Zum Inhalt springen

Frühlingsbowlen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor: L. H.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Frühlingsbowlen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 324 d
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Vgl. Die Bereitung warmer und kalter Bowlen, 1885.
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[324 d] Frühlingsbowlen. Wenn draußen Frühlingssonnenschein lacht und Blatt um Blatt, Blüte um Blüte sich enthaltet, so weckt die Lenzespracht draußen mit den Liedern jubilierender Vögel auch im Menschen neue Lust und ungetrübten Frohsinn. Und niemals herrschen ungetrübte Heiterkeit und Freude mehr im gemütlichen Freundeskreise, als wenn die Hausfrau die erste „Frühlingsbowle“, den duftenden Maitrank uns kredenzt. Das „weingewordene Lied der Freude“ hat ein Dichter die Maibowle einmal genannt und sie verdient diese Bezeichnung mit Recht, wenn – und hier möchte ich einen Riesengedankenstrich machen – der Maitrank mit Lust und Liebe nicht allein, nein, besonders auch mit Sachverständnis bereitet wurde. Was man aber oft unter dem Namen Bowle vorgesetzt erhält, darüber würde ich aus Höflichkeit schweigen, wenn nicht tags darauf ein „Brummschädel“ deutlich davon redete.

Unsere Hausfrauen sündigen häufig bei der Bowlenbereitung auf eine erschreckliche Weise; herrscht doch bei vielen die Meinung, daß zur Bowle der billigste Wein gerade gut genug sei, denn bei der Mischung von Wein mit Zucker, Kräuter- oder Fruchtaroma kommt der Wein, wie sie sagen, doch nicht zur Geltung, da diese ihn verdecken. Ist aber eine Bowle sachkundig gebraut, so verdeckt Würzung und Süße den reinen Weingeschmack nicht, denn der Wein soll nur mit so viel Zucker gesüßt werden, daß sein Säuregeschmack zurücktritt, das Aroma aber, sei es, was es wolle, soll dagegen wohl bemerkbar, aber nicht vorherrschend sein. Bei Bowlen, die Anspruch auf Anerkennung machen, wird sich also aus den angegebenen Gründen die Verwendung der sogenannten „Bowlenweine“ verbieten, wenn die Hausfrau sie nicht aus falscher Sparsamkeit nimmt und die Bowle rettungslos verdirbt.

Ebensowenig aber wie saure Weine sollen schwere, leicht berauschende Weine zur Bereitung von Bowlen genommen werden; gute lieblich schmeckende Mosel- und Ahrweine sind die geeignetsten Bowlenweine, und nur ein Zusatz, etwa 1 zu 5, von schwerem Rheinwein giebt nach dem Urteil der Kenner der Bowle die höchste Vollendung. Manche Feinschmecker empfehlen übrigens besonders für die Maibowle die Zugabe von etwas rotem Rheinwein (ja nicht herbem französischen Rotwein!), der, wie ich nach vergleichenden Erprobungen bestätigen möchte, in der That trefflich mit dem Geschmack des Maitrankes harmoniert. Schaumwein ist für die Frühlingsbowle wohl entbehrlich, für andere Sommerbowlen dagegen wie Erdbeer-, Pfirsich-, auch Ananasbowle von großer Wichtigkeit. Es braucht kein teurer Champagner zu sein, ein leichter Schaumwein genügt völlig, für einfache Verhältnisse kann man sogar recht gut Fruchtschaumwein nehmen. Fruchtweine überhaupt, teilweise mit Traubenweinen oder ganz als deren Ersatz angewandt, sind zur Bereitung einfacher Bowlen immer besser als die sauren Krätzer von „Bowlenweinen“. Dagegen ist von dem Ersatz des Schaumweines durch Selterswasser, wie es oft genommen wird, abzuraten; seiner Salze wegen ist es völlig unbrauchbar und verdirbt den guten Geschmack der Bowlen. Wem Fruchtschaumwein noch zu teuer ist und wer dennoch den leichten prickelnden Geschmack auf der Zunge nicht missen möchte, der muß „kohlensaures“ Wasser verwenden.

Wieviel Zucker auf jede Flasche Wein zu nehmen ist, läßt sich niemals genau bestimmen. Eine genaue Gewichtsangabe könnte nur Unheil anrichten, da die Säure des Weines dafür ausschlaggebend ist. Wohl aber erscheint es angebracht, vor der Verwendung von Streuzucker bei Bereitung von Bowlen zu warnen, bei dessen Gebrauch man sehr leicht ein „Zuviel“ zusetzt. Am praktischsten ist die Bereitung eines Zuckersirups zum Versüßen der BOwlen, zu dem man 1 kg Zucker mit 1/2 l Wasser aufsetzt, gut schäumt und 5 Minuten kocht, um dann den Sirup zu filtrieren und in kleine Fläschchen zu füllen. Ein Weinglas dieses Zuckersirups ist gleich 100 g Zucker. Mit dem Zuckersirup läßt sich am besten der „Indifferenzpunkt“ des Weines, also der Punkt, wo die Weinsäure zurück-, der Zuckergeschmack aber nicht hervortritt, treffen.

Auch die Zuthat der verschiedenen Würzen läßt sich nicht genau vorschreiben, bei ihnen wird der persönliche Geschmack stets ausschlaggebend sein. Bei der Maibowle ist jedoch vor dem zu langen Ausziehen des Waldmeisters zu warnen, da sich in diesem Falle nicht nur der aromatische Stoff des Waldmeister, das „Cumarin“, sondern auch andere bittere Stoffe lösen. Am besten hängt man das Maikraut mit den Spitzen an einem Faden so lange in den Wein, bis eine Probe zeigt, daß er genügend Aroma besitzt. In leicht angewelktem Zustande entwickelt der Waldmeister übrigens das meiste Aroma. Die Zuthat anderer Würzkräuter wie Melisse, Johannisbeerblättchen etc., wie dies manche Vorschrift angiebt, ist nicht zu empfehlen: das Aroma des Maitranks leidet durch sie, nur einige Scheiben entkernter Apfelsinen, die man zuletzt in die Maibowle legt, können als harmonisch zum Aroma passend empfohlen werden.

Am schlimmsten aber ist der Zusatz von Rum, Arrak oder gar Cognac zu jeglicher Bowle, welcher diese stets verdirbt und nur einem verbildeten Geschmack zusagen kann, ganz abgesehen von den wenig angenehmen Nachwirkungen solcher Bowlen auf Geist und Körper.

Endlich ist die Temperatur der fertigen Bowlen nicht als unwesentlich zu betrachten. Bowlen im Frühling dürfen nicht so stark gekühlt werden wie im heißen Hochsommer, auch werden sie um so weniger gekühlt, je leichter die zu ihrer Bereitung verwendeten Weine sind. Am richtigsten wird im Frühling eine Temperatur von 10 bis 12° R., im Hochsommer eine solche von 7 bis 9° R. sein. Ein Eisschrank ist zum Kühlen am angenehmsten; wer ihn nicht besitzt, kann durch eine peinlich saubere, mit kleinen Eisstückchen gefüllte Flasche, die man in die Bowle legt, dieser die richtige Temperatur geben.

Wer aber bei solch trefflicher Maibowle, die man mit einem Kranz Frühlingsblüten umwindet, die echte Frühlingsstimmung nicht finde – dem ist nicht zu helfen, er bleibt ein Griesgram sein Leben lang. L. H.