; dessen Handlungen stets zum allgemeinen Wohle beabsichtigt waren von seinen frühesten Tagen bis zum Ende seiner Zeit …. Im Felde, im Kabinett, als einfaches Glied der Gemeinde – überall gebot er Achtung und Bewunderung; in jedem Sinne des Wortes war er ein Mann, wie ihn ähnlich wieder zu sehen uns niemals erlaubt sein wird; ein Mann, dessen Tugenden in immerwährender Erinnerung bleiben werden.“

Mit diesen letzten Worten hat die Zeitung nicht zu viel gesagt. Mit seinem Namen wurden die Bundeshauptstadt, sowie einer der herrlichsten Staaten der Union und zahlreiche Grafschaften benannt. Washingtons Geburtstag ist der erste der vier nationalen Feiertage. Zu seinen Ehren wurden die stolzesten Denkmäler errichtet und mit einem Motto geschmückt, wie es schöner nie ein König empfing: „First in war, first in peace, and first in the hearts of his countrymen“ – „Der Erste im Kriege, der Erste im Frieden und der Erste im Herzen seiner Landsleute“.


[784]

Zum Gedächtnis George Washingtons.
Nach einer Originalzeichnung von R. Cronau.