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Flammenzeichen/II

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Autor: E. Werner
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Titel: Flammenzeichen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1–9, 10–14, S. 309–316, 343–353, 372–376, 378–382, 404–413, 436–444
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[309] „Freust Du Dich denn über mein Kommen, Hartmut?“ fragte Willibald, noch etwas zaghaft. „Ich fürchtete beinahe, es würde Dir gar nicht recht sein.“

„Nicht recht, wenn ich Dich wiedersehe nach zehn langen Jahren?“ rief Hartmut vorwurfsvoll, und nun zog er den Freund neben sich nieder und begann zu fragen und zu erzählen und überschüttete ihn mit Herzlichkeit, so daß Willy jede Scheu verlor und auch zu der alten Vertraulichkeit zurückkehrte. Er berichtete, daß er erst seit drei Tagen in der Stadt sei und sich auf dem Wege nach Fürstenstein befinde.

„Richtig, Du bist ja Bräutigam!“ fiel Rojanow ein. „Ich hörte es schon in Rodeck, wer der künftige Schwiegersohn des Oberforstmeisters ist, und habe auch Fräulein von Schönau einmal gesehen. Laß Dir herzlich Glück wünschen!“

Willibald nahm den Glückwnnsch mit einem ganz eigenthümlichen Gesichte auf und sah zu Boden, als er halblaut entgegnete:

„Ja – eigentlich hat mich die Mama verlobt.“

„Das konnte ich mir denken,“ sagte Hartmut lachend. „Aber Du hast doch wenigstens aus freien Stücken ‚ja‘ gesagt?“

Willy antwortete nicht, er besah sich noch immer angelegentlich den Teppich, der den Boden bedeckte, und plötzlich fragte er ganz unvermittelt:

„Hartmut – wie machst Du es eigentlich, wenn Du dichtest?“

„Wie ich das mache?“ Der Gefragte unterdrückte mühsam das Lachen. „Das ist wirklich nicht leicht zu erklären, ich glaube kaum, daß ich es Dir genügend auseinandersetzen kann.“

„Ja, es ist ein schnurriger Zustand, das Dichten,“ stimmte der junge Majoratsherr mit traurigem Kopfschütteln bei. „Ich habe es auch durchgemacht, gestern abend, als ich aus dem Theater kam.“

„Was? Du hast gedichtet?“

„Und wie!“ sagte Willy mit hohem Selbstgefühl, fügte dann aber etwas kleinlaut hinzu: „Ich kann nur die Reime nicht finden, und es klingt auch ganz anders als Deine Verse. Eigentlich ist es doch nicht so recht gegangen, und da möchte ich Dich fragen, wie Du die Geschichte eigentlich anfängst. Weißt Du, es sollte nichts Großartiges und Romantisches werden wie Deine ‚Arivana‘, nur ein ganz kleines Gedicht.“

„Natürlich an ‚sie‘,“ ergänzte Hartmut.

„Ja, an ‚sie‘,“ bestätigte der junge Gutsherr mit einem tiefen Seufzer; jetzt aber lachte sein Zuhörer hell auf.

„Du bist ein Mustersohn, Willy, das muß man zugestehen! Es kommt ja vor, daß man sich auf väterlichen oder mütterlichen Befehl verlobt, aber Du verliebst Dich auch noch pflichtschuldigst in die Braut, die Dir von allerhöchster Seite zuertheilt ist, und dichtest sie sogar an.“

„Es ist ja aber nicht die Rechte!“ rief Willibald plötzlich mit einem so jammervollen Ausdruck, daß Rojanow ihn betroffen ansah. Er glaubte wirklich, es sei nicht recht richtig mit seinem Freunde, und dieser mochte selbst fühlen, daß er einen etwas sonderbaren Eindruck mache. Er begann daher eine Erklärung, aber so überstürzt und sprunghaft, daß die Sache dadurch nur noch verwickelter erschien.

„Ich habe nämlich heute morgen einen Streit gehabt mit einem unverschämten Menschen, der sich unterstand, eine junge Dame zu beleidigen, Fräulein Marietta Volkmar vom hiesigen Hoftheater, und das leide ich natürlich nicht. Ich schlug ihn gleich auf der Stelle zu Boden, und das würde ich noch einmal thun, wenn es darauf ankäme, und das thue ich überhaupt mit jedem, der Fräulein Volkmar zu nahe kommt!“

Er holte so drohend aus, daß Hartmut ihn schleunigst am Arme ergriff und festhielt.

[310] „Nun, ich beabsichtige das nicht zu thun, mich kannst Du vorläufig noch verschonen. Aber was hast Du denn mit Marietta Volkmar, dem kleinen Tugendspiegel unserer Oper, der bisher für unnahbar galt?“

„Hartmut, ich bitte mir aus, daß Du achtungsvoller von dieser Dame sprichst! Kurz und gut, dieser Graf Westerburg hat mich gefordert, ich schieße mich mit ihm und werde ihm hoffentlich einen tüchtigen Denkzettel geben.“

„Nun, Du machst ja recht hübsche Fortschritte in der Romantik,“ sagte Hartmut, der mit wachsendem Erstaunen zuhörte. „Seit zwei Tagen bist Du hier und fängst bereits einen Streit an, der mit einer Herausforderung endigt, bist der Ritter und Beschützer einer jungen Sängerin, hast ein Duell ihretwegen – Willy, um Gotteswillen, was wird Deine Mutter dazu sagen!“

„Es handelt sich um eine Ehrensache, da hat meine Mutter gar nichts dreinzureden!“ erklärte Willy mit einem wahrhaft heldenmäßigen Aufschwunge. „Aber nun soll ich einen Sekundanten schaffen, hier, wo ich ganz fremd bin und keinen Menschen kenne. Onkel Herbert darf natürlich nichts ahnen von der Sache, sonst kommt er uns mit der Polizei dazwischen, da habe ich mich denn entschlossen, zu Dir zu gehen und zu fragen, ob Du mir den Dienst leisten willst?“

„Also deshalb kamst Du?“ sagte Rojanow in einem Tone, dem man die schmerzliche Enttäuschung anhörte. „Ich glaubte wirklich, die alte Freundschaft hätte Dich hergeführt. Doch gleichviel, ich stehe Dir selbstverständlich zu Diensten. Auf welche Waffe lautet die Forderung?“

„Auf Pistolen!“

„Nun, damit verstehst Du umzugehen, wir haben in Burgsdorf ja oft genug nach der Scheibe geschossen, und Du warst ein guter Schütze. Ich werde also morgen früh den Sekundanten Deines Gegners aufsuchen und Dir dann Nachricht zukommen lassen; aber ich muß das schriftlich thun, denn das Haus des Herrn von Wallmoden betrete ich nicht.“

Willibald nickte nur. Er hatte es sich gedacht, daß die Feindschaft Wallmodens von der anderen Seite erwidert werde, aber er hielt es für besser, diesen Punkt nicht weiter zu erörtern.

„Gut, so schreibe mir!“ entgegnete er. „Im übrigen mache ab, was Dir gut dünkt, ich bin mit allem einverstanden, ich habe ja keine Erfahrung in solchen Dingen! Hier ist die Adresse des Sekundanten, und jetzt muß ich gehen, ich habe doch noch einiges zu ordnen – für den äußersten Fall.“

Er stand auf und wollte dem Freunde die Hand zum Abschiede reichen; aber dieser bemerkte es nicht, sein Auge haftete am Boden, während er leise und stockend sagte:

„Noch eins, Willy – Burgsdorf liegt ja so nahe bei Berlin – da siehst Du wohl oft –“

„Wen?“ fragte Willy, als er innehielt.

„Meinen – meinen Vater!“

Der junge Majoratsherr gerieth sichtlich in Verlegenheit bei dieser Frage; er hatte es während des ganzen Gespräches vermieden, den Namen Falkenrieds zu nennen, von dessen bevorstehender Ankunft er noch nichts zu wissen schien.

„Nein,“ erwiderte er endlich. „Wir sehen den Oberst fast gar nicht.“

„Aber er kommt doch wie sonst nach Burgsdorf?“

„Nein – er ist sehr ungesellig geworden, aber ich sah ihn zufällig in Berlin, als ich den Onkel Herbert abholte.“

„Und wie sieht er aus? Hat er gealtert in den letzten Jahren?“

Willibald zuckte die Achseln. „Alt geworden ist er freilich, Du würdest ihn kaum wiedererkennen mit seinen weißen Haaren.“

„Weiße Haare?“ fuhr Hartmut auf. „Er ist kaum zweiundfünfzig Jahre – ist er krank gewesen?“

„So viel ich weiß, nicht. Das kam ganz plötzlich, in einigen Monaten – damals, als er seinen Abschied forderte.“

Hartmut erbleichte und seine Augen richteten sich mit starrem, angstvollem Ausdruck auf den Sprechenden.

„Mein Vater hat den Abschied gefordert? Er, der mit Leib und Seele Soldat war, dem sein Beruf – in welchem Jahre geschah das?“

„Es kam ja nicht dazu,“ beschwichtigte Willy. „Man ließ ihn nicht gehen, sondern versetzte ihn nur in eine entfernte Garnison, und seit drei Jahren ist er im Kriegsministerium.“

„Aber er wollte gehen in welchem Jahre?“ wiederholte Rojanow mit völlig erloschener Stimme.

„Nun, damals nach Deinem Verschwinden. Er glaubte, seine Ehre erfordere es und – Hartmut, das hättest Du Deinem Vater doch nicht anthun sollen, das nicht, er ist beinahe daran gestorben.“

Hartmut gab keine Antwort und vertheidigte sich auch nicht, nur seine Brust hob sich in einzelnen, schweren Athemzügen.

„Wir wollen lieber nicht davon reden,“ sagte Willibald abbrechend. „Zu ändern ist es ja doch nicht mehr. – Also ich erwarte morgen Deinen Brief und Du bringst alles in Ordnung. Gute Nacht!“

Hartmut schien den Gruß nicht zu hören, das Fortgehen Willibalds nicht zu bemerken, er stand noch immer da und starrte zu Boden. Erst nach Minuten, als der junge Majoratsherr längst fort war, richtete er sich langsam auf und fuhr mit der Hand über die Stirn.

„Er wollte gehen?“ murmelte er. „Gehen, weil er glaubte, seine Ehre fordere – nein, nein, jetzt kann ich ihn nicht sehen, jetzt noch nicht – ich gehe nach Rodeck!“

Der gefeierte Dichter, dem der Ruhm den ersten Lorbeerkranz auf die Stirn drückte, der gestern noch in diesem Siegesschmuck die ganze Welt herausgefordert hatte, er wagte es nicht, dem Auge seines Vaters zu begegnen – er floh in die Einsamkeit.




In einer der stilleren Straßen, deren bescheidene, aber freundliche Häuser meist kleine Gärten hatten, wohnte Marietta Volkmar mit einer alten Dame, einer entfernten Verwandten ihres Großvaters, die allein stand und gern bereit war, der jungen Sängerin Schutz und Gesellschafterin zu sein. Die beiden Frauen führten ein Leben, an dem selbst die allezeit geschäftige Klatschsucht nichts auszusetzen fand, und waren sehr beliebt bei ihren Hausgenossen, besonders Fräulein Marietta, die jedem ein freundliches Gesicht zeigte und deren helle Stimme oft durch das Haus schmetterte, daß alles lauschte.

Seit zwei Tagen aber war das „Singvögelchen“ verstummt, und wenn man es zu Gesicht bekam, so zeigte es blasse Wangen und verweinte Augen. Die Hausbewohner konnten sich das nicht erklären und schüttelten die Köpfe darüber, bis sie von dem alten Fräulein Berger hörten, Doktor Volkmar sei krank und seine Enkelin ängstige sich um ihn, könne aber ohne zwingenden Grund keinen Urlaub erhalten. Das war nun allerdings keine Unwahrheit, denn der Doktor litt in der That seit einigen Tagen an einer starken Erkältung; aber diese gab keinen Grund zu ernsten Besorgnissen, sondern lieferte nur einen glaublichen Vorwand für Mariettas verändertes Wesen, das sogar ihren Genossinnen im Theater auffiel.

In dem einfach, aber behaglich eingerichteten Wohnzimmer stand die junge Sängerin, die eben aus der Probe zurückgekehrt war, am Fenster und blickte unverwandt hinaus, während Fräulein Berger mit einer Handarbeit an einem Tischchen saß und kopfschüttelnd auf ihre Pflegebefohlene blickte.

„Aber Kind, so nimm die Sache doch nicht so schwer!“ ermahnte sie. „Du reibst Dich ja förmlich auf mit dieser Angst und Aufregung. Wer wird denn gleich an das Schlimmste denken!“

Marietta wandte sich um; sie war erschreckend bleich und in ihrer Stimme klang ein unterdrücktes Schluchzen, als sie antwortete:

„Das ist nun der dritte Tag, und noch immer kann ich nichts erfahren. O, es ist furchtbar, so Stunde für Stunde auf eine Unglücksnachricht warten zu müssen!“

„Warum muß es denn gerade ein Unglück sein?“ tröstete die alte Dame. „Gestern nachmittag war Herr von Eschenhagen noch wohl und munter, ich habe auf Deinen Wunsch ja selbst die Erkundigung eingezogen. Er war mit Herrn und Frau von Wallmoden ausgefahren. Vielleicht ist die Sache gütlich beigelegt worden.“

„Dann hätte ich längst schon Nachricht,“ sagte das junge Mädchen trostlos. „Er versprach es mir und er hätte Wort gehalten, ich weiß es. Wenn es wirklich ein Unglück gegeben hätte, wenn er gefallen wäre – ich glaube, das überlebte ich nicht!“

Die letzten Worte klangen so leidenschaftlich, daß Fräulein Berger die Sprecherin erschreckt anblickte.

„Aber Marietta, so sei doch vernünftig!“ bat sie. „Was kannst Du denn dafür, wenn ein Unverschämter Dich beleidigt und der Verlobte Deiner Freundin zu Deinem Schutze eintritt? Du könntest Dich wirklich nicht verzweifelter anstellen, wenn es Drin eigener Bräutigam wäre, der vor der Pistole stände.“

Ueber die eben noch so blassen Wangen der jungen Sängerin [311] floß eine glühende Röthe, und mit einer hastigen Bewegung wandte sie sich wieder dem Fenster zu.

„Das verstehst Du nicht, Tante,“ versetzte sie leise. „Du weißt nicht, wie viel Liebes und Gutes ich im Hause des Oberforstmeisters genossen habe, wie herzlich mich Toni um Verzeihung bat, als sie erfuhr, daß ihre künftige Schwiegermutter mich so tief gekränkt hatte. Was wird sie von mir denken, wenn sie hört, daß ihr Bräutigam sich duellirt hat um meinetwillen! Was wird Frau von Eschenhagen sagen!“

„Nun, sie werden doch wohl zu überzeugen sein, daß Du ganz unschuldig bist an der Sache, und wenn sie ein gutes Ende nimmt, erfahren sie überhaupt nichts davon. Ich erkenne Dich gar nicht wieder, Kind! Sonst pflegtest Du jede Sorge und Angst wegzulachen und diesmal übertreibst Du sie in einer geradezu beängstigenden Weise. Seit zwei Tagen ißt und trinkst Du kaum vor Aufregung, aber heut darfst Du mir nicht wieder so am Tische sitzen wie gestern und vorgestern, das sage ich Dir. Ich werde jetzt einmal nach dem Mittagsessen sehen.“

Damit stand die alte Dame auf und ging nach der Küche. Sie hatte recht, die lustige, übermüthige Marietta war gar nicht wiederzuerkennen. Es war ja ohne Zweifel ein peinliches, niederdrückendes Gefühl, durch jenen Vorfall in den Anlagen bei den Bewohnern von Fürstenstein vielleicht in ein falsches Licht gestellt zu werden, und selbst hier in der Stadt konnte der bisher so sorgfältig gehütete Ruf der jungen Sängerin leiden, wenn etwas davon verlautete; aber merkwürdigerweise traten diese Möglichkeiten bei ihr vollständig in den Hintergrund vor einer anderen Angst, die mit jeder Stunde wuchs und kaum mehr zu ertragen war.

„Wenn es sein muß, mit meinem Blute!“ flüsterte sie, unbewußt die letzten Worte Willibalds wiederholend, und preßte die heiße Stirn gegen die Scheiben. „O mein Gott, nur das nicht!“

Da tauchte plötzlich an der Straßenecke eine Gestalt auf, die schon von weitem auffiel durch ihre ungewöhnliche Größe. Sie kam raschen Schrittes näher und blickte suchend nach den Hausnummern, und mit einem halb unterdrückten Aufschrei der Freude flog Marietta vom Fenster zurück – sie hatte Herrn von Eschenhagen erkannt.

Sie wartete nicht, bis er die Klingel zog, sondern eilte selbst hinaus, um zu öffnen. In ihren Augen schimmerten noch die Thränen, aber ihre Stimme klang im hellen Jubel, als sie rief:

„Endlich kommen Sie – Gott sei Dank!“

„Ja, da bin ich, heil und gesund!“ bestätigte Willibald, dessen ganzes Gesicht aufleuchtete bei diesem Empfange. Sie wußten beide nicht recht, wie sie eigentlich in das Zimmer gekommen waren; dem jungen Manne war es gewesen, als hätte sich eine kleine, weiche Hand auf seinen Arm gelegt und ihn fortgezogen, wogegen er sich nicht im mindesten sträubte. Als sie sich nun aber gegenüberstanden, bemerkte Marietta, daß sich eine breite schwarze Binde um seine Rechte schlang.

„Mein Gott, Sie sind doch verletzt?“ fragte sie angstvoll.

„Eine leichte Schramme, gar nicht der Rede werth!“ versicherte Willibald seelenvergnügt, indem er die verwundete Hand schwenkte. „Dem Herrn Grafen habe ich einen etwas ernsteren Denkzettel gegeben, aber es ist auch nur ein Streifschuß an der Schulter und nicht die mindeste Gefahr für sein theures Leben vorhanden. Nicht einmal ordentlich schießen kann der Mensch!“

„Sie haben sich also doch geschossen? Ich wußte es!“

„Heut morgen um acht Uhr. Aber Sie brauchen sich nicht mehr zu ängstigen, mein Fräulein! Sie sehen ja, es ist alles glücklich vorübergegangen.“

Die junge Sängerin athmete auf, als sei ihr eine Bergeslast von der Brust genommen.

„Ich danke Ihnen, Herr von Eschenhagen! Nein, weisen Sie das nicht zurück! Sie haben ja das Leben eingesetzt um meinetwillen. Ich danke Ihnen tausendmal!“

„Keine Ursache, mein Fräulein, ist gern geschehen,“ sagte Willibald treuherzig; „aber da ich doch nun einmal Ihretwegen vor der Pistole gestanden habe, so müssen Sie mir schon erlauben, Ihnen ein kleines Erinnerungszeichen zu bringen. Nicht wahr, jetzt werfen Sie es mir nicht mehr vor die Füße?“

Er zog ein weißes Seidenpapier hervor – etwas ungeschickt, da er nur die Linke gebrauchen konnte – und schlug es auseinander. Eine voll blühende Rose und zwei halb erschlossene Knospen lagen darin.

Marietta senkte tiefbeschämt die Augen, stumm nahm sie die Blumen in Empfang und befestigte eine derselben an ihrer Brust, dann reichte sie ebenso wortlos dem Geber die Hand, und er verstand vollkommen die Abbitte.

„Sie werden freilich an ganz andere Blumengaben gewöhnt sein,“ sagte er wie entschuldigend. „Ich höre ja hier genug davon, wie man Ihnen von allen Seiten huldigt.“

Das junge Mädchen lächelte, aber mit einem mehr trüben als freudigen Ausdruck.

„Sie haben es ja mit angesehen, welcher Art diese Huldigungen bisweilen sind, und es ist nicht das erste Mal gewesen, daß mir dergleichen entgegentritt. Die Herren glauben sich ja alles erlauben zu dürfen, wenn man bei der Bühne ist, und nun vollends die Kollegen – glauben Sie mir, Herr von Eschenhagen, es ist oft recht schwer zu tragen, dies Los, um das ich von so vielen beneidet werde.“

Willibald horchte hoch auf bei den Worten.

„Schwer zu tragen? Ich glaubte, Sie liebten Ihren Beruf über alles und würden ihm um keinen Preis entsagen.“

„O gewiß, ich liebe ihn, aber ich habe doch nicht gedacht, daß ihm so viel Schlimmes und Bitteres anhaftet. Mein Lehrer, Professor Marani, sagt freilich: ‚Man muß emporsteigen wie mit Adlerschwingen, dann bleibt all das Niedrige und Gemeine tief unten zurück!‘ Er mag wohl recht haben, aber dazu muß man eben ein Adler sein, und ich bin nur ein ‚Singvögelchen‘, wie mein Großvater mich immer nennt, das nichts hat als seine Stimme und nicht so hoch emporsteigen kann. Die Kritiker werfen es mir oft genug vor, daß meinem Vortrage Feuer und Kraft fehle, und ich fühle ja selbst, daß ich kein eigentlich dramatisches Talent habe. Ich kann nur singen, und das thäte ich viel lieber daheim in unseren grünen Wäldern als hier in dem goldenen Käfig.“

Die Stimme des sonst so neckischen Mädchens klang in mühsam verhaltener Erregung. Der jüngste Vorfall hatte ihr doch die Schutzlosigkeit ihrer Stellung wieder deutlich vor Augen geführt, und nun ging ihr das Herz auf dem Manne gegenüber, der so tapfer für sie eingetreten war. Er hörte mit athemloser Spannung zu und schien ihr die Worte förmlich von den Lippen zu lesen, aber bei dem im Grunde doch traurigen Berichte strahlte sein ganzes Gesicht, als ob man ihm etwas sehr Freudiges verkündige, und jetzt fiel er stürmisch ein:

„Sie sehnen sich also fort von hier? Sie denken daran, die Bühne zu verlassen?“

Marietta lachte trotz ihres Kummers hell auf bei der Frage.

„Nein, daran denke ich wahrhaftig nicht, was sollte ich alsdann beginnen? Mein lieber Großvater hat jahrelang gespart und sich eingeschränkt, um meine Ausbildung als Sängerin zu ermöglichen, und es wäre ein schlechter Dank, wollte ich ihm dafür in seinen letzten Lebensjahren zur Last fallen. Er darf nicht ahnen, daß sein kleiner Singvogel sich so oft nach dem heimischen Neste sehnt und daß man ihm hier bisweilen das Lehen schwer macht. Ich bin ja auch sonst nicht so muthlos, ich halte aus und wehre mich tüchtig, wo es sein muß. Lassen Sie in Fürstenstein ja nichts von meinen Klagen verlauten! Sie gehen doch dahin?“

Ueber das eben noch so strahlende Gesicht des jungen Majoratsherrn flog ein Schatten, und jetzt war er es, der die Augen senkte.

„Ich reise allerdings heute nachmittag nach Fürstenstein,“ entgegnete er in einem seltsam gedrückten Tone.

„O, dann nach eine Bitte! Sie müssen Ihrer Braut alles sagen – hören Sie, alles! – Wir sind ihr das beide schuldig. Ich schreibe ihr heute noch ausführlich über das Vorgefallene, und Sie werden meinen Brief mit Ihrem Worte bestätigen, nicht wahr?“

Willibald hob langsam das Auge vom Boden und sah die Sprechende an.

„Sie haben recht, mein Fräulein, Toni muß alles erfahren, die volle Wahrheit, dazu hatte ich mich entschlossen, schon ehe ich hierher kam – aber es wird eine schwere Stunde für mich werden!“

„O, gewiß nicht!“ tröstete Marietta. „Toni ist gut und vertrauensvoll, sie glaubt es Ihnen und mir aufs Wort, daß wir beide ganz schuldlos sind an der Sache.“

„Ich bin aber nicht schuldlos, wenigstens meiner Braut gegenüber nicht,“ sagte Willy ernst. „Sehen Sie mich nicht so erschrocken an, Sie werden es ja später doch erfahren, und da [312] ist es vielleicht besser, ich sage es Ihnen selbst. Ich gehe nur nach Fürstenstein, um Toni zu bitten –“ er hielt inne und that einen tiefen Athemzug – „mir mein Wort zurückzugeben!“

„Um Gotteswillen! Warum denn?“ rief das junge Mädchen, förmlich entsetzt über diese Erklärung.

„Warum? Weil es ein Unrecht wäre, wollte ich so, wie es mir jetzt ums Herz ist, Toni meine Hand bieten und mit ihr vor den Altar treten. Weil ich jetzt erst einsehe, was bei dem Verloben und Heirathen die Hauptsache ist, weil –“ er vollendete nicht, aber seine Augen sprachen so deutlich, daß Marietta den Schluß vollkommen errieth. Ihr Gesicht tauchte sich plötzlich in eine wahre Purpurgluth; aber sie wich zurück und machte eine heftig abwehrende Bewegung.

„Herr von Eschenhagen, schweigen Sie! Kein Wort weiter!“

„Ich kann ja nicht dafür!“ fuhr Willibald trotzdem fort. „Ich habe ja ehrlich gekämpft und ehrlich versucht, mein Wort zu halten, die ganze Zeit über, die ich in Burgsdorf war. Ich glaubte auch, es würde möglich sein, aber da kam ich hierher, da sah ich Sie wieder – an jenem Abende in der ‚Arivana‘ – und da wußte ich es auf einmal, daß all das Sträuben umsonst gewesen war. Ich hatte Sie nicht vergessen, Fräulein Marietta, nicht eine Stunde, so oft ich es mir auch einredete, und werde Sie nicht vergessen mein Lebelang! – Das will ich Toni offen bekennen, und das werde ich auch meiner Mutter sagen, wenn ich zurückkehre.“

Das Geständniß war heraus. Der junge Majoratsherr, der mit jenem ersten Antrage in Fürstenstein nicht allein zustande gekommen war und sich von seiner Frau Mutter hatte einhelfen lassen müssen, sprach jetzt so warm und herzlich, so offen und ehrlich, wie ein Mann sprechen muß in solcher Stunde. Er hatte es auf einmal gelernt, und mit der Bevormundung, die er so entschlossen abschüttelte, schien auch alles Linkische und Lächerliche von ihm abzufallen.

Er trat rasch zu Marietta, die an das Fenster geflüchtet war, aber seine eben noch so feste Stimme wurde unsicher, als er fortfuhr: „Und nun noch eine Frage! Sie sahen so blaß aus, als Sie mir vorhin die Thür öffneten, und hatten so verweinte Augen. Die Sache mag Ihnen ja wohl peinlich und unangenehm gewesen sein, ich begreife es, aber – haben Sie sich auch ein wenig geängstigt – um meinetwillen?“

Er erhielt keine Antwort, nur ein leises Schluchzen wurde hörbar.

„Haben Sie sich geängstigt um mich? Nur ein einziges kleines ‚Ja‘, Marietta! Sie ahnen nicht, wie glücklich es mich machen würde!“

Er beugte sich tief nieder zu dem jungen Mädchen, das jetzt langsam das gesenkte Köpfchen hob. In den dunklen Augen leuchtete es wie ein Strahl heimlichen Glückes, und fast unhörbar erklang die Antwort: „Ich? Ach, ich bin in den letzten beiden Tagen fast gestorben vor Angst!“

Da jubelte Willibald laut auf und zog sie an seine Brust, freilich nur einen Augenblick lang, dann entwand sie sich rasch seinen Armen.

„Nein, jetzt nicht! Gehen Sie – ich bitte!“

Er ließ sie sofort los und trat zurück.

„Sie haben recht, Marietta! Jetzt noch nicht; aber wenn ich mich freigemacht habe, dann komme ich wieder und hole mir ein anderes ‚Ja‘ – leben Sie wohl!“

Er eilte stürmisch fort, ehe Marietta noch recht zur Besinnung gekommen war; aber jetzt ertönte die Stimme ihrer alten Verwandten, die, unbemerkt von den beiden, schon während der letzten Minuten auf der Schwelle des Nebenzimmers gestanden hatte und nun ganz entsetzt näher trat.

„Kind, um Gotteswillen, was war das, was soll das heißen? Bedenkst Du denn gar nicht –“

Das junge Mädchen ließ sie nicht ausreden, sondern schlang beide Arme um ihren Hals und rief leidenschaftlich:

„Ach, jetzt weiß ich es, warum ich so zornig war, damals, als er es zuließ, daß seine Mutter mich kränkte. Es that mir so namenlos weh, ihn für schwach und feig halten zu müssen – ich habe ihn ja lieb gehabt vom ersten Augenblicke an!“




Im Hause des preußischen Gesandten rüstete man sich für die bevorstehenden Winterfestlichkeiten. Als Wallmoden im Frühjahr seine jetzige Stellung antrat, zerstreute der nahende Sommer die Gesellschaft bereits nach allen Richtungen, und gleich darauf trat die Familientrauer ein, die vollends keine Geselligkeit erlaubte. Diese Gründe fielen nunmehr weg. Die zahlreichen Räume, die im Gesandtschaftspalaste zur Verfügung standen, waren mit einer Pracht eingerichtet worden, wie sie Herberts durch seine Heirath so glänzend gewordenen Verhältnisse erlaubten, und es lag auch durchaus in seinen Wünschen und Absichten, ein möglichst glänzendes Haus zu machen. In der nächsten Woche sollte der erste große Empfang stattfinden, und inzwischen wurden zahlreiche Besuche gemacht und angenommen.

Der Gesandte war auch amtlich sehr stark beschäftigt, und überdies gab es noch etwas, was ihm die Laune gründlich verdarb – der Erfolg der „Arivana“. Wenn er schon früher Bedenken getragen hatte, Rojanow offen entgegenzutreten, so war dies jetzt beinahe unmöglich geworden. Man hatte den „Abenteurer“ ja förmlich auf den Schild gehoben und feierte überall seinen Dichtergeist. Jetzt gerade durften der Hof und die Gesellschaft nicht gezwungen werden, ihn fallen zu lassen, wollte man nicht sie selbst einer förmlichen Beschämung aussetzen, und es war noch die Frage, ob sie ihn überhaupt fallen lassen würden, da es sich doch nur um Winke und Andeutungen handeln konnte. Jener Erfolg hatte Hartmut in der That fast unangreifbar gemacht.

Um die Lage des Gesandten vollends peinlich zu machen, stand nun auch noch die Ankunft Falkenrieds bevor, dem man die Wahrheit doch nicht verhehlen konnte und durfte, wenn er sie nicht von anderer Seite erfahren sollte. Der Oberst, von dessen Reise noch nicht das Geringste verlautete, als Wallmoden ihn kürzlich in Berlin gesehen hatte, wurde in diesen Tagen erwartet und sollte in der Gesandtschaft selbst absteigen, da er auch für Adelheid kein Fremder war; sie und ihr Bruder waren ja gewissermaßen unter seinen Augen aufgewachsen.

Als vor zehn Jahren der damalige Major Falkenried in die Provinz versetzt wurde, hatte er ein Kommando in der kleinen Stadt erhalten, die in unmittelbarer Nähe der großen Stahlbergschen Industriewerke lag und in ihrem Handel und Wandel gänzlich von denselben abhängig war. Der neue Major galt zwar für einen tüchtigen Soldaten, aber auch für einen ausgemachten Menschenfeind, der sich nur im Dienste allein wohl fühlte, seine ganze übrige Zeit mit militärischen Studien ausfüllte und alles haßte, was Gesellschaft und Geselligkeit hieß. Da er allein stand, so fiel für ihn die Nothwendigkeit weg, ein Haus zu machen, und im übrigen verkehrte er nur da, wo die Rücksicht auf seine Stellung es unabweisbar verlangte.

Dem großen Industriellen gegenüber, der die ganze Umgegend beherrschte und die ersten Persönlichkeiten als seine Gäste empfing, mußte eine solche Rücksicht nun allerdings genommen werden, und Stahlberg war denn auch der einzige gewesen, dem der vereinsamte Mann nähergetreten war. Wenn die starre, finstere Unzugänglichkeit des Majors auch eine eigentliche Freundschaft ausschloß, so hegten die beiden Männer doch die unbedingteste Hochachtung vor einander, und das Stahlbergsche Haus war der einzige Ort, wo Falkenried öfter und freiwillig erschien. Er hatte jahrelang dort verkehrt, hatte die beiden Kinder heranwachsen sehen, und deshalb nahm es ihm Wallmoden auch ernstlich übel, daß er nicht zu der Vermählungsfeier kam, sondern sich mit dienstlicher Verhinderung entschuldigte, als sein Jugendfreund eine Tochter dieses Hauses heimführte. Adelheid selbst wußte wenig oder nichts von den Lebensschicksalen des Obersten. Sie hielt ihn für kinderlos und hatte nur von ihrem Gatten erfahren, daß er früh geheirathet, sich aber nach einigen Jahren von seiner Frau getrennt habe und jetzt bereits Witwer sei. –

Es war etwa acht Tage nach der Rückkehr des Wallmodenschen Ehepaares, um die Mittagsstunde, als der jungen Frau, die in ihrem Zimmer am Schreibtisch saß, die Ankunft Falkenrieds gemeldet wurde. Sie erhob sich rasch, warf die Feder hin und eilte dem Eintretenden entgegen.

„Herzlich willkommen, Herr Oberst! Wir haben Ihre Depesche rechtzeitig erhalten, und Herbert beabsichtigte auch, Sie auf dem Bahnhofe zu empfangen, er hat aber gerade in dieser Stunde eine Audienz bei dem Herzog und ist noch im Schlosse; so konnten wir Ihnen nur den Wagen schicken.“

Ihre Begrüßung hatte die Vertraulichkeit, die ein alter Freund ihres Vaterhauses wohl beanspruchen durfte, der Gruß Falkenrieds dagegen war zwar nicht fremd, aber es lag doch keine Herzlichkeit darin. Kalt und ernst nahm er die dargebotene Hand und folgte der Aufforderung, Platz zu nehmen, während er [314] gleichgültig sagte: „Nun, wir werden uns ja sehen, wenn Wallmoden zurückkommt.“

Der Oberst hatte sich allerdings sehr verändert, so sehr, daß er kaum wiederzuerkennen war. Wäre nicht die hohe, markige Gestalt, die kraftvolle Haltung gewesen, so hätte man ihn für einen Greis halten können. Das Haar des kaum zweiundfünfzigjährigen Mannes war schneeweiß, die Stirn tief durchfurcht, und tiefe, scharfe Linien gruben sich in das Antlitz und ließen es um zehn Jahre älter erscheinen. Die einst so ausdrucksvollen Züge hatten etwas Starres, Unbewegliches angenommen, und Haltung und Auftreten zeigten eine finstere, undurchdringliche Verschlossenheit. Regines Ausspruch: „Der Mann ist wie zu Stein geworden!“ war nur zu richtig. Man empfing unwillkürlich den Eindruck, als sei er der Welt und den Menschen völlig fremd geworden, abgestorben für alles, was sie bewegt, die Pflichten seines Berufes ausgenommen.

„Ich habe Sie wohl gestört, Ada?“ fragte er, den alten Namen des Vaterhauses gebrauchend, an den er gewöhnt war, und dabei warf er einen Blick nach dem Schreibtische, wo ein halb vollendeter Brief lag.

„O, das hat Zeit,“ sagte die junge Frau abwehrend. „Ich schrieb nur an Eugen.“

„Ach so! Ich bringe Ihnen einen Gruß von dem Bruder mit, er war vorgestern bei mir.“

„Ich weiß, er wollte nach Berlin und beabsichtigte, Sie dort aufzusuchen. Er hat Sie ja beinahe zwei Jahre lang nicht gesehen, und auch ich sah Sie nur flüchtig bei unserer Durchreise. Wir hofften, Sie würden nach Burgsdorf kommen, wo wir einige Tage verweilten, und ich glaube, es hat Regine sehr gekränkt, daß Sie auch diesmal nicht ihrer Einladung folgten.“

Der Oberst sah finster vor sich nieder, er wußte am besten, weshalb er Burgsdorf mit seinen Erinnerungen mied. Er hatte es seit seiner Rückkehr in die Hauptstadt kaum zweimal betreten.

„Regine weiß es ja, wie sehr ich mit meiner Zeit geizen muß,“ versetzte er ausweichend. „Aber um auf Ihren Bruder zurückzukommen, Ada – ich möchte da etwas mit Ihnen besprechen, und deshalb ist es mir lieb, daß ich Sie allein finde. Was liegt eigentlich zwischen Eugen und seinem Schwager? Ist da etwas vorgefallen?“

In dem Gesichte Adelheids zeigte sich eine gewisse Verlegenheit bei der Frage, aber sie sagte leichthin: „Nichts Besonderes, die beiden stehen überhaupt nicht gut miteinander“

„Stehen nicht gut? Wallmoden ist beinahe vierzig Jahre älter und überdies der Vormund Ihres Bruders, der erst in ein paar Jahren mündig wird. Da hat der Jüngere unbedingt nachzugeben.“

„Gewiß, aber Eugen ist, wenn auch herzensgut, doch nur zu oft leidenschaftlich und unbesonnen, wie er das schon als Knabe gewesen ist.“

„Leider! Er wird sich noch sehr ändern müssen, wenn er die bedeutende und verantwortungsreiche Stellung, die seiner wartet, nur annähernd so ausfüllen will, wie sein Vater es that. Doch hier scheint es sich um etwas anderes zu handeln. Ich machte eine ganz einfache Bemerkung über Ihre Heirath, Ada – die mich, wie ich offen gestehe, ein wenig überrascht hat, so sehr ich auch mit Ihrem Gatten befreundet bin – und äußerte, ich hätte Ihnen nicht so viel Ehrgeiz zugetraut. Da fuhr Eugen auf und vertheidigte Sie in der leidenschaftlichsten Weise, sprach von einem Opfer, das seine Schwester ihm gebracht habe, und ließ sich überhaupt zu Worten und Andeutungen hinreißen, die mich im höchsten Grade befremdeten.“

„Sie hätten nicht darauf achten sollen,“ sagte Adelheid mit sichtbarer Unruhe. „Solch ein junger Hitzkopf pflegt alles gleich tragisch zu nehmen. Was hat er Ihnen denn eigentlich gesagt?“

„Im Grunde nichts. Er behauptet, Ihnen sein Wort gegeben zu haben, zu schweigen, und nicht ohne Ihre Erlaubniß sprechen zu dürfen, aber er scheint seinen Schwager förmlich zu hassen. Was soll das alles heißen?“

Die junge Frau schwieg, diese Erörterung schien ihr im höchsten Grade peinlich zu sein. Falkenried sah sie forschend an, während er fortfuhr:

Sie wissen, es ist nicht meine Art, mich in fremde Geheimnisse zu drängen, ich nehme überhaupt wenig Antheil mehr an dem Thun und Treiben anderer, aber hier kommt die Ehre meines Jugendfreundes in Betracht, gegen die jene Andeutung eine Verdächtigung enthielt. Ich duldete das natürlich nicht, aber als ich es Ihrem Bruder vorhielt und mit Wallmoden selbst zu sprechen drohte, gab er mir zur Antwort: ‚Dann wird mein Herr Schwager Ihnen die Sache ‚diplomatisch‘ erklären, er hat sich ja dabei als ein so großer Diplomat gezeigt. Fragen Sie Ada, wenn Sie die Wahrheit erfahren wollen!‘ So frage ich Sie denn zuerst; wenn Sie mir nicht antworten können oder wollen, dann allerdings muß ich mit Ihrem Manne reden, dem ich eine derartige Aeußerung nicht verschweigen darf.“

Er sprach kalt und gemessen, ohne jede Aufregung, die Angelegenheit selbst flößte ihm offenbar gar keine Theilnahme ein, er hielt es nur für nothwendig, sie zu erörtern, weil ein Ehrenpunkt dabei in Frage kam.

„Schweigen Sie gegen Herbert, ich bitte Sie!“ fiel Adelheid hastig ein. „Ich muß Ihnen wohl Auskunft geben, da Eugen sich einmal so weit hat fortreißen lassen, aber er hat die Sache von Anfang an viel zu schwer genommen, es ist ja nichts Unehrenhaftes dabei.“

„Das hoffe ich, da es sich um Wallmoden handelt,“ sagte der Oberst mit Nachdruck.

Die junge Frau dämpfte die Stimme, aber sie vermied es, den Blicken ihres Zuhörers zu begegnen, als sie begann:

„Sie wissen ja, daß meine Verlobung vor einem Jahre in Florenz erfolgte. Mein Vater war damals schon sehr leidend und die Aerzte verlangten, daß er den Winter in Italien zubringe. Wir gingen vorläufig auf zwei Monate nach Florenz, die weiteren Entschlüsse sollten von dem Befinden des Kranken abhängen; mein Bruder hatte uns begleitet, sollte aber im Beginn des Winters wieder nach Hause zurückkehren. Wir bewohnten eine Villa außerhalb der Stadt und lebten selbstverständlich sehr zurückgezogen. Eugen sah Italien zum ersten Male und es war so traurig für ihn, Tag für Tag in dem einsamen Krankenzimmer zu sitzen, sodaß ich seinen Wunsch, auf kurze Zeit nach Rom zu gehen, unterstützte und das auch durchsetzte. Hätte ich es doch nie gethan! Ich konnte ja nicht ahnen, wie tief ihn seine Unerfahrenheit dort verstricken würde.“

„Das heißt, er ging leichtsinnigen Abenteuern nach, während sein Vater bereits dem Tode ins Auge sah?“

„Urtheilen Sie nicht so hart! Mein Bruder war damals kaum zwanzig Jahre alt und hatte stets unter den Augen eines liebevollen, aber trotzdem strengen Vaters gelebt, die kurze Freiheit wurde ihm verhängnißvoll. Man lockte den jungen Deutschen, der noch so gar keine Welterfahrung hatte in einen Kreis, wo hoch und, wie sich später ergab, auch falsch gespielt wurde, wo eine Anzahl schlimmer Elemente sich unter äußerlich bestechenden Formen zusammenfand. Eugen, in seiner Unkenntniß, durchschaute das nicht und verlor bedeutende Summen, bis die Gesellschaft plötzlich von der Polizei aufgehoben wurde. Die Italiener widersetzten sich, es kam zu einem förmlichen Kampfe, in den auch Eugen hineingerissen wurde. Er vertheidigte sich nur, aber er hatte das Unglück, einen der Polizisten schwer zu verwunden, und wurde mit den anderen verhaftet.“

Der Oberst hatte schweigend zugehört, aber sein Gesicht blieb unbeweglich und sein Ton war ebenso hart wie vorhin, als er sagte: „Und das mußte Stahlberg an seinem Sohne erleben, der bis dahin ein Muster von Wohlerzogenheit gewesen war!“

„Er hat es nie erfahren! Es war ja nur eine augenblickliche Verirrung, mehr Verführung als Schuld, und sie wird sich nicht wiederholen, Eugen hat mir sein Ehrenwort darauf gegeben.“

Falkenried lachte plötzlich auf, so grell und höhnisch, daß die junge Frau ihn erschreckt anblickte.

„Sein Ehrenwort! Ja, warum denn nicht? Das ist ja ebenso leicht gegeben als gebrochen! Sind Sie wirklich noch so gläubig, daß Sie dem Worte eines solchen jungen Burschen vertrauen?“

„Ja, das bin ich!“ erklärte Adelheid verletzt, während ihr Auge ernst und vorwurfsvoll dem Blick des Mannes begegnete, dessen furchtbare Bitterkeit sie sich nicht erklären konnte. „Ich kenne meinen Bruder, er ist trotzalledem der Sohn seines Vaters und er wird mir und sich selber Wort halten, ich weiß es.“

„Wohl Ihnen, daß Sie noch glauben und vertrauen können – ich habe es längst verlernt!“ sagte Falkenried dumpf, aber doch in milderem Tone. „Und was geschah weiter?“

„Mein Bruder hatte es wenigstens erreicht, daß man ihm [315] gestattete, mir sofort Nachricht zu senden. ‚Verschweige es dem Vater, es würde ihm den Tod geben!‘ schrieb er mir. Ich wußte es besser als er, daß der Schwerkranke eine solche Nachricht nicht ertragen konnte, aber wir waren allein im fremden Lande, ohne Freunde und Beistand, und es mußte augenblicklich gehandelt werden. In dieser Angst dachte ich an Herbert, der sich damals bei der Gesandtschaft in Florenz befand. Wir kannten ihn flüchtig von früher her, und er hatte uns gleich nach unserer Ankunft aufgesucht und sich zur Verfügung gestellt, wenn wir irgendwie der Vermittlung unseres Gesandten bedürften. Seitdem kam er öfter in unser Haus und kam auch jetzt unverzüglich auf meine Bitte. Ich vertraute mich ihm an, ich sagte ihm alles, erflehte Rath und Hilfe von ihm – und erhielt sie auch.“

„Um welchen Preis?“ fragte der Oberst mit finster zusammengezogenen Brauen.

Abelheid schüttelte abwehrend das Haupt.

„Nein, nein, es ist nicht so, wie Sie denken, wie Eugen es noch immer glaubt – ich bin nicht gezwungen worden, Herbert ließ mir freie Wahl. Er verhehlte mir allerdings nicht, daß der Vorfall noch viel schlimmer war, als ich fürchtete, daß jene im Spiel verlorenen Summen trotzalledem bezahlt werden müßten, wenn man die Sache der Oeffentlichkeit entziehen wolle, daß es vielleicht dennoch zu einer Gerichtsverhandlung kommen werde wegen der Verwundung des Polizisten. Er erklärte mir, daß man es gerade ihm in seiner Stellung sehr verübeln würde, wenn er sich persönlich in solche Angelegenheiten mischte. ‚Sie verlangen, daß ich Ihren Bruder rette,‘ sagte er. ‚Vielleicht kann ich das, aber ich setze meine Stellung, meine ganze Zukunft dabei aufs Spiel, und ein solches Opfer bringt man doch höchstens seinem eigenen Bruder oder – seinem Schwager!‘“

Falkenried stand plötzlich auf und machte einen Gang durch das Zimmer, dann blieb er vor der jungen Frau stehen und sagte in grollendem Tone:

„Und das haben Sie natürlich geglaubt in Ihrer Todesangst?“

„Meinen Sie, daß es nicht so war?“ fragte Adelheid betroffen.

Er zuckte mit einem halb verächtlichen Ausdruck die Achseln.

„Möglich! Ich kenne diese diplomatischen Rücksichten nicht, ich weiß nur eins, Wallmoden hat sich in der That als ein ‚großer Diplomat‘ gezeigt in der ganzen Sache. Was antworteten Sie ihm?“

„Ich erbat mir Bedenkzeit, es stürmte alles so plötzlich auf mich ein. Aber ich wußte ja, daß keine Stunde zu verlieren war, und noch am Abend desselben Tages gab ich Herbert das Recht – für seinen Schwager einzutreten.“

„Natürlich!“ murmelte der Oberst mit tiefer Bitterkeit. „Der kluge Herbert!“

„Er nahm sofort Urlaub und reiste selbst nach Rom,“ fuhr die junge Frau fort. „Nach acht Tagen kehrte er in Begleitung meines Bruders zurück. Es war ihm gelungen, Eugen frei zu machen und ihn überhaupt der ganzen Angelegenheit zu entziehen, nicht einmal die Zeitungen brachten den Namen des jungen Deutschen, der darin verwickelt war. Durch welche Mittel das geschah, weiß ich nicht. Wenn man mächtige Verbindungen hat und das Geld nicht schont, ist vieles möglich. Herbert hatte es mit vollen Händen nach allen Seiten hin gespendet und alles benutzt, was seine langjährige diplomatische Thätigkeit ihm an Verbindungen öffnete. Auch für jene Spielschulden hatte er bereits Deckung geschafft, allerdings nur durch seine persönliche Bürgschaft. Er sagte mir später, daß er damals mit der Hälfte seines Vermögens für alle jene Summen eingetreten sei.“

„Sehr großmüthig, wenn man mit solchem Opfer eine Million gewinnt! Und was sagte Eugen zu diesem – Handel?“

„Er ahnte nichts davon und kehrte gleich darauf nach Deutschland zurück, wie es längst beschlossen war. Von nun an kam Herbert täglich in unser Haus und wußte meinen kranken Vater so für sich einzunehmen, daß dieser schließlich selbst den Wunsch einer Verbindung hegte; dann erst trat er mit seiner Werbung hervor. Ich war ihm dankbar, daß er der Sache diese Wendung gab, nur Eugen ließ sich nicht täuschen, er errieth alles und rang mir die Wahrheit ab. Seitdem quält er sich fortwährend mit Selbstvorwürfen und trägt seinem Schwager eine förmliche Feindschaft entgegen, trotz meiner wiederholten Versicherung, daß ich nie Anlaß gehabt habe, jenen Schritt zu bereuen, daß ich in Herbert den aufmerksamsten, rücksichtsvollsten Gatten besitze.“

Falkenrieds Auge ruhte unverwandt auf dem Gesichte der jungen Frau, als wollte er ihre geheimsten Gedanken daraus lesen.

„Sind Sie glücklich?“ fragte er endlich langsam.

„Ich bin zufrieden!“

„Das ist schon viel im Leben!“ sagte der Oberst in dem alten herben Tone. „Wir sind ja auch nicht geboren, um glücklich zu sein. Ich habe Ihnen unrecht gethan, Ada, ich glaubte, der Glanz einer hohen Lebensstellung, der Wunsch, als Gemahlin des Gesandten eine erste Rolle in der Gesellschaft zu spielen, habe Sie zur Frau von Wallmoden gemacht, aber – es ist mir lieb, daß ich Ihnen unrecht that!“

Er streckte ihr die Hand hin. Es regte sich jetzt doch etwas in seinem eisigen Blicke, und in dem Händedruck lag eine stumme Abbitte.

„Nun wissen Sie alles!“ schloß Adelheid mit einem tiefen Athemzuge, „und nun werden Sie Herbert gegenüber diesen Punkt nicht berühren, ich bitte dringend darum. Sie sehen ja, es lag nichts Unehrenhaftes in seiner Handlungsweise. Ich wiederhole es Ihnen, daß er weder Zwang noch Ueberredung in Anwendung gebracht hat, mich zwang nur die Macht der Verhältnisse. Ich konnte und durfte ja nicht erwarten, daß er für einen Fremden solche Opfer bringen würde.“

„Wenn eine Frau mich in Todesangst darum angefleht hätte, so hätte ich sie gebracht – bedingungslos,“ erklärte Falkenried.

„Ja Sie! – Ihnen wäre ich auch mit leichterem Herzen gefolgt.“

Der Ausruf verrieth unbewußt, wie schwer damals der Kampf gewesen war, den die junge Frau mit keinem Worte berührt hatte, und sie sprach die Wahrheit. Sie hätte sich, wenn denn doch einmal ein Opfer gebracht werden mußte, weit lieber dem düsteren, verschlossenen Manne mit seinem herben, oft verletzenden Wesen anvertraut, als dem immer höflichen und aufmerksamen Gatten, der im Augesicht ihrer Todesangst und mit dieser Angst – gehandelt hatte.

„Da hätten Sie ein schlimmes Los gezogen, Ada,“ sagte der Oberst mit finsterem Kopfschütteln. „Ich bin einer von den Menschen, die nichts mehr geben und empfangen können im Leben, ich bin längst fertig damit. Aber Sie haben recht, es ist besser, jener Punkt bleibt unerörtert zwischen mir und Wallmoden, denn wenn ich ihm meine wahre Meinung darüber sagen wollte – er ist und bleibt eben ein Diplomat!“

Adelheid erhob sich und das Gespräch abbrechend, versuchte sie, einen unbefangenen Ton anzuschlagen.

„Und nun darf ich Sie wohl endlich nach Ihren Zimmern führen? Sie müssen ja todmüde sein von der langen Fahrt!“

„Nein, ich werde als Soldat doch nicht von einer bloßen Nachtfahrt müde sein! Da stellt der Dienst ganz andere Anforderungen an uns.“

Er richtete sich stramm und fest auf, man sah es, seine körperliche Kraft war noch ungebrochen, diese Muskeln und Sehnen schienen wie von Stahl zu sein. nur das Antlitz trug den greisenhaften Zug. Die Augen der jungen Frau weilten nachdenklich darauf, besonders auf der Stirn, die so tief und schwer durchfurcht war und sich doch so hoch und machtvoll wölbte unter dem weißen Haar. Es war ihr, als habe sie das schon anderswo gesehen, unter dunklen Locken, und es konnte doch keinen schärferen Gegensatz geben, als dieses früh gealterte, gramdurchfurchte Gesicht und jener jugendliche Kopf mit seiner fremdartig südlichen Schönheit, mit der dämonischen Gluth im Auge. Und doch war es dieselbe Stirn gewesen, über die jene Blitze hinflammten auf der einsamen Waldhöhe, dieselbe hohe machtvolle Wölbung, selbst die blauen Adern, die so deutlich an den Schläfen hervortraten – eine seltsame unbegreifliche Aehnlichkeit!

Sie schritten nach den Fremdenzimmern, die schon des Gastes harrten.

Einige Stunden darauf befanden sich die beiden Jugendfreunde allein in dem Arbeitszimmer Wallmodens. Dieser hatte soeben zur Sprache gebracht, was ihm unerläßlich erschien, so peinlich es ihm auch war. Er hatte dem Oberst gesagt, daß und unter welchen Verhältnissen Rojanow sich in der hiesigen Stadt befinde, hatte ihm rückhaltlos alles enthüllt, was er von dem Leben Hartmuts und seiner Mutter wußte, und ihm endlich den Tod der letzteren mitgetheilt. Er hatte diese Stunde gefürchtet, aber der Eindruck war ein ganz anderer, als er erwartet hatte. Falkenried lehnte stumm, mit gekreuzten Armen am Fenster und hörte der [316] langen Auseinandersetzung zu, ohne sie mit einem Worte oder einer Frage zu unterbrechen, sein Gesicht blieb starr und undurchdringlich, kein Zucken, keine Bewegung verrieth, daß er Dinge hörte, die doch sein ganzes Inneres in Aufruhr bringen mußten. Er war auch jetzt "wie von Stein“.

„Ich glaubte, Dir diese Mittheilungen schuldig zu sein,“ schloß der Gesandte endlich. „Wenn ich Dir bisher verschwieg, was ich von den Schicksalen der beiden wußte, so geschah es, um Dich nicht unnöthig mit Erinnerungen zu quälen, die Du schwer genug überwunden hast. Jetzt aber mußt Du erfahren, was geschehen ist und wie die Dinge augenblicklich liegen.“

Der Oberst verharrte in seiner Stellung, und seine Stimme verrieth keine innere Bewegung, als er erwiderte: „Ich danke Dir für Deinen guten Willen, aber Du hättest diese Erörterung sparen können – was geht mich jener Abenteurer an?“

Wallmoden blickte betroffen auf, eine solche Antwort hatte er denn doch nicht erwartet.

„Ich hielt es für nothwendig, Dich auf die Möglichkeit eines Zusammentreffens vorzubereiten,“ versetzte er. „Du hörst ja, daß Rojanow augenblicklich eine bedeutende Rolle spielt und überall gefeiert wird. Der Herzog ist im höchsten Grade von ihm eingenommen; Du könntest ihm gerade im Schlosse begegnen.“

„Und was weiter? Ich kenne niemand, der den Namen Rojanow trägt, und er wird es wohl nicht wagen, mich zu kennen. Wir würden als Fremde aneinander vorübergehen.“

Der Blick des Gesandten lag forschend auf den Zügen Falkenrieds, als wollte er ergründen, ob das wirklich Kälte oder nur eine unglaubliche Selbstbeherrschung sei.

„Ich glaubte, Du würdest die Nachricht von dem Wiederauftauchen Deines Sohnes anders aufnehmen!“ sagte er halblaut. Es geschah zum ersten Male und mit voller Absicht, daß er diese Bezeichnung brauchte, während er bisher nur von einem „Rojanow“ gesprochen hatte und jetzt zum ersten Male zeigte sich auch eine Bewegung in der regungslosen Gestalt am Fenster; aber es war eine Bewegung des Zornes.

„Ich habe keinen Sohn, merke Dir das, Wallmoden! Er starb mir an jenem Abende in Burgsdorf, und die Todten stehen nicht wieder auf.“

Wallmoden schwieg, aber der Oberst trat jetzt zu ihm und legte schwer die Hand auf seinen Arm.

„Du erwähntest vorhin, es wäre Deine Pflicht gewesen, den Herzog aufzuklären, Du hättest das nur aus Rücksicht auf mich unterlassen. Ich habe allerdings nur noch eins zu wahren auf der Welt, die Ehre meines Namens, der durch solche Aufklärungen noch einmal dem Gespött und der Schmach preisgegeben würde. Thue, was Du glaubst thun zu müssen, ich hindere Dich nicht, aber – ich thue dann auch, was ich muß!“

Seine Stimme klang kalt wie vorhin, aber trotzdem lag etwas so Furchtbares darin, daß der Gesandte erschrocken auffuhr.

„Falkenried, um Gotteswillen, was meinst Du damit? Wie soll ich diese Worte deuten?“

„Wie Du willst! Ihr Diplomaten faßt ja bisweilen den Ehrbegriff anders auf als unsereiner – ich bin sehr einseitig darin!“

„Ich werde unbedingt schweigen, ich gebe Dir mein Wort darauf,“ versicherte Wallmoden, der die letzte bittere Andeutung nicht verstand, denn er ahnte nichts von dem Geständniß Adelheids. „Es war beschlossen, ehe Du kamst. Durch mich soll der Name Falkenried nicht preisgegeben werden!“

„Gut, und nun nichts mehr davon!“

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 11, S. 343–353

[343] „Du hast den Herzog also vorbereitet auf das, was ich ihm bringe?“ fragte Falkenried, auf einen ganz anderen Gegenstand überspringend, nach kurzer Pause seinen Schwager. „Wie stellt er sich dazu?“

Das war wieder die alte eiserne Undurchdringlichkeit, die sich jedem Forschen verschloß, aber dem Gesandten schien dies jähe Abbrechen willkommen zu sein. Er war auch hier wie überall der Diplomat, der nichts so sehr scheute als ein öffentliches Aufsehen, und der nie daran gedacht hätte, Hartmut entgegenzutreten, wenn er nicht gefürchtet hätte, man könnte ihm später bei einem zufälligen Bekanntwerden der Wahrheit und seiner Kenntniß derselben sein Schweigen sehr verübeln. Jetzt konnte er sich im schlimmsten Falle mit dem Worte decken, das er dem Vater gegeben hatte. Sogar der Herzog hätte es einsehen müssen, daß man einen Jugendfreund schonen mußte. Der „kluge Herbert“ verstand auch hier zu rechnen. –

Der Aufenthalt Oberst Falkenrieds war nur kurz bemessen, und er kam in dieser Zeit kaum zu Athem. Audienzen bei dem Herzog, Besprechungen mit hohen militärischen Persönlichkeiten, Verhandlungen mit der eigenen Gesandtschaft, das alles drängte sich in den Raum von wenigen Tagen zusammen. Wallmoden war kaum weniger in Anspruch genommen, bis endlich alles erledigt war. Der Gesandte und besonders Oberst Falkenried hatten Grund, mit dem Erfolge zufrieden zu sein, denn es war alles erreicht worden, was von seiten ihrer Regierung gewünscht und erwartet wurde, und sie konnten daheim der vollsten Anerkennung gewiß sein.

Allerdings wußten nur die eingeweihten Kreise, daß etwas Wichtiges vorging, und selbst in diesen Kreisen kannten nur wenige die volle Tragweite jener Verhandlungen. In der Oeffentlichkeit merkte man kaum etwas davon und beschäftigte sich um so angelegentlicher mit dem gegenwärtigen Lieblinge, dem Dichter der „Arivana“, welcher der ganzen Stadt um so interessanter war, als sein Benehmen ganz unbegreiflich schien.

Fast unmittelbar nach jenem glänzenden Triumphe seines Werkes hatte er sich allen Lobeserhebungen und Huldigungen entzogen und war „in die Wildniß gegangen“, wie Fürst Adelsberg lachend auf jede Anfrage erklärte. Wo diese Wildniß lag, erfuhr aber niemand; Egon behauptete, er habe sein Wort gegeben, den Aufenthalt seines Freundes nicht zu verrathen, der nach all den Aufregungen der Ruhe bedürfe und schon nach einigen Tagen zurückkehren werde. Es wußte in der That niemand, daß Hartmut Rojanow sich in Rodeck befand.

An einem trüben, kalten Wintermorgen hielt vor dem Palast der preußischen Gesandtschaft der Wagen des Herrn von Wallmoden. Es schien sich aber diesmal um einen weiteren Ausflug zu handeln, denn die Diener trugen Pelze und Reisedecken in den Wagen, während sich oben in dem Zimmer, wo man soeben das Frühstück eingenommen hatte, der Gesandte von Oberst Falkenried verabschiedete.

„Also auf Wiedersehen morgen abend!“ sagte er, ihm die Hand reichend. „Bis dahin sind wir jedenfalls zurück, und Du bleibst ja noch einige Tage hier.“

„Da der Herzog es ansdrücklich wünscht, allerdings!“ bestätigte der Oberst. „Ich habe das bereits nach Berlin gemeldet und mein Bericht ist ja gleichzeitig mit dem Deinigen abgegangen.“

„Jawohl, und ich denke, man wird zufrieden sein mit diesen Berichten; aber das war eine heiße Zelt, man kam ja kaum zur Ruhe in den letzten Tagen! Jetzt ist, Gott sei dank, alles geordnet, und nun kann ich es mir auch erlauben, einmal vierundzwanzig Stunden abwesend zu sein und mit Adelheid nach Ostwalden zu fahren.“

„Ostwalden heißt Dein neuer Landsitz? Ich erinnere mich, Du sprachst gestern davon. Wo liegt er denn eigentlich?“

„Etwa zwei Meilen von Fürstenstein entfernt. Als wir dort waren, machte mich Schönau auf das Schloß aufmerksam, und ich habe es schon damals besichtigt. Es ist eine ziemlich umfangreiche Besitzung, in dem berühmten ‚Walde‘ sehr schön gelegen, aber der Preis war anfangs zu hoch, und deshalb zogen sich die Verhandlungen hin. Erst jetzt nach meiner Rückkehr wurde der Kauf endgültig abgeschlossen.“

„Ich glaube, Ada ist nicht ganz einverstanden mit Deiner Wahl, sie scheint irgend etwas gegen die Fürstensteiner Gegend zu haben,“ warf Falkenried ein; der Gesandte zuckte gleichgültig die Achseln.

„Eine Laune, nichts weiter! Adelheid war anfangs ganz entzückt von Ostwalden, und später erhob sie alle möglichen Einwendungen dagegen; aber ich kann darauf keine Rücksicht nehmen. Ich werde voraussichtlich längere Zeit auf meinem hiesigen Posten bleiben und liebe es nicht mehr, im Sommer weite Reisen zu machen. Da ist mir ein Landsitz, der in vier Stunden von der Stadt zu erreichen ist, von großem Werthe. Das Schloß ist allerdings in seinem jetzigen Zustande ziemlich vernachlässigt, aber es läßt sich etwas daraus machen. Mit einem entsprechenden Umbau kann man es zu einem wahren Prachtsitze umwandeln, und das beabsichtige ich zu tun. Ich will es deshalb noch einmal eingehend besichtigen, damit die Baupläne möglichst bald festgestellt werden können, und überhaupt bin ich ja noch gar nicht als Besitzer dort gewesen.“

Er verbreitete sich mit großer Behaglichkeit über seine Pläne und Absichten. Herbert von Wallmoden, der ursprünglich nur ein geringes Vermögen besaß und sich sehr hatte einrichten müssen, fand es jetzt auf einmal für nöthig, sich an einem Orte anzukaufen, wo er doch nur vorübergehend weilte, und für seinen Sommeraufenthalt einen fürstlichen Landsitz zur Verfügung zu haben, aber er fand es nicht für nöthig, dabei auf die Wünsche seiner Frau Rücksicht zu nehmen, deren Reichthum es ihm ermöglichte, den Großgrundbesitzer zu spielen.

Falkenried mochte beim Zuhören wohl solche Gedanken hegen, aber er äußerte nichts. Er war seit den letzten Tagen womöglich noch starrer und finsterer geworden, und wenn er wirklich im Gespräch eine Frage that oder eine Bemerkung machte wie vorhin bei dem Gutskaufe, so hörte man es seinem Tone an, daß das eben nur mechanisch geschah, weil er doch irgend etwas sprechen mußte. Nur als Adelheid jetzt eintrat, schon vollkommen reisefertig, ging er mit einiger Lebhaftigkeit auf sie zu, um ihr den Arm zu bieten und sie zu dem Wagen zu führen. Er hob sie hinein, und Wallmoden, der ihr folgte, beugte sich noch einmal aus dem Schlage.

„Wir kommen jedenfalls morgen zurück – auf Wiedersehen!“

[346] Falkenried grüßte und trat zurück – ihm war es sehr gleichgültig, ob er den Jugendfreund überhaupt wiedersah oder nicht, auch das war längst erstorben. Aber als er die Treppe wieder hinaufstieg, murmelte er doch halblaut:

„Arme Ada – sie hätte auch ein besseres Los verdient!“




In Fürstenstein ging inzwischen alles seinen gewohnten, ruhigen Gang. Willibald befand sich seit einer Woche dort. Er war allerdings zwei Tage später gekommen, als er ursprünglich beabsichtigt hatte; aber daran trug die Verletzung an seiner Hand schuld, die er sich, seiner Erklärung nach, durch eigene Unvorsichtigkeit zugezogen hatte und die jetzt bereits in voller Heilung begriffen war. Der Oberforstmeister fand, daß sein künftiger Schwiegersohn sich in der kurzen Zeit sehr zu seinem Vortheil verändert habe, daß er viel ernster und bestimmter geworden sei, und äußerte hochbefriedigt zu seiner Tochter:

„Ich glaube, der Willy fängt an, menschlich zu werden! Man merkt es auf der Stelle, wenn die Frau Mama einmal nicht an seiner Seite steht und kommandirt.“

Im übrigen hatte Herr von Schönau nicht viel Zeit, sich um das Brautpaar zu kümmern, da er gerade jetzt mit Amtsgeschäften überhäuft war. Der Herzog hatte bei seinem Aufenthalt in Fürstenstein allerlei Aenderungen und Neuerungen in der Forstverwaltung angeordnet, auf die Vorschläge des Oberforstmeisters selbst, und dieser war nun mit vollem Eifer dabei, das alles vorzubereiten und auszuführen. Er sah und hörte es ja täglich, daß Antonie sich mit ihrem Bräutigam im besten Einvernehmen befand, daher überließ er die beiden meistentheils sich selber.

Inzwischen war in Waldhofen im Hause des Doktors Volkmar Angst und Sorge eingezogen. Die Krankheit des Doktors, die anfangs zu keinen Besorgnissen Anlaß gegeben hatte, nahm plötzlich eine sehr gefährliche Wendung, und bei dem Alter des Kranken erschien der Zustand mehr als bedenklich. Da er dringend nach seiner Enkelin verlangte, so wurde sie telegraphisch herbeigerufen; sie hatte auch sofort den erbetenen Urlaub erhalten, ihre Rolle in „Arivana“ wurde anderweitig besetzt, und sie selbst eilte unverzüglich nach Waldhofen.

Bei dieser Gelegenheit nun zeigte Antonie eine wahrhaft rührende Anhänglichkeit an die Jugendfreundin. Tag für Tag ging sie nach dem Volkmarschen Hause, um Marietta, die mit ganzer Seele an ihrem Großvater hing, zu trösten und aufzurichten. Willibald schien zu diesen Tröstungen gleichfalls nothwendig zu sein, denn er ging regelmäßig mit, und der Oberforstmeister fand es natürlich, daß man sich des „armen kleinen Dinges“ nach Kräften annahm, um so mehr, als es in seinem Hause eine unverschuldete Kränkung erlitten hatte, die er noch heute seiner Schwägerin nicht vergeben konnte.

Endlich, nach drei bangen Tagen und Nächten, siegte die kräftige Natur Volkmars, die Gefahr war gehoben und sichere Hoffnung auf Genesung vorhanden. Herr von Schönau, der dem Doktor freundschaftlich zugethan war, freute sich aufrichtig darüber, und so schien alles wieder in bester Ordnung zu sein.

Da zog ein dräuendes Ungewitter von Norden heran. Urplötzlich, ohne jede Anmeldung erschien Frau von Eschenhagen in Fürstenstein; sie hatte sich nicht einmal Zeit genommen, in der Stadt anzuhalten, wo ihr Bruder lebte, sondern kam geradeswegs von Burgsdorf und brach nun wie ein wirkliches Ungewitter bei ihrem Schwager ein, der eben ganz behaglich in seinem Zimmer saß und die Zeitung las.

„Alle guten Geister – Du bist es, Regine!“ rief er erschrocken. „Das nenne ich eine Ueberraschung; aber Du hättest uns doch wenigstens eine Nachricht schicken können.“

„Wo ist Willibald?“ fragte Regine statt aller Antwort in einem unheilverkündenden Tone. „Ist er in Fürstenstein?“

„Natürlich, wo sollte er denn sonst sein? Er hat Dir doch seine Ankunft hier gemeldet, so viel ich weiß.“

„So laß ihn rufen – auf der Stelle!“

„Was machst Du denn eigentlich für ein Gesicht?“ fragte Schönau, der jetzt erst die Aufgeregtheit seiner Schwägerin bemerkte. „Brennt es in Burgsdorf oder was ist sonst los? Auf der Stelle kann ich Dir übrigens Deinen Willy nicht herbeischaffen, denn er ist augenblicklich in Waldhofen –“

„Bei dem Doktor Volkmar vermuthlich! Und sie ist wohl gleichfalls dort?“

„Welche ‚sie‘? Toni ist allerdings mitgegangen, sie besuchen jetzt täglich das arme kleine Ding, die Marietta, die anfangs ganz verzweifelt war. In dem Punkte habe ich übrigens noch ein Wort mit Dir zu reden, Frau Schwägerin. Wie konntest Du das Mädchen so tief kränken, noch dazu in meinem Hause? Ich habe es erst nachträglich erfahren, sonst –“

Ein lautes, grimmiges Auflachen der Frau von Eschenhagen unterbrach ihn. Sie hatte Hut und Mantel auf den ersten besten Stuhl geworfen und trat jetzt dicht vor ihren Schwager hin.

„Willst Du mir vielleicht noch Vorwürfe machen, weil ich versuchte, das Unheil abzuwehren, das Du selbst auf Dein Haus herabgezogen hast? Freilich, Du bist ja stets blind gewesen, Du hast auf meine Warnungen nicht hören wollen – jetzt ist es zu spät!“

„Ich glaube, Du bist nicht recht bei Troste, Regine,“ sagte der Oberforstmeister, der wirklich nicht wußte, was er davon denken sollte. „Wirst Du mir endlich sagen, was das alles heißen soll?“

Regine zog ein Zeitungsblatt hervor und reichte es ihm, während sie mit dem Finger auf eine Stelle deutete:

„Lies!“

Schönau begann zu lesen, und jetzt allerdings wurde auch sein Gesicht dunkelroth vor zorniger Ueberraschung. Die betreffende Stelle, die aus der süddeutschen Hauptstadt datirt war, lautete folgendermaßen:

„Wie wir erst jetzt erfahren, hat am letzten Montage in dem entlegensten Theil unserer Anlagen in früher Morgenstunde ein Pistolenduell stattgefunden. Die Gegner waren ein in der hiesigen Gesellschaft wohlbekannter Herr, Graf W., und ein junger norddeutscher Gutsbesitzer, W. v. E., der sich augenblicklich hier zum Besuch befindet bei seinem Verwandten, einer hochgestellten diplomatischen Persönlichkeit. Als Veranlassung des Streites, der zum Duell führte, wird ein Mitglied unseres Hoftheaters genannt, eine junge Sängerin, die sich übrigens des besten Rufes erfreut. Graf W. wurde an der Schulter verwundet, Herr von E. trug nur eine leichte Verletzung an der Hand davon und ist sofort abgereist.“

„Da schlage doch der Donner drein!“ brach der Oberforstmeister wüthend los. „Der Bräutigam meiner Tochter schlägt sich um Mariettas willen! Daher stammt also die Verletzung, die er mitgebracht hat, das ist ja allerliebst! Was weißt Du davon, Regine? Meine Zeitung hat die Notiz nicht gebracht.“

„Aber die meinige! Die Nachricht stammt aus einem Eurer Blätter, wie Du siehst. Gestern las ich sie und bin sofort hierhergeeilt; ich habe nicht einmal Herbert aufgesucht, der noch nichts von der Sache wissen muß, sonst hätte er mich unterrichtet.“

„Herbert kommt heute mittag,“ sagte Schönau, indem er die Zeitung heftig auf den Tisch warf. „Er ist mit Adelheid in Ostwalden und hat mir geschrieben, daß er den Rückweg über Fürstenstein nehmen und einige Stunden hier bleiben werde. Möglicherweise kommt er deswegen, aber das ändert nichts an der Geschichte selbst. Ist der Junge, der Willy, denn toll geworden?“

„Ja, das ist er!“ fiel Frau von Eschenhagen mit der gleichen Empörung ein. „Du hast mich ja verspottet, Moritz, als ich es Dir vorhielt, daß Du Dein Kind nicht dem Umgange einer Komödiantin preisgeben dürftest. Daß die Sache eine solche Wendung nehmen könnte, ahnte ich allerdings nicht, bis zu dem Augenblick, wo ich entdeckte, daß Willy, daß mein Sohn, verliebt war in diese Marietta Volkmar. Ich entriß ihn augenblicklich der Gefahr und kehrte mit ihm nach Burgsdorf zurück, das war der Grund unserer plötzlichen Abreise, den ich Dir verschwieg, weil ich Willys Zustand für eine flüchtige Verirrung hielt. Der Junge schien ja auch vollständig wieder zur Vernunft gekommen zu sein, sonst hätte ich die neue Reise nicht zugegeben, und der Sicherheit wegen stellte ich ihn unter den Schutz meines Bruders. Er kann nicht länger als drei oder vier Tage in der Stadt gewesen sein, und nun müssen wir das erleben!“

Sie warf sich ganz erschöpft in einen Lehnstuhl, der Oberforstmeister dagegen begann stürmisch im Zimmer auf und nieder zu schreiten.

„Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste!“ rief er. „Das Aergste ist die Komödie, die der Junge mir und seiner Braut hier vorgespielt hat. Da läuft mein armes Kind Tag für Tag nach Waldhofen und tröstet und hilft, wie es nur weiß [347] und kann, und der Herr Bräutigam läuft immer mit und benutzt das zu den Zusammenkünften, das ist ja himmelschreiend! Du hast etwas Schönes erzogen an Deinem Mustersohne, Regine!“

„Denkst Du vielleicht, ich werde ihn entschuldigen?“ fuhr Regine auf. „Er soll mir, uns beiden, Rede stehen, deshalb bin ich gekommen. Er soll mich kennenlernen!“

Sie hob wie zu einem Racheschwur die Hand empor, und Schönau, der noch immer durch das Zimmer stürzte, wiederholte zornschnaubend: „Ja, er soll uns kennenlernen!“

Da öffnete sich die Thür, und mitten in diese Aufregung hinein trat die verrathene Braut, Fräulein Antonie von Schönau, ruhig und bedächtig wie immer, und sagte im harmlosesten Tone: „Ich höre eben von Deiner unvermutheten Ankunft, liebe Tante – herzlich willkommen!“

Sie erhielt keine Antwort, statt dessen schallte ihr von zwei Seiten die grimmige Frage entgegen:

„Wo ist Willibald?“

„Er wird sogleich, kommen, er ist nur auf einige Minuten zu dem Schloßgärtner gegangen, da er noch nichts von der Ankunft seiner Mutter wußte.“

„Zum Schloßgärtner? Wohl wieder, um Rosen zu holen wie damals?“ brach Frau von Eschenhagen los; der Oberforstmeister aber breitete die Arme aus und rief in erschütternden Tönen:

„Mein Kind, mein armes verrathenes Kind, komm zu mir! Komm in die Arme Deines Vaters!“

Er wollte die Tochter an seine Brust reißen, aber da kam Regine von der anderen Seite und riß sie gleichfalls an sich, indem sie ebenso erschütternd rief:

„Fasse Dich, Toni, Dir steht ein furchtbarer Schlag bevor, aber Du mußt ihn tragen. Du mußt Deinem Bräutigam zeigen, daß Du ihn und seinen Verrath verabscheust in tiefster Seele!“

Diese stürmische Theilnahme hatte etwas geradezu Beängstigendes, aber zum Glück besaß Antonie starke Nerven; sie machte sich los aus der doppelten Umarmung, trat zurück und sagte mit ruhiger Entschiedenheit:

„Das fällt mir gar nicht ein, der Willy fängt jetzt erst an, mir eigentlich zu gefallen.“

„Um so schlimmer!“ fiel Schönau ein. „Armes Kind, Du weißt ja noch nichts, ahnst noch gar nichts! Dein Bräutigam hat sich geschossen, hat ein Duell gehabt um einer anderen willen!“

„Das weiß ich, Papa.“

„Um Mariettas willen!“ erläuterte Frau von Eschenhagen.

„Das weiß ich, liebe Tante.“

„Aber er liebt Marietta!“ schrieen jetzt die beiden einstimmig.

„Weiß ich alles!“ erklärte Toni mit überlegener Miene. „Schon seit acht Tagen.“

Die Wirkung dieser Erklärung war eine so niederschmetternde, daß die beiden wüthenden Herrschaften verstummten und sich ganz verblüfft ansahen. Inzwischen fuhr Toni mit unzerstörbarer Gelassenheit fort:

„Willy hat mir gleich nach seiner Ankunft alles gesagt; er sprach so schön und herzlich, daß ich weinte vor Rührung, und gleichzeitig traf ein Brief von Marietta ein, in dem sie mich um Verzeihung bat, das war noch viel rührender. Da blieb mir doch nichts anderes übrig, als meinem Bräutigam sein Wort und die Freiheit zurückzugeben.“

„Ohne uns zu fragen?“ fuhr Regine auf.

„Das Fragen hätte in diesem Falle gar nichts genützt,“ sagte Antonie ruhig. „Ich kann doch nicht einen Mann heirathen, der mir erklärt, daß er eine andere liebt. Wir haben deshalb in aller Stille unsere Verlobung aufgehoben.“

„So, und das erfahre ich jetzt erst? Ihr seid ja sehr eigenmächtig geworden!“ rief der Oberforstmeister gereizt.

„Willy wollte schon am nächsten Tage mit Dir sprechen, Papa, aber nach einer solchen Erklärung hätte er doch nicht länger hier bleiben können, und nun kam gerade die schwere Erkrankung des Doktor Volkmar und Mariettas Ankunft. Sie war ganz verzweifelt, die arme Marietta, und dem Willy brach fast das Herz darüber, daß er sie in dieser Angst allein lassen und abreisen sollte, ohne zu wissen, welche Wendung die Krankheit nahm. Da schlug ich ihm vor, einstweilen noch zu schweigen, bis die Gefahr vorüber sei, aber ich ging täglich mit ihm nach Waldhofen, damit er Marietta sehen und trösten konnte. Sie waren mir so dankbar, die beiden, sie haben mich den Schutzengel ihrer Liebe genannt!“

Die junge Dame schien das wiederum sehr rührend zu finden, denn sie führte ihr Taschentuch an die Augen. Frau von Eschenhagen stand starr und steif wie eine Bildsäule, Schönau aber faltete die Hände und sagte mit einem Stoßseufzer: „Nun, Gott segne Deine Gutmüthigkeit, mein Kind! So etwas ist denn doch noch nicht dagewesen! Aber gemüthlich habt Ihr die Geschichte abgemacht, das muß man zugestehen. Du hast also ganz ruhig dabei gesessen und es mit angesehen, wie Dein Bräutigam einer anderen schön that?“

Antonie schüttelte unwillig den Kopf. Sie gefiel sich offenbar sehr in der Rolle eines Schutzengels und fand sich ohne große Schwierigkeit darein, da ihre Zuneigung zu dem Verlobten von Anfang an eine sehr kühle gewesen war.

„Von Schönthun war gar keine Rede, dazu war der Doktor viel zu krank,“ versetzte sie. „Marietta weinte fortwährend, und wir hatten genug zu thun, sie nur zu trösten. Ihr seht jetzt doch ein, daß ich ganz und gar nicht verrathen bin und daß Willy offen und ehrlich gehandelt hat. Ich selbst habe ihn aufgefordert, noch zu schweigen gegen Euch, und im Grunde geht die Sache doch auch nur uns beide an –“

„Findest Du das? Uns geht sie also gar nichts an?“ warf der Oberforstmeister zornig dazwischen.

„Nein, Papa! Willy meint, man dürfe sich in solchem Falle gar nicht um die Eltern kümmern.“

Was meint Willy?“ fragte Frau von Eschenhagen, die bei dieser unerhörten Behauptung die Sprache zurückgewann.

„Daß man sich lieben muß, um zu heirathen, und da hat er recht,“ erklärte Toni mit ungewohnter Lebhaftigkeit. „Bei unserer Verlobung ist nicht die Rede davon gewesen, wir sind eigentlich gar nicht gefragt worden, aber zum zweiten Male lasse ich mir das nicht wieder gefallen. Ich sehe erst jetzt, was es heißt, wenn zwei sich von ganzem Herzen liebhaben, und wie merkwürdig Willy sich dabei verändert hat. Jetzt will ich auch so geliebt werden wie Marietta, und wenn ich nicht einen Mann finde, der mich ganz genau ebenso liebt, dann heirathe ich überhaupt nicht!“

Und mit dieser Erklärung, die an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ, schritt Fräulein Antonie hochgehobenen Hauptes aus dem Zimmer, Vater und Tante in einer ganz unbeschreiblichen Stimmung zurücklassend.

Der Oberforstmeister faßte sich zuerst; allerdings verrieth sich noch ein mühsam unterdrückter Aerger in seiner Stimme, als er sich an seine Schwägerin wandte und sagte: „Dein Junge hat etwas Hübsches angerichtet, Regine! Jetzt will Toni auch geliebt sein und fängt an, sich romantische Grillen in den Kopf zu setzen, und Willy scheint in dem Punkte schon ziemlich weit zu sein. Ich glaube wahrhaftig, er hat die zweite Liebeserklärung allein zustande gebracht.“

Frau von Eschenhagen beachtete die bittere Anspielung auf ihr damaliges Eingreifen nicht, ihr Gesicht hatte einen Ausdruck, der nichts Gutes verhieß.

„Du scheinst die Angelegenheit von der komischen Seite zu nehmen,“ versetzte sie. „Ich fasse sie anders auf.“

„Das wird Dir nicht viel helfen,“ meinte Schönau; „wenn ein solcher Musterknabe erst einmal anfängt zu rebelliren, dann ist die Geschichte meistentheils hoffnungslos, besonders wenn er verliebt ist. Aber ich bin doch neugierig, wie der Willy sich eigentlich als Liebhaber ausnimmt, das muß ein ganz merkwürdiger Anblick sein!“

Seine Neugier sollte auf der Stelle befriedigt werden, denn jetzt erschien Willibald. Er hatte inzwischen schon die Ankunft seiner Mutter erfahren, war also einigermaßen vorbereitet, denn daß es etwas Besonderes sein mußte, was sie so unerwartet nach Fürstenstein führte, konnte er sich sagen. Der junge Majoratsherr wich aber diesmal nicht ängstlich zurück wie vor zwei Monaten, wo er die Rosen in der Tasche versteckt hatte, sondern seine Haltung verrieth, daß er entschlossen war, den nun einmal unvermeidlichen Kampf aufzunehmen.

„Da ist Deine Mutter, Willy,“ begann der Oberforstmeister.

„Du bist wohl recht überrascht, sie hier zu sehen?“

„Nein, Onkel, das bin ich nicht,“ lautete die Antwort; der junge Mann machte aber keinen Versuch, sich seiner Mutter zu [348] nähern, denn diese stand da wie eine dräuende Wetterwolke, und in ihrer Stimme grollte es auch wie ferner Donner, als sie fragte:

„So weißt Du also, weshalb ich gekommen bin?“

„Ich errathe es wenigstens, Mama, wenn ich auch nicht begreife, wie Du erfahren hast –“

„Die Zeitungen bringen es ja bereits – da steht es!“ unterbrach ihn Frau von Eschenhagen, indem sie auf das Zeitungsblatt deutete, das noch auf dem Tische lag, „und überdies hat uns Toni alles gesagt – hörst Du, alles!“

Sie sprach das letzte Wort in einem geradezu vernichtenden Tone aus, aber Willibald wurde dadurch kaum aus der Fassung gebracht, sondern versetzte ganz ruhig:

„Nun, dann brauche ich es Euch nicht erst zu sagen! Sonst hätte ich noch heute mit dem Onkel gesprochen.“

Das war zu viel! Jetzt brach die Wetterwolke los mit Blitz und Donner, sie entlud sich mit einer solchen Heftigkeit über dem Haupte des jungen Majoratsherrn, daß diesem eigentlich nichts anderes übrig geblieben wäre, als schleunigst in den Erdboden zu versinken, der einen Menschen seiner Art nicht mehr tragen durfte; aber er versank durchaus nicht, er beugte nur den Kopf vor dem daherstürmenden Ungewitter, und als es endlich nachließ – Frau Regine mußte doch nothgedrungen einmal Athem schöpfen – richtete er sich auf und sagte:

„Mama – jetzt laß mich einmal reden!“

Du willst reden? Das ist ja merkwürdig!“ warf Schönau ein, der an solche Leistungen von seiten des Bräutigams seiner Tochter allerdings nicht gewöhnt war, aber Willibald fing wirklich an zu reden, anfangs noch etwas stockend und unsicher, dann aber mit sichtlich zunehmender Festigkeit in Sprache und Haltung.

„Es thut mir leid, wenn ich Euch kränken mußte, aber ändern ließ sich das nicht. An dem Duell bin ich ebenso unschuldig wie Marietta; sie wurde von einem frechen Menschen mit Zudringlichkeiten verfolgt, ich nahm mich ihrer an, züchtigte den Unverschämten und er schickte mir eine Herausforderung, die ich nicht ablehnen konnte und durfte. Daß ich Marietta liebe, dafür habe ich nur Toni allein um Verzeihung zu bitten, und das that ich gleich nach meiner Ankunft. Sie erfuhr alles und gab mir mein Wort zurück. Wir haben allerdings eigenmächtig unsere Verlobung aufgehoben, viel eigenmächtiger, als wir sie geschlossen hatten.“

„Oho, geht das etwa auf uns?“ rief der Oberforstmeister ärgerlich. „Wir haben Euch nicht gezwungen, Ihr konntet Nein sagen, wenn Ihr Euch nicht haben wolltet.“

„Nun, das thun wir jetzt noch nachträglich,“ gab Willibald so schlagfertig zurück, daß Schönau ihn ganz verblüfft ansah. „Toni hat es auch eingesehen, daß die bloße Gewohnheit zu einer Ehe nicht ausreicht, und wenn man das Glück überhaupt erst einmal kennengelernt hat, dann will man es auch besitzen.“

Frau von Eschenhagen, die noch immer nicht ihren vollen Athem zurückgewonnen hatte, fuhr bei dem letzten Worte auf wie von einer Schlange gestochen. Es war ihr noch nicht in den Sinn gekommen, daß der ersten, nunmehr aufgehobenen Verlobung eine zweite folgen könnte, – an diese furchtbarste aller Möglichkeiten hatte sie noch gar nicht gedacht.

„Besitzen?“ wiederholte sie. „Was willst Du besitzen? Soll das etwa heißen, daß Du sie heirathen willst, diese Marietta, dies Geschöpf –“

„Mama, ich bitte Dich, in einem anderen Tone von meiner zukünftigen Frau zu sprechen,“ unterbrach sie der junge Majoratsherr so ernst und entschieden, daß die erzürnte Frau in der That verstummte. „Toni hat mich frei gegeben, also ist kein Unrecht mehr in meiner Liebe zu Marietta, und Mariettas Ruf ist tadellos, davon habe ich mich überzeugt. Wer sie kränkt oder beleidigt, der bekommt es mit mir zu thun – und wenn es meine eigene Mutter wäre!“

„Sieh, sieh, der Junge macht sich!“ murmelte der Oberforstmeister, bei dem das Gerechtigkeitsgefühl den Aerger schließlich überwog. Aber Frau von Eschenhagen war weit entfernt, der Gerechtigkeit Gehör zu geben. Sie hatte geglaubt, schon durch ihr bloßes Erscheinen ihren Sohn zu zerschmettern, und nun bot er ihr in dieser unerhörten Weise Trotz. Gerade sein mannhaftes Auftreten brachte sie zum äußersten, denn sie erkannte daraus, wie tief und mächtig das Gefühl war, das ihn so verändern konnte.

„Ich will es Dir ersparen, gegen Deine eigene Mutter das geltend machen,“ sagte sie mit grenzenloser Bitterkeit. „Du bist mündig, bist der Majoratsherr von Burgsdorf, ich kann Dich nicht hindern, aber menn Du diese Marietta Volkmar wirklich dort einführst – dann gehe ich!“

Die Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht. Willibald zuckte zusammen und trat einen Schritt zurück.

„Mama, das sprachst Du im Zorne!“ rief er heftig.

„Das spreche ich im vollen Ernste! Sobald eine Komödiantin als Herrin das Haus betritt, wo ich dreißig Jahre lang in Ehrbarkeit gelebt und gewaltet habe, wo ich mein Haupt zur letzten Ruhe niederzulegen hoffte, verlasse ich dies Haus auf immer. Dann mag sie dort herrschen – Du hast die Wahl zwischen ihr und Deiner Mutter!“

„Aber Regine, so treibe doch nicht alles gleich auf die Spitze,“ suchte Schönau zu beschwichtigen. „Du folterst den armen Jungen ja mit diesem grausamen Entweder – oder.“

Regine hörte nicht auf die Mahnung, sie stand da, bleich bis an die Lippen, das Auge unverwandt auf ihren Sohn gerichtet, aber sie wiederholte unbeugsam:

„Entscheide Dich – sie oder ich!“

Auch Willibald war bleich geworden, und um seine Lippen zuckte es bitter und schmerzlich, als er leise sagte:

„Das ist hart, Mama! Du weißt, wie lieb ich Dich habe und was Du mir anthust mit Deinem Fortgehen. Wenn Du aber wirklich so grausam bist, mich vor eine solche Wahl zu stellen, nun dann,“ er richtete sich entschlossen auf, „dann wähle ich meine Braut!“

„Bravo!“ fiel der Oberforstmeister ein, der ganz vergaß, daß er doch eigentlich der Mitbeleidigte war. „Willy, es geht mir wie der Toni, Du fängst jetzt erst an, mir zu gefallen. Es thut mir wirklich leid, daß Du nicht mein Schwiegersohn wirst!“

Frau von Eschenhagen mochte einen solchen Ausgang doch wohl nicht erwartet haben; sie hatte auf ihre alte Macht gebaut, die sie nun in Trümmer gehen sah, aber sie war nicht die Frau, nachzugeben. Wenn es ihr Leben gegolten hätte, sie hätte ihren Starrsinn nicht gebeugt.

„Gut – so sind wir fertig miteinander!“ sagte sie kurz und wandte sich zum Gehen, ohne auf die Einrede ihres Schwagers zu achten, der ihr folgte. Aber ehe sie noch die Thür erreichte, wurde diese geöffnet und der Diener des Oberforstmeisters trat ein mit der hastigen Meldung:

„Der Schloßverwalter von Rodeck ist draußen und bittet –“

„Ich habe jetzt keine Zeit!“ fuhr Schönau unwillig auf. „Sagen Sie dem Stadinger, ich könnte ihn jetzt nicht sprechen, ich hätte Wichtiges vor, Familienangelegenheiten –“

Er konnte nicht ausreden, denn Stadinger, der dem Diener auf dem Fuße gefolgt war, stand bereits auf der Schwelle und sagte in einem eigenthümlich gepreßten Tone:

„Ich komme auch in einer Familienangelegenheit, Herr Oberforstmeister, aber es ist eine traurige. Ich kann leider nicht warten, sondern muß Sie auf der Stelle sprechen.“

„Was giebt es denn?“ fragte Schönau betroffen. „Ist etwa ein Unglück geschehen? Der Fürst ist doch nicht in Rodeck, so viel ich weiß?“

„Nein, Durchlaucht ist in der Stadt, aber Herr Rojanow ist hier und schickt mich. Er läßt den Herrn Oberforstmeister und den Herrn von Eschenhagen bitten, augenblicklich nach Rodeck zu kommen, und die gnädige Frau –“ Stadinger warf einen Blick auf Frau von Eschenhagen, die er von ihren Besuchen in Fürstenstein her kannte – „die thäte wohl am besten, auch gleich mitzukommen.“

„Aber weshalb denn? Was ist denn eigentlich vorgefallen?“ rief der Oberforstmeister, der jetzt ernstlich unruhig wurde.

Der Alte zögerte mit der Antwort, man hatte ihm offenbar eingeschärft, seine Nachricht vorsichtig anzubringen. Endlich sagte er:

„Excellenz von Wallmoden ist bei uns im Schlosse – und die Frau Baronin auch.“

„Mein Bruder?“ fiel Regine ahnungsvoll ein.

„Ja, gnädige Frau, der Herr ist aus dem Wagen gestürzt, und nun liegt er da, besinnungslos, und der Arzt, den wir in der Eile gerufen haben, meint, die Sache wäre sehr bedenklich.“

„Um Gotteswillen!“ rief die erschrockene Frau. „Moritz, wir müssen sofort hinüber!“

Schönau hatte bereits die Klingel ergriffen und läutete.

[350] „Anspannen, so rasch als möglich!“ rief er dem wieder eintretenden Diener zu: „Wie ist das gekommen, Stadinger? So sprechen Sie doch!“

„Der Herr Baron kam mit der gnädigen Frau von Ostwalden und wollte nach Fürstenstein,“ berichtete Stadinger. „Der Weg führt ja durch Rodecker Gebiet, nicht weit vom Schlosse vorüber. Unser Förster, der mit dem Forstgehilfen im Walde ist, giebt dort ein paar Schüsse ab und ein angeschossener Hirsch jagt in wilder Flucht über die Fahrstraße, gerade an dem Wagen vorbei. Die Pferde scheuen und gehen durch, der Kutscher kann sie nicht mehr halten. Die beiden Jäger, die das sehen, stürzen hinterdrein, sie hören noch, wie die Frau Baronin ihren Mann bittet: ‚Bleib sitzen, Herbert! Um Gotteswillen, nein, nicht hinaus!‘ – Aber der Herr scheint ganz den Kopf verloren zu haben, er reißt den Schlag auf und springt hinaus. Bei der rasenden Jagd stürzt er natürlich mit voller Gewalt nieder und wird gegen einen Baum geschleudert. Nicht weit davon an einer Biegung des Wegs bringt der Kutscher endlich die wildgewordenen Thiere zum Stehen. Die Frau Baronin, die unverletzt war, eilt so rasch als möglich zu der Unglücksstätte und da findet sie den armen Herrn schwer verletzt, bewußtlos. – Die Forstleute brachten ihn nach Rodeck, das am nächsten lag. Herr Rojanow hat für alles gesorgt, was für den Augenblick nöthig war, und nun schickt er mich, um Ihnen die Nachricht zu bringen.“ –

Es war selbstverständlich, daß unter dem Eindruck dieser erschütternden Nachricht der eben noch so heftige Familienstreit sofort aufhörte. In Hast und Eile machte man sich zum Aufbruch fertig, Antonie wurde gerufen und benachrichtigt, und sobald der Wagen angespannt war, eilte der Oberforstmeister mit seiner Schwägerin hinunter. Willibald, der mit Stadinger folgte, hielt diesen auf der Treppe noch einen Augenblick zurück und fragte halblaut:

„Wie hat der Arzt sich ausgesprochen? Wissen Sie Näheres darüber?“

Der Alte nickte traurig mit dem Kopfe und antwortete, gleichfalls in gedämpftem Tone: „Ich stand dabei, als Herr Rojanow ihn im Vorzimmer fragte. Es ist keine Hoffnung mehr – der arme Herr wird den Tag nicht überleben!“




Das kleine Jagdschlößchen von Rodeck, das in dem Schnee der ersten Dezembertage so winterlich einsam dalag, hatte selten solche Aufregung gesehen wie heute. Es war um die Mittagsstunde, als die beiden Forstleute, deren Schüsse die unschuldige Ursache des Unglücks gewesen waren, den verwundeten Gesandten brachten. Sie hatten wohl gesehen, daß eine Ueberführung nach Fürstenstein unmöglich war, und wandten sich daher nach Rodeck, das kaum eine Viertelstunde von der Unglücksstätte entfernt lag. Hartmut Rojanow, der sich im Schlosse befand und den man sofort herbeirief, hatte mit rascher Umsicht die nöthigen Anstalten getroffen. Die Zimmer, die sonst Fürst Adelsberg bewohnte, wurden zur Verfügung gestellt, die erste, dringendste Hilfe geleistet und ein reitender Bote zu dem nächsten Arzte gejagt, der glücklicherweise leicht zu erreichen war.

Dann, als der ärztliche Ausspruch keine Hoffnung mehr ließ, war Stadinger nach Fürstenstein gesandt worden, um die Verwandten herbeizurufen, die auch bald darauf eintrafen, aber nur, um einen Sterbenden zu finden. Wallmoden erwachte nicht wieder aus der Besinnungslosigkeit, in der man ihn nach jenem schweren Sturz gefunden hatte. Betäubt und regungslos lag er da, ohne jemand von seiner Umgebung zu erkennen, und als der Tag sich neigte, war alles vorüber.

Gegen Abend kehrte der Oberforstmeister mit Willibald nach Fürstenstein zurück. Er hatte schon bei der Abfahrt von dort ein Telegramm abgeschickt, um die Gesandtschaft von dem schweren Unfall zu unterrichten, der ihren Chef betroffen hatte, jetzt mußte er die Todesnachricht folgen lassen.

Frau von Eschenhagen war in Rodeck geblieben bei der Witwe ihres Bruders. Man konnte erst morgen Anstalten treffen, um den Todten nach der Stadt zu überführen, und bis dahin wollten die beiden Frauen an seiner Seite bleiben. Adelheid, die sich bei der Gefahr selbst so muthig gezeigt und so unermüdlich ihre Pflicht am Sterbebette des Gatten gethan hatte, schien jetzt, wo diese Pflicht zu Ende war, auch die Kraft zu verlieren; sie war halb betäubt von dem jähen, furchtbaren Ereigniß. –

Am Fenster seines Wohnzimmers, das im oberen Stock lag, stand Hartmut und blickte hinaus in den öden, nächtlichen Wald, der so gespenstig weiß schimmerte in dem matten Sternenlichte. Der gestrige Tag hatte den ersten Schneefall gebracht, und nun starrte alles ringsum in dem eisigen Gewande. Der große Rasenplatz vor dem Schlosse war tief verschneit, die Bäume trugen schwer an ihren weißen Lasten, und die breiten Aeste der Tannen senkten sich tief zur Erde nieder. Nur dort oben, an dem dunklen Nachthimmel, leuchtete Stern an Stern in klarer ruhiger Pracht, und fern am nördlichen Horizont dämmerte ein leichter, rosiger Schein wie der erste Gruß der Morgenröthe. Und doch war es Nacht, kalte, eisige Winternacht, in die noch kein Strahl des neuen Tages fallen konnte.

Hartmuts Augen hingen unverwandt an jenem räthselhaften Schimmer, auch in seinem Inneren war es dunkel, und doch dämmerte etwas auf, fern und leise, wie erwachendes Morgenlicht. Er hatte Adelheid von Wallmoden nicht wiedergesehen seit jener verhängnißvollen Stunde auf der Waldhöhe, erst heute traf er sie wieder, an der Seite ihres Gatten, der blutend, bewußtlos – sterbend in das Schloß getragen wurde. Der Anblick verbot jede Erinnerung und forderte gebieterisch die Hilfe, die auch im vollsten Umfange geleistet wurde, aber Rojanow hatte das Sterbezimmer nicht betreten und sich nur durch den Arzt Bericht erstatten lassen.

Auch bei der Ankunft der Frau von Eschenhagen hatte er sich nicht gezeigt, sondern erst später mit dem Oberforstmeister und mit Willibald gesprochen. Jetzt war alles entschieden, Herbert von Wallmoden weilte nicht mehr unter den Lebenden und seine Gattin war Witwe – war frei!

Ein tiefer Athemzug hob Hartmuts Brust bei dem Gedanken, und doch lag nichts Freudiges darin. Wohl war seine Empfindung eine andere geworden, eine ganz andere seit jener Stunde, wo er das höchste Spiel gewagt und – verloren hatte gegen die Frau, die er liebte. Aber diese Stunde hatte ihm auch die tiefe Kluft gezeigt, die zwischen ihnen aufgähnte, auch jetzt noch, wo das Band von Adelheids Ehe zerrissen war. Ihr „graute“ ja vor dem Manne, der an nichts mehr glaubte, dem nichts mehr heilig war, und er war derselbe noch, der er damals gewesen.

Er hatte ihr eine wortlose Abbitte geleistet, als er in seiner „Arivana“ die Gestalt schuf, die jetzt ihren Namen trug, aber jene Ada entschwebte wieder zu der Höhe, aus der sie gekommen war mit ihrem Warnungsruf, und die Menschen blieben auf der Erde mit ihrem glühenden Hassen und Lieben. Hartmut Rojanow konnte nun einmal das heiße, wilde Blut, das in seinen Adern rollte, nicht in einen ruhigen Kreislauf zwingen, er konnte sich nicht einem Leben voll strenger Pflichten beugen – und er wollte es auch nicht. Wozu war ihm denn die geniale Begabung zu theil geworden, die ihm überall siegreich Bahn brach, wenn sie ihn nicht hinaushob über die Pflichten und Schranken der Alltäglichkeit? Und er wußte es doch, daß jene großen blauen Augen ihn unerbittlich diesen so gehaßten Weg wiesen – das ging nimmermehr! –

Der rothe Schimmer dort über dem Walde war dunkler geworden und höher emporgestiegen. Es sah aus, wie der Widerschein eines mächtigen Brandes, aber dies ruhige, stetige Licht entstammte keiner Feuersgluth. Unverrückbar stand es im Norden, geheimnißvoll, hoch und fern – ein Nordlicht in aufdämmernder Herrlichkeit.

Das Rollen eines Wagens, der in aller Eile näher kam, riß Hartmut aus seiner Träumerei. Es war neun Uhr vorüber, wer konnte zu so später Stunde noch anlangen? Vielleicht der zweite Arzt, zu dem man am Nachmittag gesandt hatte, der aber nicht zu Haus gewesen war, vielleicht auch jemand von Ostwalden, wo man die Nachricht schon erfahren haben konnte. Jetzt bog der Wagen um den Rasenplatz, die Räder knirschten auf dem schneebedeckten Boden, und gleich darauf fuhr er am Haupteingange vor, der an der Rückseite des Schlosses lag. Rojanow, der heute nun einmal den Herrn des Hauses vertrat, verließ seinen Platz und ging hinaus, um zu hören, was es gebe.

Er hatte bereits die große Treppe erreicht, die hinunter in die Eingangshalle führte, und setzte den Fuß auf die oberste Stufe, als er plötzlich zusammenbebte und wie gebannt stehen blieb. Da unten klang eine Stimme, die er seit zehn langen Jahren nicht gehört hatte, – sie sprach gedämpft, halblaut, und doch erkannte er sie wieder im ersten Augenblick.

„Ich komme von der Gesandtschaft. Wir erhielten am Nachmittage das Telegramm und ich habe den ersten Zug benutzt, um [351] hierherzueilen. Wie steht es? Kann ich Herrn von Wallmoden sehen?“

Stadinger, der den Ankömmling empfing, antwortete in leisem Tone etmas Unverständliches, das wohl die Wahrheit verrathen mochte, denn der Fremde fragte hastig: „Ich komme doch nicht zu spät?“

„Ja, mein Herr, heut nachmittag starb Herr von Wallmoden!“

Es folgte eine kurze Pause, dann sagte der Fremde dumpf, aber fest: „So führen Sie mich zu seiner Witwe – melden Sie ihr den Oberst von Falkenried!“

Stadinger schritt voran, und ihm folgte eine hohe Gestalt im Mitärmantel, von der man in der halbdunklen Eingangshalle nur die Umrisse erkennen konnte. Die beiden waren längst in den unteren Zimmern verschwunden, und noch immer stand Hartmut, auf das Geländer der Treppe gestützt, und starrte hinunter. Erst als Stadinger allein zurückkam, raffte er sich zusammen und kehrte in sein Gemach zurück.

Wohl eine Viertelstunde lang schritt er hier ruhelos auf und ab. Es war ein stummer, schwerer Kampf, den er kämpfte: er hatte ja nie seinen Stolz beugen, nie sich unterwerfen können, und er mußte sich tief beugen vor dem schwerbeleidigten Vater, das wußte er. Aber dann kam wieder die heiße, brennende Sehnsucht über ihn und wuchs übermächtig an und behielt schließlich den Sieg.

Er richtete sich entschlossen auf. „Nein, jetzt will ich nicht feig zurückweichen! Jetzt sind wir unter einem Dache, dieselben Mauern umschließen uns, nun sei es auch gewagt! Er ist ja doch mein Vater und ich bin sein Sohn!“ –

Die Schloßuhr von Rodeck verkündete in langsamen, dumpfen Schlägen die zehnte Stunde. Es war todtenstill draußen im Walde und ebenso still drinnen in dem Hause, wo ein Todter lag. Der Schloßverwalter und die Dienstleute hatten sich zur Ruhe begeben, ebenso Frau von Eschenhagen. Auch bei ihr forderte die erschöpfte Natur endlich ihr Recht, sie hatte ja ohne Unterbrechung die weite anstrengende Fahrt von Burgsdorf gemacht und dann den heutigen schweren Tag durchlebt. Nur wenige Fenster waren noch matt erhellt, sie gehörten zu den Zimmern, die man Frau von Wallmoden und dem Oberst Falkenried eingeräumt hatte, und die nahe bei einander lagen, nur durch ein Vorgemach getrennt.

Falkenried wollte die junge Frau morgen nach der Stadt zurückgeleiten. Er hatte sie und Regine noch gesprochen und dann lange vor der Leiche des Jugendfreundes gestanden, der ihm gestern noch ein so zuversichtliches „Auf Wiedersehen!“ zugerufen hatte, der damals noch so voll gewesen war von Plänen und Entwürfen für seine Zukunft und seinen neu erworbenen Besitz. Nun war das alles zu Ende! Kalt und still ruhte er auf der Bahre, und kalt und düster stand Falkenried jetzt am Fenster seines Gemaches. Selbst dies furchtbare Ereigniß vermochte es nicht, seine eisige Ruhe zu erschüttern, denn er hatte es ja längst verlernt, den Tod als ein Unglück anzusehen. Das Leben war schwer – nicht das Sterben!

Er blickte schweigend hinaus in die Winternacht und auch er sah den seltsam geisterhaften Schimmer, von welchem das Dunkel draußen erhellt war. Fern am Horizont brannte jetzt dunkelrothe Gluth und der ganze nördliche Himmel erschien wie durchlodert von unsichtbaren Flammen. Röthlich, wie durch einen Purpurschleier, blinkten die Sterne – jetzt zuckten einzelne Strahlen auf, immer zahlreicher, immer höher emporsteigend bis zum Zenith, und unter diesem flammenden Himmel lag kalt und weiß die schneebedeckte Erde – das Nordlicht leuchtete in vollster Pracht.

Falkenried war so versunken in den Anblick, daß er es nicht vernahm, wie die Thür des Vorzimmers geöffnet und wieder geschlossen wurde. Leise öffnete sich nun die nur angelehnte Thür seines eigenen Zimmers; aber der Eintretende machte sich nicht bemerklich, sondern verharrte regungslos auf der Schwelle.

Der Oberst stand noch immer am Fenster, zur Hälfte abgewandt; aber das flackernde Licht der Kerzen, die auf dem Tische brannten, ließ doch deutlich sein Gesicht erkennen, die scharfen, tiefen Linien der Züge und die finstere, gramdurchfurchte Stirn unter dem weißen Haar. Hartmut schauerte unwillkürlich zusammen – so schwer und furchtbar hatte er sich die Veränderung nicht gedacht. Der Mann, der noch in der Vollkraft der Jahre stand, sah ja wie ein Greis aus, und wer hatte ihm dies frühe Alter geschaffen?!

Einige Minuten vergingen in tiefem Schweigen, dann klang ein Ton durch das Gemach, halblaut, flehend, und doch voll mühsam zurückgehaltener Zärtlichkeit, ein einziges, inhaltsschweres Wort:

„Vater!“

Falkenried fuhr zusammen, als habe eine Geisterstimme sein Ohr berührt. Langsam wandte er sich um mit einem Ausdruck, als glaubte er, es sei wirklich Geisterspuk, der sich da vernehmen lasse.

Hartmut that rasch einige Schritte vorwärts und blieb dann stehen.

„Vater, ich bin es! Ich komme –“

Er verstummte, denn jetzt begegnete er den Augen seines Vaters, diesen Augen, die er so sehr gefürchtet hatte, und was darin stand, raubte ihm den Muth, weiter zu sprechen. Er senkte das Haupt und schwieg.

Aus dem Antlitz des Obersten schien jeder Blutstropfen gewichen zu sein. Er hatte nichts erfahren, er ahnte nicht, daß sein Sohn sich unter demselben Dache mit ihm befand, das Wiedersehen traf ihn völlig unvorbereitet; aber es entriß ihm keinen Ausruf, kein Zeichen des Zornes oder der Schwäche: Starr und stumm stand er da und blickte auf den, der einst sein Alles gewesen war. Endlich hob er langsam die Hand und deutete nach der Thür:

„Geh!“

„Vater, höre mich an!“

„Geh’, sage ich!“ Der Befehl klang diesmal drohend.

„Nein, ich gehe nicht!“ rief Hartmut leidenschaftlich. „Ich weiß, daß an dieser Stunde allein die Versöhnung hängt. Ich habe Dich gekränkt, wie schwer und tief, das fühle ich erst jetzt; aber ich war ein Knabe von siebzehn Jahren, und es war meine Mutter, der ich folgte. Bedenke das, Vater, und verzeihe mir, verzeih Deinem Sohne!“

„Du bist der Sohn der Frau, deren Namen Du trägst, nicht der meine!“ sagte der Oberst schneidend. „Ein Falkenried hat keinen Ehrlosen zum Sohn!“

Hartmut wollte auffahren bei dem furchtbaren Worte, das Blut stieg ihm wieder heiß und wild in die Stirn da sah er auf jene andere Stirn unter dem zu Schnee gebleichten Haar, und gewaltsam bezwang er sich.

Die beiden glaubten allein zu sein bei dieser Unterredung in der Stille der Nacht, es schlief ja schon alles im Schlosse, sie ahnten nicht, daß sie einen Zeugen hatten. Adelheid von Wallmoden war nicht zur Ruhe gegangen, sie wußte, daß sie doch keinen Schlaf finden würde nach dem Tage, der sie so jäh und schreckensvoll zur Witwe gemacht hatte. Noch in dem dunklen Reiseanzuge, den sie bei der Unglücksfahrt getragen hatte, saß sie in ihrem Zimmer, als auf einmal die Stimme des Oberst Falkenried an ihr Ohr drang. Mit wem konnte er denn noch sprechen zu so später Stunde? Er war ja ganz fremd hier, und die Stimme klang so seltsam dumpf und drohend! Unruhig erhob sich die junge Frau und trat in das Vorgemach, das die beiden Zimmer voneinander schied, nur auf einen Augenblick, wie sie meinte, nur um zu hören, ob dort drüben nichts geschehen sei. Da vernahm sie eine andere Stimme, die sie kannte, vernahm das Wort: „Vater!“ und wie ein Blitz zuckte die Wahrheit vor ihr auf, die ihr schon die nächsten Worte enthüllten. Wie an den Boden gefesselt blieb sie stehen, aber durch die nur halb geschlossene Thür drang jeder Ton an ihr Ohr.

„Du machst mir diese Stunde schwer,“ sagte Hartmut mit mühsam erzwungener Fassung. „Sei es, ich habe nichts anderes erwartet. Wallmoden hat Dir alles gesagt, ich kann es mir denken; dann konnte er Dir aber auch nicht verschweigen, was ich erreicht und errungen habe. Ich bringe Dir den Lorbeer des Dichters, Vater, den ersten Lorbeer, der mir zutheil geworden ist. Lerne mein Werk kennen, laß es zu Dir sprechen, dann wirst Du es fühlen, daß sein Schöpfer nicht leben und athmen konnte in dem Zwange eines Berufes, der jede Poesie ertödtet, dann wirst Du den unseligen Knabenstreich vergessen.“

Das war wieder Hartmut Rojanow, der jetzt sprach, mit seinem übermüthigen Stolze, seinem hochmüthigen Selbstbewußtsein, das ihn selbst in dieser Stunde nicht verließ, der Dichter der „Arivana“, für den es keine Pflichten und Schranken gab; aber hier fand er einen Fels, an dem er scheiterte.

„Den Knabenstreich?“ wiederholte Falkenried ebenso herb wie vorhin. „Ja, man hat es so genannt, um mir das Verbleiben im Dienste zu ermöglichen; ich nenne es anders, und jeder meiner Kameraden mit mir. Du standest vor dem Fähnrich, in wenigen Wochen wäre es auch vor dem Gesetze schmachvolle Fahnenflucht gewesen, ich habe es nie anders angesehen. Du warst [352] in den strengen Ehrbegriffen unseres Standes auferzogen und wußtest, was Du thatest, Du warst kein Knabe mehr. Wer dem Waffendienste, den er seinem Vaterlande schuldet, heimlich entflieht, der ist ein Deserteur, wer ein gegebenes Wort bricht, der ist ein Ehrloser! Du hast beides gethan! Aber freilich, über solche Dinge kommst Du und Deinesgleichen leicht hinaus.“

Hartmut biß die Zähne zusammen, er bebte am ganzen Leibe bei diesen schonungslosen Worten, und seine Stimme klang dumpf, halb erstickt, als er antwortete:

„Hör’ auf, Vater, das ertrage ich nicht! Ich habe mich beugen, habe mich unterwerfen wollen, aber Du treibst mich selbst von Dir. Das ist dieselbe grausame Härte, mit der Du auch einst meine Mutter von Dir getrieben hast, ich weiß es aus ihrem eigenen Munde. Wie sich auch später ihr Leben gestaltet hat, wie sich das meine gestaltete durch sie, diese Härte allein hat es verschuldet.“

Der Oberst kreuzte die Arme und ein Ausdruck unsäglicher Verachtung zuckte um seine Lippen.

„Aus ihrem eigenen Munde weißt Du das? Möglich! So tief ist ja keine Frau gesunken, daß sie nicht versuchen sollte, ihrem Sohne eine solche Wahrheit zu verschleiern. Ich wollte Dein Ohr damals nicht entweihen mit dieser Wahrheit, denn Du warst noch schuldlos und rein. Jetzt wirst Du mich ja wohl verstehen, wenn ich Dir sage, daß jene Trennung ein Gebot der Ehre war. Der Mann, der meine Ehre befleckt hatte, fiel von meiner Kugel, und sie, die mich verrieth – sie stieß ich von mir.“

Hartmut erbleichte bei dieser Enthüllung. Das hatte er nicht gewußt, nicht geahnt, er hatte in der That geglaubt, daß nur die Härte, die in dem Charakter des Vaters lag, die Trennung verschuldet habe. Immer tiefer und tiefer sank ihm das Bild der Mutter, die er doch so heiß und leidenschaftlich geliebt hatte wie sie ihn, wenn er es auch bisweilen fühlte, daß sie sein Verderben war.

„Ich wollte Dich behüten vor dem Gifthauche dieser Nähe und dieses Einflusses,“ fuhr Falkenried fort. „Thor, der ich war! Auch ohne das Eingreifen Deiner Mutter warst Du verloren für mich; Du trägst die Züge Deiner Mutter, es ist ihr Blut, das in Deinen Adern rollt, und das hätte sich früher oder später sein Recht erzwungen. Du wärst doch geworden, was Du jetzt bist – ein heimathloser Abenteurer, der kein Vaterland und keine Ehre mehr kennt!“

„Das ist zu viel!“ schrie Hartmut jetzt mit rasender Wildheit auf. „Beschimpfen lasse ich mich von keinem, auch von Dir nicht! Ich sehe es jetzt, daß keine Versöhnung zwischen uns möglich ist; ich gehe, aber die Welt wird anders urtheilen als Du. Sie hat bereits mein erstes Werk gekrönt, und ihr werde ich die Anerkennung abzuzwingen wissen, die der eigene Vater mir versagt.“

Der Oberst sah seinen Sohn an, es lag etwas Furchtbares in diesem Blick; dann sagte er frostig und langsam, aber jedes Wort schwer betonend: „Dann sorge auch dafür, daß die Welt nicht erfährt, daß der ‚gekrönte Dichter‘ vor zwei Jahren in Paris noch – Spionendienste geleistet hat!“

Hartmut zuckte zusammen wie von einer Kugel getroffen.

„Ich, in Paris? Bist Du von Sinnen?“

Falkenried zuckte verächtlich die Achseln.

„Auch noch Komödie? Gieb Dir keine Mühe, ich weiß alles! Wallmoden hat mir die Beweise geliefert für die Rolle, die Zalika Rojanow und ihr Sohn in Paris spielten, ich weiß den Ursprung jener Mittel, mit denen sie das gewohnte Leben fortsetzten, als ihr Vermögen verloren war. Sie waren sehr gesucht von ihren Auftraggebern, denn sie waren äußerst geschickt, und wer ihre Dienste kaufte – der hatte sie!“

Hartmut stand wie entgeistert da. Das also war die furchtbare Lösung des Räthsels, das ihm Wallmoden mit jener Andeutung aufgegeben hatte. Er hatte den Sinn damals nicht verstanden, hatte die Lösung in einer ganz anderen Richtung gesucht; das war es gewesen, was die Mutter ihm verhehlte, wovon sie ihn mit Küssen und Schmeicheln ablenkte, wenn er einmal irgend eine argwöhnische Frage that. Auch zu diesem Letzten, Schmachvollsten war sie herabgesunken, und ihr Sohn war mit ihr geächtet!

Das Schweigen, das nun eintrat, hatte etwas Entsetzliches – es dauerte minutenlang, und als Hartmut endlich wieder sprach, hatte seine Stimme jeden Klang verloren, die Worte kamen abgebrochen, kaum hörbar von seinen Lippen.

„Und Du glaubst – daß ich – daß ich darum wußte?“

„Ja!“ sagte der Oberst kalt und fest.

„Vater, das kannst, das darfst Du mir nicht anthun, die Strafe wäre zu furchtbar! Du mußt mir glauben, wenn ich Dir sage, daß ich keine Ahnung hatte von dieser Schmach, daß ich glaubte, es sei noch ein Theil unseres Vermögens gerettet worden, daß – Du wirst mir glauben, Vater!“

„Nein!“ erklärte Falkenried ebenso starr und unbewegt wie vorhin. Hartmut stürzte außer sich auf die Kniee nieder.

„Vater, bei allem, was Dir heilig ist im Himmel und auf Erden – o, sieh mich nicht so entsetzlich an, Du treibst mich zum Wahnsinn mit diesem Blick! Vater, ich gebe Dir mein Ehrenwort –“

Ein furchtbar wildes Auflachen des Vaters unterbrach ihn.

„Dein Ehrenwort – wie damals in Burgsdorf! Steh’ auf, laß die Komödie, mich täuschest Du nicht damit! Mit einem Wortbruch bist Du von mir geschieden, mit einer Lüge kehrst Du zurück, Du bist der echte Sohn Deiner Mutter geworden. Geh’ Du Deinen Weg, ich gehe den meinen. Nur eins fordere ich, befehle ich Dir! Wage es nicht, den Namen Falkenried neben dem geschändeten der Rojanow zu nennen, laß die Welt nie erfahren, wer Du bist! Geschieht es dennoch, dann kommt auch mein Blut über Dich, denn dann – mache ich ein Ende!“

Mit einem Aufschrei des Entsetzens sprang Hartmut empor und wollte auf den Vater zustürzen, aber dieser wies ihn mit einer gebieterischen Handbewegung zurück.

„Denkst Du vielleicht, daß ich das Leben noch liebe? Ich habe es ertragen, weil ich mußte, weil ich es für Pflicht hielt. Es giebt aber einen Punkt, wo diese Pflicht aufhört, Du kennst ihn jetzt – richte Dich danach!“

Er kehrte seinem Sohne den Rücken und trat wieder an das Fenster. Hartmut sprach kein Wort mehr, stumm, ohne einen Laut wandte er sich zum Gehen.

Das Vorzimmer war nicht erleuchtet, aber es war erfüllt von dem Wiederschein des glühenden Himmels da draußen, und in diesem Scheine stand eine Frau, todtenbleich, die Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf den Nahenden gerichtet. Er sah auf, und ein einziger Blick zeigte ihm, daß sie alles wußte. Das war das Letzte! Vor dem Weibe, das er liebte, hatte er diese tödliche Demüthigung empfangen, vor ihr war er niedergeworfen in den Staub!

Hartmut wußte nicht, wie er das Schloß verlassen hatte, wie er in das Freie gelangt war, er fühlte nur, daß er ersticken müßte in diesen Mauern, daß es ihn hinausjagte mit Furiengewalt. Er fand sich erst wieder am Fuße einer Tanne, die ihre schneebedeckten Aeste auf ihn niederneigte. Es war Nacht im Walde, kalte, eisige Winternacht; aber droben am Himmel leuchtete fort und fort das geheimnißvolle Licht mit purpurner Gluth, mit zuckenden Strahlen, die sich hoch oben im Zenith zu einer Krone einten – ein loderndes Flammenzeichen!




Es war wieder Sommer geworden, der Juli hatte bereits seinen Einzug gehalten, und in den heißen, sonnendurchglühten Tagen lockte das Waldgebirge unwiderstehlich mit seinen kühlen Schatten und der grünen, duftigen Pracht seiner Thäler und Höhen.

Ostwalden, die Besitzung, die Herbert von Wallmoden noch unmittelbar vor seinem Tode gekauft hatte, ohne daß es ihm vergönnt gewesen war, sie auch nur einen Sommer lang zu bewohnen, hatte seitdem vereinsamt gelegen, aber vor einigen Tagen war die junge Witwe in Begleitung ihrer Schwägerin, der Frau von Eschenhagen, dort eingetroffen. Sie hatte bald nach dem Tode ihres Gemahls die süddeutsche Hauptstadt verlassen, um mit ihrem Bruder, der auf die Trauernachricht sofort zu ihr geeilt war, nach der Heimath zurückzukehren. Ihre kurze Ehe hatte nur acht Monate gewährt, und jetzt trug die noch nicht zwanzigjährige Frau die Witwentrauer.

Regine ließ sich leicht bestimmen, ihre Schwägerin zu begleiten. Die einst so unumschränkt herrschende Gebieterin von Burgsdorf war bei ihrem „Entweder – oder“ geblieben, und da sich Willibald ebenso hartnäckig zeigte, hatte sie ihre Drohung wahr gemacht und war nach der Stadt übergesiedelt, noch während der ersten Trauerzeit um ihren Bruder.

Frau von Eschenhagen täuschte sich aber, wenn sie glaubte, mit diesem letzten Mittel noch eine Wirkung zu erzielen. Sie hatte gehofft, ihr Sohn werde es auf eine wirkliche Trennung doch nicht ankommen lassen, aber es war vergebens, daß sie ihn die ganze Bitterkeit dieser Trennung durchkosten ließ. Der junge [353] Majoratsherr bekam vollauf Gelegenheit, zu zeigen, daß seine erwachende Selbständigkeit und seine Liebe nicht nur flüchtige Aufwallungen gewesen waren. Wohl versuchte er alles, um die Mutter umzustimmen, als es aber nicht gelang, da zeigte auch er den gleichen Trotz, und Mutter und Sohn hatten sich seit Monaten nicht mehr gesehen.

Noch war allerdings seine öffentliche Verlobung mit Marietta nicht erfolgt. Er glaubte seiner früheren Braut und deren Vater die Rücksicht schuldig zu sein, der ersten aufgehobenen Verbindung nicht sofort eine zweite folgen zu lassen. Ueberdies war Marietta durch ihren Vertrag noch volle sechs Monate an das Hoftheater gefesselt, und da ihre Verlobung vorläufig noch Geheimniß blieb, so war eine frühere Lösung dieser Verpflichtungen nicht zu erreichen gewesen. Das junge Mädchen kehrte erst jetzt in das Haus des Großvaters zurück, wo auch Willibald erwartet wurde. Frau von Eschenhagen wußte selbstverständlich nichts davon, sonst hätte sie schwerlich eine Einladung angenommen, die sie in die Nähe von Waldhofen brachte.

Der Tag war sonnig und heiß gewesen, erst die späteren Nachmittagsstunden brachten einige Kühlung, aber die Fahrstraße nach Ostwalden war größtentheils schattig, da sie durch die Rodecker Forsten führte. Auf dieser Straße trabten zwei Reiter dahin, der eine, in grauer Joppe und Jägerhut, war der Oberforstmeister von Schönau, der andere, eine schlanke, jugendliche Gestalt in einem sehr gewählten Sommeranzuge, der Fürst Adelsberg. Sie hatten sich zufällig auf dem Wege getroffen und bei der Begrüßung erfahren, daß sie beide das gleiche Ziel hatten.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 12, S. 372–382

[372] [„]Das hätte ich mir wirklich nicht träumen lassen, Ihnen hier zu begegnen, Durchlaucht,“ sagte Schönau. „Es hieß ja, Sie würden in diesem Sommer gar nicht nach Rodeck kommen, und Stadinger, den ich vorgestern sprach, wußte noch keine Silbe von Ihrer bevorstehenden Ankunft.“

„Stadinger hat auch Ach und Weh geschrieen, als ich ihm so unvermuthet in das Haus fiel,“ versetzte der junge Fürst. „Es fehlte nicht viel, so hätte er mich aus meinem eigenen Schlosse hinausgeworfen, weil ich meinem Telegramm auf dem Fuße folgte und noch nichts in Ordnung war. Aber die Hitze in Ostende wurde nachgerade unerträglich, ich hielt es nicht mehr aus an dem sonnendurchglühten Strande und bekam eine unwiderstehliche Sehnsucht nach meinem kühlen, stillen Waldschlößchen – Gott sei Dank, daß ich der Hitze und dem Lärm dieses Badelebens entronnen bin!“

Seine Durchlaucht geruhte, in diesem Falle nicht die Wahrheit zu sagen. Fürst Egon war schleunigst vom Strande der Nordsee herbeigeeilt, um einer gewissen „Nachbarschaft“ theilhaftig zu werden, von der er zufällig erfahren. Stadinger hatte bei einem Bericht, in welchem er um Erlaubniß bat, einige Veränderungen in Rodeck vornehmen zu dürfen, erwähnt, daß die betreffenden Einrichtungen bereits in Ostwalden beständen, wo Frau von Wallmoden gegenwärtig weile. Zu seiner Ueberraschung traf drei Tage später statt der erwarteten Erlaubniß sein junger Herr in höchsteigener Person ein, der auf diese Nachricht hin nichts Eiligeres zu thun gewußt hatte, als seine sämmtlichen Reise- und Sommerpläne über den Haufen zu werfen. Auch der Oberforstmeister schien nicht an den erwähnten Vorwand zu glauben, denn er bemerkte etwas spöttisch:

„Dann wundert es mich in der That, daß unser Hof so lange in Ostende aushält. Der Herzog und die Herzogin sind ja dort, auch Prinzessin Sophie mit einer fürstlichen Nichte, einer Verwandten ihres verstorbenen Gemahls, wie ich hörte.“

„Ja, mit einer Nichte!“ Egon wendete sich plötzlich um und sah den Sprechenden an. „Herr Oberforstmeister, Sie wollen mir auch einen Glückwunsch aussprechen, ich sehe es an Ihrem Gesichte! Wenn Sie das aber thun, so fordere ich Sie hier mitten im Walde und auf der Stelle.“

„Nun, Durchlaucht, ich beabsichtige mir keineswegs eine Forderung auf den Hals zu ziehen,“ versetzte Schönau lachend. „Aber die Zeitungen sprechen doch bereits ganz offen von einer bevorstehenden oder bereits vollzogenen Verlobung, die besonders in den Wünschen der fürstlichen Damen liegen soll.“

„Meine allergnädigsten Tanten wünschen manches,“ sagte Egon kühl, „ihr allerungehorsamster Neffe ist nur bisweilen anderer Meinung als sie, und das war leider auch diesmal der Fall. Ich kam nach Ostende auf höchsten Befehl, nämlich auf eine Einladung des Herzogs, die ich nicht ablehnen konnte, aber die Luft bekam mir durchaus nicht und ich durfte meine Gesundheit doch nicht so leichtsinnig preisgeben. Ich spürte bereits die ersten Anzeichen eines Sonnenstiches, der unfehlbar ausgebrochen wäre, und da entschloß ich mich noch rechtzeitig –“

„Selbst auszubrechen!“ ergänzte der Oberforstmeister. „Das sieht Ihnen ähnlich, Durchlaucht, aber nun können Sie sich auch auf eine dreifache allerhöchste Ungnade gefaßt machen.“

„Möglich, ich werde das in der Einsamkeit und Selbstverbannung tragen. Uebrigens beabsichtige ich“ – der junge Fürst nahm eine sehr feierliche Miene an – „mich in diesem Sommer [373] ganz meinen Gütern zu widmen, besonders meinem Rodeck. Es soll da ein Umbau stattfinden. Stadinger hat mir bereits darüber geschrieben, aber ich hielt eine persönliche Besichtigung doch für nothwendig.“

„Wegen der Schornsteine?“ fragte Schönau verwundert. „Stadinger meinte, die Kamine im Schlosse hätten im Winter geraucht und er wolle einen neuen Schornstein bauen.“

„Was weiß denn Stadinger davon!“ rief Egon, ärgerlich darüber, daß sein alter „Waldgeist“ ihm schon wieder mit seiner unbequemen Wahrheitsliebe dazwischen kam. „Ich habe sehr großartige Verschönerungspläne – ah, da sind wir schon am Ziel!“

Er setzte sein Pferd in schärferen Trab und der Oberforstmeister folgte seinem Beispiel, denn Ostwalden lag in der That vor ihnen. Der große Umbau, mit dem der verstorbene Wallmoden es zu einem Prachtsitze umschaffen wollte, war allerdings unterblieben; aber das alte, epheuumrankte Schloß mit den beiden Seitenthürmen und dem schattigen, wenn auch ein wenig verwilderten Park hatte etwas ungemein Malerisches. Die jetzige Herrin beabsichtigte, wie man hörte, eine Veränderung so wenig wie einen Verkauf. Für eine Erbin des Stahlbergschen Vermögens kam es auch in der That nicht darauf an, ob sie einen Landsitz mehr oder weniger zu ihrer Verfügung hatte.

Die Herren vernahmen bei ihrer Ankunft, daß Frau von Wallmoden im Park, Frau von Eschenhagen dagegen in ihrem Zimmer sei. Der junge Fürst ließ sich bei der Dame des Hauses melden, während der Oberforstmeister zunächst seine Schwägerin aufsuchte, die er seit dem Winter nicht gesehen hatte. Er schritt nach ihrer Wohnung und trat ohne weiteres bei ihr ein.

„Da bin ich!“ sagte er in seiner gewohnten formlosen Art. „Ich brauche mich wohl nicht erst anmelden zu lassen bei meiner Frau Schwägerin, obgleich sie mich und mein Haus in Acht und Bann gethan zu haben scheint. Weshalb bist Du nicht mitgekommen, Regine, als Adelheid vorgestern nach Fürstenstein fuhr? An den Vorwand, den sie mir in Deinem Namen vermeldete, glaube ich natürlich nicht, und nun bin ich in der Hitze zwei Stunden lang geritten, um mir eine Erklärung auszubitten.“

Regine reichte ihm die Hand. Sie hatte sich äußerlich nicht verändert in den sechs oder sieben Monaten, sie war noch dieselbe kraftvoll derbe Erscheinung mit ihrem entschiedenen Auftreten; aber die frühere trotz aller Derbheit doch so gewinnende Heiterkeit in ihrem Wesen war verschwunden. Wenn sie es auch um keinen Preis zugab – man sah es doch, wie sie darunter litt, daß ihr einziger Sohn, dem bis dahin der Wille und die Liebe seiner Mutter das Höchste gewesen waren, sich ihr so vollständig entfremdete.

„Ich habe nichts gegen Dich, Moritz,“ versetzte sie. „Ich weiß es ja, daß Du mir die alte Freundschaft bewahrt hast trotz allem, was man Dir und Deiner Tochter anthat; aber Du mußt doch einsehen, daß es mir peinlich ist, wieder nach Fürstenstein zu kommen.“

„Etwa wegen der aufgehobenen Verlobung? Darüber kannst Du Dich füglich trösten. Du hast es ja damals selbst gesehen und gehört, wie gemüthlich Toni die Sache nahm. Sie gefiel sich in der Rolle eines Schutzengels entschieden besser als in der einer Braut, und sie hat inzwischen ja auch einige Male brieflich versucht, Dich umzustimmen, ebenso wie ich. Leider hatten wir beide keinen Erfolg damit.“

[374] „Nein. aber ich weiß Eure seltene Großmuth zu schätzen.“

„Seltene Großmuth?“ wiederholte Schönau lachend. „Nun ja, es mag nicht gerade häufig vorkommen, daß die ehemalige Braut und der ehemalige Schwiegervater ein gutes Wort einlegen für den durchgegangenen Bräutigam und Schwiegersohn, damit ihm und seiner Herzallerliebsten endlich der mütterliche Segen zutheil wird. Aber wir sind nun einmal so erhaben in unseren Gesinnungen, und überdies haben wir beide eingesehen, daß der Willy eigentlich jetzt erst ein vernünftiger Mensch geworden ist, und das hat – ja, ich kann Dir nicht helfen, Regine – das hat einzig und allein die kleine Marietta zustande gebracht.“

Frau von Eschenhagen runzelte die Stirn bei dieser Bemerkung; sie fand nicht für gut, darauf zu antworten, sondern fragte in einem Tone, der deutlich verrieth, daß sie das Gespräch über diesen Gegenstand abzubrechen wünschte:

„Ist Toni angekommen? Ich erfuhr von Adelheid, daß sie in der Stadt sei, aber täglich zurückerwartet werde.“

Der Oberforstmeister, der inzwischen Platz genommen hatte, lehnte sich behaglich in seinen Stuhl zurück.

„Ja, sie ist gestern wiedergekommen – aber in doppelter Auflage. Sie hat sich nämlich jemand mitgebracht, von dem sie behauptet, er solle und müsse ihr künftiger Ehegemahl werden, und er behauptet das ebenfalls mit solcher Bestimmtheit, daß mir wirklich nichts anderes übrig blieb, als Ja und Amen zu sagen!“

„Wie? Toni ist wieder verlobt?“ fuhr Frau von Eschenhagen überrascht auf.

„Ja, diesmal machte sie das aber allein ab, ich wußte keine Silbe davon. Du weißt ja, sie hatte sich damals in den Kopf gesetzt, sie wolle nun auch ganz übermäßig geliebt werden und die nöthige Romantik dabei genießen. Das scheint Herr Lieutenant von Walldorf denn auch besorgt zu haben. Er hat, wie sie mir mit höchster Genugthuung erzählte, vor ihr auf den Knieen gelegen und erklärt, er könne nicht ohne sie leben, sie hat ihm eine ähnliche rührende Versicherung gegeben, und so weiter. Ja, Regine, es geht heutzutage nicht mehr, die Kinder noch am Gängelband zu führen, wenn sie heirathsfähig sind, sie bilden sich ein, das Heirathen sei ihre Sache allein, und da haben sie wirklich nicht so unrecht.“

Die letzte Bemerkung klang sehr anzüglich, aber Regine überhörte sie vollständig. Nachsinnend wiederholte sie:

„Walldorf? Der Name ist mir ganz fremd. Wo hat Toni denn den jungen Offizier kennengelernt?“

„Er ist ein Freund meines Sohnes, der ihn bei seinem letzten Besuche als Gast mitbrachte. Infolge dessen spann sich auch die Bekanntschaft mit seiner Mutter an, die Toni auf einige Wochen zu sich einlud, und da ist denn das Verlieben und Verloben vor sich gegangen. Ich habe im Grunde nichts dagegen einzuwenden. Hübsch ist Walldorf, lustig und bis über beide Ohren verliebt; ein wenig flott und leicht scheint er allerdings auch zu sein, aber das wird sich geben, wenn er eine vernünftige Frau bekommt. Die Musterknaben sind gar nicht mein Geschmack, die sind die allerschlimmsten, wenn sie erst einmal wild werden, das haben wir an Deinem Willy gesehen. Also wird Walldorf im Herbste seinen Abschied nehmen, denn zur Lieutenantsfrau paßt meine Tochter nicht; ich werde dem jungen Paare ein Gut kaufen, und zu Weihnachten ist die Hochzeit.“

„Das freut mich um Tonis willen,“ sagte Frau von Eschenhagen mit aufwallender Herzlichkeit. „Du nimmst mir eine Last vom Herzen mit dieser Nachricht.“

„Ist mir lieb,“ nickte der Oberforstmeister; „aber nun solltest Du meinem Beispiele folgen und einem gewissen anderen Brautpaar auch eine Last vom Herzen nehmen. Sei vernünftig, Regine, und gieb nach! Die kleine Marietta ist brav geblieben, trotzdem sie beim Theater war, alle Welt giebt ihr und ihrem Ruf das beste Zeugniß. Du brauchst Dich Deiner Schwiegertochter nicht zu schämen!“

Regine erhob sich plötzlich und stieß mit einer heftigen Bewegung ihren Stuhl zurück.

„Ich bitte Dich ein für allemal, Moritz, mich mit solchen Zumuthungen zu verschonen. Ich bleibe bei meinem Worte. Willibald kennt die Bedingung, unter der allein ich nach Burgsdorf zurückkehre; wenn er sie nicht erfüllt, bleibt es bei der Trennung.“

„Er wird sich hüten!“ meinte Schönau trocken. „Die Braut und die Hochzeit aufzugeben, nur weil sie seiner Frau Mutter nicht recht ist – solche Bedingungen erfüllt man überhaupt nicht.“

„Du drückst Dich ja recht liebenswürdig aus!“ rief Frau von Eschenhagen gereizt. „Freilich, was wißt Ihr Männer von der Sorge und Liebe einer Mutter, von der schuldigen Dankbarkeit der Kinder! Ihr seid allesammt undankbar, rücksichtslos, selbstsüchtig –“

„Oho, dergleichen Ausfälle verbitte ich mir im Namen meines Geschlechtes,“ fiel der Oberforstmeister ebenso hitzig ein. Urplötzlich aber besann er sich und lenkte ein:

„Wir haben uns seit sieben Monaten nicht gesehen, Regine, da brauchen wir uns wirklich nicht gleich am ersten Tage wieder zu zanken, das können wir spater abmachen. Lassen wir also vorläuflg Deinen widerspenstigen Majoratsherrn bei Seite und sprechen wir von uns! Wie gefällt es Dir in der Stadt? Du siehst nicht gerade sehr zufrieden aus.“

„Ich bin außerordentlich zufrieden,“ erklärte Regine mit großer Bestimmtheit. „Was mir fehlt, ist nur die Arbeit, ich bin den Müßiggang nicht gewohnt.“

„So schaffe Dir eine Thätigkeit! Es steht ja nur bei Dir, wieder an die Spitze eines großen Hauswesens zu treten –“

„Fängst Du schon wieder an?“

„Nun, ich meinte diesmal nicht Burgsdorf,“ sagte Schönau, mit seiner Reitgerte spielend. „Ich meinte nur – Du sitzest doch ganz allein in der Stadt, und ich sitze auch allein in Fürstenstein, wenn Toni heirathet – das ist sehr langweilig! Wie wäre es denn – nun, ich habe Dir das ja schon einmal auseinandergesetzt, damals wolltest Du nicht, vielleicht hast Du Dich jetzt eines Besseren besonnen – wie wäre es denn, wenn wir bei dieser doppelten Heirath das dritte Paar abgäben?“

Frau von Eschenhagen sah finster zu Boden und schüttelte den Kopf.

„Nein, Moritz, ich bin jetzt weniger als je in der Stimmung, zu heirathen!“

„Schon wieder ein Nein!“ rief der Oberforstmeister aufgebracht. „Das ist nun der zweite Korb, den Du mir giebst! Erst wolltest Du mich nicht, weil Dir Dein Sohn und Dein geliebtes Burgsdorf an das Herz gewachsen waren, jetzt, wo Du siehst, daß sie sich alle beide ohne Dich behelfen, willst Du mich wieder nicht, weil Du ‚nicht in der Stimmung‘ bist. Stimmung gehört überhaupt gar nicht zum Heirathen, nur etwas Vernunft; aber wenn man die Unvernunft und der Starrsinn in höchsteigener Person ist –“

„Du wirbst ja in einer recht schmeichelhaften Weise um mich,“ unterbrach ihn Regine, nun auch in voller Entrüstung. „Das würde eine friedliche Ehe werden, wenn Du schon als Freier so auftrittst!“

„Friedlich würde sie nicht, aber langweilig auch nicht,“ erklärte Schönau. „Ich glaube, wir hielten sie beide aus. Noch einmal, Regine – willst Du mich, oder willst Du mich nicht?“

„Nein! Ich habe keine Lust, eine Ehe ‚auszuhalten‘!“

„So laß es bleiben!“ rief der Oberforstmeister wüthend, indem er aufsprang und nach seinem Hute griff. „Wenn es Dir so großes Vergnügen macht, immer und ewig nein zu sagen, so thue es; aber Willy heirathet doch, und da thut er recht, und jetzt werde ich bei seiner Hochzeit den Brautführer machen, nur um Dich zu ärgern!“

Damit stürmte er fort, ganz außer sich über diese erneute Abweisung, und Frau von Eschenhagen blieb in einer ganz ähnlichen Stimmung zurück. Sie hatten sich richtig wieder gezankt bei dem ersten Wiedersehen und dem zweiten Korbe, sie konnten nun einmal nicht lassen von dieser freundlichen Gewohnheit. –

Inzwischen befand sich Fürst Adelsberg bei Frau von Wallmoden im Parke. Er hatte sie dringend gebeten, ihren Spaziergang nicht zu unterbrechen, und nun schritten sie beide im Schatten der mächtigen Bäume dahin, im kühlen, grünen Dämmerlicht, während draußen auf den Wiesen noch heiße Sonnengluth lag.

Egon hatte die junge Frau nicht wiedergesehen seit dem Tode ihres Gemahls; der förmliche Beileidsbesuch, den er damals abgestattet hatte, war von Eugen Stahlberg im Namen seiner Schwester angenommen worden, und gleich darauf hatten die Geschwister die Stadt verlassen. Adelheid trug selbstverständlich noch die Witwentrauer, aber ihr Begleiter glaubte sie nie so schön gesehen [375] zu haben wie heute in dem tiefen düsteren Schwarz, in dem Kreppschleier, unter dem das blonde Haar schimmerte. Sein Blick streifte immer wieder dies schöne, blonde Haupt, und immer wieder fragte er sich, was denn eigentlich mit diesem Antlitz vorgegangen sei, daß es so ganz anders erschien als sonst.

Auch Egon hatte die Frau, an deren Seite er jetzt dahinschritt, bisher nur in jener kühlen, stolzen Ruhe gekannt, die sie ihm und der Welt gegenüber so unnahbar gemacht hatte. Jetzt war diese Kälte geschwunden, er sah und fühlte es, aber er vermochte nicht, den seltsamen Zug zu enträthseln, der an ihre Stelle getreten war. Die junge Witwe konnte doch unmöglich so tief und schwer um einen Gatten trauern, der ihr im Alter so fern stand und der, selbst wenn er jung gewesen wäre, ihr mit seiner nüchternen, kalt berechnenden Natur nie die Liebe hätte geben können, welche die Jugend verlangt. Und doch lag über ihrer ganzen Erscheinung der Ausdruck eines geheimen Leidens eines stumm, aber schwer getragenen Wehs. Woher stammte denn nur dieser räthselhafte Zug, dieser feuchte Schimmer in den blauen Augen, die jetzt erst die Thränen kennengelernt zu haben schienen?

„Mir ist es immer, als könnte da einmal Gluth und Leben aufstrahlen und die Schneeregion in eine blühende Welt verwandeln!“ hatte Fürst Adelsberg einmal halb im Scherze ausgerufen. Jetzt vollzog sich diese Wandlung, langsam, fast unmerklich, aber dieser weiche, halb schmerzliche Zug, der den früheren strengen Ernst verdrängte, dieser träumerische Blick gaben der jungen Frau einen Reiz, der ihr bisher bei all ihrer Schönheit gefehlt hatte – die Anmuth!

Das Gespräch berührte anfangs nur gleichgültige Dinge, man tauschte die üblichen Fragen und Erkundigungen aus; Egon erzählte einiges, was während des Winters bei Hofe und in der Stadt vorgefallen war, und brachte dann auch hier dieselbe Erklärung seiner plötzlichen Ankunft vor, indem er von der unerträglichen Hitze in Ostende und seiner Sehnsucht nach der kühlen stillen Waldeseinsamkeit sprach. Ein flüchtiges Lächeln, das um die Lippen seiner Begleiterin zuckte, verrieth ihm jedoch, daß sie dem Vorwande ebensowenig glaubte wie der Oberforstmeister, und daß die betreffende Zeitungsnachricht auch bereits zu ihr gedrungen war. Er ärgerte sich unbeschreiblich darüber und sann eben nach, wie er hier, wo er doch nicht so offen sein durfte, den Irrthum aufklären könnte, als Adelheid plötzlich fragte:

„Werden Sie diesmal allein in Rodeck bleiben, Durchlaucht? Im vergangenen Sommer hatten Sie ja einen – Gast dort.“

Ueber das Gesicht des jungen Fürsten flog ein Schatten, er vergaß die Verlobungsgerüchte und seinen Aerger darüber bei dieser Erinnerung.

„Sie meinen Hartmut Rojanow?“ versetzte er ernst. „Er wird schwerlich kommen, er ist gegenwärtig in Sicilien, oder war es wenigstens nach vor zwei Monaten. Seitdem habe ich keine Nachricht von ihm und weiß nicht einmal, wohin ich ihm schreiben soll.“

Frau von Wallmoden beugte sich nieder und pflückte einige Blumen, die am Wege standen, während sie leise bemerkte:

„Ich glaubte, Sie ständen in lebhaftem brieflichen Verkehr miteinander.“

„Das hoffte ich auch bei unserer Trennung und an mir liegt die Schuld nicht, aber Hartmut ist mir in der letzten Zeit ein vollständiges Räthsel geworden. Sie waren ja Zeuge davon, welchen glänzenden Erfolg seine „Arivana“ bei uns davontrug, seitdem hat sich das an verschiedenen Bühnen wiederholt, das Werk siegt im Sturme, wo es nur erscheint, und der Dichter entreißt sich all diesen Triumphen, flüchtet förmlich vor seinem aufsteigenden Ruhme und verbirgt sich vor aller Welt, auch vor mir – das begreife, wer es kann!“

Adelheid hatte sich wieder emporgerichtet, aber ihre Hand, welche die eben gepflückten Blumen hielt, zitterte leise, während sich ihre Augen wie in athemloser Spannung auf den Fürsten richteten.

„Und wann hat Herr Rojanow Deutschland verlassen?“ fragte sie.

„Im Anfang des Dezember. Er war kurz vorher auf einige Tage nach Rodeck gegangen, unmittelbar nach der ersten Aufführung seines Werkes. Ich hielt das für eine Lanne und gab nach, da erscheint er urplötzlich bei mir in der Stadt, mit einem Aussehen und in einer Stimmung, die mich geradezu erschrecken, und kündigt mir seine Abreise an, hört auf keine meiner Bitten, hält keiner Frage stand, sondern bleibt dabei, daß er fort müsse, und geht auch wirklich wie im Sturmwinde! Es vergingen Wochen, ehe ich überhaupt wieder etwas von ihm hörte, und seitdem gab er mir bisweilen Nachricht, wenn auch selten genug, aber ich wußte doch wenigstens, wo er sich befand, und konnte ihm antworten. Er war einige Monate lang in Griechenland, bald hier, bald dort, dann ging er nach Sicilien, aber jetzt bleiben die Nachrichten aus und ich bin in der größten Unruhe.“

Egon sprach mit mühsam verhaltener Erregung. Man sah es, wie nahe ihm die Trennung von dem so leidenschaftlich geliebten Freunde ging. Er ahnte nicht, daß die junge Frau an seiner Seite ihm die Lösung des Räthsels hätte geben können. Sie wußte, was Hartmut jetzt so unstät von Land zu Land trieb, was ihn zurückschaudern ließ vor dem gefeierten Dichternamen, der einen geheimen, aber furchtbaren Makel trug. – Es war die erste Nachricht von ihm, die sie hörte, seit jener verhängnißvollen Nacht in Rodeck, die ihr alles enthüllt hatte.

„Dichter sind eben anders geartet als gewöhnliche Menschen,“ sagte sie, während sie langsam eine der Blumen zerpflückte. „Sie haben bisweilen das Vorrecht, unbegreiflich zu sein.“

Der junge Fürst schüttelte ungläubig und traurig den Kopf.

„Nein, das ist es nicht, das stammt aus ganz anderen Quellen! Ich ahnte ja längst, daß in Hartmuts Leben irgend etwas Dunkles, Räthselhaftes liegt, aber ich habe dem nie nachgeforscht, denn er vertrug auch nicht die leiseste Berührung dieses Punktes und verschloß sich hartnäckig, auch vor mir. Es ist, als stehe er unter einem Verhängniß, das ihm nirgends Ruhe und Frieden gönnt und plötzlich, wenn man es längst gebannt glaubt, wieder hereinbricht. Den Eindruck habe ich aufs neue empfangen, als er in dieser wilden Verstörtheit von mir Abschied nahm – es war unmöglich, ihn zu halten! Aber Sie ahnen es nicht, wie er mir fehlt! Mehr als zwei Jahre lang hat er mich verwöhnt, mit seiner Nähe, mit all den Gaben seiner reichen, feurigen Natur, die er verschwenderisch ausstreute. Jetzt ist mir alles öde und farblos geworden, und ich weiß oft nicht, wie ich das Leben aushalten soll ohne ihn.“

Sie waren stehen geblieben, denn sie hatten die Grenze des Parkes erreicht. Vor ihnen lagen grüne Wiesen im Sonnenglanz und drüben stiegen die Höhen des Waldgebirges empor. Adelheid hatte schweigend zugehört, während ihr Blick sich träumerisch in die Ferne verlor; jetzt aber wandte sie sich plötzlich um und streckte ihrem Begleiter die Hand hin.

„Ich glaube, Sie können ein sehr aufopfernder Freund sein, Durchlaucht. Herr Rojanow hätte Sie nicht verlassen sollen, vielleicht hätten Sie ihn gerettet vor diesem – Verhängniß!“

Egon glaubte seinen Sinnen nicht trauen zu dürfen. Der warme, aus dem Herzen kommende Ton, der Blick, in dem eine Thräne funkelte, diese ganze beinahe leidenschaftliche Theilnahme an seinem Schmerze überraschte ihn ebenso sehr, als sie ihn entzückte. Er ergriff stürmisch die dargebotene Hand und drückte heiß und fest seine Lippen darauf.

„Wenn mich irgend etwas trösten kann über Hartmuts Entfernung, so ist es Ihre Theilnahme,“ rief er. „Sie erlauben mir doch, das Recht des Nachbars geltend zu machen und bisweilen nach Ostwalden zu kommen? Versagen Sie mir das nicht, ich bin ja ganz einsam in Rodeck und ich kam ja einzig und allein –“

Er hielt plötzlich inne, denn er fühlte doch, daß ein solches Geständniß jetzt noch nicht am Platze sei, und es verletzte auch, er sah es deutlich. Die junge Frau entzog ihm rasch ihre Hand und trat zurück; nur eines Augenblickes hatte es bedurft, um sie wieder in das kalte „Nordlicht“ zu verwandeln.

„Um der Hitze und dem geräuschvollen Badeleben in Ostende zu entrinnen,“ ergänzte sie kühl. „Das sagten Sie wenigstens vorhin, Durchlaucht.“

„Es war ein Vorwand,“ erklärte der junge Fürst ernst. „Ich verließ Ostende nur, um gewissen Gerüchten, die sich an meinen dortigen Aufenthalt knüpften und sogar in die Zeitungen ihren Weg fanden, ein für allemal ein Ende zu machen. Sie waren vollkommen grundlos, soweit ich dabei in das Spiel kam – ich gebe Ihnen mein Wort darauf, Excellenz.“

Er hatte schleunigst die Gelegenheit ergriffen, um den Irrthum aufzuklären, den er gerade an dieser Stelle um keinen Preis dulden wollte, aber der Eindruck entsprach nicht seinen Erwartungen. [376] Frau von Wallmoden hatte sich wieder in ihre frühere Unnahbarkeit gehüllt und ließ ihn seine Uebereilung büßen.

„Wozu denn diese feierliche Erklärung, Durchlaucht? Es waren ja nur Gerüchte, und ich begreife es ebenso vollkommen wie Ihre anderen Gutsnachbarn, daß Sie sich vorläufig noch die Freiheit Ihrer Entschlüsse wahren wollen. Doch ich glaube, wir müssen nach dem Schlosse zurückkehren; Sie sagten ja, mein Schwager Schönau sei gleichzeitig mit Ihnen gekommen, und ich möchte ihn doch begrüßen.“

Egon verneigte sich zustimmend und war gehorsam bemüht, während des Rückweges einen möglichst gleichgültigen und harmlosen Ton anzuschlagen, er sollte ja hier nichts anderes als der „Gutsnachbar“ sein. Im Schloßhofe ergriff er den ersten besten Vorwand, um sich zu verabschieden, der auch sofort angenommen wurde, jedoch nicht, ohne daß eine Einladung zum Wiederkommen hinzugefügt worden wäre, und das war für jetzt die Hauptsache.

„Verwünschte Uebereilung!“ murmelte er, als er davonsprengte. „Jetzt werde ich wieder so fern als möglich gehalten, vielleicht auf Wochen. Sobald man dieser Frau nur einen Schritt näher kommen will, starrt einem wieder das Eis entgegen. Aber –“ hier leuchtete das Antlitz des jungen Fürsten auf – „aber dies Eis beginnt doch endlich zu schmelzen, ich sah und hörte es an diesem Ton und Blick, da heißt es geduldig sein – der Preis ist es schon werth, daß man ausharrt!“

Egon von Adelsberg ahnte es nicht, daß jener Blick und Ton, auf den er seine Hoffnungen baute, einem anderen galt, und daß man nur von diesem anderen hören wollte, wenn man ihm selbst die Erlaubniß zum Wiederkommen gab.




Der Juli war erst zur Hälfte vorüber, aber die Welt, die eben noch im tiefsten Frieden zu liegen schien, wurde plötzlich aufgeschreckt aus ihrer Ruhe. Am Rhein war ein Blitz aufgeflammt, dessen grelles, unheimliches Leuchten bis zum Meere und zu den Alpen zuckte, im Westen stand schwer und drohend ein Kriegsgewitter, und bald hallte der Kriegsruf durch das ganze Land.

Auch in Süddeutschland brach es herein wie ein Sturmwind, riß die Männer aus ihren Lebenskreisen, änderte alle Verhältnisse und stürzte alle Pläne und Berechnungen um. Was vor acht Tagen noch behaglich und sicher im gewohnten Geleise dahinschritt, das wurde jetzt von diesem Sturme ergriffen und fortgerissen.

In Fürstenstein, wo die Tochter des Hauses ihre Verlobung feierte, mußte sie zugleich Abschied nehmen von ihrem Bräutigam, der zu seinem Regimente abging. In Waldhofen, wo man Willibald zu einem längeren Aufenthalt erwartete, erschien dieser plötzlich in stürmischer Eile, um Marietta wiederzusehen in den wenigen Tagen, die ihm noch bis zu seiner Einberufung vergönnt waren. In Ostwalden rüstete sich Adelheid zur Abreise, um ihren Bruder, der bereits unter den Fahnen stand, noch einmal in die Arme zu schließen. Fürst Adelsberg hatte schon auf die ersten Nachrichten hin Rodeck verlassen und war nach der Stadt geeilt, wo er gleichzeitig mit dem Herzog eintraf. Die Welt schien auf einmal ein ganz anderes Gesicht bekommen zu haben und die Menschen mit ihr.

In Waldhofen, in dem kleinen Gärtchen des Doktorhauses, stand Willibald und sprach lebhaft und eindringlich zu dem Großvater seiner Braut, der vor ihm auf der Bank saß und nicht ganz einverstanden schien mit dem, was Willy ihm auseinandersetzte.

„Aber, lieber Willy, das ist ja eine Ueberstürzung ohnegleichen,“ sagte er kopfschüttelnd. „Ihre Verlobung mit Marietta ist noch nicht einmal veröffentlicht, und jetzt wollen Sie sich Hals über Kopf trauen lassen! Was wird die Welt dazu sagen?“

„Die Welt findet alles erklärlich im Angesicht der jetzigen Verhältnisse,“ entgegnete Willibald, „und um äußere Rücksichten können wir uns überhaupt nicht kümmern. Ich muß in den Krieg, und da ist es meine Pflicht, Mariettas Zukunft zu sichern, für alle Fälle. Ich ertrage den Gedanken nicht, daß sie nach meinem Tode jemals die Bühne wieder betreten oder von der Gnade meiner Mutter abhängig sein könnte; das Vermögen, dessen Erbe ich dereinst werden sollte, ist in den Händen meiner Mutter, die ausschließlich darüber verfügt. Ich besitze nur das Majorat, das, wenn ich falle, an eine Seitenlinie übergeht, aber unser Familiengesetz sichert der Witwe des früheren Majoratsherrn ein reiches Witthum. Ich will meiner Braut, wenn es mir nicht vergönnt sein sollte, aus dem Kriege heimzukehren, wenigstens den Namen und die Lebensstellung geben, auf die sie ein Recht hat – ich kann nicht ruhig in das Feld ziehen, wenn das nicht alles zuvor geordnet ist!“

Er sprach ruhig, aber mit voller Bestimmtheit. Der blöde, unbeholfene Willibald war nicht wiederzuerkennen in diesem jungen Manne, der so klar die Verhältnisse überschaute und seine Wünsche so entschieden vertrat. Er hatte freilich eine Schule der Selbständigkeit durchgemacht in den letzten sechs Monaten, wo er ganz auf sich allein gestellt war und seine Festigkeit im Kampfe mit der Mutter fortwährend erproben mußte, und er hatte etwas gelernt in dieser Schule, das sah man. Auch sein Aeußeres erschien männlicher, vortheilhafter als sonst, er war, wie der Oberforstmeister sich ausdrückte, jetzt erst zum Menschen geworden.

Doktor Volkmar konnte sich seiner Beweisführung nicht verschließen; er wußte am besten, daß Marietta, wenn der Krieg ihr den Verlobten nahm, wieder schutzlos und mittellos dastand, und auch ihm sank eine Last vom Herzen, wenn er ihre Zukunft gesichert wußte. Er gab daher die Einwendungen auf und fragte nur:

„Was sagt Marietta dazu? Ist sie einverstanden?“

„Gewiß, wir haben das schon gestern abend, gleich nach meiner Ankunft, beschlossen. Ich sprach ihr natürlich nicht von Versorgung und Witthum, denn sie wäre außer sich gewesen, wenn ich den Fall meines Todes so ausführlich erörtert hätte, aber ich stellte ihr vor, daß sie, wenn ich verwundet werden sollte, als meine Frau sofort, ohne Umstände und Begleitung zu mir eilen und bei mir bleiben könnte, und das entschied. – Wir würden ja ohnehin nur eine stille Hochzeit gefeiert haben.“

Sein Gesicht verdüsterte sich bei den letzten Worten und der Doktor sagte seufzend:

„Jawohl, wir hätten wohl alle keine Neigung gehabt, ein großes Fest zu feiern, wenn das Brautpaar ohne den Segen der Mutter vor den Altar treten muß. Haben Sie denn auch wirklich alles versucht, Willy?“

„Alles!“ versetzte der junge Majoratsherr ernst. „Glauben Sie, daß es mir leicht wird, an einem solchen Tage meine Mutter zu entbehren? Aber sie hat mir keine Wahl gelassen, so muß ich es denn tragen. Ich werde also sofort die nöthigen Schritte thun und habe in Voraussicht dessen bereits meine Papiere mitgebracht.“

„Und Sie glauben, daß eine Verbindung in wenig Tagen möglich ist?“ fragte der Doktor zweifelnd.

„In jetziger Zeit gewiß, die Förmlichkeiten sind auf das Nothwendigste beschränkt und alle Weitläufigkeiten aufgehoben, um eine schleunige Trauung zu ermöglichen, wo es gewünscht wird. Sobald Marietta meine Frau ist, begleitet sie mich nach Berlin und bleibt dort, bis mein Regiment abgeht. Dann kehrt sie zu Ihnen zurück, bis zur Beendigung des Feldzuges.“

Volkmar stand auf und reichte ihm die Hand.

„Sie haben recht, es ist wohl das Beste unter diesen Umständen. – Nun, mein kleiner Singvogel, Du willst also wirklich so geschwind heirathen, wie Dein Bräutigam es wünscht?“

Die Frage war an Marietta gerichtet, die soeben in den Garten trat. Ihre blassen Wangen zeigten noch die Spuren von vergossenen Thränen, aber trotzdem war es ein glückseliger Ausdruck, mit dem sie in Willibalds Arme flog.

„Ich bin jede Stunde bereit, Großpapa,“ sagte sie innig. „Der Abschied wird uns leichter werden, wenn wir uns ganz angehören, und Du willigst ein, nicht wahr?“

Der alte Herr blickte halb schmerzlich, halb freudig bewegt auf das junge Paar, das sich so unmittelbar vor der Trennung noch vereinigen wollte, dann sagte er ergriffen:

„Nun, so heirathet denn in Gottesnamen! Ich gebe Euch aus dem Grunde des Herzens meinen Segen!“

Es wurde nun rasch das Nöthige besprochen. Die Trauung sollte sobald als möglich, selbstverständlich in aller Stille und Einfachheit stattfinden, und Willibald wollte noch heute nach Fürstenstein, um dem Oberforstmeister, der ihm ganz mit der alten Herzlichkeit die Wiederverlobung seiner Tochter gemeldet hatte, den eben gefaßten Entschluß mitzutheilen. Dann ging Doktor Volkmar, um einen Krankenbesuch zu machen, und Willy blieb mit seiner Braut allein. Sie hatten sich so lange nicht gesehen, und jetzt lag die Zukunft so schwer und drohend vor ihnen! Aber die nächsten Stunden und Tage gehörten ihnen noch, und in diesem Gedanken waren sie trotz alledem glücklich.

[378] In ein halblautes Geplauder vertieft, bemerkten sie es nicht, daß die Thür des Hauses geöffnet wurde und jemand mit langsamen, etwas zögernden Schritten den Hauptgang entlang kam. Erst das Rauschen eines Frauenkleides auf dem Kies des Bodens machte sie aufmerksam, und plötzlich sprangen beide auf.

„Meine Mutter!“ rief Willy im freudigen Schreck, legte aber gleichzeitig den Arm um Marietta, als wollte er sie schützen vor einer erneuten Kränkung, denn das Gesicht der Frau von Eschenhagen, die einige Schritte entfernt stehen geblieben war, erschien hart und finster und in ihrer Haltung lag nichts, was auf Versöhnlichkeit deutete. Ohne das junge Mädchen zu beachten, wandte sie sich ausschließlich an ihren Sohn.

„Ich hörte von Adelheid, daß Du hier seist,“ begann sie in einem ziemlich herben Tone, „und da wollte ich mich doch erkundigen, wie es jetzt in Burgsdorf steht. Hast Du für eine Vertretung gesorgt während Deiner Abwesenheit? Man weiß ja nicht, wie lange der Feldzug dauert.“

Der freudige Ausdruck in den Zügen des jungen Majoratsherrn verschwand – er hatte doch auf eine andere Begrüßung gehofft bei diesem unerwarteten Erscheinen der Mutter.

„Ich habe nach Möglichkeit Vorsorge getroffen,“ versetzte er. „Der größte Theil meiner Leute ist allerdings einberufen, auch der Inspektor muß in diesen Tagen fort, und ein Ersatz ist in jetziger Zeit nicht zu beschaffen. Die Arbeiten werden daher aufs Nothwendigste beschränkt und der alte Mertens wird die Oberaufsicht führen.“

„Der Mertens ist ein Schaf!“ sagte Regine mit der alten Derbheit. „Wenn der die Zügel führt, geht es drunter und drüber in Burgsdorf. Da wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich selbst hingehe und nach dem Rechten sehe.“

„Wie, Du wolltest –?“ rief Willibald; aber seine Mutter schnitt ihm ohne weiteres das Wort ab.

„Denkst Du, ich werde Dein Hab und Gut zugrunde gehen lassen, während Du im Felde stehst? In meinen Händen ist es sicher aufgehoben, das weißt Du; ich habe lange genug das Regiment geführt, und das werde ich auch jetzt thun, bis Du wieder zurückkommst.“

Sie sprach noch immer in dem harten, kalten Tone, als wollte sie jedes wärmere Gefühl ausschließen; aber jetzt trat Willy, seine Braut noch im Arme, dicht vor sie hin.

„Um mein Hab und Gut sorgst Du Dich, Mama!“ sagte er vorwurfsvoll. „Das willst Du in Deine Obhut nehmen, aber für das Beste und Liebste, was ich besitze, hast Du kein Wort und keinen Blick? Bist Du wirklich nur gekommen, um mir zu sagen, daß Du nach Burgsdorf gehen willst?“

Um die Lippen der Frau von Eschenhagen zuckte es, ihre herbe Zurückhaltung wollte nicht mehr standhalten bei dieser Frage.

„Ich kam, um meinen einzigen Sohn noch einmal zu sehen, ehe er in den Krieg, vielleicht in den Tod geht!“ sagte sie mit schmerzlicher Bitterkeit. „Ich mußte es von anderen hören, daß er gekommen sei, um von seiner Braut Abschied zu nehmen. Zu seiner Mutter kam er nicht. Und das – das konnte ich doch nicht ertragen!“

„Wir wären gekommen!“ rief der junge Majoratsherr, „wir hätten vor der Abreise noch einen letzten Versuch gemacht, Dein Herz zu gewinnen. Sieh Mutter, hier ist meine Braut, meine Marietta – sie wartet auf ein freundliches Wort von Dir.“

Regine warf einen langen Blick auf das junge Paar, und wieder zuckte es schmerzlich in ihrem Gesichte, als sie sah, wie Marietta sich scheu und doch zuversichtlich an die Brust des Mannes schmiegte, in dessen Schutz sie sich jetzt so sicher wußte. Die mütterliche Eifersucht bestand einen letzten, schweren Kampf, aber endlich gab sie sich überwunden. Frau von Eschenhagen streckte dem jungen Mädchen die Hand hin.

„Ich habe Dich einmal gekränkt, Marietta,“ sagte sie halblaut, „und habe Dir damals wohl auch unrecht gethan; aber dafür hast Du mir meinen Jungen genommen, der bis dahin nichts anderes kannte und liebte als seine Mutter, und der nun nichts anderes kennt und liebt als Dich – ich glaube, wir sind quitt.“

„O, Willy liebt seine Mutter nicht weniger als früher,“ versicherte Marietta eifrig. „Ich weiß es am besten, wie er unter der Trennung gelitten hat.“

„So? Nun, dann werden wir uns wohl vertragen müssen um seinetwillen!“ versetzte Regine mit einem Versuch, zu scherzen, der aber nicht recht gelang. „Wir werden uns in der nächsten Zeit rechtschaffen ängstigen um ihn, wenn wir ihn draußen im Felde wissen – da wird es Sorge und Kummer genug geben. Was meinst Du, Kind? Ich glaube, wir tragen es leichter, wenn wir uns zusammen ängstigen.“

Sie breitete die Arme aus, und in der nächsten Sekunde lag Marietta schluchzend an ihrer Brust. Auch in dem Auge der Mutter schimmerte eine Thräne, als sie sich niederbeugte, um die künftige Tochter zu küssen, dann aber sagte sie in dem alten befehlshaberischen Tone:

„Geweint wird nicht! Kopf in die Höh’, Marietta, eine Soldatenbraut muß tapfer sein, merke Dir das!“

„Eine Soldatenfrau,“ verbesserte Willibald, der mit leuchtenden Augen dabei stand. „Wir sind soeben übereingekommen, uns noch vor dem Ausmarsch trauen zu lassen.“

„Nun, dann gehört Marietta aber von Rechtswegen nach Burgsdorf,“ erklärte Regine, die sich kaum überrascht zeigte und den Entschluß ganz in der Ordnung zu finden schien. „Keine Einwendung, Kind! Die junge Frau von Eschenhagen hat in Waldhofen nichts mehr zu suchen, außer wenn sie bei ihrem Großvater zum Besuch ist. Oder fürchtest Du Dich vielleicht vor der grimmigen Schwiegermutter? Nun, ich meine, Du hast an dem da“ – sie wies auf ihren Sohn – „einen hinreichenden Schutz, selbst wenn er nicht zu Hause ist. Er wäre imstande, seiner eigenen leiblichen Mutter den Krieg zu erklären, wenn sie seine kleine Frau daheim nicht auf Händen getragen hat.“

„Das wird sie thun, ich weiß es!“ fiel Willy ein. „Wenn meine Mutter erst einmal ihr Herz öffnet, dann thut sie es auch recht!“

„Ja, jetzt kannst Du schmeicheln,“ sagte Frau Regine mit einem strafenden Blick. „Also Du kommst mit nach Deiner künftigen Heimath, Marietta. Um die Wirthschaft brauchst Du Dich nicht zu kümmern, das ist meine Sache, solch ein kleines Ding kann ja überhaupt nichts angreifen in der Landwirthschaft, und ich leide es auch nicht, daß mir jemand dreinredet, so lange ich in Burgsdorf bin. Wenn ich wieder fortgehe, ist das eine andere Sache; aber ich sehe es schon kommen, daß der Willy Dich Dein lebelang wie eine Prinzessin halten wird. – Meinetwegen, wenn er nur heil und gesund zurückkommt!“

Sie streckte jetzt auch ihrem Sohne die Hände entgegen, und die beiden hatten sich vielleicht noch nie so warm und herzlich umarmt wie heute.

Als sie eine Viertelstunde später alle drei in das Haus traten, trafen sie dort mit dem Oberforstmeister zusammen, der förmlich zurückprallte beim Anblick seiner Schwägerin. Regine weidete sich redlich an seiner Ueberraschung.

„Nun, Moritz, bin ich noch die Unvernunft und der Starrsinn in höchsteigener Person?“ fragte sie, ihm die Hand bietend; aber Schönau, der den vor acht Tagen erhaltenen Korb noch nicht verwunden hatte, hielt die seinige zurück und brummte nur etwas Unverständliches, aus dem man ungefähr entnehmen konnte, es habe ziemlich lange gedauert, bis die Vernunft zum Durchbruch gekommen sei. Dann wandte er sich an das junge Paar.

„Also nun soll schleunigst drauf los geheirathet werden? Doktor Volkmar, dem ich begegnete, sagte es mir soeben, und da kam ich her, um mich als Brautführer anzubieten. Das ist nun wohl nicht mehr nöthig, da die Frau Mutter zur Stelle ist.“

„O, Du bist uns deshalb ebenso herzlich willkommen, Onkel!“ rief Willibald.

„Nun ja, so als Nebenperson bei einer Hochzeit kann ich allenfalls noch verwendet werden,“ grollte der Oberforstmeister mit einem anzüglichen Blick auf seine Schwägerin. „Also eine Heirath vor der Trommel! Das muß man sagen, Willy, Du bist aus Deinem nüchternen Burgsdorf mit Siebenmeilenstiefeln hineingewandert in die Romantik, und Dir gerade hätte ich das am wenigsten zugetraut. Uebrigens ist meine Toni jetzt auch ganz versessen auf das Romantische; sie und Walldorf hätten nicht übel Lust gehabt, auch so mit Dampf zu heirathen vor dem Abmarsch; aber das habe ich mir verbeten, denn bei uns liegen die Verhältnisse ganz anders, und ich habe keine Lust, jetzt schon einsam dazusitzen wie ein Kauz.“

Er blickte wieder mit grimmigem Ausdrucke zu Frau von Eschenhagen hinüber; aber diese trat jetzt zu ihm und sagte herzlich:

„Grolle nicht, Moritz, wir haben uns ja noch immer wieder vertragen, wir wollen auch diesmal den Streit vergessen. Du [379] siehst wenigstens, daß ich auch einmal Ja sagen kann, wenn ich sehe, daß das ganze Glück meines Jungen daran hängt.“

Der Oberforstmeister besann sich nach einen Augenblick, dann aber ergriff er die aufs neue dargebotene Hand und drückte sie herzhaft.

„Das sehe ich,“ bestätigte er. „Und nun gewöhnst Du Dir vielleicht das verwünschte Neinsagen ganz ab, Regine – auch in einem anderen Punkte!“




In dem Adelsbergschen Palais, im Arbeitszimmer des Fürsten, stand der Schloßverwalter von Rodeck, der nach der Stadt berufen war, um vor der Abreise seines jungen Herrn noch verschiedene Befehle und Weisungen entgegenzunehmen. Egon, der bereits die Uniform seines Regimentes trug, hatte noch mündlich allerlei Anordnungen getroffen und entließ jetzt den Alten.

„Und nun halte mir das alte Waldnest brav in Ordnung wie bisher,“ schloß er. „Es ist möglich, daß ich noch einmal auf einige Stunden nach Rodeck komme, ich glaube es aber kaum, denn der Befehl zum Abmarsch kann jeden Tag erfolgen. Wie gefalle ich Dir denn eigentlich als Soldat?“

Er stand auf und richtete sich zu seiner ganzen Höhe empor, die schlanke, jugendliche Gestalt sah in der Lieutenantsuniform vortrefflich aus, und Stadinger musterte sie mit bewundernden Blicken.

„Ganz prächtig!“ versicherte er. „Es ist eigentlich schade, daß Durchlaucht nicht von Berufs wegen Soldat sind!“

„Meinst Du? Nun, trotzdem bin ich doch jetzt mit Leib und Seele dabei. Der Dienst im Felde wird freilich hart sein, und ich werde mich erst daran gewöhnen müssen; aber es schadet nichts, wenn man sich auch einmal im Bann einer strengen Pflicht weiß.“

„Nein. Durchlaucht, bei Ihnen schadet das nun schon gar nichts,“ meinte Stadinger mit seiner entsetzlichen Aufrichtigkeit. „Wenn Durchlaucht so jahrelang im Orient herumziehen mit einer großen Seeschlange und einer ganzen Herde von Elefanten, oder wenn Sie in Ostende dem allerhöchsten Hof durchgehen, weil Sie durchaus nicht heirathen wollen, dabei kommt doch nichts weiter heraus als –“

„Als Dummheiten!“ ergänzte der junge Fürst verständnißvoll. „Stadinger, eines werde ich im Felde schwer vermissen – Deine unendliche Grobheit! Du willst mir noch eine letzte Moralpredigt halten, ich sehe es an Deinem Gesicht, erspare mir das und grüße mir lieber die Zenz, wenn Du heimkommst. Sie ist doch jetzt in Rodeck?“

„Ja, Durchlaucht, jetzt ist sie da!“ erklärte der Alte mit scharfer Betonung.

„Natürlich, weil ich nach Frankreich marschire! Aber gieb Dich nur zufrieden, ich werde als ein wahres Muster von Vernunft und Tugend zurückkommen, und dann – dann heirathe ich auch.“

„Wirklich?“ rief Stadinger freudig überrascht. „Wie wird sich der allerhöchste Hof freuen!“

„Es kommt darauf an!“ spottete Egon. „Möglicherweise jage ich den allerhöchsten Hof in Entsetzen mit meiner Verlobung und ziehe meiner allergnädigsten Tante Sophie Krämpfe damit zu. Sieh nicht so dumm drein, Stadinger, Du begreifst das doch nicht; aber ich erlaube Dir ausdrücklich, Dir während des ganzen Feldzuges den Kopf darüber zu zerbrechen. Doch nun geh’, und wenn wir uns nicht wiedersehen sollten – bewahre Deinem Herrn ein gutes Andenken!“

Stadinger legte sein Gesicht in die allergrimmigsten Falten, um die aufsteigenden Thränen zu verbergen, aber das gelang ihm nicht.

„Wie können Durchlaucht nur so reden!“ brummte er. „Soll ich alter Mann etwa allein auf der Welt bleiben und Sie nicht mehr sehen, so jung, so schön und so lebenslustig? Das überlebte ich nicht!“

„Und ich habe Dich doch rechtschaffen geärgert, mein alter Waldgeist!“ sagte der junge Fürst, ihm die Hand reichend. „Aber Du hast recht, man muß an den Sieg und nicht an den Tod denken, und wenn beide zusammenkommen, dann ist das Sterben auch nicht schwer.“

Der Alte beugte sich auf die Hand seines Herrn nieder und eine Thräne fiel darauf.

„Ich wollte, ich könnte mit!“ sagte er halblaut.

„Das glaube ich,“ lachte Egon, „und Du würdest Dich gar nicht schlecht ausnehmen als Soldat trotz Deiner eisgrauen Haare. Aber jetzt haben wir Jungen anzutreten und Ihr Alten bleibt zu Haus. Leb’ wohl, Stadinger!“ – er schüttelte ihm herzlich die Hand – „ich glaube gar, Du weinst? Du solltest Dich schämen! Fort mit den Thränen und den trüben Ahnungen! Du wirst mir noch manchmal den Text lesen!“

„Das gebe Gott!“ seufzte Peter Stadinger aus Herzensgrunde. Er blickte noch einmal mit nassen Augen in das jugendliche, lebensprühende Antlitz, das ihm so heiter und siegesgewiß zulächelte; dann ging er traurig mit gesenktem Kopfe. Er fühlte es doch jetzt erst ganz, wie sehr ihm seine junge Durchlaucht ans Herz gewachsen war.

Der Fürst warf einen Blick auf die Uhr. Er mußte zu einem seiner Vorgesetzten, sah aber jetzt, daß fast noch eine Stunde an der bestimmten Zeit fehlte, und so griff er denn nach den Zeitungen und vertiefte sich in die neuesten Depeschen und Berichte.

Da ließ sich ein rascher, lauter Schritt im Nebenzimmer hören; Egon sah erstaunt auf: so pflegten die Diener nicht aufzutreten, und Besuche wurden ja stets gemeldet. Dieser Besuch bedurfte freilich keiner Anmeldung, das wußte die ganze Dienerschaft, ihm sprangen alle Thüren auf im Hause des Fürsten Adelsberg.

„Hartmut! Du bist es!“

Egon stürzte in freudiger Ueberraschung dem Eintretenden entgegen und warf sich an seine Brust.

„Du bist wieder in Deutschland und ich habe keine Ahnung davon? Du Böser, der mich zwei volle Monate lang ohne Nachricht ließ! Kommst Du, um mir Lebewohl zu sagen?“

Hartmut hatte weder die Begrüßung noch die stürmische Umarmung erwidert, stumm und finster ließ er beides über sich ergehen, und als er endlich sprach, verrieth auch sein Ton nichts von der Freude des Wiedersehens.

„Ich komme geradeswegs vom Bahnhof. Ich hoffte kaum, Dich noch zu finden, und doch hängt für mich alles daran.“

„Aber weshalb hast Du mir denn nicht Dein Kommen gemeldet? Ich schrieb Dir ja unmittelbar nach der Kriegserklärung! Du warst doch damals noch in Sicilien?“

„Nein, ich reiste ab, als der Krieg unvermeidlich zu werden schien, und habe Deinen Brief nicht mehr erhalten – ich bin seit acht Tagen in Deutschland.“

„Und erst jetzt kommst Du zu mir?“ fragte Egon vorwurfsvoll.

Rojanow beachtete den Vorwurf nicht, sein Auge haftete auf der Uniform des Freundes, und es lag etwas wie verzehrender Neid in diesem Blick.

„Du stehst bereits im Dienst, wie ich sehe,“ sagte er hastig. „Ich beabsichtige gleichfalls, in die deutsche Armee einzutreten.“

Egon mochte alles andere eher erwartet haben als eine solche Eröffnung. In grenzenloser Ueberraschung trat er einen Schritt zurück.

„In die deutsche Armee? Du, der Rumäne?“

„Ja, und deshalb komme ich zu Dir; Du wirst mir den Eintritt ermöglichen!“

„Ich?“ fragte der Fürst, dessen Verwunderung immer höher stieg. „Ich bin ja jetzt nichts weiter als ein junger Offizier! Wenn es Dir wirklich Ernst ist mit diesem seltsamen Vorhaben, mußt Du Dich an eine der zuständigen Kommandostellen wenden.“

„Das habe ich ja bereits gethan an verschiedenen Orten, sogar in Eurem Nachbarstaate habe ich es versucht, aber man will einen Fremden nicht aufnehmen. Man fordert alle möglichen Papiere und Ausweise, die ich nicht besitze, und quält mich mit endlosem Fragen und Forschen, überall tritt mir Argwohn und Mißtrauen entgegen, niemand will meinen Entschluß begreifen.“

„Offen gestanden, Hartmut, ich begreife ihn auch nicht,“ sagte Egon ernst. „Du hast stets eine tiefe Abneigung gegen Deutschland zur Schau getragen, Du bist der Sohn eines Landes, dessen höhere Kreise nur französische Bildung und Sitten kennen, das mit all seinen Neigungen ausschließlich auf seiten Frankreichs steht, da ist das Mißtrauen bei Fremden doch wohl erklärlich. Aber warum wendest Du Dich nicht an den Herzog persönlich, um Deinen Wunsch durchzusetzen? Du weißt, wie sehr er für [380] den Dichter der ‚Arivana‘ eingenommen ist, es kostet Dich nur eine Audienz, die er Dir jederzeit gewähren wird, und ein Befehl von ihm hebt jede Schwierigkeit und gestattet jede Ausnahme.“

Rojänows Blick sank zu Boden und seine schon so umdüsterte Stirn verfinsterte sich noch mehr, als er erwiderte:

„Ich weiß es, aber gerade dort kann ich nichts erbitten. Der Herzog würde mir dieselbe Frage stellen wie all die andern, ihm darf ich die Antwort nicht schuldig bleiben, und die Wahrheit – kann ich ihm nicht sagen.“

„Auch mir nicht?“ fragte der junge Fürst, indem er zu ihm trat und die Hand auf seine Schulter legte. „Warum bestehst Du so stürmisch auf dem Eintritt in unser Heer? Was suchst Du eigentlich unter den deutschen Fahnen?“

Hartmut strich mit der Hand über die Stirn, als wollte er dort etwas fortwischen, dann antwortete er schwer und dumpf:

„Die Erlösung – oder den Tod!“

„Du kehrst zurück wie Du gegangen bist, als ein Räthsel!“ sagte Egon kopfschüttelnd. „Damals hast Du mir jede Erklärung verweigert, soll ich auch jetzt Dein Geheimniß nicht erfahren?“

„Schaffe mir die Aufnahme in das Heer und ich sage Dir alles!“ rief Rojanow in fieberhafter Erregung. „Gleichviel unter welchen Bedingungen, nur schaffe sie mir! Aber sprich nicht mit dem Herzog, nicht mit einem der Generale, sondern wende Dich an eins der untergeordneten Kommandos. Dein Name, Deine Verwandtschaft mit dem regierenden Hause machen Dein Fürwort mächtig. Man wird dem Fürsten Adelsberg kein Nein zur Antwort geben, wenn er selbst einen Freiwilligen anmeldet.“

„Aber man wird ihm dieselbe Frage stellen wie Dir. Du bist Rumäne –“

„Nein, nein!“ rief Hartmut leidenschaftlich aus. „Wenn ich es Dir denn doch bekennen muß – ich bin ein Deutscher!“

Die Wirkung dieser Erklärung war nicht so groß, als Hartmut gefürchtet haben mochte. Der Fürst sah ihn wohl einen Augenblick lang betroffen an, dann aber entgegnete er:

„Das habe ich bisweilen geahnt. Wer eine ‚Arivana‘ in deutscher Sprache dichten konnte, der verdankt diese Sprache nicht bloß seiner Erziehung, der ist verwachsen mit ihr. Aber Du führst den Namen Rojanow –“

„Den Namen meiner Mutter, die einer rumänischen Bojaren-Familie angehörte. Ich selbst heiße – Hartmut von Falkenried.“

Der eigne Name klang so seltsam fremd in seinem Ohre, er hatte ihn ja seit langen Jahren nicht ausgesprochen, aber auch Egon stutzte dabei.

„Falkenried? So hieß ja der preußische Oberst, der damals in geheimer Sendung aus Berlin kam! Stehst Du in irgend einer Beziehung zu ihm?“

„Es ist mein Vater!“

Der junge Fürst blickte mitleidig auf seinen Freund, denn er sah, wie furchtbar schwer diesem das Geständniß wurde. Er fühlte wohl, daß hier ein Familiendrama verborgen lag, und zu zartfühlend, um weiter zu forschen, fragte er nur:

„Und Du willst Dich nicht als Sohn Deines Vaters, nicht als einen Falkenried bekennen? Damit stände Dir ja jedes preußische Regiment offen.“

„Nein, damit wäre es mir verschlossen für immer – ich bin vor zehn Jahren aus dem Kadettenhause entflohen.“

„Hartmut!“ Es lag ein Ausdruck des Entsetzens in dem Ruf.

„Nun, hältst Du das etwa auch für ein todeswürdiges Verbrechen wie mein Vater? Du freilich bist in der Freiheit aufgewachsen und hast keine Ahnung von dem eisernen Zwange, der in diesen Anstalten herrscht, von der Tyrannei, mit der man unter das Joch eines blinden Gehorsams gebeugt wird. Ich konnte das nicht ertragen, mich drängte es gewaltsam zur Freiheit und zum Licht. Ich bat, ich bestürmte meinen Vater, vergebens, er hielt mich fest an der Kette – da zerriß ich sie und entfloh mit meiner Mutter.“

Er stieß das alles mit einem wilden, verzweiflungsvollen Trotze hervor, aber sein Auge haftete beinahe angstvoll auf dem Gesicht seines Zuhörers. Der Vater mit seinen starren Ehrbegriffen verdammte ihn, aber der Freund, der ihn vergötterte, der mit seiner leidenschaftlichen Begeisterung für ihn und seinen Genius alles bewunderte, was er that, der mußte doch die Nothwendigkeit seines Schrittes begreifen. Doch dieser Freund schwieg, und in dem Schweigen lag sein Urtheil.

„Also auch Du, Egon?“ In dem Ton des Fragenden, der minutenlang vergebens auf Antwort geharrt hatte, lag eine tiefe Bitterkeit. „Auch Du, Egon, der mir so oft sagte, daß nichts den Flug eines Dichters hemmen darf, daß er die Bande sprengen muß, die ihn am Boden halten? Das that ich und das hättest Du auch gethan.“

Der junge Fürst richtete sich mit voller Entschiedenheit empor. „Nein, Hartmut, da irrst Du denn doch. Ich wäre vielleicht einer strengen Schule entlaufen – dem Waffendienste nie!“

Da war es wieder, das herbe Wort, das schon einmal der Knabe gehört hatte: „Dem Waffendienst entlaufen!“ Es trieb ihm auch jetzt das Blut in die Stirn.

„Warum wurdest Du nicht Offlzier?“ fuhr Egon fort. „Man wird das ja sehr früh in Deiner Heimath! Nach einigen Jahren konntest Du dann den Abschied nehmen, in einem Alter, wo das Leben erst beginnt, dann warst Du frei – mit Ehren!“

Hartmut verstummte: das hatte ihm auch der Vater einst gesagt, aber er wollte eben nicht warten und sich beugen. Die Schranke hinderte ihn und er warf sie einfach nieder, unbekümmert darum, daß er auch Pflicht und Ehre damit niederwarf.

„Du weißt nicht, was damals alles auf mich einstürmte,“ entgegnete er gepreßt. „Meine Mutter – ich will sie nicht anklagen, aber sie ist mein Verhängniß geworden. Der Vater hatte sich schon in meinen Kinderjahren von ihr getrennt, ich hielt sie für todt, da trat sie auf einmal wieder in mein Leben und riß mich an sich, mit ihrer heißen Mutterliebe, mit ihren Verheißungen von Freiheit und Glück. Sie allein hat jenen unseligen Wortbruch verschuldet –“

„Welchen Wortbruch?“ fiel Egon erregt ein. „Hattest Du etwa schon den Eid geleistet?“

„Nein, aber ich hatte meinem Vater das Wort gegeben, zurückzukehren, als er mir eine letzte Unterredung mit der Mutter gestattete –“

„Und statt dessen entflohst Du mit ihr?“

„Ja!“

Die Antwort klang kaum hörbar, und dann folgte eine lange Pause. Der junge Fürst sprach kein Wort, aber in seinem offenen, sonst so sonnigen Antlitz malte sich ein tiefer, bitterer Schmerz, der bitterste seines Lebens, denn in dieser Minute verlor er den so leidenschaftlich geliebten Freund.

Hartmut nahm endlich wieder das Wort, aber er blickte nicht auf dabei.

„Du begreifst es jetzt, warum ich den Eintritt in das Heer um jeden Preis erzwingen will. Jetzt, wo der Krieg ausbricht, kann der Mann sühnen, was der Knabe gefehlt hat. Deshalb verließ ich Sicilien schon auf die ersten bedrohlichen Nachrichten hin und flog wie im Sturme nach Deutschland. Ich hoffte, sofort zu den Waffen eilen zu können, ich ahnte ja nichts von all den Hindernissen und Schwierigkeiten, die man mir bereitet, aber Du kannst sie beseitigen, wenn Du für mich eintrittst.“

„Nein, das kann ich nicht!“ sagte Egon kalt. „Nach dem, was ich soeben erfahren habe, ist das unmöglich!“

Hartmut erbleichte und trat mit einer heftigen Bewegung dicht vor ihn hin.

„Du kannst nicht? Das heißt – Du willst nicht!“

Der Fürst schwieg.

„Egon!“ – es lag ein wildes, stürmisches Flehen in dem Ton – „Du weißt, ich habe nie eine Bitte an Dich gerichtet, es ist die erste und letzte, aber jetzt bitte, beschwöre ich Dich um diesen Freundschaftsdienst. Es ist die Erlösung von dem Verhängniß, das mich seit jener Stunde verfolgt, die Versöhnung mit meinem Vater, die Versöhnung mit mir selbst – Du mußt mir helfen!“

„Ich kann nicht,“ wiederholte der junge Fürst tiefernst. „Die Zurückweisung, die Du erfahren hast, mag Dich schwer treffen, ich glaube es, aber sie ist nur gerecht. Du hast mit Deinem Vaterlande, Deinen Pflichten gebrochen, und das läßt sich nicht so ohne weiteres wieder zusammenknüpfen, wenn man anderen Sinnes geworden ist. Du entflohst dem Waffendienste – Du, der Sohn eines Offiziers – jetzt verschließt der Waffendienst sich Dir und Du mußt es tragen!“

„Und das sagst Du mir so ruhig, so kalt?“ rief Hartmut außer sich. „Siehst Du denn nicht, daß es sich für mich um Leben und Tod handelt? Ich habe meinen Vater wiedergesehen, damals in Rodeck, als er an das Sterbebett Wallmodens eilte. [381] Er hat mich zerschmettert mit seiner Verachtung, mit den furchtbaren Worten, die er mir in das Antlitz schleuderte. Das war es, was mich forttrieb aus Deutschland, was mich ruhelos von Ort zu Ort jagte! Aber seine Worte gingen mit mir und schufen mir das Leben zur Hölle. Ich habe den Kriegsruf wie eine Erlösung begrüßt, ich wollte kämpfen für das Vaterland, das ich einst von mir stieß, und nun schließt sich mir die Thür, die sich allen, allen öffnet. Egon, Du wendest Dich ab? Nun, dann bleibt mir nur noch ein Weg!“

Er wandte sich mit einer jähen, verzweiflungsvollen Bewegung nach dem Tische, wo die Pistolen des Fürsten lagen, aber dieser stürzte auf ihn zu und riß ihn zurück.

„Hartmut! Bist Du wahnsinnig?“

„Vielleicht werde ich es noch! Ihr foltert mich ja alle bis zum Wahnsinn!“

Es lag eine grenzenlose Verzweiflung in den Worten. Auch Egon war bleich geworden und seine Stimme bebte, als er sagte:

„Ehe es dahin kommen soll – ich werde versuchen, Dir Aufnahme bei einem Regimente zu verschaffen!“

„Endlich! Ich danke Dir!“

„Versprechen kann ich Dir allerdings nichts, denn der Herzog muß jetzt gänzlich aus dem Spiel bleiben, da er nichts erfahren darf. Er geht auch morgen schon nach dem Kriegsschauplatz ab. Vernimmt er später, daß Du in seiner Armee dienst, so sind wir mitten im Sturm des Krieges, und einer vollendeten Thatsache gegenüber fragt man nicht so eingehend nach dem Wie und Warum. Aber es wird immerhin einige Tage dauern, ehe die Entscheidung erfolgt – willst Du so lange mein Gast sein?“

Der junge Fürst hätte das sonst als selbstverständlich angenommen und wäre außer sich gewesen bei einer Weigerung seines Freundes; jetzt fragte er, und Hartmut fühlte, was in dieser Frage lag.

„Nein, ich bleibe überhaupt nicht in der Stadt,“ versetzte er. „Ich gehe zu dem Rodecker Förster und bitte Dich, mir dorthin Nachricht zu senden, in wenigen Stunden kann ich ja wieder hier sein.“

„Wie Du willst. Du gehst also nicht nach dem Schlosse?“

Hartmut sah ihn mit einem langen, schmerzlichen Blicke an.

„Nein, in die Försterei. Leb’ wohl, Egon!“

„Leb’ wohl!“

Sie schieden, ohne Händedruck, ohne ein ferneres Abschiedswort, und als die Thür hinter ihm zufiel, da wußte es auch Hartmut, daß er den Freund verloren, der ihn bis dahin vergöttert hatte. Auch hier verurtheilt und ausgestoßen – er mußte sie furchtbar büßen, die alte Schuld!



Ueber dem „Walde“ lag ein düsterer, wolkenumschleierter Himmel, der von Zeit zu Zeit einen Regenschauer herabsandte. An den Höhen hingen graue Nebel und in den Baumwipfeln brauste der Sturm. Es war ein herbstlich rauher Tag, mitten im Hochsommer.

In Ostwalden war die Schloßherrin jetzt allein; sie hatte von ihrem Bruder die Nachricht erhalten, daß er sich bereits auf dem Marsche befinde und daß das geplante Wiedersehen der Geschwister unterbleiben müsse. Adelheid hatte infolgedessen ihre Abreise nach Berlin verschoben, um noch der Trauung Willibalds und Mariettas beizuwohnen, die in aller Stille und nur in Gegenwart der nächsten Verwandten stattfand. Unmittelbar darauf war das neue Ehepaar nach Berlin gereist, wo Willy sofort in sein Regiment eintreten mußte; seine junge Frau wollte die wenigen Tage bis zum Ausmarsch noch in seiner Nähe bleiben und dann nach Burgsdorf gehen, wo sich ihre Schwiegermutter bereits befand.

Es war in den Vormittagsstunden, als Fürst Adelsberg am Schlosse von Ostwalden vorfuhr. Er war für heute beurlaubt worden, um noch einiges „Nothwendige“ zu ordnen, aber diese Nothwendigkeit führte ihn nicht nach Rodeck, sondern nach Ostwalden; er kam, um Abschied zu nehmen von Adelheid, die er seit jenem ersten Besuche nicht wiedergesehen hatte.

Als sein Wagen in den Schloßhof einbog, kam ihm der Priester des benachbarten kleinen Waldortes mit dem Sakrament und in Begleitung des Meßners entgegen. Er hatte offenbar einem Schwerkranken die letzte Oelung gespendet – eine ernste Mahnung in ernster Zeit, und der Fürst erkundigte sich beim Aussteigen sofort, wem der traurige Besuch gegolten habe. Er erfuhr, daß es einer der Beamten sei und daß die Schloßherrin augenblicklich bei dem Kranken weile, man wolle ihr aber sofort den Besuch melden.

In dem Empfangszimmer, wohin man ihn gewiesen hatte, schritt Egon unruhig auf und nieder. Er kam, um sich Gewißheit zu holen, ohne die er nicht hinausziehen zu können meinte in den Kampf auf Leben und Tod, und dieser Kampf mußte es rechtfertigen, wenn er einer Frau, die noch die Witwentrauer trug, jetzt schon mit solchen Wünschen nahte. Es sollte ja noch keine Werbung sein, nur eine Hoffnung wollte er mit sich nehmen, jene Hoffnung, die bei dem letzten Zusammensein so hell und beglückend in ihm aufgeflammt war, als Adelheid eine so warme Theilnahme bei seinem Schmerze um den fernen Freund zeigte. Er ahnte nicht, daß er sich in einem verhängnißvollen Irrthum befand.

Aber trotzdem lag ein Schatten auf den sonst so heiteren Zügen des jungen Fürsten. Es war nicht der Abschied, der ihn bekümmerte, er ging in den Kampf mit der glühenden Begeisterung, der frohen Zuversicht der Jugend, die nur von Siegen träumt und alle trüben Ahnungen weit von sich wirft. Er träumte ja überdies noch von einem künftigen Glück, das er jetzt sich sichern wollte. Da öffnete sich die Thür und Frau von Wallmoden trat ein.

„Ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie so lange warten ließ, Durchlaucht,“ sagte sie nach der ersten Begrüßung. „Man hat es Ihnen wohl mitgetheilt, daß ich bei einem Sterbenden war.“

„Ich hörte es bei meiner Ankunft,“ versetzte Egon, der ihr entgegengeeilt war. „Ist der Fall wirklich so schwer?“

[382] „Leider! Der arme Tanner! Er war früher Hauslehrer bei einer Familie in der Umgegend, hat aber wegen einer schweren Erkrankung seine Stellung aufgeben müssen. Auf Verwendung meines Verwandten, des Oberforstmeisters, übertrug ich ihm das Ordnen und Aufstellen der Bibliothek meines verstorbenen Gatten, die nach Ostwalden geschafft wurde, denn man hoffte, daß er sich bei dem leichten Amte und in der kräftigen Waldluft vollends erholen würde. Er war so dankbar dafür und erzählte mir noch gestern, wie glücklich seine Mutter darüber sei, daß er, als noch nicht ganz wiederhergestellt, vom Dienste befreit bleibe und nicht in den Krieg zu ziehen brauche. Da überfällt ihn heut morgen ein Blutsturz, und jetzt sagt mir der Arzt, daß der Arme höchstens noch eine Stunde zu leben habe. Es ist furchtbar, wenn ein junges Leben sich so rettungslos verblutet!“

„Und das wird doch in den nächsten Wochen bei Tausenden geschehen!“ rief Egon. „Sie waren also selbst bei dem Sterbenden?“

„Auf seinen Wunsch. Er wußte, wie es mit ihm stand, und da wollte er mich noch einmal sprechen, um mir eine Bitte für seine alte Mutter ans Herz zu legen, die mit ihm ihre einzige Stütze verliert. Ich habe ihn darüber beruhigt, aber das war auch alles, was ich zu thun vermochte.“

Man sah es der jungen Frau an, wie sie der Vorgang an dem Sterbebett erschüttert hatte, und auch Egon empfand ein tiefes Mitgefühl bei der Erzählung.

„Ich komme, um Abschied zu nehmen,“ sagte er nach einer kurzen Stille. „Wir rücken übermorgen aus, und da konnte ich es mir nicht versagen, Sie noch einmal aufzusuchen. Glücklicherweise fand ich Sie noch, denn wie ich höre, wollen auch Sie fort.“

„Ja, nach Berlin, das einsame Ostwalden ist so abgelegen, und in dieser Zeit der fieberhaften Erwartung will man doch möglichst im Mittelpunkte der Nachrichten und Verbindungen sein. Ich habe mich ja auch um einen Bruder zu sorgen, der unter den Fahnen steht!“

Wieder trat eine kurze Pause ein, und der junge Fürst wollte eben an die letzte Bemerkung anknüpfen, um das zur Sprache zu bringen, was ihm am Herzen lag, als ihm Frau von Wallmoden mit einer Frage zuvorkam, die anscheinend gleichgültig und doch mit leise bebender Stimme gestellt wurde.

„Bei Ihrem letzten Besuche waren Sie ja so in Sorge, Durchlaucht, über das Ausbleiben der Nachrichten von Ihrem Freunde. Hat er Ihnen jetzt ein Lebenszeichen gegeben?“

Egon sah zu Boden und der Schatten, der während des Gespräches gewichen war, legte sich wieder schwer und düster über seine Züge.

„Ja!“ erwiderte er kalt. „Rojanow ist wieder in Deutschland.“

„Seit der Kriegserklärung?“

„Allerdings, er kam –“

„Um mit in den Kampf zu ziehen! O, ich wußte es!“

Der Fürst blickte sie in höchster Betroffenheit an.

„Sie wußten das, Excellenz? Ich glaubte, Sie hätten Hartmut nur als Rumänen und nur durch mich gekannt.“

Ueber die Wangen der jungen Frau floß eine dunkle Gluth, sie fühlte es, wie verrätherisch der Ausruf gewesen war, aber sie faßte sich rasch.

„Ich lernte Herrn Rojanow erst im letzten Herbste kennen, als er Ihr Gast in Rodeck war,“ antwortete sie fest; „aber seinen Vater kenne ich seit langen Jahren, und dieser – ich darf wohl annehmen, Durchlaucht, daß Sie alles wissen, was geschehen ist?“

„Ja, jetzt weiß ich es!“ sagte Egon mit schwerer Betonung.

„Nun wohl, Oberst Falkenried war ein naher Freund meines Vaters und verkehrte oft in unserem Hause. Ich hatte freilich nie von einem Sohne gehört und hielt den Oberst für kinderlos, bis zu jener furchtbaren Stunde in Rodeck, am Todestage meines Gatten. Da erfuhr ich die Wahrheit und wurde Zeuge der Begegnung zwischen Vater und Sohn.“

Der junge Fürst athmete auf bei dieser Erklärung, die eine eben erwachende unheilvolle Ahnung wieder verscheuchte.

„Dann begreife ich allerdings Ihre Theilnahme,“ entgegnete er. „Oberst Falkenried ist in der That zu beklagen.“

„Nur er?“ fragte Adelheid, befremdet durch den herben Ton der letzten Worte. „Und Ihr Freund selbst?“

„Ich habe keinen Freund mehr, ich habe ihn verloren!“ rief Egon in leidenschaftlichem Schmerze aus. „Schon was er mir vor zwei Tagen gestand, riß eine tiefe Kluft auf zwischen uns, und was ich jetzt weiß, das trennt uns für immer.“

„Sie urtheilen sehr hart über das Vergehen eines Siebzehnjährigen – er muß ja damals fast noch ein Knabe gewesen sein.“

Es lag ein tiefer Vorwurf in den Worten der jungen Frau, aber der Fürst schüttelte heftig den Kopf.

„Ich spreche nicht von seiner Flucht und seinem Wortbruch, obgleich sie schwer genug wiegen bei dem Sohne eines Offiziers, aber was ich gestern erfuhr – ich sehe, Sie wissen das Schlimmste noch nicht, gnädige Frau, und wie sollten Sie es auch wissen! Erlassen Sie mir diesen Bericht.“

Adelheid war bleich geworden und ihre Augen hafteten starr und angstvoll auf dem Sprechenden.

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 13, S. 404–413

[404] „Ich bitte Sie, Durchlaucht,“ begann Adelheid wieder „mir die Wahrheit, die volle Wahrheit zu sagen. Sie erwähnten, daß Rojanow zurückgekehrt sei, um in unser Heer einzutreten. Ich habe das geahnt, erwartet, denn es ist das einzige, womit er die alte Schuld sühnen kann. Steht er bereits unter den Fahnen?“

„Soweit ist es zum Glück nicht gekommen, und das hat mir eine schwere Verantwortung erspart,“ sagte Egon mit einer grenzenlosen Bitterkeit. „Er meldete sich bei verschiedenen Regimentern, wurde aber überall zurückgewiesen.“

„Zurückgewiesen? Weshalb?“

„Weil er sich nicht als Deutscher bekennen durfte, und weil dem Fremden, dem Rumänen, ein sehr berechtigter Argwohn entgegenstand. Man muß in jetziger Zeit vorsichtig sein, damit sich in die Reihen unserer Armee keine – Spione eindrängen.“

„Um Gotteswillen, was meinen Sie damit?“ rief Adelheid, die jetzt zu ahnen begann, um was es sich handelte. Egon sprang in furchtbarer Erregung auf und trat an ihre Seite.

„Wenn Sie es denn doch erfahren wollen, gnädige Frau, so hören Sie! Hartmut kam zu mir und verlangte, ich solle meinen Einfluß geltend machen, um ihm den Eintritt in eines unserer Regimenter zu verschaffen. Ich weigerte mich anfangs, aber er wußte mein Versprechen zu erzwingen mit einer Drohung, die schwerlich ernst gemeint war. Ich hielt Wort und verwandte mich bei einem der höheren Offiziere, dessen Bruder Sekretär bei unserer Gesandtschaft in Paris und eben mit derselben zurückgekommen ist. Dieser Herr war zugegen bei meinem Besuch, er stutzte bei dem Namen Rojanow, erkundigte sich näher nach dem Betreffenden und machte uns darauf Enthüllungen – ich kann das nicht aussprechen! Ich habe Hartmut geliebt wie nichts auf der Welt, habe ihn fast vergöttert, ich ließ mich von dem Fluge seines Genius mit emportragen, und nun erfahre ich, daß der Freund, der mir alles war, ein Elender ist, daß er und seine Mutter in Paris Spionendienste geleistet haben – vielleicht wollte er das auch in den Reihen unserer Armee!“

Er legte die Hand über die Augen, und es war etwas Erschütterndes in dem Schmerze des jungen Mannes, dem sein Freundschaftsideal so erbarmungslos zertrümmert war. Auch Adelheid hatte sich erhoben, und ihre Hand, mit der sie sich auf die Lehne des Sessels stützte, zitterte, während sie fragte:

„Und was haben Sie, was hat er darauf geantwortet?“

„Rojanow, meinen Sie? Ich habe ihn nicht wiedergesehen und werde es auch nicht, ich will mir und ihm das ersparen. Er ist augenblicklich in der Rodecker Försterei und erwartet dort meine Antwort; ich habe ihm in drei Zeilen mitgetheilt, was ich erfuhr, ohne eine Bemerkung oder sonst ein Wort hinzuzufügen. Er hat den Brief vermuthlich schon erhalten und wird ihn hinreichend verstehen.“

„Allmächtiger Gott, das treibt ihn in den Tod!“ fuhr Adelheid auf. „Wie konnten Sie das thun? Wie konnten Sie den Unglücklichen ungehört verdammen?“

„Den Unglücklichen?“ wiederholte der Fürst schneidend. „Halten Sie ihn wirklich dafür?“

„Ja, denn ich höre die entsetzliche Beschuldigung nicht zum ersten Male. Auch sein Vater hat sie ihm bei jener Zusammenkunft ins Antlitz geschleudert.“

„Nun also, wenn der eigene Vater ihn anklagt –“

„Der tiefbeleidigte, tiefverbitterte Mann! Er kann kein freies Urtheil haben; aber Sie, der Freund Hartmuts, der ihm so nahe stand, Sie mußten für ihn eintreten und ihn vertheidigen!“

Egon blickte halb fragend, halb erstaunt auf die erregte Frau.

„Das scheinen Sie thun zu wollen, Excellenz,“ sagte er langsam. „Ich kann es nicht, denn es ist zu vieles in Hartmuts Leben, was den Verdacht bestätigt, er erklärt mir alles, was mir bisher räthselhaft schien, und es sind ganz bestimmte Vorgänge, auf die sich die Anklage stützt –“

„Gegen seine Mutter! Sie ist von jeher das Verhängniß, das Verderben ihres Sohnes gewesen; aber er kannte das schmachvolle Gewerbe nicht, zu dem sie herabgesunken war, er lebte ahnungslos an ihrer Seite. Ich sah es, wie er zusammenbrach, als der Vater das furchtbare Wort aussprach, wie er sich aufbäumte dagegen in Todesangst. Das war Wahrheit, das war die Verzweiflung eines Mannes, der schwerer gestraft wird, als er je gefehlt hat. Jene Flucht, jener unselige Wortbruch rauben ihm jetzt den Glauben derer, die ihm am nächsten stehen; aber wenn der Vater und der Freund ihn verdammen, ich glaube an ihn. Es ist nicht wahr, er ist nicht schuldig!“

Die junge Frau hatte sich in ihrer stürmischen Erregung hoch aufgerichtet, ihre Wangen glühten, ihre Augen flammten, und Ton und Worte hatten jene hinreißende Leidenschaft, die nur die Liebe kennt, wenn sie das Geliebte vertheidigt. Egon stand unbeweglich und sah sie an. Da war es, das Erwachen, von dem er so oft geträumt hatte, jetzt strahlte Gluth und Leben auf, und aus dem Eismeer stieg eine blühende Welt empor – aber es war ein anderer, der sie geweckt hatte.

„Ich wage nicht zu entscheiden, ob Sie recht haben, gnädige Frau,“ sagte der Fürst nach einer sekundenlangen Pause tonlos. „Ich weiß nur eins, mag Hartmut schuldig oder unschuldig sein, er ist beneidenswert selbst in dieser Stunde!“

Adelheid zuckte zusammen, sie verstand die Hindeutung, und wortlos senkte sie das Haupt vor diesem schmerzlich vorwurfsvollen Blick.

„Ich kam, um Abschied zu nehmen,“ hob Egon wieder an. „Ich wollte freilich eine Frage, eine Bitte an diesen Abschied knüpfen – das ist jetzt vorbei! Ich habe Ihnen nur noch Lebewohl zu sagen.“

Adelheid hob die Augen, in denen jetzt heiße Thränen standen, wieder zu ihm empor und reichte ihm die Hand.

„Leben Sie wohl! Der Himmel nehme Sie in seinen Schutz bei dem Kampfe!“

Aber der Fürst schüttelte nur stumm das Haupt. „Was soll ich damit, jetzt noch?“ stieß er endlich mit aufquellender Bitterkeit hervor. „Ich möchte am liebsten – nein, sehen Sie mich nicht so bittend an, ich weiß es ja jetzt, daß ich mich in einem verhängnißvollen Irrthum befand, und ich werde Sie nicht quälen mit einem Geständniß; aber, Adelheid, ich wäre gern gefallen, hätte ich mir damit den Blick und Ton erkaufen können, den Sie vorhin für einen anderen hatten – leben Sie wohl!“

Damit drückte er noch einmal ihre Hand an seine Lippen und eilte fort. –

Der Sturm war im Laufe des Nachmittags heftiger geworden, er wühlte in den Wäldern, tobte um die freien Höhen und jagte die Wolkenzüge am Himmel immer wilder dahin. Auch auf jener Waldhöhe, die im letzten Herbste eine so inhaltsschwere Begegnung zweier Menschen gesehen hatte, stürmte es mit voller Gewalt, aber der Mann, der dort so einsam an dem Stamme eines Baumes lehnte, schien das nicht zu fühlen, denn er stand unbeweglich mitten in diesem Toben.

Hartmuts Antlitz war todtenbleich, aber es lag eine starre, unheimliche Ruhe darin, und das lodernde Feuer der dunklen [406] Augen war erloschen, während das Haar schwer und feucht auf die Stirn fiel. Der Sturm hatte ihm den Hut vom Kopfe gerissen, er hatte es nicht bemerkt, so wenig wie den Regenschauer, der ihn durchnäßte. Nach stundenlangem Umherirren im Walde hatte er sich endlich an diesem Orte wiedergefunden, wohin ihn halb unbewußt eine Erinnerung zog – es war der rechte Ort für sein Vorhaben.

Die mit so fieberhafter Spannung erwartete Nachricht war endlich eingetroffen: kern Brief, nur einige Zeilen, ohne Anrede und mit der Unterschrift „Egon, Fürst Adelsberg“ – aber in diesen kurzen Zeilen lag für den, der sie empfing, die Vernichtung. Für immer ausgestoßen und geächtet, auch von dem Freunde gerichtet, ohne auch nur gehört zu werden – das Verhängniß erfüllte sich furchtbar an dem Sohne Zalikas!

Das Krachen eines mächtigen Astes, der unter dem Drucke des Sturmes brach und dann sausend niederstürzte, weckte Hartmut aus seinem dumpfen Brüten. Er war nicht einmal aufgefahren dabei, sondern wandte nur langsam den Kopf nach der schweren Last, die dicht neben ihm niederfiel; nur einen Fuß breit seitwärts, dann hätte sie ihn getroffen und vielleicht in einem Augenblick all der Schmach und Qual ein Ende gemacht; aber so leicht ging es nicht mit dem Sterben. Solch ein Geschick traf nur den, der das Leben liebte, – wer es von sich werfen wollte, der mußte das schon mit eigener Hand thun!

Hartmut nahm seine Flinte von der Schulter und stellte sie mit dem Kolben auf den Boden; dann legte er die Hand auf die Brust, um die geeignete Stelle zu suchen. Noch einmal blickte er hinauf zu dem umschleierten Himmel mit den gährenden Wolkenmassen und hinab zu dem kleinen dunklen Waldsee mit der trügerischen Wiese, über deren Moorgrund sich die Nebel zusammenballten wie einst in der Heimath. Dort waren sie ihm erschienen, die lockenden, winkenden Irrlichter, er war den Flammenzeichen der Tiefe gefolgt, und nun zogen sie ihn rettungslos hinab, nun gab es kein Aufsteigen mehr zu der Höhe, wo andere, lichte Zeichen strahlten. Ein Schuß in das Herz, und alles war zu Ende!

Er wollte die Flinte ansetzen, da hörte er seinen Namen rufen, aber es war ein Ruf der Todesangst, eine schlanke Gestalt in dunklem Regenmantel stürmte vom Waldesrande her auf ihn zu, und die Waffe entfiel seinen Händen, denn er sah in das Antlitz Adelheids, die, an allen Gliedern bebend, vor ihm stand.

Es vergingen Minuten, ohne daß eines der beiden sprach. Hartmut war es, der sich zuerst faßte.

„Sie hier, gnädige Frau?“ fragte er mit erzwungener Ruhe. „Sie sind bei diesem Unwetter im Walde?“

Die junge Frau blickte auf die Waffe nieder, die zu ihren Füßen lag, und schauderte zusammen.

„Die Frage möchte ich an Sie richten,“ erwiderte sie.

„Ich war auf der Jagd, aber es ist kein Wetter heute zum Jagen, und ich wollte eben meine Flinte entladen, um –“

Er vollendete nicht, denn der schmerzlich vorwurfsvolle Blick, der ihn traf, sagte ihm, daß die Lüge hier umsonst war, – er brach ab und sah finster vor sich nieder. Auch Adelheid gab es auf, die Unwissende zu spielen, in ihrer Stimme bebte noch die ganze Todesangst, als sie rief: „Herr von Falkenried – allmächtiger Gott, was wollten Sie thun?“

„Was jetzt vollbracht wäre ohne Ihre Dazwischenkunft,“ sagte Hartmut herb. „Und glauben Sie mir, gnädige Frau, es wäre besser gewesen, wenn der Zufall Sie fünf Minuten später hergeführt hätte.“

„Es war kein Zufall! Ich war in der Rodecker Försterei und hörte, daß Sie schon seit Stunden fort seien; da trieb mich eine entsetzliche Ahnung, Ihnen zu folgen und Sie hier zu suchen, ich hatte beinahe die Gewißheit, daß ich Sie an dieser Stelle finden würde.“

„Sie suchten mich? Mich, Ada?“ Seine Stimme wogte stürmisch auf bei der Frage. „Woher wußten Sie denn, daß ich in der Försterei war?“

„Durch den Fürsten Adelsberg, der heute vormittag bei mir war. Sie haben einen Brief von ihm erhalten?“

„Nein, nur eine Nachricht,“ entgegnete Hartmut mit zuckenden Lippen. „In den kurzen Zeilen war auch nicht ein einziges Wort an mich persönlich gerichtet, sie brachten mir im Geschäftston eine Mittheilung, die der Fürst für nothwendig hielt – ich verstand sie vollkommen.“

Adelheid schwieg; sie hatte es ja gewußt, daß ihn das in den Tod treiben würde. Langsam trat sie mit ihm in den Schutz der Bäume, denn es war kaum möglich, sich auf der freien Höhe zu behaupten in diesem Sturmestoben; nur Hartmut schien das nicht zu empfinden.

„Sie kennen den Inhalt jenes Schreibens, ich sehe es,“ begann er wieder, „und fremd ist er Ihnen überhaupt nicht. Sie wußten ja, was damals in Rodeck geschehen ist; aber glauben Sie mir, Ada, was ich empfand in dem Augenblick, als Sie vor mir standen in dem geisterhaften Schimmer, der jene furchtbare Nacht durchstrahlte, als es mir klar wurde, daß ich vor Ihnen in den Staub niedergeworfen war – das hätte selbst meinen Vater befriedigt, das hat alles gerächt, was ich je an ihm gesündigt habe.“

„Sie thun ihm unrecht,“ entgegnete die junge Frau ernst. „Sie sahen ihn nur in der starren, eisernen Unerbittlichkeit, mit der er Sie von sich stieß. Ich sah ihn anders, als ich nach Ihrem Verschwinden zu ihm kam. Da brach er zusammen in wildem Schmerz, da ließ er mich einen Blick thun in das Herz eines verzweifelten Vaters, der seinen Sohn über alles geliebt hat. Haben Sie seitdem keinen Versuch gemacht, ihn zu überzeugen?“

„Nein, er würde mir so wenig glauben wie Egon. Wer einmal sein Wort gebrochen, der hat den Glauben verwirkt, und wenn er ihn mit seinem Leben zurückerkaufen möchte. Vielleicht hätte mein Tod auf dem Schlachtfelde ihm und Egon die Augen geöffnet; wenn ich jetzt falle durch eigene Hand, so werden sie nur die Verzweiflungsthat eines Schuldigen darin sehen und werden mich noch im Grabe verachten!“

„Nicht alle!“ sagte Adelheid leise. „Ich glaube an Sie, Hartmut, trotz alledem!“

Er sah sie an, und mitten durch die düstere Hoffnungslosigkeit seiner Seele flammte etwas auf von der alten Gluth.

„Sie, Ada? Und das sagen Sie mir an dieser Stelle, wo Sie mich verwarfen? Damals wußten Sie noch nichts –“

„Und eben deshalb graute mir vor dem Manne, dem nichts heilig war, der kein Gesetz kannte als seinen Willen und seine Leidenschaft; aber jene Winternacht, da ich Sie zu den Füßen Ihres Vaters sah, zeigte mir, daß Sie mehr einem Verhängniß als einer Schuld erlagen. Seitdem weiß ich, daß Sie das unselige Erbtheil der Mutter von sich werfen können und müssen. Raffen Sie sich auf, Hartmut! Der Weg, den ich Ihnen damals zeigte, ist noch offen, ob er zum Leben oder zum Tode führt – er führt aufwärts.“

Hartmut schüttelte finster das Haupt.

„Nein, das ist vorbei! Sie ahnen nicht, was mein Vater mir angethan hat mit jenen furchtbaren Worten, was mein Leben seitdem gewesen ist. Ich – lassen Sie mich schweigen darüber, das begreift ja niemand, aber ich danke Ihnen für Ihren Glauben an mich, Ada – damit gehe ich leichter in den Tod!“

Die junge Frau machte eine rasche, angstvolle Bewegung nach der Waffe, die noch zu seinen Füßen lag.

„Um Gotteswillen! Nein, das dürfen Sie nicht!“

„Was soll ich denn noch im Leben!“ stieß Hartmut mit furchtbarer Heftigkeit hervor. „Meine Mutter hat mir ja ein Brandmal aufgedrückt, mit dem ich gezeichnet bin wie mit einem glühenden Eisen, und das schließt mir jeden Weg zur Sühne, zur Rettung. Ich bin geächtet, ausgestoßen aus den Reihen meines Volkes, wo selbst der ärmste Bauer kämpfen darf; das Recht, das man nur dem ehrlosen Verbrecher weigert, wird mir versagt, denn ich bin nichts anderes in Egons Augen. Er fürchtet ja, daß ich auch an meinen eigenen Brüdern zum Verräther, zum – Spion werden könnte!“

Er schlug außer sich beide Hände vor das Antlitz und das letzte Wort erstarb in einem Stöhnen. Da fühlte er, wie eine andere Hand sich leise auf seinen Arm legte.

„Das Brandmal erlischt mit dem Namen Rojanow. Werfen Sie ihn von sich, Hartmut! Ich bringe Ihnen, was Sie vergebens zu erreichen suchten – den Eintritt in das Heer!“

Hartmut fuhr auf und blickte sie mit ungläubigem Staunen an.

„Unmöglich! Wie können Sie –?“

„Nehmen Sie diese Papiere,“ unterbrach ihn Adelheid, indem sie eine Brieftasche hervorzog. „Sie lauten auf Joseph Tanner, neunundzwanzig Jahre alt, schlank, mit dunkler Gesichtsfarbe, schwarzen Haaren und Augen. Sie sehen, es trifft alles zu – darauf hin wird man einem Freiwilligen den Eintritt nicht weigern.“

Sie reichte ihm die Tasche, um die sich seine Rechte mit krampfhaftem Griffe schloß, als sei es der kostbarste Schatz.

„Und diese Papiere?“ fragte er, noch immer zweifelnd.

„Gehören einem Todten! Sie wurden mir freilich zu einem [407] anderen Zwecke übergeben, aber der Todte bedarf ihrer nicht mehr, er wird es mir verzeihen, wenn ich einen Lebenden damit rette.“

Hartmut riß die Brieftasche auf. Der Wind riß ihm fast die Blätter aus der Hand und nur mit Mühe vermochte er ihren Inhalt zu entziffern, während die junge Frau weiter sprach:

„Joseph Tanner hatte ein kleines Amt in Ostwalden, da traf ihn heut morgen einl Blutsturz, die Folge einer nur scheinbar überwundenen Krankheit – er hatte nur noch Stunden zu leben und übergab mir die letzten Grüße und Andenken für seine Mutter. Die arme Frau wird alles erhalten, jeden Brief, jedes Blättchen, das ihr ein Erinnerungszeichen sein kann, die amtlichen Papiere habe ich genommen – für Sie. Wir berauben ja niemand damit, für die Mutter, der sie jetzt gehören, sind sie werthlos. Ein strenger Richter nennt das vielleicht Betrug, aber ich nehme ihn freudig auf mich, Gott wird ihn verzeihen und das Vaterland!“

Hartmut schloß die Brieftasche und barg sie auf seiner Brust, die sich unter einem tiefen, tiefen Athemzuge hob. Dann richtete er sich empor und strich die regenfeuchten Locken von der hohen Stirn, jener Stirn, die er von dem Vater hatte, das einzige Erbtheil Falkenrieds, das auch in diesem Augenblick wieder wie damals beim Schein der zuckenden Blitze eine unverkennbare Aehnlichkeit schuf.

„Sie haben recht, Ada,“ sagte er. „In Worten kann ich Ihnen nicht danken für das, was Sie mir geben, aber ich werde es zu verdienen suchen.“

„Das weiß ich! Leben Sie wohl und – auf Wiedersehen!“

„Nein, das wünschen Sie mir nicht!“ sagte Hartmut düster. „Der Kampf kann mich wohl vor mir selbst entsühnen, vor meinem Vater und Egon nicht, denn sie würden es nie erfahren, wenn ich am Leben bliebe, und dann wäre der alte Makel wieder da. Aber wenn ich falle, dann sagen Sie ihnen, wer unter fremdem Namen in fremder Erde ruht, dann glauben sie Ihnen vielleicht und nehmen wenigstens von meinem Grabe den Fluch ihrer Verachtung.“

„Sie wollen fallen?“ fragte Adelheid mit schmerzlichem Vorwurf. „Auch wenn ich Ihnen sage, daß Sie damit mich zum Tode betrüben?“

„Dich, Ada?“ rief er aufflammend. „Graut Dir jetzt nicht mehr vor meiner Liebe, vor dem Verhängniß, das uns zu einander zog? Ich hätte das höchste Glück besitzen können, denn Du bist ja frei, jetzt naht es mir nur für einen einzigen, flüchtigen Augenblick und entschwebt dann wieder zu unerreichbarer Höhe wie die Sagengestalt meines Werkes, die Deinen Namen trägt. Gleichviel, es ist mir doch genaht und einmal, zum Abschiede, werde ich es wohl umfangen dürfen.“

Er zog sie an sich und drückte einen Kuß auf die Stirn der Geliebten, die in ausbrechendem Weinen ihr Haupt an seine Schulter lehnte.

„Hartmut, versprich nur, daß Du den Tod nicht suchen willst!“

„Nein, aber er wird mich zu finden wissen! Leb’ wohl, meine Ada!“

Er riß sich los und eilte fort. Adelheid blieb zurück, über ihrem Haupte brauste es, die mächtigen Baumwipfel ächzten und schwankten, der Sturm sang fort und fort sein wildes Lied; aber dort im Westen durch einen Riß der Wolken flammte es plötzlich gluthroth. Es war nur ein einziger Augenblick, nur ein einziger verlorener Strahl der niedergehenden Sonne, aber er traf leuchtend die Waldhöhe und den Forteilenden, der sich noch einmal umwandte und einen letzten Gruß zurückwinkte. Dann ballte sich das jagende Sturmgewölk wieder zusammen und der Strahl erlosch – der letzte Flammengruß des sinkenden Gestirnes.




Der röthlich flackernde Schein des Kaminfeuers beleuchtete das Innere eines kleinen, einsam gelegenen Häuschens, das früher einem Bahnwärter zur Wohnung gedient hatte und jetzt als Feldwache für den Vorpostendienst eingerichtet war. Einen behaglichen Eindruck machte der Raum gerade nicht mit seinen kahlen, rauchgeschwärzten Wänden, der niedrigen Decke und den kleinen, nothdürftig verwahrten Fenstern; die mächtigen Holzscheite, die in dem plumpen steinernen Kamin loderten, verbreiteten jedoch eine hinreichende und sehr willkommene Wärme, denn draußen war es bitter kalt und die ganze Landschaft lag im Schnee des Winters begraben. Die Regimenter, die hier lagen, hatten es kaum besser als ihre Kameraden vor Paris, obgleich sie zu der Südarmee gehörten.

Soeben traten zwei junge Offiziere ein, und der eine, der die Thür noch in der Hand hielt, rief dem Voranschreitenden lachend zu: „Bücken Sie sich gefälligst, Herr Kamerad, Sie könnten uns sonst den Thürbalken mitnehmen, denn unsere Villa ist etwas baufälliger Art, wie Sie sehen!“

Die Warnung war nicht ganz grundlos, denn die hünenhafte Gestalt des Gastes, eines preußischen Reservelieutenants, stand durchaus nicht im Einklang mit der niedrigen Thür. Er kam indeß glücklich hindurch und schaute sich in den vier Wänden um, während sein Begleiter, der die Uniform eines süddeutschen Regimentes trug, fortfuhr:

„Erlauben Sie, daß ich Ihnen einen Platz in unserem ‚Salon‘ anbiete, der in Anbetracht der Verhältnisse gar nicht so übel ist; wir haben es schon schlimmer gehabt während des Feldzuges. Sie suchen also Stahlberg? Er ist mit meinem Kameraden draußen bei den Vorposten, wird aber voraussichtlich bald zurückkehren. Eine Viertelstunde werden Sie sich allerdings noch gedulden müssen.“

„Mit Vergnügen,“ versicherte der Preuße. „Ich ersehe wenigstens daraus, daß Eugens Verwundung wirklich so unbedeutend ist, wie er berichtete. Ich suchte ihn im Lazareth und hörte, daß er einen Besuch bei den Vorposten macht. Da wir aber voraussichtlich morgen schon weiter rücken, so wollte ich dies Zusammentreffen doch nicht unbenutzt verstreichen lassen und suchte ihn hier auf.“

„Die Verwundung ist in der That nur leicht, ein Streifschuß am Arm, der schon in voller Heilung begriffen ist, aber immerhin noch einige Zeit dienstunfähig machen wird. Sie sind befreundet mit Stahlberg?“

„Allerdings, und überdies verwandt durch die Vermählung seiner Schwester. Ich sehe, daß Sie sich meiner nicht mehr erinnern, Durchlaucht, so muß ich Ihnen wohl meinen Namen nennen: Willibald von Eschenhagen. Wir sahen uns im vergangenen Jahre –“

„In Fürstenstein!“ fiel Egon von Adelsberg lebhaft ein. „Gewiß, jetzt erinnere ich mich Ihrer vollkommen, aber es ist merkwürdig, wie die Uniform verändert, ich erkannte Sie wirklich im Anfange nicht.“

Er streifte mit einem halb verwunderten Blick den einstigen unbeholfenen „Krautjunker“, der ihm so lächerlich erschienen war und sich jetzt als eine der stattlichsten militärischen Erscheinungen zeigte. Es war allerdings nicht nur die Uniform, die Willibald so verändert hatte; was die Liebe begonnen, das hatte das Kriegsleben, das Heraustreten aus den gewohnten Umgebungen und Verhältnissen vollendet. Der junge Majoratsherr war nicht bloß, wie sein Onkel Schönau sich ausdrückte, zum Menschen, sondern zum echten, rechten Manne geworden.

„Unsere damalige Begegnung war nur sehr flüchtig,“ hob der Fürst wieder an. „Aber trotzdem erlauben Sie mir wohl, daß ich Ihnen meinen Glückwunsch ausspreche. Sie sind verlobt –“

„Ich glaube, Sie befinden sich im Irrthum, Durchlaucht,“ unterbrach ihn Willibald mit einiger Verlegenheit. „Ich wurde Ihnen in Fürstenstein allerdings als der künftige Sohn des Hauses vorgestellt, aber –“

„Das hat sich geändert,“ ergänzte Egon lächelnd. „Ich weiß es, denn der Kamerad, von dem ich vorhin sprach, ist Lieutenant Walldorf, glücklicher Bräutigam der Baroneß Schönau. Meine Worte bezogen sich auch auf Fräulein Marietta Volkmar.“

„Gegenwärtig Frau von Eschenhagen.“

„Was? Sind Sie bereits Ehemann?“

„Seit fünf Monaten. Wir ließen uns unmittelbar vor dem Ausmarsch trauen, und meine Frau befindet sich bei meiner Mutter in Burgsdorf.“

„Dann also meinen Glückwunsch zur Vermählung! Aber eigentlich, Herr Kamerad, sollte ich Sie zur Rede stellen über den unverantwortlichen Raub, den Sie an der Kunst begangen haben. Bitte, melden Sie Ihrer Frau Gemahlin, so viel ich hier im Felde höre, trauere die ganze Stadt noch immer in Sack und Asche um ihren Verlust.“

„Ich werde nicht verfehlen, obgleich ich fürchte, daß die Stadt jetzt nicht viel Zeit zu einer solchen Trauer hat. – Ah, da scheinen die Herren schon zurückzukommen, ich höre Eugens Stimme!“

Draußen vor der Thür ließen sich in der That Stimmen hören, und gleich darauf traten die Erwarteten ein. Der junge Stahlberg begrüßte mit einem Ausruf der freudigsten Ueberraschung den Verwandten, den er während des ganzen Feldzuges nicht gesehen hatte, obgleich sie beide in demselben Armeecorps dienten. Er trug den Arm noch in der Binde, sah aber sonst ganz wohl und munter aus. Eugen besaß nicht die Schönheit seiner Schwester [408] und ihm fehlte auch jener Zug entschlossener Willenskraft, den nur die Tochter von dem Vater geerbt hatte. Der Sohn verrieth in seinem Aeußeren wie in seinem Auftreten eine mehr weiche und liebenswürdige als kraftvolle Natur; trotzdem glich er der Schwester sehr, und das mochte auch wohl den Grund zu der Vertraulichkeit gelegt haben, in welcher er mit Egon von Adelsberg verkehrte. Sein Begleiter, ein hübscher junger Offizier mit kecken, blitzenden Augen, trat jetzt auch heran, und der Fürst übernahm die weitere Vorstellung.

„Ich will nicht fürchten, daß die Herren blutig aneinander gerathen, wenn ich die gegenseitigen Namen nenne,“ sagte er scherzend. „Genannt müssen sie doch einmal werden, also: Herr von Eschenhagen – Herr von Walldorf.“

„Gott bewahre! Ich wenigstens bin die Friedfertigkeit selbst!“ rief Walldorf lustig. „Herr von Eschenhagen, ich freue mich, den Vetter meiner Braut kennenzulernen, und um so mehr, als er sich bereits in den heiligen Ehestand begeben hat. Wir hätten es Ihnen gern nachgemacht und auch eine Heirath vor der Trommel geschlossen, aber mein Schwiegervater setzte seine grimmigste Miene auf und erklärte: Erst siegen und dann heirathen! Nun, das Erste haben wir seit fünf Monaten ununterbrochen besorgt, und wenn ich wieder nach Hause komme, werde ich mir schleunigst das Zweite ausbitten.“

Er schüttelte dem ehemaligen Verlobten seiner Braut freundschaftlich die Hand und wandte sich dann zu dem Fürsten.

„Wir haben Ihnen etwas mitgebracht, Durchlaucht, was wir da draußen aufgegriffen haben. – Ordonnanz von Rodeck, vortreten vor dem durchlauchtigsten Herrn Lieutenant Fürsten Adelsberg!“

Die Thür öffnete sich, und trotz der einbrechenden Dämmerung erkannte der Fürst doch das durchfurchte Gesicht und das eisgraue Haar des Eintretenden. Er fuhr auf.

„Alle guten Geister – der Peter Stadinger!“

Es war wirklich der leibhaftige Stadinger, der vor seinem jungen Herrn stand, und er mußte wohl auch den anderen Offizieren nicht ganz fremd sein, obgleich sie ihn zum ersten Male sahen, denn sein Erscheinen wurde mit allgemeinem Jubel begrüßt.

„Nun wollen wir aber vor allen Dingen Licht machen, um den alten ‚Waldgeist‘ Seiner Durchlaucht ordentlich anzuschauen!“ rief Walldorf, indem er zwei Kerzen anzündete und sie mit komischer Feierlichkeit dicht vor dem Alten aufstellte. Egon lachte.

„Du siehst, Stadinger, welch eine vielgenannte und vielbesprochene Persönlichkeit Du hier bist. Nun laß Dich auch in aller Form vorstellen: hier, meine Herren, Peter Stadinger, bekannt durch seine unerreichte Grobheit und seine erschütternden Moralpredigten. Er meint wahrscheinlich, daß ich ohne beides überhaupt nicht bestehen kann, und will mir auch hier im Felde die Befriedigung dieser freundlichen Gewohnheit verschaffen. Hoffentlich fällt auch für Sie einiges ab, meine Herren, – nun lege los, Stadinger!“

Aber der Alte, anstatt dem Befehle nachzukommen, umschloß mit beiden Händen die Rechte seines jungen Herrn und sagte in herzerschütterndem Tone: „Ach, Durchlaucht, wie haben wir uns in Rodeck um Sie geängstigt!“

„Nun, das war vorläufig noch ganz höflich,“ meinte Eugen Stahlberg; der Fürst aber nahm eine strafende Miene an.

„So? Und deshalb hast Du Dich wohl schleunigst auf die Beine gemacht und läßt in Rodeck alles drunter und drüber gehen? Ich hätte Dir eine solche Pflichtvergessenheit gar nicht zugetraut!“

Stadinger sah ihn ganz verblüfft an.

„Aber ich kam ja auf Befehl, Durchlaucht haben mir ja geschrieben, ich sollte mich aufmachen und den Lois aus dem Lazareth abholen, Sie wollten für die Reise und alles sorgen. Heute mittag bin ich angekommen und habe den Buben auch soweit ganz munter gefunden; in acht Tagen, meint der Doktor, könnte ich ihn mitnehmen, und dann hätte es keine Noth mehr mit der Heilung. Aber was Durchlaucht an dem Lois und an den anderen Rodeckern gethan haben, die mit im Felde stehen, das ist gar nicht zu sagen – vergelt’s Gott tausendmal!“

Egon zog ärgerlich seine Hand zurück.

„Herr Lieutenant, heißt es jetzt, merke Dir das, ich bitte mir meinen militärischen Titel aus. Und was soll das überhaupt heißen, daß Du jetzt, wo ich eigens auf Deine Grobheit rechne, sanftmüthig bist wie ein Lamm und uns eine Rührungsscene vorspielst? Das verbitte ich mir! Der Lois, meine Herren, ist nämlich der Enkel dieses alten Waldgeistes, ein braver, ansehnlicher Bursche; aber er hat eine Schwester, die noch viel ansehnlicher ist. Leider schickt dieser unvernünftige Großvater sie regelmäßig fort, wenn ich in Rodeck bin. Warum ist die Zenz nicht mitgekommen? Du hättest auch daran denken können, sie mitzubringen.“

Das half endlich gegen die ebenso ungewöhnliche als beängstigende Sanftmuth Stadingers und gegen seine Rührung. Er richtete sich stramm auf und versetzte mit seiner alten Derbheit:

„Ich glaubte, Durchlaucht hätten hier im Kriege keine Zeit mehr, sich mit solchen Dummheiten abzugeben.“

„Aha, jetzt kommt es!“ sagte der Fürst leise zu Walldorf, der neben ihm stand, laut aber fuhr er fort:

„Da irrst Du Dich sehr, man verwildert vollständig in dem Kriegsleben, und wenn ich wieder nach Haus komme –“

„Dann haben Durchlaucht ja versprochen, endlich zu heirathen!“ erinnerte der Alte im nachdenklichsten Tone und rief damit ein lautes Gelächter der jungen Offiziere hervor. Auch Egon stimmte ein, aber sein Lachen klang etwas gezwungen, ebenso wie seine Antwort.

„Ja, ja, versprochen habe ich es allerdings; aber ich habe mir die Sache inzwischen anders überlegt. In zehn Jahren werde ich Dir Wort halten, oder vielleicht auch in zwanzig, aber eher nicht.“

Darüber gerieth Stadinger, der trotz des Befehls um keinen Preis der Welt den Titel Lieutenant gebraucht hätte, weil das in seinen Augen eine Herabsetzung der Fürstlichkeit war, begreiflicherweise in helle Entrüstung und ließ seinem Grolle freien Lauf.

„Habe ich es mir doch beinahe gedacht! Wenn Durchlaucht wirklich einmal einen vernünftigen Gedanken haben, dann hält das nicht vierundzwanzig Stunden vor, und dero hochseliger Herr Vater haben doch auch geheirathet, und heirathen muß der Mensch überhaupt, und beim Heirathen hören die Dummheiten von selbst auf –“

„So, jetzt ist er im Zuge, nun lassen Sie sich etwas vorpredigen, meine Herren,“ sagte Egon, und die jungen Offiziere, denen das ein köstlicher Spaß war, stachelten denn auch wirklich den armen Stadinger so lange, bis er allen Respekt verlor und sich im vollen Glorienschein seiner Grobheit zeigte.

Nach einer Viertelstunde machten Willibald und Eugen Stahlberg Anstalt, aufzubrechen. Sie traten zu dem Fürsten, um sich zu verabschieden, und dieser fragte:

„Sie rücken also morgen schon weiter?“

„Mit Tagesanbruch; wir marschiren nach R., wo Generalmajor von Falkenried mit seiner Brigade steht. Es wird freilich noch einige Tage dauern, ehe wir hinkommen, denn die ganze Gegend zwischen hier und R. ist noch vom Feinde besetzt und wir werden uns den Weg erst freimachen müssen.“

„Dann sage aber dem General, Willy, daß ich in spätestens acht Tagen nachkomme,“ fiel Eugen Stahlberg ein. „Es war schlimm genug, daß ich so lange hier zurückbleiben mußte eines Schusses wegen, der gar nicht der Rede werth war. In der nächsten Woche aber melde ich mich gesund, der Doktor mag sagen, was er will, und gehe dann unverzüglich wieder zu meinem Regimente ab, hoffentlich noch vor der Einnahme von R.“

„Dann müssen Sie sich in der That beeilen,“ sagte Egon, „denn wo General Falkenried steht, pflegt der Widerstand nie lange zu dauern, das haben wir hinreichend erfahren. Er ist ja mit seinen Leuten immer voran, immer der erste beim Sturm und hat schon Unglaubliches errungen. Es scheint, als ob es für ihn gar keine Unmöglichkeiten gäbe.“

„Er hatte aber auch das Glück, überall an die Spitze gestellt zu werden,“ warf Lieutenant Walldorf ein. „Jetzt soll er wieder R. nehmen, während wir hier Gott weiß wie lange festliegen, und er wird es nehmen, daran ist gar kein Zweifel, hat es vielleicht schon genommen. Die Nachrichten kommen ja jetzt nur auf Umwegen, so lange der Feind zwischen uns steht.“

Er erhob sich, um den beiden Herren das Geleit bis vor die Thür zu geben, während der Fürst zurückblieb. Am Kamin stehend, blickte er mit verschränkten Armen in das Feuer, und dabei hatte sein Gesicht einen Ausdruck, der nicht im Einklange stand mit dem Uebermuth, den er eben noch gezeigt hatte. Ernst, ja düster schaute er in die zuckenden Flammen, und der Schatten wollte noch nicht aus seinen sonst so sonnig heiteren Augen weichen. Egon schien die Anwesenheit Stadingers ganz vergessen zu haben; erst als dieser sich mit einem Räuspern bemerklich machte, fuhr er auf.

„Ah, Du bist noch da? Grüß’ mir den Lois und sage ihm, ich käme morgen selbst, um einmal wieder nach ihm zu sehen. Abschied brauchen wir ja nicht zu nehmen, da Du einstweilen noch hier bleibst. Du hast wohl nicht geglaubt, daß es so lustig [410] bei uns zugeht? Ja, man macht sich das Leben leicht, wenn man jeden Tag darauf gefaßt sein muß, es zu verlieren.“

Der Alte stand vor seinem jungen Herrn und blickte ihm scharf in die Augen, dann sagte er halblaut:

„Ja, lustig waren die Herren schon, und Durchlaucht sind der lustigste von allen, aber – froh sind Sie doch nicht!“

„Ich? Was fällt Dir ein! Warum soll ich denn nicht froh sein?“

„Ich weiß nicht, aber merken thue ich es doch,“ beharrte Stadinger. „Sonst, wenn Durchlaucht von Fürstenstein kamen oder in Rodeck mit dem Herrn Rojanow alles mögliche anstellten, da sahen Sie ganz anders aus und lachten ganz anders, und eben, als Sie in das Feuer blickten, da war es, als ob Durchlaucht etwas recht Schweres auf dem Herzen hätten.“

„Bleib’ mir vom Leibe mit Deinen Beabachtungen!“ rief Egon ärgerlich, dem sein alter „Waldgeist“ wieder einmal sehr unbequem wurde. „Denkst Du vielleicht, daß wir immer so ausgelassen sind? Wenn man fortwährend das blutige Kriegsspiel vor Augen hat, kommen doch auch ernste Gedanken, sollt’ ich meinen!“

Dagegen ließ sich nichts einwenden und Stadinger schwieg auch, aber täuschen ließ er sich nicht. Er wußte ganz genau, daß bei seiner jungen Durchlaucht etwas nicht in Ordnung war und daß sich hinter diesem so zur Schau getragenen Uebermuth etwas anderes verbarg. Da trat Lieutenant Walldorf wieder ein, ließ aber die Thür hinter sich offen.

„Nur hier herein!“ rief er dem Draußenstehenden zu. „Da ist eine Ordonnanz vom siebenten Regiment mit einer Meldung. Nun, hören Sie denn nicht, Ordonnanz? Sie sollen eintreten!“

Die Wiederholung des Befehls klang sehr ungeduldig. Der Soldat, der bereits auf der Schwelle stand, hatte dort gezögert und sogar eine jäh zurückweichende Bewegung gemacht, als wollte er wieder in das Dunkel zurücktreten. Jetzt gehorchte er; aber er hielt sich dicht an der Thür, so daß sein Gesicht im Schatten blieb.

„Sie kommen von den Vorposten drüben am Kapellenberge?“ fragte Walldorf.

„Zu Befehl, Herr Lieutenant!“

Egon, der sich gleichgültig umgewendet hatte, zuckte zusammen beim Klange dieser Stimme. Er that hastig einen Schritt vorwärts und blieb dann, wie sich plötzlich besinnend, stehen, aber sein Blick heftete sich mit einem beinahe entsetzten Ausdruck auf den Sprechenden. Es war, soweit man im Halbdunkel unterscheiden konnte, ein noch junger, hochgewachsener Soldat, im groben Mantel des Gemeinen, den Helm auf dem kurz geschnittenen schwarzen Haar. Er stand stramm und unbeweglich da und erstattete vorschriftsmäßig seine Meldung. Nur seine Stimme hatte einen eigenthümlich dumpfen, halb erstickten Ton.

„Vom Herrn Hauptmann Salfeld!“ meldete er. „Wir haben einen Verdächtigen aufgegriffen, als Bauer verkleidet, aber wahrscheinlich von der Entsatzarmee, der sich in die Festung schleichen wollte. Was er Schriftliches bei sich hatte –“

„Kommen Sie doch näher,“ befahl Walldorf ärgerlich. „Man hört ja nicht ordentlich!“

Der Soldat gehorchte und trat zu den Offizieren. Das Licht fiel jetzt grell und scharf auf seine Züge, aber dies Gesicht zeigte eine fahle unheimliche Blässe, die Zähne waren zusammengebissen und der Blick hob sich nicht vom Boden.

Egons Hand umklammerte krampfhaft den Griff seines Säbels, er zwang gewaltsam den stürmischen Ausruf zurück, der sich auf seine Lippen drängen wollte, während Stadinger mit weitaufgerissenen Augen den Mann anstarrte, der jetzt fortfuhr:

„Was er Schriftliches bei sich hatte, war nicht von Belang, enthielt aber Andeutungen, die er wohl mündlich ergänzen sollte. Der Herr Hauptmann meint, wenn er streng verhört würde, wäre es vielleicht herauszubekommen, und fragt an, ob er den Gefangenen hier abliefern kann oder ihn nach dem Hauptquartier schicken muß.“

Die Meldung war weder auffallend noch ungewöhnlich. Es kam öfter vor, daß man Verdächtige aufgriff, die Entsatzarmee versuchte immer wieder von neuem, Verkehr mit der Festung anzuknüpfen, unterhielt ihn vielleicht auch wirklich, trotz aller Wachsamkeit der Belagerer, aber Fürst Adelsberg schien erst nach Athem ringen zu müssen, ehe er die Antwart gab:

„Ich lasse den Herrn Hauptmann bitten, den Gefangenen hierherzuschicken. Wir werden in zwei Stunden abgelöst und marschiren geradeswegs nach dem Hauptquartier. Ich werde das Weitere übernehmen.“

„Hoffentlich ist der Kerl zum Sprechen zu bringen, wenn man ihm ernstlich zu Leibe geht,“ meinte Walldorf. „Er wäre nicht der erste, dem das Herz in die Schuhe fällt, wenn man ihm das Standrecht klar macht. Nun, wir werden ja sehen!“

Der Soldat stand da und wartete auf seine Entlassung; keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, aber er hob das Auge noch immer nicht vom Boden. Egon hatte sich jetzt gefaßt, er bewahrte auch seinerseits die fremde Haltung, aber er fragte in dem kurzen Tone des Vorgesetzten:

„Sie sind beim siebenten Regiment?“

„Zu Befehl, Herr Lieutenant!“

„Ihr Name?“

„Joseph Tanner.“

„Einberufen?“

„Nein, Freiwilliger.“

„Seit wann?“

„Seit dem dreißigsten Juli.“

„Sie haben also den ganzen Feldzug mitgemacht?“

„Zu Befehl!“

„Es ist gut, bringen Sie dem Herrn Hauptmann die Meldung.“

Der Soldat machte vorschriftsmäßig kehrt und entfernte sich. Walldorf, der sich wohl ein wenig über dies Examen gewundert, aber kein Gewicht darauf gelegt hatte, blickte ihm nach und sagte achselzuckend: „Die da draußen am Kapellenberge haben es am allerschlimmsten. Tag und Nacht keine Ruhe, angestrengt bis aufs äußerste, und dabei werden sie noch oft genug zur Hilfeleistung bei den Pionieren kommandirt. Da arbeiten die armen Burschen in dem hartgefrorenen Boden, daß ihnen der Schweiß in Strömen von der Stirn rinnt und die Hände bluten. Da sind unsere Leute doch besser dran!“

Er trat in den anstoßenden Raum, um einen Gefreiten für die Bewachung des zu erwartenden Gefangenen zu bestimmen und ihm die nöthigen Anweisungen zu geben. Egon aber riß das Fenster auf und lehnte sich hinaus, – ihm war, als müßte er ersticken. Da vernahm er hinter sich die Stimme Stadingers in gedämpftem Tone, der aber gleichwohl den größten Schrecken verrieth.

„Durchlaucht!“

„Was giebt es?“ fragte er, ohne sich umzuwenden.

„Aber haben Durchlaucht denn nicht gesehen –?“

„Was denn?“

„Die Ordonnanz, die eben hier war – das war ja der Herr Rojanow, wie er leibt und lebt!“

Egon sah, daß hier Geistesgegenwart noth that; er wendete sich um und sagte kalt: „Ich glaube, Du siehst Gespenster!“

„Aber, Durchlaucht –“

„Unsinn! Es ist allerdings eine flüchtige Aehnlichkeit vorhanden, die auch mir auffiel, deshalb wollte ich den Namen des Mannes wissen. Du hörst ja, daß er Tanner heißt.“

„Aber es war doch der leibhaftige Herr Rojanow,“ rief der unerschütterliche Stadinger, dessen scharfe Augen sich nicht täuschen ließen. „Nur die schwarzen Locken fehlen und die stolze, herrische Art – auch seine Stimme war es!“

„Bleib’ mir vom Leibe mit diesem Unsinn!“ fuhr Egon heftig auf. „Du weißt es doch, daß Herr Rojanow in Sicilien ist, und nun willst Du ihn hier in einer Ordonnanz vom siebenten Regiment wiederfinden! Das ist doch mehr als lächerlich!“

Stadinger schwieg. Es war allerdings lächerlich und unmöglich, was er da vorbrachte, und darum war der junge Fürst auch so ungnädig; er nahm es übel, daß man einen gemeinen Soldaten mit seinem Freunde verwechselte. Freilich, der herrische Rojanow, der das Befehlen so aus dem Grunde verstand und in Rodeck oft die ganze Dienerschaft durcheinander gejagt hatte, und die Ordonnanz, die von dem Lieutenant Walldorf angefahren wurde, weil sie nicht laut genug sprach, das waren zwei himmelweit verschiedene Dinge. Wenn nur nicht die Stimme gewesen wäre!

„Also, Durchlaucht meinen –?“ fragte der Alte, der jetzt doch schwankend geworden war.

„Ich meine, daß Du ein alter Geisterseher bist!“ sagte Egon milder. „Geh in Dein Quartier und schlafe die Reise aus, sonst findest Du noch überall Aehnlichkeiten – gute Nacht!“

Stadinger gehorchte und verabschiedete sich. Er hatte zum Glück Joseph Tanner, der überhaupt nur wenige Wochen in Ostwalden [411] gewesen war, nicht gekannt, und die Begegnung hatte ihn so in Schrecken versetzt, daß ihm die mühsam verhaltene Aufregung seines Herrn vollständig entging. Aber er blieb bei seinem Kopfschütteln – wunderlich war die Geschichte doch!

Als der Fürst sich allein sah, begann er stürmisch im Zimmer auf und nieder zu schreiten. Also war es doch erzwungen worden, was er dem einstigen Freunde versagt hatte! Joseph Tanner! Er erinnerte sich noch deutlich des Namens, der ihm damals in Ostwalden genannt worden war, und er wußte jetzt, welche Hand Hartmut die Reihen der Armee geöffnet hatte, die sich einem Rojanow verschlossen. Was vollbringt die Liebe einer Frau nicht, die den Geliebten um jeden Preis entsühnt sehen will! Sie hatte ihn selbst hinausgesandt in die Todesgefahr, um ihn dem Leben und sich zu retten.

Die Eifersucht stieg heiß und wild auf in dem Herzen Egons bei diesem Gedanken, und damit hob auch jener furchtbare, noch immer nicht überwundene Argwohn wieder drohend sein Haupt empor. Wollte Hartmut wirklich nur sühnen in diesem Kampfe? War seine Anwesenheit bei den Vorposten nicht eine Gefahr, für die man die Verantwortung trug, wenn man sie verschwieg?

Da tauchte vor dem jungen Fürsten das bleiche, düstere Antlitz des Freundes auf, der ihm über alles theuer gewesen war und der bei dieser Begegnung eine Folterqual ausgestanden haben mußte, wie man sie sich peinigender nicht denken kann. Er kannte am besten Hartmuts unbändigen Stolz, und dieser Stolz beugte sich jetzt Tag für Tag in den Staub, in einer tief untergeordneten Stellung. Er hatte es gehört: da draußen am Kapellenberge arbeiteten sie oft, daß ihnen trotz der Eiseskälte der Schweiß in Strömen von der Stirne rann und die Hände bluteten. Das that der verwöhnte, gefeierte Rojanow, dem vor einem Jahre um diese Zeit eine ganze Stadt ihre Bewunderung zu Füßen gelegt, den das Fürstenhaus mit Auszeichnungen überschüttet hatte, that es freiwillig, während der Sieg seines Dichtwerkes ihm die reichsten Mittel zu Gebote stellte – und er war doch der Sohn des Generals Falkenried!

Egons Brust hob sich unter einem tiefen, aber befreienden Athemzuge. Das gab ihm endlich langsam den verlorenen Glauben zurück, davor entflohen die quälenden Zweifel. Die alte Knabenschuld Hartmuts wurde jetzt gesühnt, und das andere, Schrecklichere war die Schuld der Mutter allein, nicht die seine.




Es war gegen neunn Uhr abends, als Fürst Adelsberg sein Quartier verließ, um sich zu dem kommandirenden General zu begeben. Er folgte dabei keinem dienstlichen Befehl, sondern einer Einladung, denn der General war mit seinem verstorbenen Vater eng befreundet gewesen und hatte für den Sohn während des ganzen Feldzuges eine väterliche Fürsorge gezeigt. Wohl hätte Egon viel darum gegeben, heut abend allein bleiben zu dürfen, denn die Begegnung mit Hartmut hatte ihn im tiefsten Inneren erschüttert, aber die Einladung des Vorgesetzten ließ sich nicht ausschlagen, und im Kriege durfte man seinen Stimmungen keine Rechnung tragen.

Als der junge Fürst in das Haus trat, begegnete ihm auf der Treppe einer der Adjutanten, der es sehr eilig hatte und nur von schlimmen Nachrichten fallen ließ, die Fürst Adelsberg wohl von dem Kommandirenden selbst hören würde. Kopfschüttelnd stieg Egon die Treppe hinauf.

Der General war allein, er schritt im Zimmer auf und nieder, in sichtbarer Aufregung mit einer Miene, die in der That nichts Gutes verhieß.

„Da sind Sie ja, Fürst Adelsberg!“ sagte er, beim Eintritt des jungen Offiziers stehen bleibend. „Ich kann Ihnen leider keinen guten Abend versprechen, wir haben Meldungen erhalten, die uns wohl allen die Lust zum Beisammensein gründlich verderben.“

„Ich hörte soeben eine Andeutung davon,“ versetzte Egon. „Was ist denn vorgefallen, Excellenz? Die Depeschen von heut mittag lauteten ja durchweg günstig.“

„Ich besitze die Nachrichten auch erst seit einer Stunde. Sie haben ja selbst den Verdächtigen, den unsere Posten aufgriffen, im Hauptquartier abgeliefert. Wissen Sie, was er bei sich trug?“

„Allerdings, Hauptmann Salfeld sandte es mir zugleich mit dem Gefangenen, und ich war auch der Meinung, daß dieser die schriftlichen Mittheilungen, die sehr vorsichtig gehalten waren, mündlich ergänzen sollte; man hatte offenbar mit der Möglichkeit gerechnet, daß sie in unsere Hände fallen könnten. Der Mann wollte freilich nichts gestehen, er sollte hier aber sofort ernstlich verhört werden.“

„Das ist auch geschehen. Der Mensch war feig, und als er sah, daß ihm die Kugel drohte, rettete er sich mit einer Enthüllung, an deren Wahrheit leider nicht zu zweifeln ist. Sie erinnern sich, daß in einem der Schriftstücke davon die Rede war, man könnte im äußersten Falle das heldenmüthige Beispiel des Kommandanten von R. nachahmen.“

„Ja, unbegreiflicherweise, denn die Festung steht doch unmittelbar vor der Uebergabe! General Falkenried hat ja gemeldet, daß er morgen schon einzuziehen hofft.“

„Und ich fürchte, er wird Wort halten!“ rief der General heftig. Egon sah ihn betroffen an.

„Sie fürchten, Excellenz?“

„Ja, denn es handelt sich um ein Bubenstück, einen Verrath ohnegleichen. Man will die Festung übergeben und dann, wenn die Besatzung abgezogen ist und die Unsrigen eingerückt sind, die Citadelle in die Luft sprengen.“

„Um Gotteswillen!“ fuhr der junge Fürst entsetzt auf. „Kann General Falkenried benachrichtigt werden?“

„Das ist es eben, ich fürchte, das wird nicht möglich sein. Ich habe sofort Warnungen abgesandt, auf zwei verschiedenen Wegen. aber unsere gerade Verbindung mit R. ist abgeschnitten, der Feind hält die Bergpässe besetzt, die Nachrichten müssen weite Umwege machen und können nicht rechtzeitig zur Stelle sein.“

Egon schwieg in äußerster Bestürzung. Die Pässe waren in der That gesperrt durch feindliche Streitkräfte. Eschenhagens Regiment sollte den Weg ja erst frei machen, und das konnte Tage dauern.

„Wir haben alle Möglichkeiten erwogen,“ hob der General von neuem an, „aber es bleibt kein Ausweg nichts als die schwache Hoffnung, daß die Uebergabe sich auf irgend eine Weise verzögern könnte. Doch Falkenried ist nicht der Mann, sich hinhalten zu lassen, er wird den Abschluß erzwingen und dann ist er verloren, und Hunderte, vielleicht Tausende mit ihm!“

Er nahm wieder seinen Gang durch das Zimmer auf, man sah es, wie nahe dem sonst so eisernen Manne das Schicksal der Bedrohten ging. Auch der junge Fürst stand rathlos da; auf einmal aber durchzuckte ihn wie ein Blitzstrahl ein Gedanke, er richtete sich empor.

„Excellenz!“

„Nun?“

„Wenn es möglich wäre, trotzalledem eine Depesche über die Bergpässe zu senden – ein tüchtiger Reiter könnte im Nothfall bis morgen vormittag in R. sein, er müßte freilich auf Tod und Leben jagen.“

„Und mitten durch die Feinde hindurch! Thorheit! Sie sind doch auch Soldat und müssen sich sagen. daß das nicht denkbar ist; nicht eine halbe Meile käme der Tollkühne vorwärts, er würde rettungslos niedergeschossen.“

„Und wenn sich nun ein Mann fände, der dennoch den Versuch machte? Ich kenne einen solchen Mann, Excellenz.“

Der General zog unwillig die Brauen zusammen.

„Soll das etwa heißen, daß Sie selbst Lust haben zu diesem nutzlosen Opfertode? Das müßte ich Ihnen verbieten, Fürst Adelsberg. Die Tapferkeit meiner Offiziere weiß ich zu schätzen, aber zu solchen unmöglichen Unternehmungen gebe ich sie nicht her.“

„Ich spreche nicht von mir,“ erklärte Egon ernst. „Der Mann, den ich meine, steht beim siebenten Regiment und ist augenblicklich auf Vorposten am Kapellenberge. Er war es, der mir den Gefangenen anmeldete.“

Der General war nachdenklich geworden, aber er schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich sage Ihnen, daß es unmöglich ist, indessen – wie heißt der Mann?“

„Joseph Tanner.“

„Gemeiner?“

„Ja, aber freiwillig eingetreten.“

„Sie kennen ihn also näher?“

„Ja, Excellenz, er ist vielleicht der beste Reiter in der ganzen Armee, unerschrocken bis zur Tollkühnheit und fähig genug, in solchem Falle mit der Umsicht eines Offiziers zu handeln. Wenn die Sache überhaupt zu erzwingen ist, so erzwingt er sie.“

„Und Sie glauben – befehlen läßt sich ja so etwas nicht, es ist im Grunde nur eine Verzweiflungsthat – Sie glauben, daß der Mann freiwillig diesen Auftrag übernehmen würde?“

„Ich bürge dafür.“

„Dann allerdings kann und darf ich nicht Nein sagen, wo so viel auf dem Spiele steht. Ich werde Tanner sofort herbeordern.“

[412] „Darf ich ihm selbst den Befehl überbringen?“ fiel Egon rasch ein. Der General stutzte und sah ihn forschend an.

„Sie wollen das persönlich thun? Weshalb?“

„Um Zeit zu sparen. Der Weg, den Tanner nehmen muß, führt am Kapellenberg vorüber; ehe er nach dem Hauptquartier und wieder zurückkommt, vergeht eine Stunde.“

Dagegen ließ sich nichts einwenden, aber der General mochte fühlen, daß hier noch etwas Besonderes zu Grunde lag. Der erste beste Gemeine unternahm schwerlich eine Tollkühnheit, die ihn geradezu dem Tode in die Arme trieb, aber der alte Krieger forschte nicht weiter, er fragte nur: „Sie stehen ein für den Mann?“

„Ja!“ erklärte der junge Fürst fest und ruhig.

„Gut, dann übernehmen Sie es selbst, ihn zu unterrichten. Aber noch eins: er muß eine Beglaubigung haben, wenn er wirklich unsere jenseitigen Posten erreichen sollte, denn jeder Aufenthalt kann verhängnißvoll werden, wo es sich um Minuten handelt.“

Er trat zum Schreibtisch und warf einige Zeilen auf ein Papier, das er dem Fürsten reichte.

„Hier ist das Nöthige, und hier die Depesche an Falkenried. Sie bringen mir sofort Nachricht, ob Tanner eingewilligt hat?“

„Sofort, Excellenz!“

Egon nahm das Papier in Empfang, verabschiedete sich und eilte nach seinem Quartier, wo er Befehl gab, augenblicklich sein Pferd zu satteln. Fünf Minuten später war er bereits auf dem Wege.




Der Kapellenberg, der ursprünglich wohl einen anderen Namen führte, aber von den Deutschen regelmäßig so genannt wurde, weil er ein Kirchlein trug, war eine nur mäßige, zum theil bewaldete Anhöhe, der letzte weit vorgeschobene Ausläufer der Berge, die sich an dieser Seite hinzogen. Er bildete hier die Grenze der deutschen Truppenstellung, und in den einzelnen Gehöften, die zerstreut an seinem Fuße lagen, befand sich eine Kompagnie vom siebenten Regiment, deren Dienst mit Recht als der härteste und gefahrvollste galt.

Die Kapelle lag öde und einsam, halb begraben in dem tiefen Schnee; Priester und Meßner waren längst geflüchtet und das kleine Gotteshaus selbst trug überall die Spuren der Zerstörung, denn heiße Kämpfe hatten um diese Höhen getobt. Mauern und Dach standen zwar noch, aber ein Theil der Decke war eingestürzt und durch die zertrümmerten Fenster pfiff der Wind. Dahinter ragte der in Eis und Schnee starrende Wald auf, und das Ganze lag im ungewissen Lichte des Halbmondes, der eben jetzt an dem schwer umwölkten Himmel sichtbar wurde und seinen geisterhaften Schein auf die Umgebung warf, um nach einigen Minuten wieder zu verschwinden.

Es war eine eisige Winternacht wie damals in Rodeck, und wie damals röthete eine dunkle Gluth den Horizont; aber hier strahlte kein Nordlicht in geheimnißvoller Schönheit, die Gluth, die dort im Norden loderte, gab Zeugniß von den Kämpfen, die noch überall in der Umgegend stattfanden, sie entstammte den in Brand geschossenen Dörfern und Gehöften, den furchtbaren Flammenzeichen des Krieges, deren Widerschein den Himmel färbte. Ein einsamer Posten stand hier, das Gewehr im Arm, Hartmut von Falkenried. Sein Auge hing an dem flammenden Horizonte, die düsteren Wolkenmassen schimmerten dort blutigroth, und von Zeit zu Zeit stob ein Regen von glühenden Funken aus dem wallenden Rauch, der über der Erde lagerte. Dort Gluth und Flammen, und hier Eis und Nacht! Die Kälte, die schon während des Tages scharf gewesen war, wurde jetzt zu einem Eishauche, in dem alles Leben zu erstarren schien und der den einsamen Posten bis ins Mark durchschauerte. Freilich, er war nicht der einzige, der diesen schweren Dienst leisten mußte, aber seine Kameraden waren nicht wie er verwöhnt durch einen jahrelangen Aufenthalt im Orient, in der Sonnenluft Siciliens. Hartmut hatte seit seinen Knabenjahren keinen nordischen Winter mehr durchlebt, ihm wurde diese Kälte verhängnißvoll, die das Blut in seinen Adern in Eis zu verwandeln schien.

Langsam schlich die tödliche Mattigkeit heran, die nicht der Vorbote des Schlafes ist, sie machte die Glieder bleischwer und zog die Augenlider gewaltsam nieder. Wohl kämpfte der Bedrohte dagegen mit aller Willenskraft, er versuchte sich aufzuraffen und zu bewegen, und es gelang auch für Augenblicke, aber immer wieder nahte jene Erschöpfung, deren Ende er kannte. Sollte es ihm nicht einmal beschieden sein, von einer Kugel zu fallen?

Hartmuts Blick wandte sich wie hilfesuchend nach dem kleinen halbzerstörten Gotteshause. Freilich, was waren ihm Kirche und Altar! Er hatte den Glauben längst von sich geworfen, ihn gähnte mit dem Tode nur die ewige Nacht an, und das Leben hätte ihm doch noch alles geben können, wenn die Sühne erst vollzogen war, den Besitz der Geliebten, den Ruhm des Dichter, vielleicht auch die Versöhnung mit dem Vater. Es sollte nicht sein! Er hatte auszuhalten auf seinem Posten und auf den ruhmlosen Tod zu warten, der da aus dem eisigen Dunkel heranschlich, die Pflicht gebot es – und er hielt aus!

Da wurden in einiger Entfernung Schritte und Stimmen laut, die immer näher kamen; sie rissen Hartmut aus der Betäubung, die schon seine Sinne zu umschleiern begann. Er raffte sich gewaltsam empor und machte sein Gewehr schußfertig, doch es waren seine Kameraden, die nahten. Was sollte das? Die Stunde der Ablösung war ja noch nicht da! Aber schon nach wenigen Minuten stand ein Unteroffizier mit einem Mann vor ihm.

„Ablösung! Befehl vom Hauptquartier, durch einen Offizier überbracht!“ so lautete die Auskunft. Die Ablösung wurde vollzogen und die Stelle Hartmuts nahm ein vierschrötiger Bauer ein, den die Kälte nicht viel anzufechten schien. Hartmut wollte sich dem Unteroffizier anschließen, da trat von der andern Seite her der Offizier selbst auf ihn zu.

„Lassen Sie den Unteroffizier vorangehen, ich habe mit Ihnen persönlich zu sprechen, Tanner. Folgen Sie mir!“

Es geschah. Fürst Adelsberg, der den Posten nicht zum Zeugen des Gespräches machen wollte, trat in die Kapelle, wohin Hartmut ihm folgte. Das matte Mondlicht, das durch die Fenster fiel, zeigte auch hier im Innern überall Verwüstung und Zerstörung. Die eingestürzte Decke hatte einen Theil der Betstühle zerschmettert; nur der Altar stand noch unversehrt in seiner Nische.

Egon war bis in die Mitte des Raumes geschritten, hier blieb er stehen und wandte sich um.

„Hartmut!“

„Herr Lieutenant?“

„Laß das, wir sind allein!“ sagte der junge Fürst. „Ich glaubte nicht, daß wir uns so wiedersehen würden.“

„Und ich hoffte, es würde mir erspart bleiben,“ entgegnete Hartmut dumpf. „Du kommst –?“

„Vom Hauptquartier. Ich hörte, daß Du den Posten auf dem Kapellenberge bezogen hättest, das ist ein furchtbarer Dienst in solcher Nacht.“

Hartmut schwieg. Er wußte, daß ohne diese Dazwischenkunft der Dienst sein letzter gewesen wäre. Egon blickte ihn unruhig an; trotz des ungewissen Lichtes sah er doch, wie erstarrt und erschöpft der Mann war, der sich jetzt an eine der Säulen lehnte, als brauchte er eine Stütze.

„Ich kam, um Dir einen Auftrag zu überbringen, dessen Uebernahme allerdings in Deinen freien Willen gestellt ist,“ begann er wieder. „Die Sache gilt für beinahe unmöglich und ist es auch vielleicht für jeden andern. Du hast den Muth dazu, das weiß ich, es ist nur die Frage, ob Dir nach all den Anstrengungen nicht die Kraft versagt.“

„Nein, eine Viertelstunde der Erholung und Erwärmung wird mir die Kraft zurückgeben. Um was handelt es sich?“

„Um einen Ritt auf Tod und Leben! Du sollst eine Nachricht über die Bergpässe tragen mitten durch die Feinde – nach R.“

„Nach der Festung?“ rief Hartmut zusammenzuckend. „Dort steht ja –“

„General Falkenried mit seiner Brigade! Er ist verloren, wenn ihn die Nachricht nicht erreicht – wir legen die Rettung in die Hand seines Sohnes.“

Hartmut fuhr auf. Fort waren auf einmal Erstarrung und Erschöpfung, mit einer fieberhaften Heftigkeit faßte er den Arm des Fürsten.

„Ich soll meinen Vater retten? Ich? Was ist geschehen? Was soll ich thun?“

Höre mich an: der Gefangene, den Du mir heute selbst angemeldet hast, hat uns furchtbare Enthüllungen gemacht. Es handelt sich um einen Verrath. Die Festung soll nach der Uebergabe in die Luft gesprengt werden, sobald die Besatzung in Sicherheit ist und die Unsrigen eingezogen sind. Der General hat sofort Warnungen abgesandt; aber sie werden zu spät eintreffen, da sie weite Umwege machen müssen. Dein Vater denkt morgen schon einzuziehen, er muß vorher gewarnt werden, und dazu giebt es nur [413] eine Möglichkeit. Die Nachricht muß über die Bergpässe, die vom Feinde besetzt sind, auf diesem Wege kann sie im Nothfalle morgen vormittag zur Stelle sein, aber der Weg –“

„Den kenne ich,“ fiel Hartmut ein. „Mein Regiment hat ihn erst vor vierzehn Tagen gemacht, als wir hierhermarschirten. Die Pässe waren ja damals noch frei.“

„Um so besser! Du mußt natürlich die Uniform ablegen, die Dich verräth.“

„Ich wechsle nur Mantel und Helm. Werde ich überhaupt angehalten, so bin ich doch verloren; es handelt sich einzig darum, daß ich im Vorbeijagen nicht erkannt werde. Wenn nur ein tüchtiges, ausdauerndes Pferd zu schaffen ist.“

„Das ist bereits zur Stelle, ich habe meinen Araber, meinen Sadi mitgebracht. Du kennst ihn ja und hast ihn oft geritten. Er fliegt wie ein Vogel, und in dieser Nacht soll er sein Meisterstück leisten.“

Die Reden wurden in stürmischer Eile gewechselt, jetzt zog der Fürst die Papiere hervor, welche er im Hauptquartier erhalten hatte.

„Hier ist der Befehl des kommandirenden Generals, der Dir alles zur Verfügung stellt, sobald Du unsere Posten erreicht hast, hier die Depesche. Gönne Dir noch eine halbe Stunde der Erholung, sonst reicht Deine Kraft nicht aus und Du brichst auf dem Wege zusammen.“

„Glaubst Du, daß ich jetzt noch Ruhe und Erholung brauche?“ rief Hartmut aufflammend. „Jetzt breche ich sicher nicht zusammen, es müßte denn unter den Kugeln der Feinde sein! Ich danke Dir, Egon, für diese Stunde, in der Du mich endlich, endlich freisprichst von dem schmählichen Verdacht!“

„Und in der ich Dich in den Tod hinaussende!“ sagte der Fürst leise. „Wir wollen uns die Wahrheit nicht verhehlen – es wäre ein Wunder, wenn Du glücklich durchkämst.“

„Ein Wunder?“ Hartmuts Blick streifte den Altar, den der matte, zitternde Mondesstrahl erhellte. Er hatte längst das Beten verlernt, und doch stieg in diesem Augenblick ein heißes, stummes Angstgebet zum Himmel empor, zu der Macht, die Wunder thun kann: „Nur so lange, bis ich den Vater und die Seinen gerettet habe, nur so lange schütze mich!“

Schon in der nächsten Sekunde richtete er sich auf. Es war, als habe Egon mit seiner Nachricht glühende Lebenskraft in die Adern des Mannes gegossen, der eben noch der Kälte und der Erschöpfung zu erliegen drohte.

„Und nun laß uns hier Abschied nehmen!“ flüsterte Egon. „Leb’ wohl, Hartmut!“

Egon breitete die Arme aus und Hartmut stürzte an seine Brust. In dieser Umarmung versank alles, was trennend zwischen ihnen gestanden hatte, die alte heiße Liebe brach wieder mächtig hervor, zum letzten Male, denn sie fühlten es beide, daß sie sich nicht wieder sehen würden, daß dies ein Abschied für immer war. –

Kaum eine Viertelstunde später jagte ein Reiter davon. Der schlanke Araber flog, so daß seine Hufe kaum den Boden zu berühren schienen; in rasendem Galopp ging es vorwärts, über den schneebedeckten Boden, durch eisstarrende Wälder, über gefrorene Bäche – hinein in die Bergpässe!

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aus: Die Gartenlaube 1890, Heft 14, S. 436–444

[436] Der nächste Tag brachte klares Frostwetter, aber die Kälte hatte einigermaßen nachgelassen und die Sonne schien hell herab. In dem Quartier des Fürsten Adelsberg befanden sich Eugen Stahlberg und Walldorf, von welchen der letztere heute dienstfrei war, wenn auch gezwungenermaßen. Er war gestern bei der Rückkehr von der Feldwache auf dem eisglatten Boden gestürzt und hatte sich eine Verletzung der Hand zugezogen, die ihn hinderte, heute morgen mit seiner Kompagnie auszurücken, wie Egon es gethan hatte. Die Herren warteten auf ihren fürstlichen Kameraden, der bald zurückkehren mußte, und unterhielten sich inzwischen damit, Peter Stadinger zu necken, der heute pflichtschuldigst bei seinem Herrn erschienen war und nun gleichfalls wartete.

Die jungen Offiziere wußten noch nichts von der Nachricht, die man gestern im Hauptquartier erfahren hatte, sie waren daher in bester Laune und gaben sich alle mögliche Mühe, auch jetzt wieder Stadingers vielgerühmte Grobheit hervorzurufen. Aber das wollte heute nicht glücken; der Alte blieb wortkarg und verschlossen, er fragte nur immer wieder, wann denn Durchlaucht zurückkäme und ob es ein ernstes Gefecht sei, zu dem Durchlaucht ausgerückt wäre, bis Walldorf endlich die Geduld verlor.

„Ich glaube, Stadinger, Sie packten den Fürsten am liebsten ein und nähmen ihn mit nach Ihrem bombensicheren Rodeck,“ sagte er ärgerlich. „Die Aengstlichkeit müssen Sie sich hier im Kriege abgewöhnen, merken Sie sich das!“

„Und überdies ist der Fürst heute nur auf Rekognoscirung,“ fiel Eugen ein. „Er macht mit seinen Leuten vom Kapellenberge aus nur einen kleinen Spaziergang in die benachbarten Thäler und Schluchten, um festzustellen, wie es da eigentlich aussieht. Man wird vermuthlich nur einige Liebenswürdigkeiten mit den Herren Franzosen austauschen und sich dann höflich zurückziehen, die Unhöflichkeiten folgen erst in den nächsten Tagen.“

„Aber geschossen wird doch auch dabei?“ fragte Stadinger mit so angstvoller Miene, daß die beiden Offiziere laut auflachten.

„Ja, geschossen wird auch dabei,“ bestätigte Walldorf. „Sie scheinen eine heillose Angst vor dem Schießen zu haben und sind doch weit genug davon.“

„Ich?“ Der Alte richtete sich tiefbeleidigt auf. „Ich wollte, ich könnte mit dabei sein!“

„Wohl um Ihre vielgeliebte Durchlaucht zu schützen? Das würde sich der Fürst verbitten. Sie würden ihn am Rockschoße festhalten und fortwährend rufen: ‚Nehmen Sie sich in acht, Durchlaucht, da kommt eine Kugel!‘ Das müßte sich köstlich ausnehmen!“

„Herr Lieutenant,“ sagte der Alte so ernst, daß der Spottlustige verstummte, „das sollten Sie doch einem alten Jäger nicht anthun, der früher oft genug den Gemsen nachgestiegen ist und geschossen hat, wo er kaum einen fußbreit Raum zum Stehen hatte. Mir ist nur heute so schwer und angst zu Muthe – ich wollte, der Tag wär’ erst vorbei!“

„Nun, es war nicht schlimm gemeint,“ begütigte Eugen. „Wir glauben es Ihnen schon, Stadinger, Sie sehen nicht aus wie jemand, der sich fürchtet. Aber mit Ihrer ‚ahnungsvollen‘ Stimmung bleiben Sie uns vom Leibe, darauf giebt man nichts mehr, wenn man so und so viele Male im Kugelregen gestanden hat. Wenn wir glücklich wieder daheim sind, komme ich mit meiner Schwester nach Ostwalden, und dann wollen wir auch gute Nachbarschaft mit Rodeck halten. Der Fürst liebt sein altes Waldnest ja so sehr! – Und nun lassen Sie Ihre grämliche Miene fahren, da kommt er ja schon zurück!“

In der That vernahm man draußen auf der Treppe einen raschen Schritt; der Alte athmete erleichtert auf, aber es war nur der Bursche Egons, der in der geöffneten Thür erschien.

„Nun, kommt Seine Durchlaucht?“ fragte Walldorf; aber Stadinger ließ dem Manne keine Zeit zur Antwort. Er hatte einen Blick auf sein Gesicht geworfen, nur einen einzigen, und plötzlich faßte er mit krampfhaftem Griffe seine Hand.

„Was ist’s? Wo – wo ist mein Herr?“

Der Bursche zuckte traurig die Achseln und deutete stumm auf das Fenster; die beiden Offiziere eilten bestürzt dorthin, aber Stadinger nahm sich keine Zeit dazu. Er stürzte hinaus, die Treppe hinunter, in das Gärtchen, das sich vor dem Hause befand, und sank dort mit einem lauten Aufschrei in die Kniee vor der Bahre, die zwei Krankenträger soeben niedersetzten und auf welcher eine jugendliche Gestalt ausgestreckt lag.

„Still!“ sagte der Arzt, der den traurigen Zug begleitet hatte und jetzt herantrat. „Beherrschen Sie sich, der Fürst ist schwer verwundet!“

„Das sehe ich!“ keuchte der Alte. „Aber nicht tödlich – nicht wahr, nicht tödlich? – Sagen Sie es doch nur, Herr Doktor!“

Er blickte zu dem Arzte auf mit so verzweiflungsvollem Flehen, daß dieser nicht das Herz hatte, ihm die Wahrheit zu sagen. Er wandte sich zu den beiden Offizieren, die jetzt auch herbeieilten und ihn mit leisen, angstvollen Fragen bestürmten.

„Eine Kugel in der Brust,“ antwortete er ebenso leise. „Der Fürst verlangte, nach seinem Quartier gebracht zu werden, und wir haben bei der Herschaffung alle mögliche Sorgfalt angewendet, aber es geht doch schneller zu Ende, als ich dachte.“

„Also tödlich?“ fragte Walldorf.

[437] „Unbedingt tödlich!“ Der Arzt gab den Krankenträgern, die ihre Last eben wieder aufnehmen wollten, um sie in das Haus zu tragen, einen Wink, davon abzustehen.

„Lassen Sie! Der Fürst scheint seinem Diener noch etwas sagen zu wollen, und hier handelt es sich nur noch um Minuten.“

Stadinger sah und hörte nichts von dem, was neben ihm verhandelt wurde, er sah nur auf seinen Herrn. Egon schien bewußtlos zu sein, das blonde Haupt war matt zurückgesunken, die Augen geschlossen, und unter dem Mantel, mit dem man ihn bedeckt und der sich etwas verschoben hatte, wurde die geöffnete blutgetränkte Uniform sichtbar.

„Durchlaucht!“ flehte der Alte der Warnung des Arztes eingedenk halblaut, aber in einem herzzerreißenden Tone. „Sehen Sie mich doch an, reden Sie doch zu mir! Ich bin’s ja, der Stadinger!“

Die bekannte Stimme fand den Weg zu dem Ohre des Schwerverwundeten; er schlug langsam die Augen auf und ein mattes Lächeln flog über seine Züge, als er den Alten erkannte, der neben ihm knieete.

„Mein alter Waldgeist,“ sagte er leise, „dazu mußtest Du herkommen!“

„Aber Sie werden ja doch nicht sterben, Durchlaucht!“ murmelte Stadinger, der am ganzen Leibe bebte, aber doch keinen Blick von seinem sterbenden Herrn verwandte. „Nein, nicht sterben – gewiß nicht!“

„Meinst Du, daß das so schwer ist?“ sagte Egon ruhig. „Gestern – Du hast ganz recht gesehen – da war mir schwer ums Herz, jetzt ist es leicht. Grüße mir mein Rodeck und meine Wälder und – sie auch, die Schloßherrin von Ostwalden.“

„Wen? Frau von Wallmoden?“ fragte Stadinger, fast entsetzt über diese Wendung.

„Ja – bringe ihr meinen letzten Gruß – sie soll bisweilen an mich denken!“

[438] Die Worte kamen mühsam, abgebrochen von den Lippen, die bereits ihren Dienst zu versagen schienen, aber sie ließen doch keinen Zweifel über die Bedeutung dieses Grußes. Eugen war aufgefahren, als er den Namen seiner Schwester hörte, und beugte sich jetzt über den sterbenden. Dieser sah nach den Bruder Adelheids, er erkannte die Züge, die den ihren so ähnlich waren, und wieder flog jenes Lächeln über sein Antlitz. Dann legte er ruhig und matt das blonde Haupt an die Brust seines alten „Waldgeistes“, und die schönen sonnigen Augen schlossen sich für immer.

Es war ein kurzer, schmerzloser Todeskampf, fast ein Entschlummern. Stadinger regte sich nicht, gab keinen Laut von sich, denn er wußte, daß das seinem jungen Herrn wehethun würde, den er als Kind auf den Armen getragen hatte und der nun in seinen Armen den letzten Athemzug that. Als es aber vorbei war, da brach auch die Fassung des Alten zusammen, er warf sich verzweiflungsvoll über den Todten und weinte wie ein Kind.




Auch drüben, jenseit der Bergpässe, leuchtete die klare, helle Wintersonne dem neuen Erfolge, den die siegreichen deutschen Truppen errungen hatten. Die Verhandlungen mit dem Kommandanten von R. waren zum Abschluß gebracht, die Festung übergeben. Soeben zog die kriegsgefangene Besatzung ab, während ein Theil der Sieger bereits eingerückt war.

Auf dem Hauptplatze der tiefer gelegenen Stadt hielt General Falkenried mit seinem Stabe, gleichfalls im Begriff, nach der Festung aufzubrechen. In dem Sonnenschein sah man die Helme und Gewehre der Mannschaften blitzen, die den Weg zur Citadelle hinaufzogen und denen immer neue Abtheilungen folgten. Falkenried hatte noch verschiedene Befehle ertheilt, jetzt setzte er sich an die Spitze seiner Offiziere und gab das Zeichen zum Aufbruch.

Da kam von der Hauptstraße her in rasendem Galopp ein Reiter angejagt, das edle Thier, das er ritt, war mit Schweiß und Schaum bedeckt und die Weichen bluteten von den scharfen Sporen, die es immer wieder angestachelt hatten, wenn ihm die Kraft zu versagen drohte. Aber auch das Gesicht des Reiters war entstellt von dem Blute, das unter dem um die Stirn gewundenen Tuch niederrieselte. Wie vom Sturm getragen flog er heran, so daß alles aus seinem Wege stob, erreichte den Platz, und sprengte mitten durch die Offiziere auf den General zu.

Aber wenige Schritte vor dem Ziele erlag die Kraft des Thieres, es stürzte zusammen. Doch in demselben Augenblick sprang der Reiter auch aus dem Sattel und eilte stürmisch auf den Oberbefehlshaber zu.

„Vom kommandirenden General!“

Falkenried zuckte zusammen beim ersten Worte, er hatte das vom Blute entstellte Antlitz nicht erkannt, er sah nur, daß der Mann, der so auf Tod und Leben daherjagte, eine dringende Botschaft bringen mußte, erst beim Klange dieser Stimme blitzte eine Ahnung der Wahrheit in ihm auf.

Hartmut schwankte und legte einen Augenblick die Hand an die Stirn – es schien, als wollte er wie sein Roß zusammenstürzen, aber er raffte sich gewaltsam wieder auf.

„Der General läßt warnen – es wird Verrath geplant, die Festung fliegt in die Luft, sobald die Besatzung abgezogen ist – hier ist die Depesche!“

Er riß ein Papier hervor und reichte es Falkenried. Die Offiziere waren aufgefahren bei der entsetzlichen Nachricht und umdrängten ihren Befehlshaber, als erwarteten sie von ihm die Bestätigung des Unglaublichen, aber sie hatten einen seltsamen Anblick. Ihr General, dessen eiserne Ruhe sie alle kannten, der nie die Fassung verlor, selbst wenn das Unerhörteste hereinbrechen mochte, er war todtenbleich geworden und starrte den Redenden an, als sei ein Gespenst vor ihm aus dem Boden emporgestiegen, während er das Papier noch uneröffnet in der Hand hielt.

„Herr General – die Depesche!“ mahnte halblaut einer der Adjutanten, der den Vorgang so wenig begriff wie die anderen. Aber das war genug, um Falkenried zur Besinnung zu bringen. Er riß die Depesche auf und durchflog sie, und jetzt war er wieder der Soldat, der nichts kannte als seine Pflicht.

Mit lauter, fester Stimme gab er seine Befehle, die Offiziere sprengten davon, Kommandorufe und Signale wurden in allen Richtungen laut, und wenige Minuten später sah man bereits, wie die nach der Festung hinaufziehende Abtheilung zum Stillstand kam, während die abrückende Besatzung ebenso plötzlich Halt machte. Jetzt erscholl auch droben auf der Citadelle das Alarmzeichen. Weder Freund noch Feind wußte, was das bedeuten sollte, es sah ja aus, als wollte man den eben erst eroberten Platz sofort wieder räumen. aber die Befehle wurden mit gewohnter Schnelligkeit und Pünklichkeit ausgeführt, die Bewegungen vollzogen sich trotz der Eile in vollster Ruhe, und die Truppenmassen wandten sich wieder nach der Stadt zurück.

Falkenried hielt noch auf dem Platze, Befehle ertheilend, Meldungen empfangend und mit dem Blick alles überwachend und leitend. Aber er fand doch eine Minute Zeit, sich zu seinem Sohne zu wenden, dem er bis dahin noch kein Zeichen des Erkennens gegeben hatte.

„Du blutest – laß Dich verbinden!“ sagte er.

Hartmut schüttelte heftig den Kopf.

„Später, erst muß ich den Rückzug, die Rettung sehen.“

Die furchtbare Erregung hielt ihn in der That aufrecht, er schwankte nicht mehr, sondern folgte mit fieberhafter Spannung jeder Bewegung der Truppen. Falkenried blickte ihn an, dann fragte er: „Auf welchem Wege kamst Du?“

„Ueber die Bergpässe.“

„Ueber die Pässe?“ rief der General, „Dort steht ja der Feind!“

„Ja – dort steht er.“

„Und Du kamst doch auf diesem Wege?“

„Ich mußte, sonst wäre die Nachricht nicht rechtzeitig hier gewesen. Ich bin gestern abend erst fortgeritten.“

„Das ist ja ein Heldenstück ohnegleichen! Mann, wie haben Sie das zustande gebracht?“ rief einer der höheren Offiziere, der soeben eine Meldung gebracht hatte und die Worte hörte.

Hartmut schwieg, er hob nur langsam den Blick zu seinem Vater empor. Jetzt scheute er nicht mehr diese Augen, die er so lange gefürchtet hatte, und was er darin las, sagte ihm, daß er auch hier freigesprochen war.

Aber selbst die äußerste Willenskraft hat ihre Grenze, und diese war jetzt erreicht bei dem Manne, der fast Uebermenschliches geleistet hatte. Das Antlitz des Vaters war das letzte, was er sah, dann legte es sich wie ein blutiger Schleier vor seine Augen, er fühlte es wieder heiß und feucht über seine Stirn rinnen, und dann wurde es Nacht um ihn und er sank zu Boden.

Da ertönte ein Schlag, unter dessen Gewalt die ganze Stadt erbebte und erzitterte. Die Citadelle, deren Umrisse sich eben noch so scharf und klar von dem blauen Himmel abgehoben hatten, wurde urplötzlich zu einem Krater, der Gluth und Verderben ausspie. In den berstenden Mauern dort oben schien sich die ganze Hölle aufzuthun, ein Regen von Stein- und Felstrümmern erhob sich hoch in die Luft, um dann zerschmetternd niederzusinken, und alsbald züngelte und lohte es überall auf in dem riesigen Trümmerhaufen und aus Rauch und Qualm loderte eine mächtige Feuersäule zum Himmel empor – ein grauenhaftes Flammenzeichen!

Die Warnung war noch in letzter Stunde gekommen. Es hatte trotzalledem Opfer gekostet, denn was noch im unmittelbaren Bereich der Citadelle sich befand, das war zerschmettert oder schwer verwundet, aber im Vergleich mit dem unabsehbaren Unglück, das ohne jene Warnung geschehen wäre, konnten die Verluste für gering gelten. Der General mit seinen Offizieren und fast allen seinen Truppen war gerettet.

Falkenried hatte sofort mit gewohnter Umsicht und Thatkraft alle Maßregeln getroffen, welche die entsetzliche Katastrophe erheischte. Er war überall, und seinem Eingreifen, seinem Beispiel gelang es auch, den in vollster Siegesfreude von dem Verrath überraschten Mannschaften die Ruhe wiederzugeben. Erst als der Befehlshaber seine Pflicht gethan hatte, trat der Vater in seine Rechte.

In einem der nahegelegenen Häuser, wohin man ihn getragen hatte, als er zu Boden sank, lag Hartmut noch immer besinnungslos. Er sah und hörte den Vater nicht, der mit einem der Aerzte an seinem Lager stand, die Betäubung hielt ihn schwer und tief umfangen. Falkenried blickte eine Weile stumm nieder auf das bleiche Antlitz mit den geschlossenen Augen, dann wandte er sich an den Arzt.

„Sie halten also die Wunde nicht für tödlich?“

Der Arzt zuckte mit bekümmerter Miene die Achseln.

„Die Wunde selbst nicht, aber die furchtbare Ueberanstrengung bei diesem Ritt auf Tod und Leben, der starke Blutverlust, die eisige Kälte der Nacht – ich fürchte, Herr General, Sie müssen sich auf alles gefaßt machen.“

[439] „Ich bin auf alles gefaßt!“ sagte Falkenried ernst, dann kniete er nieder und küßte den Sohn, den er vielleicht nur wiedergefunden hatte, um ihn zu verlieren; und ein paar heiße Thränen fielen auf die todtenblassen Züge.

Aber es war dem Vater nicht lange vergönnt, bei seinem Kinde zu bleiben, er mußte wieder hinaus. Schon nach wenigen Minuten erhob er sich, empfahl dem Arzte nochmals die äußerste Sorgfalt und ging dann.

Auf dem Platze war der Stab des Generals und ein Theil der anderen Offiziere zusammengetreten und wartete auf den Befehlshaber. Dieser befand sich, wie sie wußten, augenblicklich bei dem Verwundeten, der die Warnung überbracht hatte und den niemand kannte, aber man hatte erfahren, daß er über die Bergpässe gekommen war, durch das vom Feinde besetzte Gebiet, daß er einen Ritt gewagt hatte, den ihm keiner nachthat in der ganzen Armee, und als der General endlich erschien, umdrängte ihn alles mit Fragen.

Falkenried war tiefernst, aber das Starre, Düstere, das sein Antlitz sonst immer zeigte, war gewichen und hatte einem Ausdruck Platz gemacht, den seine Umgebung zum ersten Male sah. In seinen Augen schimmerte es noch feucht, aber seine Stimme klang fest und klar, als er antwortete:

„Ja, meine Herren, er ist schwer verwundet, und vielleicht war es sein Todesritt, mit dem er uns allen die Rettung brachte. Aber er hat als Mann und Soldat seine Pflicht gethan, und wenn Sie seinen Namen wissen wollen – es ist mein Sohn, Hartmut von Falkenried!“




Das alte Herrenhaus von Burgsdorf lag friedlich und behaglich im hellsten Sonnenglanze. Es hatte vor kurzem seinen Herrn empfangen, der fast ein Jahr lang fern gewesen und nun nach beendigtem Feldzuge in die Heimath und zu seiner jungen Gattin zurückgekehrt war.

Das große Gut mit seiner ausgedehnten Wirthschaft hatte nicht gelitten unter dieser langen Abwesenheit, denn es war in sicherer Obhut geblieben. Die Mutter des Gutsherrn war in ihre alten Rechte getreten und hatte mit gewohnter fester Hand die Zügel geführt bis zu der Rückkehr ihres Sohnes; jetzt legte sie diese Zügel feierlichst wieder in seine Hände und bestand trotz aller Bitten und Vorstellungen darauf, Burgsdorf zu verlassen und in ihre Stadtwohnung überzusiedeln.

Augenblicklich stand Frau von Eschenhagen auf der Terrasse, deren breite, steinerne Stufen in den Garten hinabführten, und sprach mit Willibald, der sich an ihrer Seite befand. Dabei ruhte ihr Blick mit unverkennbarem Wohlgefallen auf der kraftvoll männlichen Erscheinung ihres Sohnes, die durch die jetzt so gewohnte militärische Haltung noch stattlicher wurde. Sie mochte wohl selbst fühlen, daß aus dem jungen Gutsherrn etwas Anderes und Besseres geworden war, als sie mit ihrer Erziehung zustande gebracht hatte, aber zugegeben hätte sie das um keinen Preis.

„Also Du willst bauen?“ fragte sie. „Ich habe es mir beinahe gedacht. Das alte schlichte Haus, in dem ich und Dein Vater so lange Jahre gewohnt haben, ist natürlich nicht gut genug für Deine kleine Prinzessin, die muß mit allem nur möglichen Glanze umgeben werden! Meinetwegen! Das Geld hast Du ja dazu, Du kannst Dir die Geschichte allenfalls erlauben, und mich geht sie, Gott sei Dank, nichts mehr an.“

„Stelle Dich doch nicht so grimmig an, Mama,“ sagte Willibald lachend. „Wenn man Dich hört, sollte man meinen, Du seiest die schlimmste aller Schwiegermütter, und wenn ich es nicht schon wüßte durch Mariettas Briefe, so sehe ich doch jetzt täglich, wie Du sie verwöhnst und auf Händen trägst.“

„Nun ja, man spielt auch in seinen alten Tagen noch manchmal gern mit hübschen Puppen,“ versetzte Regine trocken, „und Deine Frau ist solch ein zierliches Püppchen, das nur zum Spielen taugt. Bilde Dir nur ja nicht ein, daß sie jemals eine tüchtige Gutsfrau wird. Ich habe das im ersten Augenblick gesehen und sie deshalb gar nicht an die Wirthschaft herangelassen.“

„Und da hast Du recht getan,“ fiel der junge Gutsherr ein. „Die Arbeit und die Wirthschaft sind meine Sache, mrine Marietta soll sich damit nicht plagen; aber glaube mir, Mama, es lebt und schafft sich ganz anders, wenn solch ein süßer kleiner Singvogel einem Mut und Lust zur Arbeit in das Herz singt.“

„Junge, ich glaube, Du bist noch immer verrückt,“ sagte Frau von Eschenhagen mit ihrer alten Derbheit. „Ist es erhört, daß ein vernünftiger Mensch, ein Ehemann und Gutsbesitzer so von seiner Frau spricht? ‚Süßer kleiner Singvogel‘! Das hast Du wohl von Deinem Busenfreunde, dem Hartmut, der Euch allen als ein so großmächtiger Dichter gilt? Du hast ihm ja schon in der Jugend alles nachgemacht.“

„Nein, Mama, das ist wirklich meine eigene Poesie,“ vertheidigte sich Willibald. „Gedichtet habe ich überhaupt nur einmal in meinem Leben, an jenem Abende, wo ich Marietta wiedersah in Hartmuts ‚Arivana‘. Das Gedicht fiel mir jetzt, als ich meinen Schreibtisch ordnete, wieder in die Hände, und ich gab es Hartmut mit der Bitte, es ein wenig zu ändern, denn merkwürdigerweise wollte sich die Geschichte nicht reimen und mit dem Versmaß war ich auch nicht recht zustande gekommen. Weißt Du, was er mir antwortete? ‚Mein lieber Willy, Dein Gedicht ist sehr schön, was die Empfindung betrifft; aber laß das Dichten doch lieber bleiben! Solche Verse sind wirklich nicht auszuhalten, und Deine Frau läßt sich scheiden, wenn Du sie in dieser Weise ansingst!‘ – So urtheilt mein ‚Busenfreund‘ über meine poetische Begabung!“

„Das geschieht Dir recht, was hast Du Dich als Landwirth mit Versen abzugeben!“ rief Regine ärgerlich. Da wurde die Thür des Eßzimmers geöffnet, ein Köpfchen mit krausen dunklen Locken wurde sichtbar und eine neckische Stimme fragte:

„Ist es erlaubt, die gestrengen Herrschaften in ihren hochwichtigen landwirthschaftlichen Gesprächen zu stören?“

„Komm nur heraus, Du Kobold,“ sagte Frau von Eschenhagen; aber die Erlaubniß war überflüssig, denn die junge Frau flog bereits in die offenen Arme ihres Mannes, der sich zärtlich zu ihr niederbeugte und ihr etwas in das Ohr flüsterte.

„Fangt Ihr schon wieder an?“ schalt die Mutter. „Es ist wahrhaftig nicht mehr auszuhalten in Eurer Nähe!“

Marietta wendete nur den Kopf, ohne sich aus den Armen loszumachen, die sie noch immer festhielten, und sagte schelmisch:

„Wir feiern ja jetzt erst unsere Flitterwochen nach der langen Trennung, und Du mußt es doch aus eigener Erfahrung wissen, wie man sich dabei benimmt, gelt, Mama?“

Regine zuckte die Achseln. Ihre Flitterwochen mit dem seligen Eschenhagen waren freilich anderer Art gewesen.

„Du erhieltest vorhin einen Brief von Deinem Großvater, Marietta,“ sagte sie abbrechend. „Hast Du gute Nachrichten?“

„Die allerbesten! Großpapa ist ganz wohl und freut sich sehr darauf, im nächsten Monat nach Burgsdorf zu kommen; aber er schreibt, daß es in diesem Sommer recht still sei in der Umgegend von Waldhofen. Seit Rodeck seinen Herrn verloren hat, seit dem Tode des jungen Fürsten ist dort alles verödet und verschlossen, Ostwalden liegt gleichfalls ganz vereinsamt, und in Fürstenstein wird es auch leer und still werden. Toni heirathet ja in vierzehn Tagen, und dann ist der Onkel Schönau ganz allein.“

Die letzten Worte wurden mit einer gewissen Betonung gesprochen, und es war ein ganz eigenthümlicher Blick, den die junge Frau ihrer Schwiegermutter dabei zusandte. Diese achtete aber nicht darauf, sondern bemerkte nur: „Ja, es ist ein merkwürdiger Einfall von Hartmut und Adelheid, hier in den Föhrenwäldern in einer kleinen gemietheten Villa die ersten Wochen ihrer Ehe zu verleben, während ihnen das große Schloß von Ostwalden und die sämmtlichen Stahlbergschen Landsitze zur Verfügung stehen.“

„Sie wollten wohl noch gern in der Nähe des Vaters bleiben,“ meinte Willibald.

„Nun, in dem Falle hätte Falkenried Urlaub nehmen und zu ihnen gehen können. Gott sei Dank! Der Mann lebt förmlich auf, seit die furchtbare Bitterkeit von ihm genommen ist und er seinen Sohn wieder hat. Ich weiß es am besten, wie schwer ihn damals die Flucht des Jungen traf, den er insgeheim vergötterte, während er ihm nur Strenge zeigte und nur Gehorsam forderte. Freilich, was Hartmut geleistet hat bei seinem nächtlichen Ritt, mit dem er den Vater und seine Truppen rettete, das löscht wohl mehr aus als einen unsinnigen Knabenstreich, den im Grunde nur die Mutter verschuldet hat.“

„Aber wir kommen um all die Hochzeitsfeierlichkeiten in der Familie,“ schmollte Marietta. „Willy und ich mußten uns in aller Stille trauen lassen, weil der Krieg ausbrach, und jetzt, wo der Krieg glücklich beendet ist, machen es Hartmut und Ada genau ebenso.“

„Mein Kind, wenn man solche Dinge durchgemacht hat wie Hartmut, dann vergeht einem die Lust zu Festlichkeiten,“ sagte Frau von Eschenhagen ernst. „Ueberdies ist er noch nicht völlig [442] wiederhergestellt. Du sahst es ja, wie bleich er noch war bei der Trauung. Adelheids erste Vermählung ist allerdings glanzvoller gefeiert worden, ihr Vater bestand darauf trotz seines leidenden Zustandes, und die Braut war in ihrer Atlasschleppe und ihren Spitzen und Diamanten eine wahrhaft königliche, wenn auch kalte Erscheinung. Jetzt freilich sah sie anders aus, als sie mit ihrem Hartmut vor den Altar trat, in dem einfachen weißen Seidenkleide und dem duftigen Schleier! So habe ich sie überhaupt noch niemals gesehen im Leben! Der arme Herbert! Er hat nie die Liebe seiner Frau besessen."

„Wie kann man eine so alte Excellenz im Diplomatenfrack lieben! Ich hätte es auch nicht gekonnt,“ rief Marietta vorlaut; aber da kam sie übel an bei der Schwiegermutter, die das Andenken ihres Bruders hoch in Ehren hielt.

„Du wärst wohl auch nie in diese Nothwendigkeit gekommen,“ versetzte sie gereizt. „Um Dich hätte ein Mann wie Herbert von Wallmoden schwerlich geworben, Du kleines, übermüthiges Ding –“

Sie kam nicht weiter in ihrer Strafpredigt, denn der kleine Uebermuth hing bereits an ihrem Halse und schmeichelte:

„Nicht böse, Mama! Ich kann doch nicht dafür, daß mir mein undiplomatischer Willy lieber ist als alle Excellenzen der ganzen Welt – und Dir ist er es auch, gelt, Mama?“

„Du Schmeichelkätzchen!“ sagte Regine mit einem vergeblichen Versuche, ihre strenge Miene festzuhalten, „Du weißt es recht gut, daß man Dir nicht böse sein kann, und hier in Burgsdorf wird nun wohl eine Pantoffelwirthschaft anfangen, wie sie noch nicht dagewesen ist. Augenblicklich schämt sich Willy noch etwas vor mir, aber wenn ich erst fort bin, ergiebt er sich Dir auf Gnade und Ungnade.“

„Mama, hältst Du denn noch immer fest an dem Gedanken?“ fragte Willibald vorwurfsvoll. „Jetzt willst Du gehen, wo alles Liebe und Frieden zwischen uns ist?“

„Gerade jetzt gehe ich, damit es Frieden bleibe! Rede mir nicht darein, mein Sohn! Ich muß nun einmal die Erste sein da, wo ich lebe und schaffe. Das willst Du jetzt auch sein, also taugen wir nicht mehr zusammen, und Deine kleine Prinzessin wird auch nicht böse darüber werden. Bis jetzt hatten wir genug zu thun mit der Angst und Sorge um Dich. und man zankt sich nicht, wenn man jeden Tag von neuem für den Sohn und Mann zittern muß. Nun ist das vorbei, und ich bin doch noch zu sehr vom alten Schlage, um mich in die Jugend finden zu können. Macht, was Ihr wollt, aber in meinem Hause muß es nach meinem Kopfe gehen, und deshalb ziehe ich fort.“

Sie wandte sich um und ging in das Haus, während der junge Gutsherr ihr mit einem halb unterdrückten Seufzer nachblickte.

„Vielleicht hat sie recht,“ sagte er leise; „aber sie wird sich unglücklich fühlen bei dem Alleinsein und ohne die langgewohnte Thätigkeit. Sie hält die erzwungene Ruhe nicht aus, ich weiß es. Du hättest sie doch auch bitten sollen, zu bleiben, Marietta!“

Die junge Frau legte das krauslockige Köpfchen an die Schulter ihres Mannes und sah schelmisch zu ihm auf.

„O nein, ich thue etwas Besseres. Ich sorge dafür, daß die Mama nicht unglücklich wird, wenn sie von uns geht.“

„Du? Wie willst Du denn das anfangen?“

„Ganz einfach – ich verheirathe die Mama.“

„Aber Marietta, was fällt Dir ein?“

„O Du kluger Willy, hast Du wirklich gar nichts gemerkt?“ lachte Marietta auf; es war das alte, silberhelle Lachen, womit sie ihn schon damals in Waldhofen so berückt hatte. „Du ahnst also gar nicht, weshalb der Onkel Schönau in so grimmiger Laune war, als wir ihn vor drei Tagen in Berlin trafen, und weshalb er durchaus nicht nach Burgsdorf kommen wollte, obgleich wir ihn dringend einluden? Die Mama lud ihn nicht ein, weil sie einen neuen Heirathsantrag fürchtete, er verstand das, und darum war er so wüthend. Ich wußte schon längst Bescheid; schon damals, als die Mama zu uns nach Waldhofen kam und er ihr so bitter vorwarf, daß sie ihn nur als Nebenperson bei einer Hochzeit verwenden wollte, merkte ich, daß er gern die Hauptperson wäre. – Willy, jetzt machst Du aber ein köstliches Gesicht! Jetzt siehst Du gerade wieder so aus wie im Anfange unserer Bekanntschaft.“

Der junge Gutsherr sah in seiner grenzenlosen Ueberraschung allerdings nicht sehr geistreich aus. Er hatte nie an die Möglichkeit gedacht, daß sich seine Mutter wieder vermählen könnte, und nun vollends mit ihrem Schwager! Aber es leuchtete auch ihm ein, daß dies ein ganz vorzüglicher Ausweg wäre.

„Marietta, Du bist unendlich klug!“ rief er, voll Bewunderung seine Frau anstaunend, die das mit höchster Genugtuung hinnahm.

„Ich bin noch viel klüger, als Du glaubst,“ triumphirte sie, „denn ich habe die Sache wieder in Ordnung gebracht. Ich machte mich an den Onkel Schönau und gab ihm zu verstehen, daß, wenn er jetzt nochmals Sturm liefe, die Festung sich wohl ergeben würde. Er brummte zwar gewaltig und meinte, er habe genug davon und wolle nicht wieder zum Narren gemacht werden; aber er überlegte sich die Sache schließlich doch. Vor einer Viertelstunde kam er an, ich durfte der Mama aber nichts davon sagen und – da ist erl“

Sie wies auf den Oberforstmeister, der soeben auf die Terrasse trat und die letzten Worte hörte.

„Ja, da bin ich!“ bekräftigte er; „aber gnade Gott der kleinen Frau, wenn sie mich hinters Licht geführt hat, auf ihre Verantwortung allein bin ich gekommen. Sie wird Dir wohl Bescheid gesagt haben, Willy, wie es mit uns steht, das heißt, mit mir, denn Deine Frau Mutter ist natürlich wieder unvernünftig, eigensinnig, starrköpfig, wie sie das gewöhnlich ist – aber heirathen will ich sie doch.“

„In Gottes Namen, Onkel, wenn sie Dich nur will!“ rief Willibald, der doch nicht umhin konnte, diese Schilderung seiner Mutter von seiten eines Freiers etwas sonderbar zu finden.

„Ja, das ist eben die Frage,“ sagte Schönau bedenklich, „aber Deine Frau meint –“

„Ich meine, daß wir keine Minute mehr verlieren dürfen,“ fiel Marietta ein. „Die Mama ist in ihrem Zimmer und ahnt nichts von dem Ueberfall. Willy und ich bleiben im Hinterhalte, und im allerschlimmsten Falle greifen wir auch in das Gefecht ein. Vorwärts Onkel, vorwärts Willy!“

Und Frau Marietta von Eschenhagen schob mit ihren kleinen, zierlichen Händchen den stattlichen Oberforstmeister und ihren riesigen Ehegemahl ohne weiteres vorwärts; sie ließen sich auch ganz geduldig schieben und Schönau brummte nur:

„Merkwürdig, das Kommandiren verstehen sie alle, groß oder klein – das ist ihnen angeboren!“

Regine von Eschenhagen stand am Fenster ihres Zimmers und blickte hinaus auf ihr geliebtes Burgsdorf, das sie in wenigen Tagen verlassen wollte. So sehr sie auch von der Nothwendigkeit dieses Entschlusses überzeugt war, leicht wurde er ihr nicht. Die kräftige, rastlos thätige Frau, die dreißig Jahre lang an der Spitze eines großen Hauswesens gestanden hatte, empfand ein Grauen vor der Ruhe und Unthätigkeit, die ihrer warteten. Sie hatte dies Stadtleben ja bereits kennengelernt bei jener ersten Trennung von ihrem Sohne und sich grenzenlos unglücklich darin gefühlt. Da öffnete sich die Thür und der Oberforstmeister trat ein.

„Moritz, Du bist es?“ fuhr Regine überrascht auf. „Das ist vernünftig, daß Du doch gekommen bist.“

„Ja, ich bin immer vernünftig,“ sagte Herr von Schönau sehr anzüglich. „Du hattest zwar nicht die Gnade, mich einzuladen, aber ich wollte mir doch persönlich Deine Zusage für Tonis Hochzeit holen. Du kommst doch mit Deinen Kindern nach Fürstenstein?“

„Gewiß kommen wir, aber wir waren alle überrascht von dieser Eile. Du wolltest dem jungen Paare doch erst ein Gut kaufen, und das geht sonst nicht so über Hals und Kopf.“

„Nein, aber geheirathet muß trotz alledem werden. Unsere Herren Krieger sind etwas anspruchsvoll geworden nach ihren Heldenthaten. Walldorf erklärte mir nach der Rückkehr kurz und bündig: ‚Papa, Du hast mir beim Abschiede gesagt: Erst siegen und dann heirathen! Nun habe ich gesiegt und nun heirathe ich und warte nicht länger. Der Gutskauf hat Zeit, die Hochzeit aber nicht, denn die ist das Wichtigste!‘ Und da Toni gleichfalls von dieser Wichtigkeit durchdrungen war, so blieb mir nichts übrig, als den Hochzeitstag anzusetzen.“

Frau von Eschenhagen lachte.

„Ja, die Jugend ist schnell bei der Hand mit dem Heirathen, und sie hat doch Zeit zum Warten.“

„Das Alter aber nicht!“ fiel Schönau ein, der nur nach einem Anknüpfungspunkte suchte und sich schleunigst dieser Aeußerung bemächtigte. „Hast Du Dir die Geschichte nun endlich überlegt, Regine?“

„Welche Geschichte?“

„Nun, unsere Heirath. Hoffentlich bist Du jetzt in der ‚Stimmung‘ dazu.“

Regine wandte sich etwas verletzt ab.

„Du liebst es, mit der Thür ins Haus zu fallen, Moritz. Wie kommst Du denn so plötzlich darauf?“

[443] „Was, das nennst Du mit der Thür ins Haus fallen?“ rief der Oberforstmeister entrüstet. „Vor fünf Jahren habe ich Dir den ersten Antrag gemacht, vor einem Jahre den zweiten, jetzt komme ich zum dritten Male, und Du hast noch nicht genug Zeit zur Ueberlegung gehabt? Ja ober nein? Wenn Du mich jetzt wieder fortschickst, komme ich nicht wieder, verlaß Dich darauf, und dann hole die ganze Freierei der Kuckuck!“

Regine antwortete nicht, aber es war nicht Unentschlossenheit, die sie zögern ließ. Auch diese derbe, urwüchsige Natur trug ein Stück Poesie tief im Herzen, die Liebe zu dem Manne, der einst ihr Gatte hatte werden sollen, zu Hartmut von Falkenried. Als er eine andere heimführte, da hatte sie freilich auch einem anderen die Hand gereicht, denn sie war nicht geschaffen, ihr Leben nutzlos zu vertrauern; aber dasselbe bittere Weh, das sich damals in dem Inneren des jungen Mädchens geregt hatte, als es vor den Altar trat, wachte jetzt wieder auf in dem Herzen der alternden Frau und schloß ihr die Lippen. Doch das dauerte nur wenige Minuten, dann warf sie entschlossen den Erinnerungstraum von sich und streckte ihrem Schwager die Hand hin.

„Nun denn, ja, Moritz! Ich will Dir eine gute und treue Frau sein!“

„Gott sei Dank!“ rief Schönau, mit einem tiefen Athemzuge, denn er hatte dies Zögern für die Vorbereitung zu einem dritten Korbe gehalten. „Das hättest Du eigentlich schon vor fünf Jahren sagen können, Regine, aber besser spät als gar nicht. Endlich sind wir so weit!“

Und damit schloß der beharrliche Freier die nun doch noch errungene Lebensgefährtin herzlich in die Arme. –




Es war ein heißer Sommertag und selbst im Walde fühlte man etwas von der Sonnengluth, die draußen auf Wiesen und Feldern flimmerte. Auf dem Waldwege, unter den hohen Föhren, schritt eine kleine Gesellschaft dahin, General Falkenried mit Sohn und Tochter, die ihm bei dem Besuche, den er in Burgsdorf abstatten wollte, noch eine Strecke das Geleit gaben.

Falkenried war freilich ein anderer geworden, als er in den letzten zehn Jahren gewesen war. Der Krieg, der trotz aller Siege und Triumphe so manchem der Zurückgekehrten verhängnißvoll wurde und ihn vor der Zeit altern ließ, schien für ihn ein Verjüngungsquell gewesen zu sein. Wohl waren das weiße Haar und die tiefdurchfurchten Züge geblieben als unverwischbare Zeugen einer bitteren, schweren Zeit, aber diese Züge hatten doch wieder Leben, die Augen wieder Feuer gewonnen, und man sah es jetzt auf den ersten Blick, daß der Mann kein Greis war, sondern noch in der Fülle der Kraft und des Lebens stand.

Der Sohn Falkenried war in der That noch nicht völlig wiederhergestellt, das verrieth sein Aeußeres. Ihn hatte das Kriegsleben nicht verjüngt, er war im Gegentheil älter, ernster geworden, und das noch immer so bleiche Antlitz, die breite, dunkelrothe Narbe auf der Stirn redeten von einer schweren Leidenszeit. Die an sich nicht allzuschwere Kopfwunde war durch den starken Blutverlust, durch die Ueberanstrengung bei dem nächtlichen Ritte und die eisige Kälte so gefahrdrohend geworden, daß man anfangs alle Hoffnung aufgab und es monatelanger Pflege bedurfte, um Hartmut dem Leben wiederzugeben. Aber in dieser Leidenszeit war auch der alte Hartmut, der Sohn Zalikas mit ihrem wilden Blute und ihrem zügellosen Lebensdrange, zu Grunde gegangen. Es schien, als wäre mit dem Namen Rojanow, den er für immer von sich geworfen hatte, auch das unselige Erbtheil der Mutter begraben. Die dunklen, dichten Locken fingen eben erst wieder an, zu wachsen, aber um so deutlicher trat die hohe, machtvoll gewölbte Stirn hervor und damit auch die Aehnlichkeit mit dem Vater.

Die junge Frau an seiner Seite dagegen blühte in der vollen Schönheit der Jugend und des Glückes. Wer sie früher gesehen hatte in ihrer stolzen Kälte, ihrer eisigen Unnahbarkeit, der hätte sie kaum wiedergefunden in dieser schlanken, blonden Erscheinung, in dem einfachen, lichten Sommerkleide, mit dem Sträußchen eben erst gepflückter Waldblumen in der Hand. Das Lächeln und den Ton, mit dem sie zu dem Gatten und dem Vater sprach, hatte Frau von Wallmoden freilich nie gekannt, das hatte erst Ada Falkenried gelernt.

„Nun aber nicht weiter!“ sagte der General, stehen bleibend. „Ihr habt den ganzen Rückweg zu machen, und Hartmut darf sich noch nicht allzuviel zumuthen, der Arzt verlangt dringend, daß er sich noch schont.“

„Wenn Du nur wüßtest, Vater, wie niederdrückend es ist, immer noch als Kranker zu gelten, wenn man längst schon wieder Kraft und Leben in sich fühlt,“ warf Hartmut unmuthig ein. „Ich bin wirklich kräftig genug –“

„Um das eben erst gewonnene wieder aufs Spiel zu setzen,“ ergänzte der Vater. „Geduldig zu sein hast Du noch immer nicht gelernt, aber zum Glück weiß ich Dich unter Adas Aufsicht, und sie ist streng in diesem Punkte.“

„Ja, wenn Ada nicht gewesen wäre, gäbe es wohl überhaupt nichts mehr zu schonen,“ sagte Hartmut, mit einem Blick inniger Zärtlichkeit auf seine Gattin. „Ich glaube, es stand ziemlich hoffnungslos mit mir, als sie zu mir kam.“

„Die Aerzte wenigstens gaben mir keine Hoffnung, als ich die Depesche absandte, die Ada zu Dir rief. Du verlangtest in der ersten Minute des Bewußtseins nach ihr, zu meiner grenzenlosen Ueberraschung, denn ich ahnte nicht, daß Ihr Euch überhaupt kanntet.“

„War Dir das vielleicht nicht recht, Papa?“ fragte die junge Frau, lächelnd zu dem Vater aufblickend, der sie an sich zog und einen Kuß auf ihre Stirn drückte.

„Du weißt am besten, was Du mir und Hartmut bist, mein Kind! Ich danke Gott, daß ich ihn unter Deiner Pflege zurücklassen konnte, als ich weiter mußte. Und Du hattest auch recht, als Du ihn jetzt bestimmtest, hierzubleiben, obwohl der Arzt ihn fortschicken wollte. Er muß erst wieder heimisch werden im Vaterlande, muß die Heimath erst wieder verstehen und lieben lernen, der er so lange entfremdet war.“

„Erst lernen?“ fragte Ada vorwurfsvoll. „Was er Dir und mir heute vorlas, das zeigt doch wohl, daß er es längst schon gelernt hat, wenn seine jetzige Dichtung auch eine andere Sprache redet, als die wilde, flammensprühende ‚Arivana‘.“

„Ja, Hartmut, Dein neues Werk ist etwas werth,“ sagte Falkenried, seinem Sohne die Hand reichend. „Ich glaube, das Vaterland wird noch einmal Ehre erleben an meinem Jungen, auch in Friedenszeiten.“

Hartmuts Augen leuchteten auf, während er den Händedruck erwiderte. Er wußte, was dies Lob im Munde seines Vaters bedeutete.

„Und nun lebt wohl!“ rief der General, seine Schwiegertocher noch einmal zum Abschied küssend. „Ich fahre von Burgsdorf sogleich nach der Stadt, aber in einigen Tagen sehen wir uns wieder. Lebt wohl, Kinder!“

Als er zwischen den Bäumen verschwunden war, traten Hartmut und Ada den Rückweg an, der sie an dem Burgsdorfer Weiher vorüberführte. Sie blieben unwillkürlich stehen und blickten auf das stille, kleine Gewässer, das in seinem Kranze von Schilf und Wasserrosen so leuchtend im Sonnenscheine lag.

„Hier habe ich so oft die Knabenspiele mit Willy getrieben,“ sagte Hartmut leise, „und hier entschied sich mein Schicksal, an jenem verhängnißvollen Abende. Ich weiß es erst jetzt voll und ganz, was ich meinem Vater anthat in dieser unseligen Stunde.“

„Aber Du hast es doch ganz und voll gut gemacht,“ erwiderte Ada, indem sie ihr Haupt an die Schulter des Gatten lehnte. „Auch vor der Welt ist es ausgelöscht, das zeigt Dir die Bewunderung und Anerkennung, die Dich und den Vater von allen Seiten überströmte, als es bekannt wurde, wer die Heldenthat vollbracht hatte.“

Hartmut schüttelte ernst und düster den Kopf.

„Es war eine Verzweiflungsthat, kein Heldenthum. Ich glaubte nicht, daß sie gelingen werde, niemand glaubte es; aber selbst wenn ich gefallen wäre, hätte ich mir mit jenem Ritt durch die Feinde die verlorene Ehre zurückerobert. Das wußte Egon, und darum legte er die Rettung in meine Hand. Als wir damals Abschied nahmen, in der eisigen Winternacht, in den zerschossenen Mauern des kleinen, halb zerstörten Gotteshauses, da fühlten wir es wohl, daß es ein Abschied für immer war, aber wir glaubten beide, ich würde das Opfer sein, denn ich ging ja einem beinahe gewissen Tode entgegen. Das Schicksal hatte es anders beschlossen, es führte mich wie mit Geisterhand mitten durch Gefahren, denen ich nach menschlicher Voraussicht erliegen mußte, bis zu meinem Ziele, und fast in derselben Stunde fiel Egon! – Du brauchst die Thränen nicht vor mir zu verbergen, Ada, ich bin nicht eifersüchtig auf den Todten. Ich habe ihn ja so geliebt, wie er – Dich liebte.“

„Eugen brachte mir seinen letzten Gruß,“ sagte die junge Frau, der die heißen Thränen im Auge standen, die sie anfangs dem Gatten nicht hatte zeigen wollen. „Und auch Stadinger schrieb mir, um den Auftrag seines sterbenden Herrn zu erfüllen. [444] Ich fürchte, der Alte überlebt ihn nicht lange, sein Brief klang, als wäre er völlig gebrochen.“

„Mein armer Egon!“ Man hörte dem Tone Hartmuts an, wie tief und schmerzlich ihn die Erinnerung durchbebte. „Er war so voll sonniger Heiterkeit und Lebensfreude, so ganz geschaffen, Glück zu empfangen und zu geben. Vielleicht wärst Du an seiner Seite glücklicher geworden, Ada, als mit Deinem wilden, stürmischen Hartmut, der Dich noch oft genug quälen wird mit all den finsteren Schatten seines Wesens.“

Ada blickte, noch mit der Thräne im Auge, lächelnd zu ihm auf.

„Ich liebe aber nun einmal diesen wilden, stürmischen Hartmut und will kein anderes Glück, als sein Weib zu heißen! –

Wald und See ruhten in träumender Mittagsstille. Ernst und dunkel standen die alten Föhren, leise flüsterte das Schilf am Ufer und auf dem Wasserspiegel tanzten Tausende von strahlenden Funken. Darüber aber wölbte sich die strahlende Himmelsbläue, in die der Knabe einst hatte hinaufsteigen wollen, den Falken gleich, von denen sein Geschlecht den Namen führte, immer höher, der Sonne entgegen! Sie strahlte auch jetzt dort oben in leuchtender Pracht – das mächtige, ewige Flammenzeichen des Himmels!