Zum Inhalt springen

Freund Box

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
>>>
Autor: Dr. Karl Ruß
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Freund Box
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 685–686
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[685]
Freund Box.
Schilderung von Dr. Karl Ruß. Mit Illustration von C. Gerber.

Da sieh’ ihn dir nur an, lieber Leser, den Box, welchen ich im Nachstehenden als ein Wunderthier dir vorführen will. Du schüttelst bedenklich den Kopf und meinst, es sei ein Hund wie alle anderen, ja, dein Nachbar stößt dich mit dem Ellbogen an und flüstert verschmitzt: es ist ein gemeiner Köter von undeutlicher Abkunft. Aber obwohl der Box es allerdings niemals zu einer goldenen oder silbernen Medaille oder auch nur zu einem Ehrendiplom gebracht und überhaupt noch keine Hundeausstellung mit Seiner Anwesenheit geschmückt hat, darf ich es trotzdem unternehmen, dein Interesse für ihn zu erwecken , und ich bitte dich, mir von vornherein zu glauben, daß er sich desselben würdig zeigen wird.

Seitdem wir – gleicherweise jeder gebildete Laie wie der Gelehrte – uns nicht mehr darauf beschränken, bloß den Körperbau und die Lebensweise, Ernährung, Fortpflanzung u. dergl. der Thiere ausschließlich zu ergründen, sondern es als interessant genug und wichtig erachten, unsere Aufmerksamkeit auch den Regungen ihres Seelenlebens zuzuwenden und die Thierwelt in diesem Sinne gleicherweise zum Studium zu machen, zeigen uns die Thiere in unserer unmittelbaren Umgebung eine Mannigfaltigkeit von Erscheinungen, die uns um Staunen und Bewunderung erfüllen, uns aber auch gar viele noch ungelöste Räthsel entgegenstellen.

Züge aus dem Seelenleben der Thiere – das ist nun ein Stichwort geworden, welches einen ungemein fesselnden Reiz für zahlreiche Leute hat. In der That zeigt es sich auch als eine unerschöpfliche Quelle für geistige Anregung, Streben nach Belehrung und damit zu wissenschaftlichem Forschen; aber es birgt auch geradezu seltsame Gefahren. Als ich vor einigen Jahren von der Redaktion der „Gartenlaube“ eine große Anzahl von Zuschriften zur Begutachtung und zum kritischen Sichten empfing, mußte ich mit Bedauern mich davon überzeugen, daß, trotz zahlreicher überaus interessanter Züge von geistiger Regsamkeit der Thiere, doch zur Veröffentlichung nur ungemein wenig brauchbar erschien. Man täuscht sich ja so gern selber und hält unendlich zähe fest am lieben Irrthum. Einfach sachgemäße Auffassung und naturtreue Beobachtung ist bei weitem schwieriger, als man gewöhnlich anzunehmen pflegt, und am allerseltensten dort zu finden, wo noch dazu das volle Verständniß für das Wesen des Thieres fehlt. Während auf der einen Seite die Leicht- und Gerngläubigkeit das Gewinnen stichhaltiger Beobachtungen nur zu schwierig macht, kommt auf der andern die rückhaltlose Abweisung alles dessen, was nicht von vornherein in den Rahmen des Alltäglichen, Erklärlichen gehört, kaum minder schroff zur Geltung. Daher ist’s denn auch gar schwer, Züge aus dem Seelenleben der Thiere nicht bloß wahrheitsgetreu zu erzählen, sondern auch und noch viel mehr, sie den Lesern glaubhaft erscheinen zu lassen. Dennoch soll mich nichts davon abschrecken, ein reichbegabtes Thier, hier den genannten Hund, nach dem wirklichen Leben zu schildern.

An jedem Morgen beim Aufräumen nimmt der Box, ohne eine Aufforderung abzuwarten, die verschiedenen kleinen Teppiche, einen nach dem andern, in den Stuben auf und trägt sie zur Reinigung nach der Küche hinaus, ebenso holt er auf Geheiß die mannigfaltigsten Haushaltssachen, Staub- und Teppichbesen, Staubtuch u. a. herbei. Alle diese Gegenstände, welche er genau kennt und nie mit einander verwechselt, weiß er sich von ihren Plätzen, an denen sie liegen oder hängen, unfehlbar zu verschaffen, im Nothfall in der Weise, daß er durch Hinaufspringen an der Wand sie hinabwirft.

Sobald jemand von den Hausgenossen von einem Ausgange zurückkehrt, bringt Box ganz von selber die Hausschuhe, und niemals wird er die der einzelnen Familienangehörigen verwechseln, sondern er kennt das, was jedem persönlich gehört, genau.

Des Abends zur bestimmten Stunde, um halb acht Uhr, springt er plötzlich von seinem Ruhelager auf, läuft nach der Küche, bellt das Mädchen an, damit sie von der Hausfrau sich Weisungen zum Einholen fürs Abendbrot erbitte, weil er nämlich weiß, daß er dann mit hinaus auf die Straße gelangen kann.

Oft wird er zur Besorgung von Aufträgen hinausgeschickt, so z. B. von der Wohnung aus nach dem mindestens eine Viertelstunde entfernt gelegenen Geschäft. Dann erhält er aber nicht, wie man es bei anderen Hunden zu thun pflegt, einen Korb ins Maul, sondern ein Zettel oder Brief wird ihm am Halsband befestigt, damit er sich gegen etwaige Widersacher und Störenfriede unterwegs wehren kann. Wenn ihm beim Fortgehen gesagt wird, daß eine Antwort nöthig ist, so wartet er geduldig, bis man ihm diese mitgiebt, während er sonst sogleich wieder fortläuft; selbst Geld muß er in dieser Weise zuweilen bringen. Er hält sich dabei unterwegs gar nicht auf, läßt dann alle andern Hunde außer Acht, während er sich doch sonst gern um solchen tummelt. Wenn er keinen Auftrag bekommen, so treibt er sich auch wohl längere Zeit auf der Straße umher, und da bleiben Raufereien um seinesgleichen natürlich nicht aus, und Maulkorb, Halsband und Marke gehen bei denselben nur zu oft verloren. In seinen zehn Jahren ist er bereits fünfmal vom Scharfrichterknecht eingefangen und der Maulkorb hat schon einige zwanzig Mal ersetzt werden müssen; Box ist also auch in diesem Sinne ein theurer Hund geworden.

Eine seltsame Klugheit äußert er in seinem Verständniß für den Sonntag. Während er allmorgendlich pünktlich um ½7 Uhr an die Thür des Schlafzimmers kommt und sich durch Schnüffeln – kratzen darf er nicht – bemerkbar macht, gleichsam um zu wecken, verhält er sich am Sonntag, wohl infolge der Stille, ganz ruhig und wartet geduldig, bis allmählich alle Hausgenossen munter werden. Im Verlauf des ganzen Sonntags pflegt er meistens gar nicht zu fressen, wahrscheinlich weil er befürchtet, daß, während er damit beschäftigt ist, die Familie ausgeht und er so um sein größtes Vergnügen kommt. Genau weiß er, daß am Sonntag das Geschäft geschlossen ist, denn wenn es versucht wird, ihn an diesem Tage dorthin zu schicken, so verweigert er den Gehorsam, was sonst niemals geschieht. Dagegen kommt es wohl vor, daß, wenn die anderen zu Hause bleiben, er hinunter läuft, um auf der Straße den Geschäftsführer zu erwarten und diesen auf einem Ausgange zu begleiten.

Spät des Abends, beim Schlafengehen, wenn jeder sich zur Ruhe begiebt, thut dies auch der Box, aber in der Weise, daß er seine Decke von ihrem bestimmten Platz hervorholt und mit derselben wartet, bis jemand kommt. Dann legt er sich behaglich auf seinem Strohsack zurecht und wird zugedeckt.

Für Lob und Tadel ist er ungemein empfänglich. Bei jeder Dienstleistung, die er verrichtet, erwartet er, daß ihm gedankt und er gelobt werde. Wenn man dies aber vergißt, so kommt es vor, daß er bei der nächsten Gelegenheit die betreffende Dienstleistung stillschweigend verweigert, das heißt also ein Paar Hausschuhe nicht herbeiträgt u. s. w.

Als gesitteter, gleichsam gebildeter Hund hat er für eine gewisse Feinschmeckerei ausgeprägten Hang und nachweislich das vollste Verständniß. So darf ihm nur gesagt werden: Box heute giebt es [686] Hasenbraten, und es ist spaßhaft anzusehen, wie er im Vorgefühl des Genusses, schnuppernd und sich die Nase beleckend, schwelgt – einem Feinschmecker unter den Menschen ähnlich. Rohes Fleisch an sich frißt er gar nicht, wohl aber wenn es geschabt und mit Pfeffer und Salz zubereitet worden. Im übrigen ist er, obwohl stets mäßig und niemals gleich anderen Hunden gefräßig, doch kein Kostverächter, denn er frißt von allem, was ihm vorgesetzt wird, mit einzelnen Ausnahmen; seltsamerweise verschmäht er durchaus Hühnerfleisch, während er Gänsefleisch und jedes andere, gekocht und gebraten, gern annimmt. Leckereien, gleichviel welche, so Zucker, Kuchen u. a., läßt er unberührt, dagegen hat Pfefferkuchen einen besonderen Reiz für ihn.

Zu seinen Liebhabereien gehört das Fahren auf der Eisenbahn. Wenn die Familie bei einem Spaziergang, namentlich Sonntags, in die Nähe eines Bahnhofs gelangt, so läuft er voller Freuden voran, die Vortreppe hinauf, um schwanzwedelnd zur Fahrt einzuladen. Aber auch eine solche in der Droschke macht ihm Vergnügen; nicht selten ist es vorgekommen, daß er auf der Heimkehr von einem ermüdenden Spaziergange, auf dem er sich tüchtig umhergetummelt, in eine entgegenfahrende Droschke gesprungen ist, in der Meinung, jetzt sei es doch viel besser, nach Hause zu fahren, als mühselig zu gehen. Anstatt hinter der Pferdebahn gleich anderen Hunden herzulaufen, schlüpft er, wenn’s irgend möglich ist, hinein und verbirgt sich still und regungslos unter dem Sitz.

Ein schöner, fast rührender Zug offenbart sich in seinem Schuldbewußtsein. Hat er etwas Uebles begangen, so kommt er unter den demüthigsten Gebärden, schwanzwedelnd und mit förmlich flehendem Blick zu seiner Herrin, und wird er von dieser abgewiesen, so geht er von einem der Hausgenossen zum andern, ja selbst zu zufällig anwesenden fremden Personen, leckt ihnen die Hände und bittet und bettelt so ausdrucksvoll, daß jeder es versteht, um Fürsprache. Den Ausspruch: „Der Box soll abgeschafft werden“, kennt er nach seinem Inhalt genau und ruht dann nicht eher, als bis er endlich die Worte hört: „Na, denn wollen wir nur wieder gut sein“.

Billigerweise fragen die Leser nun wohl, wie die Herrin des Box den Hund so abgerichtet oder, wie man zu sagen pflegt, dressirt habe – und seltsam wird ihnen die Antwort dünken, er sei gar nicht abgerichtet. Ein kluges Thier, wie dieser Hund, lernt im fortwährenden Umgang mit gesitteten Menschen nicht bloß alle Gewohnheiten derselben, ihre Lebensweise und alles, was zum täglichen Leben gehört, ganz von selber kennen, sondern er entwickelt auch in so hohem Maß ein eingehendes Verständniß für Handlungen und Vorkommnisse, daß dasselbe dem Uneingeweihten geradezu wunderbar erscheinen kann, während es doch thatsächlich nur ganz natürlich ist. Freilich ist zuzugeben, daß unser Freund Box immerhin eine Ausnahme bildet und es nicht leicht ist, jeden Hund, und sei derselbe auch reich begabt, auf eine solche hohe Stufe der Klugheit zu bringen.