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Es war doch schön auf Hochschulen!

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Titel: Es war doch schön auf Hochschulen!
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 425–428
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Es war doch schön auf Hochschulen!
Von einem alten Burschenschafter.

In der Mitte des August dieses Jahres feiert die deutsche Burschenschaft das fünfzigjährige Jubiläum ihrer Stiftung. Wer kennt nicht die Bedeutung dieser einfachen Studentenverbindung in der Geschichte Deutschlands seit den Befreiungskriegen? Waren es nicht wirklich diese aus dem Kampf gegen das Frankenkaiserreich zu den Hochschulen zurückgekehrten jungen Männer, die nach jenem Kriege allein noch den weit gefährlicheren Kampf gewagt mit der unpatriotischen Selbstsucht der Dynastien, mit der Schreckensmacht der heiligen Allianz, mit dem volksfeindlichen Freiheitshaß des Adels und der obersten Beamtenkreise, den Kampf gegen die Gleichgültigkeit der großen Masse, gegen die Angst des wohlhäbigen Philisterthums? Ja, die kleinen einzelnen Studentenhäuflein der Burschenschaft auf den Hochschulen waren es, die für die Zukunft der Nation das heilige Feuer der Vaterlandsliebe hüteten, wie sie des Reichs verbotene Farben wahrten! Dreimal unterdrückt und verfolgt und in Menge den Kerkern überliefert, erhoben sie sich dreimal wieder vom Untergang, bis endlich Deutschland, zu einer großen nationalen Ermannung erstarkt, aus der Hand der Burschenschaft die Fahne nahm, die seitdem als deutsches Banner selbst auf dem Bundespalast und allen Fürstenschlössern geweht und welche die Nation nimmermehr sich wieder entreißen läßt.

Dieses Jubiläum lenkt von selbst unsere Blicke nach Jena, wo die Burschenschaft gegründet wurde. wo sie ihren festesten Sitz hatte und wo auch das fünfzigjährige Stiftungsfest gefeiert wird. Nehmen wir die schöne Gelegenheit wahr, uns an dem Burschenbild zu erquicken, in welch’ origineller Weise die dritte Erhebung der verbotenen Verbindung zum öffentlichen Leben geschehen ist.

Die Hochschule von Jena hat, das weiß jeder denkende Deutsche, allezeit dem freien Geist gedient, und darum hat sie auch allezeit das Schicksal des freien Geistes getheilt. So oft die schwache Brust des Bundestags an Beklemmung litt, wenn ein frischer Zug des deutschen Lebens sie berührt hatte, so oft schob sie die Ursache dieses Unwohlseins auf die Universitäten, und so oft dies geschah, mußte Jena die Folgen der üblen Laune spüren, die nach solcher Erkältung einzutreten pflegte. Am schlimmsten äußerte sich dieselbe nach den dreißiger Julistürmen, und es ist offenbar ein Zeugniß mehr für die schwächliche Constitution besagter hoher Stelle, daß dieselbe in jener Westluft, welche die ganze deutsche Nation bis zur Glühhitze hinauf brachte, ganz allein den Schnupfen bekam.

Es ist auch den „Philistern“ nicht unbekannt, daß man gegen solche freien Luftzüge das gewöhnliche Hausmittel der Verschließung der Fenster und der Verstopfung jeder zerbrochenen Scheibe anwandte, unbesorgt darum, ob mit der Luft den Bewohnern des alten Hauses „Deutschland“ auch das Licht entzogen werde. Kein Wunder, daß die Atmosphäre dumpf und drückend wurde und daß sich in ihr nur Diejenigen wohl befanden, deren Hauptsorge die Erhaltung schwacher Constitutionen war. Diesmal ging die Vorsicht noch weiter, man verschloß auch die Thüren nach der Schweiz, nach Frankreich, nach Belgien hin, sogar im Innern des alten Hauses sperrte man gewisse Riegel vor, so von Preußen und Baiern nach Jena hin, weil man das Saalthal noch immer für ein unverbesserliches Wetterloch ansah.

Aber Polizeigucklöcher waren durch alle diese verriegelten Thüren geschnitten, und mißtrauische Augen beobachteten jeden Professor [426] auf dem Katheder und jeden Studenten auf der Straße, sie schielten in jede Kneipe und späheten nach jedem Zipfelchen eines Verbindungsbandes, vor Allem lüstern äugelten sie in dem alten Ehrensitz der Burschenschaft, im „Burgkeller“ umher, denn hier ging noch das Schwarzrothgold um, aber nur nächtlicher Weile und in der Manier der Geister, die sich nicht ertappen lassen.

Das arme Schwarzrothgold! Kein krankes Kind ist je sorglicher gepflegt worden, als die Farbe der Burschenschaft und des deutschen Reichs in jener Zeit. Das Licht der Sonne sah es nie. Bei jedem wackelnden Drohfinger aus Preußen oder von Frankfurt her verbargen es die burschenschaftlichen Eigenthümer in dem sichersten Winkel des Pultes oder des Hauses, viele trugen es auf bloßem Leibe und erfreuten sich eines beseligenden Gefühls, wenn sie es von Zeit zu Zeit, im Colleg, auf dem Markt, in der Kneipe, mit den Fingern betasten konnten. Das ist keine Uebertreibung, daran werden sich Hunderte jetzt erst wieder erinnern, die das heute, wo die Farbe ihres geheimen Bundes zur allgemeinen deutschen geworden, längst vergessen hatten.

Da, in dieser magern Zeit für das Burschenherz, machte der Humor sich auf und führte innerhalb der Burschenschaft einen kleinen Kreis von Gleichbegabten zusammen, die in Wort und Bild und lebendiger Rede die Zustände des Welt- wie des Studentenlebens geißelten. Das war die „Unsinnia“. Ihre Sitzungen fanden bald bedeutenden Zulauf innerhalb der Burschenschaft, und selbst die Presse nahm sich freudig ihrer an, ohne daß von der Unsinnia selbst Etwas dem Druck übergeben worden wäre. Dagegen ist nicht zu leugnen, daß durch diese öffentliche Anerkennung die bisherige Gedrücktheit wich und daß sie endlich sogar einem blühenden Uebermuth Platz machte, der den von politischer Aengstlichkeit, von Bundestags- und Preußenscheu aufgestellten Pferch übersprang und mit gleichen Beinen mitten in die grüne Weide akademischer Freiheit hineinhüpfte. Diese schöne Geschichte möge nun Einer von der Unsinnia uns erzählen.




Wir saßen eines Morgens auf der Stube (denn Studiosus sitzt auf, nicht, wie der Philister, in der Stube) des langen Schwarzen, eines Braunschweiger Landeskindes, und lauschten so eben einer Rede, die er an die Wanzen seines Bettes hielt. „Liebe Mitgeschöpfe,“ sprach er, den rechten Zipfel seines Schlafrockes mit ciceronianischer Anmuth über die linke Schulter werfend, „still dahin lebende, treueste Hausgenossen! Im Angesicht dieser zukünftigen Männer deutscher Nation muß ich, wie weh es mir auch thut, Eure nächtlichen Schandthaten aufdecken und ein Wort an Euer Gewissen richten. Wer hat die Milch der frommen Denkart Euch vergiftet? Ich ahne es, denn zu grimmig habt Ihr mich gebissen, als daß dies nicht auf höhere Einflüsterung geschehen sein sollte. Ihr selbst seid nicht so schlecht, wie Ihr ausseht. Aber sitzen nicht in Wien die Minister unserer Landesväter um Metternich herum und verschwören sich auf’s Neue gegen die akademische Freiheit?

Akademische Freiheit! – Biedere Nichtwanzen dieses Raumes, an Euch wende ich mich in meiner akademischen Zerbissenheit: kann unsere Freiheit noch weiter herunter kommen, als auf den Hund, auf dem sie ist? Ist nicht jede öffentliche Aeußerung unserer jugendlichen Kraft auf das Maß jungfräulicher Zimperlichkeit niedergedrückt? Was ist uns von der Herrlichkeit unserer großen burschenschaftlichen Verbindungs-Vorfahren, der „Germanen“ geblieben, die, beinahe sechszig Mann stark, als sogenannte Demagogen alle Throne des deutschen Bundes hinter ihren 700,000 Bajonneten so erschütterten, daß um jeden derselben ein Schutzwall von kaiserlichen, königlichen, großherzoglichen, kurfürstlichen, herzoglichen, hochfürstlichen, landgräflichen und freistädtischen Immediat- und Centraldemagogenverschwörungsuntersuchungscommissionsactenstößen aufgethürmt werden mußte? Und gäbe es eine würdigere akademische Aufgabe für Euch, Ihr irre geleiteten Wanzen meiner friedlichen Kneipe, als diese Acten gründlich zu studiren, um Euch von dem Unrecht zu überzeugen, das Ihr mir allnächtlich anthut? Ja, durchwühlt das ungeheure Werk dieser Untersuchungsrichter, denn wahrlich, wenn das nicht gut für Euch ist, für wen soll’s besser sein!“

So schloß diese schöne Wanzenrede, und der Zipfel des Schlafrocks entsank der bedeutungsvoll zuckenden Achsel. Wir waren gerührt.

Die große Gemüthsbewegung führte zu der stolzen Frage: „Sollen wir, wie die „Corps“, alltäglichem Ulk uns hingeben? Dürfen wir wieder in die Öffentlichkeit treten mit einem schlechten Witz, den nicht eine politische Färbung veredelte?“

„Nimmermehr!“ so schüttelten sämmtliche Lockenhäupter, die braunen Mitteldeutschlands und die blonden des Nordens.

Aber der weise Schwarze sprach: „Beginnen wir mit Bescheidenheit! Ziehen wir uns von den Grenzen der Bundestagsgeschäftsthätigkeit auf das Land Weimar oder auf Jena zurück! Hat nicht irgend eine neue große That unser engstes Staatsleben bewegt?“

„Ja! Herr von Ziegesar (damals Universitäts-Curator), unser oberster Gesetzeswächter, hat einen höheren Orden erhalten.“

„Heureka!“ rief Jettchen, Weimars noch ungeahnter Volksvertreter, „lasset uns die Verherrlichung dieser neuesten Ordensverleihung öffentlich feiern!“

„Aber wie?“ fragte Schtah, der berühmte Nationalökonom der Zukunft. „Vorsicht ist für jedes politische Verbrechen gut, seitdem man um solcher willen auf die Blüthe der Nation tritt und sie in den Casematten verkümmen läßt!“

„Suchen wir für solches Auftreten eine wissenschaftliche Grundlage, so wird die rechte Form sich von selbst geben,“ rieth die philologische Cravatte.

„Alsdann abermals Heureka!“ rief Lips, der Geiger: „da die ochsenäugige Juno eine mythologische Person war, die Mythologie aber ein gar schönes Stück Wissenschaft ist, so sollen wir heute mit Ochsen spazieren fahren.“

Wer konnte dem Reiz des Gedankens einer Spazierfahrt mit Ochsen widerstehen? Die neue „wissenschaftliche Form“ des ersten neuen Auftretens war gefunden; aber sofort fühlte man, daß ihr Rahmen zu groß sei, als daß die Feier einer „Ordensverleihung“ ihn ausfüllen könnte, und so erhob sich die „Unsinnia“ einmüthig zu ihrem kühnsten Entschluß, dieser ersten Festfahrt durch die Gründung eines ihrer allein würdigen Bierstaats,[1] eines „Papstthums in Ziegenhain“ eine weltgeschichtliche Bedeutung zu verleihen.

Die Unsinnia gestaltete sich augenblicklich zu einem Conclave, aus welchem der Schwarze als Papst hervorging und sich feierlich den Namen „Niger I.“ beilegte. So war denn der große Beschluß gefaßt, und die Theilnehmer eilten von dannen, um die Vorbereitung zur Ausführung sogleich für den Nachmittag zu treffen.

Was rennt das Volk durch die Gassen von Saal-Athen? Was toben die Heiden und Philister? Die Fensterflügel aller Häuser fahren auf und flattern fröhlich zur Straße heraus in ihren Angeln, – Kopf an Kopf in wunderbarer Unterschiedlichkeit schießt Haus um Haus weiter, wie der Pulverknaul eines Rottenfeuers, als Straßenwandschmuck hervor. Bald steckt des Auges Thätigkeit auch die des Mundes und der Hände an. „Bravo!“ – „Halloh!“ – „Hoch!“ braust es zwischen den hohen Häusern der engen Gassen auf. Es ist bei allem Volk eine große Freude.

Da kommt der Zug. Voran zwei Reiter, in dem damals in den Straßen Jena’s nicht auffälligen Studentenwichs, mächtige [427] Kanonen, die Schlafröcke untadelhaft zerrissen, die Tabakspfeifen von echt burschikoser Länge; die Reiter waren der in schönster Jugendherrlichkeit blühende Coburger „Louis“ und die schmucke „kleine Cravatte“, zwei Prachtjungen. Und nun sind beide schon todt.

Hinter den Reitern stolzirte ein Ziegenhainer Bäuerlein, die lange Peitsche in der Hand und das Angesicht voll einer Glückseligkeit, wie sie noch kein Mensch erlebt hat, denn neben ihm schritt sein Ochsenpaar im höchsten Festschmuck: die vergoldeten Hörner seiner Ochsen waren es, die dem Bauer so in’s Herz lachten. Und auch die Thiere fühlten sich bedeutend geschmeichelt, sie wandelten daher wie über ihren Stand erhoben, kurz, wie frisch geadelt. Ich hätte nie geglaubt, daß ein geputzter Ochse so stolz sein kann.

In der ersten viersitzigen Chaise saß Niger I. allein und im rothen Talar, den er als zukünftiger guter Hausvater höchst billig dadurch herstellte, daß er seinen rothgefütterten Mantel umgekehrt umlegte. Sein Alltags-Hakenstock war, zugleich mit den Ochsenhörnern, vergoldet worden und dadurch zum einflußreichen Krummstab umgewandelt. Neben ihm saß sein Hund, den er als Oberhirte nicht entbehren konnte. Der liebe heilige Vater arbeitete an einer Verschmelzung von Priesterwürde und Leutseligkeit in seinem erhabenen Antlitz; die Freude des Volks über seinen Anblick that seinem gerührten Herzen wohl, und er würde die Menge „Gläubiger“, die ohne Zweifel hier vertreten war, auch mit milder Hand gesegnet haben, wenn die Hast, mit der einige Pudel (Pedelle) den Zug umschwänzelten, ihn nicht bewogen hätte, dies zu unterlassen. Aber sein theures Haupt neigte er oft vor den Grüßen der Begeisterung.

Auf dem Tritt hinter dem Sitze des Papstes standen zwei Kammerherren, schwarz vom Hut bis zum Stiefel, mit Fräcken von verschiedenem Styl und ungewissem Eigenthum. Auf der linken Brust trug Jeder einen Stern von Goldpapier, zur Feier der größtmöglich weimarischen Bedeutung des Tags, und hinten am Frack, zwischen den beiden Schößen, seinen hier angenäheten Hausschlüssel. Wer weiß, was ein alter Jenenser Hausschlüssel besagen will, der weiß auch, daß dieses Zeichen sichtbar und gewichtig war.

Hierauf folgte, nach angemessenem Zwischenraum, der zweite Wagen. Die Ochsen desselben trugen ihre versilberten Hörner mit einem Anstand, den man des großen Augenblicks würdig nennen konnte; das Bäuerlein hatte den Kutschersitz der stattlichen Chaise eingenommen und lenkte von hier mit der langen Peitsche und dem Bedürfniß entsprechenden „Hot hüjoh!“ sein vornehmes Gespann.

Im zweiten Wagen saß, ebenfalls in einen Mantel gehüllt, blaß und angegriffen, Jettchen. Das unwissende Ketzervolk dieser lutherischen Studentenstadt hielt das glattgesichtige, lockenköpfige und schmachtende Bild, wegen seiner besonderen Zartheit und Anmuth, für des Papstes Gemahlin. Um nicht durch Widerspruch die Gemüther zu reizen, ließ man die Volksstimme vor der Hand gelten; hatte doch Niger I. selbst im Conclave, man vermuthet, um die Stimme der Mehrzahl der Cardinäle für sich zu „keilen“, bereits die Aufhebung des Cölibats in nahe Aussicht gestellt.

Jettchens Kammerherren zeichneten sich durch blaue Fräcke mit silbernen Sternen auf der Brust aus; die Kammerherrenschlüssel entsprachen hinsichtlich des Kalibers denen ihrer goldigen Collegen.

Es war am Vormittage Wochenmarkt in Jena gewesen. Gar mancher Landmann hielt noch mit seinem Geschirr in der Stadt, und alle sahen von den Seiten der Gassen und den Winkeln der Plätze her, wohin sie zurückgedrängt waren, fast neidisch auf die vom Glück dieses Tages so bevorzugten Genossen. Nur Einer war klüger, als Alle; er schloß sich mit seinem Leiterwagen dem Festzug an, und kaum bemerkte dies der Bruder Studio des Burgkellers, so hatte auch dieser Wagen seine akademische Ladung und theilte die Ehren des Tages. Diese kühne That ermuthigte ein Bäuerlein um das andere, es schloß sich wieder ein Wagen und noch einer an, alle mit Studenten belastet, und endlich fuhr die Lust auch in die Philister, und es wuchs die Anerkennung des großen Gedankens mit der wachsenden Länge des Zuges. Daß die Ochsen an diesen Leiterwagen nicht gold- und silbergeschmückt, sondern mit ihrem werkeltägigen Schmutz angethan waren, gehörte sich so, weil sie ja doch nur „das Volk“ trugen.

So ging die bunte Wagenreihe in feierlich gemessenem Ochsenschritt und mit vieler topographischer Kenntniß durch alle Straßen und Gassen der Musenstadt und kam auch auf den Marktplatz. Siehe, da widerfuhr ihr die höchste Genugthuung: auf dem Prangersteine am Rathhauseck ragten über vieles Volk hoch empor die Häupter mehrerer der geliebtesten Professoren Jena’s; da standen die ewig jungen Studentenfreunde Scheidler und Göttling, da stand der alte Fries und der alte Kiefer, der alte Schott sogar, also manches ehrwürdige Mitglied des akademischen Senats, und sie Alle blickten so freudig auf die seltsame Procession, daß man in ihren Augen den Ausspruch lesen konnte: Gott Lob, daß die Jugend noch immer so jung ist! –

So ziehe denn hin, du frommer Zug! Ihr glücklichen Festochsen, lebet wohl! Als simple Alltags-Geschöpfe sehen wir uns wieder. – Wir geleiten Euch bis zum Saalthore hinaus, wo die Leiterwagen „des Volks“ größtentheils umkehren, ja, wir gehen bis auf die Saalbrücke mit, weil es von da gar schön aussieht, wie die Reiter und Festwagen, wenn sie hinterm Geleitshaus hervor auf das hohe Ufer der Saale gelangen, sich so stattlich im Strom spiegeln, wie die Hörner der Ochsen in der Sonne funkeln und die Kammerherren ihre kurzen großköpfigen Pfeifen anstecken und wie endlich Papst Niger I. von seinem Sitze sich erhebt und, mit jeder Hand einen Flügel seines rothen Talars fassend, die Arme ausbreitet, also daß er wie der Samiel der Wolfsschlucht dasteht, und mit nun pudelfreiem Gemüthe die Stadt und das Thal segnet, und die Weinberge, die’s so nöthig haben, und alle Söhne der Musen und die Töchter der Philister und dahinter, soweit es austrägt, die ganze übrige Welt.

Wir verrathen für diesmal Nichts von Allem, was im Vatican zu Ziegenhain vorging, auch nicht, wie Papst und Cardinäle am andern Morgen heimzogen; wir sehen nur, wie sie daheim für ihren gestrigen öffentlichen Frevel die Citation vor das Universitätsgericht empfangen, und finden sie, Jeden mit seinem Papierlein in der Hand, kurz nachher auf der Stube des Schwarzen wieder beisammen. – Etwas Untersuchung mußte ja doch sein! Die neue akademische Freiheit kostete jedem Genossen der Ochsenfahrt 19 Groschen 8 Pfennige weimar. Courant; dazu erhielt Jeder einen entsprechenden Verweis und nur ich außerdem noch eine herzoglich Sachsen-Coburgische Consistorialnase. Kein späterer öffentlicher Auszug der Burschenschaft wurde wieder bestraft.




Fünfundzwanzig Jahre hat seitdem Jenas alter Marktbrunnen Tag und Nacht fortgerauscht, und er rauscht noch wie damals. Aber wohin seid Ihr zerstreut, Ihr Ochsenfahrtgenossen? Wie sucht man Dich zusammen, selige Unsinnia? Wer lebt noch, und wo und wie? Machen wir erst die Kreuze in’s Stammbuch: für den fröhlichen Papst, Bente in Brannschweig, der zuerst starb; für Ludwig Braun in Coburg; für Philipp Gerber aus Sonneberg, einst in Sachsen-Meiningen, Kroatien und England als Theolog, Mediciner und Geiger heimisch und nun in Nordamerika begraben; für Paul Ingwersen, der, von den Dänen aus seinem Schleswig Holstein vertrieben, Publicist in Wien und Kaffeewirth in Constantinopel war und 1862 starb; für Adolf Trützschler, den sie zum Märtyrer begnadigt haben. – Und die Lebendigen, wo sind sie? Es sind eitel Schriftsteller geworden: Strackerjan in Oldenburg, Jäde in Weimar, Friedrich Hofmann aus Coburg, jetzt in Leipzig, Heinrich Schmidt in Hermannstadt, Siebenbürgens Nationalgraf beim Reichstag in Wien. Lorenz Stein, der Nationalökonom, Ludwig Häusser in Heidelberg, der Historiker; letztere Drei sind dazu unter die Professoren, nur Wydenbrugk ist unter die Diplomaten gegangen, was ihm Gott verzeihe, wenn’s möglich ist. Und die Andern? Backhaus, Rosenhagen etc., wo seid Ihr?

Werden all’ die noch lebenden deutschen Burschenschafter sich beisammen sehen an den Tagen des 14., 15. und 16. August, denen ganz Jena mit echter Burschenlust entgegenjauchzt? O, kommt, kommt Alle, ihr Treuen und Lieben, Fernen und Naiven! Wahrlich, zu beklagen ist Jeder, den das Herz dazu drängt und den die Verhältnisse fesseln! Aber noch weit mehr ist der zu beklagen, dem es nicht an Mitteln, sondern dem das Herz dazu fehlt! Möchte ein solches Unglück von den Tausenden der alten und jungen Burschenschafter auf allen deutschen Hochschulen, die alle zum Feste geladen sind, nur wenige betroffen haben! Und meldet Euch dem Festcomité in Jena zu rechter Frist (bis 15. Juli), denn die philisterhaft Säumigen sollen, wie der Fest-Ausschuß droht, verdonnert werden zu der gerechten Strafe, auf den Heuhaufen der Wöllnitzer Wiesen campiren und beim Festmahle eine ganze Flasche Jenenser 64er Schattenseite allein leeren zu müssen, wofür uns Alle gütig der Himmel bewahre!



  1. „Im deutschen Studentenleben spiegelte sich seit den Zeiten der Befreiungskriege das deutsche Volk in seinen besten und schlimmsten Eigenschatten theils verklärt, theils carikirt wieder, denn wie das Ideale nirgends glühender angebetet wurde, so fand auch die materialistische Richtung nirgends energischere Vertreter, als in der Studentenwelt. Zwischen dem ernsten, ja schwärmerischen Streben und der rohen Genußjagd trat nun vermittelnd und in der That auch versöhnend der deutsche Humor auf in den sogenannten Bierstaaten, und diese wurden mit großer Vorliebe namentlich in Jena gepflegt. Jede Verbindung besaß (und besitzt noch heute) ihre Herzogthümer, Grafschaften, Comthureien, Abteien in den berühmten Kneipdörfern Lichtenhain, Ziegenhain, Wöllnitz, Ammerbach. Zwetzen etc., und daß diese endlich bis zu Kaiser- und Papstthum hinaufgipfelten, war ganz natürlich. Mit köstlicher Gewissenhaftigkeit ordnete sich hier der Hof-, Civil- und Militärstaat um das erkorene Oberhaupt, kein Amt, weder geistliches noch weltliches, war vergessen, ja, für besondere Feierlichkeiten der „Hoftage“ stand sogar das entsprechende Costüm den hervorragendsten Charakterpersonen zu Gebote, und öffentliche Aufzüge, Festlichkeiten, Processionen und dergleichen fanden in jedem Bierstaate von Zeit zu Zeit statt. – Wenn ich nun eine Schilderung dieses fröhlichen Treibens in Jena versuche und dazu gerade den ersten Anlaß zur Gründung des Papstthums in Ziegenhain (das wohl noch jetzt besteht) wähle, so muß freilich der Leser selbst so viel gesunden Humors zu diesem Artikel mitbringen, daß er nicht in dieses glückliche Spiel jugendlicher Harmlosigkeit eine verletzende Absicht gegen den Kirchenstaat und das Papstthum hineinlebe, denn darinnen liegt sie nicht.“ So schreibt uns der Herr Verfasser. Trotzdem lassen unsere Erfahrungen in den letzten Jahren uns befürchten, daß die bigotten Erzfeinde der Gartenlaube dennoch neues Verdächtigungscapital selbst aus dieser Studentenfahrt gegen uns machen, weshalb wir es nicht für unnöthig halten, auch in dieser Sache an den verständigeren Sinn unserer deutschen Leser in jeder Kirchengemeinschaft zu appelliren.
    D. Redaction.