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Franz Bandholts Weihnachten

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Textdaten
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Autor: Johannes Wilda
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Titel: Franz Bandholts Weihnachten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 829–835
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1894
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Franz Bandholts Weihnachten.

Von Johannes Wilda. Illustriert von Fritz Gehrke.

Ein grauer Himmel, unter dem der Sturm aus Nordwest die tiefhängenden schwarzen Wolken jagt; eine graue öde Fläche, auf der es sich weißschimmernd hebt und senkt. So weit das Auge zu schauen vermag, nichts als Himmel und Meer, nichts als die unermeßliche, brausende Wasserwüste. Und doch – etwas steigt dort auf und ab; etwas, das wie ein umgekehrter Pendel nach rechts und links schlägt. In der Nähe gesehen, ist es ein einsames Schiff, ein Schooner unter Sturmsegeln, von den hinter ihm her stürzenden Wellenmauern ruckweise vorwärts geschleudert und einen Schaumberg vor seinem breiten, nach unten gesenkten Bug einherwälzend.

Aber das würde uns kaum fesseln: eine gleichförmige, trostlose Spätherbst-See mit einem sie durchpflügenden unausehnlichen Kauffahrteischiff. Es wäre an sich wirklich ganz uninteressant – und doch verfolgen wir diesen reizlosen Vorgang mit Aufmerksamkeit, weil wir wissen, daß Kapitän Bandholt die von Iquique mit Salpeter nach der Elbe segelnde „Athapaska“ führt, und daß er der Vater von Franz ist. Er selbst würde freilich nur sagen: von Meta, denn seine Gedanken weilen einzig bei dem Töchterchen, während er, ganz in gelbes Wachstuch und schwarzes Schmierleder verpackt, breitbeinig auf seinem naßglänzenden, schwankenden Achterdeck auf- und abtorkelt, wobei er jeden Augenblick einen Schuß nach vorn bekommt und jeweilig mit einem eingeknickten und einem lang seitwärts gestemmten Bein auf den jäh entstehenden Steilschrägungen des Deckes abstoppen muß. Ja, kennt denn Bandholt seinen Franz nicht ebensogut wie seine Meta? Freilich. Und er kennt ihn trotzdem nicht! Denn, wie kann man einen kennen, um den man sich nie bekümmert hat, den man selten sieht, wenn man ihn aber sieht, immer mehr in sich selbst zurückscheucht, indem man ihn unaufhörlich merken läßt, wie wenig er geliebt wird? – – Seit der Unglücksnachricht, die Bandholt unmittelbar vor der Heimkehr von Tante Schane erhalten hatte, daß Meta sterbenskrank sei, war er nicht nur in sich gekehrt und sackgrob – das pflegte er ja meistens zu sein – nein, er war in einen Zustand geraten, den noch niemand an ihm auf See gekannt hatte: seine eisige Ruhe hatte ihn verlassen, er war nervös geworden!

„Stüermann Negenmörder!“

„Kaptein?“

Bandholt hatte sich festgepflanzt; die Hände hinter dem Rücken gekreuzt, blickte er unter buschigen Brauen aus seinen tiefliegenden Augen in mürrischer Nachdenklichkeit in die Luft. Dann zeigte er kurz mit dem Daumen nach oben.

„Bramsegel bi!“

Negenmörder, auch ein erfahrener Seemann, wischte die Salzwassertropfen von seinen vorstehenden sommersprossigen Backenknochen und sah unruhig auf den Vorgesetzten. „Ick meen, wi hebbt all so to veel Segel, Kaptein.“

Bandholt schnitt, ohne eine Silbe zu erwidern, ein Gesicht, als ob er seinen Steuermann fressen wollte, deutete abermals energisch nach oben, spuckte aus und torkelte weiter.

Der Befehl wurde ausgeführt, aber wie Negenmörder sich schon gedacht hatte, kam die schwer arbeitende „Athapaska“ doch nicht schneller vom Fleck, und nach wenigen Minuten flog das Bramsegel in Fetzen davon.

Aber vorwärts, vorwärts, nicht beiliegen! Jede Stunde, die er verlor, erschien dem Kapitän unbezahlbar; je näher er der Heimat kam, desto aufgeregter war er geworden, – er mußte und mußte sein Kind noch einmal sehen! Jetzt schob er die Karte der Elbmündung zurück, die er eben in der Kajüte studiert hatte, und kletterte wieder an Deck, wo Negenmörder ab und zu den Leuten am Ruder beisprang. Auf Kopf und Schultern der Männer lag eine dicke Kruste von Schnee.

„Kaptein!“ schrie Negenmörder dem an eine Nagelbank sich festhaltenden Vorgesetzten durch das Toben von Wind und Wellen ins Ohr, „lang’ künnt wi nich mehr Kurs holen[1]!“

Bandholt nahm das Nachtglas, spähte nach Steuerbord aus und schwieg.

„Kaptein,“ begann Negenmörder wieder, „dat is nich üm mi – hier sünd wölk[2] an Bord, de Fru un Kinner hebbt! Jüst, wil Se an Ehr Kind denken, schullen[3] Se sick wat annehmen. So kamt wi nich lebenndi in de Elv herinner!“

„Wat, ünner Helgoland biedreihen[4]?“ schrie Bandholt. „Künnen Se dat, denn dohn Se dat!“

„Nee, Kaptein, ick kann ’t nich! Wenn ener dat noch kann, dann sünd Se dat alleen. Awerst ick glöw ok, wi hebbt nu all to lang dormit töwt[5].“

„Denn kümmt dat, hal mi de Deuwel, up ens herut!“

[830] „Nee, Kaptein, versöcht[6] mut warden! In ’n Namen vun de Lüd segg ick dat.“

„In’n Namen von de Lüd hebben Se dat Mul to holen! Verstahn Se mi?“ brüllte Bandholt.

„Denn maken Se mit Gott aff, wat Se nich laten künnen, Kaptein; ick heff mien Plicht dahn.“

Ein harter Kampf tobte in der Brust des Kapitäns; er sah ein, daß sein Eigensinn diese verzweifelte Lage verschuldet hatte. Er ließ außer Negenmörder Bootsmann Knüvnagel, Segelmacher Iversen und Zimmermann Jeve aufs Achterdeck kommen. Diese schienen schon gelauert zu haben.

„Ick tru mi noch ümmer to, de ‚Athapaska‘ heel[7] in de Elv herinner to bringen, Lüd! Ji wüllt mi awerst twingen, ünner Helgoland –“

„Twingen nich, Kaptein!“ protestierte Knüvnagel.

„Na, dat is en Dohn![8] Ji wüllt gegen mi utseggen[9], wenn dat in de Elv scheef geiht?“

Die Männer schwiegen.

„Good! Wi gaht ünner Helgoland, wenn – de Düvel uns nich vörher bie’n Kanthaken[10] nümmt! – All hands[11] up Deck!“

Dann ging der Tanz los. Als die „Athapaska“ an den Wind kam, legte sie der Schneesturm platt ins Wasser, und als sie sich endlich wieder aufgerichtet hatte, waren Boote, Schanzkleidung und Deckhütte fort. Dennoch war das Manöver ein Meisterstück gewesen, wie es nur der alte Bandholt fertig brachte. Er wies Dank und Lob seiner Untergebenen rauh zurück und knurrte: „Dat dicke Enn kümmt noch.“

Und leider sollte er recht behalten. Nach fünf Minuten brach der Klüverbaum, und damit geriet der Fockmast ins Wanken. Es ward unbedingt nötig, wieder abzuhalten.

„Stüerbord!“ brüllte Bandholt den Leuten am Ruder zu.

Das Schiff hatte aber dem Drucke noch nicht gehorcht, als gerade in diesem Augenblicke die Schneebö tückisch mit orkanartiger Wucht einsetzte. Und da geschah das Schrecklichste: der Fockmast neigte sich und stürzte, den Großmast mit sich reißend. So furchtbar heulte der Orkan, daß man das Krachen kaum aus dem Tosen heraushörte. Sturzseen, Finsternis und Schnee ließen die Hand nicht vor den Augen erkennen. Es war ein Augenblick, in dem die Hölle loszubrechen schien und der gewöhnlich geartete Mensch sich dem entfesselten Elemente gebrochen und verzweifelnd zum Opfer gegeben hätte. Aber der alte Bandholt stand mitten in der Zerstörung wie ein Löwe. Jetzt war er ruhig.

„Klart dat Wrack!“

Die Leute ermannten sich. Auf Leben und Tod wurde mit Messer und Beilen gearbeitet, das Deck frei zu machen; Bandholt immer allen voran, oft bis über den Kopf in See und Schaum. Nach anderthalb Stunden war das Werk gelungen. Am Stumpfe des Fockmastes hatte man mit Hilfe einer Bramraae ein Notsegel angebracht. Vor dem Sturme eilte das Wrack in die jetzt einzig mögliche Richtung – wieder auf die Elbmündung zu.

Bandholt wußte, daß der Großmast, als er noch an den Tauen gehangen, unter der Wasserlinie ein Loch in den Rumpf gestoßen hatte, und daß es nur eine schwache Möglichkeit für die Rettung gäbe: das schnell sinkende Schiff so hoch hinauf als möglich auf den Strand zu setzen.

Erschöpft, schier teilnahmlos arbeiteten die Leute im eisigen Wasser an den Pumpen. Wenn es nur Tag werden wollte! In solcher Nacht dünkt dem Menschen das Licht der einzige Hoffnungsstrahl zu sein. Ja, ein Licht kam wohl, aber nicht das des Tages, sondern das eines Küstenfeuers.

„Neuwerk!“ flüsterte Negenmörder gepreßt und biß die Zähne aufeinander. Bandholt ließ die Rettungsringe verteilen.

Da zitterte ein heftiger Schlag durchs Schiff, es hatte auf Grund gestoßen. Und wieder wurde es gehoben, stieß abermals und trieb von neuem, bis es endlich mit einem heftigen Ruck in der Brandung festlag. Das Feuer von Neuwerk blinkte jetzt schwach auf der anderen Seite. Man hatte nichts, um sich bemerkbar zu machen; kein Mensch konnte sich auf Deck halten. Unter dicht verschotteten Luken hockten sie alle, so trocken es ging, stumm aneinander geduckt im finsteren Raum, ihr letztes Vertrauen auf die Festigkeit des Rumpfes setzend.

Der Schneesturm fegte nach wie vor die brausenden Wogen heran; wie geifernde Tiger überstürzten sie sich und schmetterten in wilder Brandung unaufhörlich hinweg über das verlorene Wrack. Und plötzlich ging ein Krachen durch das ganze Gebälk. Instinktmäßig griff jeder nach seinem Korkring, und dann tasteten die Hände der Männer im Dunkeln nach einander und tauschten einen stummen Abschiedsgruß.


„Franz, Schlüngel, was hast Du Meta wieder aufzuwecken! Mach, daß Du von ihr abkommst!“ zankte Tante Schane.

Franz schlich schweigend aus der finstern Ecke, wo das Bett der kleinen Meta stand, und setzte sich auf den Holzstuhl ans Fenster – oder vielmehr auf seine Hände, eine ungeschickte Gewohnheit, die daher rührte, daß er auf diese Weise das Brennen von Tante Schanens Klapsen zu mildern oder auch ihnen ganz zu entgehen hoffte.

Eine feine Stimme aus dem Dunkel klagte: „Laß ihm doch, Tante! Morgen steh’ ich doch all wieder auf!“

Tante Schane saß strickend am anderen Fenster der dämmerigen Stube. Ihr langer Oberkörper wiegte dabei taktmäßig hin und her, als wäre sie begeistert durch eine nur von ihr gehörte Tanzmusik, was ihr in der ungewissen Beleuchtung etwas sehr Gespenstisches verlieh. Sie zog eine Nadel aus dem ellenlangen Wollstrumpf, stocherte sich damit im Haar herum, steckte sie dann wieder in die Maschen und ließ die Nadeln leise und emsig weiter klirren, bis sie endlich erwiderte: „Das is eins! Wenn Vater kommt, sollst Du wieder gut zu Wege sein! Du meine Güte, wo wär’ mir das woll gegangen, wenn ich Dir nich’ durchgekriecht hätte?“

Dann wendete sie das dünn behaarte, glatt gescheitelte Haupt zum anderen Fenster. „Junge, Junge, das wird wieder ’n schönen Weihnachten für Dich geben! So ’n richtigen Nagel zu Dein Vater sein Sarg bist Du doch! Wozu Dich der liebe Gott in die Welt eingesetzt hat, das soll ’mal einer raten!“

Franz war nachgerade vollständig überzeugt davon, daß er ein Nagel zu seines Vaters Sarg sei und daß niemand es erraten könne, er selbst mit inbegriffen, warum er auf die Welt gekommen wäre. Die Leute hatten es ihm längst erzählt, daß er seiner Mutter – jetzt vor zwölf Jahren – bei seiner Geburt das Leben gekostet hätte; und wie er, mit vier Jahren, dann seine Stiefmutter, Metas rechte Mutter, ins Grab gebracht hatte, stand ihm noch deutlich vor Augen. Die Stiefmutter war schwer krank gewesen; da hatte er in seinem Unverstand die Katze ins Schlafzimmer gelassen, damit die einjährige kleine Schwester mit ihr spielen sollte. Die Katze aber hatte sich nachts oben auf das Kind gelegt; und als nun die Mutter, da es so merkwürdig ruhig war, im Dunkel nach dem Kinde griff, war ihr das Tier ins Gesicht gesprungen. Meta aber lag ohne Atem da und es schien, als ob das kleine Herz bereits [831] still stände. Darüber hatte sich die junge Mutter so entsetzt, daß sie nicht mehr aufkam.

Schläge hatte Franz damals nicht erhalten – er mußte bloß immer still in einem Winkel sitzen, wo sich niemand um ihn kümmerte. Nur die Katze war zu ihm gekrochen. Da aber hatte der Vater die Katze gepackt und gegen die Wand geworfen, daß sie mit gebrochenem Genick liegen blieb; und Franz hatte einen Fußtritt bekommen, der ihm beinahe dasselbe Schicksal bereitet hätte. Dann war das ganze Haus schwarz gewesen, und Metas Mutter war in einem gelben Sarg mit weißen Spitzen aus dem Haus getragen worden, und sein Vater hatte sich über den Sarg geworfen und laut geweint.

Und das war alles, alles seine Schuld!

Ein grauer Wasserdunst, in dem die Laternen der Brücke rötlich und trübselig glimmten, lastete über dem Fleet, eingeklemmt zwischen den schwarzen, hölzernen Speichern und den auf gesenkten Pfählen ruhenden Rückseiten der alten Häuser. Franz saß noch immer auf seinen Händen; er starrte zu dem kupfergrünen Dache von St. Katharinen empor, wo er noch eben den die Turmspitze umschließenden Kronreif erkennen konnte. Der war aus Gold geschmiedet, das man dem großen Seeräuber Störtebeker abgenommen hatte; Franz wußte das genau. Wenn er doch auch Seeräuber werden und so viel Gold sammeln könnte! Er würde es dann dem Vater schenken, der ja immer in Geldsorgen lebte. O, vielleicht würde der Vater ihn dann auch lieb haben! Meta sollte zu ihm aufs Räuberschiff und ihm ’was kochen und es überhaupt sehr gut haben. Und Tante Schane? Ja, ein Jahr mindestens mußte sie angekettet bei den Geistern, Schlangen und Molchen im Keller seines Raubschlosses liegen. Wenn sie ihn dann um Verzeihung bitten würde, wollte er sie, mit einer Hand voll Gold zu ihrem Lebensunterhalt, laufen lassen. Er wollte auch kein gottloser Räuber sein, nur die reichen .….

Tante Schanes Aufstehen, bei dem sie immer länger und gespenstischer ward, unterbrach seine schönen Träume. Tante Schane erinnerte sich nämlich mit einem entsetzten: „Ach Du mein Großmächtiger – wat bün ick wedder för’n Blau-Ackermann!“[12], daß sie vergessen hatte, Petroleum in die Lampe zu gießen. Eilfertig schlürfte sie in die Küche; da sie dabei ihr heruntergefallenes Strickzeug hinter sich herschleifte, so ließ sich der Vergleich mit einer zierlichen Bachstelze kaum für sie aufrecht halten – sie sah eher aus, als ob sie unseligerweise bereits im Burgverließe mit der Kette am Bein umherirre.

Knapp befand sie sich draußen, so schoß Franz an das Bett. Die Geschwister umschlangen sich und legten ihre Waagen aneinander.

„Meta, weißt Du, was ich Vater zu Weihnachten machen will?“

„Nee!“ sagte Meta.

„Die ‚Athapaska‘! Der Rumpf ist schon fertig!“ rief Franz, und man merkte der Stimme ordentlich an, wie seine Augen strahlen mußten.

„Jungedi, kannst Du das?“

„Können?“ meinte Franz verächtlich. „Es kostet man ’ne Masse Geld. Zwei Mark hab’ ich mir all vom Sommer her gespart.“

„Dann hast Du woll all die Zeit ohne Frühstück in der Schule gesessen?“ rief Meta bestürzt.

„Warum nich? Verhungert bin ich da auch nich bei.“

„O, wenn Tante Schane das wüßte! Die haute Dir halbtot!“

Franz zuckte die Achseln. Dem Schwesterchen aber kam das kühne Unterfangen entschieden nicht ganz geheuer vor. Wie sie noch so hin und herredeten, ging draußen hastig die Treppenthür. Die Kinder hörten ein Schluchzen und eine fliegende jammernde Stimme. Das konnte nur Wiesche Negenmörder sein, die rothaarige Schwester des rothaarigen Steuermanns – die hatte so eine wehleidige Stimme. Aber was war das? Den Kindern stockte das Blut. Abgerissene Worte drangen herein: „Athapaska – Depesche von Neuwerk – alle, alle –!“

Und dann kreischte Tante Schane laut auf, und ebenfalls aufschreiend war Meta mit einem Satz aus den Kissen gesprungen und barfuß hinaus, während Franz, vor Schreck unfähig, sich zu regen, an dem Bettrand auf den Knien liegen blieb.

*  *  *

Aus dem Reste des schmelzenden Talglichts ragte der Docht seitwärts lang heraus und beleuchtete mit seiner rötlich schmauchenden Flamme die steifgefrorenen Finger des kleinen Franz, sein zierlich getakeltes Schiffchen, die Dachsparren, das alte Bett mit der durchlöcherten karrierten Pferdedecke, während es in dem mit Eiskrystallen bedeckten schrägen Dachfensterchen sich glitzernd spiegelte. Franz schauderte vor Kälte.

Da klopfte es leise dreimal an die Thür. Der Knabe schob von seinem Stuhl aus den Riegel zurück. Meta, mit wirrem Haar, im kurzen Flanellröckchen, ein Tuch um die Schultern geschlagen, schlüpfte herein.

„Gleich geht Dein Licht aus! Bist Du nicht bang?“ wisperte sie, furchtsam in die dunkle Kammerecke starrend.

„Nee!“ flüsterte Franz stolz. „Meinst Du, daß Störtebeker bang gewesen ist?“

„Du bin auch noch lang kein Störtebeker!“

„Kommt noch, mein Deern!“

„Nee, so’n alten gräsigen Seeräuber, den sie sein’ Kopf abhauen, sollst Du nich werden!“

Franz spitzte überlegen die Lippen. „Guck ’mal!“

Er blies zur Erwärmung in seine zusammengelegten Hände und winkte mit den Augen nach seinem Schiffe hin.

„O du mein, is das fein geworden! Da kann Vater sich ’was über freuen! Aber weißt Du, rechten Weihnachten wird das diesmal doch nich.“

„Kriegen wir kein’ Baum? Bitt’ Vater doch noch ’mal!“

„Ach, das hilft ja nich! Er spricht ja nu mit mir auch nich mehr! Und heut’“ – sie blickte scheu nach der Thür und näherte ihren Mund dem Ohre des Bruders, „heut’ soll er vor Gericht!“

[834] Des Knaben Kopf fuhr mit weit geöffneten Augen zurück. „Vor Gericht? Bist verrückt? Vors Seeamt kommt er! Na, das is doch nich schlimm!“

Meta verzog das Gesicht zum Weinen. „Nee, nee! Wiesche Negenmörder hat zu Tante gesagt, daß Herr Voß gesagt hätte, daß Vater zu Loch käme!“

„Deern, man nich so laut, sie hört uns ja! – So’n Unsinn! Wie kannst da bloß ’an glauben?“

„Doch, doch! In der ersten Zeit, als Vater kam, hat er mich ja von sein Schoß gar nich runter gelassen, und jetzt schiebt er mir immer ab und guckt mir immer an, als ob ich schuld an ’was wär’!“

Franz versank in ernstes Nachdenken, dann sagte er: „Du bist an nix schuld; das werd’ ich woll wieder sein, das is ja immer so gewesen.“

Das Docht-Ende des Lichtes hatte sich mittlerweile zischend auf die Seite gelegt; die Flamme zuckte noch einigemal auf und erlosch dann. Gleich darauf dröhnte es dumpf vom Katharinenturm herunter. Sieben Uhr! Die Kinder erschraken. Meta glitt wie ein Wiesel aus der Kammer; Franz aber kroch noch auf ein paar Minuten zur Erwärmung ins Bett. Zitternd wickelte er sich dicht in die alte Decke, indem er seine Knie bis an die Brust hinaufzog.


„Die ‚Athapaska‘ hielt wunderbarerweise auch diese letzte furchtbare Grundsee aus und nach fünfzehn Stunden wurden wir endlich von dem Rettungsboot geholt. Weiter weiß ich nichts mehr auszusagen; wir alle aber bedauern, daß gerade unserem Kapitän dies Unglück zustoßen mußte.“ So schloß Negenmörder seinen Zeugenbericht.

Nachdem auch die anderen Zeugen verhört waren und der Reichskommissar sehr scharf gesprochen hatte, zogen die Mitglieder des Seeamtes sich zurück, um bald wieder zu erscheinen. Der Vorsitzende erklärte: in Anbetracht des vorzüglichen Verhaltens des Schiffers Bandholt unmittelbar vor und nach der Strandung sei auf eine Entziehung des Schiffsführerpatentes nicht erkannt worden, wohl aber müsse dem Schiffer wegen zu unvorsichtiger Navigierung, nachdem er das Gebiet der Nordsee erreicht hätte, eine ernste Rüge ausgesprochen werden.

Bandholt stand noch mit gesenktem Kopfe da und ließ seinen weichen, schwarzen Filzhut durch die rauhen Finger gleiten, als ein kleiner, alter Herr mit weißem Backenbart sich hastig an ihm vorbeischob, Negenmörder flüchtig die Hand gab und in der Thür verschwand. Der Kapitän zuckte zusammen. Diese Nichtbeachtung seiner Person war erst der entscheidende Spruch gewesen! Er kannte den Grundsatz seines alten Reeders, keinem Kapitän wieder ein Kommando zu geben, der einmal ein Schiff verloren hatte. Aber innerlich hatte er sich bis zum letzten Augenblick an die Hoffnung geklammert, daß Herr James Voß dieses einzige Mal eine Ausnahme machen würde. Er hatte nichts ersparen können; er wußte, daß er nach diesem amtlichen Tadel von keinem andern Reeder angestellt werden würde. Er sah seinen Ruin vor Augen. Und das hatte er selbst seinem Abgott, seiner kleinen Meta zugefügt!

Der Tag nach der Verhandlung war der 24. Dezember. Es war aber kein Weihnachtswetter, es regnete ununterbrochen, und noch früher als sonst brach die Dämmerung an. Die Kinder lagen in der Bodenkammer platt auf dem Fußboden, mit dem Ohr auf der Dielenritze. Jedes Wort hatten sie verstehen können, das zwischen dem Vater und Negenmörder gewechselt wurde. Sie wußten jetzt, daß der Vater nicht „zu Loch käme“, aber daß Herr Voß ihm seinen Posten kündigen wollte und daß er dann ein „verlorener Mann“ wäre. Sie konnten sich nicht recht vorstellen, was ein „verlorener Mann“ sei, nur daß es etwas Entsetzliches sein müsse, sagten sie sich. Es ward ihnen furchtbar bange. O, wenn sie ihm doch bloß hätten beistehen können!

Mit einem Mal schnellte Franz empor. „Meta, ich weiß ’was!“

Meta wischte sich Augen und Nase mit dem Handrücken und sagte ungläubig und kläglich: „Na?“

„Wir wollen zu Herrn Voß und für Vater bitten!“

„Meinst Du? Sie sagen ja aber alle, daß Herr Voß nix umsonst thut,“ wandte Meta weltklug ein.

„Soll er auch nicht! Ich schenk’ ihm die ‚Athapaska‘ zu Weihnachten!“

„Dann kriegt Vater ihr ja nich!“

„Dumme Deern, wenn er sich tot macht, weil er nu kein Schiff mehr hat, könnte er doch auch nix mit ihr anfangen! Komm flink! Um fünf Uhr fährt Herr Voß nach Harvestehude hinaus und denn können wir ihm nachflöten!“ –


„Wenn die Kinder meinen, daß sie wirklich so ’was Wichtiges haben, so lassen Sie sie hereinkommen!“ sagte Herr James Voß zu dem wartenden Diener, während er etwas verdrießlich ein Schriftstück zurückschob, zu dem er sich nur sehr ungern endgültig entschlossen hatte und das er erst nach dem Feste abschicken wollte. Es war an den Schiffer Herrn A. Bandholt, hierselbst, gerichtet.

Gleich darauf traten Franz und Meta ein und blieben nach einem heiteren „Guten Abend“ stumm an der Thür stehen. Herr James Voß drehte sich mitsamt seinem Sessel halb herum, setzte seinen goldenen Kneifer auf die Nase und starrte ins Halbdunkel.

Kühnen Entschlusses kam Franz mit dem enthüllten Schiffe näher; zaghaft trippelte Meta nach. Herr Voß warf einen flüchtigen Blick auf das Schiff.

„Unser Vater is Kapitän Bandholt, und wir wollten Ihnen gern ’was zu Weihnachten schenken, Herr Voß.“

„Mir? Das Ding da? Hat euer Vater euch geschickt?“ fragte Herr Voß scharf.

„Nee, Vater weiß da nix von,“ sagte Franz, dem es bereits unheimlich wurde.

Der Kaufmann betrachtete streng prüfend den Knaben. Nein, er konnte an der Wahrheit nicht zweifeln; aus dem unschönen Kindergesicht sah ihn ein Paar außerordentlich treuer ehrlicher Augen fest an.

„Na, Jung’, wie kommt Ihr denn dazu?“

Franz hatte sich die Sache ganz anders vorgestellt gehabt. Mühsam das aufsteigende Weinen bekämpfend, stieß er hervor: „Damit Sie Vater als Kapitän behalten!“

Herr James Voß sprang auf und stellte sich, die Hände in den Taschen, die Rockschöße über den Armen, vor die Kinder hin, die erschreckt einen Schritt zurückwichen. Meta, der die hellen Thränen über die Wangen rannen, zupfte Franz heimlich an der Jacke – es schien ihr die höchste Zeit, auszureißen. Aber Franz blieb standhaft.

[835] „Bengel, Du willst mich wohl bestechen?“

„Jawoll,“ sagte Franz ehrlich, da er glaubte, daß das ihm nur halb verständliche Wort ungefähr zutreffen könne.

Herr Voß lachte kurz auf. „Deern, verkriech’ Dich doch nicht; meinst Du, ich will Dich spießen?“ wendete er sich dann an Meta. „Um Deinetwillen hat Dein Vater woll so verrückt gesegelt? War ’n schöner Unsinn, Du siehst ja jetzt wieder aus wie das reine Leben!“

Meta hätte in diesem Augenblick viel darum gegeben, nicht wie das reine Leben auszusehen.

Und wieder Franz zugekehrt, fuhr der Kaufmann, auf das Schiff deutend, fort: „Setz’ das Dings ’mal unter die Lampe, daß man es sehen kann!“

Franz gehorchte nur widerstrebend; eine Hand behielt er daran. Sein Geschäft schien ihm auf recht unsicheren Füßen zu stehen.

Herr Voß zeigte ein höchst überraschtes Gesicht.

„Donnerwetter noch ’n Mal, Jung’, das ist so die ‚Athapaska‘! Du denkst woll, wenn der Vater die große verloren hat, nehm’ ich die kleine vom Sohn als Ersatz dafür? Wo hast Du das Modell hergekriegt?“

Der Künstlerstolz ließ den Busen des Jungen schwellen. „Das hab’ ich selbst gemacht!“

„Du? Na, na!“

„Ja, bloß bei’n Rumpf hat Schiffszimmermann Thomsen mir bei geholfen.“

„Das wär’! Wenn Du das nicht sagtest, würd’ ich es nicht glauben.“

Eine Pause entstand, worauf Herr Voß mit weicherer Stimme fortfuhr. „Na, geht man wieder nach Haus, Kinder! Dein Schiff kannst Du hier lassen, Jung’. – Was meinst Du, was ich Dir bezahlen soll?“

Da fuhr aber der sonst so verschüchterte Franz mit erregter Stimme auf. „Nein, Geld will ich nich, Herr Voß! Wenn Sie Vater nich behalten wollen, denn will ich auch mein Schiff wieder!“

Herr James Voß riß die Augen auf.

„Hallo, hallo, Jung’! Denkst Du, Geld ist nichts in der Welt? Da irrst Du Dich gewaltig! Aber – ich muß wenigstens die Sache noch überlegen.“

Doch Franz schüttelte den Kopf. „Ich will es doch man lieber so lang mitnehmen,“ meinte er und hob den kostbaren Gegenstand wieder auf den Arm, ohne daß Herr Voß ihn daran hinderte.

„Komm, Meta!“

Die Kinder schritten zur Thür, brachen aber gleichzeitig in heftiges Schluchzen aus.

„Halt’ noch’n Mal!“

Die Faust auf die Schreibtischkante gestützt, stand der Reeder sinnend da. Er besaß selbst keine Kinder und hatte sie bis zu diesem Augenblicke nie vermißt. Aber jetzt ging ihm mit einem Male die Erkentnis auf, was für ein Schatz sie seien. Zum erstenmal empfand er auch, welcher Jammer es für ein Kind sein müsse, den Vater leiden zu sehen.

Er räusperte sich. „Hm! Stell’ das Schiff nur wieder hin, Jung’! Ich will einen Brief an Deinen Vater schreiben, daß er in Gottes Namen seine Stelle behalten soll.“

Die Kinder sahen sich still mit leuchtenden Blicken an, während die Feder des Kaufmanns über das Papier flog.

„So! Nun macht, daß Ihr wegkommt, ich muß auch fort! Vergnügtes Fest!“ – –

Wie die Beiden nach Haus kamen? Natürlich wie unsinnig springend und tanzend.

Auf der Treppe, die unmittelbar von der Straße nach oben führte, verlor Franz aber urplötzlich allen Mut. „Du, Meta, wenn ich ihm den Brief geb’, denn is da am Ende doch was nich recht an.“

Zögernd nahm Meta den hingehaltenen Brief. Da streckte sich auch schon Tante Schanens spitze Nase über das Treppengeländer vor.

„Meine Güte, wo bleibt Ihr denn bloß wieder heute? Flink in die Schlafstube, Meta! Und Du, Franz, machst, daß Du nach oben kommst, bis Du gerufen wirst!“

Franz schlich in seine kalte dunkle Kammer; ihm war es höchst zweifelhaft geworden, ob er dem Vater zu Dank gehandelt habe oder nicht. – Die Regenwolken hatten sich verzogen, das Mondlicht funkelte auf Störtebekers Krone. Und mit einemmal fingen die Glocken an zu läuten, nah und fern, von St. Katharinen und St. Petri, von St. Jakobi, St. Nikolai und St. Michaeli. Dem Jungen ward ganz feierlich zu Mute. Er faltete die Hände und betete: „Lieber Gott, laß mich doch bloß besser werden, und wenn Du kannst, dann mach’, daß Vater mich lieb hat!“ Und nun war es ihm, als sähe er den heiligen Stern und darunter die Krippe mit dem Christkind, von dem ein Glanz ausging, tausendmal heller als von der goldenen Krone.

„Franz, Franz, schnell!“ Meta rief’s, die Treppe so eilig heraufpolternd, daß sie immer die Stufen verfehlte.

„Ich komme ja schon! Was is los?“

„Das sag’ ich nicht!“ Und sie zog den Bruder mit hinunter.

Die Wohnstubenthür öffnete sich, und Franz stand ganz verdutzt da. Nicht, daß es in der That so großartig gewesen wäre, was sich seinen Blicken bot, nein, das nicht! Nur das Unerwartete, das Hinüberspinnen seiner Phantasie von der leuchtenden Wiege des Christkindes zu dem im Lichterschmuck strahlenden kleinen Tannenbaum machte es. Negenmörder und seine Schwester, die auch im Zimmer waren, hatten den Kindern das Bäumchen beschert.

Aber es war doch nicht der Baum, was Franz am allermeisten in Erstaunen setzte. Wie gebannt hing sein Blick an seinem Vater, der ihn mit ausgebreiteten Armen erwartete – ihn, den ungeliebten Franz! Er vermochte es nicht zu fassen.

„Franz, Franz! Mien lewe, lewe Jung’!“

Da stieß Franz einen ganz sonderbaren Glücksschrei aus und warf sich zum erstenmal im Leben an die Brust seines Vaters, wo er in ein heftiges Schluchzen ausbrach. Der Vater bettete den Erregten selbst auf das Sofa, und allmählich erholte sich Franz. Seine Blicke wanderten hin und her zwischen den Lichtern am Baum und dem Vater und Meta, die seine Hände streichelten. Ein von der Flamme erreichtes Zweiglein flammte knisternd auf und verbreitete einen köstlichen Duft. „Vater, Vater!“ flüsterte der Knabe immer wieder.

Die lang verschmachtete Kinderseele schien sich an dem süßen Klange dieses Wortes gar nicht ersättigen zu können.

Das war Franz Bandholts Weihnachten!




  1. halten.
  2. welche.
  3. sollten.
  4. beidrehen.
  5. gewartet.
  6. versucht.
  7. heil.
  8. ein Thun = einerlei.
  9. Vor Gericht aussagen.
  10. Beim Schlafittchen.
  11. Alle Hände = alle Mann.
  12. Eine Bachstelze.