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Eine gestörte Mahlzeit

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Textdaten
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Titel: Eine gestörte Mahlzeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 81, S. 521, 532
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[521]

Gestörte Mahlzeit.
Zeichnung von F. Specht.

[532] Eine gestörte Mahlzeit. (Zu dem Bilde S. 521.) Wir sind an einem der Ströme Südamerikas, die durch tropische Waldungen ihre Fluthen dem Atlantischen Ocean entgegenwälzen. Eine großartige Wildniß umfängt uns; mit urwüchsiger Macht schießt hier die Vegetation empor und die Thierwelt scheint zu verschwinden in diesem Pflanzenmeer. Doch der Naturforscher versteht sie auch hier zu belauschen. Am Ufer eines Flusses, am Stamme eines halbgestürzten Baumes, der in seinem Fall von einem anderen niedergestreckten Riesen des Urwaldes aufgehalten wurde, erblickt er eine sonderbare Familie. Es sind Thiere, die auf den ersten Blick unseren Schweinen nicht unähnlich sehen und von deutschen Reisenden Wasserschweine genannt wurden; die Indianer nennen sie Capügua, woraus die Spanier Capybara gemacht haben, und in den Verzeichnissen der Wissenschaft sind sie unter dem Namen Hydrochoerus Capybara eingetragen. Merkwürdige „Charakterzüge“, wie sie sonst das Thierleben so oft bietet, kann man dem Wasserschwein nicht ablauschen. Es ist plump gebaut, trotzdem nicht ungeschickt in seinen Bewegungen, aber träge von Natur. Wenn die Noth es zwingt, kann es mit Leichtigkeit über meterhohe Hindernisse springen, es schwimmt auch meisterhaft; allein für gewöhnlich offenbart sich in seinem Thun und Treiben eine plumpe Schwerfälligkeit und Gemächlichkeit. In einer Beziehung ist das Thier besonders bemerkenswerth: es ist das größte Mitglied der Ordnung der Nager, der riesige Vetter unserer Ratten und Mäuse. Ein erwachsenes Exemplar erreicht die Größe eines jährigen Hausschweines, ein Gewicht von beinahe einem Centner und eine Höhe von 50 cm und mehr am Widerrist. Seine Färbung ist undeutlich, braun mit einem Anstrich von Roth oder Röthlichgelb.

In seiner Heimath lebt es nur an Flußufern, von denen es sich selten entfernt; es nährt sich von allerlei Sumpf- und Wasserpflanzen, wälzt sich im Schlamm und wäre ein rechtes Schwein, wenn es nicht einen Theil seiner Zeit im Wasser zubringen würde. Man kann die Jungen dieser Thiere leicht zähmen, in Europa besaß Brehm ein gezähmtes junges Wasserschwein, das seinem Rufe folgte – aber es gehorchte nur, wenn es eben wollte, eine besondere Freude bereitete es dem Naturforscher nicht.

Draußen in den Wäldern des Orinoko, Amazonas und La Plata wird es von den Indianern gejagt, die gern sein Fleisch verzehren, obwohl es einen thranigen Beigeschmack hat. Aus letzterem Grunde verschmähen die weißen Bewohner Südamerikas dieses Wildbret und jagen die Capybara nur zur Belustigung.

Tag und Nacht aber beschleicht die gemüthlichen Familien der Wasserschweine der schlimmste Raubgesell Südamerikas, der schlaue Jaguar; wie ein Blitz fällt er auf die Ahnungslosen nieder. Sprungbereit sehen wir ihn auch auf unserem Bilde. Die Familie thut sich gütlich an den Wasserpflanzen, die am Ufer wachsen. Da wittert das Männchen die Nähe des Erzfeindes; ein Ferkelchen schnobert empor und blickt entsetzt in die funkelnden Lichter des Jaguars. Doch es ist bereits zu spät: bevor die Wachsamen die Flucht ergreifen und ihre Gefährten warnen können, saust der Räuber hernieder und streckt sein Opfer zu Boden. Mit einem durchdringenden Schrei, der wie „Ap!“ klingt, stürzen die übrigen ins Wasser; man sieht nur die Nasenspitzen aus der Fluth hervortauchen und bald sind auch diese im Rohrdickicht verschwunden. Eine Scene des unerbittlichen Kampfes ums Dasein, der die ganze Welt erfüllt, hat sich abgespielt; vielleicht erreicht den Räuber in demselben Augenblick ein gleiches Geschick. Lautlos stiegt ein winziger vergifteter Pfeil durch die Luft, den ein Indianer gegen den Jaguar abgeschnellt hat – und in wenigen Minuten ist auch der Sieger neben seiner Beute ein Opfer des Todes. *