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Einen neuen Beitrag zum Aberglauben des Soldaten im Kriege

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Textdaten
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Titel: Einen neuen Beitrag zum Aberglauben des Soldaten im Kriege
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 104
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[104] Einen neuen Beitrag zum Aberglauben des Soldaten im Kriege erhalten wir aus Chelles zugeschickt. Ein Freund unseres Blattes schreibt uns von dort: Der Schutzbrief, den Sie in Nr. 1 Ihres Blattes zum Abdruck gebracht haben, ist bei meinem Regiment (Nr. 107) in unzähligen Exemplaren verbreitet und die meisten Besitzer desselben glauben an seine Wunderthätigkeit, obgleich doch kaum ein Tag vergeht, an welchem ihnen nicht die Abgeschmacktheit und Unstichhaltigkeit ihres Glaubens durch nur zu blutige Beweise vor Augen geführt wird. Von dem abergläubischen Sinn so vieler Soldaten zeugt auch der Umstand, daß sie eine große Furcht davor haben, das Wort „letzt“ auszusprechen, besonders wenn eine Schlacht in Aussicht steht. Ich lag vor wenigen Wochen mit einem alten Soldaten zusammen im Quartier; es war ein Landwehrmann und Vater von, ich glaube, vier Kindern. Mit dem spielte ich eines Tages Scat. Als ich genug hatte, sagte ich: „Jetzt wollen wir das letzte Spiel machen.“ Darüber gerieth nun mein Partner außer sich: „Im Kriege,“ rief er, „paßt der Teufel wie ein Heftelmacher auf und nimmt den Soldaten gern beim Wort. Heraußen im Felde darfst Du nie sagen, daß Du eine Sache zum letzten Male thun willst, sonst thust Du sie auch wirklich und im vollsten Sinne des Wortes zum letzten Male.“ Eine solche kindische Scheu vor einem unschuldigen Worte hatte der Mann, der schon zahlreiche Gefechte und Schlachten mitgemacht, in ihnen wie ein Eber gekämpft und sich durch seine Tapferkeit das eiserne Kreuz errungen hatte. – Ein Anderes ist, daß der abergläubische Soldat nie auf ein Nahrungsmittel tritt. Ich kann Ihnen auch hiervon ein schlagendes Beispiel erzählen. Unser Regiment hatte bekanntlich am 18. August die Aufgabe, St. Privat zu stürmen. Von Mittags zwölf Uhr bis zum Abend sechs Uhr mußten wir in der glühendsten Hitze und ohne auch nur einen Schluck Wasser zu haben, marschiren; dabei ging unser Weg über Stock und Stein, über Felder und Wiesen, durch Hecken und Gräben. Aber trotz der außerordentlichen Ermüdung, welcher wir ausgesetzt waren und in der man, zuletzt nur noch stolpernd, den Fuß eben da hinsetzte, wo er gerade hinkam, beobachtete ich eine Menge Soldaten, welche sich durchaus hüteten, auf eine Kartoffelstaude zu treten. „Schonen wir das unschuldige Leben der Pflanzen nicht,“ meinten sie, „so wird auch unser eigenes Leben nicht in Acht genommen.“ Durch letztere Rede klingt fast etwas wie ein pantheistischer Zug. Es ist aber doch wohl zu bemerken, wie die gleiche Ursache so grundverschiedene Wirkungen haben kann und wie der Krieg die Einen verwildert, während er die Andern empfindsam macht. Zu den letzteren, zu den Empfindsamen im Kriege gehören offenbar die Kartoffelstaudenschoner.