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Eine dunkle Geschichte

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Autor: J. E. Mand i.e.: Karl Friedrich August von Mecklenburg-Strelitz
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Titel: Eine dunkle Geschichte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4–5, S. 49–53; 78–80
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Eine dunkle Geschichte.

Nach mündlicher Ueberlieferung.
Von J. E. Mand.


Die Adoption.

Es war zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts, als Dänemarks König seine getreuen Unterthanen in den damals noch unzertrennlich vereinigten Herzogthümern Schleswig-Holstein mit seinem hohen Besuche beehrte und an der Grenze der Reichsgrafschaft Ranzau von dem stattlichen Geleite empfangen wurde, welches der regierende Graf, dem die hohe Auszeichnung zugedacht war, den königlichen Gast zu beherbergen, diesem entgegen gesandt hatte.

Sechs prächtige Rappen zogen die etwas schwerfällige, mit Wappen und goldenem Schnörkelwerk verzierte Staatskutsche auf den damals noch sehr holperigen, mitunter kaum fahrbaren Wegen dahin durch das reiche Gebiet der Grafschaft mit ihren saubern, wohlhabenden Ortschaften aus rothen Ziegelsteinen gebaut. Hügel, Saatfelder und Waldungen, hellglänzende Seen und weidende Heerden boten sich wechselnd dem Blick des hohen Reisenden, der allmählich in tiefes Sinnen verfiel.

„Wahrlich, ein schönes Besitzthum, dessen Revenüen fast fürstlich sein müssen,“ bemerkte der neben dem König sitzende Kammerherr von Guldberg, kein sonderlicher Freund der Ranzau’s: „Da ist es begreiflich, daß sich solch ein stolzer deutscher Reichsgraf wie ein kleiner Souverain geberdet!“ fügte er hinzu. Der König nickte schweigend und lehnte sich in die Wagenecke zurück.

Dänemarks Könige hatten lange genug einen schweren Stand mit den Anmaßungen des dortigen Adels gehabt, bis endlich durch Beihülfe der Bürgerschaft und der Geistlichkeit das 1665 erlassene sogenannte Königsgesetz ihnen die unbedingte Souverainetät verschaffte. Natürlich konnte dies nur auf Dänemark seine Anwendung finden, während die Herzogthümer ihre gemeinsame Verfassung seit 1460 ungeschmälert besaßen.

Dänemark hatte durch mehrfache ungünstige Kriege mit Schweden an Gebiet verloren; seine Finanzen und innere Verwaltung waren zerrüttet; der Besitz aber der reichen Herzogthümer war durch das seit 1660 geltende dänische Erbfolgerecht gefährdet, sobald dort die männliche Linie erlosch, denn die weibliche war in Schleswig-Holstein nicht erbberechtigt. – Sehr begreiflich erschien es daher, wenn der Wunsch, jene beiden deutschen Edelsteine der dänischen Krone dauernd einzuverleiben, mehr und mehr zu einem bestimmten Plane ward. Die langbewährte Treue und Anhänglichkeit an das Königshaus ließ dem Herrscher keine allzugroßen Schwierigkeiten bei den verschiedenen Volksclassen voraussetzen; dagegen machte ihm die sehr unabhängige Ritterschaft größere Bedenken. Indeß hatte ja der dänische, noch dazu sehr rebellische Adel sich dem Königsgesetz gebeugt, warum sollte es nicht auch gelingen, die loyalen Deutschen dazu zu bringen?

Solche und ähnliche Betrachtungen beschäftigten den hohen Reisenden. „Laßt sehen,“ sagte halblaut für sich der König, „ob diese Ranzau’s mit Güte zu gewinnen sind. Eine Gelegenheit dazu wird sich schon finden, mein’ ich.“

Umgeben von zahlreicher Dienerschaft in reichster Livree, sowie von den Beamten der Grafschaft, stand Graf Detlev entblößten Hauptes an dem Portal des Schlosses, um den König Christian V. zu empfangen und in die Prunkgemächer des Schlosses hinauf zu geleiten.

Eine lange Reihenfolge von Ahnenbildern, die bis in die Kindheit der Malerei zurückführten, schmückte die Wände des reichverzierten Empfangssaales, in welchem eine Stunde später der königliche Gast, in einem vergoldeten Lehnsessel ruhend, mit dem ehrerbietig vor ihm stehenden Hausherrn in ein lebhaftes Gespräch verwickelt schien. In des Königs Mienen sprach sich ein gewisser Unmuth aus, den er jedoch zu unterdrücken strebte, indem er leichthin zu dem Grafen sagte: „Nun, nun, mein lieber Graf, Wir wollen über Unsere Rechte und die der schleswig-holsteinischen Ritterschaft nicht streiten; es war ja nur eben eine müßige Frage, die ich aufstellte, und Ihr wißt ja, wie ganz Holstein, daß ich nie das wahre Wohl meiner getreuen deutschen Unterthanen aus den Augen lassen werde, auch ohne daß sich Kaiser und Reich hinein zu mischen haben, wie Ihr reichsunmittelbaren Herren so gern mögt! Wahrhaftig, ich fange an des Regierens müde zu werden und beneide Euch fast um Euer friedliches Leben in dieser schönen Grafschaft, in welcher Ihr als Souverain herrscht, ohne die Last, die von einer Königskrone unzertrennlich ist, zu empfinden.“

Der Graf versicherte, daß ihn seine Stellung mit großer Befriedigung erfülle.

„Doch,“ fuhr der König fort, während er die Bilder ringsum betrachtete, „ich habe ja Euren Stammhalter noch nicht gesehen, Graf Detlev! Ich hoffe, daß ein solcher vorhanden ist, um die Zahl dieser würdigen Ahnen fortzusetzen, wenn gleich in diesem Saal Euer Conterfey gerade den letzten Platz eingenommen hat.“

„Was den Stammhalter anbetrifft, Majestät, dafür ist gesorgt,“ entgegnete der Hausherr gut gelaunt, „und ist in diesem Saal kein Raum mehr für die neue Generation, ei nun, so widme ich ihr einen neuen und, bei Gott! ich glaube, auch das wird nicht der letzte für mein Geschlecht sein, das steht auf festen Füßen!“

[50] „Wirklich?“ sagte der König in demselben Tone, „ich hatte schon Lust mich von Euch adoptiren zu lassen!“

„Das würde mir freilich eine hohe Ehre gewesen sein, aber Ew. Majestät, wie die Sachen jetzt stehen, wenig Vortheil gewähren.“

„Nun, schon die Aussicht, zu Euern Erben zu gehören, wäre etwas werth,“ scherzte der König weiter.

„Damit würden sich Ew. Majestät freilich wohl begnügen müssen,“ lachte Graf Detlev. Ein Diener trat ein, um dem Grafen leise etwas zu melden, worauf dieser um Erlaubniß bat, dem hohen Gaste seine Söhne vorstellen zu dürfen. Die Flügelthüren öffneten sich, und dem künftigen Stammhalter folgten seine sechs blühenden kräftigen Brüder, sich tief vor dem Könige verneigend. Der Blick des Vaters ruhte mit sichtlichem Stolze auf seinen Kindern, während der hohe Gast nicht eben sehr angenehm überrascht aussah, obgleich er lächelnd und huldvoll sagte: „Ja freilich, zu der Erbschaft sind da keine Aussichten,“ und sich zu dem jüngsten der Kinder wendend, setzte er hinzu: „aber es ist doch im Grunde kein so übler Gedanke, und für diese kleinen Herren da wär’ so ein Adoptivbruder wie ich oder mein Sohn gar nicht zu verachten, sag’ ich Euch! Doch lassen wir jetzt diesen Scherz.“ Und ehe sich Graf Detlev, dem die Aussicht auf hohe Ehrenstellen auch für die jüngeren Söhne sehr lockend erschien, sich noch weiter äußern konnte, war eine Deputation der Ritterschaft wie der Behörden von Elmshorn, der Hauptstadt der Grafschaft, gemeldet, und die Kinder wurden entlassen.

Prächtig und dem Reichthum des Hauses entsprechend war das Mittagsmahl, zu welchem zahlreiche edle Gäste eingeladen waren; ja, das kostbare edle Silberservice, welches auf kunstvoll geschnitzten Büffets aufgeschichtet war, konnte fast mit dem königlichen in Kopenhagen wetteifern. Wald, Flur und Wasser hatten ihre besten Gaben zu dem nach Holsteiner Sitte etwas derben Mahle geliefert, und es versteht sich von selbst, daß die feurigsten Geister des Auslandes dem Ganzen die rechte Weihe ertheilten.

Graf Detlev war seinen Gästen mit bestem Beispiele vorangegangen und in fröhlichster Stimmung; der König, eben so heiter als herablassend, gewann sich alle die offenen, braven Herzen um ihn her. Beim Champagner kam er noch einmal scherzhaft auf das Adoptionsthema zurück, und Graf Detlev ging ebenso darauf ein.

„Nun, Graf, damit Ihr seht, daß ich nicht eigennützig bin,“ rief lachend der König, sein Glas erhebend, „so will ich zuerst auf das Gedeihen meiner neuen Familie trinken!“

„Majestät halten zu Gnaden, aber die Adoption ist ja noch nicht vollzogen!“ bemerkte der Kammerherr von Guldberg.

„Doch, doch, lieber Guldberg. Wir haben ja des Grafen Wort und Zeugen in Menge! Zum Ueberfluß sind jedoch hier mehrere gesetzeskundige Männer. Wie wär’s, wenn Unser getreuer Amtmann da mit dem Syndicus gleich so ein Ding, eine Adoptions-, Donations-Urkunde, oder wie Ihr’s sonst nennen wollt, aufsetzte? Wir brauchten dann nur zu unterzeichnen. Aber vergeßt mir nur die Erbschaftsclausel nicht!“

Alle lachten; dienstwillig erhob sich die oberste Gerichtsperson der Grafschaft, zögernd und fast ängstlich fragend nach dem Grafen hinüberblickend folgte der in Geschäften ergraute Syndicus.

„Macht’s kurz und gut, Ihr Herren!“ rief Graf Detlev in heiterster Weinlaune, und sich, trotz seines reichsunmittelbaren Stolzes durch die Ehre geschmeichelt fühlend, die der hohe Gast seinem Hause zu erweisen beabsichtigte.

Das Document[1] war bald entworfen, und nachdem es von dem Kammerherrn von Guldberg genau geprüft worden war, kehrten die Drei nach dem Saale zurück, wo laute, ziemlich ungebundene Lust herrschte, denn der königliche Gast war heute besonders gut gelaunt, und immer von Neuem perlte der weiße Schaum in den Gläsern.

„So gebt her, Ihr Herren!“ rief er. „Da, mein werther Adoptivvater, unterzeichnet, daß Ihr Dänemarks König zu Eurem Erben und Sohne annehmt, dann komme ich!“

In wenig Federstrichen war es geschehen; die Gläser klangen dem seltsamen Vertrage zu Ehren, und hart trafen die des Vaters und seines neuen Erben aufeinander; ein heller Klang wie von einer zerrissenen Saite durchbebte den Grafen, und aus seinem zersprungenen Glase floß der rothe Purpursaft auf den schneeigen Damast des Tisches.


Zwei Brüder.

Jahre waren seit jenem Ereigniß verflossen, und wie ein finsterer Geist war es durch die einst von so frischem, heiterem Leben erfüllten Räume des stolzen Stammsitzes gegangen. Tiefe Furchen hatte der Schmerz auf die Stirn des Grafen gezogen und Kummer seine stattliche Gestalt gebeugt.

Vier seiner jungen, kräftigen Söhne hatte der Tod hinweggerafft, und die ihm noch bleibenden drei älteren machten in mehr als einer Hinsicht seinem Vaterherzen schwere Sorge.

Draußen stürmte der scharfe Nordost, der über das Meer daher brauste, mit den letzten Blättern zugleich auch manchen Ast von den Bäumen; das trübe Zwielicht eines Novembertages aber erfüllte das große Gemach, in welchen, wohl in Pelz gehüllt, der kränkelnde Graf Detlev in seinem Lehnstuhl ruhte, einen eben gelesenen Brief in der Hand haltend und das ergraute Haupt kummervoll in die Rechte gestützt.

Zwei Jünglingsgestalten, kräftig und schlank wie die jungen Buchen ihrer heimathlichen Wälder, standen ehrerbietig, aber mit finstern Mienen vor ihm. Die des älteren von Beiden, des künftigen Majoratserben, verriethen seine zornige Erregung, während um den festgeschlossenen Mund des Bruders ein Zug verbissenen Grolls lagerte und sein Auge kalt und fast gehässig nach dem jungen Detlev blickte, während dieser gesprochen.

„Soll ich denn ewig nur zwischen Euch richten und schlichten?“ fragte der Vater mit schmerzlichem Vorwurf. „Ihr, die Ihr Euch in den Kinderjahren mehr liebtet als Eure übrigen Geschwister, habt jetzt nur Worte der Anklage für einander und verbittert Euch auf jede Weise das Leben und mir den Rest meines trauervollen Alters!“

„Ei, meine Schuld ist’s nicht, wenn Adolph neidisch und mißtrauisch ist!“ rief Detlev heftig. „Ich bin nun einmal zum Majoratsherrn geboren; damit muß er und sein weiser Magister Henderson sich schon zufrieden geben; aber darum bin ich weder hochmüthig, noch fällt es mir ein, meinem Bruder befehlen zu wollen. So lange aber dieser glatte, falsche Magister hier im Hause herumschleicht und bösen Samen säet, wird es nicht besser, das könnt Ihr mir glauben, Vater, und das mußte ich Euch endlich einmal sagen.“

Adolph war blaß geworden und sah, die Lippen fest zusammen gebissen, zu Boden.

„Ist es wahr, Adolph, daß sich Dein Lehrer zwischen Euch stellt und Dich aufreizt?“ frug der Graf, den Sohn scharf ansehend.

„Es ist nun einmal Detlev’s Gewohnheit, mich um Alles zu bringen, was mir lieb ist,“ entgegnete bitter der Gefragte, „darum soll nun auch Henderson, der mir ein älterer Freund ist, entfernt werden. Ihr, mein gnädiger Herr Vater, werdet ihm auch diesmal Euer Ohr leihen, das weiß ich im Voraus, und ich muß mich fügen, so nothwendig es mir auch ist, mich in der Kenntniß der nordischen Sprachen zu vervollkommnen. Entlaßt mich daher lieber zur weitern Ausbildung nach Kopenhagen, wo mich ja doch künftig mein Beruf erwartet. Curt kann vielleicht den Magister Henderson leichter entbehren, wenn er zurückkehrt.“

„Mein armer Curt!“ sagte der Graf, und seine Stimme bebte. „Ich habe eben Nachricht aus Rom, und ich kann es Euch kaum sagen! Aber nach dem, was mir Hans Björne von Curt’s Krankheit schreibt, dürfen wir wohl allein noch auf Gottes Hülfe hoffen.“

„Ich weiß nicht, Vater,“ sagte nach einer Pause düstern Schweigens der ältere Sohn kopfschüttelnd, „aber mir ist immer, als ob uns all die Fremden, die wir im Hause gehabt, keinen Segen gebracht hätten! Hans Björne ist ja wohl ein gewandter Kammerdiener, aber eine ehrliche Haut von Holsteiner wäre mir doch auf so weiter Reise lieber als er.“

„Da haben wir den Dänenfeind!“ rief Graf Adolph. „Nimm Dich in Acht, daß unser hoher Adoptivbruder diese Gesinnung nicht erfahre. König Christian ist ohnehin unserer Ritterschaft nicht eben günstig gestimmt.“

Detlev blickte ihn an, wandte sich jedoch zum Fenster und [51] murmelte einige Worte, die vielleicht noch weniger schmeichelhaft für den Adoptivbruder sein mochten.

Der treue Peter Claß, der alte Kammerdiener des Grafen, trat ein, stellte den großen silbernen Armleuchter neben seinen Gebieter, meldete den Arzt und machte sich ordnend noch allerlei im Zimmer zu thun; die Brüder aber verließen das Gemach eben so unversöhnt, wie sie gekommen.

Aufmerksam prüfte der Arzt nun den von Hans Björne eingesandten Krankenbericht. „Wie gut,“ sagte er, während er seine Brille hervorzog, „daß gräfliche Gnaden gerade diesen gewandten und zuverlässigen Menschen dem jungen Herrn mitgegeben haben! er ist wirklich der Feder sehr mächtig,“ über welches Lob Peter hinter seinem Rücken eine derbe Grimasse machte; denn freilich war weder er noch seine Cameraden auf so hoher Bildungsstufe angelangt, wie Hans Björne, der sogar Französisch parlirte und deshalb dem Peter nur um so fataler war.

Mit angstvoller Spannung betrachtete der Graf die Mienen des Lesenden und lehnte sich mit einem aus tiefstem Herzen dringenden Wehelaut zurück, als der Arzt mit leiser, stockender Stimme sagte: „Entweder ist der Zustand des Grafen Curt eine heftige Krisis, deren Ursache mir jedoch nach dem früheren Bericht nicht motivirt scheint, – oder – gräfliche Gnaden – das Menschenleben ist ja ein so schwaches Ding – müssen sich auf einen neuen harten Schlag gefaßt machen.“ – Und so war es; nach wenig Tagen traf die Todesnachricht ein: es war der fünfte Sohn! Sie wurde ein letzter Nagel zu dem Sarge des tiefgebeugten Vaters, und nach Jahresfrist stieg er in die Gruft seiner Ahnen wie die seiner hoffnungsvollen Söhne hinab.

Auf Graf Detlev aber, der seine Volljährigkeit bereits angetreten hatte, vererbten sich mit dem Majorate auch alle Ehren- und Vorrechte, zu denen er durch seine Geburt schon berufen war.

Die Trauer des Vaters um Curt, den auch beide Brüder geliebt, die Entfernung des Magisters und Detlev’s redliches Streben, ein friedlicheres Einvernehmen mit dem Bruder herzustellen, hatte einigen Erfolg gehabt; so daß jenes dem Vater in seiner Sterbestunde gegebene feierliche Versprechen, keinen Groll mehr zwischen sich zu dulden, auch von Adolph’s Seite wirklich ernst gewesen war. Aber das Feuer war seit Jahren von böswilliger Hand geschürt worden; es glimmte unter der Asche fort, um beim ersten Windhauch wieder emporzulodern, und es konnte nicht fehlen, daß mit der neuen, überlegenen Stellung des älteren Bruders sich auch tausend Gelegenheiten fanden, wo das reizbare, mißtrauische Gemüth des jüngeren sich verletzt fühlte, auch ohne irgend eine Absichtlichkeit von Seiten Detlev’s, der im unbestrittenen Genuß der Gaben, womit er an seiner Wiege schon empfangen worden war, jene finstern Geister des Argwohns oder der Mißgunst nicht kannte, mit denen Adolph’s besseres Selbst stets im Kampfe lag.

Hans Björne war im Dienste des arglosen verstorbenen Grafen geblieben, der dem Pfleger seines geliebten Sohnes ganz besondern Dank zu schulden meinte, und vergebens hatte schon damals der junge Graf Detlev gestrebt, diesen schleichenden, gewandten, ihm entschieden antipathischen Menschen aus dem Schloß zu vertreiben. Graf Adolph hatte ihn dagegen mehr und mehr in seine Nähe gezogen und streifte mit Hans Björne, der ein geschickter Jäger war, tagelang in den weitläufigen Forsten der Grafschaft umher.

Einer der ersten Acte des neuen regierenden Grafen war nun, den Hans Björne seines Dienstes entlassen zu wollen, wogegen sich Graf Adolph heftig auflehnte und ihn augenblicklich in seinen eignen persönlichen Dienst übergehn ließ. – „Ich werde in Kurzem nach Kopenhagen gehen,“ sagte er, „und da ist mir Hans Björne unentbehrlich. Du aber wirst, hoffe ich, Deine Gewalt nicht auf meine persönlichen Angelegenheiten ausdehnen wollen, indem Du aus dem Schlosse, was ja auch das Haus meiner Väter ist, vertreibst, wen ich darin um mich zu sehen für gut finde.“

Graf Detlev gab unmuthig nach; aber seit jenem Tage ruhten die kaltblauen Augen des Dänen noch öfter verstohlen auf dem jungen Manne, indem ein Zug hämischer Bosheit um seine schmalen, blassen Lippen zuckte.

Ein selten schöner Herbst hatte die stattlichen Buchenwälder Holsteins noch in all ihrem bunten Schmucke prangen lassen, obgleich der October des Jahres 1697 bereits seinem Ende nahte.

Rudelweis raschelten die Rehe in dem rothen Laub, welches den Boden bedeckte, unbekümmert um die bereits eröffnete Jagdsaison, dieses Hauptvergnügen der damaligen und auch noch der heutigen Ritterschaft.

Noch tönte das Gurren der Waldtaube in dem Forst, und selbst die vielen Störche der Gegend schienen ihre Nester auf den riesigen Strohdächern der Bauernhäuser nur ungern zu verlassen, so warm schien noch die Sonne über Flur und Wald.

Aber so friedlich still und heiter, wie die Natur um ihn her, war es nicht in dem Herzen des Grafen Adolph Ranzau, der mit finstern Mienen in Begleitung des bevorzugten Hans Björne durch den Wald ritt. Er kam von Schloß Rasdorf, wo die Familie eines der zahlreichen Vettern der Ranzau’s wohnte. Die einzige Tochter des Hauses war der eigentliche Magnet, der den jungen Mann trotz seiner gespannten häuslichen Verhältnisse noch in Holstein zurückgehalten hatte. Der alte Baron von Buch aber sah in ihm nur den Bruder des Majoratsherrn, und die beiden Väter hatten einst gemeinsam diesen Lieblingsplan für Detlev und die liebliche Isa entworfen. Daß darin etwas geändert werden könne, fiel dem Baron bei der unbedingten Autorität der Eltern über die Kinder, die damals noch galt, gar nicht ein; um so weniger, als der Majoratserbe von der Natur eben so gütig bedacht worden war, als vom Geschick, und mit seinen dunkeln lebhaften Augen und den frischen Lippen, welche so gutmüthig und heiter lachen konnten, auch bei minder reichen Glücksgütern ein Mädchenherz zu gewinnen hätte hoffen dürfen.

Aber die blonde Isa hatte sich, wie das so Frauennatur ist, mehr zu dem wenn auch nur scheinbar Zurückgesetzten, Unterdrückten hingezogen gefühlt: den verschlossenen, selten unbefangen heitern Adolph liebte sie mit all der rührenden Zärtlichkeit des Weibes, die da an die Kraft ihrer eignen reinigenden und erhebenden Liebe glaubt, wenn sie die Schwächen oder Fehler des Geliebten sich nicht mehr verbergen kann. – Und wirklich war sie stets der gute Engel, der die finstern Mächte in des jüngern Bruders Brust beschwor. Graf Adolph aber übertrug auch dafür auf sie allein alle edlen und warmen Gefühle, die seiner irre geleiteten Natur ursprünglich eigen waren. Zu einer Erklärung ihrer Gefühle war es jedoch bis dahin noch nie zwischen Beiden gekommen; sie wußten, was sie einander waren, und das genügte ihnen.

Seit dem Tode der Baronin von Buch lebte zu Isa’s Gesellschaft eine junge Anverwandte bei ihr, die durch ihre Ahnenzahl allerdings der Baronesse gleichstand, bei Mangel an Vermögen jedoch nicht selten die Dornen der Abhängigkeit von ihren reichen Verwandten empfinden mußte; darum vermied sie fast ängstlich jede Gelegenheit, die sie zum Gegenstande einer besondern Auszeichnung machte, und vor Allem die Huldigung des Majoratsherrn. Ihr nämlich gehörte in’s Geheim das Herz des jungen Detlev, und seine blonde Base war die Vertraute Beider, die zum Schein annahm, was Clara allein galt. Denn hätte der Baron von Buch in dieser ein Hemmniß seiner Pläne in Betreff des Grafen Detlev erblickt, so wäre es um Clara’s Bleiben in seinem Hause geschehen gewesen und für Isa selbst eine Erklärung unvermeidlich geworden, die sie so lange als möglich noch vermeiden wollte.

Das Trauerjahr um den verstorbenen Vater nahte seinem Ende und damit der Zeitpunkt, den sich Graf Detlev für seine offne Werbung um Clara’s Hand gesetzt hatte, und womit zugleich seinem Bruder in Betreff Isa’s freie Hand gelassen wurde.

Detlev ahnte zwar mehr dessen Absichten, als daß er darum wußte, denn bei dem Mangel an brüderlichem Einvernehmen zwischen Beiden kam eine solche Herzensangelegenheit nie zur Sprache, und ebendeshalb vermied auch Adolph sorgfältig, mit seinem Bruder gleichzeitig in Rasdorf zu sein.

Graf Detlev war über Land, man wußte nicht wohin; Graf Adolph setzte sich zu Pferde und ritt nach Rasdorf, um vor seiner Abreise nach Kopenhagen, wo er eine Hofstelle bekleiden sollte, Abschied zu nehmen.

„Wo ist der Baron von Buch?“ frug er, im Hofe des Schlosses absteigend.

„Nach dem Vorwerk geritten,“ war die Antwort.

„Und die Baronesse Isa?“

„Mit Sr. gräflichen Gnaden Ihrem Herrn Bruder in’s Holz spaziert,“ sagte der alte Kammerdiener, wobei Hans Björne boshaft lächelte.

[52] Graf Adolph trat mit finsterer Wolke auf der Stirn in das gastliche Haus und harrte lange in peinlicher Spannung, das Fenster nicht verlassend, der Rückkehr Beider.

Graf Detlev hatte diesen Spaziergang benutzt, um seiner Base die herannahende Entscheidung mitzutheilen, die ja auch für sie eine Freudenbotschaft war, indem sie dann von dem sie mehr und mehr drückenden Schein befreit wurde, den sie bisher Clara zu Liebe getragen hatte. Auch ihre Augen glänzten, und in heitern Scherzen kehrte das schöne Paar nach dem Schlosse zurück, nicht ahnend, daß Graf Adolph von oben mit verbissenem Ingrimm sie Beide so einträchtig die Allee heraufkommen sähe.

„Kommt jetzt mit mir in meinen Wintergarten, mein edler Vetter, da blüht eben eine seltne Blume, die Ihr sehen müßt,“ sagte schelmisch lachend Baroneß Isa und eilte ihm leichten Schrittes auf einer Wendeltreppe voran in das runde Erkerzimmer, welches sie sich zu einer Art Gewächshaus eingerichtet hatte, und wo Clara an dem Lieblingsplatze der jungen Mädchen saß und tief erröthend den „jungen Blumenfreund,“ wie ihn Isa nannte, empfing.

Indessen harrte Graf Adolph, der das Paar bis an die Haupttreppe hatte kommen sehen, vergebens ihres Eintritts; von dem dämonischen Instinct der Eifersucht getrieben, öffnete er die Thür zu der Bibliothek und nahte sich leise der Glasthür, die zu dem Erkerzimmer führte. Und in der That – fast verborgen von einer dichten Gruppe blühender Gewächse, saß eine Frauengestalt, den Rücken nach ihm gewendet, und ihr zur Seite stand Graf Detlev. Den Arm um sie gelegt, beugte er sich in vertraulichem Gespräch zu ihr hinab. Nahe der Thür aber lag Isa’s warmer Ueberwurf und Schleier nachlässig abgeworfen; konnte er da noch zweifeln?

Also auch sie, das einzige Kleinod seines Lebens, sollte er ihm entreißen? Und Isa, deren Neigung er so sicher gewesen war, daß er nie ein bindendes Ja von ihr begehrt hatte, auch sie konnte im entscheidenden Momente den Majoratsherrn seinem weniger bevorzugten Bruder vorziehen? – Schon wollte er die Hand auf die Thürklinke legen, um dem gewaltsam in ihm tobenden Sturme freien Lauf zu lassen; doch die Gewohnheit, rasch seine Empfindungen zu bemeistern und in finsterm Groll zu verschließen, ließ ihn ebenso rasch sein Vorhaben aufgeben. Erdfahlen Angesichts und finsterer als je, schlich er leise hinaus und befahl dem erstaunten Hans Björne, die Pferde unverzüglich zu satteln; er selbst aber ging voraus, den Weg, den er vor kaum einer Stunde gekommen.

Während Graf Detlev mit Clara allein war, hatte sich Isa mit ihren Lieblingsblumen beschäftigt, die an dem Fenster neben der Glasthür so aufgestellt waren, daß Adolph’s Blick nicht dahin fallen konnte. Sie war so glücklich, daß Alles sich so günstig zu gestalten schien, und Graf Detlev, der seinen Bruder noch am Abend über seine Absichten auf Clara unterrichten wollte, sich auch für diesen so freundlich gesinnt gezeigt hatte. Adolph’s plötzliches Verschwinden aber legte sich wie ein kalter Nebel über die eben noch so heiter in die Zukunft blickenden Gemüther; sie wußten nicht genau warum, denn daß er seinen Brnder oft wochenlang mied, war ihnen ja eigentlich nichts Neues.

Auf diesem Ritt war es, wo wir ihm mit Hans Björne in dem herbstlich bunten Walde begegneten. Dem schlauen beobachtenden Diener war Alles, was seinen Herrn betraf, kein Geheimniß, und so hatte er denn auch bald die Ursache entdeckt, die den jungen Grafen Anfangs in so wildem Galopp davon gejagt, als wolle er den Dämonen seiner eignen Brust entfliehn, und ihn dann wieder so düster und in sich versunken kaum den Gang seines Pferdes beachten ließ. Ein Lächeln boshafter Befriedigung verzog den Mund des hinter ihm reitenden Dänen.

„Björne,“ wandte sich Graf Adolph zu ihm, „wir reisen mit dem nächsten Schiffe nach Kopenhagen, mach’ die nöthigen Vorbereitungen dazu.“

„Gräfliche Gnaden wollen noch vor der Hochzeit Ranzau verlassen?“ fragte der Diener, der das Vertrauen seines Herrn genoß, anscheinend gleichgültig.

„Welcher Hochzeit?“ fuhr der junge Mann auf.

„Nun, die Sr. Erlaucht des regierenden Grafen mit der gnädigen Baronesse Isa, wie Jedermann auf Rasdorf meint,“ lautete die Antwort.

„So meint denn Jedermann, daß mein gnädiger Herr Bruder nur die Hand auszustrecken brauche, um zu erhalten, was ihm beliebt?“ lachte bitter Graf Adolph.

„Hm! gnädiger Herr – ich denke, dem Reichsgrafen und Erbherrn von Ranzau wird weder ein Vater die Hand seiner Tochter versagen, noch diese ihn ausschlagen,“ sagte Hans Björne sehr überzeugt.

Ein scharfer Sporenstich traf die Weichen des hochaufbäumenden Pferdes, welches in wildem Laufe mit dem leidenschaftlich erregten Reiter davon stürmte.

„Jetzt hab’ ich Dich auf gutem Wege,“ murmelte triumphirend sein Begleiter, indem er ihm gelassenen Trabes folgte. Geschickt und unmerklich fuhr er fort, das Gift in die Seele des jüngeren Bruders zu träufeln: durch ihn erfuhr dieser, daß in der letzten Zeit häufig Briefe des Grafen Detlev an Baronesse Isa abgeschickt worden seien, die freilich nur durch ihre Hand an Clara gegangen waren; ja Hans Björne hatte sich sogar ein leeres Briefcouvert zu verschaffen gewußt, welches die Adresse des älteren Grafen von Isa’s Hand trug.

In finsterem Groll verweigerte Adolph, seinen Bruder zu sehen, und rüstete sich zur Abreise; als sich endlich Beide doch einmal begegneten, sprach Haß aus seinen Blicken, und gleich seine ersten Worte waren so bitter und verletzend, daß die Zornesader auf Graf Detlev’s Stirn mächtig schwoll; war er sich doch keiner Schuld bewußt.

„Ich will Dir nicht antworten, wie Du es verdienst, weil ich nicht vergessen will, daß Du mein Bruder bist!“ sagte Detlev, sich wegen der anwesenden Diener gewaltsam zusammennehmend, und ihm dann stolz den Rücken wendend, verließ er die Halle.

„Bei Gott! aber ich hätte Lust, es zu vergessen – und zu Ende kommen muß es zwischen uns!“ rief ihm, die Hand an den Degen legend, in gewaltsam hervorbrechendem Groll der durch Eifersucht Verblendete nach, indem auch er der Thüre zuschritt.

Die anwesenden Diener wagten nicht aufzusehen, aber der alte Peter Claß, der die beiden Brüder noch als Kinder auf seinen Armen getragen, trat ihm rasch in den Weg und sagte leise mit bebender Stimme: „Gräfliche Gnaden – auch ich war an dem Sterbebette Ihres hochseligen Vaters und hörte Ihren Eid.“

Heftig wandte sich Graf Adolph, aber als er die gebückte Gestalt des eisgrauen Dieners sah, der ihm trotz seiner demüthigen Haltung so fest und durchdringend in’s Auge blickte, da trat auch jene ergreifende Abschiedsscene plötzlich wieder vor seinen Geist, und in fast mildem Tone sagte er: „Ich danke Dir, Du treue Seele!“ Dann stieg er zu Pferde, um nach dem benachbarten Städtchen Pinneberg zu reiten und dort den neuen Amtmann, d. h. die höchste Gerichtsperson zu besuchen, mit welchem er sehr befreundet war. Hans Björne, voll innern Grimmes über den alten Peter, folgte wie gewöhnlich; aber er sollte dessen versöhnenden Einfluß bald noch mehr empfinden, als ihm sein Herr bei einigen gegen Graf Detlev gezielten Worten gebieterisch zu schweigen befahl.

„Ich fange an zu glauben, daß ich Dich schon viel zu sehr angehört habe,“ fügte er hinzu.

„Steht es so? –Dann darf ich nicht länger zögern,“ murmelte darauf der Diener und verfiel in tiefes Sinnen.

Hätte Graf Adolph nur seinem ersten bessern Gefühle Raum gegeben und nicht falschem Stolz, er wäre nicht nach Pinneberg geritten, ohne sich vorher mit seinem Bruder zu versöhnen, und damit wäre der ungerechte Argwohn und Groll, der ihn neuerlich wieder so gegen ihn aufgereizt hatte, in Nichts zerflossen. – „Nach meiner Rückkehr!“ dachte er.

Was lange stille Absicht gewesen, war mittlerweile als offner Plan an das Licht getreten, und die Vereinigung der beiden Herzogthümer mit Dänemark war von Christian V. mit großem Eifer betrieben worden, bis ihr endlich der Vertrag von Altona 1689 ein Ziel gesetzt hatte. Aber dies Bestreben hatte den ersten Grund zu der Entfremdung der Gemüther und zu nationaler Spaltung gelegt, die jetzt in so trauriger Progression fortgewuchert hat.

Damals schon, wie jetzt, gab es deutsch und dänisch Gesinnte; zu Ersteren gehörte der Reichsgraf von Ranzau, der deshalb bei dem königl. Amtmann von Pinneberg nicht sonderlich beliebt war, wogegen Graf Adolph dessen Gesammtstaatsideen theilte und ein häufiger, gern gesehener Gast seines Hauses war.

Was Wunder, wenn unter solchen Einflüssen die versöhnlichere Stimmung des jüngeren Bruders allmählich wieder in den Hintergrund trat!


[53]
Ein edles Wild.

„Einen Zweiunddreißig-Ender?“ frug zweifelnd, aber doch mit all dem bereits angeregten Interesse eines leidenschaftlichen Jägers Graf Detlev den vor ihm stehenden Hans Björne.

„Gewiß, gräfliche Gnaden,“ entgegnete dieser zuversichtlich. „Als ich mit dem Herrn Grafen von Pinneberg zurückritt, spürte Hector’s feine Nase das Wild auf; ich drang ihm nach durch das Dickicht, und als das aufgescheuchte Thier über die Lichtung im Forst setzte, konnte ich deutlich sein herrliches Geweih sehen. Das prächtigste, was mir noch vorgekommen! Euer Gnaden besitzen noch kein solches!“

Es war die erste Jagd, die Graf Detlev seit dem Antritt seiner Regierung abhielt, und Boten flogen nach allen Richtungen, um die edlen Gäste dazu einzuladen; im Schlosse wurden die nöthigen Vorbereitungen gemacht, und heiteres Leben erfüllte nach langer Zeit wieder Hof und Hallen.

Graf Adolph hatte seinen Bruder um die Erlaubniß bitten lassen, von der Partie zu sein, das war sein ganzer Versöhnungsschritt gewesen.

Mit dem ersten Tagesgrauen des 10. Novembers stand der stattliche Jagdzug gerüstet vor den Stufen der Haupttreppe, auf welcher nach jener heftigen Scene, wo sich Graf Adolph vergessen hatte, die Hand an den Degen zu legen, die beiden Bruder sich zum ersten Male wieder begegneten. Graf Detlev war in bester Stimmung, voll frischer Lebenslust und Kraft; er ertheilte dem treuen Peter eben noch einige Anweisungen.

War es der Anblick des alten Dieners, der ihn mahnte, aber getrieben von einem plötzlichen Gefühl trat er zu dem Bruder: „Guten Morgen, Detlev!“ sagte er, „es thut mir leid, daß ich mich letzthin von meiner Heftigkeit habe hinreißen lassen. Hier ist meine Hand – wir wollen Friede machen!“

Detlev schlug ein in die dargebotene Rechte und schüttelte sie mit den Worten: „Von Herzen gern! Komm heute Abend zu mir, ich habe gute Botschaft für Dich von Rasdorf,“ sagte er lächelnd. Damit schwang er sich auf das ungeduldig scharrende Roß, und als die Morgensonne kaum die Wipfel des bunten Buchenwaldes vergoldete, vertheilten sich die Jäger in demselben, Hans Björne’s Anordnungen folgend, der allein den Lagerplatz des Thieres kannte. Einen weiten Kreis mußten sie um denselben bilden, so daß Keiner den Andern sehen konnte. Den beiden Brüdern wies er einen Kreuzweg an, der durch den dichten Forst und nach einem kleinen See zuführte, er selbst aber verschwand mit dem ungeduldig an der Leine zerrenden Hector in das dichte Unterholz. Das Signal ertönte und bald zeigte sich, ruhig und stolz nach den unberufenen Störern umherschauend, das schöne Thier am Rande des Waldes, um ebenso rasch vor den nun losgelassenen Hunden zu verschwinden.

[78] „Halloh!“ rief Graf Detlev und sprengte vollen Laufes davon; ihm folgte zunächst sein Bruder, der am obern Ende des Kreuzweges postirt war, und „Halloh“ rief vor ihnen Hans Björne. Die weit verstreuten Jäger folgten, so rasch sie konnten, und drangen von verschiedenen Seiten in den Wald. Mehrere Schüsse fielen fast zu gleicher Zeit; der Hirsch aber, nur leicht gestreift, brach plötzlich nach dem See zu hervor, und ihm folgte, einer der Ersten, Graf Adolph, und mehr seitwärts aus dem Dickicht kommend, Hans Björne, geisterbleichen Angesichts, aber weiterstürmend, der übrigen wilden Jagd nach.

Wo aber war Graf Detlev? Unter einer mächtigen Buche des Waldes, auf schwellendem Moose lag er in tiefer Todesohnmacht, indeß Welle auf Welle des purpurrothen Lebensstroms dem Herzen des edlen jungen Mannes entquoll.

„Das war Hans Björne’s Kugel! “ flüsterten die erblassenden Lippen. „O Clara – Clara!“ und damit schlossen sie sich auf ewig.

Der Morgenwind rauschte in den Zweigen, und die bunten Blätter fielen hernieder, leise, leise, und deckten ihn zu, indeß die Waldtaube ihr melancholisches Gurren zum Schlaflied anstimmte.

Durchbohrt von tödtlichen Kugeln hatte der schwimmende Hirsch [79] nur mit höchster Anstrengung das andere Ufer erreicht; dort rastete er einen Augenblick, bis die um den kleinen See herumjagende Schaar der Reiter und Hunde ihn zu neuer, verzweifelter Anstrengung aufstachelte. Aber seine Kräfte waren bald erschöpft, und lustige Fanfaren verkündeten das Halali.

„Wo ist aber Se. Erlaucht!“ frug, voll Besorgniß um sich blickend, der Reitknecht des Grafen Detlev zu Hans Björne gewendet, der ihn beim Beginn der Jagd von seinem Herrn zu entfernen gewußt hatte. „Weiß ich’s?“ entgegnete übermüthig der Däne, den Kopf abwendend, „frag’ dort den Grafen Adolph, der muß es wissen, er war ja zuletzt mit ihm drinnen im Wald.“

„Mein Bruder?“ frug dieser, im Kreis umhersehend. „Wahrhaftig, er fehlt! Rasch zurück, sein Pferd ist vielleicht gestürzt,“ und mit diesen Worten wandte er das seine. Gefolgt von der Mehrzahl der Anwesenden gewahrte er nicht, daß Hans Björne einen Pfad einschlug, der nach der entgegengesetzten Seite führte. Der treue Hector aber folgte ihm nicht, sondern hatte bald die Spur seines Herrn entdeckt, und mit einem Schrei höchsten Entsetzens kniete Graf Adolph an der Seite seines entseelten Bruders.

Alle waren wie gelähmt vor Schreck, und manches Auge wurde feucht; denn der Todte war seiner einfachen Herzensgüte, wie seines heitern, männlich festen Sinnes wegen geliebt; mancher Blick aber auch wandte sich von dem Bruder scheu zu Boden, wie vor einem entsetzlichen Gedanken. Ein Weheruf aber durchhallte das ganze Schloß, wie Stadt und Land, als am Nachmittag der Trauerzug anlangte, und kein Wort herzlicher Theilnahme für den Schmerz des Bruders begrüßte den nunmehrigen regierenden Grafen Adolph, der finster und gebeugt der Bahre folgte und sich bis zu der feierlichen Beisetzung der Leiche in seine Gemächer verschloß.

Hans Björne aber erschien nicht wieder auf Schloß Ranzau. Er war nach Kopenhagen geeilt, und bald verbreitete sich von dort aus als offene Kunde, was man sich in Holstein nur noch in’s Geheim zuflüsterte: der Graf Adolph habe seinen von ihm gehaßten Bruder auf der Jagd erschossen, und König Christian trage darum Leid wie nur ein rechter Bruder es könne.


Gastfreundschaft.

Wieder waren Jahre seit diesem Unglückstag verflossen, und der Letzte jener sieben Söhne, die einst das stolze Grafenhaus belebt hatten, schaltete darin als Gebieter. Die Macht und Ehre, die man ihn als Kind schon gelehrt hatte zu beneiden, ruhte jetzt wirklich auf ihm; aber wahren Genuß hatte er nicht davon, und die Consequenzen jenes unaufgeklärt gebliebenen Unglücksfalles drückten ihn trotz seiner Schuldlosigkeit schwer zu Boden. Die öffentliche Meinung hatte ihn, eingedenk des steten Unfriedens, in dem er mit seinem Bruder stand, verurtheilt, und seine fast völlige Isolirung war die empfindliche Folge davon. Was half ihm jetzt der Welt gegenüber das Bewußtsein, daß sein letzter Handschlag in aufrichtiger Absicht gegeben worden sei? was seine Reue über den jahrelang genährten Groll? Wohl hatte er aus den vorgefundenen Briefen Clara’s ersehen, wie sehr er sich über Detlev’s Verhältniß zu Isa getäuscht hatte; aber Isa, obgleich sie nicht an ihm gezweifelt hatte, war darum doch für ihn verloren, dazu kannte er den alten Baron, ihren Vater, zu gut.

Als deutschen Reichsgrafen konnte freilich der König von Dänemark den Grafen Ranzau nicht verhaften lassen, so lange derselbe auf seinem eigenen Grund und Boden blieb; aber daß Christian V., der von des Grafen Schuld so fest überzeugt schien, ihn nicht bei dem deutschen Reichsgericht in Wetzlar verklagte, nahm doch Viele Wunder.

So hatte sich denn Graf Adolph wohl gehütet, das umfangreiche Gebiet seiner Grafschaft zu überschreiten; aber diese nothwendige Beschränkung ward doch mit der Zeit dem souveränen Grafen immer drückender.

Wie gesagt, Jahre waren dahin gegangen und hatten ihren verhüllenden Schleier auch über jene unheimliche That gebreitet. Sie schien vergessen, und einzelne Gäste aus der Ritterschaft fanden sich wieder auf Schloß Ranzau ein. Unter die Wenigen jedoch, die dort nie ganz fremd geworden waren, gehörte auch der Amtmann von Pinneberg, zu dem Graf Adolph eine besondere Zuneigung hegte, die Jener immermehr zur Freundschaft zu gestalten beflissen war.

„Wenn nur dieser verwünschte Bann nicht auf mir läge, ich nähme ja sehr gern Eure Einladung an,“ sagte einst unmuthig der junge Graf beim Abschiede zu dem Amtmann, „denn wahrlich, ich habe dies Einsiedlerleben satt!“

Dieser aber lachte über diese thörichten Bedenken. „Ueber das Alles ist ja schon längst Gras gewachsen,“ sagte er, „vergessen es Eure Gnaden daher auch! – Also – wir rechnen auf des Herrn Grafen Gegenwart?“ – Und in der That machte sich an einem hellen Sommertage des Jahres 1722 der Graf Adolph auf, um der drückenden Einsamkeit seines Vaterhauses zu entfliehen. War nicht der Amtmann sein Freund und Kopenhagen weit? Was wagte er also?

In dem stattlichen, gastfreien Hause, welches das Ziel des Reichsgrafen war, hatten sich jedoch schon vor seinem Eintreffen mehrere Gäste eingefunden; aber sie zeigten sich nur nicht alle, im Gegentheil verbargen sie sich sorgfältig vor den Blicken der vornehmen Gesellschaft, der sie augenscheinlich nicht angehörten. Jene bestand zumeist aus Dänen, die eben aus der Hauptstadt kamen, oder doch solchen Deutschen, die durch ihre Sympathien dorthin gehörten. Mit jedem neuen Toaste wurde die Stimmung fröhlicher und lauter, und Graf Adolph gab sich mit vollem Behagen dem so lang entbehrten Genuß der Geselligkeit hin.

Eben begann der Champagner zu kreisen, da öffneten sich die Flügelthüren des Speisezimmer, und zu beiden Seiten des Eingangs stellten sich dänische Polizeibeamte auf; zwei in schwarze Amtstracht gekleidete Gerichtspersonen traten ein und schritten auf den erblaßten Grafen Adolph zu. „Im Namen Seiner Majestät des Königs Friedrich IV. verhafte ich Seine Erlaucht den Reichsgrafen von und zu Ranzau,“ sagte feierlich der ältere von Beiden, indeß der andere dem verwirrten, aber doch den Ueberraschten spielenden Hausherrn den Verhaftsbefehl vorzeigte.

Einen Blick tiefster Verachtung warf der Gefangene auf seinen Wirth. „Das ist Euch gut gelungen, wahrlich! ein Pröbchen dänischer Treue zum Dessert für Euren Freund!“ sagte er mit schneidender Bitterkeit und folgte in stolzer Haltung den Gerichtspersonen zu dem harrenden Wagen, dessen Escorte die Polizeimänner bildeten, die dazu eigens von Kopenhagen herübergekommen waren.


Numero Sieben.

Nahe der Küste, deren Granitfelsen unaufhörlich von den unruhigen Wogen der Nordsee gepeitscht werden, umbraust von den scharfen Nordwestwinden dieses Meeres und den größten Theil des Jahres in kalte Nebel gehüllt, liegen die grauen, feuchten Mauern des Schlosses Aggerhuus in Norwegen. Wer durch die schwere Eisenpforte desselben eintritt, läßt seine Vergangenheit wie seine Erdenhoffnung hinter sich; er ist namenlos – nur noch eine bloße Zahl in der Reihe seiner Leidensgefährten; – eine Nummer, die, auf das grobe Kleid des Sträflings geheftet, jeden Standes- und Bildungsunterschied zwischen dem zuletzt Angekommenen, dem Grafen Adolph Ranzau, und dem gemeinen Raubmörder auslöschte.– Nach einer kurzen, nur zum Scheine geführten Untersuchung war der listig in die Falle gelockte Reichsgraf auf königlichen Befehl lebenslänglich in die enge Zelle eines Gefängnisses eingekerkert worden.

Wenige Tage nach dem Verschwinden des Majoratsherrn, als kaum die Kunde sich verbreitete, legten königlich dänische Beamte kraft der Vollmacht, die ihnen von dem nunmehr erbberechtigten Sohne des Adoptivbruders ausgestellt worden war, Beschlag auf die Herrschaft und organisirten die gesonderte Verwaltung derselben, wie sie noch heutzutage zum Besten der königlichen Schatulle fortbesteht. Das deutsche Reich hatte mit seinen inneren und äußern Händeln ohnehin genug zu thun. Von der Seite also war keine kräftige Opposition zu befürchten, und das fait accompli der Besitznahme der Grafschaft Ranzau durch den 1722 regierenden Friedrich IV. ward mit dem Protest der übrigen erbberechtigten Agnaten zu den Acten gelegt.

Der Kerkermeister von Aggerhuus hatte schon mehr als einen der namenlosen Sträflinge, deren Erscheinung trotz des entehrenden, groben Tuches, was sie kleidete, ihre einstige höhere Lebensstellung verrieth, in die feuchten Zellen verschwinden lassen, deren Beaufsichtigung ihm oblag. Auch ein Blick auf den Grafen Adolph würde ihm genügt haben, wenn nicht die Strenge seiner isolirten Haft ihm das besondere Interesse bewiesen hätte, welches an seiner Bewahrung liegen mußte. –

[80] In dem alten runden Thurme, nahe dem Meere, dessen Felsklippen zur Zeit der Fluth von den Wellen bedeckt wurden, deren weißer Schaum hoch hinan bis an die eng vergitterten Fenster emporspritzte, saß der gefangene Reichsgraf auf der hölzernen Pritsche, die ihm zur Lagerstätte diente; vor ihm an die Mauer befestigt stand ein kleiner grobgezimmerter Tisch; seinen Arm darauf gelehnt, stützte die weiße, abgemagerte Hand sein blondes, jetzt kurzgeschornes Haupt. Tiefe Dunkelheit erfüllte den ungesunden Raum, von dessen Wänden die Feuchtigkeit herniedertropfte. Mit brennender, fieberhafter Röthe auf den bleichen Wangen, starrte der junge Mann unbeweglich nach dem Fenster und horchte dem Brausen der Fluth unter ihm. – Endlich brach durch das vom Sturme zerrissene Gewölk der Mond auf Augenblicke hervor, und wie von einem elektrischen Schlage berührt, erhob sich die hagere Gestalt; das Auge glühte in seinen tiefen Höhlen; mächtige Erregung schien seine Muskeln mit neuer Kraft zu stählen, und seine Brust erhob sich in dem Wonnegedanken: Frei! Er zog eine scharfe Feile aus ihrem Versteck hervor und setzte sie an das letzte noch zu durchschneidende Gitter des Fensters.

Die Stelle eines Kerkermeisters auf Aggerhuus war ein hartes Stücklein Brod, und keiner der Vorgänger des jetzigen hatte es lange genossen, wenn seine Natur nicht dem Felsen glich, auf welchem dies traurige Gefängniß am Meere lag. Schon hatte er sein Weib dahinsterben sehen, und sein einziges Kind schien ihrer Mutter folgen zu sollen. Ihm zur Liebe war er endlich bereit gewesen, dem Grafen zu seiner Befreiung behülflich zu sein, und hatte ein Schreiben für ihn vermittelt, welches ihm die nöthige Summe zur Flucht nach England verschaffte. Das Mädchen brachte der Vater einstweilen an den Strand zu Christen Sturen, dem besten Seemann der Küste, der es, wie er vorgab, bei erster Gelegenheit mit nach Kopenhagen nehmen wolle.

An eben jenem Abend lag ein englischer Kauffahrer ein Paar Seemeilen weit vor Anker, und Christen Sturen ging, trotz Sturm und Wellen, sein Boot zu laden, um in See zu gehen.

„Du wirst doch nicht so thöricht sein, bei so finsterer Nacht und steifem Nordwest einen Tanz mit den Wellen zu machen?“ rief ihm ein alter „Seebär“ zu, der unter der Thür seiner Hütte einen Pfeifenstummel zwischen den Zähnen hielt. „Hilft nichts, Vater!“ lachte Christen, „der Engländer muß seine Ladung trockner Fische bis morgen früh haben. Wird auch bald wohl ein bissel mondhell werden, denk’ ich!“ und damit schritt der wetterfeste Schiffer dem Strande zu, wo die Ebbe eben einzutreten begann.

In dem Boote lag wohlverhüllt die Tochter des Kerkermeisters, und er selbst stand schon harrend am Strande.

„Alles in Ordnung?“ rief ihm Christen entgegen. „Will’s hoffen!“ war die Antwort, und der Schiffer schlug die Arme übereinander, wie Jemand, der bereit ist zu harren, indeß der Andere gespannt nach dem nur dann und wann in festen Umrissen hervortretenden Thurme hinübersah. Da leuchtete hinter dem Fenster von „Numero Sieben“ ein rasch wieder verlöschendes Licht auf.

„Gott helfe ihm!“ murmelte der gutmüthige Christen, und das Herz des Kerkermeisters schlug rascher: hing ja doch von der Freiheit des Gefangenen, der eben das eiserne Gitter seines Fensters aushob, sein und seines Kindes Wohl ab.

Die Fluth hatte sich eben erst von den ausgespülten Klippen unter dem Thurme zurückgezogen, was die einzige Möglichkeit bot, nach dem Strande zu gelangen; schon schwebte der Flüchtling auf halber Höhe der schwanken Strickleiter und gelangte mit jeder neuen Sprosse, die sein Fuß prüfend erreichte, der Freiheit näher; da plötzlich – ein lauter Schmerzenslaut verhallte in dem Brausen von Wind und Wellen: das oben an dem Eisen des Fensters befestigte Ende der Strickleiter hatte sich gelöst, und der Unglückliche lag mit gebrochenem Hüftknochen am Boden. – Nur wenig hundert Schritte weit lag das rettende Boot, aber durch keine übermenschliche Kraftanstrengung vermochte er sich über das scharfe, ausgespülte Gestein fortzuschleppen und blieb endlich in ohnmächtiger Erstarrung liegen.

„Geht doch und schaut, woran’s liegt,“ mahnte wiederholt Sturen, „denn ausgeflogen ist der Vogel doch nun einmal, dem Signal nach; oder laßt mich mit Euch gehen; ist ihm etwas passirt, so nehme ich ihn auf die Schultern. Ich sage Euch, wir müssen fort, denn kommt erst die Fluth wieder, so erreichen wir bei dem Winde den Engländer nimmer zur rechten Zeit.“

„Der Mond ist zu hell, laßt uns warten! Gehen wir jetzt über die offne Düne nach dem Thurm, so kann uns leicht die Schildwache oben bemerken, und bis wir den Gefangenen gefunden und fortgebracht haben, ist uns der Rückweg abgeschnitten. Verdammte Geschichte das! – Habe nichts weiter für mich in Händen, als den Brief da, nach Holstein; das Geld soll der Engländer draußen haben!“ sagte der Kerkermeister.

„So laßt mich allein gehn, Ihr eigennütziger Gesell!“ brummte der mitleidige Sturen.

Der Umstand, daß der Gefangenwärter an diesem Abend gar nicht heimgekehrt war, hatte unter der Besatzung des Schlosses Verwunderung erregt, und der Corporal hatte einigen Argwohn und schauete oft und scharf nach dem Strand hinab, wo er mehrere Gestalten bemerkt zu haben glaubte. Er that dies auch gerade im Augenblick, wo Christen Sturen nach dem sogenannten Wasserthurme abbog.

„Wer da? Antwort oder ich gebe Feuer!“ – Rasch sprang der brave Schiffer mit ein paar mächtigen Sätzen zurück und warf sich auf den Sand, so daß die Kugel über ihn hinweg flog; eine Patrouille ward hinab beordert, aber schon wenig Minuten später tanzte das Boot mit den beiden Männern auf den Wellen, und mit ihm schwand jede Hoffnung auf Erlösung des unglücklichen Grafen Adolph.

Er hatte, durch den Gefangenwärter mit Schreibmaterial versehen, auf alle Fälle vor seiner Flucht einige Anordnungen getroffen, die durch des ehrlichen Christen’s Hände seinen Anverwandten die erste genauere Kunde von seinem Schicksal und der trauernden Isa ein letztes Lebenszeichen brachten. Ihr war auch die Sorge für die Tochter des nach England entkommenen Gefangenwärters empfohlen, und sie behielt dieselbe bei sich. Konnte sie doch mit ihr von dem einzigen Punkte, der auf der weiten, schönen Erde für sie noch Interesse hatte, reden – von dem meerumbrausten Felsen der Nordsee, und das Mädchen, das einst neugierig bei der Ankunft des Grafen gelauscht, mußte ihr immer wieder jede traurige Einzelheit davon erzählen.

Clara hatte sich in eines der großen Fräuleinstifte von Holstein zurückgezogen, wo sie, wie so viele ihrer einsamen Gefährtinnen, in Erinnerung und den Blick auf die Hoffnungen des Jenseits gerichtet, der Gegenwart nur in soweit lebte, als sie ihr Gelegenheit bot, Thränen zu trocknen und Leid zu mildern. Dorthin folgte ihr die durch gleiche Trauer mit ihr verbundene Freundin Isa nach dem Tode ihres Vaters.

Die große Familiengruft der Grafen von Ranzau-Breitenburg, der nächsten Agnaten der nunmehr erloschenen Hauptlinie jenes Namens, war an einem trüben Märztag um die Mitte des vorigen Jahrhunderts durch Fackeln erhellt, die eine seltsame Scene beleuchteten. Unter den reich mit Silber beschlagenen Särgen, die hier seit Decennien aufgeschichtet standen, befanden sich auch zwei ganz von starkem Silberblech: sie enthielten die sterblichen Ueberreste der Grafen Detlev, Vater und Sohn, und ein dritter war eben von der kunstfertigen Hand des Meister Martin in Preetz geliefert worden.

Er sollte einen andern aus grob gezimmerten Bretern umschließen, der geöffnet daneben stand. Lautlos, in stillem Gebet, umgaben ihn die anwesenden Männer entblößten Hauptes und schauten mit tiefer Bewegung auf die irdische Hülle Dessen, der darin nach dreizehn langen Jahren das Ziel schwerer Leiden gefunden hatte. In dem groben Anzug des Sträflings, den eisernen Ring um Hand und Fuß, lag der zum Skelet ausgetrocknete Körper vor ihnen.

Auf einen Wink des Grafen machte sich der anwesende Chirurg an sein Werk und sagte dann: „Kein Zweifel, gräfliche Gnaden, hier ist der schlechtgeheilte Schenkelbruch, den der selige Herr bei seinem Fluchtversuch von Aggerhuus erlitten hat.“

Der anwesende Geistliche sprach den Segen, und die silberne Hülle mit dem Wappen des Hauses empfing den letzten der sieben blühenden Söhne des Grafen Detlev Ranzau.

Alles, was die Familie endlich erlangt hatte, war – die Herausgabe seiner Leiche. Vergebens waren ihre Klagen bei Kaiser und Reich verhallt. Zwar hatte Karl VI. die Entfernung der dänischen Besatzung von den Schlössern der Grafschaft decretirt, aber ohne dem Befehl weiteren Nachdruck zu verleihen, als dies nicht geschah.

Und als endlich gar die Sterbeglocken des lebensmatten deutschen Reiches läuteten, waren es zugleich die der rechtlichen Ansprüche zur Wiedererlangung der großen Familiengüter in Holstein, Schleswig und Jütland, die zu der Grafschaft gehörten, und deren Revenüen noch heute nach der Hauptstadt Dänemarks wandern.

  1. Die Donationsurkunde existirt noch heut zu Tage.