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Eine noch lebende Genossin und Krankenpflegerin Friedrich Schiller’s

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Textdaten
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Autor: S.
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Titel: Eine noch lebende Genossin und Krankenpflegerin Friedrich Schiller’s
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 724
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[724] Eine noch lebende Genossin und Krankenpflegerin Friedrich Schiller’s. Wie herrlich auch die Feste zu Ehren unseres Schiller gefeiert worden sind, nirgends wurde der 10. November inniger und weihevoller begangen, als in einem freundlichen, kleinen Hause, seit wenigen Jahren erst in einem traulichen Walddörfchen erbaut.

Dies Berghäuschen auf der mäßigen Höhe eines Gartens, der sich in einigen Terrassen aus dem Thale erhebt, ist der stille Ruhesitz einer edlen Matrone, welche unserem Schiller nicht nur viele Jahre sehr nahe stand, sondern den Kranken auch mit sorglicher Liebe gepflegt hat. Wer möchte aus den festlichen Tagen mit ihrem offenen Glanze, ihrer lauten, allgemeinen Feier, in denen einmal das schwer belastete Nationalgefühl der Deutschen sich warm an einem gemeinsamen Schatze aufrichten durfte, wer möchte da nicht gern einen Blick in ein Haus hinein thun, wo die Letzte noch lebt, die dem großen, in seinem Leben so sehr versäumten Dichter wohl gethan hat! – sie, welcher mancher dankbare Blick des leidenden Dichters zugewendet war.

Dort das friedliche Berghäuschen, vor dem drunten im grünen Thale der Bach hinter Erlen rasch niederrollt, droben stattliche Fichten den Berg krönen, blickt uns wie der Wittwensitz einer friedvollen Seele an, und das ist er auch. Treten wir ein, so zeigen die Wände der Zimmer die treuen Bilder uns wohlbekannter, großer Menschen, der Genossen und Freunde Schiller’s; die einfachen Tische und Schränke tragen manche kostbare Gabe, welche durch die Liebe und die Hand, die sie gab, für alle Zeit geweiht sind, als Reliquien aus der größten Zeit deutscher Dichtkunst und Wissenschaft, von den edelsten und größten Menschen derselben. Dort an dem Fenster, nach der Sonnenseite, sitzt in einem Lehnsessel die hohe, gerade Gestalt einer Greisin. Du könntest sie für eine Ahnenfrau halten, wenn du in das bleiche, ruhige, längliche Gesicht mit seinen edlen, festen Zügen und diesen schwarzen Augen siehst; aber höre der Greisin zu, wenn sie von der Zeit redet, wo sie mit Goethe und Herder, mit Alexander und Wilhelm von Humboldt, mit Körner zusammen war, wo Schiller sie „die treuste Seele“ nannte, wo sie den Dichter glücklich, wo sie ihn in tiefer Betrübniß gesehen; dann zieht es dich zu diesen Augen, die immer lebenvoller werden, zu diesen treuen, warmen Mittheilungen mächtig hin, und du glaubst neben einer Mutter aus gar alter Zeit zu stehen. Reiche ihr dankbar die Hand; denn bedenke, jene ihre bleiche Hand hat unsern Schiller liebend gepflegt, wo er einsam und sorgenvoll aus seinem letzten Lager lag.

Doch ich will Namen nennen. Möge die einfache, geräuschlose Verehrte, die nie aus der anspruchlosesten Zurückgezogenheit vortrat und das Große und Herrliche, was ihrem Leben angehört, nur wie ein Heiligthum der Seele still mit sich trug, – wenn sie dies lesen sollte, möge sie nicht verletzt werden! – Das Berghäuschen, in das ich geführt habe, steht in dem Dörfchen Langendembach in der Grafschaft Oppurg im Weimarischen, nahe dem freundlichen Städtchen Pösneck. Die Bewohnerin desselben ist Wilhelmine Schwenke In Langendembach als Tochter des damaligen Pfarrers 1780 geboren, kam sie 1798 in das Haus des Schwagers von Friedrich Schiller, des Geheimerathes von Wollzogen. Anfangs Dienerin, wurde sie bald die vertrauteste Lebensgefährtin der Frau von Wollzogen, der bekannten Schriftstellerin, – der Schwester der Gattin Schiller’s, in solchem Grade, daß die sterbende Frau von Wollzogen in die Hände unserer Wilhelmine Schwenke ihren kostbarsten, aber auch wohl zu wahrenden Schatz, ihren Nachlaß von Briefen und Schriften testamentarisch übergab.

Nur einige Monate des Jahres 1802 ausgenommen, in denen sie mit Frau von Wollzogen in Paris lebte, war Fr. Schwenke anno 1798 bis 1805 theils in Weimar, theils in Jena fast täglich mit Schiller zusammen, der bekanntlich so gern mit seiner geistreichen Schwägerin von Vollzogen verkehrte und bei seiner mittheilsamen Natur dieselbe zur Vertrauten seiner Leiden und Freuden, wie seiner Ideen und Schöpfungen machte. Gern pflegte sich Schiller mit der natürlichen, wahren und weiblich tactvollen Begleiterin seiner Schwägerin zu necken und bewies derselben vorzugsweise Vertrauen und Achtung. Als Schiller in Jena sehr ernstlich erkrankte und bei der gerade erfolgten Niederkunft der Gattin desselben Alle im Hause viel beschäftigt waren, wurde Fr. Schwenke wochenlang fast die einzige sorgliche Pflegerin des Kranken. Selbst als Schiller 1803 bis 1804 in Dresden und Loschwitz bei Körners sich aufhielt, wohnte Fr. Schwenk mit Fr. von Wollzogen in demselben Hause mit dem Dichter. In der schweren Zeit, als Schiller 1805, in Weimar das letzte Mal erkrankte, der Hof verreist, Goethe selbst krank war, auch da noch saß sie abwechselnd an Schiller’s oft gar einsamem Sterbebette, eine liebende Wärterin. – –

Gewiß richten sich gern unsere Blicke von den Festen der Dankbarkeit gegen unsern großen Heimgegangenen nach dem kleinen friedlichen Häuschen im Walddörfchen und zu der hin, welche die einzige noch Lebende ist, die unserem theuern Schiller die größten Dienste weiblicher Sorgfalt und Pflege! erwies, die gethan hat, was wir so gern thun möchten, während wir doch nur, wenn auch mit dem warmen Herzen dankbarer Verehrung, zu dem Verklärten aufzublicken vermögen, ohne eine einzige Wunde heilen zu können, deren so viele dem großen Herzen des unendlich zartfühlenden Dichters geschlagen wurden. Im Geiste fassen wir dankbar die bleiche Hand der edlen Greisin, die unserem Schiller wohlgethan.*** S.