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Eine Schauspielerin auf der Reise

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Titel: Eine Schauspielerin auf der Reise
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 707
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[707] Eine Schauspielerin auf der Reise. Fräulein B. vom Theatre Français in Paris machte eine Reise in die Provinz, um dort einige Gastrollen zu geben. In einer kleinen Stadt in Burgund wurde gehalten, um zu Mittag zu essen; sie wollte sich aber nicht lange aufhalten, um noch vor der Nacht an den Ort ihrer Bestimmung zu kommen. Kaum war sie in der „blauen Glocke“ abgestiegen, als ein Gensd’arm die Reisende um ihren Paß ersuchte.

Fräulein B. war unüberlegt und übermüthig, sie glaubte dergleichen nicht nöthig zu haben, sie lächelte stolz und sagte mit würdevollem Tone:

„Sie müssen wissen, Gensd’arm, daß solch gewöhnliche Dinge nicht für mich gemacht sind.“

Der Gensd’arm war erstaunt über diese Worte und über das wahrhaft königliche Aussehen derjenigen, welche sie aussprach; er sagte sehr ehrfurchtsvoll: „Es ist möglich, Madame, daß so gewöhnliche Sachen Sie nichts angehen, aber ich habe nun einmal den Befehl des Herrn Bürgermeisters, von jedem Reisenden den Paß zu fordern. Haben Sie daher die Güte, mir wenigstens Ihren Namen zu sagen, damit der Herr Bürgermeister selbst entscheidet, ob Sie ohne Paß reisen können.“

„Nun gut, Gensd’arm, sagen Sie Ihrem Herrn Bürgermeister, daß Phädra hier in der blauen Glocke ist.“

Der Bürgermeister war zufällig ein leidenschaftlicher Theaterfreund, er ahnte sogleich eine Schauspielerin und ließ Fräulein B. bitten, sich zu ihm zu begeben.

Fräulein B. erwartete diese Einladung und froh, ein kleines Abenteuer zu haben, machte sie sich sogleich, von ihrer treuen Zofe begleitet, auf den Weg. Sie kam in dem Augenblick, als sich der Herr Bürgermeister zu Tische setzte. „Sie sind es,“ sagte er zu ihr und lorguettirte sie, „die unter dem Namen Phädra reist?“

„Wenn Sie erlauben,“ sagte ernst die Schauspielerin.

„Sehr gut, und Sie glauben, daß dieser Name einen Paß ersetzt?“

„Wenn dies nicht genügt, so heiße ich auch noch Zaïre, Iphigenie etc., mit einem Wort, ich bin Fräulein B., erste Tragödin am Theatre Français. Ich bin in Chalons erwartet, wo ich einige Gastrollen geben werde.“

Der Bürgermeister rieb die Gläser seiner Brille, und nachdem er Fräulein B. lange betrachtet hatte, sagte er: „Es ist traurig für Sie, Madame, daß ich vergangenes Jahr vierzehn Tage in Paris zubrachte und das Vergnügen hatte, Fräulein B. mehrere Mal zu sehen und zu bewundern, d. h. Madame, daß Ihre List ohne Erfolg ist, und ich gewiß weiß, daß Sie nicht Fräulein B. sind.“

„Das ist zu stark!“ rief Fräulein B. heftig.

„Nein, nein, und hundert Mal nein, Fräulein B. ist vielleicht zehn Jahre jünger als Sie, sie ist viel schöner und, sein Sie nicht ungehalten, blühender als Sie.“

Fräulein B. wurde roth vor Aerger und so hastig gegen den Herrn Bürgermeister, daß dieser genöthigt war, den Gensd’arm zu rufen. Bei dem Anblick ihres Gensd’arms beruhigte sie sich und sagte: „Ich will Ihnen beweisen, daß ich Fräulein B. bin. Geben Sie mir gefälligst eine Viertelstunde, und Sie werden sich von der Wahrheit überzeugen.“

Die Schauspielerin ging in ein Nebenzimmer und nachdem sie nach dem Hotel nach Garderobe geschickt, kleidete sie sich als Iphigenie an. Es war inzwischen dunkel geworden, die Lichter wurden angezündet, die Fenster geschlossen, als Fräulein B. eintrat. Es war nicht mehr die Reisende im Tibetkleide und dem Atlashut, es war die Prinzessin von Aulis mit ihrem Diadem von Gold und Edelsteinen.

Sie trat ein und declamirte die herrlichen Verse von Racine; der Bürgermeister rief voll Erstaunen und ganz entzückt aus: „Jetzt erkenne ich Dich, o göttliche B.! Ja, Sie sind es, Du bist Iphigenie, Phädra und Zaïre, Du bist Alles; ja, Sie können ohne Paß reisen, Sie haben keinen nöthig; wollen Sie, daß ich Sie durch meine Gensd’armen escortiren lasse, große herrliche Tragödin?“

Fräulein B., die im Zuge war, declamirte immer; der Bürgermeister hatte schon lange seinen Racine herbeigeholt und las alle passenden Stellen und Antworten.

Aber plötzlich erhob er sich, er war wie hingerissen, ein dramatischer Dämon hatte sich seiner bemächtigt; er riß das Tischtuch vom Tische, machte sich einen Mantel daraus und nun war er auf der Bühne; er spielte die Rolle des Eriphile.

„Bravo!“ sagte Fräulein B., „bravo, mein bester Herr Bürgermeister, Sie sind gottvoll in dieser Rolle.“

„Sie sind es, o liebenswürdige B.,“ rief der Bürgermeister ganz begeistert, „Sie sind es, welche mir diesen göttlichen Funken eingeflößt hat, Sie machen aus mir einen Künstler. Ich folge von nun an Ihren Schritten, Sie gehen nach Chalons, ich gehe auch hin, und wir spielen mit einander die Tragödien von Racine und von Voltaire.“

Fräulein B. fand den Vorschlag sehr belustigend und ermuthigte den Bürgermeister durch übertriebenes Lob und Schmeicheleien, sie versicherte ihm, er habe ein großes Talent, und brachte es so weit, daß er sich mit ihr in den Wagen setzte und nach Chalons fuhr, wo er sogleich dem Director des dortigen Theatern vorgestellt werden sollte, um am andern Tag mit Fräulein B. in der Rolle des Eriphile aufzutreten.

Gegen Morgen, nachdem der Bürgermeister die ganze Nacht bei kühlem Wetter gefahren war, obgleich immer noch eingehüllt in sein Tischtuch, fühlte er seine Begeisterung gewaltig abnehmen, er überdachte seine Lage und bat Fräulein B., das größte Stillschweigen hierüber zu beobachten und von dem Abenteuer, welches ihn nach Chalons geführt, nichts zu erwähnen. Fräulein B. versprach zu schweigen, und der Bürgermeister kehrte eilig, nachdem er sich seines Tischtuchs entledigt, nach Hause zurück. –