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Eine seltsame Ahnengallerie

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: W. B.
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Titel: Eine seltsame Ahnengallerie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 168
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[168] Eine seltsame Ahnengallerie. Die katholische Kirche von Szent-Ivanyi, einem Dörfchen in Nord-Ungarn, liegt in schmuckloser Einfachheit auf einem kleinen Hügel; ihr höchst verwittertes Aussehen, so wie der Umstand, daß sie mit einer hohen, dicken und kreisrunden Mauer umgeben ist, weisen darauf hin, daß sie zu den ältesten Gotteshäusern Ungarns gehört, und aus authentischen Dokumenten geht hervor, daß dieselbe schon unter der Regierung Andreas des Zweiten, 1205–1235, beraubt wurde; das eigentliche Jahr ihrer Erbauung ist unbekannt.

In jene das Gotteshaus umgebende Ringmauer ist auch ein thurmähnliches, feuerfestes Häuschen hineingezogen, welches der Familie Szent-Ivanyi, den Besitzern des Ortes – deren ehemalige Familiengruft diese Kirche enthält – von jeher als Archiv diente.

Innerhalb dieser Mauer und im Schatten derselben befindet sich der sogenannte Giftbrunnen. Ein rundes Becken, das einige Schuh im Durchmesser hat, enthält ein Wasser von dunkler Farbe – gleich einem fahlschwarzen Sumpfe. Blätter, Baumäste und andere Dinge, die darin herumschwimmen, sind mit einem schwarzen Schleime überzogen; fortwährend aus der Tiefe aufsteigende Blasen, welche an der Oberfläche des Wassers platzen und übelriechende Dämpfe verbreiten, erhalten den Spiegel in steter Bewegung. Die Tiefe des Brunnens beträgt nicht über zwei Schuh, und seine Ausströmungen sind bei längerem Verweilen schwindelerregend, jedoch an Stärke und Intensität nicht immer gleich; am kräftigsten vor Sonnenaufgang, es werden daher auch sehr oft des Morgens die Leichen kleiner Vögel im Brunnen schwimmend gefunden. Bemerkenswerth ist übrigens, daß einige Bewohner des Ortes das Wasser des Morgens zu trinken pflegen, und daß eine vor mehreren Jahren verstorbene Dame des Ortes, bei stetem Gebrauch desselben achtzig Jahre alt wurde. Schlicht und einfach, wie das Aeußere des Kirchleins, ist auch die innere Einrichtung, mit einem dem schmucklosen Altare gegenüberstehenden Chore und zwei Kirchstuhlreihen. Am Ende dieser Reihen, unter dem Chore, befindet sich das Grabgewölbe mit den unverwesten Leichen. Viele Lebende vom höchsten Range haben diese Todten schon besucht, unter andern auch der letztverstorbene Palatin von Ungarn. Die Erlaubniß dazu wird Personen, von denen zu erwarten steht, daß sie die geweihte Stätte mit andachtsvollem Ernste betreten, von dem Patron der Kirche und dem würdigen Pfarrer mit der rühmlichsten Bereitwilligkeit ertheilt, obwohl die Eröffnung der Gruft mit Mühe verbunden ist, da ein Theil der Kirchstühle weggeräumt, und der Boden aufgebrochen werden muß.

In einem dunkeln Grabgewölbe ohne Licht und Luft von außen stehen die Särge von Jahrhunderten bis an die Oeffnung des Eingangs aufgeschichtet. Die jüngste Leiche dieser ernsten Grabesstätte schläft sechzig Jahre in derselben, denn unter der Regierung des großen Kaisers Joseph II. erging ein Verbot, welches die fernere Bestattung von Leichen an diesem Orte untersagte, aus Gründen, die uns unbekannt sind.

Dieses Leichenhaus – mit seinen breternen Kammern, das die ihm anvertrauten todten Menschen auf so treue Weise bewacht, gewährt einen eigenthümlichen Anblick. Von den hölzernen Särgen hat die Zeit den Schmuck des umhüllenden Sammets größtentheils herabgerissen und nur einzelne Fetzen desselben flattern noch hernieder, festgehalten von den Messingnägeln, mit welchen der Name des todten Miethsmannes an der Außenseite seiner letzten Wohnung ausgeschlagen ist. Die Deckel liegen lose und leicht auf den Särgen und der Verfasser der „Nachtstücke in Callot’s Manier“ hätte sich bei diesem Anblicke kaum des Gedankens erwehrt, daß sich diese Todten um Mitternacht zuweilen zu einem feierlichen Familiencongreß in der Kirche über ihren Häuptern versammeln, wo ihre Wappentafeln von den Pfeilern auf sie herunterblicken. In dem ersten Sarge zunächst dem Eingänge schläft eine Ureltermutter der jetzigen erwachsenen Generation den Schlaf des Friedens. Die Leiche ist bis zur äußersten Magerkeit abgezehrt, aber nicht nur die Gesichtszüge, sondern selbst die Haare, Nägel, Augen vollkommen unverändert. Das Gesicht ist etwas dunkler, aber auffallend zart ist die Farbe der Haut an den gefalteten Händen geblieben, auch lassen sich die Glieder sämmtlicher Leichen in den Gelenken bewegen und sind daher nicht, wie an Mumien, zerbrechlich. Nicht nur diese erste Leiche, sondern auch ihr Anzug war vollkommen wohl erhalten, besonders an den seidenen Bändern nicht eine Spur von verbleichenden Farben oder moderndem Gewebe zu erblicken, während die wollenen und leinenen Stoffe dem Auge mehr angegriffen erschienen. Sie trug das moderne Nationalcostüm der damaligen Zeit, eine Haube mit blauseidenen Bändern, ein ungarisches Mieder mit Goldschnüren, ein grünseidenes Oberkleid mit Gold gestickt, und war in eine weiße gehäkelte Wollendecke, vielleicht ein letztes Andenken aus frommer Tochterhand, gehüllt. – Die zweite Leiche war die eines Kindes, zart, wie eine eben abgefallene Blüthe; dann kam ein junges Mädchen mit langem Haar und einem Blumenstrauße am todtwelken Busen, dessen einzelne Blumen vollkommen erkennbar sind; hierauf ein über sechs Fuß großer, stattlicher, alter Herr, mit langem grauen Schnurrbarte und unverändert freundlichen Gesichtszügen, in altungarischer Tracht. – Und so steht in langer Reihe Sarg an Sarg, Halm an Halm, die „Saat gesäet von Gott.“ W. B.