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Erinnerungen an den Kaukasus

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Autor: Von einem russischen Officier
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Titel: Erinnerungen an den Kaukasus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27–28, S. 388–392, 405–408
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht aus dem russisch-tscherkessischen Krieg
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Erinnerungen an den Kaukasus.

Von einem russischen Officier.

Anapa, eine im Krimkriege oft genannte russische Festung in Kaukasien, wird den Lesern der Gartenlaube auch noch durch eine gelungene Abbildung, welche dieses Blatt in einem früheren Jahrgange brachte, in frischem Andenken sein. Die Stadt liegt vierzig Werste südlich von der Mündung des Kuban auf einem Kalksteinfelsen, welcher sich in das schwarze Meer halbkreisförmig hineindrängt, und fast senkrecht nach dem Meeresspiegel zu abfällt. Das Plateau, welches der Felsen bildet, senkt sich von Süden nach Norden hin, so zwar, daß sich seine höchste Stelle 19 Saschen[1] die niedrigste, von den Festungswerken gekrönt, nur noch 5 bis 6 Saschen über das Wasser erhebt. Hier sucht ein kleiner Fluß, der Bugùr, das Meer zu erreichen; aber es ist ihm nicht vergönnt, sein klares Wasser dem Pontus zuzuführen, denn neidische Sandbänke haben sich vor seiner Mündung gelagert, und hindern grausam die Vereinigung mit dem ersehnten Freunde. Trotzig sucht das Flüßchen, indem es sich in mehrere Arme theilt, den Feind zu umgehen, da es nicht die Kraft hat, seine Mitte zu durchbrechen, doch überall stellen sich neue Sandmassen entgegen. So unterliegt der Arme dem durch die Meeresfluthen täglich wechselnden Widersacher; nur ein kleiner Theil seiner Kräfte erreicht das Ziel, die größere Menge Wasser bleibt stehen und bildet einen Sumpf, der einen Umfang von mehr als zwei Wersten hat, während das Flüßchen hundert Schritt vor der Mündung seine Kräfte auf eine Breite von drei Saschen concentrirt. Früher war der Sumpf vielleicht ein Meerbusen, der nach und nach durch Sandbänke vom Meere abgeschnitten wurde. Die zuströmenden Wasser des Bugùr verhinderten das Austrocknen, und so erstreckt er sich jetzt an acht Werste weit landeinwärts, bewachsen mit Schilf und Rohr, und bevölkert von wilden Schweinen und allerhand Sumpfvögeln, besonders vielen Millionen wilder Enten. Am südlichen Ufer dieser morastigen Strecke haben Kleinrussen, aus verschiedenen Domänengütern abstammend, zwei Dörfer gebildet. Erdwälle und Gräben schützen nothdürftig gegen plötzliche Ueberfälle der benachbarten Tscherkessen. Einige Kanonen und in jedem Dorfe eine Compagnie Soldaten (350 Mann) sind jedoch nicht hinreichend zur Vertheidigung bei stärkeren Angriffen der kriegerischen Feinde, und deshalb ist jeder Bewohner, welcher die Waffen zu tragen im Stande ist, auch verpflichtet, solche zu besitzen, sie immer mit sich zu führen, und sogleich an der Vertheidigung Theil zu nehmen.

Das Anapa zunächst liegende Dorf heißt Alexejewka und liegt etwa vier Werste von ihm, das andere, Nikolajewka, bedeutend größer, ist am Ende des Sumpfes erbaut worden. Hier verwandelt sich der Morast in ein Dickicht von Eichen, Ahorn, Eschen, Weiden und vielen andern Bäumen, welche selten mehr als armsdick und höher als drei Saschen und dabei so von Hopfen, wildem Wein und andern Schlingpflanzen umschlungen

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Aus dem russisch-tscherkessischen Kriege.

[390] und unter sich verbunden sind, daß es unmöglich ist, durch dasselbe anders, als auf den gebahnten Wegen, zu dringen. Bis zum Fort Rajewski zieht sich dieser Wald, dann wird die Gegend etwas heiterer. Geht man weiter, so trifft man auf die 1838 neu angelegte Stadt Noworossisk. Die Stadt ist anmuthig an einem vom Meer gebildeten Busen gebaut, ist der Sitz des Generals, aber auch nicht besser befestigt, als die Dörfer und das Fort Rajewski, ja letzteres kann sogar mehr Anspruch auf Sturmfreiheit machen. Die Festungswerke dieses Forts umfassen einen viereckigen Raum, dessen Seiten kaum einige hundert Schritt lang sind. Es hat 1 Compagnie Infanterie zur Besatzung, sowie 16 Kanonen zur Vertheidigung. Auf halbem Wege zwischen Anapa und Noworossisk gelegen, umgeben von Wald und Sumpf, ist die Garnison oft Monate lang von allem Verkehr mit der übrigen Welt abgeschlossen. Aus dem von den Wällen begrenzten engen Raum, den Kasernen, Lazareth und Proviantmagazine noch mehr verringern, darf keine Seele hinaus, und so ist es natürlich, daß das ungesunde Klima bei der unzureichenden Bewegung und dem langweiligen, keine Abwechselung erlaubenden Leben Fieber und Scorbut nicht ausbleiben läßt. Ein Freudentag für die Garnison ist es immer, wenn die Proviantcolonne von Anapa ankommt; aber nur kurze Zeit genießen sie das Vergnügen, die Freunde zu sehen, denn diese kommen Abends, geben ihren Proviant, Pulver, Briefe u. s. w. ab, schlafen die Nacht und ziehen am andern Morgen wieder von dannen.

Etwas besser ist das Leben für die Soldaten, welche in den Städten und Dörfern einquartiert sind. Ihre Aufgabe ist, den Bauer bei allen Feldarbeiten gegen etwaige Angriffe des grausamen Feindes zu schützen. So wie im Frühjahr die Erde aufthaut – und das geschieht recht früh – so beginnen die Feldarbeiten der Bauern. Mit diesen rückt denn frühmorgens der Soldat aus, kleine Trupps werden in gehöriger Entfernung von den Arbeitern aufgestellt, und bleiben so lange, als der Bauer das Feld bestellt oder sein Vieh weidet oder Heu macht u. dgl., stehen. Einer von jedem Trupp wacht, die Andern schlafen oder, da man doch nicht den ganzen Tag schlafen kann, spielen Karte und verwünschen den Bauer. So geht das Leben bis zum Winter fort, und wenn dieses Leben auch besser ist, als das im Fort Rajewski, da man doch wenigstens eine gesunde Bewegung hat, auch die benachbarten Orte und Städte besuchen kann, so ist es doch erklärlich, daß man den Winter mit Sehnsucht erwartet.

Der Winter im Kaukasus erscheint freilich in ganz anderer Gestalt, als in den nördlichen Provinzen. Erst in der Mitte des Decembers tritt der Frost ein, der wohl ziemlich heftig auftritt, aber kaum einen Monat anhält. Vor und nach der Frostzeit pflegen häufige Regengüsse den Winter an- und abzumelden. Natürlich können während dieser Zeit die transkubanischen Bauern nicht im Felde arbeiten, und deshalb benutzt man den Frostmonat, um durch kriegerische Operationen irgend einen Vortheil über die Bergvölker zu gewinnen. Jetzt beginnt erst die eigentliche Bestimmung des Soldaten am Kaukasus, der Krieg gegen die räuberischen Nachbarn.

Man wird es begreiflich finden, daß wir, die wir das oben beschriebene Leben während des Frühlings, Sommers und Herbstes im Jahre 1851 geführt hatten, uns Alle nach der Frostzeit und nach dem Befehl zum Ausmarsch sehnten, aber wir mußten dieses Mal ziemlich lange auf die erwünschte Ordre, „uns zum Marsch zu rüsten,“ warten. Endlich, am letzten Tage des alten Jahres, traf diese ein. Unbeschreiblich war die Veränderung, welche dieser Befehl in unserer Garnison hervorbrachte. Wie wenn man einem bis dahin in Ordnung und Ruhe arbeitenden Ameisenvolke den schützenden Hügel zerstört und die emsigen Thierchen dadurch zu unerhörter Thätigkeit anspornt, so lief jetzt Alles, was Uniform trug, durcheinander. Die schmutzigen Straßen Nikolajewka’s, sonst so menschenleer, waren plötzlich mit geschäftigen Leuten bedeckt.

Die Expedition für dieses Jahr sollte eine s. g. fliegende sein; man wollte möglichst weit in die vom Feinde bewohnten Gegenden eindringen, mußte aber deshalb sich auf so wenig Gepäck als irgend möglich einschränken. Man ließ deshalb alle Zelte zu Hause und nahm nicht einmal Proviantwagen mit, sondern gab jedem Soldaten seinen Mundvorrath auf 10 Tage – denn so lange sollte der Marsch dauern – zu tragen. Nur zwei leere mit Ochsen bespannte Wagen folgten jeder Compagnie, um etwaige Verwundete transportiren zu können. Wir wußten zwar sehr gut, daß uns Mühseligkeiten und Gefahren aller Art bevorständen, aber dennoch freute sich Alles auf den Tag des Ausmarsches, denn es brachte doch Abwechselung in unser einförmiges Leben. Läßt doch auch jeder Feldzug, und wenn er noch so kurz ist, dem Soldaten auf lange Zeit die schönsten Erinnerungen zurück, und gibt er doch oft dem strebsamen Officier Gelegenheit, sich auszuzeichnen und so seinem Glück den Weg zu weisen.

Am 3. Januar 1852 trafen ein Kosakenregiment, zwei Bataillone aus Anapa und die Compagnie aus Alexejewka bei uns in Nikolajewka ein, um vereint mit uns noch denselben Tag bis zum Fort Rajewski zu marschiren. Die Cameraden trafen uns bereits in Reih und Glied, der griechische Priester sprach ein kurzes Gebet, die zitternden Töne der Signalhörner schallten durch die Luft, und fort zogen wir scherzend und lachend, als ginge es zu einem lustigen Vergnügen. Und doch mag Manchem das Herz geschlagen haben, wenn er sich jetzt fragte: „Wirst Du wohl auch wiederkehren, und wie wirst Du zurückkehren?“ Aber solche Gedanken passen nicht für den Soldaten; er sucht sie zu verbergen, und so gelingt es auch bald, sie zu unterdrücken. Der Marsch ging ziemlich langsam von Statten, denn die Wege waren durch den Regen, der vor einigen Tagen eingetreten war, aufgeweicht; jetzt fror es, und so brach der Fuß bei jedem Schritt durch die dünne Frostdecke, wobei das schmutzige Wasser immer über den Füßen zusammenschlug. An den Rädern der Wagen und Kanonen fror der hängenbleibende Schmutz, und bildete aus dem Kreise unregelmäßige Polygone.

Trotz der nur 18 Werste betragenden Entfernung langten wir unter solchen Umständen erst Abends im Fort Rajewski an. Ein Landsmann, der deutsche Arzt Kühn, nahm mich mit noch vielen anderen Officieren gastfreundlich auf. Wir waren froh, uns in der lieben Muttersprache unterhalten zu können, und beachteten nicht den Aerger der Anderen, die weder deutsch noch lettisch verstanden. Am andern Tage wurde der Marsch nach dem 20 Werste entfernten Noworossisk auf gefrornem, aber sehr holperigem Wege fortgesetzt. Bei Nacht trafen wir ein und wurden, wie es gerade traf, einquartiert, doch kamen Alle unter Dach. Weshalb wir den nächsten Tag hier liegen blieben, weiß ich nicht, doch benutzte ich diese Gelegenheit, um mich mit gesalzenem und geräuchertem Fleische, mit Tabak u. dgl. zu versehen, da alle diese Gegenstände in Nikolajewka nur theuer und schlecht zu bekommen waren. Gern hätte ich auch etwas Hafer für mein Pferd mitgenommen, aber das arme Thier hatte an mir und meinem Mundvorrath genug zu tragen, ich konnte es nicht noch mehr überladen.

Früh in aller Stille brachen wir auf. Unsere Colonne hatte sich in Noworossisk um drei Bataillone Infanterie, zwei Compagnies vom griechisch-balaklavischen Bataillon und ein Regiment Kosaken verstärkt, so daß wir jetzt eine Macht von 6–7000 Mann mit 17 Kanonen bildeten. Anfänglich zogen wir längs des Meerbusens hin, bald jedoch stieg der Weg im Zickzack den Berg hinauf. Nach sieben solchen Windungen hatten wir den Gipfel erstiegen. Unter uns schwebten die Wolken, welche so dicht waren, daß man weder die Stadt, noch den Meerbusen sehen konnte. Auf der andern Seite stiegen wir wieder in das Thal eines Baches hinab, den die Einwohner Adagum nennen. War das Aufsteigen beschwerlich gewesen, so war es das Hinabsteigen noch mehr, obgleich der Weg durch unsere Noworossiskischen Cameraden so viel als möglich geebnet worden war. Wie ein solcher Weg aussieht, hat die Gartenlaube im vorigen Jahre ihren Lesern gezeigt, denn sie gab eine Abbildung von einem Gebirgspaß in Persien, der den Wegen im Kaukasus ganz ähnlich war.

In dem Thale wurde Halt gemacht. Alles lagerte sich und begann, von den mitgenommenen Lebensmitteln sich ein Frühstück zusammenzustellen. Es war der erste Tag und alle Vorräthe noch unberührt, auch war es die letzte Ruhe, welche wir, vom Feinde unbelästigt und ohne besondere Vorsichtsmaßregeln abhalten konnten. Mit jedem Schritt tiefer in das Land mußten wir dann jeden Augenblick einen Ueberfall des Feindes befürchten, und deshalb wurden auch jetzt die nöthigen taktischen Maßregeln getroffen, um wenigstens eine Ueberraschung dem Gegner unmöglich zu machen. Auf dem Wege marschirten etwa drei Viertheile der ganzen Macht dicht aufgeschlossen, das sogenannte Corps de bataille, in dessen Mitte sich auch sämmtliche Wagen befanden. Vor diesem Gros befand sich eine Abtheilung Kosaken und Infanterie, welche wieder einige Reiter auf Schußweite vorgeschoben hatten. In gleicher [391] Weise war der Rücken der Colonne gedeckt, während die Seiten durch Tirailleurketten, gleichfalls auf Schußweite vom Gros entfernt, geschützt wurden.

So bewegte sich der ganze Heereskörper weiter, vorsichtig die Fühlhörner nach allen Seiten hin ausstreckend und damit aufmerksam jede Terrainfalte prüfend, jedes Gebüsch durchsuchend. Freilich haben diese Seitentirailleurs einen beschwerlichen Marsch. Sie haben nicht, wie das Gros, einen gebahnten Weg, sie haben nicht einmal einen Fußpfad, und doch müssen sie mit diesem auf gleicher Höhe bleiben. Durch Wasser und Sumpf, durch Busch und Dickicht, über Felsblöcke und Abgründe, die steilsten Schluchten hinab und herauf geht der Marsch dieser Leute, und dabei heißt es noch, die Augen nach dem Feinde offen haben, der gewandt jedes Gebüsch, jede Felspartie, jeden Graben zu benutzen weiß, um den Unvorsichtigen die todtbringende Kugel in’s Herz zu treiben. Deshalb geht auch Alles vorsichtig vor und benutzt die sich darbietenden deckenden Gegenstände, um unter deren Schutz weiter zu kommen. Kommen sie Abends auch todtmüde im Lager an, was thut das? sie wissen, daß sie dann für die Nacht vom Sicherheitsdienste befreit sind und daß ihnen ein guter Schnaps, ihr Universalmittel gegen jedes Uebel, winkt. Deshalb bleiben die Tirailleurs munter, singen und tanzen sogar manchmal, wo es der Platz erlaubt, trotz des schweren Tornisters, und treiben allerhand Possen unter einander.

Noch hat sich kein Feind sehen lassen und auch in dem Walde, durch welchen eben der Marsch geht, scheint kein Tscherkesse versteckt zu sein. Da plötzlich entdecken die Tirailleurs hinter jener Baumgruppe eine Anzahl Feinde, von denen sie, wie es scheint, schon eine Zeitlang beobachtet worden sind. Noch fällt kein Schuß; es ist, als fürchte man sich, die Verantwortung zu übernehmen, da endlich schwirrt die erste Kugel durch die Luft, der Zauber ist gelöst und herüber und hinüber schlägt das Verderben bringende Blei. Es ist ein eigenes Ding um diesen ersten Schuß. Ich habe schon oft im stärksten Kugelfeuer gestanden und doch erweckt mir der erste Schuß stets ein unangenehmes Gefühl. Ein Frösteln durchläuft den ganzen Körper; man weiß, daß der erste Schritt gethan ist, sowohl um Verderben zu senden, als es zu empfangen. Hinter Bäumen und Felsen liegen die Schützen, aufmerksam den Feind im Auge behaltend, um ihn, wenn einer einen Theil seines Körpers neben dem deckenden Gegenstände sehen läßt, durch eine gut gezielte Kugel unschädlich zu machen.

Auch beim Gros hat der erste Schuß großen Eindruck gemacht. „Halt!“ tönt das Commando der Führer, das Signalhorn ruft es lautschallend nach; bald fliegen Adjutanten zu der Schützenlinie, um Nachricht über den Gang des Gefechtes zu bringen, und schon gehen Abtheilungen nach dem am meisten bedrohten Flügel zur Unterstützung der Kämpfenden ab. Alles lauscht auf das immer stärker werdende Tirailleurfeuer. Einzelne Commandoworte und Signale tönen zu der Colonne herüber, aber so undeutlich, daß man nur unklare Töne unterscheiden kann. Lebhaft rühren sich die Zungen, denen noch vor einer Viertelstunde alles laute Sprechen untersagt war, und hundert Verwünschungen, an dem Kampfe nicht selbst theilnehmen zu können, werden von den Ungeduldigen ausgestoßen. Das immer um so heftiger wiederkehrende Knattern der Schüsse nach minutenlangen Pausen, wie sie im Schützengefechte vorzukommen pflegen, wird stets mit freudigen Ausrufen begrüßt.

Doch jetzt bringt man die ersten Verwundeten getragen. Auf zwei Gewehren liegt ein Soldat, dem eine feindliche Kugel das Kinn zerschmettert hat; leise wimmert er, ihm scheinen nur noch wenige Minuten zum Leben übrig zu bleiben. Der traurige Anblick setzt die Soldaten nur noch mehr in Wuth und laute Verwünschungen ergießen sich gegen die verhaßten Feinde. Da schallt das Commando „Marsch!“ die Colonne bewegt sich wieder vorwärts, eingehüllt auf allen vier Seiten von einer rauch- und feuerspeienden Linie. Mit großer Gewandtheit springen die Tirailleurs von einem Baume zum andern, von Gräben zu Felsen, überall einen Augenblick verweilend, um gedeckt zu laden und dem Feinde eine Kugel zuzusenden. Trotz der Gefahr lassen sie oft auch jetzt ihre Possen nicht. Sie necken sich unter einander und necken den Feind, und wenn ja eine feindliche Kugel Einem oder dem Andern das Scherzen verbietet, so verstummt zwar plötzlich Alles, man bringt den Verwundeten zur Colonne, übergibt ihn dem Arzte, kehrt aber gleich darauf zur Schützenlinie zurück, um die alten Possen von Neuem anzufangen.

So wird der Marsch fortgesetzt unter dem unaufhörlichen Geknatter der Gewehre, dann und wann accompagnirt durch den tiefen Baß eines Geschützes, das dahin, wo der Feind am dichtesten steht, eine Sendung Kartätschen oder eine Granate schickt. Durchschreitet die Colonne ein feindliches Dorf, so sucht man das darin von den flüchtigen Einwohnern etwa zurückgelassene Vieh zum Gros zu treiben und zündet dann die Hütten an. Es scheint zwar eine unnütze Grausamkeit zu sein, die Dörfer wegzubrennen, die Felder zu verwüsten, die Vorräthe zu zerstören, aber bleibt uns dem barbarischen Feinde gegenüber ein anderes Mittel? Schon oft hat man den Krieg mit mehr Menschlichkeit zu führen gesucht, doch stets haben die Bergvölker die Milde für Schwäche gehalten und um so frecher, um so mordgieriger unsere Ansiedelungen überfallen und zerstört. Erhalten die Tscherkessen jedoch eine scharfe Lehre, wie wir sie in diesem Jahre vorhatten, so kann man darauf rechnen, daß sie eine Zeitlang ruhig bleiben. Hier hilft nur Gewalt, ebenso wie bei den Beduinen in Algier.

Unterdessen hat sich der Tag seinem Ende zugeneigt. Man sucht einen passenden Lagerplatz, womöglich in der Nähe eines Dorfes, um Wasser und Holz, Heu und Stroh für Menschen und Pferde vorzufinden. Die Wagen werden in der Mitte des Platzes zusammengefahren und die Truppen lagern im Viereck um diese herum. Das Ganze schließt in geeigneter Entfernung eine dichte Tirailleurlinie ein, welche aus Truppen des Gros besteht, während die den Tag über zur Deckung der Colonne verwendeten Leute endlich abgelöst sind. Wenige Minuten nach dem Einrücken lodern die Feuer in die Höhe, geschäftig laufen die Soldaten nach dem Wasser, füllen ihre Kochkessel und bald ist das frugale Abendbrod bereitet, um ebenso schnell von den Hungrigen verzehrt zu sein. Die Feuer werden dann sogleich wieder gelöscht, da man dem nie nachlassenden Feinde kein zu leichtes Ziel bieten will, die Soldaten werfen sich auf das wenige Stroh, das ihnen zu Theil geworden ist, und bald liegt Alles im tiefsten Schlafe, Gott und der Wachsamkeit der Tirailleurs überlassend, für ihre Sicherheit zu sorgen.

Todtmüde war auch ich in diesem improvisirten Lager angekommen. Ich war den ganzen Tag über bei den Tirailleurs gewesen und hatte während der ganzen Zeit keinen Augenblick an Erholung denken können. Ich suchte mein Pferd auf, tränkte es und war so glücklich, in dem tscherkessischen Dorfe genug Heu, ja sogar etwas Mais zu finden, welches ich natürlich sogleich als gute Beute erklärte und dem hungrigen Thiere vorwarf. Ein einfaches Abendessen war bald von mir verzehrt und wie todt sank ich jetzt zur Erde. Mein Schlaf muß recht fest gewesen sein, denn vergebens hatte man mir des Nachts zugerufen, mein Feuer zu löschen, bis man es selbst gethan hatte. Auch davon, daß die ganze Nacht hindurch das Feuern in der Schützenlinie nicht einen Augenblick geschwiegen, daß man sogar mit Kanonen geschossen hatte, wußte ich nichts.

Am andern Morgen wurde rasch ein Frühstück bereitet und die nächtliche Postenlinie durch frische Truppen abgelöst. Bevor wir jedoch aus dem Lager abmarschirten, flogen erst die zündenden Feuerbrände in das Dorf. Der Marsch wurde in derselben Ordnung, wie am vorigen Tage, fortgesetzt, doch war ich heute nicht in der Tirailleurlinie, sondern beim Gros, das nur wenig’ Belästigung von dem Feinde zu leiden hat und selten handelnd in das Gefecht eingreift. Schon am Abend vorher hatten wir das Gebirge verlassen und traten jetzt in die fruchtbare Ebene, welche sich zwischen der kaukasischen Gebirgskette und dem Kuban ausdehnt. Kleinere Eichenhaine und größere Waldungen wechselten mit Wiesen und Feldern, die Dörfer wurden zahlreicher und zeigten von der Wohlhabenheit ihrer Bewohner. Noch nie hatte ein russischer Fuß diesen Boden betreten und daher kam es auch, daß die noch nicht durch Razzias heimgesuchten Dörfer besser gebaut waren und reichlichere Vorräthe enthielten, als die in der Nähe russischer Festungen liegenden.

Wir lagerten uns bei einem Dorfe, das malerisch schön auf einem hohen Hügel lag. Ein klarer Bach umfloß denselben von drei Seiten und umfaßte ihn wie mit einem Silbergürtel. Weithin blickte das Auge in die flache Ebene und nur im Süden hinderte das Gebirge die Fernsicht. Felder und Wiesen, Dörfer und Waldungen [392] wechselten anmuthig mit einander ab und müssen im Sommer ein herrliches Landschaftsbild gegeben haben. So reizend auch dieser Anblick war, der Soldat sah doch wenig danach, denn die durch einen den ganzen Tag anhaltenden Marsch und das an die sechzig Pfund und oft noch schwerer wiegende Gepäck ermüdeten Leute finden einen dampfenden Thee, ein Stück Fleisch und die horizontale Lage des Körpers viel schöner, als die prächtigste Rundsicht. Wir Officiere waren durch unsern von uns Allen geliebten Oberst für die Dauer des ganzen Marsches zum Essen eingeladen. So hatten sich auch gestern mehrere Cameraden bei ihm eingefunden, aber viele, wie auch ich, waren der übergroßen Ermüdung wegen ausgeblieben. Heute jedoch versammelten sich Alle bei ihm und heiterer Sinn würzte das einfache Mahl. So vergingen mehrere Stunden, bis der Oberst erklärte, daß es Zeit sei, durch Ruhe den Körper zu neuen Anstrengungen für den morgenden Tag zu stärken.

[405] Am folgenden Morgen sollte die Festung Abyn erreicht werden, wozu wir nur einen kleinen Marsch, circa 15 bis 16 Werste, vorhatten. Kaum eine Werst von unserem Nachtquartiere betraten wir einen dichten Hochwald, in dem wilde Aepfel- und Birnbäume das vorherrschende Holz waren. Der Weg war so schmal, daß nur ein Wagen darauf fahren und wir nur in Abtheilungen von geringer Breite marschiren konnten. Hierdurch wurde die Colonne bedeutend länger, öftere Stockungen traten ein und so bewegten wir uns nur langsam vorwärts. Dazu kam, daß der Feind das dichte Holz zu verstärktem Angriffe benutzte und unsern Tirailleurs, die alle Noth hatten, in dem gräulichen Dickicht mit der Colonne zugleich vorwärts zu kommen, vielen Schaden zufügte. Immer heftiger knatterten die Gewehre, Verwundete wurden häufiger gebracht und obgleich Abtheilungen vom Gros nach den bedrohtesten Punkten zur Verstärkung abgingen, so wurde doch dadurch der Angriff nicht schwächer, die Zahl der Verwundeten nicht geringer. In dieser gefährlichen Situation tönte plötzlich das Signal „Halt!" klagend durch die Luft. Auf dem schlechten Wege war die Achse eines Geschützes gebrochen und wenn man auch sogleich eine andere bei der Hand hatte, da deren immer vorräthig gehalten werden, so nahm doch das Einlegen ziemlich viel der gerade jetzt höchst kostbaren Zeit in Anspruch.

Uebergang über den Abynka.

So viel Nutzen ein Geschütz im freien Felde bringen kann, so hinderlich ist es im Walde und Gebirge. Auch uns hatte die Kanone noch nichts genützt und jetzt mußten wir noch warten, bis ihre Wiederherstellung vollendet war. Geschickt wußte der aufmerksame Feind den Stillstand zu benutzen. Mit überwiegendem Angriff drängte er unsere Tirailleurs auf der linken Seite bis nahe an das Gros. Schon fielen Leute in der Colonne, erreicht von den feindlichen Kugeln, da rief unser Oberst: „Mir nach, Kinder!“ und jubelnd stürzte sich Alles mit lautem Hurrah, das Haubajonnet auf dem Gewehre, dem Feinde entgegen. Geworfen und auf einige Zeit zerstreut, wich dieser rasch zurück, unser Zweck war erreicht, aber – die Achse hatte nahe an 50 Menschen das Leben gekostet. Bald waren wir nun am Ende des Waldes und hier winkte uns auch schon, freilich noch auf eine Entfernung von 5 bis 6 Wersten, unser Ziel, Abyn, entgegen.

Außerhalb des Waldes hörte auch das Schießen allmählich auf, wir schritten wacker aus und bald bezogen wir mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen unser Lager rings um die Werke der Festung. In dieser selbst konnten wir nicht unterkommen, da der Platz zu klein war und übrigens auch noch ein Truppencorps aus Tschernomorien, dem Lande der tschernomorischen Kosaken, erwartet wurde. Alle Verwundete jedoch wurden in dem Lazareth der Festung untergebracht, den Todten aber die ewige Wohnung bereitet.

Rasch stieg unter den fleißigen Händen der militairischen Baukünstler [406] eine aus Holz, Strauch und Stroh zusammengestellte Hütte für unsern Oberst in die Höhe, welche er mit allen ihm speciell untergebenen Officieren bezog. Ein alter schnurrbärtiger Lieutenant bereitete ein ordentliches warmes Mittagessen, zu dem Jeder eine kleine Gabe beisteuern mußte. Der Eine gab Fleisch, ein Anderer Graupen, ein Dritter Brod u. s. f., ich löste mich mit Pfeffer und Salz aus und der Oberst gab einige Flaschen Morsalewein. Zwar würde einem Gastronomen unser auf den Kohlen geröstetes Fleisch und die durch die Sorgfalt des Windes reichlich mit Asche gewürzte Suppe nicht recht gemundet haben, und auch wir würden jetzt diese Speisen nicht mit solchem Appetite genießen, als damals, wo der Marsch und die frische Luft unsern Hunger bedeutend geweckt und die heitere, lebhafte Unterhaltung den Genuß gehoben hatte. Das Diner wurde unter Scherzen beendet, man zündete die Pfeifen an und suchte sich ein möglichst angenehmes Lager zu verschaffen. Leider war dem Frost Thauwetter gefolgt, und wenn wir auch durch Stroh und sonstige Soldatenmittel uns zu helfen suchten, das Lager blieb doch immer ein ziemlich unsauberes. Ueber solche Kleinigkeiten ist jedoch der Kaukasussoldat erhaben. Hatten wir uns doch gesättigt, blieb uns doch Tabak genug und die heitere Gesellschaft guter Cameraden!

Auf diese Art verstrich uns rasch die Zeit, so daß wir uns ordentlich wunderten, als ein großer Kessel nebst allen zum Thee nöthigen Gegenständen erschien, der uns das Hereinbrechen der Nacht verkündete. Ein wenig in den Thee gegossener Rum vermehrte nur unsere Heiterkeit und bald erschallten lustige Soldatenlieder aus den rauhen Officierskehlen. So wechselten Lieder, Anekdoten und Witze bis gegen Mitternacht mit einander ab, erst dann legten wir uns zum Schlafen nieder.

Da der folgende Tag ein Ruhetag war, so behielt ich Zeit, mir die Festung zu besehen, welche 1840 einen äußerst hartnäckigen Sturm der Tscherkessen abgehalten hatte, wobei mehr als 700 Feinde in den Gräben geblieben waren. Augenzeugen berichteten mir ausführlich den Hergang und aufmerksam lauschte ich ihren Worten, nicht ahnend, daß ich im nächsten Jahre (den 26. Juli 1853) selbst eine Festung gegen dieselben Feinde vertheidigen helfen würde. Um die Mittagszeit erschienen 4–5000 tschernomorische Kosaken aus Jekaterinodar mit mehreren Kanonen und erst jetzt war unsere Expeditionsarmee vollzählig, d. h. 11,000 Mann stark mit 21 Kanonen.

Zu unserem großen Aerger sahen wir am folgenden Tage eine ziemlich dicke Schneeschicht auf der Erde liegen. Wir wußten, daß diese nicht lange liegen bleiben, sondern bald schmelzen und die Gebirgsbäche und Flüßchen bedeutend vergrößern würde, und da wir diese immer zu Fuß durchschreiten mußten, so war die Aussicht auf einen unangenehmen Marsch nur zu gewiß. Glücklicherweise war das Flüßchen bei Abyn, die Abynka, noch ziemlich seicht, wir überschritten sie und zogen in südöstlicher Richtung weiter dem Gebirge zu. Am Fuße desselben lagen mehrere Dörfer, deren Einwohner vor Kurzem großen Schaden in den Niederlassungen der tschernomorischen Kosaken angerichtet hatten. Die Razzia begann und bald schlugen die Flammen über den Dächern zusammen. Was an Vorräthen gefunden wurde, nahmen wir mit oder verdarben es, überhaupt wurde so viel verwüstet, als nur möglich war. Der Tag verging trotzdem ziemlich ruhig und, wie gewöhnlich, schlagen wir in einem Dorfe unser Nachtlager auf.

Wir mochten wohl einige Stunden geschlafen haben, als plötzlich eine heftige Salve uns weckte. Die Kugeln schlugen mitten in das Lager ein, die Trompeten und Trommeln lärmten, als sollten sie Todte erwecken, und dazwischen mischte sich das gellende Geschrei der Tscherkessen. Wie eine vom Sturm gejagte Wolke kam eine Reiterschaar auf schnaubenden Rossen gegen uns angestürmt. Hoch über dem Kopfe schwangen sie den blitzenden Säbel, unaufhaltsam jagten sie vorwärts und es schien, als würden uns im nächsten Augenblicke die Hufe ihrer Rosse zertreten. Da donnern ihnen einige gutgezielte Kartätschenladungen entgegen und bringen sie zu einem kurzen Aufenthalte. Dieser Augenblick war entscheidend, denn rasch geordnet standen unterdessen auch schon unsere Schaaren, fest aneinander gedrängt, bereit, die Salve zu geben, sobald das Commando ausgesprochen würde. Dieses erfolgt und Salve auf Salve sendet das tödtende Blei in den verwirrten Haufen. Sogleich wird die Unordnung des Feindes benutzt. Zwei Bataillone dringen mit gefälltem Bajonnet vor, die übrige Infanterie folgt feuernd zu beiden Seiten. Aber noch weichen die Tapfern nicht, ja sie setzen von Neuem an, um sich auf unsere Infanterie zu stürzen, und schon glaubt man, daß es zu einem verzweifelten Handgemenge kommen werde, da kracht es von der Seite, da stürzen Rosse und Reiter im wilden Chaos durcheinander. Eine Kanone der reitenden Artillerie brachte die großartige Wirkung hervor; sie war in Carrière angesprengt gekommen, hatte rasch abgeprotzt und sogleich ein heftiges Kartätschenfeuer eröffnet. Jetzt war auch die Ausdauer der Tscherkessen zu Ende. Hoch auf die Hinterbeine rissen die Reiter ihre Pferde, warfen sie herum und fort ging es wieder in tollem Jagen. Wie die Teufel waren ihnen die Kosaken mit ihren kleinen Pferden auf den Fersen, aber die Dunkelheit war ihr Schutz und nur wenige Gefangene wurden zurückgebracht.

Für diese Nacht war es mit dem Schlafen vorbei und wir waren deshalb recht froh, daß wir mit frühem Morgen aufbrachen. War es die Nacht über heiß zugegangen, so sollte es diesen Tag noch besser gehen. Jedes Dorf mußte von uns gestürmt werden, denn jetzt stellten sich nicht nur die Bewohner desselben, sondern auch noch die aus den bereits zerstörten Dörfern Geflohenen in großer Anzahl uns entgegen. Der alte Haß war durch unsere Verwüstungen zu hellen Flammen angefacht worden. Wir trafen überall auf den hartnäckigsten Widerstand und konnten uns nur mit äußerster Anstrengung unsern Weg bahnen. Daß solche Kämpfe Opfer kosten, ist wohl natürlich. Zwei von den Officieren unseres Regiments wurden gleich bei dem ersten Dorfe verwundet, wovon einer bald darauf seinen Geist aufgab. An einem anderen Dorfe sah ich zwei Artillerieofficiere fallen, einer mit einem Schuß durch den Kopf, der andere mit der tödtlichen Wunde in der Brust. Ich habe vergessen, wie viel uns dieser Tag an Todten und Verwundeten kostete.

Schon war der Abend angebrochen und noch hatten wir kein Nachtquartier. Wir konnten zwar recht gut auf freiem Felde übernachten, aber unsere Pferde brauchten Heu und das fand sich nur in den Dörfern. Dieses wußten die Feinde aber so gut, wie wir, und deshalb steckten sie jedes Dorf, das sie verlassen mußten, an und nahmen alle Fourage mit oder zerstörten dieselbe. Da gelang es endlich den Kosaken, ungesehen vom Feinde, durch ein Gehölz sich einem Dorfe zu nahen. Wir Scharfschützen folgten rasch im schnellsten Dauerlauf wohl eine Werst lang und alles Uebrige beeilte sich, so schnell als möglich nachzukommen. Das Dorf wurde gestürmt und die überraschten Gegner herausgeworfen, bevor sie Zeit behielten, es in Brand zu stecken. Leider war auch hierbei unser Verlust nicht unbedeutend gewesen, so daß wir traurig und verstimmt uns diesen Abend beim Oberst zusammenfanden. So Mancher fehlte heute, der gestern noch frisch und heiter an unserer Seite gesessen hatte. Auch unser Abyn’scher Koch, der sonst immer Heitere, war verwundet, und obgleich er selbst keinen Schmerzenslaut ausstieß, so zeigte das Zucken seiner Gesichtsmuskeln doch genugsam an, was für Qualen er zu dulden hatte. Eine Kugel war ihm durch beide Beine gegangen, doch erklärte der Arzt die Verwundung für keine sehr gefährliche.

Hatte der geschmolzene Schnee schon am Tage die Wege fast grundlos gemacht, so vollendete der über Nacht beginnende und ununterbrochen fortdauernde Regen das angefangene Werk. Durch und durch naß traten wir am andern Morgen unsern Weitermarsch an. Die grauen Wolken, mit welchen der Himmel bedeckt war, gaben keine Hoffnung, den Regen schwinden zu sehen; aber wie alles Schlimme auch seine gute Seite hat, so kam es auch uns nicht ungelegen, daß der Feind der Witterung wegen unsern Marsch nur wenig belästigen konnte. Die Tscherkessen führen an ihren Feuerwaffen noch durchweg die alten Feuerschlösser, bei denen der Regen leicht das Pulver naß werden läßt, und so kam es, daß nur selten ein Schuß von ihrer Seite fiel, während unsere Percussionsgewehre sie in respectvoller Entfernung hielten. Unser Weg ging heute wieder zur Abynka zurück, denn wir hatten unsern Auftrag, eine Strecke weit in das Land zu marschiren und die räuberischen Tscherkessen für ihre Verwüstungen in Tschernomorien zu züchtigen, vollständig erfüllt. Wie verändert fanden wir am Nachmittag diesen kleinen Fluß, der bei unserm ersten Ueberschreiten so unbedeutend, so seicht gewesen war! Tobend und schäumend stürzten jetzt mächtige Wassermassen dem Kuban zu. Mit jeder Minute wuchs der Strom und fast überfluthete er seine freilich nicht allzu hohen Ufer. Anfangs ging das Durchschreiten noch so ziemlich. Bis an die Brust reichte das Wasser den Infanteristen und sie [407] mußten deshalb Patronentasche und Gewehr hoch über den Kopf halten, um die Munition nicht zu verderben. Bald war jedoch der Fluß so angeschwollen, daß es dem Fußvolk nicht mehr möglich war, hindurchzukommen. Deshalb wurden jetzt die Kosaken zu Hülfe genommen. Hinter sich auf die Gruppe ihrer kräftigen, gewandten Pferde nahm jeder Kosak einen Infanteristen und führte mit erfahrener Hand das treue Thier durch die tobenden Fluthen. Glücklich hatte so die Infanterie und die Verwundeten das jenseitige Ufer erreicht, aber noch standen drüben die Geschütze und Wagen, welche man auf keinen Fall dem Feinde überlassen durfte. Auch für diese wurde Rath geschafft. An jedem Geschütz wurden die vorhandenen Ketten und Taue fest zu einem Ganzen verbunden, dessen eines Ende an dem Geschütz befestigt wurde, während das andere in der Hand der Kanoniere blieb. Diese schwammen nun mit ihren Pferden über den Fluß, hängten das Tau in die Zugseile ihrer Geschirre, trieben die Pferde an und so zogen sie Wagen und Kanonen zum jenseitigen Ufer.

Wiederum wurden die Verwundeten und Todten in Abyn untergebracht, wieder wurde um die Festung herum das Lager bezogen. Wie gar verschieden war unser heutiges Bivouac von dem letzten Male, und nicht einmal Ruhe wurde uns zu Theil, denn um Mitternacht wurde Alles geweckt, und der Weitermarsch angetreten. Es hatte sich nämlich schon in der vorigen Nacht das Gerücht verbeitet, daß die Tscherkessen, unsere Abwesenheit benutzend, Nikolajewka eingenommen, geplündert und angezündet hätten. Man denke sich unsern Schreck! Jeder von uns hatte dort sein, wenn auch noch so geringes Hab und Gut, viele Weiber und Kinder zurückgelassen. Deshalb brach man auch sogleich auf, um den Wald, in dem wir das erste Mal so manche üble Erfahrung gemacht hatten, noch bei Nacht zu passiren, Noworossisk in Eilmärschen zu erreichen und, wenn sich das Gerücht bestätigen sollte, blutige Rache an den Thätern zu nehmen. In möglichster Stille ging der Marsch fort, Niemand sprach, Keiner rauchte, ja die Lunten bei den Geschützen waren versteckt, um durch ihr Glühen die Colonne nicht zu verrathen. Wäre der Weg nicht gar zu kothig und weich gewesen, so hätte man auch die Räder der Fahrzeuge mit Stroh umwickelt gehabt, aber so war dieses theils nicht so nöthig, wie bei hartem Boden, theils auch nicht anwendbar. Glücklich waren wir durch den Wald gekommen, nur die Arriere-Garde befand sich noch darin. Die anbrechende Dämmerung verrieth jetzt dem Feinde unsern Marsch, und wüthend stürzte er sich in Massen auf diese Nachhut, um wenigstens an ihr sich für das Entkommen der Uebrigen schadlos zu halten. Man beschränkte sich nicht mehr auf Tirailleurfeuer, sondern stürmte mit blanker Waffe auf einander los. Besonders zeichneten sich hierbei die Grenadiere des vierten Bataillons aus, die durch ihre Bajonnetangriffe den Feind stets zurückwarfen, und sogar einige Gefangene machten. Das Letztere geschieht nur äußerst selten, denn die Tscherkessen sind schnellfüßig, wie ein Reh, und gewöhnlich nur den Reitern gelingt es, dann und wann Einige gefangen zu nehmen.

Wir schlugen jetzt einen andern Weg ein, der näher sein sollte, doch glaube ich, lag der Grund hierzu mehr darin, daß man nicht nochmals die verwüsteten Gegenden durchziehen, sondern lieber andre aufsuchen wollte, die den Truppen Lebensunterhalt gewähren konnten. Unsere Vorräthe waren nämlich aufgezehrt, da sie nur auf zehn Tage berechnet waren, und es hätte uns auf dem alten Wege leicht so ergehen können, wie den Franzosen auf ihrem Rückzuge aus Rußland, die in den schon durchzogenen Gegenden auch nur Kohlen und Schutthaufen statt Nahrung und Obdach fanden. Gegen Mittag hatten uns die letzten Feinde verlassen. Wir hingen die Büchsen über den Rücken und marschirten nun rasch vorwärts, so daß wir am Abend die größere Hälfte des Weges nach Noworossisk zurückgelegt hatten. Obgleich wir das Wegbleiben der Tscherkessen nur für eine Kriegslist hielten, und für die Nacht einen Angriff erwarteten, so verging doch diese ganz ruhig, ohne daß wir durch einen Schuß gestört worden wären.

Am andern Tage wurde der Marsch mit gleicher Geschwindigkeit fortgesetzt, und wenn wir an der Schlucht des Adagum die Tscherkessen abermals erwarteten, so hatten wir uns, Gott sei Dank, nochmals geirrt. Spät am Abend zogen wir in Noworossisk ein. Die erste Frage war natürlich nach Nikolajewka. „Alles wohl und unversehrt!“ war die ersehnte Antwort, die uns Allen eine Centnerlast vom Herzen nahm. Tapfer, wie vor einigen Tagen in den Feind, hieb jetzt Jeder in das Abendessen ein, denn unsere Magen waren in den letzten Tagen sehr vernachlässigt worden, da wir höchstens Hühner, und auch diese nur äußerst mager, in den Dörfern gefunden hatten.

Am 16. Januar kehrten die Truppen der Expedition wieder nach ihren verschiedenen Garnisonen zurück, um nach einigen Wochen einen ähnlichen Zug wieder zu beginnen, vor der Hand aber sich von den gehabten Strapazen etwas zu erholen.

Nun noch einige Worte über unsere Feinde und ihre Art zu kämpfen.

Die Bergvölker des Kaukasus pflegt man gewöhnlich mit dem Namen Tscherkessen zu bezeichnen, obgleich sie aus einer Menge kleiner Völkerschaften bestehen, von denen nur eine die Tscherkessen sind. In der obigen Erzählung kämpften gegen uns die Stämme der Natchòsch, Schapcùg und Abadsàch. Die Bewaffnung dieser kriegerischen Volksstämme ist so eingerichtet, daß sie sowohl zu Fuß, als zu Pferd kämpfen können, und besteht aus einer Büchse von sehr kleinem Kaliber (Erbsenrohr), einer, zwei und manchmal noch mehr Pistolen, einem Dolch und einem Säbel. Statt dieser beiden letzten Waffen sollen die am caspischen Meere wohnenden Stämme einen circa zwei Fuß langen Dolch haben. Nur selten findet man Bogen und Pfeile noch in Gebrauch. Ihre Patronen, deren sie etwa 16–20 Stück mit sich führen, bestehen aus kleinen hölzernen Röhrchen, welche das Pulver aufnehmen und durch die mit einem Fettlappen umwickelte Kugel fest zugestöpselt werden. Diese Röhrchen stecken sie in lederne Kapseln, welche von der Achsel bis zur Mitte der Brust reichen. Je nach der Breite der Brust und der Stärke der Patronen richtet sich die Anzahl derselben. Die Büchse hängt in einem Filzfutterale über die rechte Schulter auf dem Rücken, der Dolch vorn am Ledergürtel. Den Säbel, welcher weder Parirstange noch sonst eine Vorrichtung zum Schutz der Hand hat, tragen sie beim Gehen an einem schmalen Riemen über der Schulter, beim Reiten um den Leib geschnallt, jedoch immer so, daß er mit der Schärfe nach oben hängt. Derselbe befindet sich in einer hölzernen Scheide, die mit Leder überzogen ist, und in welche die Klinge mit fast dem ganzen Griffe hineinfällt. Die Pistolen stecken eine hinter dem Rücken im Gürtel, eine andere in einem ledernen Futterale, welches vorn am Gürtel an der linken Seite hängt. Führen sie noch eine dritte Pistole, so steckt diese am Sattel. Im Gefecht bedienen sie sich der Feuerwaffen, obgleich sie nur schwach mit Pulver versehen sind; selten greifen sie zur blanken Wehr. Jeden Strauch, jeden Fels, jeden Baum benutzen sie meisterhaft, um von da aus dem Feind eine unerwartete Kugel zuzusenden.

Gewöhnlich jedoch kämpfen sie zu Pferde, und dann ist ihre Gefechtsmethode die der meisten kriegerisch wilden Völkerschaften. Im stärksten Laufe ihrer vorzüglichen Rosse stürzen sie auf die Tirailleurlinie zu, schießen, ohne viel zu zielen, auf 20–35 Schritte los und suchen sich eben so schnell, wie sie gekommen, wieder den russischen Kugeln zu entziehen. Gewöhnlich kämpft Jeder nach eigenem Gutdünken, und nur höchst selten vereinigen sie sich zu einer gemeinschaftlichen Operation; wenigstens habe ich es in den Jahren 1850–1856 in den der Mündung des Kuban zunächst liegenden Theilen des Kaukasus nicht anders bemerkt. Haben sie sich aber einmal zu einem gemeinschaftlichen Unternehmen vereinigt, dann suchen sie dieses auch mit Hartnäckigkeit durchzusetzen, und wir können uns immerhin auf harte Kämpfe, oft mit den blanken Waffen, vorbereiten. Freilich vereitelt auch öfters ihre Uneinigkeit, die besonders beim Vertheilen der Beute nach einem Siege hervortritt, das Unternehmen, oder ihre Absicht wird früh von uns errathen und durch energische Gegenmaßregeln vernichtet. In beiden Fällen kehren sie ruhig in ihre Wohnungen zurück, sich, wie alle Muhamedaner, damit tröstend, daß es von dem unabwendbaren Fatum nicht anders bestimmt war. Kommt es aber doch zum Zusammentreffen, dann bereite man sich auf einen heftigen, wenn auch kurzen Kampf vor. Wie die Katzen kommen sie gewöhnlich des Nachts angeschlichen, nichts verräth ihre gefahrdrohende Nähe. Da blitzt ein Schuß durch die dunkle Nacht, gespenstergleiche Schatten springen hinter jedem Busch und Baum in die Höhe, ein gellendes Geschrei erschüttert Mark und Bein. Die Pistole in der einen Hand, den Säbel in der andern, so stürzen sie in das Lager, Schuß auf Schuß erhellt die Dunkelheit mit grellem Licht, um uns auf Augenblicke den grausamen Feind zu zeigen. Wehe uns, wenn unsere Tirailleurkette die Wüthenden nicht so lange aufzuhalten vermag, bis die Truppen im Lager einigermaßen geordnet sind! Tod oder, was viel schlimmer ist, eine Gefangenschaft, wie sie einst die Christen in den afrikanischen [408] Raubstaaten erdulden mußten, droht dann Jedem, Doch gehört ein gelungener Ueberfall zu den größten Seltenheiten. Unsere braven Soldaten verstehen sich auf diesen Krieg, ihre Reihen sind blitzschnell geschlossen, Salve auf Salve empfängt die Anstürmenden, Kartätschen rasseln in die dichten Haufen, und so schnell, wie sie gekommen, so flüchtig sind sie verschwunden, verfolgt von nachsprengenden Kosaken. Verzweifelter Widerstand gegen sichere, wenn auch schrittweise Unterwerfung, tollkühnes Ungestüm gegen unerschütterliche Ausdauer, Brand und Mord auf beiden Seiten – das ist der Krieg im Kaukasus.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. 7 Werste = 1 deutsche Meile; 1 Werst = 500 Saschen oder 3500 engl. Fuß, also 1 Sasche = 7 Fuß engl. = 6¾ Fuß rheinisch.