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Eines „Kriegsheilkünstlers“ Ehrentag

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Titel: Eines „Kriegsheilkünstlers“ Ehrentag
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 220, 222–223
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[220]

Generalstabsarzt Ludwig Stromeyer.
Nach einer Photographie.

[222] Eines „Kriegsheilkünstlers“ Ehrentag. (Mit Portrait S. 220.) Wenn ein geehrter und geliebter Greis mit strahlendem Auge auf Jahre zurückblickt, die er die glücklichsten seines Lebens nennt, so wird man an einem Tage, für welchen eine Staffel seiner Laufbahn mit Jubelkränzen geschmückt wird, ihm zu Liebe gern dem Winke seines freudigen Rückblickes folgen und ihn zuerst dort begrüßen, wo er am glücklichsten war.

So gehen wir denn nach Freiburg im Breisgau und sehen uns in den mittleren vierziger Jahren dort um. Damals wirkte im blühendsten Mannesalter, von seinem achtunddreißigsten bis vierundvierzigsten Lebensjahre als Professor der Chirurgie an der Universität Georg Friedrich Ludwig Stromeyer, dessen Namen bereits ein hoher akademischer Ruf auszeichnete. Seine selbst in England berühmt gewordene Ausführung des Sehnenschnitts, sowie die wissenschaftlichen, in der von ihm in seiner Vaterstadt Hannover begründeten orthopädischen Anstalt gewonnenen Resultate, die er in gediegenen Schriften niederlegte, hatten ihn zu einem gesuchten Manne in der akademischen Welt erhoben. Am meisten hatten dazu geholfen seine 1838 erschienenen „Beiträge zur operativen Orthopädik oder Erfahrungen über die subcutane Durchschneidung der Muskeln und deren Sehnen“, eine Schrift, die durch die darin gegebene Anregung zur Schieloperation die weittragendste Bedeutung gewonnen hat. Und in Freiburg war es auch, wo er für dieses Werk einen Ehrenpreis der Académie des sciences zu Paris empfing. Erhebender Erfolge froh und rüstig wirkend im Verein mit nach- und mitstrebenden Schülern und Collegen, war er eine Zierde der Freiburger Hochschule.

Es thut wohl, sagen zu können, daß der Weg zu diesem Glück unserm Jubilar vom Schicksal nicht zu schwer gemacht worden war. Er, der seit dem 6. März im dreiundsiebenzigsten Jahre steht und dennoch aufgerichteten weißen Hauptes geistig und körperlich wohlbehalten der Zerbröckelung des Alters trotzt, war als so schwächliches Kind zur Welt gekommen, daß die Heranerziehung desselben zu einem strammen Jungen als ein Meisterstück seines Vaters gepriesen wurde. Dieser Vater war ebenfalls ein ausgezeichneter Chirurg und Mitglied des Comités für das hannöverische Militär-Medicinalwesen; er erkannte schon in seinem Knaben den künftigen Wundheilkünstler und ließ ihn noch in Hannover am Unterricht in der Anatomie theilnehmen und mehrere Jahre die Chirurgische Schule besuchen, ehe er ihn nach Göttingen auf die Universität schickte. Promovirt hat unser Stromeyer in Berlin am 6. April 1826, und das fünfzigjährige Doctorjubiläum ist das Fest, zu dessen Ehren die „Gartenlaube“ durch das Bildniß des Gefeierten und diese Worte das Ihrige beitragen will.

Nach längeren Studienreisen kehrte er in seine Vaterstadt zurück und begründete daselbst (1829) die orthopädische Anstalt, die er von da an [223] zehn Jahre leitete. Nachdem er als Professor der Chirurgie in Erlangen und München gewirkt hatte, folgte er seinem besten Stern nach Freiburg, wohin wir heute unseren Jubiläumsgruß zuerst getragen haben.

Warum nicht der schöne Breisgau seine zweite Heimath für immer wurde? Der Krieg war in seine Wissenschaft gefahren und hatte ihr und ihm neue Pflichten auferlegt. Schon der badische Revolutionskrieg im Frühjahr 1848 hatte seine kriegschirurgischen Erfahrungen vermehrt. Von diesem Jahre an wurde die Entwickelung der Kriegschirurgie ihm Gewissenssache. Es war ein glücklicher Blick und Griff Langenbeck’s, der an Dieffenbach’s Stelle nach Berlin berufen war, daß er Stromeyer auf seinen Posten nach Kiel empfahl.

Von Freiburg aber war es ein schweres Scheiden; der edle Mann nahm dort „Abschied von der Poesie des Lebens“. Stromeyer fand durch den Krieg von 1848 seinen Beruf erhöht, denn zu seiner Professur der Chirurgie wurde ihm auch die Stelle eines Generalstabsarztes der schleswig-holsteinischen Armee übertragen. Glücklicher, als die deutsche Politik, war in diesem Kriege die deutsche Wissenschaft. Vielleicht das werthvollste Resultat desselben waren Stromeyer’s „Maximen der Kriegsheilkunst“, ein Werk, „das in der kriegschirurgischen Literatur aller Völker stets mustergültig bleiben wird“.

Im Frühjahre 1854 trat Stromeyer als Generalstabsarzt an die Spitze des königlich hannöverischen Militär-Medicinalwesens. Zu einem zweiten Hauptwerke, dessen ersten Band wir noch seinen schönen Tagen von Freiburg verdanken, vollendete er in dieser Zeit den zweiten Band: zu seinem „Handbuch der Chirurgie“. Es versteht sich von selbst, daß auch sogenannte kleinere Schriften eines solchen Meisters für den Fachmann und die Förderung seiner Wissenschaft von hoher Bedeutung sind; davon sei hier nur seiner „Erfahrungen über Schußwunden“ als Nachtrag zu den „Maximen der Kriegsheilkunde“ und seiner mit Anmerkungen versehenen Uebersetzung der „Notizen und Bemerkungen eines Ambulanz-Chirurgen von W. Mac Cormac“ gedacht, dieser als seiner letzten wissenschaftlichen Arbeit.

Was insbesondere Stromeyer’s hohe Bedeutung als praktischer Chirurg betrifft, so liegt sie namentlich darin, daß er, bei ungewöhnlicher Anlage zum Beobachten, gestützt auf eine umfassende Kenntniß der Physiologie und Pathologie und auf eine reiche Erfahrung, in der Diagnose vorsichtig und scharf, die Indicationen zu seinen Operationen nie in der Lust am Operiren, sondern stets in der reiflich überlegten Aussicht des Erfolges fand und mit einer Gewissenhaftigkeit und einem Geschick, wie sie nur Wenigen beschieden sind, die Nachbehandlung leitete; hiernach ist es natürlich, daß die heute in der Kriegschirurgie herrschende Richtung, welche bemüht ist, die verwundeten Glieder so viel wie möglich zu erhalten, gerade in Stromeyer ihren bedeutendsten Vertreter gefunden hat.

Wenn Stromeyer im Jahre 1866 sich auch bereit erklärt hatte, in den preußischen Staatsdienst überzutreten, so geschah das doch nur unter der Voraussetzung, daß man ihn, gleich den Generalstabsärzten der hessischen und badischen Armeen, an dem Orte seiner früheren Thätigkeit belassen würde. Als jedoch diese Hoffnung nicht in Erfüllung ging, sondern er im Frühjahre 1867 zum Generalarzte des vierten Armeekorps (Magdeburg) ernannt werden sollte, erbat und erhielt er seinen Abschied und blieb in seinem traulichen Heim in der Marienstraße zu Hannover. Wie lieb ihm aber auch diese Heimstätte in der alten Heimath geworden, dennoch riß er sich, wie aus seinem Freiburger Familienparadiese, los, als, wie einst dort, auch hier das Kriegshorn ihn rief. Trotz seines grauen Hauptes zog er 1870 als consultirender Chirurg der dritten Armee mit in das Feld, und so hat auch diese große Zeit eine Stelle gefunden in den „Erinnerungen eines deutschen Arztes“, dem erst im vorigen Jahre erschienenen Buche, in welchem Ludwig Stromeyer uns sein eigenes Leben schildert und so uns selbst den Mann zeigt, dessen Ehren-Fest am 6. April Tausende seiner Collegen, Kriegsgefährten, Schüler und durch ihn von ihren Wunden und Gebresten im Kriege und Frieden Geheilte und Genesene freudig mitbegehen werden. Möge der Glanz dieser Feier noch einen langen, schönen Lebensabend schmücken!