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Entstehung der Arten/Vierzehntes Kapitel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Dreizehntes Kapitel Entstehung der Arten (1860)
von Charles Darwin, übersetzt von Heinrich Georg Bronn
Fünfzehntes Kapitel
[462]
Vierzehntes Kapitel.


Allgemeine Wiederholung und Schluss.


Wiederholung der Schwierigkeiten der Theorie Natürlicher Züchtung. — Wiederholung der allgemeinen und besondern Umstände, zu deren Gunsten. — Ursachen des allgemeinen Glaubens an die Unveränderlichkeit der Arten. — Wie weit die Theorie Natürlicher Züchtung auszudehnen. — Folgen ihrer Annahme für das Studium der Naturgeschichte. — Schluss-Bemerkungen.

     Da dieser ganze Band eine lange Beweisführung ist, so mag es für den Leser angenehm seyn, die leitenden Thatsachen und Schlussfolgerungen kürzlich wiederholt zu sehen.

     Ich läugne nicht, dass man viele und ernste Einwände gegen die Theorie der Abstammung mit fortwährender Abänderung durch Natürliche Züchtung vorbringen kann. Ich habe versucht, sie in ihrer ganzen Stärke zu entwickeln. Nichts kann im ersten Augenblick weniger glaubhaft scheinen, als dass die zusammengesetztesten Organe und Instinkte ihre Vollkommenheit erlangt haben sollen nicht durch höhere und doch der menschlichen Vernunft analoge Kräfte, sondern durch die blosse Zusammensparung zahlloser kleiner aber jedem individuellen Besitzer vortheilhafter Abänderungen. Diese Schwierigkeit, wie unübersteiglich gross sie auch unsrer Einbildungs-Kraft erscheinen mag, kann gleichwohl [463] nicht für wesentlich gelten, wenn wir folgende Vordersätze zulassen: dass Abstufungen in der Vollkommenheit eines Organes oder Instinktes, welches Gegenstand unsrer Betrachtung ist, entweder jetzt bestehen oder bestanden haben, die alle in ihrer Weise gut waren; — dass alle Organe und Instinkte in, wenn auch noch so geringem Grade, veränderlich sind; — und endlich, dass ein Kampf ums Daseyn bestehe, welcher zur Erhaltung einer jeden für den Besitzer nützlichen Abweichung von den bisherigen Bildungen oder Instinkten führt. Die Wahrheit dieser Sätze kann nach meiner Meinung nicht bestritten werden.

     Es ist ohne Zweifel äusserst schwierig auch nur eine Vermuthung darüber auszusprechen, durch welche Abstufungen, zumal in durchbrochnen und erlöschenden Gruppen organischer Wesen, manche Bildungen vervollkommnet worden seyen; aber wir sehen so viele befremdende Abstufungen in der Natur, dass wir äusserst vorsichtig seyn müssen zu sagen, dass ein Organ oder Instinkt oder ein ganzes Wesen nicht durch stufenweise Fortschritte zu seiner gegenwärtigen Vollkommenheit gelanget seyn könne. Insbesondere muss man zugeben, dass schwierige Fälle besondrer Art der Theorie der Natürlichen Züchtung entgegentreten, und einer der schwierigsten Fälle dieser Art zeigt sich in dem Vorkommen von zwei oder drei bestimmten Kasten von Arbeitern oder unfruchtbaren Weibchen in einer und derselben Ameisen-Gemeinde; doch habe ich zu zeigen versucht, dass auch diese Schwierigkeit zu überwinden ist.

     Was die fast allgemeine Unfruchtbarkeit der Arten bei ihrer Kreutzung anbelangt, die einen so merkwürdigen Gegensatz zur fast allgemeinen Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten bildet, so muss ich den Leser auf die am Ende des achten Kapitels gegebene Zusammenfassung der Thatsachen verweisen, welche mir entscheidend genug zu seyn scheinen um darzuthun, dass diese Unfruchtbarkeit in nicht höherem Grade eine angeborne Eigenthümlichkeit bildet, als die Schwierigkeit zwei Baum-Arten aufeinander zu propfen; sondern dass sie zusammenfalle mit der Verschiedenheit der Lebensthätigkeit im Reproduktiv-Systeme der gekreutzten Arten. Wir finden die Bestätigung [464] dieser Annahme in der weiten Verschiedenheit der Ergebnisse, wenn die nämlichen zwei Arten wechselseitig von einander befruchtet werden.

     Die Fruchtbarkeit gekreutzter Abarten und ihrer Blendlinge kann nicht als allgemein betrachtet werden; und ihre doch immer sehr häufige Fruchtbarkeit ist nicht überraschend, wenn wir bedenken, dass es nicht aussieht, als ob ihre Konstitutionen überhaupt oder ihre Reproduktiv-Systeme sehr angegriffen worden seyen. Überdies sind die meisten zu Versuchen benützten Abarten aus Kultur der Arten hervorgegangen, und da die Kultur die Unfruchtbarkeit offenbar zu vermindern strebt, so dürfen wir nicht erwarten, dass sie Unfruchtbarkeit irgendwo veranlasse.

     Die Unfruchtbarkeit der Bastarde ist eine von der der ersten Kreutzung sehr verschiedene Erscheinung, da ihre Reproduktiv-Organe mehr oder weniger unfähig zur Verrichtung sind, während sich bei den ersten Kreutzungen die beiderseitigen Organe in vollkommenem Zustande befinden. Da wir Organismen aller Art durch Störung ihrer Konstitution unter nur wenig abweichenden Lebens-Bedingungen fortwährend mehr und weniger steril werden sehen, so dürfen wir uns nicht wundern, dass Bastarde weniger fruchtbar sind; denn ihre Konstitution kann als durch Verschmelzung zweier verschiedenen Organisationen kaum anders gelitten haben. Dieser Parallelismus wird noch durch eine andre parallele aber gerade entgegengesetzte Klasse von Erscheinungen unterstützt: dass nämlich die Kraft-Entwickelung und Fruchtbarkeit aller Organismen durch geringen Wechsel in ihren Lebens-Bedingungen zunimmt, und dass die Nachkommen wenig modifizirter Formen oder Abarten durch die Kreutzung an Kraft und Fruchtbarkeit gewinnen. Ebenso vermindern einerseits beträchtliche Veränderungen in den Lebens-Bedingungen und Kreutzungen zwischen sehr verschiedenen Formen die Fruchtbarkeit, wie anderseits geringere Veränderungen dieselbe zwischen nur wenig abgeänderten Formen vermehren.

     Wenden wir uns zur geographischen Verbreitung, so erscheinen auch da die Schwierigkeiten für die Theorie der Fortpflanzung [465] mit fortwährender Abänderung erheblich genug. Alle Individuen einer Art und alle Arten einer Sippe oder selbst noch höherer Gruppen müssen von gemeinsamen Ältern herkommen; wesshalb sie, wenn auch noch so weit zerstreut und isolirt in der Welt, im Laufe aufeinander-folgender Generationen aus einer Gegend in die andre gewandert seyn müssen. Wir sind oft ganz ausser Stand auch nur zu vermuthen, auf welche Weise Diess geschehen seyn möge. Da wir jedoch anzunehmen berechtigt sind, dass einige Arten die nämliche spezifische Form während ungeheuer langen Perioden, in Jahren gemessen, beibehalten haben, so darf man kein allzu grosses Gewicht auf die gelegentliche weite Verbreitung einer Spezies legen; denn während solcher ausserordentlich langer Zeit-Perioden wird sie auch zu weiter Verbreitung irgend welche Mittel gefunden haben. Eine durchbrochene oder zerspaltene Gruppe lässt sich oft durch Erlöschen der vermittelnden Arten erklären. Es ist nicht zu läugnen, dass wir mit den manchfaltigen klimatischen und geographischen Veränderungen, welche die Erde erst in der laufenden Periode erfahren, noch ganz unbekannt sind; und solche Veränderungen müssen die Wanderungen offenbar in hohem Grade befördert haben. Beispielsweise habe ich zu zeigen versucht, wie mächtig die Eis-Zeit auf die Verbreitung sowohl der identischen als der stellvertretenden Formen über die Erd-Oberfläche gewirkt habe. Ebenso sind wir auch fast ganz unbekannt mit den vielen gelegenheitlichen Transport-Mitteln. Was die Erscheinung betrifft, dass verschiedene Arten einer Sippe sehr entfernt von einander abgesonderte Gegenden bewohnen, so sind, da der Abänderungs-Prozess nothwendig sehr langsam vor sich geht, während sehr langer Zeit-Abschnitte für alle Wanderungen genügende Gelegenheiten vorhanden gewesen, wodurch sich einigermaassen die Schwierigkeit vermindert die weite Verbreitung der Arten einer Sippe zu erklären.

     Da nach der Theorie der Natürlichen Züchtung eine endlose Anzahl Mittelformen alle Arten jeder Gruppe durch eben so feine Abstufungen, als unsre jetzigen Varietäten darstellen, miteinander verkettet haben muss, so wird man die Frage aufwerfen, warum [466] wir nicht diese vermittelnden Formen rund um uns her erblicken? Warum fliessen nicht alle organischen Formen zu einem unentwirrbaren Chaos zusammen? Aber was die noch lebenden Formen betrifft, so sind wir (mit Ausnahme einiger seltnen Fälle) wohl nicht zur Erwartung berechtigt, direkt vermittelnde Glieder zwischen ihnen selbst, sondern nur etwa zwischen ihnen und einigen erloschenen und ersetzten Formen zu entdecken. Selbst auf einem weiten Gebiete, das während einer langen Periode seinen Zusammenhang bewahrt hat und dessen Klima und übrigen Lebens-Bedingungen nur allmählich von einem Bezirke zu andern von nahe verwandten Arten bewohnten Bezirken abändern, selbst da sind wir nicht berechtigt oft die Erscheinung vermittelnder Formen in den Grenz-Strichen zu erwarten, da wir zur Vermuthung Ursache haben, dass nur immer wenige Arten in einer Periode Abänderungen erfahren und alle Abänderungen nur langsam vor sich gehen. Ich habe auch gezeigt, dass die vermittelnden Formen, welche anfangs wahrscheinlich in den Zwischenstrichen vorhanden gewesen, einer Ersetzung durch die verwandten Formen von beiden Seiten her unterlegen sind, die vermöge ihrer grossen Anzahl gewöhnlich schnellere Fortschritte in ihren Abänderungen und Verbesserungen als die minder zahlreich vertretenen Mittelformen machen, so dass diese vermittelnden Abarten mit der Länge der Zeit ersetzt und vertilgt werden.

     Nach dieser Lehre von der Unterdrückung einer unendlichen Menge vermittelnder Glieder zwischen den erloschenen und lebenden Bewohnern der Erde und eben so zwischen den Arten einer jeden der aufeinandergefolgten Perioden und den ihnen zunächst vorangegangenen fragt es sich, warum nicht jede geologische Formation mit Resten solcher Glieder erfüllt ist? und warum nicht jede Sammlung fossiler Reste einen klaren Beweis von solcher Abstufung und Umänderung der Lebenformen darbietet. Dass wir diese Belege vermissen, ist eine der handgreiflichsten und stärksten von den vielen gegen meine Theorie vorgebrachten Einwendungen. Und wie kommt es, dass ganze Gruppen verwandter Arten in dem einen oder dem andern geologischen Schichten-Systeme oft so plötzlich aufzutreten scheinen (gewiss [467] oft nur scheinen!). Warum finden wir nicht grosse Schichten-Stösse unter dem Silur-Systeme erfüllt mit den Überbleibseln der Stammväter der silurischen Organismen-Gruppen? Denn nach meiner Theorie müssen solche Schichten-Systeme in diesen alten und gänzlich unbekannten Abschnitten der Erd-Geschichte gewiss irgendwo abgesetzt worden seyn.

     Man kann auf diese Fragen und gewichtigen Einwände nur mit der Annahme antworten, dass der geologische Schöpfungs-Bericht bei weitem unvollständiger ist als die meisten Geologen glauben. Es lässt sich nicht einwenden, dass für irgend welches Maass organischer Abänderung nicht genügende Zeit gewesen; denn die Länge der abgelaufenen Zeit ist für menschliche Begriffe unfassbar. Die Menge der Exemplare in allen unsren Museen zusammengenommen ist absolut nichts im Vergleich mit den zahllosen Generationen zahlloser Arten, welche sicherlich schon existirt haben. Wir werden ausser Stand seyn eine Art als die Stamm-Art einer oder mehrer andren Arten zu erkennen, wenn wir nicht auch viele der vermittelnden Glieder zwischen ihrer früheren und jetzigen Beschaffenheit besitzen; und diese vermittelnden Glieder dürfen wir bei der Unvollständigkeit der geologischen Schöpfungs-Urkunden kaum jemals zu entdecken erwarten. Man könnte viele jetzige zweifelhafte Formen nennen, welche wahrscheinlich Abarten sind; aber wer könnte behaupten, dass in künftigen Welt-Perioden noch so viele fossile Mittelglieder werden entdeckt werden, dass Naturforscher nach der gewöhnlichen Anschauungs-Weise zu entscheiden im Stande seyn werden, ob diese zweifelhaften Formen Varietäten sind oder nicht? So lange als die meisten Zwischenglieder zwischen irgend welchen zwei Arten unbekannt sind, wird man ein einzelnes Glied oder eine einzelne Zwischenform, die entdeckt wird, einfach als eine andre verschiedene Spezies einreihen. — Nur ein kleiner Theil der Erd-Oberfläche ist geologisch untersucht worden, und nur von gewissen Organismen-Klassen können fossile Reste in grosser Anzahl erhalten werden. Weit verbreitete Arten variiren am meisten, und die Abarten sind anfänglich oft nur lokal; beide Ursachen machen die Entdeckung [468] von Zwischengliedern wenig wahrscheinlich. Örtliche Varietäten verbreiten sich nicht in andre und entfernte Gegenden, bis sie beträchtlich abgeändert und verbessert sind; — und wenn sie nach ihrer Verbreitung in einer geologischen Formation entdeckt werden, so wird es scheinen, als seyen sie erst jetzt plötzlich erschaffen worden, und man wird sie einfach als neue Arten betrachten. — Die meisten Formationen sind mit Unterbrechungen abgelagert worden; und ihre Dauer ist, wie ich glaube, kürzer als die mittle Dauer der Arten-Formen gewesen. Zunächst aufeinander-folgende Formationen sind durch ungeheure leere Zeiträume von einander getrennt; denn Fossil-Reste führende Formationen, mächtig genug, um spätrer Zerstörung zu widerstehen, können nur da gebildet werden, wo dem in Senkung begriffenen Meeres-Grund viele Sedimente zugeführt werden. In den damit abwechselnden Perioden von Hebung oder Ruhe wird das Blatt in der Schöpfungs-Geschichte weiss bleiben. Während dieser letzten Perioden wird wahrscheinlich mehr Veränderung in den Lebenformen, während der Senkungs-Zeiten mehr Erlöschen derselben stattfinden.

     Was die Abwesenheit Fossilien-führender Schichten unterhalb der untersten Silur-Gebilde betrifft, so kann ich nur auf die im neunten Kapitel aufgestellte Hypothese zurückkommen. Dass der geologische Schöpfungs-Bericht lückenhaft ist, gibt jedermann zu; dass er es aber in dem von mir verlangten Grade seye, werden nur wenige zugestehen wollen. Hinreichend lange Zeiträume zugegeben, erklärt uns die Geologie offenbar genug, dass alle Arten gewechselt haben; und sie haben in der Weise gewechselt, wie es meine Theorie erheischt, nämlich langsam und stufenweise. Wir erkennen Diess deutlich daraus, dass die organischen Reste zunächst aufeinander-folgender Formationen einander allezeit näher verwandt sind, als die fossilen Arten durch weite Zeiträume von einander getrennter Gebirgs-Bildungen.

     Diess ist die Summe der hauptsächlichsten Einwürfe und Schwierigkeiten, die man mit Recht gegen meine Theorie vorbringen kann; und ich habe die darauf zu gebenden Antworten [469] und Erläuterungen in Kürze wiederholt. Ich habe diese Schwierigkeiten viele Jahre lang selbst zu sehr empfunden, als dass ich an ihrem Gewichte zweifeln sollte. Aber es verdient noch insbesondere hervorgehoben zu werden, dass die wichtigeren Einwände sich auf Fragen beziehen, über die wir eingestandner Maassen in Unwissenheit sind; und wir wissen nicht einmal, wie unwissend wir sind. Wir kennen nicht all’ die möglichen Übergangs-Abstufungen zwischen den einfachsten und den vollkommensten Organen; wir können nicht behaupten, all’ die manchfaltigen Verbreitungs-Mittel der Organismen während des Verlaufes so zahlloser Jahrtausende zu kennen, und wir wissen nicht, wie unvollständig der geologische Schöpfungs-Bericht ist. Wie bedeutend aber auch diese mancherlei Schwierigkeiten seyn mögen, so genügen sie doch nicht, um meine Theorie einer Abstammung von einigen wenigen erschaffenen Formen mit nachheriger Abänderung derselben umzustossen.

     Wenden wir uns nun nach der andern Seite unsres Gegenstandes. Im Kultur-Zustande der Wesen nehmen wir viel Veränderlichkeit derselben wahr. Diess scheint daran zu liegen, dass das Reproduktiv-System ausserordentlich empfindlich gegen Veränderungen in den äusseren Lebens-Bedingungen ist, so dass dieses System, wenn es nicht ganz unfähig wird, doch keine der älterlichen Form genau ähnliche Nachkommenschaft mehr liefert. Die Abänderungen werden durch viele verwickelte Gesetze geleitet, durch die Wechselbeziehungen des Wachsthums, durch Gebrauch und Nichtgebrauch und durch die unmittelbaren Einwirkungen der physikalischen Lebens-Bedingungen. Es ist sehr schwierig zu bestimmen, wie viel Abänderung unsre Kultur-Erzeugnisse erfahren haben; doch können wir getrost annehmen, dass deren Maass gross gewesen seye, und dass Modifikationen auf lange Perioden hinaus vererblich sind. So lange als die Lebens Bedingungen die nämlichen bleiben, sind wir zu unterstellen berechtigt, dass eine Abweichung, welche sich schon seit vielen Generationen vererbt hat, sich auch noch ferner auf eine fast unbegrenzte Zahl von Generationen hinaus vererben kann. Andrerseits [470] sind wir gewiss, dass Veränderlichkeit, wenn sie einmal in’s Spiel gekommen, nicht mehr gänzlich aufhört; denn unsre ältesten Kultur-Erzeugnisse bringen gelegenheitlich noch immer neue Abarten hervor.

     Der Mensch erzeugt in Wirklichkeit keine Abänderungen, sondern er versetzt nur unabsichtlich organische Wesen unter neue Lebens-Bedingungen, und dann wirkt die Natur auf deren Organisation und verursacht Veränderlichkeit. Der Mensch kann aber die ihm von der Natur dargebotenen Abänderungen zur Nachzucht auswählen und dieselben hiedurch in einer beliebigen Richtung häufen; und Diess thut er wirklich. Er passt auf diese Weise Thiere und Pflanzen seinem eignen Nutzen und Vergnügen an. Er mag Diess planmässig oder mag es unbewusst thun, indem er die ihm zur Zeit nützlichsten Individuen, ohne einen Gedanken an die Änderung der Rasse, zurückbehält. Es ist gewiss, dass er einen grossen Einfluss auf den Charakter einer Rasse dadurch ausüben kann, dass er von Generation zu Generation individuelle Abänderungen zur Nachzucht auswählt, so gering, dass sie für das ungeübte Auge kaum wahrnehmbar sind. Dieses Wahl-Verfahren ist das grosse Agens in der Erzeugung der ausgezeichnetsten und nützlichsten unsrer veredelten Thier- und Pflanzen-Rassen gewesen. Dass nun viele der vom Menschen gebildeten Abänderungen den Charakter natürlicher Arten schon grossentheils besitzen, geht aus den unausgesetzten Zweifeln in Bezug auf viele derselben hervor, ob es Arten oder Abarten sind.

     Es ist kein Grund nachzuweisen, wesshalb diese Prinzipien, welche in Bezug auf die kultivirten Organismen so erfolgreich gewirkt, nicht auch in der Natur wirksam seyn sollten. In der Erhaltung begünstigter Individuen und Rassen während des beständig wiederkehrenden Kampfs ums Daseyn sehen wir das wirksamste und nie ruhende Mittel der Natürlichen Züchtung. Der Kampf ums Daseyn ist die unvermeidliche Folge der hochpotenzirten geometrischen Zunahme, welche allen organischen Wesen gemein ist. Dieses rasche Zunahme-Verhältniss ist thatsächlich erwiesen aus der schnellen Vermehrung vieler Pflanzen und Thiere während einer Reihe günstiger Jahre und bei ihrer [471] Naturalisirung in einer neuen Gegend. Es werden mehr Einzelwesen geboren, als fortzuleben im Stande sind. Ein Gran in der Wage kann den Ausschlag geben, welches Individuum fortleben und welches zu Grunde gehen soll, welche Art oder Abart sich vermehren und welche abnehmen und endlich erlöschen muss. Da die Individuen einer nämlichen Art in allen Beziehungen in die nächste Bewerbung miteinander gerathen, so wird gewöhnlich auch der Kampf zwischen ihnen am heftigsten seyn; er wird fast eben so heftig zwischen den Abarten einer Art, und dann zunächst zwischen den Arten einer Sippe seyn. Aber der Kampf kann oft auch sehr heftig zwischen Wesen seyn, welche auf der Stufenleiter der Natur am weitesten auseinander stehen. Der geringste Vortheil, den ein Wesen in irgend einem Lebens-Alter oder zu irgend einer Jahreszeit über seine Mitbewerber voraus hat, oder eine wenn-auch noch so wenig bessere Anpassung an die umgebenden Natur-Verhältnisse kann die Wage sinken machen.

     Bei Thieren getrennten Geschlechtes wird meistens ein Kampf der Männchen um den Besitz der Weibchen stattfinden. Die kräftigsten oder diejenigen Individuen, welche am erfolgreichsten mit ihren Lebens-Bedingungen gekämpft haben, werden gewöhnlich am meisten Nachkommenschaft hinterlassen. Aber der Erfolg wird oft davon abhängen, dass die Männchen besondre Waffen oder Vertheidigungs-Mittel oder Reitze besitzen; und der geringste Vortheil kann zum Siege führen.

     Da die Geologie uns deutlich nachweiset, dass ein jedes Land grosse physikalische Veränderungen erfahren hat, so ist anzunehmen, dass die organischen Wesen im Natur-Zustande ebenso wie die kultivirten unter den veränderten Lebens-Bedingungen abgeändert haben. Wenn nun eine Veränderlichkeit im Natur-Zustande vorhanden ist, so würde es eine unerklärliche Erscheinung seyn, falls die Natürliche Züchtung nicht eingriffe. Es ist oft versichert worden, aber eines Beweises nicht fähig, dass das Maass der Abänderung in der Natur eine streng bestimmte Quantität seye. Der Mensch, obwohl nur auf äussre Charaktere allein und oft bloss nach seiner Laune wirkend, vermag [472] in kurzer Zeit dadurch grossen Erfolg zu erzielen, dass er allmählich alle in einer Richtung hervortretenden individuellen Verschiedenheiten zusammenhäuft; und jedermann gibt zu, dass wenigstens individuelle Verschiedenheiten bei den Arten im Natur-Zustande vorkommen. Aber von diesen abgesehen, haben alle Naturforscher das Daseyn von Abarten oder Varietäten eingestanden, welche verschieden genug seyen, um in den systematischen Werken als solche mit aufgeführt zu werden. Doch kann niemand einen bestimmten Unterschied zwischen individuellen Abänderungen und leichten Varietäten oder zwischen verschiedenen Abarten, Unterarten und Arten angeben. Erinnern wir uns, wie sehr die Naturforscher in ihrer Ansicht über den Rang der vielen stellvertretenden Formen in Europa und Amerika auseinandergehen.

     Wenn es daher im Natur-Zustande Variabilität und ein mächtiges stets zur Thätigkeit und Zuchtwahl bereites Agens gibt, wesshalb sollten wir noch bezweifeln, dass irgend welche für die Organismen in ihren äusserst verwickelten Lebens-Verhältnissen einigermaassen nützliche Abänderungen erhalten, gehäuft und vererbt werden? Wenn der Mensch die ihm selbst nützlichen Abänderungen geduldig zur Nachzucht auswählt: warum sollte die Natur unterlassen, die unter veränderten Lebens-Bedingungen für ihre Produkte nützlichsten Abänderungen auszusuchen? Welche Schranken kann man einer Kraft setzen, welche von einer Welt-Periode zur andern beschäftigt ist, die ganze organische Bildung, Thätigkeit und Lebens-Weise eines jeden Geschöpfes unausgesetzt zu sichten, das Gute zu befördern und das Schlechte zurückzuwerfen? Ich vermag keine Grenze zu sehen für eine Kraft, welche jede Form den verwickeltesten Lebens-Verhältnissen langsam anzupassen beschäftigt ist. Die Theorie der Natürlichen Züchtung scheint mir, auch wenn wir uns nur darauf allein beschränken, in sich selbst wahrscheinlich zu seyn. Ich habe bereits, so ehrlich als möglich, die dagegen erhobenen Schwierigkeiten und Einwände rekapitulirt; jetzt wollen wir uns zu den Spezial-Erscheinungen und Folgerungen zu Gunsten unsrer Theorie wenden.

     Aus meiner Ansicht, dass Arten nur stark ausgebildete und [473] bleibende Varietäten (Abarten) sind und jede Art zuerst als eine Varietät existirt hat, ergibt sich, weshalb keine Grenzlinie gezogen werden kann zwischen Arten, welche man gewöhnlich als Produkte eben so vieler besondrer Schöpfungs-Akte betrachtet, und zwischen Varietäten, die man als Bildungen eines sekundären Gesetzes gelten lässt. Nach dieser nämlichen Ansicht ist es ferner zu begreifen, dass in jeder Gegend, wo viele Arten einer Sippe entstanden sind und nun gedeihen, diese Arten noch viele Abarten darbieten; denn, wo die Arten-Fabrikation thätig betrieben worden ist, da möchten wir als Regel erwarten, sie noch in Thätigkeit zu finden; und Diess ist der Fall, woferne Varietäten beginnende Arten sind. Überdiess behalten auch die Arten grosser Sippen, welche die Mehrzahl der Varietäten oder beginnenden Arten liefern, in gewissem Grade den Charakter von Varietäten bei; denn sie unterscheiden sich in geringerem Maasse, als die Arten kleinerer Sippen von einander. Auch haben die nahe-verwandten Arten grosser Sippen eine beschränktere Verbreitung und bilden vermöge ihrer Verwandtschaft zu einander kleine um andre Arten geschaarte Gruppen, in welcher Hinsicht sie ebenfalls Varietäten gleichen. Diess sind, von dem Gesichtspunkte aus beurtheilt, dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye, befremdende Erscheinungen, welche dagegen der Annahme ganz wohl entsprechen, dass alle Arten sich aus Varietäten entwickelt haben.

     Da jede Art bestrebt ist sich in geometrischem Verhältnisse unendlich zu vermehren, und da die abgeänderten Nachkommen einer jeden Spezies sich um so rascher zu vervielfältigen vermögen, jemehr dieselben in Lebens-Weise und Organisation auseinander laufen, und mithin jemehr und verschiedenartigere Stellen sie demnach im Haushalte der Natur einzunehmen im Stande sind, so wird in der Natürlichen Züchtung ein beständiges Streben vorhanden seyn, die am weitesten verschiedenen Nachkommen einer jeden Art zu erhalten. Daher werden im langen Verlaufe solcher allmählichen Abänderungen die geringen und blosse Varietäten einer Art bezeichnenden Verschiedenheiten sich zu grösseren die Spezies einer nämlichen Sippe charakterisirenden [474] Verschiedenheiten steigern. Neue und verbesserte Varietäten werden die älteren weniger vervollkommneten und die letzten vermittelnden Abarten unvermeidlich ersetzen und austilgen, und so entstehen grossentheils scharf umschriebene und wohl unterschiedene Spezies. Herrschende Arten aus den grösseren Gruppen streben wieder neue und herrschende Formen zu erzeugen, so dass jede grosse Gruppe geneigt ist noch grösser und zugleich divergenter im Charakter zu werden. Da jedoch nicht alle Gruppen beständig zunehmen können, indem zuletzt die Welt sie nicht mehr zu fassen vermöchte, so verdrängen die herrschenderen die minder herrschenden. Dieses Streben der grossen Gruppen an Umfang zu wachsen und im Charakter auseinander zu laufen, in Verbindung mit der meist unvermeidlichen Folge starken Erlöschens andrer, erklärt die Anordnung aller Lebenformen in mehr und mehr unterabgetheilte Gruppen innerhalb einiger wenigen grossen Klassen, die uns jetzt überall umgeben und alle Zeiten überdauert haben. Diese grosse Thatsache der Gruppirung aller organischen Wesen scheint mir nach der gewöhnlichen Schöpfungs-Theorie ganz unerklärlich.

     Da Natürliche Züchtung nur durch Häufung kleiner aufeinander-folgender günstiger Abänderungen wirkt, so kann sie keine grosse und plötzliche Umgestaltungen bewirken; sie kann nur mit sehr langsamen und kurzen Schritten vorangehen. Daher denn auch der Canon »Natura non facit saltum«[WS 1], welcher sich mit jeder neuen Erweiterung unsrer Kenntnisse mehr bestätigt, aus dieser Theorie einfach begreiflich wird. Wir sehen ferner ein, warum die Natur so fruchtbar an Abänderungen und doch so sparsam an Neuerungen ist. Wie Diess aber ein Natur-Gesetz seyn könnte, wenn jede Art unabhängig erschaffen worden wäre, vermag niemand zu erläutern.

     Aus dieser Theorie scheinen mir noch andre Thatsachen erklärbar. Wie befremdend wäre es, dass ein Vogel in Gestalt eines Spechtes geschaffen worden wäre, um Insekten am Boden aufzusuchen; dass eine Gans, welche niemals oder selten schwimmt, mit Schwimmfüssen, dass eine Drossel zum Tauchen und Leben von unter Wasser wohnenden Insekten, und dass ein Sturmvogel [475] geschaffen worden wäre mit einer Organisation, welche der Lebens-Weise eines Alks oder Lappentauchers (S. 194) entspricht, und so in zahllosen andern Fällen. Aber nach der Ansicht, dass die Arten sich beständig zu vermehren streben, während die Natürliche Züchtung immer bereit ist, die langsam abändernden Nachkommen jeder Art einem jeden in der Natur noch nicht oder nur unvollkommen besetzten Platze anzupassen, hören diese Erscheinungen auf befremdend zu seyn und hätten sich sogar vielleicht voraussehen lassen.

     Da die Natürliche Züchtung neben der Mitbewerbung wirkt, so passt sie die Bewohner einer jeden Gegend nur im Verhältniss der Vollkommenheits-Stufe der andern Bewerber an, daher es uns nicht überrascht, wenn die Bewohner eines Bezirkes, welche nach der gewöhnlichen Ansicht doch speziell für diesen Bezirk geschaffen und angepasst seyn sollen, durch die naturalisirten Erzeugnisse aus andern Ländern besiegt und ersetzt werden. Noch dürfen wir uns wundern, wenn nicht alle Erfindungen in der Natur, so weit wir ermessen können, ganz vollkommen sind und manche derselben sogar hinter unsren Begriffen von Angemessenheit weit zurückbleiben. Es darf uns daher nicht befremden, wenn der Stich der Biene ihren eignen Tod verursacht; wenn die Dronen in so ungeheurer Anzahl nur für einen einzelnen Akt erzeugt und dann grösstentheils von ihren unfruchtbaren Schwestern getödtet werden; wenn unsre Nadelhölzer eine so unermessliche Menge von Pollen erzeugen; wenn die Bienenkönigin einen instinktiven Hass gegen ihre eignen fruchtbaren Töchter empfindet; oder wenn die Ichneumoniden sich im lebenden Körper von Raupen nähren u. s. w. Weit mehr hätte man sich nach der Theorie der Natürlichen Züchtung darüber zu wundern, dass nicht noch mehr Fälle von Mangel an unbedingter Vollkommenheit beobachtet werden.

     Die verwickelten und wenig bekannten Gesetze, welche die Variation in der Natur beherrschen, sind, so weit unsre Einsicht reicht, die nämlichen, welche auch die Erzeugung sogenannter spezifischer Formen geleitet haben. In beiden Fällen scheinen die natürlichen Bedingungen nur wenig Einfluss gehabt [476] zu haben; wenn aber Varietäten in eine neue Zone eindringen, so nehmen sie etwas von den Charakteren der dieser Zone eigenthümlichen Spezies an. In Varietäten sowohl als Arten scheinen Gebrauch und Nichtgebrauch einige Wirkung zu haben; denn es ist schwer dieser Ansicht zu widerstehen, wenn man z. B. die Dickkopf-Ente (Micropterus) mit Flügeln sieht, welche zum Fluge eben so wenig brauchbar als die der Hausente sind, oder wenn man den grabenden Tukutuku (Ctenomys), welcher mitunter blind ist, und dann die Maulwurf-Arten betrachtet, die immer blind sind und ihre Augen-Rudimente unter der Haut liegen haben, oder endlich wenn man die blinden Thiere in den dunkeln Höhlen Europa’s und Amerika’s ansieht. In Arten und Abarten scheint die Wechselbeziehung der Entwickelung eine sehr wichtige Rolle gespielt zu haben, so dass, wenn ein Theil abgeändert worden ist, auch andre Theile nothwendig modifizirt werden mussten. In Arten wie in Abarten kommt Rückkehr zu längst verlorenen Charakteren vor. Wie unerklärlich ist nach der Schöpfungs-Theorie die gelegentliche Erscheinung von Streifen an Schultern und Beinen der verschiedenen Arten der Pferde-Sippe und ihrer Bastarde; und wie einfach erklärt sich diese Thatsache, wenn wir annehmen, dass alle diese Arten von einem gestreiften gemeinsamen Stamm-Vater herrühren in derselben Weise, wie unsre zahmen Tauben-Rassen von der blau-grauen Felstaube mit schwarzen Flügelbinden.

     Wie lässt es sich nach der gewöhnlichen Ansicht, dass jede Art unabhängig geschaffen worden seye, erklären, dass die Arten-Charaktere, wodurch sich die verschiedenen Spezies einer Sippe von einander unterscheiden, veränderlicher als die Sippen-Charaktere sind, in welchen alle übereinstimmen? Warum wäre z. B. die Farbe einer Blume in einer Art einer Sippe, wo alle übrigen Arten mit andern Farben versehen sind, eher zu variiren geneigt, als wenn alle Arten derselben Sippe von gleicher Farbe sind? Wenn aber Arten nur stark ausgebildete Abarten sind, deren Charaktere schon in hohem Grade beständig geworden, so begreift sich Diess; denn sie haben bereits seit ihrer Abzweigung von einem gemeinsamen Stammvater in gewissen Merkmalen [477] variirt, durch welche sie eben von einander verschieden geworden sind; und desshalb werden auch die nämlichen Charaktere noch fortdauernd unbeständiger seyn, als die Sippen-Charaktere, die sich schon seit einer unermesslichen Zeit unverändert vererbt haben. Nach der Theorie der Schöpfung ist es unerklärlich, warum ein bei der einen Art einer Sippe in ganz ungewöhnlicher Weise entwickelter und daher vermuthlich für dieselben sehr wichtiger Charakter vorzugsweise zu variiren geneigt seyn soll; während dagegen nach meiner Ansicht dieser Theil seit der Abzweigung der verschiedenen Arten von einem gemeinsamen Stammvater in ungewöhnlichem Grade Abänderungen erfahren hat und gerade desshalb seine noch fortwährende Veränderlichkeit voraus zu erwarten stund. Dagegen kann es auch vorkommen, dass ein in der ungewöhnlichsten Weise entwickelter Theil, wie der Flügel der Fledermäuse, sich jetzt eben so wenig veränderlich als die übrigen zeigt, wenn derselbe vielen untergeordneten Formen gemein, d. h. schon seit sehr langer Zeit vererbt worden ist; denn in diesem Falle wird er durch lang-fortgesetzte Natürliche Züchtung beständig geworden seyn.

     Werfen wir auf die Instinkte einen Blick, von welchen manche wunderbar sind, so bieten sie der Theorie der Natürlichen Züchtung mittelst leichter und allmählicher nützlicher Abänderungen keine grössere Schwierigkeit als die körperlichen Bildungen dar. Man kann daraus begreifen, warum die Natur blos in kleinen Abstufungen die Thiere einer nämlichen Klasse mit ihren verschiedenen Instinkten vervollkommt. Ich habe zu zeigen versucht, wie viel Licht das Prinzip der stufenweisen Entwickelung auf den Bau-Instinkt der Honigbiene wirft. Auch Gewohnheit kommt bei Modifizirung der Instinkte gewiss oft in Betracht; aber Diess ist sicher nicht unerlässlich der Fall, wie wir bei den geschlechtlosen Insekten sehen, die keine Nachkommen hinterlassen, auf welche sie die Erfolge lang-währender Gewohnheit übertragen könnten. Nach der Ansicht, dass alle Arten einer Sippe von einer gemeinsamen Stamm-Art herrühren und von dieser Vieles gemeinsam geerbt haben, vermögen wir die Ursache zu erkennen, wesshalb verwandte Arten, auch wenn sie [478] wesentlich verschiedenen Lebens-Bedingungen ausgesetzt sind, doch beinahe denselben Instinkten folgen: wie z. B. die Süd-Amerikanische Amsel ihr Nest inwendig eben so mit Schlamm überzieht, wie es unsre Europäische Art thut. In Folge der Ansicht, dass Instinkte nur ein langsamer Erwerb unter der Leitung Natürlicher Züchtung sind, dürfen wir uns nicht darüber wundern, wenn manche derselben noch unvollkommen oder nicht verständlich sind, und wenn manche unter ihnen andern Thieren zum Nachtheil gereichen.

     Wenn Arten nur wohl ausgebildete und bleibende Abarten sind, so erkennen wir sogleich, warum ihre durch Kreutzung entstandenen Nachkommen den nämlichen verwickelten Gesetzen unterliegen: in Art und Grad der Ähnlichkeit mit den Ältern, in der Verschmelzung durch wiederholte Kreutzung und in andern ähnlichen Punkten, wie es bei den gekreutzten Nachkommen anerkannter Abarten der Fall ist; während Diess wunderbare Erscheinungen blieben, wenn die Arten unabhängig von einander erschaffen und die Abarten nur durch sekundäre Kräfte entstanden wären.

     Wenn wir zugeben, dass der geologische Schöpfungs-Bericht im äussersten Grade unvollständig ist, dann unterstützen solche Thatsachen, wie der Bericht sie liefert, die Theorie der Abstammung mit fortwährender Abänderung. Neue Arten sind von Zeit zu Zeit allmählich auf den Schauplatz getreten und das Maass der Umänderung, welche sie nach gleichen Zeiträumen erfahren, ist in den verschiedenen Gruppen weit verschieden. Das Erlöschen von Arten und Arten-Gruppen, welcher an der Geschichte der organischen Welt einen so wesentlichen Theil hat, folgt fast unvermeidlich aus dem Prinzip der Natürlichen Züchtung; denn alte Formen werden durch neue und verbesserte Formen ersetzt. Weder einzelne Arten noch Arten-Gruppen erscheinen wieder, wenn die Kette ihrer regelmässigen Fortpflanzung einmal unterbrochen worden war. Die stufenweise Ausbreitung herrschender Formen mit langsamer Abänderung ihrer Nachkommen hat zur Folge, dass die Lebenformen nach langen Zeiträumen gleichzeitig über die ganze Erd-Oberfläche zu wechseln [479] scheinen. Die Thatsache, dass die Fossil-Reste jeder Formation im Charakter einigermaassen das Mittel halten zwischen den darunter und den darüber liegenden Resten, erklärt sich einfach aus ihrer mitteln Stelle in der Abstammungs-Kette. Die grosse Thatsache, dass alle erloschenen Organismen in ein gleiches grosses System mit den lebenden Wesen zusammenfallen und mit ihnen entweder in gleiche oder in vermittelnde Gruppen gehören, ist eine Folge davon, dass die lebenden und die erloschenen Wesen die Nachkommen gemeinsamer Stamm-Ältern sind. Da die von alten Stammvätern herrührenden Gruppen gewöhnlich im Charakter auseinandergegangen, so werden der Stammvater und seine nächsten Nachkommen in ihren Charakteren oft das Mittel halten zwischen seinen späteren Nachkommen, und so ergibt sich warum, je älter ein Fossil ist, desto öfter es einigermaassen[WS 2] in der Mitte steht zwischen verwandten lebenden Gruppen. Man hält in einem ungewissen Sinn des Worts neuere Formen im Allgemeinen für vollkommener als die alten und erloschenen; und sie stehen auch insoferne höher als diese, als sie in Folge fortwährender Verbesserung die älteren und noch weniger verbesserten Formen im Kampfe ums Daseyn besiegt haben. Endlich wird das Gesetz langer Dauer unter sich verwandter Formen in diesem oder jenem Kontinente — wie die der Marsupialen in Neuholland, der Edentaten in Südamerika u. a. solche Fälle — erklärlich, da in einer begrenzten Gegend die neuen und erloschenen Formen durch Abstammung miteinander verwandt sind.

     Wenn man, was die geologische Verbreitung betrifft, zugibt, dass im Verlaufe langer Erd-Perioden je nach den klimatischen und geographischen Veränderungen und der Wirkung so vieler gelegenheitlicher und unbekannter Veranlassungen starke Wanderungen von einem Welt-Theile zum andern stattgefunden haben, so erklären sich die Haupterscheinungen der Verbreitung meistens aus der Theorie der Abstammung mit fortdauernder Abänderung. Man kann einsehen, warum ein so auffallender Parallelismus in der räumlichen Vertheilung der organischen Wesen und ihrer geologischen Aufeinanderfolge in der Zeit besteht; denn in beiden [480] Fällen sind diese Wesen durch das Band gewöhnlicher Fortpflanzung miteinander verkettet, und die Abänderungs-Mittel sind die nämlichen. Wir begreifen die volle Bedeutung der wunderbaren Erscheinung, welche jedem Reisenden aufgefallen seyn muss, dass im nämlichen Kontinente unter den verschiedenartigsten Lebens-Bedingungen, in Hitze und Kälte, im Gebirge und Tiefland, in Marsch- und Sand-Strecken die meisten der Bewohner aus jeder grossen Klasse offenbar verwandt sind; denn es sind gewöhnlich Nachkommen von den nämlichen Stammvätern und ersten Kolonisten. Nach diesem nämlichen Prinzip früherer Wanderungen meistens in Verbindung mit entsprechender Abänderung begreift sich mit Hilfe der Eis-Periode die Identität einiger wenigen Pflanzen und die nahe Verwandtschaft vieler andern auf den entferntesten Gebirgen und in den verschiedensten Klimaten, und ebenso die nahe Verwandtschaft einiger Meeres-Bewohner in der nördlichen und in der südlichen gemässigten Zone, obwohl sie durch das ganze Tropen-Meer getrennt sind. Und wenn anderntheils zwei Gebiete die nämlichen natürlichen Bedingungen darbieten, aber ihre Bewohner weit von einander verschieden sind, so können wir uns darüber nicht wundern, falls dieselben während langer Perioden vollständig von einander getrennt gewesen sind; denn wenn auch die Beziehung von einem Organismus zum andern die wichtigste aller Beziehungen ist und die zwei Gebiete ihre ersten Ansiedler in verschiedenen Perioden und Verhältnissen von einem dritten Gebiete oder wechselseitig von einander erhalten haben können, so wird der Verlauf der Abänderung in beiden Gebieten unvermeidlich ein verschiedener gewesen seyn.

     Nach der Annahme stattgefundener Wanderungen mit nachfolgender Abänderung erklärt es sich, warum ozeanische Inseln nur von wenigen Arten bewohnt werden, von welchen jedoch viele eigenthümlich sind. Man vermag klar einzusehen, warum diejenigen Thiere, welche weite Strecken des Ozeans nicht zu überschreiten im Stande sind, wie Frösche und Land-Säugethiere, keine ozeanischen Eilande bewohnen, und wesshalb dagegen neue und eigenthümliche Fledermaus-Arten, welche über den Ozean hinwegkommen können, auf oft weit vom Festlande entlegenen Inseln [481] vorkommen. Solche Erscheinungen, wie die Anwesenheit besondrer Fledermaus-Arten und der Mangel aller andern Säugethiere auf ozeanischen Inseln sind nach der Theorie selbstständiger Schöpfungs-Akte gänzlich unerklärbar.

     Das Vorkommen nahe-verwandter oder stellvertretender Arten in zweierlei Gebieten setzt nach der Theorie gemeinsamer Abstammung mit allmählicher Abänderung voraus, dass die gleichen Ältern vordem beide Gebiete bewohnt haben; und wir finden fast ohne Ausnahme, dass, wo immer viele einander nahe-verwandte Arten zwei Gebiete bewohnen, auch einige identische dazwischen sind. Und wo immer viele verwandte aber verschiedene Arten erscheinen, da kommen auch viele zweifelhafte Formen und Abarten der nämlichen Spezies vor. Es ist eine sehr allgemeine Regel, dass die Bewohner eines jeden Gebietes mit den Bewohnern desjenigen nächsten Gebietes verwandt sind, aus welchem sich die Einwanderung der ersten mit Wahrscheinlichkeit ableiten lässt. Wir sehen Diess in fast allen Pflanzen und Thieren der Galapagos-Eilande, auf Juan Fernandez und den andern Amerikanischen Inseln, welche in auffallendster Weise mit denen des benachbarten Amerikanischen Festlandes verwandt sind; und eben so verhalten sich die des Capverdischen Archipels und andrer Afrikanischen Inseln zum Afrikanischen Festland. Man muss zugeben, dass diese Thatsachen aus der gewöhnlichen Schöpfungs-Theorie nicht erklärbar sind.

     Wie wir gesehen, ist die Erscheinung, dass alle früheren und jetzigen organischen Wesen nur ein grosses vielfach unter-abgetheiltes Natürliches System bilden, worin die erloschenen Gruppen oft zwischen die noch lebenden fallen, aus der Theorie der Natürlichen Züchtung mit ihrer Ergänzung durch Erlöschen und Divergenz des Charakters erklärbar. Aus denselben Prinzipien ergibt sich auch, warum die wechselseitige Verwandtschaft von Arten und Sippen in jeder Klasse so verwickelt und mittelbar ist. Es ergibt sich, warum gewisse Charaktere viel besser als andre zur Klassifikation brauchbar sind; warum Anpassungs-Charaktere, obschon von oberster Bedeutung für das Wesen selbst, kaum von einiger Wichtigkeit bei der Klassifikation sind; warum [482] von Stümmel-Organen abgeleitete Charaktere, obwohl diese Organe dem Organismus zu nichts dienen, oft einen hohen Werth für die Klassifikation besitzen; und warum embryonische Charaktere den höchsten Werth von allen haben. Die wesentlichen Verwandtschaften aller Organismen rühren von gemeinschaftlicher Ererbung oder Abstammung her. Das Natürliche System ist eine genealogische Anordnung, worin uns die Abstammungs-Linien durch die beständigsten Charaktere verrathen werden, wie gering auch deren Wichtigkeit für das Leben seyn mag.

     Die Erscheinungen, dass das Knochen-Gerüste das nämliche in der Hand des Menschen, wie im Flügel der Fledermaus, im Ruder der Seeschildkröte und im Bein des Pferdes ist, — dass die gleiche Anzahl von Wirbeln den Hals aller Säugethiere, den der Giraffe wie den des Elephanten bildet, und noch eine Menge ähnlicher, erklären sich sogleich aus der Theorie der Abstammung mit geringer und langsam aufeinander-folgender Abänderung. Die Ähnlichkeit des Models im Flügel und im Hinterfusse der Fledermaus, obwohl sie zu ganz verschiedenen Diensten bestimmt sind, in den Kinnladen und den Beinen des Krabben, in den Kelch- und Kronen-Blättern, in den Staubgefässen und Staubwegen der Blüthen wird gleicherweise aus der Annahme allmählich divergirender Abänderung von Theilen oder Organen erklärbar, welche in dem gemeinsamen Stammvater jeder Klasse unter sich ähnlich gewesen sind. Nach dem Prinzip, dass allmähliche Abänderungen nicht immer schon in frühem Alter erfolgen und sich demnach auf ein gleiches und nicht früheres Alter vererben, ergibt sich eine klare Ansicht, wesshalb die Embryonen von Säugthieren, Vögeln, Reptilien und Fischen einander so ähnlich sind und in späterem Alter so unähnlich werden. Man wird sich nicht mehr darüber wundern, dass der Embryo eines Luft-athmenden Säugthieres oder Vogels Kiemen-Spalten und Schleifen-artig verlaufende Arterien wie der Fisch besitze, welcher die im Wasser aufgelöste Luft mit Hilfe wohl-entwickelter Kiemen zu athmen bestimmt ist.

     Nichtgebrauch, zuweilen mit Natürlicher Züchtung verbunden, führt oft zur Verkümmerung eines Organes, wenn es bei veränderter Lebens-Weise oder unter wechselnden Lebens-Bedingungen [483] nutzlos geworden ist, und man bekommt auf diese Weise eine richtige Vorstellung von rudimentären Organen. Aber Nichtgebrauch und Natürliche Züchtung werden auf jedes Geschöpf gewöhnlich erst wirken, wenn es zur Reife gelangt ist und selbstständigen Antheil am Kampfe ums Daseyn nimmt. Sie werden nur wenig über ein Organ in den ersten Lebens-Altern vermögen, weshalb kein Organ in solchen frühen Altern sehr verringert oder verkümmert werden kann. Das Kalb z. B. hat Schneidezähne, welche aber im Oberkiefer das Zahnfleisch nie durchbrechen, von einem frühen Stammvater mit wohl-entwickelten Zähnen geerbt, und es ist anzunehmen, dass diese Zähne im reifen Thiere während vieler aufeinander-folgender Generationen reduzirt worden sind, entweder weil sie nicht gebraucht oder weil Zunge und Gaumen zum Abweiden des Futters ohne ihre Hilfe durch Natürliche Züchtung besser hergerichtet worden sind; wesshalb dann im Kalb diese Zähne unentwickelt geblieben und nach dem Prinzip der Erblichkeit in gleichem Alter von früher Zeit an bis auf den heutigen Tag so vererbt worden sind. Wie ganz unerklärbar sind nach der Annahme, dass jedes organische Wesen und jedes besondre Organ für seinen Zweck besonders erschaffen worden seye, solche Erscheinungen, die, wie diese nie zum Durchbruch gelangenden Schneidezähne des Kalbs oder die verschrumpften Flügel unter den verwachsenen Flügeldecken mancher Käfer, so auffallend das Gepräge der Nutzlosigkeit an sich tragen! Man könnte sagen, die Natur habe Sorge getragen, durch rudimentäre Organe und homologe Gebilde uns ihren Abänderungs-Plan zu verrathen, welchen wir ausserdem nicht verstehen würden.


     Ich habe jetzt die hauptsächlichsten Erscheinungen und Betrachtungen wiederholt, welche mich zur innigsten Überzeugung geführt, dass die Arten während langer Fortpflanzungs-Perioden durch Erhaltung oder Natürliche Züchtung mittelst zahlreich aufeinander-folgender kleiner aber nützlicher Abweichungen von ihrem anfänglichen Typus verändert worden sind. Ich kann nicht glauben, dass eine falsche Theorie die mancherlei grossen Gruppen oben aufgezählter [484] Erscheinungen erklären würde, wie meine Theorie der Natürlichen Züchtung es doch zu thun scheint. Es ist keine triftige Einrede, dass die Wissenschaft bis jetzt noch kein Licht über den Ursprung des Lebens verbreite. Wer vermöchte zu erklären, was das Wesen der Attraktion oder Gravitation seye? Obwohl Leibniz den Newton angeklagt, dass er »verborgene Qualitäten und Wunder in die Philosophie« eingeführt, so wird doch dieses unbekannte Element der Attraktion jetzt allgemein als eine vollkommen begründete vera causa angekommen.

     Ich kann nicht glauben, dass die in diesem Bande aufgestellten Ansichten gegen irgend wessen religiöse Gefühle verstossen sollten. Es möge die Erinnerung genügen, dass die grösste Entdeckung, welche der Mensch jemals gemacht, nämlich das Gesetz der Gravitation, von Leibniz angegriffen worden ist, weil es die natürliche Religion untergrabe und die offenbarte verläugne.

     Ein berühmter Schriftsteller und Geistlicher hat mir geschrieben, »er habe allmählich einsehen gelernt, dass es eine eben so erhabene Vorstellung von der Gottheit seye, zu glauben, dass sie nur einige wenige der Selbstentwickelung in andre und nothwendige Formen fähige Urtypen geschaffen, als dass sie immer wieder neue Schöpfungs-Akte nöthig gehabt habe, um die Lücken auszufüllen, welche durch die Wirkung ihrer eigenen Gesetze entstanden seyen.«

     Aber warum, wird man fragen, haben denn fast alle ausgezeichneten lebenden Naturforscher und Geologen diese Ansicht von der Veränderlichkeit der Spezies verworfen? Es kann ja doch nicht behauptet werden, dass organische Wesen im Naturzustande keiner Abänderung unterliegen; es kann nicht bewiesen werden, dass das Maass der Abänderung im Verlaufe ganzer Erd-Perioden eine beschränkte Grösse seye; ein bestimmter Unterschied zwischen Arten und ausgeprägten Abarten ist noch nicht angegeben worden und kann nicht angegeben werden. Es lässt sich nicht behaupten, dass Arten bei der Kreutzung ohne Ausnahme unfruchtbar seyen, noch dass Unfruchtbarkeit eine besondre Gabe und ein Merkmal der Schöpfung seye. Die Annahme, dass Arten [485] unveränderliche Erzeugnisse seyen, war fast unvermeidlich so lange, als man der Geschichte der Erde nur eine kurze Dauer zuschrieb; und nun, da wir einigen Begriff von der Länge der Zeit erlangt haben, sind wir zu verständig, um ohne Beweis anzunehmen, der geologische Schöpfungs-Bericht seye so vollkommen, dass er uns einen klaren Nachweis über die Abänderung der Arten liefern müsste, wenn sie solche Abänderungen erfahren hätten.

     Aber die Hauptursache, wesshalb wir von Natur nicht geneigt sind zuzugestehen, dass eine Art eine andere verschiedene Art erzeugt haben könne, liegt darin, dass wir stets behutsam in der Zulassung einer grossen Veränderung sind, deren Mittelstufen wir nicht kennen. Die Schwierigkeit ist dieselbe, welche so viele Geologen gefühlt, als Lyell zuerst behauptete, dass binnenländische Fels-Klippen gebildet und grosse Thäler ausgehöhlt worden seyen durch die langsame Thätigkeit der Küsten-Wogen. Der Begriff kann die volle Bedeutung des Ausdruckes Hundert Millionen Jahre unmöglich fassen; er kann nicht die ganze Grösse der Wirkung zusammenrechnen und begreifen, welche durch Häufung einer Menge kleiner Abänderungen während einer fast unendlichen Anzahl von Generationen entsteht.

     Obwohl ich von der Wahrheit der in diesem Bande auszugsweise mitgetheilten Ansichten vollkommen durchdrungen bin, so hege ich doch keinesweges die Erwartung erfahrene Naturforscher davon zu überzeugen, deren Geist von einer Menge von Thatsachen erfüllt ist, welche sie seit einer langen Reihe von Jahren[WS 3] gewöhnt sind aus den meinigen ganz entgegengesetzten Gesichtspunkten zu betrachten. Es ist so leicht unsre Unwissenheit unter Ausdrücken, wie »Schöpfungs-Plan«, »Einheit des Zwecks« u. s. w. zu verbergen und zu glauben, dass wir eine Erklärung geben, wenn wir bloss eine Thatsache wiederholen. Wer von Natur geneigt ist, unerklärten Schwierigkeiten mehr Werth als der Erklärung einer Summe von Thatsachen beizulegen, der wird gewiss meine Theorie verwerfen. Auf einige wenige Naturforscher von empfänglicherem Geiste, und solche, die schon an der Unveränderlichkeit der Arten zu zweifeln begonnen haben, [486] mag Diess Buch einigen Eindruck machen; aber ich blicke mit Vertrauen auf die Zukunft, auf junge und strebende Naturforscher, welche beide Seiten der Frage mit Unpartheilichkeit zu beurtheilen fähig seyn werden. Wer immer sich zur Ansicht neigt, dass Arten veränderlich sind, wird durch gewissenhaftes Geständniss seiner Überzeugung der Wissenschaft einen guten Dienst leisten; denn nur so kann dieser Berg von Vorurtheilen, unter welchen dieser Gegenstand vergraben ist, allmählich beseitigt werden.

     Einige hervorragende Naturforscher haben noch neuerlich ihre Ansicht veröffentlicht, dass eine Menge angeblicher Arten in jeder Sippe keine wirklichen Arten vorstellen, wogegen andre Arten wirkliche, d. h. selbstständig erschaffene Spezies seyen. Diess scheint mir eine sonderbare Annahme zu seyn. Sie geben zu, dass eine Menge von Formen, die sie selbst bis vor Kurzem für spezielle Schöpfungen gehalten und welche noch jetzt von der Mehrzahl der Naturforscher als solche angesehen werden, welche mithin das ganze äussre charakteristische Gepräge von Arten besitzen, — sie geben zu, dass diese durch Abänderung hervorgebracht worden seyen, weigern sich aber dieselbe Ansicht auf andre davon nur sehr unbedeutend verschiedene Formen auszudehnen. Demungeachtet beanspruchen sie nicht eine Definition oder auch nur eine Vermuthung darüber geben zu können, welches die erschaffenen und welches die durch sekundäre Gesetze entstandenen Lebenformen seyen. Sie geben Abänderung als eine vera causa in einem Falle zu und verwerfen solche willkürlich im andern, ohne den Grund der Verschiedenheit in beiden Fällen nachzuweisen. Der Tag wird kommen, wo man Diess als einen ergötzlichen Beleg von der Blindheit vorgefasster Meinung anführen wird. Diese Schriftsteller scheinen mir nicht mehr vor der Annahme eines wunderbaren Schöpfungs-Aktes als vor der einer gewöhnlichen Geburt zurückzuschrecken. Aber glauben sie denn wirklich, dass in unzähligen Momenten unsrer Erd-Geschichte jedesmal gewisse Urstoff-Atome kommandirt worden seyen zu lebendigen Geweben in einander zu fahren? Sind sie der Meinung, dass durch jeden unterstellten Schöpfungs-Akt [487] bloss ein einziger, oder dass viele Individuen entstanden sind? Sind all diese zahllosen Sorten von Pflanzen und Thieren in Form von Saamen und Eiern, oder sind sie als ausgewachsene Individuen erschaffen worden? und die Säugthiere insbesondere, sind sie geschaffen worden mit dem falschen Merkmale der Ernährung vom Mutter-Leibe auf? Obwohl diese Naturforscher sehr angemessen eine vollständige Aufklärung über jede Schwierigkeit von denjenigen verlangen, welche an die Veränderlichkeit der Arten glauben, so ignoriren sie ihrerseits die ganze Frage vom ersten Auftreten der Arten und beobachten darüber ein ehrerbietiges Stillschweigen [1].

     Man kann noch die Frage aufwerfen, wie weit ich die Lehre von der Abänderung der Spezies ausdehne? Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil, je verschiedener die Formen sind, welche wir betrachten, desto mehr die Argumente an Stärke verlieren. Doch sind einige schwer-wiegende Beweisgründe sehr weitreichend. Alle Glieder einer ganzen Klasse können durch Verwandtschafts-Beziehungen mit einander verkettet und alle nach dem nämlichen Prinzip in unterabgetheilte Gruppen klassifizirt werden. Fossile Reste sind oft geeignet grosse Lücken zwischen den lebenden Ordnungen des Systemes auszufüllen. Verkümmerte Organe beweisen oft, dass der erste Stammvater dieselben Organe in vollkommen entwickeltem Zustande besessen habe; daher ihr Vorkommen nach ihrer jetzigen Beschaffenheit ein ungeheures Maass von Abänderung in dessen Nachkommen voraussetzt. Durch ganze Klassen hindurch sind mancherlei Gebilde nach einem gemeinsamen Model geformt, und im Embryo-Stande gleichen alle Arten einander genau. Daher ich keinen Zweifel hege, dass die Theorie der Abstammung mit allmählicher Abänderung alle Glieder einer nämlichen Klasse mit einander verbinde. Ich glaube, dass die Thiere von höchstens vier oder fünf [2] und die Pflanzen von eben so vielen oder noch weniger Stamm-Arten herrühren.

     Die Analogie würde mich noch einen Schritt weiter führen, [488] nämlich zu glauben, dass alle Pflanzen und Thiere nur von einer einzigen Urform herrühren; doch könnte die Analogie eine trügerische Führerin seyn. Demungeachtet haben alle lebenden Wesen Vieles miteinander gemein in ihrer chemischen Zusammensetzung, ihrer zelligen Struktur, ihren Wachsthums-Gesetzen, ihrer Empfindlichkeit gegen schädliche Einflüsse. Wir sehen Diess oft in sehr zutreffender Weise, wenn dasselbe Gift Pflanzen und Thiere in ähnlicher Art berührt, oder wenn das von der Gallwespe ausgesonderte Gift monströse Auswüchse an der wilden Rose wie an der Eiche verursacht. In allen organischen Wesen scheint die gelegentliche Vereinigung männlicher und weiblicher Elementar-Zellen zur Erzeugung eines neuen solchen Wesens nothwendig zu seyn. In allen ist, so viel bis jetzt bekannt, das Keim-Bläschen dasselbe. Daher alle organischen Wesen desselben Ursprungs sind. Und selbst was ihre Trennung in zwei Haupt-Abtheilungen, in ein Pflanzen- und ein Thier-Reich betrifft, so gibt es gewisse niedrige Formen, welche in ihren Charakteren so sehr das Mittel zwischen beiden halten, dass sich die Naturforscher noch darüber streiten, zu welchem Reiche sie gehören. Nach dem Prinzipe der Natürlichen Züchtung mit Divergenz des Charakters erscheint es auch nicht unglaublich, dass sich einige solche Zwischenformen zwischen Pflanzen und Thieren entwickelt haben müssen. Daher ich annehme, dass wahrscheinlich alle organischen Wesen, die jemals auf dieser Erde gelebt, von irgend einer Urform abstammen, welcher das Leben zuerst vom Schöpfer eingehaucht worden ist. Doch beruhet dieser Schluss hauptsächlich auf Analogie, und es ist unwesentlich, ob man ihn anerkenne oder nicht. Ein andrer Fall ist es mit den Gliedern einer jeden grossen Klasse, wie der Wirbelthiere oder Kerbthiere; denn hier haben wir, wie schon bemerkt worden, in den Gesetzen der Homologie und Embryologie einige bestimmten Beweise dafür, dass alle von einem einzigen Urvater abstammen.

     Wenn die von mir in diesem Bande und die von Hr. Wallace im Linnean Journal aufgestellten oder sonstige analoge Ansichten über die Entstehung der Arten zugelassen werden, so [489] lässt sich bereits dunkel voraussehen, dass der Naturgeschichte eine grosse Umwälzung bevorsteht. Die Systematiker werden ihre Arbeiten so wie bisher verfolgen können, aber nicht mehr unablässig durch den gespenstischen Zweifel beängstigt werden, ob diese oder jene Form eine wirkliche Art seye. Diess, fühle ich sicher und sage es aus Erfahrung, wird eine Erleichterung von grossen Sorgen gewähren. Der endlose Streit, ob die fünfzig Britischen Brombeer-Sorten wirkliche Arten sind oder nicht, wird aufhören. Die Systematiker haben nur zu entscheiden (was keineswegs immer leicht ist), ob eine Form beständig oder verschieden genug von andern Formen ist, um eine Definition zuzulassen und, wenn Diess der Fall, ob die Verschiedenheiten wichtig genug sind, um einen spezifischen Namen zu verdienen. Dieser letzte Punkt aber wird eine weit wesentlichere Betrachtung als bisher erheischen, wo auch die geringfügigsten Unterschiede zwischen zwei Formen, wenn sie nicht durch Zwischenstufen miteinander verschmolzen waren, bei den meisten Naturforschern für genügend galten, um beide zum Range zweier Arten zu erheben. Hiernach sind wir anzuerkennen genöthigt, dass der einzige Unterschied zwischen Arten und ausgebildeten Abarten nur darin besteht, dass diese letzten durch erkannte oder vermuthete Zwischenstufen noch heutzutage miteinander verbunden sind und die ersten es früher gewesen sind. Ohne daher die Berücksichtigung noch jetzt vorhandener Zwischenglieder zwischen zwei Formen verwerfen zu wollen, werden wir veranlasst seyn, den wirklichen Betrag der Verschiedenheit zwischen denselben sorgfältiger abzuwägen und höher zu werthen. Es ist ganz möglich, dass jetzt allgemein als blosse Varietäten anerkannte Formen künftighin spezifischer Benennungen werth geachtet werden, wie z. B. die beiden Sorten Schlüsselblumen, in welchem Falle dann die wissenschaftliche und die gemeine Sprache mit einander in Übereinstimmung kämen[3]. Kurz wir [490] werden die Arten auf dieselbe Weise zu behandeln haben, wie die Naturforscher jetzt die Sippen behandeln, welche annehmen, dass die Sippen nichts weiter als willkürliche der Bequemlichkeit halber eingeführte Gruppirungen seyen. Das mag nun keine eben sehr heitre Aussicht seyn; aber wir werden hiedurch endlich das vergebliche Suchen nach dem unbekannten und unentdeckbaren Wesen der »Species« los werden.

     Die andern und allgemeineren Zweige der Naturgeschichte werden sehr an Interesse gewinnen. Die von Naturforschern gebrauchten Ausdrücke Verwandtschaft, Beziehung, gemeinsamer Typus, älterliches Verhältniss, Morphologie, Anpassungs-Charaktere, verkümmerte und fehlgeschlagene Organe u. s. w. werden statt der bisherigen bildlichen eine sachliche Bedeutung gewinnen. Wenn wir ein organisches Wesen nicht länger, so wie die Wilden ein Linienschiff, als etwas ganz ausser unsren Begriffen Liegendes betrachten, — wenn wir jedem organischen Natur-Erzeugnisse eine Geschichte zugestehen; — wenn wir jedes zusammengesetzte Gebilde oder jeden Instinkt als die Summe vieler einzelner dem Besitzer nützlicher Erfindungen betrachten, wie wir etwa ein grosses mechanisches Kunstwerk als das Produkt der vereinten Arbeit, Erfahrung, Beurtheilung und selbst Fehler zahlreicher Techniker ansehen, und wenn wir jedes organische Wesen auf diese Weise betrachten: wie viel ansprechender (ich rede aus Erfahrung) wird dann das Studium der Naturgeschichte werden!

     Ein grosses und fast noch unbetretenes Feld wird sich öffnen für Untersuchungen über die Wechselbeziehungen der Entwickelung, über die Folgen von Gebrauch und Nichtgebrauch, über den unmittelbaren Einfluss äussrer Lebens-Bedingungen u. s. w. Das Studium der Kultur-Erzeugnisse wird unermesslich an Werth steigen. Eine vom Menschen neu erzogene Varietät wird ein für das Studium wichtigerer und anziehenderer Gegenstand seyn, als die Vermehrung der bereits unzähligen Arten unsrer Systeme mit einer neuen. Unsre Klassifikationen werden, so weit es möglich, zu Genealogien werden und dann erst den wirklichen sogen. Schöpfungs-Plan darlegen. Die Regeln der Klassifikation werden ohne Zweifel einfacher seyn, wenn [491] wir ein bestimmtes Ziel im Auge haben. Wir besitzen keine Stamm-Bäume und Wappen-Bücher und werden daher die vielfältig auseinander-laufenden Abstammungs-Linien in unsren Natur-Genealogien mit Hilfe von mehr oder weniger lang vererbten Charakteren zu entdecken und zu verfolgen haben. Rudimentäre Organe werden in Bezug auf längst verloren gegangene Gebilde untrügliches Zeugniss geben. Arten und Arten-Gruppen, welche man abirrende genannt hat und mit einiger Einbildungs-Kraft lebende Fossile nennen könnte, werden uns helfen ein vollständigeres Bild von den alten Lebenformen zu entwerfen, und die Embryologie wird uns die mehr und weniger verdunkelte Bildung der Prototype einer jeden der Hauptklassen des Systemes enthüllen.

     Wenn wir erst für gewiss annehmen, dass alle Individuen einer Art und alle nahe verwandten Arten der meisten Sippen in einer nicht sehr fernen Vorzeit von einem gemeinsamen Vater entsprungen und von ihrer Geburts-Stätte aus gewandert, und wenn wir erst besser die mancherlei Mittel kennen werden, welche ihnen bei ihren Wanderungen zu gut gekommen sind, dann wird das Licht, welches die Geologie über die früheren Veränderungen des Klima’s und der Formen der Erd-Oberfläche schon verbreitet hat und noch ferner verbreiten wird, uns gewiss in den Stand setzen, ein vollkommenes Bild von den früheren Wanderungen der Erd-Bewohner zu entwerfen. Sogar jetzt schon kann die Vergleichung der Meeres-Bewohner an den zwei entgegengesetzten Küsten eines Kontinentes und die Beschaffenheit der manchfaltigen Bewohner dieses Kontinentes in Bezug auf ihre Einwanderungs-Mittel dazu dienen, die alte Geographie einigermaassen zu beleuchten.

     Die erhabene Wissenschaft der Geologie verliert von ihrem Glanze durch die Unvollständigkeit der Aufzeichnungen. Man kann die Erd-Rinde mit den in ihr enthaltenen organischen Resten nicht als ein wohl gefülltes Museum, sondern nur als eine zufällige und nur dann und wann einmal bedachte arme Sammlung ansehen. Die Ablagerung jeder grossen Fossilien-reichen Formation ergibt sich als die Folge eines ungewöhnlichen Zusammentreffens von Umständen, und die Pausen zwischen den aufeinander-folgenden [492] Ablagerungs-Zeiten entsprechen Perioden von unermesslicher Dauer. Doch werden wir im Stande seyn, die Länge dieser Perioden einigermaassen durch die Vergleichung der ihnen vorhergehenden und nachfolgenden organischen Formen zu bemessen. Wir dürfen nach den Successions-Gesetzen der organischen Wesen nur mit grosser Vorsicht versuchen, zwei in verschiedenen Gegenden abgelagerte Bildungen, welche einige identische Arten enthalten, als genau gleichzeitig zu betrachten. Da die Arten in Folge langsam wirkender und noch fortdauernder Ursachen und nicht durch wundervolle Schöpfungs-Akte und gewaltige Katastrophen entstehen und vergehen, und da die wichtigste aller Ursachen, welche auf organischen Wechsel hinwirken, nämlich die Wechselbeziehung zwischen den Organismen selbst, in deren Folge eine Verbesserung des einen die Verbesserung oder die Vertilgung des andern bedingt, fast unabhängig von der Veränderung und zumal plötzlichen Veränderung der physikalischen Bedingungen ist: so folgt, dass der Grad der von einer Formation zur andern stattgefundenen Abänderung der fossilen Wesen wahrscheinlich als ein guter Maassstab für die Länge der inzwischen abgelaufenen Zeit dienen kann. Eine Anzahl in Masse zusammen-gehaltener Arten jedoch dürfte lange Zeit unverändert fortleben können, während in der gleichen Zeit einzelne Spezies derselben, die in neue Gegenden auswandern und in Kampf mit neuen Mitbewerbern gerathen, Abänderung erfahren würden; daher wir die Genauigkeit dieses von den organischen Veränderungen entlehnten Zeit-Maasses nicht überschätzen dürfen. Als in frühen Zeiten der Erd-Geschichte die Lebenformen wahrscheinlich noch einfacher und minder zahlreich waren, mag deren Wechsel auch langsamer vor sich gegangen seyn; und als es zur Zeit der ersten Morgenröthe des organischen Lebens wahrscheinlich nur sehr wenige Organismen von dieser einfachsten Bildung gab, mag deren Wechsel im äussersten Grade langsam gewesen seyn. Die ganze Geschichte dieser organischen Welt, so weit sie bekannt ist, wird sich hiernach als von einer uns ganz unerfasslichen Länge herausstellen, aber von derjenigen Zeit, welche seit der Erschaffung des ersten Geschöpfes, des Stamm-Vaters [493] all’ der unzähligen schon erloschenen und noch lebenden Wesen verflossen ist, nur ein kleines Bruchstück ausmachen.

     In einer fernen Zukunft sehe ich Felder für noch weit wichtigere Untersuchungen sich öffnen. Die Physiologie wird sich auf eine neue Grundlage stützen, sie wird anerkennen müssen, dass jedes Vermögen und jede Fähigkeit des Geistes nur stufenweise erworben werden kann.

     Schriftsteller ersten Rangs scheinen vollkommen davon überzeugt zu seyn, dass jede Art unabhängig erschaffen worden seye. Nach meiner Meinung stimmt es besser mit den der Materie vom Schöpfer eingeprägten Gesetzen überein, dass Entstehen und Vergehen früherer und jetziger Bewohner der Erde, so wie der Tod des Einzelwesens, durch sekundäre Ursachen veranlasst werde. Wenn ich alle Wesen nicht als besondre Schöpfungen, sondern als lineare Nachkommen einiger weniger schon lange vor der Ablagerung der silurischen Schichten vorhanden gewesener Vorfahren betrachte, so scheinen sie mir dadurch veredelt zu werden. Und aus der Vergangenheit schliessend dürfen wir getrost annehmen, dass nicht eine der jetzt lebenden Arten ihr unverändertes Abbild auf eine ferne Zukunft übertragen wird. Überhaupt werden von den jetzt lebenden Arten nur sehr wenige durch Nachkommenschaft irgend welcher Art sich bis in eine sehr ferne Zukunft fortpflanzen; denn die Art und Weise, wie die organischen Wesen im Systeme gruppirt sind, zeigt, dass die Mehrzahl der Arten einer jeden Sippe und alle Arten vieler Sippen früherer Zeiten keine Nachkommenschaft hinterlassen haben, sondern gänzlich erloschen sind. Man kann insoferne einen prophetischen Blick in die Zukunft werfen und voraussagen, dass es unsre gemeinsten und weit-verbreitetsten Arten sind, welche die andern überdauern und neue herrschende Arten liefern werden. Da alle jetzigen Organismen lineare Abkommen derjenigen sind, welche lange vor der silurischen Periode gelebt, so werden wir gewiss fühlen, dass die regelmässige Aufeinanderfolge der Generationen niemals unterbrochen worden ist und eine allgemeine Fluth niemals die ganze Welt zerstört hat. Daher können wir mit einigem Vertrauen auf eine [494] Zukunft von gleichfalls unberechenbarer Länge blicken. Und da die Natürliche Züchtung nur durch und für das Gute eines jeden Wesens wirkt, so wird jede fernere körperliche und geistige Ausstattung desselben seine Vervollkommnung fördern.

     Es ist anziehend beim Anblick eines Stückes Erde bedeckt mit blühenden Pflanzen aller Art, mit singenden Vögeln in den Büschen, mit schaukelnden Faltern in der Luft, mit kriechenden Würmern im feuchten Boden sich zu denken, dass alle diese Lebenformen so vollkommen in ihrer Art, so abweichend unter sich und in allen Richtungen so abhängig von einander, durch Gesetze hervorgebracht sind, welche noch fort und fort um uns wirken. Diese Gesetze, im weitesten Sinne genommen, heissen: Wachsthum und Fortpflanzung; Vererbung mit der Fortpflanzung, Abänderung in Folge der mittelbaren und unmittelbaren Wirkungen äusserer Lebens-Bedingungen und des Gebrauchs oder Nichtgebrauchs, rasche Vermehrung bald zum Kampfe um’s Daseyn führend, verbunden mit Divergenz des Charakters und Erlöschen minder vervollkommneter Formen. So geht aus dem Kampfe der Natur, aus Hunger und Tod unmittelbar die Lösung des höchsten Problems hervor, das wir zu fassen vermögen, die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Thiere. Es ist wahrlich eine grossartige Ansicht, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einer einzigen Form eingehaucht habe, und dass, während dieser Planet den strengen Gesetzen der Schwerkraft folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfang sich eine endlose Reihe immer schönerer und vollkommenerer Wesen entwickelt hat und noch fort entwickelt.


  1. Vergl. S. 512 im nächsten Kapitel.
  2. Diese Zahl entspräche also den Unterreichen oder Kreisen des Thier-Reichs, welche der Verf. gewöhnlich auch unter dem Namen der „grossen Klassen“ versteht. Er sagt aber nirgends, auf welche Weise er sich das Thier-Reich an diese 4—5 Stammarten vertheilt denke.     D. Übs.
  3. In England nämlich, wo die gewöhnliche Form der Schlüsselblume (Primula veris) als „Primrose“ oder Frühröschen, die grosse blassgelbe (Pr. elatior) aber als „Cowslip“ oder Kuhtritt bezeichnet zu werden pflegt. In Deutschland hat der Volks-Mund meines Wissens noch keinen stetig verschiedenen Namen dafür.     D. Übs.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Im Original »Natura non facit saltum“
  2. Im Original einigermassen
  3. Im Original Jahreu


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