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Epistel-Postille (Wilhelm Löhe)/2. Pfingsttag

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Epistel-Postille (Wilhelm Löhe)
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Am zweiten Pfingsttage.

Apostelgesch. 10, 42–48.
42. Und Er hat uns geboten zu predigen dem Volk, und zu zeugen, daß Er ist verordnet von Gott ein Richter der Lebendigen und der Todten. 43. Von diesem zeugen alle Propheten, daß durch Seinen Namen alle, die an Ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen. 44. Da Petrus noch diese Worte redete, fiel der heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhöreten. 45. Und die Gläubigen aus der Beschneidung, die mit Petro gekommen waren, entsetzten sich, daß auch auf die Heiden die Gabe des heiligen Geistes ausgegoßen ward. 46. Denn sie höreten, daß sie mit Zungen redeten, und Gott hoch priesen. Da antwortete Petrus: 47. Mag auch Jemand das Waßer wehren, daß diese nicht getauft werden, die den heiligen Geist empfangen haben, gleichwie auch wir? 48. Und befahl sie zu taufen in dem Namen des HErrn.

 Das heutige Evangelium spricht nicht von Pfingsten, nicht von der großen Thatsache, deren wir in diesen Tagen gedenken, sondern von dem pfingstmäßigen Leben der Gläubigen. Es ist darinnen dem gestrigen Evangelium ähnlich. Beide Evangelien bezeugen den Sinn der Kirche: die ganze Zeit seit jenen ersten Tagen der wunderbaren Ausgießung des heiligen Geistes als eine Pfingstzeit zu erkennen und alle Gläubigen anzuleiten, daß sie ihre Lebenszeit als einen Theil der großen allgemeinen Pfingstfeier der Welt ansehen und führen. Wie nun die beiden Evangelien dieser hohen Freudentage zusammenstimmen; so stimmen auch die beiden epistolischen Lectionen zusammen. Beide, eigentlich keine epistolischen Lectionen, sondern aus der Apostelgeschichte genommen, reden von den großen Thatsachen, die wir an Pfingsten feiern, die gestrige Lection von der Ausgießung des heiligen Geistes über die Juden, die heutige von der Ausgießung des heiligen Geistes über die Heiden. Der Juden und der Heiden erstes Pfingsten werden uns in beiden Texten in herrlicher Aufeinanderfolge vor das Auge gestellt. So stimmen also die Texte der beiden Tage zusammen. – Ehe wir nun aber der Heiden erstes Pfingsten im heutigen Texte betrachten, ist noch auf eine andere Harmonie aufmerksam zu machen, die heute in unseren Ohren wiederklingen soll. Es ist überhaupt eine uralte Sitte der Christenheit, in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten den Gemeinden aus dem Worte Gottes solche Dinge vorzulesen, welche in das erste Frühlingsleben der Gemeinden Gottes auf Erden einleiten können. Besonders gern las man die Apostelgeschichte, die ja vom ersten Kapitel bis zum letzten voll Frühlingswesen, voll kräftigen, jugendlichen Lebens der Kirche ist. Schon am Anfang der nun ablaufenden Pfingstzeit, am zweiten Ostertage, lasen wir als Epistel einen Theil des zehnten Kapitels der Apostelgeschichte, den ersten Theil derselben Erzählung von der wunderbaren Ausgießung des heiligen Geistes zu Cäsarea, von welcher wir heute den zweiten Theil lesen. Mitten in der Erzählung bricht die Osterepistel ab, nachdem die Auferstehung JEsu Christi erwähnt ist; mitten in der Erzählung fängt die Pfingstepistel an. Was an Ostern begonnen ist, wird heute geschloßen. Das österliche Wort St. Petri in Cäsarea vollendet sich heute in der göttlichen Pfingstthat zu Cäsarea. Wenn nun die vierzig, ja fünfzigtägige Feier von Ostern bis heute der christlichen Gemeinde sagt, daß unser ganzes Leben seit jener Zeit in dem hohen Freudenton der Ostern und Pfingsten geführt werden soll, so zeigen uns die beiden Texte vom zweiten Oster- und vom zweiten Pfingsttag Ursache und Inhalt aller österlichen und aller Pfingstfreude, aller Freude unseres ganzen Lebens. Auch das also wäre Zusammenhang und Zusammenklang; auch diesen Zusammenhang laßt uns nicht vergeßen. Nun aber wollen wir zu unserem Texte selber schreiten.

 Dieser Text zerfällt vor unseren Augen in drei| Theile. Der erste von diesen, Vers 42 und 43, enthält den Schluß der Predigt Petri in Cäsarea. Der zweite, vom 44. bis 46. Verse, erzählt die Ausgießung des heiligen Geistes über die dortigen Heiden, Cornelius und die Seinen. Der dritte Theil, Vers 47 und 48, berichtet von ihrer Taufe. Der Fortschritt geht also von der Predigt zu den außerordentlichen Gaben des heiligen Geistes, und von diesen zu den ordentlichen Gaben. Diesen Fortschritt haben wir selbst als einen außerordentlichen anzuerkennen, selbst im Vergleich zu dem Pfingsten der Juden, welches uns die gestrige Epistel erzählte. Die Juden hören die Predigt, und nachdem diese ihre Dienste gethan hatte, werden sie getauft, nach der Taufe aber empfangen sie unter apostolischer Handauflegung die außerordentlichen Gaben des heiligen Geistes. In beiden Fällen geht die Predigt voraus, beim Pfingsten der Juden aber geht es nach der Ordnung Gottes, die Predigt gibt erst den Geist in seinen ordentlichen Gaben, d. h. in den nöthigsten, dann führt sie zu den außerordentlichen, während bei dem Pfingsten der Heiden auf diese jene folgen. Es ist gerade, wie wenn Gott recht auffallend hätte zeigen wollen, daß er der Heiden Gott sei, wie wenn er die Juden hätte lehren wollen, daß er sich um den Mangel der Beschneidung nichts kümmere und den Unbeschnittenen in Sein Reich ohne Beschneidung und gesetzliches Wesen helfe, und das sogar auf einem Wege, der den Juden, eben weil er so außerordentlich ist, sogar als eine Art von Vorzug der Heiden erscheinen konnte. Wir wollen damit nicht sagen, daß der außerordentliche Weg der beßere sei, daß im ordentlichen ein Mangel liege; der ordentliche führt selig und schön, ist wie der andere ein Weg des Geistes, kein Mensch darf ihn verachten, aber für die Heiden in Cäsarea und vor den Augen der ungelehrigen Jünger aus der Beschneidung ist der außerordentliche Weg ein stärkeres und überwindendes Zeugnis von der Seligkeit allein aus Gnaden, ohne Beschneidung und Gesetzeswerke, ein Zeugnis, welches die Kirche damals bedurfte und auch jetzt noch bedarf, ein Zeugnis von der Allgenugsamkeit der Gnade Gottes, für welches wir immer danken dürfen.
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 Der erste Theil unsres Textes macht den Schluß der apostolischen Predigt Petri, den Schluß, welcher zugleich den Höhenpunkt des Ganzen bildet. Dieser Schluß ist seinem Inhalte nach zweitheilig, indem der eine Vers, der 42. von dem Richter der Welt handelt, der darauf folgende 43. aber von demjenigen, in welchem alle Gläubigen Vergebung ihrer Sünden haben. Die beiden Theile des Inhalts sind nicht allein von einander verschieden, sondern man kann sagen, sie sind einander entgegengesetzt. Denn was kann mehr entgegengesetzt sein, als Gericht und Vergebung, – schließt doch eines das andere geradezu aus. Mit diesen Gegensätzen beschließt der heilige Petrus seine Rede und das deswegen, weil der, der alle Welt richten soll, ein und dieselbige Person mit demjenigen ist, in welchem alle Vergebung der Sünden finden. In Ihm versöhnen sich also die Gegensätze, in Ihm reichen sich Gericht und Barmherzigkeit die Hände, oder wie die Schrift sagt, küßen sich Gerechtigkeit und Friede. Gerade das aber, daß in Christo sich solche Gegensätze vereinen, ist Grund und Ursach, warum im Schluße der Rede Petri diese Gegensätze zusammengestellt werden. Ist die eine Hand JEsu Christi die hohenpriesterliche Hand, welche Segen und Vergebung austheilt, während die andere die Waage der Gerechtigkeit hält, so ist dem Menschen durch eine und dieselbe Person die Wahl gelaßen zwischen beiden, er kann sich die Hand mit der Waage und die Hand mit der Absolution wählen, je nachdem er sich selbst entschließt. Eben das ist auch die Absicht des Apostels bei der Zusammenstellung der Gegensätze, eben deshalb sind sie geeignet, zusammengefaßt zu werden, weil dem Menschen in der Wahl zugleich eine Nöthigung begegnet, sein Heil zu bedenken und eines oder das andere zu ergreifen. Es lautet majestätisch und streng, wenn St. Petrus im 10. Capitel predigt: „Wir haben mit Ihm gegeßen und getrunken nach Seiner Auferstehung von den Todten und Er hat uns befohlen, dem Volke zu predigen und zu bezeugen, daß Er der von Gott bestimmte Richter der Lebendigen und der Todten sei.“ Wenn also dieser Auferstandene Recht hat, so bleibt vor Seinem richterlichen Auge kein Lebendiger und kein Todter verborgen, Er weiß sie alle vor Seinen Stuhl zu bringen und vor Sein Gericht zu ziehen; es ergibt sich daraus, daß Er ein HErr sei über die Lebendigen und die Todten, so wie Er auch offenbar alle Eigenschaften besitzen muß, ohne die niemand ein Richter der Lebendigen und der Todten sein kann. Er muß sein allwißend, von unbestechlicher| Gerechtigkeit und doch voll heiliger gerechter Rücksicht auf alle menschlichen Umstände und Verhältnisse. Er muß Gott und Mensch sein, göttliche und menschliche Eigenschaften vereinen, sonst würde ihm immer etwas fehlen, was der Richter haben muß. Wahrlich eine majestätische Persönlichkeit, die Richter aller Welt sein kann, und ihre Boten in alle Welt ausschicken darf, sich ankündigen zu laßen. Nicht minder groß ist aber der Inhalt des zweiten Verses. „Diesem, sagt St. Petrus, geben alle Propheten Zeugnis, daß jeder, der an Ihn glaubt, Vergebung der Sünden durch Seinen Namen empfange.“ So mahnet also nicht Er selbst allein, sondern alle Seine Propheten, die vor Ihm hergegangen sind, den um Sein Seelenheil besorgten müden Sünder, sich vor dem gestrengen Richter der Welt zu niemand anders zu retten, als zu Ihm selbst, und durch Glauben und Vertrauen an Sein hier auf Erden vollbrachtes Werk die furchtbarste aller Persönlichkeiten sich zur sanftesten und liebevollsten umzuwandeln. Weßen Seele frei und unbefangen genug ist, so eine Predigt zu würdigen, wie sie in diesen beiden Versen vorliegt, der wird gestehen müßen, daß in der Welt keine Predigt und kein Predigtschluß eine solche mächtige und herzbewegende Kraft äußern kann, als dieser. Da wird man bis zu den Schrecken des Gerichtstages erhoben und hingerißen bis in die Angst, welche ärger ist als Todesangst, weil sie vor dem ewigen Tode bebt; da sieht man den Arm und das Schwert aufgehoben; aber über ein Kleines, da hört man die mildeste Stimme eines Seelenfreundes und eines ewig guten Hirten, welcher die Schafe zu grünen Auen einlädt. Meine lieben Brüder, wenn ihr einen Augenblick vorwärts sehet in unserm Texte, so findet ihr, daß der Schluß der Predigt Petri von einer gewaltigen Wirkung des heiligen Geistes begleitet war, daß das Pfingsten der Heiden unter den letzten Worten Petri hereinbrach. Der Geist kommt aus der Predigt; aus welcher Predigt, das lehrt uns unser Text, der Geist kommt aus der Predigt von Vergebung der Sünden. Aber aus einer solchen Predigt von der Sündenvergebung, welche zugleich mit der Erinnerung an das ewige Gericht verbunden ist, die durch den mächtigen Gegensatz ihre volle Süßigkeit gewinnt, die Vergebung nicht als etwas Gleichgiltiges oder Geringes hinstellt, sondern als die einzige Kraft, dem zukünftigen Gerichte zu entgehen. So finden wir also damit angedeutet, wie man auch in unseren Zeiten den Geist Gottes den Menschen zuführen soll. Nicht jede Predigt gibt den Geist, nicht die Predigt von irgend einer Glaubenswahrheit, welche du erwählen möchtest, sondern die mit den rechten Gegensätzen verbundene Predigt von der Vergebung der Sünden. Die Predigt des heiligen Apostels Petrus in ihrer großartigen Ursprünglichkeit und hohen Einfalt spricht allen denjenigen, welche mit der Ewigkeit schrecken, in der Gnadenzeit aber locken, vor dem Richter warnen, zum Erlöser weisen, ihr bestimmtes Recht zu, und nicht bloß ihr Recht, sondern auch ihre Kraft und ihren Erfolg. So sehr wir daher auch die Methodisten tadeln mögen, weil sie die Gegensätze von Gericht und Gnade nicht in der großartigen Einfall Petri hinstellen, sondern auf eine alle Gefühle anregende, alle Nerven aufregende menschlich übertreibende Weise predigen; so sehen wir doch ganz deutlich, daß die Verbindung ihrer beiden hauptsächlichsten Thematen sich aus St. Petri Beispiel und Segen rechtfertigen läßt. Man thut daher unrecht, wenn man in diesem Stücke am Methodismus mehr haßt und misbilligt, als die Methode; im Gegentheil aber thut man ganz recht, wenn man einfältig und kräftig Gericht und Vergebung predigt und dem Menschen die Wahl zwischen beiden frei läßt, aber auch wichtig macht.
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 Ihr erinnert Euch, meine lieben Brüder, daß wir von dem Vorgang zu Cäsarea eine doppelte Erzählung haben, die nemlich in unserm Textescapitel, die zweite aber in dem darauffolgenden 11. Capitel, welche aus dem Munde Petri und seiner eigenen Erzählung nach seiner Zurückkunft von Cäsarea genommen ist. Beide Berichte stimmen vollkommen zusammen. Doch aber kann man zuweilen den einen durch ein Wort des andern vervollständigen, oder anschaulicher machen, genauer begränzen und dgl. So sagt Petrus im folgenden Kapitel Vers 15: „Da ich aber anfieng zu reden, fiel der heilige Geist auf sie, wie auch auf uns im Anfang.“ Daraus sehen wir, daß die Rede des heiligen Petrus, deren Gedankengang uns so vollkommen erscheint, so weit er vorgelegt ist, und sich bereits wie ein abgerundetes Ganzes ausnimmt, doch noch nicht zu Ende gekommen war, ja daß alles, was wir von ihr wißen, nur ein Anfang von alledem war, das Petrus zu sagen hatte.| Nicht lang also, nachdem Petrus den Mund aufgethan hatte zu reden, aber auch nicht ohne Rede und Predigt, nicht vor Beginn derselben fiel der heilige Geist auf die Gläubigen. Geist und Wort gehen zusammen, das Wort ist gewissermaßen wie eine Leiblichkeit des Geistes oder ein Träger des heiligen Geistes, und wenn man auch beim ersten Pfingsten der Juden im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte nichts davon liest, daß dortmals die Ausgießung des heiligen Geistes sich an eine Predigt angeschloßen habe, so haben wir doch einen doppelten Grund anzunehmen, daß auch sie nicht ohne Predigt geschehen sei. Da die ersten Gläubigen beisammen waren, als der Geist über sie kam, und sie bei aller Erwartung der Verheißung des Vaters doch die bestimmte Absicht nicht haben konnten, zusammenzukommen, damit sie den Geist empfiengen, so wird doch die nächste Absicht gewesen sein, um den Geist zu beten und von der Verheißung des Vaters zu reden. Es kann deshalb allerdings auch die erste Ausgießung des Geistes über die Juden, der heute in Cäsarea vorgegangenen auch in dem Stück ähnlicher gewesen sein, als es scheint. Wäre aber auch dies nicht gewesen, so würde doch die Ausgießung des heiligen Geistes zu Jerusalem nicht ohne Predigt geschehen sein. Wie die Ausgießung des heiligen Geistes in Cäsarea die Predigt Petri besiegelte, so besiegelte die Ausgießung des heiligen Geistes in Jerusalem die Predigten JEsu, und man könnte daher sogar sagen, es habe dieser weniger an Predigt gefehlt als jener, die nach eigenem Berichte des Apostels nur den Anfang einer Predigt Petri vor sich hatte. So gienge dann doch immer Geist und Wort zusammen, und wie alle ordentlichen Gnaden des heiligen Geistes durch die Predigt gegeben werden, so bestätigten auch alle außerordentlichen immer eine Predigt des lebendigen Gottes. Das Wort des Geistes wäre immer, wenn nicht das Mittel der Annahung des Geistes, wie bei den ordentlichen Gnaden, so doch Anzeichen und Begleitung des Geistes. – Was nun die Ausgießung des heiligen Geistes selbst anlangt, so geschah sie in Cäsarea ganz wie in Jerusalem, wie das in der Erzählung des 11. Kapitels ausdrücklich bezeugt wird und aus dem doppelten Berichte Kap. 10 und 11 unleugbar hervorgeht. Nicht wißen wir, ob in Cäsarea auch das Brausen des gewaltigen Wehens vom Himmel vernommen wurde, auch steht wenigstens nicht ausdrücklich geschrieben, daß die feurigen Zungen über den Heidenchristen zu Cäsarea erschienen seien, und sich auf sie gesetzt hätten; aber man könnte doch eine sichtbare Aehnlichkeit des Vorgangs zu Cäsarea mit dem zu Jerusalem vermuthen, ja aus den Worten schließen, weil es ja in beiden Berichten heißt: der Geist sei auf sie gefallen, und in dem einen, es sei geschehen wie in Jerusalem. Man würde es wohl schwerlich für ganz dem Eindrucke der Erzählung zupaßend halten, wenn man behaupten wollte, man habe zu Cäsarea nur aus den augenblicklichen Wirkungen geschloßen, daß unsichtbar dasselbige vorgegangen sei, was in Jerusalem sichtbarlich. Bescheiden wir uns daher auch über das symbolische und sichtbare des Heidenpfingstens weniger zu wißen, als vom Pfingsten der Juden; so werden wir uns doch wohl hüten, aus unseren Textesworten mehr zu schließen, als drinnen liegt, und etwa gar zu behaupten, was uns weder gesagt ist noch folgt, es sei in Cäsarea die Ausgießung des heiligen Geistes keine sichtbare gewesen. Dabei müßen wir aber allerdings zugestehen, daß der Text weit mehr von den Wirkungen des heiligen Geistes als von den Symbolen sagt, so wie, daß von den Wirkungen so viel und großes gesagt wird, als nur immerhin nöthig ist, um schon aus ihnen die Heimsuchung des heiligen Geistes und den Anbruch des Pfingstens der Heiden zu schließen. Denn auch diese Heiden, die kaum die Botschaft des Evangeliums vernommen und in ihre glaubigen Gemüther aufgefaßt hatten, redeten mit Zungen und lobpreiseten Gott, so daß Petrus und seine Begleiter aus den Judenchristen in Erstaunen geriethen, weil auch über die Heiden die Gabe des heiligen Geistes ausgegoßen ward. Wenn nun die Heiden in Cäsarea mit Zungen reden, und in Jerusalem gleicherweise die judenchristliche Gemeinde, so ist allerdings über beide einerlei Gabe ausgegoßen, und es war von Seiten des HErrn gewis auf eine Gleichstellung der Heiden- und der Judenchristen abgesehen. Es sollte ja dadurch der Wahn zerstört werden, als sähe Gott Person an, als gäbe er den Juden um ihrer alttestamentlichen Vorzüge willen ein näheres Gnadenrecht an Christum und Seine Erlösung, als den Heiden. Die Gleichheit, die Allgemeinheit der Berufung, die Allgemeinheit der Bedingungen des Heils, nemlich die Hinnahme des Heils und Lebens aus purer Gnade| sollte der judenchristlichen Gemeinde und ihrem ersten Apostel, dem heiligen Petrus, glänzend ins Auge treten, unwidersprechlich gelehrt werden. Wer kann auch leugnen, daß die Belehrung eine mächtige und glänzende war, daß Gott, wenn man so sagen darf, alles aufgeboten hatte, um Petro und durch ihn den Judenchristen allen judaistischen Vorzug niederzulegen. Engel, Gesichte und Offenbarungen müßen vom Himmel kommen, Kriegsknechte, Sclaven und Apostel, dazu Apostelschüler müßen Reisen machen, hin und her, damit der einzige Weg unserer Seligkeit, der einzige für alle, geoffenbart, gelehrt, erkannt, geglaubt und festgehalten würde. Wir wißen aber auch, wie schwer das gerade bei den Juden hielt, wie fest sich auch die Judenchristen an ihre Vergangenheit anklammerten, und wie große Mühe es durch das ganze erste Jahrhundert und darüber hinaus gekostet hat, um den jüdischen Stolz zu überwinden und die Seligkeit aus Gnaden ohne des Gesetzes Werke allen und jeden, auch den Heiden einzuprägen. Der HErr kannte die Hartnäckigkeit Seines Volkes und wählte daher die entsprechenden Mittel, sie zu überwinden. Er hat damit auch den späten Jahrhunderten und fernen Geschlechtern große Gnade erzeigt, da die Menschen aller Zeiten sich gleich bleiben und in jedem Geschlechte, ja in jedem Menschen sich immer neu die Versuchung erhebt, als könnten doch welche Vorzüge leiblicher und geistlicher Art einen Einfluß auf die Gewinnung unseres ewigen Heiles üben. Kein Abweg ist betretener, keiner beliebter bei dem menschlichen Geschlechte, als der der Selbstgerechtigkeit und des Stolzes auf erträumte oder überschätzte Vorzüge, und nichts geht dem Herzen schwerer ein, als das Wörtchen, welches alle und alle Beimischung menschlicher und natürlicher Zuthat aus dem Werke unsrer Erlösung ausschließt, das Wörtchen „alleine“. – So gewis nun auch der HErr in unserem Texte zu dem einen Ziele dringt durch Gleichstellung der Heiden und Juden, Seinen einzigen Heilsweg für alle Menschen ins Licht zu setzen, so können wir doch die gemeinsame Gabe des Zungenredens bei dem Juden- und bei dem Heidenpfingsten in einer gewissen Verschiedenheit der Bedeutung auffaßen. Diese Gabe des Zungenredens rechtfertigt sich in Cäsarea schon genugsam durch die erkannte göttliche Absicht, die Heiden rücksichtlich des ewigen Heiles den Juden gleich zu stellen. Eine außerordentliche Gabe haben sie beide, sie deutet auf eine und dieselbige ordentliche Gabe der Seligkeit. Dagegen aber bei dem Pfingsten der Juden, bei welchem die größten Lehrer, welche die Menschheit außer Christo jemals hatte, die heiligen Apostel und ihre Gehilfen ausgerüstet wurden, denkt man an keine Gleichstellung, an keine Zurückbeziehung der fernen Heiden zu der jüdischen Gemeinde, sondern da denkt man an die Fortbewegung des göttlichen Wortes, an den Brand der Welt, durch die feurigen Zungen entzündet, an die Macht apostolischer Zungen, an die Kraft des Evangeliums. Man braucht nicht zu leugnen, was man nicht weiß, nemlich daß wohl auch Cornelius und die Seinen zur Ausbreitung des Reiches Gottes durch Wort und Schrift das Ihrige werden beigetragen haben; man kann es ganz wahrscheinlich finden, daß es von ihnen geschehen ist, und doch wird ihr Zungenreden bei aller Einerleiheit der Sache mit jener zu Jerusalem nur den Eindruck auf den Leser machen, welchen das Zungenreden der Corinther in den Briefen Pauli auf uns macht. Es ist die gleiche hohe Gabe, aber zu verschiedenem Zweck geschenkt, – in Cäsarea und Corinth, um der Gemeinde eine Hebung und Verklärung der geistigen Fähigkeiten des Menschen zu zeigen, wie sie dermaleins allen Christen eigen werden dürfte; in Jerusalem aber um der Kirche ihren Weg zum Sieg zu zeigen, den Weg der feurigen alles überwindenden Zungen.
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 Hier kommen wir nun zum dritten und letzten Theile unseres Textes. Als der heilige Petrus die außerordentlichen Gaben des Geistes Gottes auf die Jünger fallen sah, da konnte in ihm eine Ueberlegung beginnen, nemlich wie er diese zungenredenden vom Geiste Gottes heimgesuchten Heidenchristen anzusehen und weiter zu führen hätte. Sind sie von Gott den Judenchristen beigesellt und gleichgestellt, welche die ganze Lehrzeit JEsu mit Ihm zugebracht hatten und in Seiner Schule geblieben waren, so konnte es erscheinen, wie wenn sie nun damit über alle Ordnungen Christi hinübergehoben wären, und ihren ganz eigenen Weg zu gehen hätten. Bei den Judenchristen hatte es Apostelgeschichte 2, 38 geheißen: „Thut Buße und laße sich ein jeglicher taufen auf den Namen JEsu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfahen die Gabe des heiligen Geistes.“ Hier ist nun aber die| Gabe des heiligen Geistes gegeben ohne Taufe; so konnte die Taufe überflüßig scheinen. Wer weiß, wie viele andere so geschloßen haben würden, und wie viele den Schluß gebilligt hätten. Aber es gibt der menschlichen Trugschlüße gar viele, und gerade auf dem Gebiete der Offenbarung sieht gar oft der Trugschluß so sehr der Wahrheit ähnlich, daß er von allen Verstandesmenschen beschworen werden könnte. Hier aber sehen wir einen Mann, deßen geistige Fähigkeiten über das Maß anderer Menschen erhaben sind, der aber außerdem noch unter der besondern Leitung des heiligen Geistes steht, der deshalb auf eine doppelte Weise vor dem Betruge des menschlichen Verstandes gesichert ist und unter dem Lichte und Einfluße der göttlichen Gnade das Gegentheil von allem findet und ausspricht, was vielleicht andere gesagt haben würden. St. Petrus brach nach dem 47. Vers in die Worte aus: „Kann auch jemand das Waßer wehren, daß diese nicht getauft werden, welche doch den heiligen Geist empfangen haben gleich wie auch wir?“ So sprach er, und da gieng es, wie man im Sprichwort sagt: „Gesagt, gethan“. Denn er befahl, daß sie getauft würden im Namen des HErrn, und sie baten ihn dann, etliche Tage bei ihnen zu bleiben. Also weil sie die Gabe des heiligen Geistes empfangen haben, eben deshalb kann niemand das Waßer wehren und die Taufe verbieten, und wenn Gott die Heidenchristen wunderbarer Weise durch die Gabe des heiligen Geistes für sein Eigentum erklärt, so erwächst daraus der Kirche nur die Pflicht, sie unter den ordentlichen Einfluß der Gnadenmittel zu stellen und ihnen die Sakramente auszutheilen, die der HErr Seiner Kirche gegeben hat. Eben damit wird es auch offenbar, daß die Sakramente und was sie wirken, durch die außerordentlichen Gaben nicht überflüßig, nicht ersetzt werden, daß die Sakramente und die ordentlichen Gaben des heiligen Geistes dem Menschen Dienste leisten und einen Segen stiften, den sie nicht entbehren sollen, der ihnen unter allen Umständen und Verhältnissen angeboten und angenommen werden soll. Es steigt damit die ordentliche Gabe an Werth, sie erhebt sich über jede außerordentliche. Es erweist sich dadurch, daß kein Mensch, auch wenn er die höchste geistige Befähigung, die unmittelbare Einwirkung des heiligen Geistes genöße, zu groß und herrlich ist, zu reich und zu gehoben, um die ordentlichen Gaben des heiligen Geistes zu empfangen. Wer bedarf diese Seelsorge nicht, wenn sie der zungenredende Cornelius bedarf? Wer darf sie für klein ansehen, wenn der Apostel sie für groß, für so groß ansieht, daß sie auch Menschen empfangen müßen, auf welche der heilige Geist gefallen ist? Und wer darf sagen, daß das Pfingsten der außerordentlichen Gaben höher sei, als das der ordentlichen, da der heilige Petrus von den außerordentlichen zu den ordentlichen einen Fortschritt erkennt, durch welchen bei dem jüdischen Pfingsten zu Jerusalem der Fortschritt von der ordentlichen Gabe zu der außerordentlichen fast aufhört ein Fortschritt zu sein und beinahe zu einer puren Folge wird. Man könnte zwar aus einer andern Stelle unsers Textes wieder einen Schluß machen, daß die ordentliche Gnade der Sakramente nicht so groß sei als die außerordentliche. Denn Petrus taufte die neuen Christen von Cäsarea nicht selbst, sondern befahl sie zu taufen. Die sechs Begleiter, welche er hatte, vollzogen die Taufe. Man könnte aus der weiteren Geschichte der ersten christlichen Gemeinden den Satz herausziehen: die Begleiter des Apostels können taufen, aber sie können die außerordentlichen Gaben des Geistes nicht mittheilen, das aber können die Apostel; der Geist, der in Cäsarea unmittelbar vom Himmel her über die Heidenchristen fiel, kam auf andere durch Handauflegung der Apostel. Allein auch das ist nur eine scheinbare Erhöhung der außerordentlichen Gaben über die ordentlichen. Die außerordentlichen Gaben konnten verschwinden, können kommen und gehen, wie es dem HErrn gefällt, weil sie nicht nöthig sind zum ewigen Leben, weil sie zwar zur Aufrichtung des Reiches Gottes auf Erden große Dienste thaten und thun können, aber die Seligkeit von ihnen nicht abhängt. Dagegen die ordentlichen, die seligmachenden Gaben, das Wort und die Sakramente und ihr Segen, können nicht an die apostolischen Hände gebunden werden, dieweil die Apostel sterben, unser Heil aber mit ihnen nicht aussterben kann und soll, sondern allen Geschlechtern und Völkern möglich und leicht gemacht werden muß.
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 So hätten wir denn, meine lieben Brüder, zwar allerdings in diesem unseren Texte das Pfingsten der ersten Heiden, das Pfingsten der außerordentlichen Gaben der Heidenchristen gesehen, aber der Schluß hat uns das Pfingsten des Sakraments gezeigt,| welches seit dem ersten Pfingsttag von Jerusalem nicht von der Erde gewichen ist, sondern sich tagtäglich und stündlich erneut hat. Und wenn es einen Augenblick scheinen konnte, als hätte die Kirche bei ihrer Textwahl gar nichts anders im Sinne gehabt, als der Heiden außerordentliches Pfingsten neben das der Juden zu stellen, so lehrt uns doch der Schluß unseres heutigen Textes, daß auch die Kirche, wenigstens so fern sie die letzten beiden Verse zum Texte gerechnet hat, der gabenarmen, späteren Zeit ihren sicheren Pfingsttrost nicht hat vorenthalten, sondern vielmehr geben wollen, und daß uns am Ende unserer Festfeiern der Pfingstsegen des Wortes und des Sakramentes recht hoch gestellt werden sollte. Wohlan, das laßt uns überlegen. Das sei unser Schluß. Wir sind getauft in früher Kindheit: damals begann unser Pfingsten. Wie aber St. Petrus nach der Ausgießung des Geistes und nach der Taufe etliche Tage in Cäsarea blieb, und die hochbegnadigten neuen Christen von Licht zu Licht, von Kraft zu Kraft führte, so wohnen seit unsrer Taufe alle Apostel unter uns durch ihre Schriften und durch die Predigt und den Unterricht ihrer Schüler, unserer Lehrer. Und der Reichtum, in den wir bei unserer Taufe eingetreten, der mehrt sich seitdem, und die Gabe des heiligen Geistes wird uns immerzu erneut. Rauscht uns also auch kein gewaltiger Wind vom Himmel an, sehen wir keine flammenden Zungen, so fällt doch ein Thau auf uns aus der Höhe und zwar alle Tage neu, und die Gnadensonne des göttlichen Wortes geht uns täglich auf, und unter Thau und Sonnenschein wächst unser inneres Leben und der Frühling unseres Geistes grünt. So ist dann Pfingsten auch im Winter dieser Welt und wir behalten Ursache, dem HErrn zu danken und den Ruhm des Geistes zu erhöhen, der auf JEsum am Jordan kam und bei Ihm blieb und ebenso zu Seiner Braut an ihrem Jordan kommt und ewig bei ihr bleibt. Amen.




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