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Erinnerungen aus dem letzten Kriege/12. Das rothe Haus

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Textdaten
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Autor: Alexander Weimann
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Titel: Erinnerungen aus dem letzten Kriege/12. Das rothe Haus
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 211–214
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[211]
Erinnerungen aus dem letzten Kriege.
Nr. 12. Das rothe Haus.


Wir hatten eine der blutigsten Schlachten vor Metz mitgemacht. Ziemlich spät Nachmittags zur Verwendung gekommen, waren wir ununterbrochen mit Hurrah vorgegangen und hatten durch das unglaublich weittragende Chassepot nicht unbedeutende Verluste erlitten, trotzdem aber keinen Franzosen zu sehen bekommen. Umsomehr erheiterte es uns, als wir bald darauf in einer Zeitung unter „Eingesandt“ einen Bericht über unsere Thätigkeit in der Schlacht lasen, in dem wir zu wahrhaften Helden gestempelt waren. Wir wußten zuerst nicht, wem wir diese Glorificirung zu danken hatten, bis wir den Dichter in einem einjährig Freiwilligen entdeckten, den ich Fritz nennen will.

Der Vicefeldwebel der Compagnie, welcher fand, daß er in diesem Phantasiegemälde zu kurz gekommen war, beehrte den armen Freiwilligen dafür mit seiner heimlichen Abneigung und brütete Rache. Nun hatte Fritz den Schlachttag zwar mit Unterdrückung des widerstrebenden Ichs männlich mitgemacht – und ich stelle den moralischen Muth über den angeborenen –, aber es war sicher, daß er es sich bedeutend süßer dachte, für das Vaterland zu leben, als pro patria mori (für’s Vaterland zu sterben). Es war ihm, als wir dann den Befehl erhielten, mit in die Cernirungslinie zu rücken, welche den eisernen Ring um das starke Metz bildete, höchst unbehaglich gewesen, sich dem verderbendrohenden Festungsgürtel Schritt für Schritt zu nähern, und wenn er auch eine sorglose, ja heitere Miene zeigte, so hatte er doch öfters mit dem Taschentuch flüchtig über die Stirn fahren müssen, um die unter der Mütze hervorperlenden Schweißtropfen abzuwischen. Er sagte dann jedes Mal zu seinem Nebenmann im Gliede: „furchtbar heiß heute“, was Jener dann mit stummem Kopfnicken [212] erwiderte. Dem Vicefeldwebel war das nicht entgangen und er benutzte jede Gelegenheit, um mit teuflischem Behagen den Einjährigen auf das Gefährliche der neuen Situation aufmerksam zu machen.

Die Compagnie wurde zunächst in zweiter Linie postirt und ihr ein reizendes Dörfchen als Aufenthalt angewiesen. An dem Eingang der Straße lag ein todtes Pferd.

„Sehen sie nur, Fritz,“ sagte der Feldwebel boshaft darauf hindeutend, „Granatverwundung!“

Fritz wandte sich mit Abscheu von dem widerlichen Anblick ab. „Daß sie aber bis hierher schießen können!“ sagte er.

„Wir können hier von drei Seiten Feuer bekommen,“ erwiderte der Feldwebel schmunzelnd. In der That hörte man in diesem Augenblick einen sehr fernen dumpfen Knall, und nach kurzer Zeit sauste eine Granate pfeifend und zischend über das Dorf hinweg, um gleich darauf mit heftiger Detonation zu platzen.

„Na,“ sagte der Vicefeldwebel, „da schreiben Sie nur morgen einen Bericht, daß wir mit unerschütterlicher Standhaftigkeit im heftigsten Granatfeuer unsere Ruhe und Kaltblütigkeit bewahrt hätten.“

Der Freiwillige warf ihm einen scheuen Blick zu. Die Compagnie wurde einquartiert. Bald darauf kam ein Marketender in das Dorf gefahren und hielt, unbekannt mit der Gefahr, mitten in der Hauptstraße. Mit zauberhafter Schnelligkeit verbreitete sich die Kunde: „Es giebt Bier vom Faß!“ Einer rief es dem Andern zu, und in kaum zehn Minuten war Alles, was Geld und Durst hatte – und an Beidem fehlte es selten – um das Faß versammelt, aus welchem der speculative Händler den schäumenden Trank in sehr kleine Gläser zapfte und ihn für sehr große Münze verkaufte.

Der Vicefeldwebel war im schnellsten Tempo durch die Straße geeilt, um auch noch seinen Theil zu erhalten, als wieder eine Granate durch die Straße fegte, in welcher die Ressource sich etablirt hatte. Er blieb stehen, schien sich einen Augenblick zu besinnen und lief dann rasch wieder zurück. Ich konnte mir sein Benehmen zuerst nicht erklären, bis ich ihn Arm in Arm mit dem Freiwilligen zurückkehren sah, der die Miene eines Märtyrers hatte. Er hatte ihn abgeholt.

„Göttlich,“ hörte ich ihn sagen, „ganz göttlich, hier das herrliche Bier vom Faß und drüben spielt Bazaine das große Solo auf der Zwanzig-Centimeter-Kanone, hören Sie nur diesen langgezogenen Ton – Dschingggnnnnnnnn – – – herrlich, göttlich, virtuos!“ Eine Granate fuhr während dessen mit nervenzerreißendem Getöse durch die Straße und bohrte sich an deren Ende tief in den Boden ein. Der Freiwillige sah aus, als wenn er sich für sein Leben gern auch in den Boden eingebohrt hätte.

Der Marketender wollte fort aus der Straße, aber davon war keine Rede; er könne weg, wurde ihm gesagt, aber das Faß müsse bleiben. Er war blaß, zitterte und bebte, aber – er blieb. Die Geldgier überwog bei ihm die Angst um das Leben. Mit wahrhaft satanischer Bosheit betrachtete der Vicefeldwebel den Freiwilligen, der den Marketender mit seinem Bier zu allen Teufeln wünschte. Zwei Tage hatte die Compagnie so in dem Dörfchen gelegen, als sie den Befehl erhielt, eine vorgeschobene Stellung zu besetzen.

„Wir müssen fast unmittelbar unter die Kanonen des St. Quentin,“ sagte der Vicefeldwebel zu Fritz, „es ist ein Skandal, daß wir immer nur als Kanonenfutter verwendet werden.“

„Ja,“ sagte Fritz entrüstet, dem das aus der Seele gesprochen war, „weiß Gott, es ist ein Skandal.“

Der Vicefeldwebel sah ihn an, lachte laut auf, drehte sich vergnügt auf dem Absatz herum und ging fort. Der Freiwillige sah ihm betroffen nach. Als die Compagnie früh antrat, um nach ihrem Bestimmungsort abzurücken, lag die Nacht noch auf der Erde. Die größte Stille wurde anbefohlen, und querfeldein durch tief aufgeweichten Acker zog die dunkle Linie in gerader Richtung auf die Festung zu. Als es anfing, etwas licht zu werden, stieg dunkel und drohend vorn ein mächtiger Fels auf. Es war das Fort St. Quentin, welches stolz und unnahbar auf dieser Seite auf jäh aufsteigendem Gestein erbaut ist. Es wurde leise „Halt“ commandirt und die Disposition zur Besetzung der neuen Stellung ausgegeben. Der Vicefeldwebel rückte mit seinem Zuge, bei welchem sich Fritz befand, durch ein kleines Wäldchen vor. Als er aus demselben heraustrat, erhoben sich, wie aus dem Boden gewachsen, dunkle Gestalten. Es war der Trupp, der abgelöst werden sollte. Stillschweigend traten die Leute aus dem Graben, in welchem sie gelegen hatten, in das Wäldchen, trotz aller Vorsicht aber schien man drüben doch den Wechsel zu bemerken. Zahlreiche Schüsse blitzten auf, und mit dem knatternden Knall von drüben vermischte sich das Pfeifen der Kugeln. Rasch warf der Zug sich in den Graben.

Du lieber Gott! tief genug war der Graben, um Deckung zu gewähren, aber einen Fuß Morast und einen halben Fuß Wasser mußte man mit in den Kauf nehmen. Schaudernd empfand man das Durchdringen des Wassers, und seufzend ergab sich ein Jeder in sein Schicksal, vierundzwanzig Stunden in dem unfreiwilligen Bade zu verbleiben. Deutlich hörte man die Uhr der Kathedrale von Metz die vierte Stunde schlagen. Deutlicher stiegen die Felsenmauern des St. Quentin vor uns auf; das Fort erschien uns so nah, als ob es uns erdrücken könne.

Schon stieg die Sonne blutroth über den Horizont und zertheilte den dichten, auf der Erde liegenden Nebel. Ueber dem Eisenbahndamm, der, kaum siebenhundert Schritt entfernt, parallel mit unserem Graben die feindliche Vorpostenlinie deckte, sah man in den ersten Strahlen der Morgensonne das Blitzen der französischen Bajonnete. Zwischen dem Damm und dem Graben stand ein zierlich aus rothen Backsteinen aufgeführtes Haus.

Auf den neben dem St. Quentin aufsteigenden Höhen wurde weithin tönend Reveille geblasen, und Bivouacfeuer flammten hier und da auf. Der Zug befand sich in sehr exponirter Position. Der Freiwillige hatte sich fröstelnd mit heroischer Verachtung alles zukünftigen Rheuma’s auf den Boden des Grabens gesetzt und lehnte müde und abgespannt gegen die Grabenwand. Selbst diese unbehagliche Situation konnte den Schlaf nicht verscheuchen. Der Einjährige schlief ein, und auf der ganzen Linie hörte man tiefe schnarchende Töne. Seit der Trupp Deckung in dem Graben gefunden hatte, fiel von drüben kein Schuß mehr. Die Sonne stieg höher am wolkenlosen Himmel; der Tag versprach heiß zu werden.

Es mochte wohl drei Uhr Nachmittags sein, als der Vicefeldwebel vorsichtig durch das Wäldchen glitt, um dem Freiwilligen ein Kochgeschirr mit Erbssuppe zu bringen. Er hielt öfters inne auf seinem gefährlichen Wege, um einen Blick auf die Gruppen der Schlafenden zu werfen. Alle lagen bis über das Knie in dem dicklehmigen Wasser, das Gewehr vorgeschoben über den äußeren Grabenrand, den Körper an die Wand des Grabens gelehnt, den Kopf schwer herniedergesunken auf den Kolben des Gewehrs, welchen selbst im Schlaf die Rechte pflichttreu umfaßte. Manche Mutter, manche Braut hätte sich vielleicht feuchten Auges von diesem Bilde der Ruhe abgewendet, und doch war diese Ruhe sanft, fest und unschätzbar für die Schläfer. Auch der Freiwillige schlummerte noch.

Der Vicefeldwebel, der trotz seiner boshaften Rachsucht für Fritz dessen großer Jugend wegen ein Gefühl empfand, welches den Namen Mitleid wohl eher, als den der Zuneigung verdiente, zögerte erst, ihn zu wecken. Dann stieß er ihn sanft an. Der Freiwillige wendete sich seufzend auf die andere Seite. Der Vicefeldwebel, welcher auf den Knieen herangekrochen war, streckte sich platt auf den Boden aus, legte seinen Mund dicht an das Ohr des Einjährigen und sagte im tiefsten Grundton des Basses: „Granate!“

Fritz fuhr wild auf, knack – knack – knack, ging es drüben los und mehrere Kugeln schlugen prasselnd in das junge Holz. Fritz tauchte wieder unter und sah sehr verstimmt aus. Sein Gesicht klärte sich aber wieder auf, als ihm der Feldwebel den dampfenden Kessel Suppe in den Graben reichte, und er machte sich mit dem glänzenden Appetit der Jugend an die Vertilgung des labenden Gerichtes. Die Sonne sandte ihre senkrechten Strahlen glühend heiß vom Himmel, so daß es jetzt fast eine Erquickung war, in dem Wasser des Grabens zu sitzen.

„Jetzt ein Glas Bier vom Eise,“ seufzte Fritz, indem er den leeren Kessel dankend zurückschob. Auch der Vicefeldwebel konnte sich nicht enthalten zu seufzen. Er rutschte näher: „Für heute Abend habe ich einen Plan,“ flüsterte er.

Der Freiwillige sah ihn mit lebhafter Spannung an; denn nach seinen bisherigen Erfahrungen hatte er gegründete Ursache, die Pläne des Vicefeldwebels mit Mißtrauen entgegenzunehmen.

[213] „Sie sehen doch drüben das rothe Haus?“ fragte der Letztere leise. Fritz nickte, obgleich er aus seiner tiefen Stellung absolut nichts sah, als Himmel und Graben. „Der Lieutenant, den wir ablösten,“ fuhr der Vicefeldwebel fort, „hat mir bestimmt versichert, daß er gestern Nacht in dem Hause gewesen sei und sich in dem Keller ausgezeichneter Rothwein befunden habe. Das Haus liegt in beiderseitigem Schußbereich, und es hat sich wohl Niemand so recht hineingewagt. Wir wollen heute Nacht eine Patrouille dorthin machen und uns ordentlich verproviantiren.“

Der Freiwillige streckte vorsichtig den Kopf aus und warf einen Blick nach dem rothen Hause hinüber. „Herr Vicefeldwebel,“ sagte er schüchtern, „das lohnt ja nicht.“

„Es wird schon lohnen,“ erwiderte derselbe, „halten Sie nur reinen Mund, damit Niemand etwas merkt! Ich werde Sie abholen, sobald ich die Zeit für günstig halte.“ Hiermit glitt er vorsichtig in das Wäldchen zurück und kroch wieder an seinen Platz.

„Was das wieder für Blödsinn ist!“ murmelte der Einjährige verstimmt, als sein schrecklicher Freund sich entfernt hatte. „Gott beschütze einen nur vor seinen Freunden! Vor meinen Feinden will ich mich schon selbst schützen.“ Damit lehnte er sich wieder tief in den Graben zurück, zog aus der hinteren Rocktasche eine total durchnäßte windelweiche Cigarre und versuchte sie anzuzünden.

Sein Nebenmann, ein Unterofficier Lange, sah den vergeblichen Anstrengungen, den Tabak in Brand zu setzen, mit Interesse zu. „Die wehrt sich,“ sagte er gutmüthig nickend, „legen Sie das Ding erst etwas in die Sonne, Herr Freiwilliger!“

Der Einjährige legte seufzend das schwärzliche Kraut auf den trocknen Grabenrand. Lange stopfte eine Pfeife, setzte sie ohne Hinderniß in Brand und reichte sie freundlich dem Freiwilligen, welcher sie, freudig überrascht, dankend annahm und begierig den Dampf einsog. Der Unterofficier rückte ihm näher. „Was sagte der Feldwebel vorhin von Wein?“ fragte er vertraulich.

„Na,“ sagte Fritz, durch die Pfeife verpflichtet, „da Sie es doch ’mal gehört haben, will ich es Ihnen sagen, aber lassen Sie sich um des Himmels willen nichts merken!“

„I Gott bewahre!“

„Der Herr Vicefeldwebel behauptet, in dem rothen Hause da drüben – er zeigte mit der Pfeifenspitze über die Schulter – „liege guter Rothwein, und hat die tolle Idee, heute Abend mit mir da hinüber zu gehen und den Wein herauszuholen.“

Der Unterofficier hatte aufmerksam gehorcht. „Na, ich will nichts gesagt haben,“ sagte er sehr ernst, „aber ich würde mich nicht darauf einlassen. Ich habe gehört, Nachts solle das Haus voller Franzosen stecken.“

„Na, das fehlte noch,“ sagte Fritz, „aber was soll ich machen? Wenn der Feldwebel sich solche Idee in den Kopf gesetzt hat, ist er eigensinniger als ein Maulesel.“

Lange schüttelte den Kopf. „Sehen Sie zu, daß Sie ihn davon abbringen. Das ist nichts anderes als Selbstmord.“

Der Freiwillige beschloß bei sich mit einem heiligen Schwur, sich nicht auf die Expedition einzulassen. Die Sonne sank langsam nach Westen. Nach einer Stunde gelang es Fritz, die Cigarre anzubrennen. Er sah träumerisch den blauen Wölkchen nach, welche auch dieses Kraut erzielte. Dann machte er nochmals mit Erfolg einen Schlafversuch und erwachte erst, als die letzten Strahlen der Sonne roth und goldig auf das Wäldchen fielen. Auf der Höhe flammten die Bivouacfeuer wieder auf; aus dem französischen Lager trug der Wind Gesang und Gelächter herüber. Dann schlug die Uhr der Kathedrale die zehnte Stunde. Einer nach dem Andern erhob sich in dem Schutz der Dunkelheit aus dem Graben, die steifen Glieder zu dehnen. Als der Freiwillige sich erhob, fühlte er sich an der Schulter berührt. Der Vicefeldwebel stand neben ihm. „Es ist Zeit,“ flüsterte er. Wie Posaunen hallten die Worte in das Ohr des Einjährigen.

„Auf ein Wort, Herr Vicefeldwebel,“ sagte er und trat mit ihm einige Schritte in das Wäldchen. „Sie wissen, Herr Vicefeldwebel, wie gern ich mich an der vorgeschlagenen Expedition betheilige;“ – –

Die Dunkelheit verbarg das ironische Lächeln, welches die Züge des Angeredeten überflog.

„– – nach reiflicher Ueberlegung fühle ich mich aber verpflichtet, Ihnen davon abzurathen; das Haus soll bei Nacht von den Franzosen besetzt sein, und wir dürfen uns wegen einer Flasche Wein nicht der Gefahr aussetzen, gefangen zu werden.“

„Unsinn!“ erwiderte der Feldwebel, „der Lieutenant ist ja vorige Nacht im Hause gewesen; außerdem sind wir nun doppelt verpflichtet, vorzugehen. Wir gehen nicht hin, um eine Flasche Wein zu holen, sondern wir machen eine Patrouille zur Aufklärung des Vorterrains und nehmen noch beiläufig Wein mit, wenn wir welchen finden. Sie haben doch zu Niemandem darüber gesprochen?“ fügte er mißtrauisch hinzu.

„Nein, bewahre!“ erwiderte der Freiwillige in möglichst aufrichtigem Tone.

„Geben Sie Ihr Gewehr ab! Es könnte hinderlich sein,“ fuhr der Feldwebel fort, „und nehmen Sie diesen Revolver! Ich habe noch einen; er ist geladen. Sehen Sie sich vor!“

Fritz nahm den Revolver widerwillig an und ergab sich in das Unvermeidliche. „Vorwärts denn, Herr Vicefeldwebel!“ sagte er mit verzweifelter Entschlossenheit. „Ich wasche meine Hände in Unschuld.“

„Waschen Sie nur zu!“ sagte der Feldwebel trocken und schritt voraus. Die Dunkelheit war vollkommen. Der Himmel hatte sich bewölkt. Als sie die Doppelposten vor der Linie erreichten, wurden sie angerufen. Sie gaben Losung und Feldgeschrei, passirten und schritten nun, ohne zu sprechen, auf die feindliche Stellung zu. Plötzlich blieb der Feldwebel stehen. „Hören Sie nichts?“ fragte er flüsternd.

„Nein,“ hauchte Fritz und fuhr mit der Hand über die feuchte Stirn.

„Auf den Boden!“ rief der Feldwebel leise, aber energisch; sein scharfes Ohr hatte deutlich Schritte vernommen.

Beide lagen regungslos. Eine feindliche Patrouille zog schwatzend kaum fünfundzwanzig Schritt an ihnen vorüber.

„Wollen wir noch weitergehen?“ fragte Fritz schüchtern.

Der Vicefeldwebel lachte kurz und ärgerlich. „Wollen wir jetzt vielleicht umkehren, wo wir ganz sicher sind, für’s Erste keiner feindlichen Patrouille wieder zu begegnen?“

Der Freiwillige unterdrückte mit Mühe einen Fluch und wünschte den Feldwebel in das Land, wo der Pfeffer wächst. Immer weiter schritten sie in die finstere Nacht hinein; endlich hob sich vor ihnen die dunkle Masse des Hauses in unbestimmten Umrissen. Vorsichtig schlichen sie heran und horchten. Kein Laut war zu hören. Sie tasteten an der Wand entlang bis zur Thür.

„Wollen Sie draußen Wache halten oder mit hineinkommen?“ fragte der Vicefeldwebel.

„Ich komm’ mit,“ flüsterte Fritz; er wäre nicht allein geblieben, nicht um beide Indien. Die Thür gab knarrend nach; noch tiefere Dunkelheit als draußen gähnte ihnen in dem verhängnißvollen Hause entgegen.

„Warten Sie!“ sagte der Vicefeldwebel leise, „ich werde leuchten.“ Er lehnte die Thür zu und rieb ein Streichhölzchen an. Das Licht fiel auf ein geräumiges Zimmer, angefüllt mit den Rudera von einigen Möbeln; Dachziegel lagen auf der Erde; ein Granatsplitter steckte in einer Wand. Links war eine offene Thür.

„Hier in dem zweiten Zimmer muß nach der Beschreibung der Eingang zum Keller sein,“ sagte der Vicefeldwebel und schritt rasch durch die offene Thür. Er rieb ein zweites Hölzchen an; auch hier waren nur Trümmer. An der hintern Wand gähnte ihnen der dunkle Eingang zum Keller entgegen. Der Vicefeldwebel blieb noch einmal, aufmerksam horchend, stehen; dann ging er schnell auf die Fallthür zu und stieg, gefolgt von dem Freiwilligen, vorsichtig die Stufen hinab. Noch einmal machte der Vicefeldwebel Licht: Flaschenscherben bedeckten den Boden; drei Wände waren kahl, aber dort! – sein Herz klopfte hoch auf vor Entzücken – dort an der Wand entdeckte er Regale, bis obenhinan angefüllt mit roth gesiegelten Flaschen. „Hurrah! was sagen Sie jetzt, Fritz?“

„Famos!“ sagte Fritz mit eigenthümlich bebender Stimme.

Im Nu war der Vicefeldwebel an dem Regal, orientirte sich schnell und warf das niedergebrannte Hölzchen fort. Er legte den Revolver auf die Erde und zog zwei Flaschen von ihrem Lager. „Kommen Sie her, Fritz!“

Er schob dem Freiwilligen die beiden Flaschen unter den linken, weitere zwei unter den rechten Arm. Wieder wollte er in das Regal greifen – da hielt er erschreckt inne. Das Knarren der Hausthür war an sein scharfes Ohr gedrungen. „Pst!“ [214] warnte er. Fritz fuhr zusammen und preßte krampfhaft die Flaschen an sich, um sie nicht fallen zu lassen. Schwere Schritte dröhnten in dem oberen Raum; mehrere Menschen traten geräuschvoll jetzt schon in das zweite Zimmer; Waffen klirrten. Der Vicefeldwebel beugte sich nieder, seinen Revolver aufzuheben; er fuhr hin und her mit der Hand; er konnte ihn nicht finden; er hatte vergessen, daß er sich umgewendet hatte. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. „Machen Sie sich schußfertig,“ flüsterte er mit gepreßter Stimme dem Freiwilligen zu.

„Ich habe ja die Flaschen unter dem Arm,“ erwiderte Fritz verzweifelt.

Oben wurde ein leises Gespräch geführt; dann wurde Licht angezündet. Ein heller Schein fiel durch die Kelleröffnung auf die feuchte, glitzernde Kellerwand. Dann wurde es wieder dunkel; die Schritte näherten sich der Fallthür. Sie schienen von drei bis vier Mann herzurühren.

Der Vicefeldwebel tastete nochmals vergeblich nach der Schußwaffe, dann bog er sich hinüber zu dem Freiwilligen und rang dem Widerstrebenden den Revolver aus der Hand.

„Lieber todt als gefangen!“ zischte er ihm durch die festgeschlossenen Zähne zu.

Fritz bebte, daß die Flaschen unter seinem Arme leise zusammenklirrten. Jetzt traten wuchtige Schritte auf die Kellertreppe. Der Vicefeldwebel trat energisch einen Schritt vor. „Halt!“ donnerte er mit Löwenstimme. Gleichzeitig flammte von der Treppe her ein Streichhölzchen auf und wurde auch sofort wieder wie im Schreck fortgeschleudert. Ein Gewehr wurde knackend gespannt. Das blaue Schwefellicht brannte auf der Erde weiter und warf seinen geisterhaften Schein auf die blitzenden Helme und rothen Kragen – preußischer Uniformen.

„Halt, halt,“ rief der Vicefeldwebel, „gut Freund!“

„Der Herr Vicefeldwebel!“ hörte man eine Stimme von der Treppe her rufen, aus deren Ton die Ueberraschung deutlich hervorklang.

„Gott sei Dank!“ hauchte der Freiwillige.

„Na, da soll doch gleich – ist das nicht Unterofficier Lange?“ rief der Vicefeldwebel erstaunt, aber doch sehr erleichtert.

„Zu Befehl, Herr Vicefeldwebel!“

„So ein hinterlistiger Kerl!“ murmelte der Einjährige.

Der Vicefeldwebel war zu vergnügt über diesen Ausgang des Abenteuers, um über die Angabe des Unterofficiers, er hätte eine Schleichpatrouille gemacht und sei dabei zufällig hierhergekommen, ein Wort zu verlieren.

Reich mit Flaschen beladen, trat man den Rückweg an und erreichte ohne Hinderniß die Vorposten. Als schon verschiedene Flaschen geleert waren, sagte der Vicefeldwebel versöhnt: „Na, Fritz, der Wein ist gut, aber das machen wir doch nicht wieder.“

Der Freiwillige sagte nur: „Nein!“ aber dieses Nein war der Ausdruck seiner aufrichtigsten, innigsten Ueberzeugung.
Alexander Weimann.