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Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben

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Titel: Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 37, S. 584–586
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ferdinand Freiligrath und August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
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[584]
Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben.


Auf den Höhen des Harzes loderten die Feuer in den Oefen der Gaststuben. Durchnäßte Reisende drängten sich schauernd vor Kälte um die Wärmespender, während der kalte Nordwest an den Fenstern rüttelte und, sich nimmer erschöpfend, ein Heer grauer, regenschwerer Wolken vor sich hertrieb. Das war ein trauriger Aufenthalt in den herrlichen Thälern des Harzes im Juli 1867. Heute Kälte und Regen, morgen Regen und Kälte. Mein Entschluß war rasch gefaßt. Von Thale aus bis Ilsenburg hatte ich mich frierend und naß durch die schöne Gegend hindurchgearbeitet, in Ilsenburg wie überall in den Harzstädten machten schimpfende Berliner den Aufenthalt noch „jräulicher“, als er so schon war. Ich winkte dem Vater Brocken, der sein Haupt tief mit der nichts Gutes weissagenden Nebelkappe bedeckt hatte, ein Lebewohl zu, und nach drei Stunden trug mich der Eisenbahnzug von Harzburg aus der norddeutschen Ebene zu.

Mein Weg ging zur Weser. An dem nördlichen Vorberge des Harzes weg führte mich das Dampfroß. Ich passirte die Brücke, welche den Eisenbahnzug bei Kreiensen hoch über die hannoversche Südbahn hin in’s Braunschweiger Land führt, jene Brücke, welche als unrühmliches Denkmal von dem gegraften Welfenminister Borries dem Elende des kleinstaatlichen Particularismus gesetzt ist. Die Brücke weckte allerlei Gedanken in mir. Bilder aus der Geschichte Deutschlands während der letzten fünfundzwanzig Jahre, oft recht seltsam schauerliche Bilder, erfüllten meinen Geist. Ich gedachte des ungeheuren Umschwungs, welcher im Laufe des vorigen Jahres eingetreten war, ich gedachte der Männer, welche diesen Umschwung gemacht, und Derer, welche ihn angebahnt, frohere Bilder, der Zukunft entnommen, erhellten das verdüsterte Gemüth… Da hielt der Zug abermals. „Holzminden“ … tönte des Schaffners Stimme, und ein Blick durch das Fenster des Waggons streifte den weiten Spiegel des schönen deutschen Weserstroms. Ein Dampfboot zog eben vorüber, den Strom hinab. Da – wie es oft so seltsam kommt, in Verbindung noch mit den eben unterbrochenen Gedanken, tönte der Name Freiligrath’s in mir wieder. So – als Heizer verkleidet, vor dem glühenden Kessel des Dampfers stehend, zog auch Freiligrath einst den Rhein hinab, um den Schergen zu entgehen, welche ausgesandt waren, ihn zu fangen, ihn, der besten deutschen Männer einen, der mit brechendem Herzen in’s Exil zog. Freiligrath! Grade in diesen Tagen wurde der Name des herrlichen Mannes so oft genannt; Deutschlands Söhne wollen dem alternden Dichter die Leiden, welche das Exil über ihn verhing, mildern, sie wollen eine heilige Pflicht erfüllen gegen den deutschen Sänger, dessen klingende Lieder Antheil haben an den nationalen Erfolgen des Jahres 1867. Gott segne ihr Bemühen! –

Der Zug hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. Zwischen den Abhängen des Sollinges und dem rechten Ufer der Weser zieht die Bahn eine Strecke dahin, um bald auf hochgespannten Bogen die Weser zu überschreiten, unmittelbar neben den Mauern eines großen stattlichen Gebäudes, dessen Thürme sich stolz in den Wogen der Weser wiederspiegeln. Es ist Schloß Corvey, prachtvoll gelegen zwischen den waldigen Kuppen des Sollinges und den linksufrigen interessant geformten Weserbergen. Zehn Minuten von Schloß Corvey an der berühmten Kastanienallee, welche vom Schlosse zu der alten Hansestadt Höxter führt, liegt der Bahnhof.

Auf dem Bahnhofe schritt ein Mann auf und ab, die aussteigenden Fremden musternd. Es war eine hohe, kräftige Gestalt, deren elastische Bewegungen die Farbe der Locken Lügen straften, welche silbern über den Nacken herabrollten, sich mit dem ebenfalls weißschimmernden Kinnbarte vermischend. Unter dem Rande des grauen Filzhutes, der die breite Stirn deckte, blitzte in noch jugendlichem Feuer ein graublaues Augenpaar. Auch über mich hin flog der suchende Blick, haftete einen Moment an mir und plötzlich erhellten sich die Züge des edlen Gesichts. Der weltbekannte Ziegenhainer wanderte in die Linke und unsere rechten Hände fanden sich im herzlichsten Drucke. Längst hatte ich den Mann erkannt, an dessen Arme ich jetzt hing, mit heller Freude ein unverhofftes Wiedersehen genießend. Es war Hoffmann von Fallersleben.

Eben noch Freiligrath’s gedenkend, ging ich jetzt zur Seite des Mannes, der einen entscheidenden Einfluß auf die politische Gesinnung Freiligrath’s ausübte. Des Mannes, der lange vor 1848 seine Stimme in Deutschland für Freiheit und Recht erhob, der seine Kühnheit mit Verlust seines akademischen Amtes büßte, der aus fast allen großen und kleinen deutschen Vaterländern ausgewiesen, Jahre lang polizeilich aller Orten verfolgt und gemaßregelt, unerschrocken und ungebeugt seiner Braut die schönsten, feurigsten Lieder sang; seiner Braut, dem schönen Deutschland, jene Lieder, die in den Herzen des deutschen Volkes einen so kräftigen Wiederhall fanden und die so außerordentlich viel dazu beitrugen, patriotischen Sinn in Deutschland zu wecken und jenes Verlangen nach Freiheit und Einheit anzufachen, welches 1848 zu heller, mächtiger Flamme aufloderte. Wahrheit war geworden, was der nimmer ermüdende Dichter einst sang:

„Und bist du nur ein Glöcklein,
Frisch auf, frisch auf, mein Sang!
Es stürzt auch die Lawine
Von eines Glöckleins Klang!“

Wir traten durch das monumentale Thor in die weiten Räume des umfangreichen Schlosses Corvey. Auf den großen, stillen Höfen weckte unser Schritt das Echo, in einem den letzten Hof umschließenden Flügel des Schlosses führte eine breite, alte Holztreppe hinauf zu einem unendlich langen, steingepflasterten Corridor, von dessen Wänden die steifen Portraits der Aebte des einst so berühmten Klosters Corvey uns gespenstisch anstarrten. An dem Corridore liegt die Wohnung des Dichters.

Als das Jahr 1848 auch für Hoffmann von Fallersleben eine gewisse Rehabilitation gebracht, lebte er mehrere Jahre an den Ufern des Rheins, seines von ihm vielbesungenen Lieblingsstromes. Die Herausgabe des „Weimarschen Jahrbuches“ führte ihn nach Weimar, und als dies Unternehmen nach fünfjähriger Arbeit einging, übernahm es Hoffmann, einem Antrage des Fürsten von Ratibor, des jetzigen Besitzers von Corvey, folgend, die auf Corvey befindliche große und werthvolle Bibliothek, welche, seit Jahren eines fachgelehrten Bibliothekars entbehrend, in Gefahr gerieth, zu einem todten, unbrauchbaren Schatze zu werden, neu zu ordnen, zu katalogisiren und zu vervollständigen. Mit emsigem Fleiße geht der wackere Gelehrte dieser Aufgabe seit Jahren nach, und man muß erstaunen über die jetzt schon gewonnenen Resultate seiner Arbeit. Die Wanderungen durch diese herrliche Bibliothek an der Seite Hoffmann’s, des kundigsten Führers, werden mir unvergeßlich bleiben. Die werthvolle Büchersammlung (über hunderttausend Bände) birgt nicht allein ungeahnte Schätze von allen Gebieten der Wissenschaft und Kunst, sie zeichnet sich auch durch ihre Lage aus, welche wohl einzig ist. Aus den langen Fensterreihen derselben eröffnet sich nämlich dem staunenden Blicke eine überraschend schöne Aussicht über den großen Schloßpark hin in das reizende Weserthal.

Der Zauber der Gegend und diese Bibliothek machen es erklärlich, wie der trotz seines vorgeschrittenen Alters (Hoffmann ist 1798 geboren) noch so geistig rüstige und rührige, den Verkehr mit Menschen von höherer Bildung so sehr liebende Dichter in der Einsamkeit dieses stillen, großen Schlosses ausharrt. (Der Herzog residirt auf Ratibor in Schlesien.) Freudig hat er aber doch die erste Locomotive begrüßt, welche diesen hübschen, aber stillen Winkel der Erde mit den großen Städten der Nachbarschaft in Verbindung bringt.

Abends saßen wir dann zusammen in der Werkstatt seines schaffenden Geistes. Ueber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin schweifte das lebendige Gespräch, wir gedachten unserer gemeinschaftlichen Freunde, ihres Wirkens und ihrer Schicksale, und so kam es denn, daß abermals das Andenken an Freiligrath geweckt wurde. Ich erfuhr, daß Hoffmann beschäftigt ist, seine reichen Tagebücher für den Druck vorzubereiten. Dieselben werden unter dem Titel „Aus meinem Leben, von Hoffmann von Fallersleben“ im Verlage von Carl Rümpler in Hannover erscheinen. Gern theilte der Dichter mir Manches aus dem interessanten Inhalte derselben mit, auf meine Bitten auch die Stellen, welche sich auf seinen Verkehr mit Ferdinand Freiligrath bezogen, dem dieser in seinem „Glaubensbekenntniß“ ein Denkmal gesetzt hat.

Am 15. August 1843, erzählte Hoffmann, reiste ich nach Coblenz. Der Zweck dieser Reise war, eine Freundin nach langen Jahren wieder zu sehen und ihr meinen Dank abzustatten für die innige Theilnahme, [585] welche sie von Neuem mir bewiesen hatte. Nachdem ich den ganzen folgenden Morgen im Riesen von meinem Zimmer aus mir den Rhein und das Getümmel am Strande angesehen und vergebens zwei Freunde erwartet habe, gehe ich zu Karl Bädeker. Da heißt es dann: „Herr Bädeker ist ausgegangen, wird aber wohl bald wiederkommen.“ Ich lasse mir im Buchladen die Zeitung geben und warte. Endlich frage ich: „Wo ist denn Herr Bädeker?“ – Da erfahre ich denn: „Er ist mit dem Dichter Freiligrath spazieren gegangen.“

Nach einiger Zeit kommt Bädeker, sichtlich verlegen: „Willst Du Freiligrath kennen lernen?“

„Warum nicht? Bring’ ihn nur!“

Bädeker kehrt nochmals um und sagt zutraulich: „Du, sei gut!“

Ich muß laut auflachen. Freiligrath kommt, wir begrüßen uns und unterhalten uns ganz nett. Unterdessen ist es Mittagszeit. Wie Bädeker sieht, daß wir Beide ganz harmlos mit einander verkehren, so ladet er uns zu Mittag ein.

Wir sind sehr heiter. Ich erzähle viele Schnurren, so daß wir gar nicht aus dem Lachen herauskommen. Nach Tische frage ich Freiligrath, ob er mich etwas begleiten wolle, ich müßte noch auf die Laubbach gehen. Er ist bereit. Als wir auf dem Wege sind, meine ich, wir könnten ja erst noch eine Tasse Kaffee trinken. Wir gehen in ein Kaffeehaus und sitzen ganz allein. Wir kommen nun auf die Tagesereignisse zu sprechen. Ich mache keinen Hehl daraus, daß es allgemein sehr übel aufgenommen sei, daß Freiligrath gerade zur Zeit, als Herwegh ausgewiesen worden, ein Gedicht gegen ihn veröffentlicht habe, allerdings ein zufälliges Zusammentreffen. Freiligrath sprach sich darauf über seine Gesinnung aus, theilte mir einige seiner neuesten Gedichte mit und bemerkte, daß eins die Censur nicht passirt habe. Nun, fügte er hinzu, ich würde bald von seiner politischen Gesinnung eine bessere Meinung gewinnen. Er war zutraulich geworden und so glaubte ich denn, es auch sein zu können, und las ihm mein Lied vom Schweigethaler[1] vor. Wir schieden in der Hoffnung, uns den Abend wieder zu sehen, Bädeker hatte uns nämlich zu einem ländlichen Familienfeste eingeladen.

Ich ging wieder nach der Laubbach und kehrte erst nach Sonnenuntergang zurück. Bädeker hatte uns vergebens in seinem Hause erwartet. Einer seiner jungen Leute war beauftragt, uns nach einem Garten auf dem linken Moselufer hinzubringen. Ich ging beim Riesen vor und holte Freiligrath ab. Wir befanden uns in einer ziemlich zahlreichen Gesellschaft von lauter Bädeker’schen Verwandten: Oheime, Brüder, Schwestern, Bräute, Vettern. – Nachdem wir Alle uns wechselseitig vorgestellt waren, nahmen wir Platz an einer langen Tafel. Es ging mir gar zu still her und da mir das unerträglich wurde, so suchte ich etwas Leben hinein zu bringen: ich erzählte einige lustige Geschichten und Witze, stimmte ein Lied an und brachte einige Gesundheiten aus. Nach einiger Zeit war mein Zweck erreicht, die Stimmung war eine belebte, heitere. Um sie noch zu steigern, gerieth ich in’s Politische. Freiligrath saß neben mir und ich sang das Lied vom Schweigethaler.

Bädeker nahm es sehr übel, Freiligrath nicht. Auf dem Heimwege machte mir jener bittere Vorwürfe.

„Aber, lieber Bädeker, Du weißt nicht, daß Freiligrath das Lied ja schon kannte, ich habe es ihm am Nachmittage schon vorgelesen.“

Bädeker wollte sich nicht beruhigen. Als wir aber vor seinem Hause Abschied nahmen und seine beiden alten Oheime mir dankten für den frohen Abend, den ich ihnen bereitet hätte – da wendete ich mich an Bädeker: „Hast Du’s gehört? Nun gieb Dich zufrieden und leb’ wohl!“

Ich war mit Freiligrath in der Nähe des Riesen angelangt. Da meinte ich, es wäre hübsch, wenn wir noch etwas Kühlendes genössen. – (Das ist nun jene „Nacht im Riesen“, in Folge welcher Freiligrath im Mai des folgenden Jahres das bekannte Gedicht[2] an Hoffmann richtete, von dem wir, da die betreffende Sammlung jetzt eben wieder in viele Hände kommt, nur einige Strophen von besonderer Bedeutung hier mitzutheilen brauchen:

Jetzo, wo die Nachtigall<--! Keine Zeilennummerierung, weil nur auszugsweise zitiert -->
Schlägt mit mächt’gen Schlägen;
Wo der Rhein mit vollerm Schall
Braus’t auf seinen Wegen;
Wo die Dämpfer wieder zieh’n;
Wo die grünen Reben,
Wo die Blumen wieder blüh’n: –
Jetzt auf einmal eben
Denk’ ich wieder, wie im Traum,
Jener Nacht im Riesen etc.

Ich auch, der ich jene Nacht
Finster mit Dir zechte,
Ich auch, eben vor der Schlacht,
Biete Dir die Rechte!
Ja, auch ich steh’ kampfbereit,
Gleich sind unsre Zeichen: –
Mit Bewußtsein wag’ ich’s heut
Dir die Hand zu reichen!

Herz’ger noch, als dazumal,
Wag’ ich’s, einzuschlagen!
Schiefer Stellung volle Qual
Mußt’ ich damals tragen!
Noch nicht recht aus ganzem Holz
Schien auch Dir mein Leben;
Drum auch war ich noch zu stolz,
Mich Dir ganz zu geben!

Alles das ist nun vorbei!
Frei ward Lipp’ und Zunge,
Frei das Auge mir, und frei
Dehnt sich Herz und Lunge!
Vom Gedanken bis zur That
Schlug ich dreist die Brücke;
Hüben steh’ ich, und kein Pfad
Führt mich je zurücke!

Horch, o horch, die Nachtigall
Schlägt mit mächt’gen Schlägen,
Und der Rhein mit vollerm Schall
Braus’t auf seinen Wegen!
Alles keimt und Alles gährt,
Alles windet Kränze: –
Auch den herbsten Kelch geleert
Auf der Zukunft Lenze!)

Den andern Morgen, erzählte Hoffmann weiter, fuhr ich nach St. Goar, kehrte in die Lilie ein und besuchte Freiligrath, der daneben wohnte. Frau F. schien etwas verlegen. Als ich nach einigen Stunden wiederkehrte, war sie ganz freundlich und gesprächig. Geibel, den ich auch traf, blieb lange sehr ernst und zurückhaltend. Freiligrath schlug einen Spaziergang nach Oberwesel vor, Geibel betheiligte sich. In Oberwesel kehrten wir ein beim Wirth zum Pfropfenzieher. Wir aßen zu Nacht, tranken einen guten Wein und waren recht heiter. Ich sang viel, erzählte viele lustige Geschichten und suchte Alles zu vermeiden, was unangenehm hätte berühren können. Als ich anstimmte: „Deutschland, Deutschland über Alles!“ sagte Geibel: „Auf diesem Gebiete sind wir Eins!“ Um Mitternacht gingen wir heim, heiter und friedlich wie der schöne Sternenhimmel; über dem Loreleifelsen ging der Mond auf.

Den 3. Juli 1844 reiste ich nach Mannheim. Ich blieb einige Stunden in Mainz. Bei Victor von Zabern traf ich Freiligrath. Ich war nicht eben angenehm überrascht. Die Rhein- und Moselzeitung hatte auf eine mich sehr beleidigende Weise sich über unser Zusammentreffen in Coblenz ausgesprochen. Da von Freiligrath keine Widerlegung erschien, so nahmen meine Freunde an, daß er diesen Artikel verfaßt habe oder doch zu ihm in Beziehung stehe. Er erklärte mir nun, daß Beides nicht der Fall sei, und ich würde mich bald von seiner Gesinnung überzeugen.

Freiligrath wohnte mit seiner Frau in Kronthal, einer kleinen stillen Badeanstalt in einem waldigen Thale, die erst vor zehn Jahren in’s Leben trat. Wir besuchten uns wechselseitig, doch war ich öfter in Kronthal als er in Soden. Die letzten Tage vor meiner Abreise war unser Verkehr besonders lebhaft. Wir sahen uns täglich. Obschon es seinerseits keiner Erklärung mehr bedurfte, daß er ganz unserer Partei gehörte, so hielt ich es doch nicht für überflüssig, ihn als einen Gleichgesinnten zu begrüßen, zumal ich voreiliger Weise mein Mißtrauen früher in einem Liede ausgesprochen hatte. Den 2. August nahmen wir von einander Abschied ohne die tröstende Hoffnung, uns bald wieder zu sehen. Der Druck seiner neuesten Gedichte, („Ein Glaubensbekenntniß“ etc.) ward noch in diesem Monate vollendet, aber erst im folgenden (September) dem Buchhandel übergeben.

[586] Nach der rückhaltlosen Erklärung im Vorworte zu denselben durfte sich die Presse gar nicht erst den Kopf zerbrechen, warum und wie Freiligrath in den Freisinn hinein gerathen war. Das Ereigniß war aber zu bedeutend und mußte besprochen werden, und da dies nur in regierungsfreundlichem Sinne geschehen konnte, so waren die Stimmen natürlich mehr wider ihn als für ihn. Die Allgemeine Zeitung stellte am 10. October in ihrer 284. Nummer mehrere Urtheile zusammen. Man ging darin sehr weit: man traute Freiligrath so wenig Selbstständigkeit zu, daß man ihn als einen zu seiner neuen politischen Richtung von mir Verführten hinstellte, und diese Albernheiten gingen dann später in die Geschichten der neuesten deutschen Literatur über.

Das Unangenehmste dabei für Freiligrath und mich war unstreitig, daß seine Verwandten und viele seiner Freunde ihn als den Verführten und mich als den Verführer ansahen. Freiligrath ahnte das und sendet es einem Freunde schon den 18. August von Mainz aus sein „Glaubensbekenntniß“ mit einigen Zeilen. Es ist mir lieb, daß ich dieselben in der Urschrift besitze; ich theile die betreffende Stelle daraus mit, um das zu bestätigen, was Freiligrath wollte, und daß es ihm nie eingefallen ist, einem Andern die Verantwortlichkeit seiner Schritte zuzuschieben:

„– – Eine Bitte hab’ ich Ihnen aber noch vorzutragen. Die nämlich, daß Sie sich veranlaßt finden möchten, meiner guten Schwiegermutter, Frau Prof. Melos in Weimar, einige Worte der Erläuterung und des Trostes zu sagen, wenn sie sich, wie ich vermuthe, über diese meine jüngsten Gedichte mehr oder weniger entsetzen sollte. Suchen Sie ihr die Ueberzeugung mitzutheilen, daß das Volk mehr zu bedeuten hat, als die Fürsten; daß ‚das Glaubensbekenntniß‘ ein aus innerem Drange hervorgegangenes Werk, daß es eine Nothwendigkeit ist, der ich ohne Widerstreben folgen mußte. Ein klares, verständiges Wort eines Dritten wird hier mehr und besser wirken, als alle directe schriftliche Auseinandersetzung von meiner eigenen Hand. Ich verlasse mich drum vertrauensvoll auf Ihre Güte und danke Ihnen im Voraus herzlich für Alles!“[3]




  1. Vergl. Jochmann’s Reliquien von Zschokke. 3, 232. – Hoffmann’s Gedicht macht sich über die mit fürstlichen Pensionen bedachten Dichter lustig.
  2. Vergl. Ein Glaubensbekenntniß. Zeitgedichte von Ferdinand Freiligrath. Mainz. Victor von Zabern. 1844. S. 307–314.
  3. Soweit Hoffmann. Daß diese durch die große Bewegung der Zeit weit von der Aufmerksamkeit der Gegenwart zurückgedrängten Vorfälle unsern alten Dichter noch heute beunruhigen, bezeugten mir wenige Zeilen, die ich über diesen Gegenstand später noch von ihm erhielt und die den Schluß dieser Mittheilung bilden mögen: „Weder Freiligrath noch mir wollte es bisher gelingen, einer richtigen Ansicht über unser Verhältniß zu einander Geltung zu verschaffen. In der Zeit der politischen Rückwärtserei hatte die sogenannte gute Gesinnung freies Spiel und konnte ungestraft lügen und schimpfen auf Alles, was der herrschenden Partei nicht recht war oder gefährlich schien. Nun, wir wollen uns trösten: wimmelte doch die deutsche Literaturgeschichte bis auf die neueste Zeit von so mancherlei Irrthümern, die wie ein Erbgrind immer von Neuem wieder zum Vorschein kommen, trotzdem daß die gründlichsten Heilcuren versucht worden sind. – Als Freiligrath auf deutschem Boden wieder wandeln durfte, war er nicht wenig überrascht über die biographischen Notizen, die er über sich zu lesen bekam. Am 17. Juli 1850 schrieb er mir von Düsseldorf aus: ‚Perfider und gleichzeitig stupider ist noch wohl kein Gedicht von der Gegenwart ausgebeutet worden, als jenes von mir Dir zugesungene.‘ Schloß Corvey, 1. Juli 1867.
    H. v. F.“