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Ersch-Gruber:Copernicus (Nicolaus)

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Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste
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Section 1, Theil 19 (1829), ab S. 248. (Quelle)
Nicolaus Copernicus in Wikisource
Nikolaus Kopernikus in der Wikipedia
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Copernicus, Nicolaus, der unsterbliche Begründer der nach ihm benanten Theorie des Weltgebäudes, wurde geboren zu Thorn in Preußen am 19. Februar 14731). Sein Vater, Nicolaus Köpernik, war ein Wundarzt, aus Krakau gebürtig; seine Mutter, Barbara Watzelrobt, eine Schwester des nachmaligen Bischofs von Ermeland, Lucas Watzelrobt von Allen; von Geschwistern wird nur eines Bruders, Andreas, erwähnt, welcher eben sowie Nicolaus,

1) So gibt Mästlin an, Junctin dagegen den 19. Januar 1772

[249] in Rom gewesen und Domherr in Frauenburg geworden ist. — Unser N. Copernicus erwarb sich theils in seiner Vaterstadt, theils später auf der Universität zu Krakau eine, wie seine Schriften zeigen, genaue Bekantschaft mit den alten Classikern, studirte überdies Philosophie und Medicin, in welcher letztem Facultät er den Doctorgrad erhielt. Von frühester Jugend an aber fühlte er sich zur Mathematik hingezogen und hörte daher mit Eifer die astronomischen Vorlesungen Albert Brudzewsky's in Krakau, der den hoffnungsvollen Jüngling gern seines nähern Umgangs würdigte. Der Ruhm des unter dem Namen Regiomontanus bekanten Mathematikers, Johann Müller, war für Copernicus ein neuer Sporn, seine Lieblingswissenschaft mit verdoppeltem Fleiße zu studiren, wozu ihn der Umgang und Wetteifer mit einigen gleichgesinten Jugendfreunden ebenfalls ermunterte. Unter den mathematischen Wissenschaften war es nächst der Astronomie vorzüglich die Perspective, worauf er anhaltenden Fleis verwandte und deren Regeln er zugleich durch Übung im Zeichnen und Malen in Anwendung brachte. Seine Absicht bei letztem Übungen war vornehmlich, auf den von ihm beabsichtigten Reisen, besonders nach Italien, sich von allen ihm vorzüglich merk, würdig scheinenden Gegenständen Bilder zu entwerfen. — Nach der Rückkehr von der Universität verweilte er einige Zeit in Thorn und unternahm dann in seinem 23. Jahre eine Reise nach Italien. Dort hielt er sich zuerst in Bologna: bei dem in jener Zeit berühmten Astronomen Dominicus Maria Novarra auf, der ihn nicht sowol als seinen Schüler als vielmehr wie seinen Freund und Gehilfen behandelte, und ihn an allen seinen Beobachtungen Theil nehmen ließ. Von Bologna ging Copernicus nach Rom, wo man ihn bald so hoch schätzte, daß man ihm fast dieselbe Achtung wie früher dem Regiomontan erwies und ihm eine Lehrstelle der mathematischen Wissenschaften übertrug, in welcher er durch seine Vorträge großen Beifall einerntete. Nach einigen Jahren kehrte Copernicus in sein Vaterland zurück, und erhielt hier von seinem schon erwähnten Oheime, dem nunmehrigen Bischof von Ermland, ein Canonicat am Domstifte zu Frauenburg. Anfangs schien ihm diese Stelle nicht die achoffte Muße für seine mathematischen Studien zu versprechen, da er mehr als einmal in die Händel seines Domcapitels mit dem teutschen Ritterorden verwickelt, und sogar von diesem Orden, dem er als muthiger Verfechter der Rechte seines Stifts ein Dorn im Auge war, in einer Schmähschrift angegriffen wurde. Nachdem es ihm gelungen war, sich einige Ruhe zu verschaffen, vertheilte er seine Zeit so, daß er erstlich seine geistlichen Amtspflichten gewissenhaft erfüllte, dann den Armen ärztlichen Beistand leistete 2) und endlich, so viel ihm noch an Zeit übrig blieb, auf Fortsetzung seiner Studien verwandte. Nichts desto weniger gab das große Vertrauen, welches die übrigen Mitglieder seines Domcapitels in

2) Ohne sich eigentlich für einen practischen Arzt auszugeben, erlangte Copernicus doch durch seine glücklichen Kuren solchen Ruf, daß man ihn sogar in dringenden Fällen nach Königsberg an den Hof berief. Den Armen gab er seine von ihm selbst verfertigten Arzneien unentgeldlich. Allgem. Encyclop. d. W. u. K. XIX.

seine Klugheit und in die Schärfe seines Urtheils setzten, noch oft Veranlassung, daß er aus der ihm erwünschten Einsamkeit und Stille in das geräuschvolle Geschäftsleben zurückkehren mußte. Mehr als ein Mal wurde er von dem häufig abwesenden Bischöfe zu seinem Stellvertreter ernant, oder, wenn derselbe anwesend war, um Rath gefragt; bei seinen Lebzeiten wurde der bischöfliche Stuhl mehrmals erledigt, und dann mußte er, obschon ungern, jedes Mal seinem Domcapitel darin willfahren, daß er das Amt eines Generalvicars und Administrators der Güter des Bisthums übernahm. Dies Amt verwaltete er unter andern auch nach dem Tode des Bischofs Fabian von Losengen, des Nachfolgers seines Oheims. In letztgedachter Stellung legte er einen starken Beweis seines Muths, seiner Standhaftigkeit und Berufstreue da, durch ab, daß er, unbekümmert um die Feindschaft der teutschen Ordensritter und polnischen Großen, einen Befehl vom Könige von Polen erwirkte, demzufolge diese Ritter die von ihnen anmaßlich in Besitz genommenen Stiftsgüter zurückzugeben verpflichtet wurden. Weniger erfolgreich waren zwei Jahre vorher seine Bemühungen auf dem Reichstage zu Graudenz gewesen, wohin er durch einstimmige Wahl seines Domcapitels als Abgeordneter gesandt worden war. Ein Hauptgegenstand der dortigen Berathungen war die Regulirung des Münzwesens, da der Silbergehalt der Münzen durch die vorhergegangenen Kriege sehr verringert, und noch kurz vorher vom Heermeister des teutschen Ordens aufs neue herabgesetzt worden war. Es wurde nun berathschlagt, ob man wieder, um nach dem alten, oder nach dem bereits in einigen Provinzen gewöhnlich gewordenen schlechteren Münzfuße ausprägen, und woher man das dazu nöthige Silber nehmen solle. Die Kaufleute hatten nämlich fast alles Silber, das im Lande gewesen war, eingeschmolzen und für Specereien nach Portugal gesandt, wo man damals nur Silber in Barren als Bezahlung annahm. Copernicus verfertigte nun eine Vergleichungs- und Reductionstafel der Weiche aller in den verschiedenen Provinzen des Königreichs gangbaren Münzen. Diese Arbeit nahm der polnische Reichsrath dankbar auf, und legte sie zu den Acten, um bei günstiger Gelegenheit Gebrauch davon zu machen; in Preußen aber wurde dieselbe keineswegs mit Beifall aufgenommen; am wenigsten behalte den drei großen Städten Danzig, Elbing und Thorn, die im Aus, prägen schlechter Münze ihren Vortheil fanden, der Vorschlag des Copernicus, daß sie ihre Münzen an einem besondern Orte unter öffentlicher Aufsicht schlagen lassen sollten. — Dies mag hinreichen, um zu beweisen, daß Copernicus, obgleich mehr zum contemplativen Leben geneigt, doch, wo es darauf ankam zu handeln, sich nicht scheu zurückzog, sondern auch im Geschäftsleben mit Klugheit und Festigkeit auftrat 3). Wenden wir uns nun zu

3) Erwähnt werden mag hier noch, daß er auch manche große Bauten ausführte, namentlich mehre Wasserleitungen, ,g„ d^i^ eine, welche das Wasser auf die Mühle zu Graudenz leitet, völlig erhalten ist: eine andere aber, welche das Wasser der Passarge auf einen Thurm zu Frauenburg und von diesem in die Wohnungen der Domherren führte, durch einen ungeschickten Versuch, sie wieder herzustellen, als sie durch die Länge der Zeit und durch Vernachlässigung verfallen war, fast ganz zerstört wurde.

[250] seinen astronomischen Arbeiten! Was ihn bewog, das ptolemäische Weltsystem aufzugeben, ist schon im vorigen Artikel gesagt worden. Es mag hier nur noch bemerkt werden, daß auch die (von den Ägyptiern entlehnte) Meinung des Martianus Capella, wonach Mercur und Venus sich um die Sonne bewegen, dazu beigetragen habe, ihn auf die rechte Spur zu bringen 4). Etwa von dem Jahre 1507 an begann er seine Gedanken hierüber niederzuschreiben. Um aber nicht wie die Pythagoräer und Andere seiner Vorgänger blos allgemein hin seine Behauptungen auszusprechen, um vielmehr seine Hypothese dadurch zu bewähren, daß nach derselben bessere astronomische Tafeln berechnet werden konten, als die ptolemäischen und alfonsinischen, unternahm er selbst Beobachtungen, die er mit denen der alten Astronomen verglich. Er wollte nach des Ptolemäus Beispiel einen Quadranten gebrauchen, um die größte und kleinste Mittagshöhe der Sonne in den Solstitien zu beobachten, und dadurch die läge des Äquators, Schiefe der Ekliptik und die Polhöhe seines Beobachtungsorts zu bestimmen. Obgleich er aber die Einrichtung dieses Instruments beschreibt, so findet sich doch nicht, ob er wirklich Gebrauch davon gemacht hat. Vielleicht fand er folgende andere Instrumente zum Gebrauch bequemer: Er verfertigte sich mit eigener Hand die sogenanten ptolemäischen Regeln 5) aus Tannenholz; die längste derselben, mit Tintenstrichen in !414 gleiche Theile getheilt, diente als Sehne eines rechten Winkels, von dessen beiden Schenkeln jeder 1UU0 eben solche Theile enthielt. Ob er sich auch Armillen verfertigt habe, ist ungewiß, da er zwar ihre Einrichtung beschreibt und Anweisung zu ihrem Gebrauche bei Anfertigung eines Fixsternkatalogs gibt, aber die Örter der Fixsterne nicht nach eigener Beobachtung, sondern nachdem Ptolemäus angibt. Sicherer ist, daß er sich einen i^äiu« 25ls<»l>on>icu5 verschafft habe, um die Abstände der Sterne von einander zu messen. Den Abstand zwischen den Wendekreisen fand er 46° 67^ weniger ein Fünftel Minute, also die Schiefe der Ekliptik 23" 28',4. Die Höhe des Äquators fand er, aus denselben Beobachtungen, für Frauenburg 35° 4N',6 6) und berechnete daraus seine Polhöhe zu 64° 19',5. Aus Sonnen, und Mondfinsternissen, die von ihm zu Frauenburg und von seinen ehemaligen Mitschülern zu Krakau beobachtet worden waren, fand er, daß Krakau, sowie auch Dyrrachium in Makedonien unter einerlei Meridian liege, und reducirte darum seine Beobachtungen auf des bekanteren Ortes Krakau Meridian, welchen er eine Stunde vom alexandrinischen unterschieden setzte. Er beobachtete nun alle Planeten mit Ausnahme des Mercur, welchen, wie Copernicus aussagt, die aus der Weichsel aufsteigenden Dünste und die Schiefe der Sphäre an seinem Beobachtungsorte selten zu sehen erlauben. Für die unvollkom-

4) Vergl. De Revolutionib. Lib. I. cap. 10. 5) Über diese und andere hier erwähnte, jetzt nicht mehr übliche Instrumente vergl. J. F. Weidler de mechanica astronomiae mediiaevi. Vitemb. 1742. 6) Daß er hierin und in der vorigen Beobachtung durch Nichtbeachtung dir starten Refraction beim Wintersolstitio geirrt habe, fand schon Tycho's Schüler Elias Olaus.

menen Instrumente, deren er sich bediente, sind seine Beobachtungen wirklich musterhaft, übrigens war er selbst weit entfernt, sich von seinen Werkzeugen große Genauigkeit zu versprechen, wie feine Äußerung gegen den Rheticus beiweist: Ego vero si ad sextantes, quae sunt scrupula decem, veritatem adducere potero, non minus exsultabo animis, quam ratione normae reperta Phytagoram accepimus. Auch sah er immermehr ein daß die meisten Beobachtungen der alten Astronomen nicht sehr zuverlässig seven, daß auch sin ihren«Angaben der Fixsternörter Fehler von 10 Minuten vorkämen, und daß sie ost, vorgesaßlenMeinungen zu Liebe, die Beobachtungen verfälscht hatten. Er empfand daher lebhaft, wie nb- thig es sey, erst eine lange Reihe sorgfältiger Beobach- tungen vor sich zu haben, um seinem Svsteme einen von ihm noch nicht erreichten Grad der Vollendung zu geben. Glück-licher war in dieser Hinsicht sast hundert Jahre spa- ter der mit Bra he’s Beobachtungen ausgerüstete Kep- ler, der darum gleichsam als zweiter Begründer des Co- pernieanischen Systems angesehen werden muß. —— Um das Jahr 1530 mochte Copernicus sein großes Werk ziemlich fertig ausgearbeitet haben, hielt es aber noch zurück und fuhr sort daran zu bessern. Vontjahte 1515 an legte er sich besonders aus die genauere Bestimmung der Urnlaufs- zeiten des Mondes, wozu ihn die aus dem laieranischen Concilium aufs neue in Anregung gebrachte Kalender- verbesserung veranlaßte 7). Die im Lateran versammel- ten Väter hatten eine eigene Congregation zu diesem Zwecke ernant, deren Vorsteher 8) den Copernitus in ei- nem Briefe um Rath fragte und ihn dringend ersuchte, durch seine Kentnisse und Geschicklichkeit das Vorhaben zu unterstützen. Diesem Briefe war ein Schreiben des zum Geheimschreiber der damaligen Kirchenversarnlung er- wählten Bernhard Stultetus, Derans der erm- ländischen Kirche, eines Freundes von Copernieus, beige- fügt, welches die näntliche Bitte enthielt. Dennoch nahm Copernicus Anstand, seht schon etwas mitzuthei- len, was er selbst noch sur unreif hielt, versprach se- doch, nach Krästen zu dem wichtigen Vorhaben mitzu- wirken. Die Kalenderverbessetung blieb deshalb damals noch unausgesuhrt, doch war dem Copernirus, wie er selbst sagt 9), dadurch neuer Antrieb zur genaueren Be- stimmung der Jahres- und Monatslänge gegeben worden, und seine Beobachtungen dienten nachher bei der von Gregor XII. angeordneten Kalenderverbesserung zur

7) Schon lange hatte man die Nothwendigkeit einer solchen Verbesserung gefiiblt imb bereite auf ben Eoncilien ju geniitflni iinb 33afe( baviiber feibiintelf Sinei) ronr bieS bcrSiuerf, \\\ roelcfiem '|\ipit öivtuu IV. ben :")Jcg icnion ta n nael)i)ieni bernfen batte. (\L>erg[. b. <;irt. M a I c ilb e r.). 8) Paulus Miiidelbtirgen«is Toro - Semprnniensis episcopus. 9) . . . . Hi nustii labores, si non mefallit opinio, videbiintiir etiam reipub. eccleaiasticae conducere aliquid Nam non jam multo ante sub Leone X. in coiicilio Lateranensi vei'tebatur quaestio de eriienJando ca- lendario ecclesi-istico , quae tum inde cisa Iianc solummodo ob causam , quod annnrum et mensium niagnitudines , atque Solls et lunae mntus nonduni satis dimeiisi hdberentur. Ex quo equidem tempore, his accuratius ob-^ervindis animum la- tendi, admonitus a praeclariss. viro D. Paulo episcopo Sem- prnniensi, qui tum isti negotio praeerat, Prac/at. in /ibrot rei'o/uiionum.

[251] Grundlage 10), obschon die alfonsinische Jahresform beibehalten wurde. — Der Ruf von dem Systeme des Copernicus hatte sich schon über die ganze damalige gelehrte Welt verbreitet, als Copernicus noch immer zögerte, sein Werk darüber herauszugeben. Er fürchtete, wol nicht mit Unrecht, daß seine Zeitgenossen, gewöhnt an die seit Jahrhunderten allgemein angenommene ptolemäische Hypothese, es für ein ul,«ur<luin ««^o»^« halten möchten, wenn er mit der Behauptung hervorträte, daß die Erde sich bewege. Auch mochte er vielleicht, wiewol er dies nicht sagt, voraussehen, daß sein System bei der Geistlichkeit Anstoß finden, und für ihn Verketzerung oder (man denke an Galilei!) einen Widerrufsbefehl zur Folge haben könne. Auf jeden Fall glaubte er durch fortgesetzte Beobachtungen seine Meinung immer besser begründen und dann ein um so gereifteres System dem Publicum vorlegen zu können. Dies Alles bewog den nicht furchtsamen, wol aber klugen und bedächtigen Mann, sein Werk bis gegen das Ende seines Lebens zurück zu halten. Doch gab er, nach Art des Pytyagoras, seinen Freunden, gleichsam seiner esoterischen Schule, schon früher die nöthigen Aufschlüsse. So erhielt z. B. der Cardinal Nicolaus Schönberg schon im Jahr 1536 eine Abschrift des Werks de revolutionibus. Drei Jahre später kam der wittenberger Professor Georg Joachim Rheticus, ein geistvoller und geschickter junger Mann, nachdem er seine Professur niederqelegt hatte, selbst nach Preußen, um von Copernicus zu lernen. Durch diesen wurde zuerst im dritten Monate seines Aufenthaltes bei Copernicus eine etwas ausführliche Nachricht über das copernicanische System, in Form eines langen Schreibens an seinen ehemaligen Lehrer, den Mathematiker Ioh. Schoner in Nürnberg, verbreitet, und bald nachher unter dem Titel Narratio prima gedruckt "). Auch brachte Rheticus, als er späterhin aus Preußen zurückkehrte, einen, für den damaligen Zustand dieser Wissenschaften recht guten Abriß der ebenen und sphärischen Trigonometrie von Copernicus nebst dazu gehörigen für den Halbmesser 1000000 berechneten Sinustafeln mit, und ließ ihn zu Wittenberg drucken ").— Durch alles dies wurde das Verlangen nach dem ausführlichen Werke des Copernicus immer größer. Copernicus aber hielt dasselbe aus den schon angeführten Gründen noch zurück, zumal da sich die Absichten seiner Feinde schon jetzt deutlich genug verriethen, indem sie einen Comödienschreiber anstifteten, ihn, wie im Alterthume Aristophanes den Sokrates, auf die Bühne zu bringen und lächerlich zu machen. Obgleich dies boshafte Unternehmen mislangz, und den Unwillen aller Gutgesinten erregte, so ging doch aus demselben hervor, daß Ziele, freilich mit

10) «l. «?/<«>«» «xpl>c«i» «2«l«nä«rii <3r«ßori«ni <ü,p. V. « Vl. ll) Eine »„-!-«>«> >«onn<l», «bwol von Rheticu« versprochen, scheint nicht heranjgttommcn z» seyn, vielleicht weil nicht lange darauf da« Werl de« Copernicu« selbst in Druck gegeben Mulde , welchem auch jene »«rr««,. wenigsten« in de» mir vorlitgenden Basl» «»«gäbe, angehängt ist. «) v« 1««ril,u5 « «ngn li» tri,neulornm «um nl»norum r«etilin«»ruin5uln,pli,«ri<:<,. «n> «««. VicenlK, «547. Am Schlüsse de« ersten Buche« bc« Werte« 6« r«»t,luuanil,u, ist diese Trigonometrie, jedoch in Ansehung d« Tafel» nicht so vollständig , wieder abgedruckt.

schreiender Ungerechtigkeit, den Copernicus für einen ruhmsüchtigen Neuerer hielten. Copernicus entschloß sich daher endlich, nur, um den Wünschen seiner Freunde zu genügen und der Welt wenigstens den unmittelbaren Nutzen, den ihr sein Werk bringen konte, nicht zu entziehen, Tafeln nach den von ihm gefundenen Elementen zu berechnen und dieselben, jedoch ohne alle Erläuterungen und Beweise bekant zu machen. Der eigentliche Kenner werde dann schon, so hoffte er, aus den Tafeln die Gründe, worauf sie beruhten, abnehmen, jeder Andere aber wenigstens die Örter der Himmelskörper nach ihnen berechnen können. Damit waren aber seine Freunde, vorzüglich der Bischof von Culm, Tiedemann Giese, nicht einverstanden, sondern meinten, das Werk würde unvollkommen bleiben, wenn Copernicus nicht, wie Ptolemäus, die Grundlage seines Systems mit allen daraus zu ziehenden Folgerungen, vollständig darlegte. Schon bei den alfonsinischen Tafeln, sagten sie, sey es schwer, eben weil sie blos Zahlen enthielten, die zum Grunde liegenden Hypothesen heraus zu finden; wie viel mehr würde dies bei den Copernicanischen der Fall seyn, da diese auf Voraussetzungen beruhten, die ganz von den bisher gewöhnlichen abwichen. Selbst wenn ein geschickter Astronom aus solchen Tafeln erriethe, daß sie auf die Annahme gegründet seyen, die Erde bewege sich, so würde er diese Annahme, wenn sie so ohne weitern Beweis da stände, immer zu verwerfen geneigt seyn. Auch sey es jedem deutenden Menschen unangenehm, wenn astronomische Tafeln, wie die alfonsinischen, bloße Zahlen enthielte», welche man auf Treue und Glauben annehmen müßte, ohne zu wissen, wie sie gefunden seyen. Der Spott über das schon ruchtbar gewordene neue System würde am besten durch eine vollständige Bekantmachung der Gründe dieses Systems zum Schweigen gebracht werden. — So von Vorstellungen und Bitten seiner Freunde bestürmt, und vielleicht auch ahnend, daß ihm nur noch kurze Zeit zu leben vergönt sey, willigte endlich Copernicus in die Herausgabe seines, drei Mal länger, als die horazische Regel vorschreibt, zurückgehaltenen Werkes "). Er übergab dasselbe an Giese, dem er es überließ, die Herausgabe nach Willkür zu veranstalten. Dieser sandte es sogleich nach Sachsen zum Rheticus, mit welchem er schon Verabredung deshalb getroffen hatte. Rheticus war aber der Meinung, das Werk könne nirgends besser als in Nürnberg (dem Hauptsitze des damaligen teutschen Buchhandels) herausgegeben werden; sey es ihm auch nicht möglich, selbst dort gegenwärtig zu seyn und die Aufsicht über den Druck zu führen, so würden dies doch seine gelehrten Freunde in Nürnberg, Schoner, Osiander u. A. gern übernehmen. So geschah es denn, daß Andreas Oslander Herausgeber des Werks wurde, welcher sich zwar nicht nante, aber in einem kurzen Vorberichte die Vorurtheile der Zeitgenossen gleichsam zu versöhnen suchte mit dem neuen Systeme. Es erschien unter dem Titel: Nicolai Copernici, Torinensis, de re-

13)... Qui apud me pressus non in nonum annutn .';o- liim, scd )am in qnartom noveniiium lacitjsset, Praef. ad Paulum III. pontif. max.

[252] volutionibus orbium coelestium[1] libri VI, in quibus stellarum et fixarum et erraticarum motus ex veteribus atque recentibus observationibus restituit hic autor, Praeterea tabulas expeditas luculentasque addidit, ex quibus eosdem motus ad quodvis tempus Mathematum studiosus facillime calculare potest. Norimbergae 1543. Fol., nachgedruckt wurde es 1566 zu Basel und 1617 cum annotationibus Nic. Mülleri zu Amsterdam. Kurz vor Beendigung des Drucks seines Werkes erkrankte der sonst so kräftige 70jährige Greis. Bald lähmte ein Schlagfluß seine rechte Seite; sein Gedächtniß und seine übrigen Geisteskräfte wurden schwach, und am 24. Mai 1543 verschied er. Wenige Stunden vor seinem Tode wurde ihm noch das erste, so eben angekommene, Exemplar des fertig gewordenen Werkes überreicht. – Im Dome zu Frauenburg, vor dem Altare, wo er Messe zu lesen pflegte, ist Copernicus begraben. Dort ließ der, 36 Jahre nach seinem Tode zum ermländischen Bischof erwahlte, Geschichtschreiber Polens, Martin Cromer, eine marmorne Platte mit einer Inschrift legen, welche jedoch jetzt nicht mehr vorhanden seyn soll. Auch Melchior Pyrnesius, ein Arzt zu Thorn, errichtete seinem berühmten Landsmanne in der dortigen Johanniskirche ein Denkmal, woran jedoch mehr der gute Wille als die Ausführung zu loben ist. Fürst Jablonowskv, welcher sich zu Kästners Zeit in Leipzig aufhielt, sandte eine Büste des Copernicus nach Thorn, wo sie aber nicht gefiel und darum nicht öffentlich aufgestellt wurde. – Im J. 1584 sandte Tycho de Brahe seinen Schüler Elias Olaus nach Frauenburg, um die Lage dieses Beobachtungsortes des Copernicus nach genaueren Methoden zu bestimmen, als Corpernicus angewandt hatte. Olaus wurde von den Domherrn aufs freundlichste empfangen, einen Monat lang bewirthet und erhielt bei seiner Abreise die ptolemäischen Regeln des Copernicus zum Geschenke für Tycho, welcher dies Instrument zwar nicht anwendete, wol aber als Reliquie des von ihm hochverehrten Manner heilig aufbewahrte, und es sogar in lateinischen Versen besang. – Was den Charakter und Geist des Copernicus betrifft, so erhellet aus der ganzen Geschichte seines Lebens, wie vorurtheilsfrei, unerschutterlich rechtschaffen und beharrlich in dem als wahr und gut von ihm Erkanten er gewesen sey. Mit Freundlichkeit und Wohlwollen gegen alle Menschen, besonders gegen seine Freunde, verband er eine ernste Ansicht des Lebens, die ihm jedes zweck- und gehaltlose Geschwätz unangenehm machte. Mit männlichem Muthe vereinigte er hohe Bescheidenheit und kluge Vorsicht. Von seiner vielseitigen Bildung, seinen medicinischen Kentnissen und seiner vertrauten Bekantschaft mit dem classischen Alterthume ist schon oben die Rede gewesen. Einen noch nicht erwähnten Beweis davon gibt seine übersetzung von Theophylacti scholastici Simocati epistolae morales, rurales et amatoriae aus dem Griechischen ins Lateinische[2] – Es gibt mehre Abbildungen des Copernicus: die eine, welche Copernicus selbst gemalt haben soll, besaß Tycho Brahe; eine andere, die aus der Boissardschen Bildersamlung copirt ist, hat Gassendi seiner vita Copernici und danach vermuthlich auch Westphal seiner Lebensbeschreibung des Copernicus vorgesetzt; eine dritte hat Bulliald an der strasburger Uhr gesehen; eine vierte hat Berneggger aus Preußen bekommen und vor seiner lateinischen Übersetzung von Galiläi's Gesprächen in Kupfer stechen lassen; eine fünfte endlich, die sich im Besiize eines gewissen Hussarzewsky, Kammerherrn eines ermländischen Bischofs des vorigen Jahrhunderts befand, hat der danziger Arzt D. Wolf copiren lassen und diese Copie der königl. Societät zu London im J. 1777 geschenkt, wovon in den philosophical Transactions gedachten Jahres ausführliche Nachricht gegeben wird. – Briefe von Copernicus sollen mehre wissenschaftlichen Inhalts in den Händen des Joh. Broscius, Professor der Astronomie zu Krakau, gewesen seyn[3].

  1. Kästner meint, und Andere haben ihm nachgeschrieben, die Worte orbium coelestium seyen ein Zusatz Osianders, weil Rheticus an Schoner „de libris revolutionum“ schrieb. Dies scheint wir aber kein genügender Grund für eine solche Annahme, da Rheticus damals noch nicht die letzte für den Druck bestimte Abschrift in Händen hatte, und, auch wenn er den ausführlicheren Titel kante, in einem Briefe wol kurz de libris revolutionum sprechen konte.
  2. S. Götzens Merkwürdigkeiten der königl. Bibliothek zu Dresden. Bd. 2. Saml. 1. No. 4. S. 6.
  3. Außer den schon angeführten Werken des Copernicus und Rheticus sind bei dieser Biographie als Quellen benutzt: P. Gassendi Nic. Copernici, Warmiensis Canonici, astronomi iilustris vita. (Ein Anhang zu desselben Verf. Vita Tychonis Brahei. Hagae Comit. 1655). Kästners Gesch. der Mathematik. Bd. 2. K. 358 f. – Delambre Hist. de l’astronomie moderne. Tom. 1. p. 85 f. – Nic. Copernicus. Dargestellt von J. H. Westphal. Konstanz 1822. – Philosoph. Transact. of the year 1777.