Zum Inhalt springen

Es wird regnen!

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Es wird regnen!
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 531–532
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[529]

Es wird regnen!
Nach einer Zeichnung von E. Schmidt.

[531] Es wird regnen! (Zu dem Bilde S. 529.) Die Wissenschaft der Vorherverkündigung des Wetters hat in den letzten Jahren einen hervorragenden Aufschwung genommen. Die Staaten haben sachkundige Männer angestellt, die auf Grund einer bestimmten Methode die muthmaßlichen Aussichten berechnen, und der Telegraph trägt die Ergebnisse ihrer Feststellungen über das Land hin, um sie überall nutzbar zu machen.

Leider aber ist diese Methode doch keine so sichere, daß sie jede Täuschung ausschließen würde, und gerade ihre gründlichsten Kenner sind die letzten, die dies leugnen. In den Beobachtungen bleiben unvermeidbare Lücken, plötzliche, jeglicher Voraussicht spottende Zufälle und Störungen treten auf, und so konnte es nicht ausbleiben, daß das amtlich angekündigte Wetter in vielen Fällen eben nicht kam, sondern ein ganz anderes. Da wurde so mancher „Gebildete“ der Wissenschaft untreu und studierte das Wetter auf eigene Hand, erinnerte sich, daß er in seiner Jugend aus dem Munde der wetterkundigen Alten von allerlei Anzeichen in der Natur gehört hatte, und sah jetzt zu, ob Schwalbe und Grille, Hund und Katze, Fliege und Spinne das Voraussagen nicht besser verständen als die Herren von den Wetterwarten. Eine solche Naturbeobachtung hat doch ihren eigenartigen Reiz, denn man braucht weder Barometer noch Thermometer, weder den Telegraphen noch das Zusammenwirken von so und so viel „Stationen“, um sagen zu können: Es wird regnen! In diesen volksthümlichen Regenanzeichen ist die Weisheit von Jahrtausenden gesammelt, und ihre Zahl ist darum wohl auch so groß, daß wir niemals in die Verlegenheit gerathen, keine bestimmte Voraussage machen zu können.

Emil Schmidt hat in dem Bilde, das wir den Lesern vorführen, einige der hervorragendsten „untrüglichen“ Anzeichen zusammengestellt. Daß sie auf neuzeitliche Fortgeschrittenheit keinen Anspruch erheben, beweist das laubfroschgezierte Barometer, das nicht eine Millimeter-, sondern die gute alte Zollskala trägt. Die Großmutter, die darunter sitzt, braucht auch dieses nicht, sie trägt ihr Barometer leider in ihren Gliedern, der rheumatische Schmerz kündigt ihr den Regen an, wie auch der alte Veteran Regen prophezeit, wenn seine Narben ihn schmerzen. Das sind menschliche Regenanzeichen.

Und wie die Menschen, so sind auch die Hausthiere:

„Kätzchen am Herde rastet nicht,
Putzt immer wieder Kopf und Gesicht.
Mein Jagdhund – darf ich den Augen trau’n,
Verläßt den Knochen, um Gras zu kau’n –“

heißt es in einem diese Frage behandelnden Gedichte, das der berühmte Impf-Jenner gedichtet haben soll.[WS 1] Uebrigens kann sich beim Hofhunde auch in Trägheit und Schlafbedürfniß die Ahnung kommenden Regens äußern.

Auch durch die Vogelwelt geht vor dem Regen eine geheime Bewegung und sie läßt bedeutungsvolle Stimmen erschallen: der Pfau schreit und der Rabe krächzt schrill, während die Schwalbe sich tief niederschwingt und die Krähe „nachahmt des Geiers schweren Flug“. Ja, auch das, was da kreucht und schwimmt und fleucht, wird zum Wetterpropheten: der Laubfrosch schreit, der Teichfrosch wird braun, die Glühwürmer sind „reich an Glanz und Zahl“, die Grillen singen „scharf“, die Fliegen sind lästig und die Fische, die springen aus der Fluth und schnappen nach den Mücken, die wie immer stechen.

Die berühmteste Wetterprophetin ist aber die Spinne. Ihr Ruhm stammt schon vom Alterthum her und ihre Wetterprognosen wurden gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts von einem Franzosen Quatremère [532] Disjonval zu einem System zusammengefaßt. Sein eigenartiges Werk über die Spinnen, welches auch ins Deutsche übertragen wurde, war eine Gefängnißarbeit. Von den Holländern hinter Schloß und Riegel gehalten, studierte er die Spinnen, die seine Stubengenossinnen waren. Wird es regnen, so spinnen die Radspinnen und Kreuzspinnen gar nicht; die Winkelspinnen aber, die sonst aus ihrem Hüttchen mit dem Kopf hervorsehen, drehen sich, wenn der Regen in den nächsten vierundzwanzig Stunden kommen wird, um und stecken ihr Hintertheil aus dem Hüttchen heraus. Anno 1794 prophezeite genannter Quatremère auf Grund seiner Spinnenbeobachtungen der französischen Armee unter Pichegru Frost und Thauwetter, wonach sich dieselbe bei ihrem Einfall in Holland richtete.

Auch aus dem Verhalten der Pflanzenwelt wird auf Witterungswechsel geschlossen, und man kann bei unseren Stiefmütterchen, unserem Klee oder den Dolden der Möhren interessante Beobachtungen über die Beziehungen derselben zum Temperaturwechsel anstellen. Ganz vor kurzem aber, erst im vorigen Jahre, wurde die altbekannte Papilionacee Abrus precatorius, deren runde, korallenrothe, glänzende, mit einem schwarzen Fleck gekennzeichnete Samen als Paternostererbsen geläufig sind, unter dem geheimnißvollen und vielversprechenden Namen „Wetterpflanze“ den Freunden der Naturprophezeiungen für schweres Geld zum Kauf angeboten, da sie nicht nur Wetter, sondern auch Erdbeben voraussagen sollte. Es giebt viele Leute, die sich diesen neuesten Propheten gekauft haben.

In der Landschaft auf unserem Bilde sehen wir links einen Schweinehirten; er hat Mühe, seine grunzenden Thiere beisammen zu halten, denn auch ihnen ist die Ahnung des Witterungsumschlags in die Glieder gefahren. Der Rauch „kreucht träg zur Erd’“ – das ist auch ein Vorzeichen des Regens, dessen Betrachtung uns schon zu den modernen Ergebnissen der Forschung über die Druckschwankungen der Atmosphäre hinüberleitet. – In der volksthümlichen Wetterkunde, die wir hier nur flüchtig berühren konnten, sind Wahrheit und Dichtung mit einander kunterbunt gemengt und man braucht dem allmählichen Verschwinden dieser schönen Regeln keine Thräne nachzuweinen. * 

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Das Gedicht stammt von Edward Jenner, im Original betitelt Signs of Rain (in: The Life of Edward Jenner, M.D. Band 1, London 1838, S. 22–24 Internet Archive) – eine deutsche Übersetzung erschien in: Göttingische Gelehrte Anzeigen, Jg. 1839, Band 1, S. 96 Fußnote „[…] Kätzchen am Herde mit sammtner Pfote […]“ Google und eine andere Übersetzung in: Der Bazar, Jg. 1865, Nr. 42, S. 367 „[…] Kätzchen am Herde rastet nicht […]“ MDZ München.