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Geheimes Photographiren

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Textdaten
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Autor: C. Falkenhorst
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Titel: Geheimes Photographiren
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 578–579
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
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Geheimes Photographiren.

Den rothen Bädeker kennt jedermann; er ist das Wahrzeichen des Touristen Er hat viele Konkurrenten, aber keiner dürfte ihm so ungefährlich sein wie das Buch, welches vor wenigen Wochen erschienen ist und welches wir in Abbildung unseren Lesern vorführen. Scherzweise hatte es jemand den „schwarzen Bädeker“ genannt, weil das Exemplar, das ihm gezeigt wurde, schwarz „gebunden“ war.

Der rothe Bädeker dient uns auf Reisen als getreuer Führer; der schwarze Bädeker ist auch auf Reisen zu gebrauchen, aber ein Buch mit leeren Blättern, eine Zeichenmappe en miniature, welche die besondere Eigenschaft besitzt, daß auf den 24 Blättern derselben jedermann die naturgetreuesten Bilder hervorzaubern kann, auch wenn er niemals eine Stunde Zeichenunterricht genossen. Mit Hilfe des rothen Bädekers können wir die schönsten Gegenden und die besten Hôtels aufsuchen; der schwarze Bädeker verhilft uns zu etwas anderem: er liefert uns ein Reisealbum, in welchem unsere Erlebnisse, die Punkte, die wir besucht haben, in hübschen Miniaturphotographien wiedergegeben sind.

Geheimkamera.

Es klingt vielleicht räthselhaft, was wir da sagen, aber wahr ist es, denn das schwarze Büchlein ist eben ein photographischer Apparat, eine der sogenannten Geheim- oder Detektivkameras.

Vor einiger Zeit, in Nr. 14 dieses Jahrganges, haben wir unsere Leser auf die Bedeutung der Amateurphotographie aufmerksam gemacht und den Touristenapparat von R. Lechner in Wien beschrieben. Wir haben schon damals gesagt, daß mit Hilfe ähnlicher Apparate es möglich ist, überall auf Reisen photographische Ausnahmen zu machen. Wie leicht diese Touristenapparate auch zu transportiren und zu handhaben sind, sie zwingen uns doch, uns vor der ganzen Umgebung als Photographen zu bekennen. Wir können mit denselben alles aufs trefflichste photographiren, aber unbemerkt können wir es nicht. Die Berge stehen zwar geduldig und lassen sich abkonterfeien, aber eine schmucke Sennerin, ein prachtvoller Jägerbursch, einige Landleute in ihrer eigenartigen Tracht, die bleiben nicht immer still vor dem Glase stehen. Alles konnte bis jetzt der Photograph aufnehmen, aber bei vielen Sachen und namentlich Personen brauchte er noch die Zustimmung des Besitzers oder der Person selbst … Porträts auf der Landstraße sozusagen zu stehlen, das vermochte er noch nicht.

Seit einigen Jahren ist es aber anders geworden. Sind die Lichtverhältnisse recht günstig, dann ist der Photograph im Stande, alles, was er will, zu photographiren, ohne daß jemand eine Ahnung davon hat.

Die hohe Entwickelung der photographischen Technik hat es den Erfindern möglich gemacht, kleine photographische Apparate zu konstruiren, mit deren Hilfe deutliche Momentaufnahmen unbemerkt erzielt werden. Die Idee ist unseres Wissens in Amerika entstanden und dort erhielten auch die Apparate den Namen: Detektivkamera. Den Apparaten wird zumeist eine äußere Form gegeben, die ein photographisches Instrument nicht vermuthen läßt.

J. de Neck hat z. B. den sogenannten photographischen Hut erfunden. Im Inneren des Hutes befindet sich der Apparat versteckt; die Aufnahme selbst geschieht durch einen leisen Zug an einer Schnur, welche vom Hute herabhängt und den gewöhnlichen Haltern an den Hüten, die eine Entführung derselben durch den Wind verhüten sollen, ähnlich sieht. Der photographische Hut, eine interessante Spielerei, wird auch in Deutschland vertrieben.

Ein anderer Typus der Detektivkamera ist die Stirnsche Geheimkamera, die bereits in 10 000 Exemplaren verbreitet ist. Sie hat die Form einer runden Scheibe von der Größe eines Desserttellers. Das Objektiv ragt in einer trichterförmigen Einfassung aus der Scheibe hervor. Man verbirgt die Stirnsche Geheimkamera unter der Weste und steckt das Objektiv durch das Knopfloch. Eine schwarze Schnur, die mit dem Momentverschluß des Apparates in Verbindung steht, läßt man unter dem Westenrande hervorschauen. Soll die Aufnahme gemacht werden, so braucht man, nachdem man die richtige Stellung eingenommen, nur an der Schnur zu ziehen.

Taschenbuchkamera.

Mit dieser Geheimkamera können je nach der inneren Konstruktion derselben 6 oder 4 Aufnahmen gemacht werden, bis man nöthig hat, sich wieder in die Dunkelkammer zu begeben und die Kamera von neuem mit Trockenplatten zu füllen. Die Photographien, die man auf diese Weise erzielt, sind rund, etwa so groß wie ein silbernes Fünfmarkstück.

Das Neueste und zugleich vielleicht das Originellste auf dem Gebiete der Geheimkameras ist aber der Apparat, von dem wir als von dem „schwarzen Bädeker“ im Eingang gesprochen haben, und der von Haake und Albers in Frankfurt am Main in den Handel gebracht wurde. Er heißt mit seinem wirklichen Namen „Krügeners Taschenbuchkamera“ und ist nur viermal so groß wie die beistehende Abbildung desselben.

Vor allen uns bekannten Apparaten dieser Art hat er den Vorzug, daß er mit der bedeutenden Zahl von 24 Trockenplatten gefüllt werden kann. Wir sind also im Stande, mit ihm 24 Aufnahmen zu machen, bevor wir uns in die Dunkelkammer begeben und den Plattenwechsel besorgen müssen. Und wie rasch nach einander können die Aufnahmen erfolgen! Die Taschenbuchkamera ist in der That ein photographisches Magazingewehr.

Wir wollen dessen Handhabung kurz erklären.

Die runde Oeffnung (links) in der Mitte der vorderen Kante führt zu der Objektivlinse. Hinter dieser Oeffnung befindet sich der Momentverschluß. Wir spannen ihn, indem wir an dem oberen linken Knopfe ziehen, bis es ein wenig knackt. Nun ist das Gewehr schußfertig. Wir gehen auf die Straße, auf die photographische Jagd. Bald ist ein Opfer auserlesen; es naht uns, es kommt auf etwa 6 Schritt an uns heran; gleichgültig halten wir das „Buch“ unterm Arm, die Oeffnung des Objektivs dem zu Photographirenden zuwendend; wir ziehen nun an dem Knopfe der unteren Seite; es knackt wieder leise in dem Apparat; die erste Aufnahme ist fertig und der Ahnungslose photographirt!

[579] Wir rüsten uns sofort zur zweiten Aufnahme. Wir fassen den rechten oberen Knopf, ziehen an ihm einen Stift empor und schieben ihn wieder hinein; dadurch wird im Innern des Apparates die vorhin belichtete Platte in das sogenannte untere Magazin hineinschoben und aus dem oberen eine frische in die Mitte vor die Objektivlinse geschoben. Zweier Griffe hat es nur bedurft, und wir sind zur zweiten Aufnahme bereit. So können wir dieses einfache ABC 24 Mal wiederholen.

Und die Photographien? Sie sind ebenso groß wie die der Stirnschen Kamera, nur daß sie viereckig sind, kleine Quadrate von 4 cm Breite. Sind die Aufnahmen gelungen, so gewähren die kleinen Bildchen viel Freude, sie lassen sich aber bei Benutzung entsprechender Apparate um das Mehrfache vergrößern.

Wir alle haben heutzutage sogenannte Reisealbums, Sammlungen von Photographien, die wir an Orten gekauft, welche wir bereist haben. Sie bereiten uns viel Freude; mehr Vergnügen wird aber derjenige empfinden, der über ein selbstgemachtes Reisealbum verfügt. Solche Albums sind heutzutage keine Seltenheit mehr.

Die Geheimkameras aber stehen keineswegs ausschließlich im Dienste der Unterhaltung, sind nicht allein zum Zeitvertreib da.

Sie sind auch für den ernsten Reisenden, der wissenschaftliche Zwecke verfolgt, von hoher Bedeutung; sie ermöglichen ihm, auch in solchen Gegenden Aufnahmen zu machen, wo die Bevölkerung nicht „sitzen“ will und vor dem photographischen Apparat Reißaus nimmt. Die Geheimkameras sind auch für Künstler von großem Werth, die ihre Mappen mit leichter Mühe mit trefflichsten Motiven bereichern können. Ernsten Zwecken überhaupt verdanken sie ihre Entstehung.

Die großen verstellbaren Apparate, von denen wir in unserem Artikel „Die Amateurphotographie“ berichtet haben, können sie nicht ersetzen. Aber sie bedeuten einen wesentlichen Fortschritt und werden mit der Zeit sicher noch mehr vervollkommnet werden. „Noch mehr?“ ruft vielleicht die Leserin, die mir bis jetzt geduldig gefolgt ist. Nun, sie, die ihres reizenden Gesichtchens sich nicht mehr sicher dünkt, möchte ich doch beruhigen. Zu Momentaufnahmen ist heller Sonnenschein oder wenigstens ein lichter Tag nöthig. Im Zwielicht kann uns keine Geheimkamera etwas anthun; und im Dunkeln ist gut munkeln, dabei bleibt’s noch immer – trotz aller schwarzen Bädeker und Momentphotographen.

C. Falkenhorst.