Zum Inhalt springen

Eine merkwürdige Liebesgeschichte

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
Autor: Walther Kabel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine merkwürdige Liebesgeschichte
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1913, Bd. 9, S. 202–206
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1913
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[202]
(Nachdruck verboten.)

Eine merkwürdige Liebesgeschichte. – Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts machte in Petersburg ein junger Gardeleutnant, Graf Lichatschew, viel von sich reden durch seine tollen Streiche, bei deren Durchführung er, ohne jemals roh oder unfein zu werden, geradezu eine gewisse Genialität entwickelte. Lichatschew hatte als einziges Kind von seinen frühverstorbenen Eltern nicht weniger als zwanzig Millionen Rubel Bargeld und noch dazu ein ungeheures Majorat, gegen hunderttausend Morgen, geerbt. Der Dezembertag, an dem er sein Leutnantspatent erhielt, gestaltete sich zu einem nie wieder gesehenen Festtag für die Armen der russischen Hauptstadt. Lichatschew fuhr nämlich in seinem Schlitten zwei Stunden lang durch die Straßen der Vorstädte und warf aus einem neben ihm stehenden, mit Rubelstücken gefüllten Sack fortwährend Geld unter die Leute. Der Scherz kostete ihm eine Viertelmillion, leider aber auch zwölf Menschen das Leben. Denn die meisten der so unverhofft beschenkten Leute hatten das Geld schleunigst in Spirituosen umgesetzt, und zwar so nachhaltig, daß ein Dutzend der sinnlos Trunkenen in der folgenden Nacht auf der Straße erfror. Daraufhin wurde dem jungen Offizier von der Polizei jede weitere Freigebigkeit dieser Art aufs strengste verboten.

Vier Jahre später, 1875, wollte die ebenso vielgefeierte wie liebreizende Wiener Operettensängerin Ida Mölmer am Alexandratheater in Petersburg ein längeres Gastspiel absolvieren. Bei ihrem Eintreffen in der russischen Hauptstadt fand sie ihr Hotelzimmer mit einer Fülle kostbarer Blumen [203] überreich geschmückt. Zunächst war ihre Freude über diese sinnige Aufmerksamkeit groß. Als sie aber erfuhr, daß Lichatschew, derselbe Lichatschew, der auch wegen seiner galanten Abenteuer bereits berüchtigt war, der Spender des Blütenflores sei, mochte sie fürchten, es könnte ihrem Rufe schaden, wenn sie derartig kostspielige Aufmerksamkeiten des ihr bisher persönlich nicht bekannten jungen Millionärs annähme, und ließ daher die ganze Blumenpracht kurzerhand hinausschaffen, ebenso wie sie es auch ablehnte, den galanten Gardeleutnant, der sich bald darauf bei ihr anmeldete, zu empfangen. Lichatschew, der sich in die Photographien der Mölmer, die der Reklame wegen seit Wochen in vielen Schaufenstern hingen, verliebt hatte, war infolge dieser Abweisung äußerst aufgebracht und schwur der Künstlerin im ersten Ärger bittere Rache.

Als nach drei Tagen die erste der Gastspielvorstellungen stattfinden sollte, hatte Lichatschew schon vorher sämtliche Karten aufkaufen lassen, so daß der verwöhnte Operettenstar vor einem so gut wie leeren Hause – außer sechs Zeitungskritikern und vier Polizeibeamten auf Freiplätzen befanden sich nur noch drei Gardeoffiziere in der großen Mittelloge – spielen mußte. Zunächst weigerte die Mölmer sich energisch, vor diesem Auditorium überhaupt aufzutreten. Aber der Direktor pochte auf sein Recht und meinte, der Künstlerin könne es gleichgültig sein, wieviel Publikum vorhanden wäre, wenn sie nur ihre ausbedungene Gage erhielte.

Die Aufführung begann also. Der Beifall war stark, trotzdem sich nur sechsundzwanzig Männerhände dazu rührten. Nach dem letzten Fallen des Vorhangs erhielt die Mölmer einige wunderschöne dunkelrote Rosen in ihre Garderobe geschickt mit einer Karte, auf der unter dem Namen Lichatschew nur die Worte standen: „Jetzt, wo ich Sie von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, flehe ich Sie an: Verzeihen Sie mir!“ Damit hatte der abgewiesene Gardeleutnant sich selbst als den Urheber dieser „Theaterleere“ bekannt.

Aber die zierliche Wienerin, die schon während der Vorstellung vor innerer Empörung über diesen Streich halbkrank geworden war, zertrat die Rosen mit den Füßen und riß [204] Lichatschews Karte in kleine Stückchen. Das war ihre einzige Antwort.

Mit Bangen sah sie dem folgenden Tage entgegen. Sie fürchtete, daß sie wieder das zweifelhafte Vergnügen haben würde, vor leerem Hause zu spielen. Ihre Besorgnis war aber umsonst. Das Theater zeigte sich bis auf den letzten Platz gefüllt. Auffallenderweise herrschte jedoch im Zuschauerraum, schon bevor der Vorhang hochging, eine Heiterkeit, die sich immer wieder in lauten Lachsalven Bahn brach, und für die die Schauspieler hinter dem Vorhang zunächst keine rechte Erklärung fanden. Endlich wurde man gewahr, welche Ursache diese auffällige Fröhlichkeit hatte. Lichatschew, von dem wieder sämtliche Karten aufgekauft worden waren, hatte die Plätze auf der rechten Seite des Theaters ausschließlich an – Kahlköpfe verschenkt, so daß dieses Meer von im Lichterschein strahlenden Glatzen einen geradezu überwältigend komischen Eindruck machte.

Die Aufführung verlief im übrigen ohne Störung, abgesehen von einigen schlechtverhehlten Heiterkeitsausbrüchen, die die Darsteller selbst auf offener Szene beim Anblick der „haarlosen“ rechten Theaterseite nicht unterdrücken konnten. Ida Mölmer, die ihre durch diesen neuen Racheakt nur zu sehr verärgerte Stimmung meisterlich zu verbergen wußte, erntete wahre Beifallsstürme, an denen sich auch die drei Gardeoffiziere in der Mittelloge eifrigst beteiligten.

Am folgenden Vormittag schickte Lichatschew der Operettendiva zusammen mit einem wunderbaren Rosenstrauß einen Brief, in dem er um die Gewährung einer kurzen Unterredung bat. Unterzeichnet war das Schreiben mit: „Ein reuiger Sünder.“ Die Künstlerin warf dem Boten Brief und Blumen einfach vor die Füße.

Der dritte Gastspielabend war da. Nicht ohne Herzklopfen begab sich die fesche Wienerin in das Theater. Wußte sie doch nicht, welch neue Tücke ihr unberechenbarer Feind inzwischen wieder ausgebrütet hatte. Doch dieses Mal ereignete sich nichts. Der Musentempel war von einem normalen Publikum bis auf den letzten Galerieplatz besetzt, und die schöne Mölmer spielte daher mit so übermütigem Schneid und so dezenter [205] Koketterie, daß sie nach dem letzten Aktschluß immer wieder vor dem Vorhang erscheinen mußte. Auffallenderweise fehlten heute die drei Gardeoffiziere in der Mittelloge. Als die Vorstellung beendet war, verließ die Operettendiva durch den Seiteneingang das Theater und betrat die Straße, wo bereits der für sie bestellte Wagen wartete. Die Mölmer und ihre Kammerfrau waren jedoch nicht gerade angenehm überrascht, daß man ihnen ein offenes Gefährt geschickt hatte. Es war bereits herbstlich kühl, und die Sängerin fürchtete sich zu erkälten. Als sie noch zauderte einzusteigen, wies der Kutscher stumm auf zwei kostbare Pelzmäntel, die auf den Wagenkissen lagen, und half den beiden Damen dann auch galant in die schützenden Hüllen.

In bester Laune und wahrhaft erfrischt von der Fahrt langten Ida Mölmer und ihre Begleiterin vor ihrem Hotel an. Aber kaum waren sie ausgestiegen, als der Kutscher auch schon auf die Pferde lospeitschte und davonjagte, so daß die Damen gezwungen waren, die Pelze mit in ihre Zimmer hinaufzunehmen. In der Tasche desjenigen, den die Künstlerin getragen hatte, fand sie dann einen Brief, in dem Lichatschew sich ihr als den Rosselenker zu erkennen gab, abermals ihre Verzeihung anflehte und die Diva bat, den Hermelinpelz als Zeichen ihrer versöhnlichen Stimmung gütigst behalten zu wollen. Am nächsten Morgen schickte Ida Mölmer die beiden Pelze in das Palais des Grafen zurück – ohne jede Zeile.

Lichatschew, der inzwischen sein Herz an die fesche Wienerin vollständig verloren hatte, sah jetzt endlich ein, daß er der Künstlerin gegenüber bisher eine falsche Taktik verfolgt hatte, und versuchte nun drei Tage hintereinander auf jede nur mögliche Weise ihre Bekanntschaft zu machen oder sie doch wenigstens zu versöhnen. Die Mölmer blieb unerbittlich. Alle Briefe, die ihr, oft auf die raffinierteste Art, in die Hände gespielt wurden, blieben ungelesen, sobald sie erkannte, daß sie von dem jungen Grafen herrührten.

Da nahm dieser zu einer neuen List seine Zuflucht. Er hatte eines Tages erfahren, daß die Diva eine Ausfahrt in die Umgebung von Petersburg machen wollte, und wußte es [206] nun durch Bestechung des Hotelpersonals so einzurichten, daß man ihn ihr als angeblichen Fremdenführer empfahl. Seine Hoffnung, die Sängerin würde in ihm nicht jenen galanten Kutscher wiedererkennen, erfüllte sich wirklich. Ahnungslos nahm die Mölmer den schlicht gekleideten Grafen als Begleiter an.

Bei der einen gemeinsamen Spazierfahrt blieb es nicht. Der vielseitig gebildete Fremdenführer, der das Deutsche und Französische ebenso fließend wie seine Muttersprache beherrschte, geleitete die Künstlerin in die Museen und Kirchen und verschaffte ihr auch Zutritt zu den Zarenschlössern, die sonst dem Publikum verschlossen blieben. Um die Mölmer aber nicht schließlich doch argwöhnisch zu machen, schrieb Lichatschew inzwischen immer wieder flehende Briefe an sie, und die Sängerin ahnte tatsächlich bis zuletzt nichts von dem wahren Sachverhalt.

Dieser bisher so romantische Liebesroman fand schließlich einen Abschluß, wie er kommen mußte: Ida Mölmer verliebte sich in ihren liebenswürdigen Begleiter, so daß dieser es wagen konnte, sich ihr nach Verlauf von kaum zwei Wochen zu erkennen zu geben und in aller Form um ihre Hand anzuhalten, die ihm auch nicht verweigert wurde.

Am 2. Februar 1876 wurde in Petersburg die Hochzeit des jungen Paares mit größtem Prunke gefeiert. Die Gräfin Lichatschew hat bis zu ihrem Tode in der Petersburger Hofgesellschaft eine bedeutende Rolle gespielt. Sie überlebte ihren Gatten nur um wenige Monate. Die Ehe der beiden galt überall als geradezu mustergültig.

W. K.