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Erinnerungen an Ludmilla Assing

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Textdaten
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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Erinnerungen an Ludmilla Assing
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 298–300
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Erinnerungen an Ludmilla Assing.
Von Rudolf von Gottschall.

Die Kunde der plötzlichen Erkrankung und des Hinscheidens von Ludmilla Assing hat nicht blos deren Freunde in Deutschland schmerzlich überrascht, auch in Italien hat sie in weitesten Kreisen jene Sympathien zum Ausdruck gebracht, welche sich die Schriftstellerin in ihrem Adoptivvaterlande erworben hat.

Noch im Herbst 1878 hatte ich Ludmilla Assing auf ihrer Villa in Florenz besucht. Diese Villa, die nicht blos auf eine freundliche Villeggiatur eingerichtet, sondern ein stattliches Gebäude ist, liegt an der Via Luigi Alamanni, hinter der alten Dominikanerkirche Santa Maria Novella in der Nähe des nördlichen Bahnhofs.

Sie ist von allen Seiten von einem Garten umgeben, welcher die Flora des Südens in üppiger Fülle und Mannigfaltigkeit zeigt; die Besitzerin hat diese Bäume alle selbst gepflanzt, die, mit südlicher Trieb- und Lebenskraft emporgewachsen, ihr jetzt den willkommenen Schatten gaben. Aus ihrer Studirstube führte eine Treppe hinunter in den Garten, zu ihren schattigen Lieblingsplätzchen. Schwere Vorhänge und Jalousieen wehrten nach italienischer Sitte die Sonnenhitze ab, wenn sie oben sich ihren Studien hingab. Repositorien mit den ausgewählten Werken deutscher Schriftsteller, meistens Erbstücke aus der Bibliothek Varnhagen’s, reichten überall bis hoch an die Decke hinan; ein Bücherschrank aber war das Allerheiligste in diesem Gemach; er enthielt den noch unveröffentlichten manuscriptlichen Nachlaß Varnhagen’s – eine Mappe neben der andern, und in jeder Blatt an Blatt gereiht in der saubersten Ordnung, wie sie Varnhagen liebte, alle Notizen mit jener Perlschrift abgefaßt, welche zu den Vorzügen des geistreichen Diplomaten gehörte.

Einige dieser Mappen waren eine biographische Encyklopädie der Zeitgenossen; alphabetisch geordnet lagen die Fascikel übereinander, und in jedem zunächst von Varnhagen’s Hand biographische Notizen und kurze, oft scharfe Kritik, dann allerlei handschriftliche Reliquien, Briefe, Gedichte, Aufsätze. Ich selbst fand in diesem Register der Santa Casa Gedichte von mir, die für mich längst verschollen waren und von deren Existenz ich nichts mehr wußte.

In der That, was ist das biblische Oelkrüglein der Wittwe gegen den unerschöpflichen Varnhagen’schen Nachlaß? Varnhagen war ein Sammler, wie es keinen zweiten giebt. Dazu gehörte nicht blos Fleiß und Ordnung, dazu gehörte ein in der Gegenwart fast ausgestorbener Sinn, das Interesse für die einzelne Persönlichkeit, ihre eigenartige Bedeutung, ihr ganzes Sein und Werden, Wer giebt sich heutigen Tags noch Mühe mit solchen Charakterstudien? Man mißt und schätzt die Menschen in Bausch und Bogen: fast scheint es, daß sie auch uninteressanter geworden sind. Ein paar Heroen in plastischer Größe; alles andere nur Reliefbilder an ihren Piedestalen! Damals machten die Einzelnen, auch wenn sie nicht ihre Namen auf den prunkenden Aushängebogen der Fama lasen, Anspruch auf geistige Bedeutung. Wie viele Werke sind aus Varnhagen’s Zauberschranke bereits durch die fleißige und pietätvolle Vermittelung der Besitzerin an’s Licht hervorgetreten! Mir war’s, als hörte ich darin ein Rumoren wie in dem Davenport’schen Schrank; denn wie viele Lärmgeister der Chronik sind dort noch gebunden!

Ich ließ sie an mir vorüberziehen, die Schriften aus Varnhagen’s Nachlaß, die bereits der Oeffentlichkeit übergeben. Humboldt’s Briefe an Varnhagen, sowie die Gespräche des Gelehrten und Diplomaten, ein Werk, das so großes Aufsehen erregt hatte; denn sie hatten alles ausgeplaudert, was sie auf dem Herzen hatten, und beide waren sonst so discret und zugeknöpft. Varnhagen’s Tagebücher, die Chronik des Berliner oeil de boeuf, dreizehn Bände, bald vornehm und geistig bedeutend, bald heinisirend plauderhaft und spöttisch, überreich an Mittheilungen, die zum Theil dem revisionsbedürftigen Tagesklatsch, zum Theil der unparteiischen Weltgeschichte angehörten; alle die Briefe von Chamisso, Stein, Bettina, Staegemann und Anderen, die in verschiedenen Sammlungen erschienen, meistens mit scharfen Portraitvignetten von der Feder Varnhagen's oder der Herausgeberin, zuletzt alle die Briefsammlungen, die dem Cultus der Rahel gewidmet waren, oder vielmehr, welche uns die Rahel selbst geben; denn sie war ja nie eine Schriftstellerin von Fach; sie lebt ja nur in ihren Briefen.

Und trotz aller dieser Veröffentlichungen ein immer noch gefüllter Schrank, ein unverzehrbarer Vorrath aufgespeicherter Memoiren! Der Eifer der Verleger, die Theilnahme des Publicums mußten allmählich ermüden, solchem Reichthum gegenüber, der für die Geschichte und Culturgeschichte von unschätzbarem Werthe ist. Auch Ludmilla Assing schien die Geister nicht mehr bannen zu können, die ihr Onkel heraufbeschworen und ihrer Obhut anempfohlen hatte. Wir sprachen davon, daß sie diese Schätze einer Bibliothek einverleiben möchte, und in der That erfahre ich, daß sie dieselben jetzt testamentarisch der königlichen Berliner Bibliothek überlassen hat, unter der Bedingung, daß dieselbe als Varnhagen-Sammlung aufgestellt und für den öffentlichen Gebrauch bestimmt bleibe. Würde aber die Berliner Bibliothek das testamentarische Geschenk nicht annehmen, so sollte es der Züricher Bibliothek zufallen.

Zu diesen Manuscripten gehört auch der noch nicht veröffentliche Nachlaß des Fürsten Pückler-Muskau. Der Fürst war ein Freund Varnhagen’s, ihm verwandt in geistiger Regsamkeit, [299] in unbeschränkter Aneignungsfähigkeit, obschon mehr geneigt, sich selbst als Hauptperson zu betrachten und seine geistreiche Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Er war ein alter Bekannter Ludmilla’s, und als er die Gewissenhaftigkeit sah, mit welcher diese Schriftstellerin für den Varnhagen’schen Nachlaß Verleger suchte, gewann und festhielt, und die verständnißvolle Art, mit welcher sie denselben herausgab und mit geistvollen Einleitungen und Bemerkungen versah, hielt er es für das Beste, ihr auch seinen Nachlaß zum Zweck der Herausgabe zu vermachen. Doch für Semilasso, einen gefeierten Helden der jungdeutschen Epoche, herrschte nicht mehr ein so ausgiebiges Interesse, daß für einige zwanzig Bände seines Nachlasses sich ein Verleger gefunden hätte. Gleichwohl vermochte die Herausgeberin noch neun Bände buchhändlerisch unter Dach und Fach zu bringen. Dem Fürsten selbst widmete sie eine geistreich geschriebene Biographie, welche das Lebensbild desselben ohne Verschleierung für die Zeitgenossen und die Nachwelt fixirte. In vieler Hinsicht war der Fürst eine problematische Existenz und huldigte besonders der Freigeisterei der Leidenschaft in rücksichtsloser Weise. Die Auflösung seiner Ehe mit der Gräfin Hardenberg, mit gegenseitiger Zustimmung, nur um ihm die Möglichkeit einer Geldheirath zu sichern, sowie der afrikanische Liebesroman, dessen Heldin die Abessinierin Mechbuba ist, sind die auffallendsten Episoden seines Lebens nach dieser Seite hin. Lord Byron war ihm leuchtendes Vorbild, doch diese Epoche, in welcher geniale Ausnahmenaturen, wie Fürst Pückler, eine Rolle spielen konnten, ist vorübergegangen.

Ludmilla Assing war ein Hamburger Kind; ihre Mutter war Rosa Maria, Varnhagen’s Schwester, eine begabte Dichterin, die mit Chamisso und anderen Poeten in regem Verkehr stand, ihr Vater ein tüchtiger Arzt. Auch über diese von geistigen Interessen beseelte Häuslichkeit hat sie Actenstücke gesammelt, die sie in letzter Zeit zu veröffentlichen wünschte. In Elmsbüttel bei Hamburg, bei Verwandten, brachte sie oft den Sommer zu, auch zur Zeit, da Varnhagen sie schon nach Berlin zu sich genommen hatte. Wie oft bin ich damals mit Feodor Wehl, dem jetzigen Intendanten des Stuttgarter Hoftheaters, hinausgewandert in die Elmsbütteler Idylle, wo wir in dem großen schönen Garten der Wolff’schen Villa über Literatur und Politik plauderten oder auch der Nichte Varnhagen’s für ihr Album saßen, in welches sie unsere Köpfe mit kunstverständiger Hand einzuzeichnen suchte.

Eine andere Etappe unseres Verkehrs bildete der Varnhagen’sche Salon in der Mauerstraße in Berlin; es war ein Salon der guten alten Zeit, der in der Epoche der lärmenden Gastereien längst auf den Aussterbe-Etat gesetzt ist. Gleichwohl fanden sich dort nicht ästhetische Theekränzchen zusammen, sondern er war mehr ein bureau d’esprit, in welchem über alle Tagesfragen in lebendigen Gesprächen verhandelt wurde; Politik und Literatur nahmen das gleiche Interesse in Anspruch.

Ludmilla war hier die Aufgabe zugefallen, als die präsidirende Dame des Hauses die Traditionen der Rahel fortzupflanzen, und wenn sie sich auch in Bezug auf die Tiefe sibyllinischer Offenbarungen nicht mit Rahel messen konnte, so kam sie ihr doch gleich an aufgeschlossenem Sinn für Alles, was der Tag brachte, an geistvoller Lebendigkeit der Unterhaltung. Sterne erster Größe, wie Alexander von Humboldt, waren bei Varnhagen oft zu finden, ebenso Fürst Pückler, auch die Autoren des jungen Deutschlands, Theodor Mundt, Karl Gutzkow, Heinrich Laube, wenn die beiden Letzteren in Berlin sich aufhielten, ferner jüngere Schriftsteller, wie Max Ring und Andere. Ein Stammgast des Salons war Freiherr Sternberg: mit seiner schlanken Gestalt, seinen edelgeschnittenen Zügen war der kurländische Baron eine Erscheinung, die bei dem ersten Anblick schon die Theilnahme erregte. In der Regel war er während des Gesprächs damit beschäftigt, diesen oder jenen Charakterkopf aus der Zahl der Anwesenden auf ein Blatt Papier hinzuwerfen. Varnhagen selbst handhabte mit Meisterschaft die Silhouettenscheere, welche mit derselben Gewandtheit wie die Feder des Biographen die Profile hervorragender Persönlichkeiten in scharfgeschnittenen Umrissen festzuhalten verstand.

Ein andrer Berliner Salon, in welchem ich oft mit Ludmilla Assing zusammentraf, war derjenige der Gräfin Ahlefeld. Die Freundin Immermann’s, die Wittwe des Führers der Lützow’schen Freischaaren, war in jeder Hinsicht eine distinguirte Persönlichkeit von geistig vornehmem Wesen: sie hatte einen Zug von ästhetischem Hohenpriesterthum. Wenn auch bei ihr vorzugsweise die Dichtung ein Asyl fand, so durfte man auch hier nicht an die flachen schöngeistigen Cirkel Berlins denken. Palleske las hier Shakespeare’sche Dichtungen, wir jüngeren Autoren trugen unsere eigenen Dramen vor; wir durften auf das feinste Verständniß rechnen und waren bei allen Stellen, die wir nach unserem Gefühl für gelungen hielten, der lauten Zustimmung der Gräfin und ihrer Freundin gewiß. Ein Denkmal dieser Freundschaft ist die Biographie der Gräfin Ahlefeld, welche Ludmilla im Jahre 1853 herausgab und welche uns das Bild eines interessanten und vielbewegten Lebens entrollt. Einzelne Episode desselben, wie die Freundschaft mit Immermann, gaben ihr Anlaß zu psychologisch feiner Darstellung. Auch das Werk der Ludmilla Assing über „Sophie von La Roche, die Freundin Wieland’s (1859) trägt das Gepräge einer Darstellungsgabe, welche ein fein retouchirtes Gesammtbild eines Charakters ausführt.

Im Herbste des Jahres 1878 besuchte ich Ludmilla Assing zum letzten Male in Florenz, wo ich sie schon im Jahre 1863 bei meiner ersten italienischen Reise aufgesucht hatte. Die dauernde Ansiedelung Ludmilla Assing’s im Auslande war die Folge der Verurtheilungen, die sie sich durch die Herausgabe der Varnhagen’schen Tagebücher in den Berliner Preßprocessen zugezogen. Seitdem hatte sie sich ganz in Italien eingelebt, im Einklang mit den strebenden Geistern der Nation, eine italienische Patriotin, welche der Einheitsbewegung mit Begeisterung folgte und besonders für Mazzini große Bewunderung hegte. Zu ihren nächsten Freunden gehörte der früh verstorbene Pietro Cironi, einer der feurigen Patrioten, dem sie auch einen literarischen Denkstein in einer Biographie gesetzt hat. Seitdem sie die Villa gekauft, die sie jetzt ihren mazzinistischen Freunden im Testament vermacht hat, konnte sie eine geistreiche Geselligkeit nach dem Berliner Vorbild pflegen. Ich fand in ihren Salons, außer dem deutschen Consul, eine große Zahl italienischer Journalisten, Publicisten, Künstler, auch Vertreter vornehmer Gesellschaftskreise; sie bildeten eine Art von internationalem Mittelpunkt, und wie tief gerade in Florenz diese Interessen wurzeln, beweisen wohl die beiden hier erscheinenden italienischen Revuen: „Rivista internazionale“ und „Rivista Europea“, welche beide der deutschen Literatur eingehende Beachtung schenken, häufig Artikel aus deutschen Zeitschriften, besonders „Unsere Zeit“, übersetzen und jedes Heft derselben auf das Genaueste analysiren.

In dieser Villa spielt auch der kurze Liebes- und Ehe-Roman, welcher in deutschen Blätten so viel Staub aufgewirbelt hat. Ludmilla vermählte sich mit dem jungen Bersagliere-Officier Grimelli in der Ueberzeugung, daß die Bewunderung, die er für ihre geistige Begabung und ihre Leistungen hegte, für den großen Unterschied des Lebensalters einen ausgleichenden Ersatz bieten werde. Diese Ueberzeugung erwies sich als trüglich.

Die Kluft war nicht auszufüllen; Grimelli begann allmählich, sich seiner älteren Lebensgefährtin vor seinen Cameraden zu schämen. So mußte die Ehe wieder getrennt werden; das Gerücht schmückte diese Scheidungsgeschichte in abenteuerlicher Weise aus. Ludmilla Assing hat mir alle Briefe Grimelli’s vorgelegt: es war zur Zeit, als in Deutschland jene falschen Gerüchte verbreitet wurden. Der Bersagliere-Officier bewahrte zu jeder Zeit seinen Respect vor den hohen Geistesgaben seiner Gattin, ja er gab demselben oft einen überschwänglichen Ausdruck. In finanzieller Hinsicht hatte sich Frau Assing-Grimelli ihr gutes Recht gewahrt und blieb hierin auch allen Vermittelungsversuchen unzugänglich.

Grimelli wurde Publicist in Piacenza und später in Livorno. Meinungsverschiedenheiten führten zu Mißhelligkeiten und zu Duellen mit anderen Redacteuren, und Grimelli endete durch Selbstmord, wie es scheint, weil sein Benehmen in einem Ehrenhandel den Conflict mit den anderen Publicisten noch schärfer auf die Spitze getrieben hatte.

So hatte die Villa der Via Luigi Alamanni ihre Tragödie, und eine zweite sollte ihr auf dem Fuße folgen. Ludmilla Assing verfiel in Folge einer Entzündung der Hirnhäute dem Irrsinn und mußte in die Irrenanstalt von San Bonifazio gebracht werden, wo sie in bewußtlosem Zustande ihre letzten Lebenstage verbrachte. War ihre Krankheit die Folge angestrengter Geistesarbeit? Sie war voll unermüdlicher Thätigkeit, und wenn sie ordnend, sammelnd, durch Abfassung von Einleitungen, durch [300] Hinzufügen von Bemerkungen sich ermüdet hatte, so las sie in der Laube ihres Gartens mit dem greisen Advocaten Campanella, einem Freund Mazzini’s, die italienischen Classiker. Ich hielt sie stets für gesund und zu einem hohen Alter berufen; nur einmal wurden mir hierüber Bedenken wach. Es war im Campo Santo von Pisa; wir bewunderten die Freskenbilder von Andrea Orgagna und die Tempera-Wandbilder von Benozzo Gozzoli, welche diesen Corridorumgang schmücken: da glitt meine Begleiterin auf einer der Stufen aus, welche plötzlich und unmerklich in diesen Corridoren auf- und niederführen. Diesem Ausgleiten folgte alsbald eine Ohnmacht. War dies ein böses Vorzeichen, die Ohnmacht in dem Campo Santo, wo sich 600 Gräber unter dem Marmor des Fußbodens befinden? War es eine Mahnung aus der Tiefe, welche das herandrohende Loos des Todes voraus verkündete?

Das traurige Schicksal von Ludmilla Assing erinnerte mich an eine andere deutsche Schriftstellerin, die auch in Italien lebte und auch, nachdem sie einen italienischen Officier geheirathet hatte, im Irrenhause gestorben ist. Auch sie besaß eine Villa, und zwar dicht bei Stresa, unmittelbar an den reizenden Ufern des Lago Maggiore. Vom Altan derselben sah man auf die gegenüberliegenden – Borromeischen Inseln und tief hinein in die Geheimnisse der Alpenwelt, auf die Gipfel, welche die Pässe des Simplon und Sanct Gotthard bilden. Auch sie war lebensfrisch, als ich sie besuchte; noch sehe ich ihre schlanke, hohe Gestalt unter den immergrünen Cypressen und Magnolien auf den Terrassen der Isola bella – und nicht allzu lange darauf kam die Kunde ihres Todes. Es war die Wittwe des preußischen Gerichtsrathes Boigtel, die unter dem Namen Arthur Stahl geistvolle spanische und ägyptische Reisebilder verfaßt hat und als Verfasserin eines viel zu wenig gekannten Romans. „Die Tochter der Alhambra“, auch in unserer Literatur Anspruch auf gerechte Beachtung sich erworben hat.

Als ich mit Ludmilla Assing über das Schicksal der schriftstellerischen Collegin sprach, als wir beide dasselbe tief beklagten, da ahnten wir nicht, daß schon, ehe zwei Jahre vergangen, die Chronik der Zeitungen von ihr selbst ganz das gleiche Trauerloos berichten würde. Sic eunt fata hominum.