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Erinnerungen an einen Millionenfürsten

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Textdaten
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Autor: Hermann Heiberg
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Titel: Erinnerungen an einen Millionenfürsten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 422–423
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Erinnerungen an Bethel Henry Strousberg
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Erinnerungen an einen Millionenfürsten.

Von Hermann Heiberg.

Gegen Ende der Sechsziger Jahre folgte ich der Aufforderung eines meiner Verwandten, der mit Strousberg wegen der Bau-Ausführung einer großen Eisenbahn verhandelte, dem um diese Zeit vielbesprochenen Manne einen Besuch zu machen.

Alle Welt redete damals von dem Millionenfürsten, und die Zeitungen brachten fast wöchentlich fabelhaft klingende Mittheilungen über seine Person, seine Unternehmungen und seinen Besitz. Namentlich war auch viel von seinem neuerbauten Palais in der Wilhelmsstraße die Rede, und dieses einmal in Augenschein zu nehmen, reizte mich ganz besonders.

Strousberg hatte meinem auswärts wohnenden Verwandten schreiben lassen, daß er ihn zu sprechen wünsche, und ein genauer Termin war zwischen ihnen Beiden verabredet worden.

Als wir zur festgestellten Zeit die Treppen des edelgehaltenen Baues hinaufstiegen, hielt ein Viergespann vor der Thür, im Vestibul stand ein halb Dutzend livrirter Diener, und ringsum saßen Petenten, die des Augenblicks gewärtig waren, wo sie sich dem Gewaltigen nähern durften.

Während wir noch mit dem Diener sprachen, öffnete sich die Thür und laut redend erschien ein mittelgroßer, etwas corpulenter Mann mit scharf prononcirten Zügen, der rasch voranschritt und weder uns, noch die Uebrigen eines Blickes würdigte.

„Ah, Sie, Herr von B.?“ hub er an, als mein Verwandter sich näherte und mich gleichzeitig vorstellte. „Thut mir sehr leid! Jetzt muß ich fort. Morgen um diese Zeit, wenn es Ihnen gefällig ist.“ – Und zu mir gewandt: „Freut mich, Sie kennen gelernt zu haben! Besuchen Sie mich einmal wieder. – Sie, – führen Sie die Herren durch die Zimmer.“

Nachdem er die letzten Worte einem der Diener zugerufen, eilte er rasch und ohne Gruß an uns vorüber und jagte im nächsten Augenblick bereits mit seinem offenen Gespann davon. Während wir die prächtigen, mit höchstem Geschmack und mit wahrhaft vornehmem Luxus ausgestatteten Räume durchschritten, äußerte ich mein Erstaunen über diese formlose Art, eine feste Abmachung zu ignoriren, und es mag hier gleich erwähnt werden, daß es ein charakteristischer Zug dieses Mannes war, mit einer von den Geschäfts- und Gewohnheitsüsancen mehr als abweichenden Nonchalance nur allzuhäufig derartige Verabredungen zu behandeln. Nachdem wir die sämmtlichen, namentlich durch vorzügliche Gemälde geschmückten Zimmer besichtigt und auch in einem Wintergarten eine künstliche Nachtigall hatten singen hören – („o bitte, warten Sie,“ sagte bezeichnend der Diener; „ich werde sie gleich aufziehen“), ließen wir das auch zur Vorbereitung für den morgigen Besuch nothwendige Trinkgeld in die Hand des Führers gleiten und empfahlen uns.

Strousberg stand damals auf der Höhe seiner Erfolge. Das Haus und die Bureaux waren umlagert von Antragstellern aus aller Herren Ländern, Vorschläge und Offerten gingen täglich zu Hunderten ein; bei Strousberg eingeladen zu werden, galt für eine der größten Auszeichnungen, und Capitalisten, Millionäre, Grafen und Fürsten antichambrirten stundenlang. Wenn er auf Reisen ging, folgte ihm ein Train, der dem Beherrscher eines Landes Ehre gemacht hätte; nicht selten wurde ein Extrazug für ihn geheizt, und fortwährend meldeten die Blätter von neuen Erwerbungen, bei denen es sich um Hunderttausende handelte. Als Strousberg seine silberne Hochzeit feierte, waren die Zeitungen spaltenlang gefüllt mit der Aufzählung von kostbaren Geschenken, die man ihm verehrt hatte, und kurz nach diesem Familienfeste feierte er, wenn ich mich nicht sehr irre, auch endlich den langersehnten Triumph, daß eine hochgestellte Persönlichkeit des Hofes seine Gemäldegallerie besichtigte.

Als wir am nächsten Tage uns in seinem Bureau in der Jägerstraße einfanden, wimmelte es von Menschen. Boten kamen, Depeschen wurden abgegeben; es war ein Hin und Her und ein Aus und Ein sondergleichen. Nun saß ich dem merkwürdigen Manne zum ersten Male gegenüber, hörte ihn reden und konnte ihn beobachten.

Es verbindet sich mit dieser Skizze nicht die Absicht, Strousberg erschöpfend als Geschäftsmann oder als Mensch in seinen privaten Verhältnissen zu schildern. Dies ist früher und neuerdings bei seinem soeben erfolgten Tode besser und ausreichender von anderen Seiten geschehen. Aber ich glaube, daß die Mittheilung einiger Begegnisse unter sehr von einander abweichenden Verhältnissen nicht ohne Interesse sein wird und, neben der Charakterisirung, mancherlei Vorurtheile über diesen seltsamen Mann zu zerstreuen im Stande ist. Ich meine, dies vorausgesandt, mein Urtheil dahin zusammenfassen zu können, daß Strousberg ein ganz außergewöhnlicher Mensch war. Seine Tugenden waren so groß, wie seine Fehler. An ihn mit der Moral der Kinderstube heranzutreten, hieße die geistigen Bedeutungsunterschiede der Menschen und die aus großen Zwecken nothwendig sich ergebenden Consequenzen verkennen. Auch ihm seine eminenten Verdienste um die Förderung des preußischen Eisenbahnwesens absprechen zu wollen, würde keine vorurtheilsfreie Kritik wagen dürfen.

In erster Linie aber war Strousberg – fast klingt es wie eine Paradoxie – kein Geschäftsmann; an dieser Thatsache scheiterte er. Er war weder ein Rechner noch ein Sparer. Seine Voraussetzungen erhob er ohne Weiteres zu fertigen Ergebnissen. Aus diesen Illusionen heraus disponirte er nicht nur über erst eingehende Geldgewinne, sondern er machte sich durch allerlei Passionen, die er betrieb, in leichtsinnigster Weise sogar ganz unnütze Verlegenheiten. Er war weder pünktlich noch zuverlässig, weder klug berechnend noch rücksichtsvoll um seines Vortheils willen, ja sogar unklug und unvorsichtig in seinen Reden, um einen augenblicklichen kleinlichen Erfolg der Bewunderung zu erzielen. Strousberg war mit sammt seinen Gaben ein gefährlicher Phantast, und nur seine gleichzeitige glänzende Verstandesdivination und das unerhörte Glück seiner Erfolge haben es ermöglicht, daß dieser Mann zeitweilig eine so große Rolle hat spielen können. Er erhob Thorheit zu Weisheit; die einfachsten Regeldetrisätze des Calcüls, die ewig unwandelbar und unverrückbar sind, schien er mit ihrer logischen Wahrheit über den Haufen zu werfen, die gewiegtesten und kaltbesonnensten Geschäftsmänner fesselte er an seine Fahne, dictirte mit fast unumschränkter Autorität seiner Umgebung, und stellte vorübergehend Menschen und Verhältnisse geradezu auf den Kopf. Und das Alles, das Gute und das Ueble – nicht aus Gewinnsucht, niemals, außer in höchster Bedrängniß – mit verwerflichen Mitteln, niemals mit kalter, egoistischer Berechnung, – aber immer aus einem mächtigen unbezwingbaren Schaffensdrange, und nicht zum wenigsten – aus Eitelkeit.

Wäre Strousberg ein ebenso fähiger Erhalter wie Förderer großer, zeitgemäßer Ideen gewesen, hätte er mit seinem Organisationstalente auch die Ruhe und die Gründlichkeit besessen, hätte er es verstanden, vermöge praktischer Menschenkenntniß, die ihm völlig abging, sich mit zuverlässigen und tüchtigen Personen zu umgeben, und hätte er erkannt, daß in der Beschränkung erst die wahre Meisterschaft beruhe, die Welt würde auf dem von ihm gepflegten Gebiete seines Gleichen kaum gehabt haben. Denn er war zugleich voll Idealismus, voll Menschenliebe, erfüllt von dem Drange, Gutes und Großes zu schaffen, zu nützen: – er war wahrhaft selbstlos für seine eigene Person, voll rührender Sorge für seine Familie, hatte keine Körper und Geist zerstörende Passionen; er war weder Spieler noch Trinker, er besaß im Gegentheil einen genügsamen Hang zur Häuslichkeit, der als Muster hätte dienen können.

Und seine edle Frau, von der einst eine Dame behauptete, wenn Engel zur Erde herabstiegen, müßte sie sich in deren Gefolge befinden, trug seine Launen, seine Grobheiten, ja häufig seine maßlosen Rohheiten mit einer beispiellosen Geduld; sie kannte seinen inneren Kern und übte deshalb sanftmüthige Nachsicht mit seinen Schwächen.

Das folgende Mal näherte ich mich Strousberg auf Bitten eines mir eng befreundeten Künstlers, des inzwischen verstorbenen, in seiner Art hochbedeutenden Thiermalers Eugen Krüger, der Werth darauf legte, daß Strousberg eines seiner Bilder kaufen möge, aber selbst ein Angebot natürlich nicht machen wollte. Ich erinnere mich der Scene, wie heute. – Strousberg ließ – es war Nachmittagszeit und das Bild war ihm bereits nach einer gesprächsweisen Vorbereitung von meiner Seite in’s Palais gebracht – heraussagen, er bäte mich, näher zu treten. Ich durchwanderte eine Reihe der hellerleuchteten, prunkvollen Zimmer und fand ihn – die Kleider geöffnet – auf einem kleinen Sopha ausgestreckt.

„Nun, Herr Doctor,“ hub ich an, „wie hat Ihnen das Bild – (es waren Wildschweine im Winterschnee –) gefallen?“

„Der Mann kann Sauen malen, aber keine Luft. Sagen Sie ihm das!“ –

Ich hörte, aber wartete auf Entscheidung. Endlich sagte ich: „Es ist also nichts?“

„Hm, hm! Wie viel fordert der Mann?“

Ich nannte einen angemessenen, nicht zu hohen Preis.

„Für die Luft viel zu viel, für die Schweine allerdings zu wenig. – Nein, nein, es ist nichts!“ – und er ging auf ein anderes Thema über.

Krüger war im ersten Augenblick sehr erregt, als ich ihm berichtete. Nach einigen Tagen aber sagte er mir: „Strousberg hat Recht. Reden wir nicht mehr davon.“

Auch dieser Zwischenfall war für Strousberg sehr charakteristisch. Er traf immer den Nagel auf den Kopf. Bei seiner Vielseitigkeit war er überall zu Hause, und als sachgemäßer, geistvoller Kritiker suchte er seines Gleichen.

Es möge noch ein Beispiel von der planlosen Unbesonnenheit hier Platz finden, mit der er bisweilen vorging, wenn ihn etwas interessirte oder der Vortragende ihn zu fesseln wußte.

Die Disconto-Gesellschaft hatte zur Gründungszeit die Absicht, eine der größten europäischen Zeitungen in ihren Besitz zu bringen. Man war auch auf eine große Kaufsumme gefaßt, aber selbstredend mußte es ein „Geschäft“ sein. Herr von Hansemann that, als er den Preis hörte, den denkwürdigen Ausspruch: „Da kaufe ich mir lieber preußische Consols und schlafe ruhig.“ –

Aus der Sache wurde nichts. Strousberg aber hatte von der Angelegenheit gehört und bat mich, ihn zu besuchen. „Wie viel?“ fragte er, ohne auch nur eine Ziffer zu kennen. Ich nannte die nach vielen Millionen Thalern zählende Forderung.

„Ich kaufe sie“ – resolvirte er kurz. „Ich kaufe sie für meine Kinder. – Sagen Sie in meinem Auftrage Hansemann, daß wir das Geschäft zusammen machen wollten; ich werde dann das Nähere mit ihm besprechen. Entschließt er sich, ist die Sache abgemacht.“

Als ich Herrn von Hansemann lediglich im Interesse eines endlichen Definitivums nochmals besuchte und Strousberg’s Auftrag ausrichtete, schüttelte er in einer Weise mit dem Kopfe, daß ich die Antwort meinem Auftraggeber gar nicht überbrachte. Aber Strousberg hatte auch jedenfalls die Sache schon nach vierundzwanzig Stunden vergessen, obgleich er sich mit mehreren Millionen Thalern engagiren wollte. –

Bald nach Beendigung des französischen Krieges ging ich im Auftrage der Familie eines mir nahestehenden, plötzlich gestorbenen Freundes nach Metz, um dort ein stark verwickeltes, sehr bedeutendes Geschäft zu reguliren. Es waren viele Partner, und auf die Wittwe des Verstorbenen kam nicht allzu viel. Es galt nun, mit einigen Gläubigern wegen auftauchender Forderungen zu verhandeln, und unter diesen befand sich auch Strousberg. Er saß, umgeben von einigen Herren, in einem der vorderen Gemächer. Ganz nach seiner unmanierlichen Gewohnheit, selbst Leute mit [423] Frack und Orden in Hemdärmeln zu empfangen, trug er auch heute nur einen dünnen, seidenen chinesischen Schlafrock, der soweit zurückgeschlagen war, daß er die Brust unter dem ungeknöpften Hemde frei ließ. Er stand nie auf, wenn man in’s Zimmer trat, sprach rücksichtslos in Gegenwart Anderer über die intimsten Gegenstände Dritter und war je nach Eitelkeit und Laune kurz oder gnädig.

Auch diesmal war es so.

„Was bringen Sie mir?“ fragte er herablassend und ohne mir einen Stuhl anzubieten.

Ich wartete und ließ meinen Blick umherschweifen.

„Ah so! – Entschuldigen Sie! – Bitte, nehmen Sie Platz!“

Es gefiel ihm, daß ich mich von ihm nicht behandeln ließ, wie die Meisten.

Ich erzählte nun, daß mein Freund gestorben und daß seine Wittwe wegen ihrer zahlreichen Familie gebeten habe, bei ihm um Tilgung der Schuld einzukommen. – Mit der größten und wärmsten Theilnahme hörte er mir zu, erkundigte sich nach den näheren Verhältnissen bis in’s Detail, erging sich in milden, aber gerechten und verständnißvollen Worten über den Verstorbenen, und schloß mit der Frage (sie war sehr bezeichnend): „Fünftausend Thaler erhalte ich, nicht so?“

„Nein, mindestens das Dreifache, Herr Doctor –“

„Na, könnte die Wittwe denn nicht etwas abzahlen?“ schob er ein. „Und wenn nicht jetzt, vielleicht später? Wie viel hat sie zu leben? Hm, hm! – Grüßen Sie sie von mir. Sagen Sie ihr, ich hätte ihren Mann lieb gehabt; ich wünschte ihr alles Gute. – Bleiben Sie noch in Berlin?“ etc. etc.

Endlich erhob ich mich und berührte nochmals den Gegenstand. „Darf ich also melden, Herr Doctor –“

„Nun ja, ich sagte es ja schon! Noch heute soll der Betrag als bezahlt verbucht werden. Adieu! Adieu!“

Als Strousberg als ruinirter Mann – die Ereignisse sind ja bekannt – aus Moskau zurückgekehrt war und sein Bureau in der Dorotheenstraße einrichtete – wir hatten uns in der Zwischenzeit mehrfach geschäftlich berührt – ließ er mich durch einen Freund abermals bitten, ihn zu besuchen.

„Lesen Sie und sagen Sie mir Ihr Urtheil!“ hub er an und schob mir ein Papier hinüber. Es war der Prospect über eine Commandit-Gesellschaft auf Actien in Höhe von fünf Millionen Mark.

„Nun? Was halten Sie davon? Ich bitte unumwunden um Ihre Ansicht!“

„Ich glaube, daß fünf Millionen Mark das Eingeständniß einer Schwäche sein würde, Herr Doctor. Ich fürchte, offen gesagt, Sie werden Fiasco machen. Lassen Sie es ganz, oder nehmen Sie eine viel größere Summe, meinetwegen fünfzig Millionen unter nachweisbaren Garantien und unter Darlegung Ihrer Pläne. Vielleicht täusche ich mich in der Voraussetzung, daß der alte Zauber Ihres Namens wirken wird – jedenfalls werden Sie mit dieser Summe und mit diesem Prospect nichts erreichen.“

Als mir Strousberg aber gar erklärte, er wolle die Banken und Börsen gänzlich umgehen und sich lediglich an’s Publicum wenden, glaubte ich ihm überhaupt abrathen zu sollen. Seltsamer Weise wurde doch ein Geringes gezeichnet und zwar, wie mir erzählt ward, von Leuten, die viel Geld bei ihm verloren hatten.

Es giebt eben ewige Räthsel. – – Einige Monate später waren Strousberg’s Verhältnisse schon wieder äußerst precäre. Die Möbel in der Keith-Straße wurden gerichtlich versiegelt, und die Familie – wahrscheinlich solchen Eindrücken entfliehend – verließ abermals Berlin. Ich besuchte ihn hier zwei Mal.

Bei erster Begegnung saß er nach seiner Gewohnheit mit gekreuzten Unterbeinen und liebäugelte mit seinen kleinen, in Lackstiefeln steckenden Füßen. Unser Gespräch war sehr merkwürdig und von seinem raschen und originellen Urtheil ward ich, wie immer, auf’s Höchste angezogen. Strousberg war in der That ein außerordentlich geistreicher Mensch, nicht bezüglich blitzender Redewendungen, aber durch die abweichende und ganz eigenartige Auffassung der Dinge. Endlich sagte er, ziemlich unvermittelt: „Geben Sie einmal ein Urtheil über mich ab.“

Ich zauderte, aber er drang in mich. Nachdem ich mich als jüngerer Mann seiner Nachsicht versichert hatte, sagte ich: „Ich halte Sie bezüglich Ihres weiten Blickes und Ihrer großartigen Veranlagung für einen ungewöhnlich genialen Mann. Sie sind aber kein Geschäftsmann, obgleich Sie diese Carrière wählten. Ich bezweifle, daß Sie jemals Ihre Menschenkenntniß praktisch verwerthet haben, und ich glaube, daß Sie in Ihrem Leben niemals solvent waren, obgleich Sie sich zeitweilig einbildeten, einer der reichsten Männer Europas zu sein.“

„Letzteres ist stark,“ erwiderte Strousberg und musterte mich mit eigenthümlichen Blicken. Aber er brach schnell ab und bot mir, auf ein anderes Thema übergehend, eine Prise aus seiner goldenen Dose an. Ich tauchte meine zwei Finger tief hinein und verschob dabei zufällig den Inhalt. Da traf mich abermals sein Blick, ein anderer. Ich werde diesen nie vergessen. Wir sahen Beide zu gleicher Zeit auf dem Boden der Tabatière den blauen Stempel des Gerichtsvollziehers. –

Zum letzten Mal sah ich Strousberg, wie er das „Kleine Journal“ begründet hatte und ihn die Sorgen fast erdrückten.

„Schaffen Sie mir Geld! Wenn’s auch nur ein paar hundert Mark sind! Eilen Sie – darf ich Sie in einer halben Stunde erwarten? Ich brauche es dringend nothwendig – geben Sie mir Nachricht –?“

So drängte er.

Als ich mich zur Thür wandte, machte er mich mit einem gerade eintretenden Herrn bekannt, der sich soeben im Nebenzimmer über einige seiner neuen Unternehmungen informirt hatte und sein Geld bei ihm anlegen wollte. Es war ein neues Opfer seiner ruhelosen Pläne. –

Selbst im Sterben faßte dieser merkwürdige Mann immer von Neuem Muth. Man wußte nicht, sollte man mehr den Leichtsinn beklagen, oder die Energie anstaunen! Vielleicht Beides?

Fürst Bismarck las das „Kleine Journal“ um der von Strousberg geschriebenen Leitartikel willen seiner Zeit mit Vorliebe. Häufig ward dem neu Emporstrebenden dies mitgetheilt, und es machte ihn so glücklich, daß er, als ich ihm am nächsten Tage eine gute Botschaft von einem ihm wohlwollenden Freunde bringen konnte, und er dadurch neue Hoffnungen schöpfte, ausrief:

„Wenn Bismarck mich nur als Journalisten für seine Ideen verwenden wollte! Ich brauche wenig für meine Bedürfnisse. Schreiben ist mein eigentlicher Beruf, mein Element. Ich würde ihm und seiner Sache unendlich dienen können – freilich, es würde anders gemacht werden, als bisher. Und ihm zu nützen, würde einer der höchsten Wünsche meines Lebens sein.“

Er dankte mir für meine Bemühungen und bot mir Vortheile. Ich erklärte ihm, daß sein hochherziges Benehmen gegen die Wittwe meines Freundes seiner Zeit mich ihm dauernd verpflichtet habe. Dies und meine Bewunderung für seine vielen, großen und guten Eigenschaften sei das alleinige Motiv wiederholter Annäherungen gewesen. So schieden wir.

Bei seiner diesmaligen Rückkehr habe ich ihn nicht wieder gesehen. Ich erfuhr nur von Bekannten, daß er sich mit neuen Plänen und keineswegs aussichtslosen trage, und ein ganz unverwüstliches Selbstvertrauen an den Tag lege. Auch eine wörtliche Aeußerung ward mir mitgetheilt, und ich glaube, daß man sie unterschreiben kann:

„Ich habe schwere Fehler in meinem Leben begangen, aber stets wollte ich das Gute. Selten ist Jemand so tief von einer Höhe herabgesunken wie ich, selten ward Jemandem mit so wenig Dank gelohnt, wie mir. Fast alle meine Unternehmungen prosperiren heute, nachdem ihnen die Zeit gegeben, sich zu entwickeln, und wo ich eine scheinbare Ruine zurückließ, entstand doch kräftiges Leben.“

Nun hat dieser seltsame Mann plötzlich sein Dasein vollendet († am 31. Mai d. J. in Berlin). Sein ganzes Leben war ein einziger, ruheloser Kampf. Selbst unter den langandauernden Wahnbildern von Macht, Größe und Reichthum verzehrte ihn ein brennendes Fieber. War’s früher Sorge um die Lebensexistenz, so war’s damals – der Ehrgeiz, und zuletzt war’s die Bitterkeit, daß er, der so Vielen geholfen, der einst Hunderttausende mit mitleidigem Herzen verschenkt, der Arme speiste und geschehenes Unrecht stets bereitwillig gut zu machen suchte, der rastlos arbeitete, plante und sann, um Großes zu schaffen, der endlich in einem kleinen Stübchen in der Taubenstraße in Berlin, bei seiner früheren Köchin, das einzige freiwillig angebotene Unterkommen fand, um ein Dach über seinem Haupte, ein Lager unter seinem Körper zu haben. Solon’s Worte an Krösus: „nemo ante mortem beatus“ (Niemand ist vor seinem Tode glücklich), bewahrheitet sich an ihm, wie an Wenigen. – Keine Vertheidigung seiner Fehler, wohl aber der Wunsch einer gerechten Würdigung seiner vielen guten menschlichen Seiten veranlaßte mich, an dieser Stelle meine Erinnerungen an Strousberg wiederzugeben.


Anmerkungen (Wikisource)